Die Entdeckung des vorliegenden Manuskripts könnte selbst der Stoff für einen Roman sein. Louis-Ferdinand Céline, Antisemit und Rassist und gleichzeitig großer Literat, musste als französischer Kollaborateur und Verfasser etlicher Hetzschriften 1944 beim Vormarsch der Alliierten Paris bei Nacht und Nebel verlassen. Er türmte über Baden-Baden und Sigmaringen nach Dänemark, wo er schon zuvor vorsorglich seine Ersparnisse deponiert hatte. In Kopenhagen lebte er kurze Zeit unerkannt – wurde dann aber verhaftet und kehrte erst sechs Jahre später nach Frankreich zurück.
Die in seiner Wohnung aufgrund der abrupten Flucht hinterlassenen literarischen Arbeiten/Skizzen/Manuskripte, immerhin 6000 Seiten, galten seither als verschollen. Sie tauchten erst vor einigen Jahren wieder auf, wobei ihr Weg bis heute nicht ganz geklärt ist. So jedenfalls konnte sechzig Jahre nach dem Tod des einstigen Skandalautors ein neuer Roman von Louis-Ferdinand Céline erscheinen, der speziell in Frankreich umgehend alle Verkaufsrekorde brach.
In „Krieg“ verarbeitet Céline eigene Erlebnisse aus dem 1. Weltkrieg. Ferdinand, die Hauptperson, wird auf dem Kriegsfeld in der Nähe von Ypern in Flandern schwer verletzt, von einem englischen Soldaten geborgen und in ein kleines nahes Städtchen in ein Lazarett verbracht. Hier, in einer zum Lazarett umfunktionierten Kirche und dessen Umgebung spielt die Handlung des Romans. Ferdinand freundet sich mit Cascade an, einem Soldaten, der sich eine Schusswunde zugefügt hat, um dem Kriegsinferno zu entfliehen. Später wird dieser von seiner Ehefrau denunziert und aufgrund der begangenen Selbstverstümmelung als Deserteur exekutiert.
Das packende an diesem gerade einmal knapp 140seitigem Manuskript ist dessen Sprache, in der Céline seinen „Krieg“ erzählt. Er findet eine beeindruckende und für ihn sehr typische Form zwischen grobschlächtiger Alltagskommunikation, die von einer deutlichen Kriegsverrohung gekennzeichnet ist, und einer ausdrucksstarken Poesie, die hohen literarischen Anspruch erfüllt. Selbst die derben und mit Alpträumen und Schrecken angereicherten Sequenzen lesen sich anschaulich, sind psychologisch klug durchdacht und dramaturgisch hocheffizient umgesetzt. Dadurch erhält der Text eine sehr bildhafte Komponente, als bestünden einzelne Abschnitte aus virtuellen Szenen. Im übertragenen Sinn kein Drehbuch, aber eine Art geschriebener Film.
Die Frivolität seiner Gedanken und Sätze scheint dem Untergangsszenario des Krieges zu entsprechen. In den Sätzen finden entfesselte Ideen ihren Ausdruck, so wenn Céline vom Krieg schreibt, der ihn im Kopf erwischt hat, oder „ … das linke Ohr fest an den Boden geklebt mit Blut, den Mund auch. Zwischen beiden gewaltiger Lärm ...“. Die Schrecken dessen, was sich auf den Schlachtfeldern zuträgt, ist mit genormten Sätzen und regelrechter Grammatik nicht mehr auszudrücken. Beinahe jede Szene erhält bei ihm einen erschütternden Beigeschmack. Die Verzweiflung ist allenthalben zu spüren. Kein Heldentum nirgends.
Gerhard von Breuste
Louis-Ferdinand Céline
„Krieg“
Rowohlt























