Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Michail Bulgakow „Die weiße Garde“

1

Delphine de Vigan „Loyalitäten“

2

August Sander „Meisterwerke“

3

Nino Haratischwili "Die Katze und der General"

4

Daniel Kramer „Bob Dylan - A Year And A Day“

5

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: John Steinbeck „Stürmische Ernte“

6

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Montag 10.12.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Michail Bulgakow „Die weiße Garde“
Die Geburt der Sowjetunion im Jahr 1922, so, wie sie über Jahrzehnte von den Propagandaabteilungen der heute untergegangenen UdSSR verbreitet worden war, ist ein einziger Mythos. Die Gründung des ersten kommunistischen Staates ist das Resultat aus Chaos, Unzulänglichkeiten, Korruption und brutaler Gewalt. Neben den Historikern hat hier besonders die Literatur und speziell Autoren wie Isaak Babel, Iwan Bunin, Boris Sawinkow oder Michail Ossorgin Aufklärung betrieben. Und natürlich Michail Bulgakow. Von ihm liegt nun, in einer neuen Übersetzung von Alexander Nitzberg, sein Debüt-Roman „Die weiße Garde“ vor. Ein explosiver Text, der die Schrecknisse und Absurditäten des Bürgerkriegswinters 1918/19, die Zeit der Oktoberrevolution in Kiew, ins Zentrum des Geschehens rückt.
Bulgakow dokumentiert und kommentiert die damaligen Ereignisse, in dem er ein Tableau an handelnden Personen entwirft, die leidenschaftlich und schicksalhaft miteinander in Beziehung treten und Ausdruck der zerrissenen, in dramatischer Umgestaltung befindlichen Gesellschaft sind.
Zu den Hauptfiguren zählen Mitglieder der Familie Turbin, von denen besonders der Militärarzt Alexej Turbin deutliche autobiographische Züge des Autors besitzt.
Es ist die Zeit, in der die Stadt von deutschen Besatzern regiert wird, die wiederum einen zaristischen General zum Statthalter eingesetzt haben. Das Deutsche Reich erklärte aber, als Resultat des 1. Weltkrieges, Ende des Jahres 1918 die Kapitulation und zog sich ungeordnet aus der Ukraine zurück. Zum Führer einer Gegenbewegung schwang sich Semjon Petljura auf, der eine Armee aus bolschewikischen Truppen, resignierten deutschen Soldaten und tausenden Bauern zusammenstellte, um gegen Kiew, das von wenigen Weißgardisten verteidigt wurde, anzurennen. Als die Übermacht die Stadt eroberte, rächten sich die Angreifer grausam an allen Soldaten und Offizieren, denen sie habhaft werden konnten. Zugleich fanden furchtbare Progrome gegen jüdische Zivilisten statt.
Bulgakows Figuren sind alle tief in die Geschehnisse dieser Zeit involviert. Alles was sie zusammenhält, selbst die unterschiedlichsten Charaktere und auch wenn sie nie in direkten Kontakt treten, sind die „chaotischen Verhältnisse“ dieser revolutionären Situation.
Bulgakow stattete die Turbins und ihre engsten Freunde, die alle Mitglieder der weißgardistischen Freiwilligenarmee sind, mit heroischem Idealismus aus. Doch im Laufe der Erzählung bröckeln aufgrund stark eigennütziger Interessen der Führer dieses Heeres sämtliche Überzeugungen. So stehen die Turbins schnell zwischen den Fronten der Anhänger des untergegangenen Zarentums und der roten Armee. Weltanschauungen und Glaubenssysteme gehen verloren, das eigene Leben ist bedroht, eine Zukunft scheint es nicht zu geben. Die weiße Garde flieht letztendlich vor den Bolschewiken und hinterlässt statt hehren Glaubensbekenntnissen nur eine wüstengleiche, reflektierte Leere.
Bulgakow lässt in diesem Roman immer wieder neue, zum Teil historisch verbriefte Personen auftauchen, um diese kurz darauf, sich ihrem Schicksal teilweise resigniert hinzugeben, wieder im Schlund der Revolution verschwinden zu lassen. Er schildert sarkastisch, mit den Stilmitteln des Expressionismus und einer aufwühlenden Sprache die Geschehnisse innerhalb einer im Belagerungszustand befindlichen Stadt. „Die weiße Garde“ ist aber auch eine Art Vorläufer, des erst Jahrzehnte später zur vollen Entfaltung gebrachten New Journalism, wie ihn Truman Capote, Norman Mailer oder Tom Wolfe als ihr Stilmittel nutzten.
Alexander Nitzberg beschreibt in einem ausführlichem Nachwort den lebenslangen Zweifel Bulgakows an diesem Buch. Mal wollte er die Handlung als Theaterstück herausgeben, dann wieder entschied er sich für die Romanform. Es sind dem Text ebenfalls die Unruhe und die fiebrige Aktualität jener Zeit deutlich anzumerken. Und vielleicht ist es auch diese inhaltlich gelebte Authentizität, die das Buch so besonders macht.
1925 wurden die ersten dreizehn Kapitel in einer sowjetischen Zeitung abgedruckt. Dann ging das Blatt in Konkurs. Zwei Jahre später erschienen zwanzig Kapitel des Romans in einem Pariser Verlag. Erst 1991 wurde durch Zufall die Urfassung des Romans in Moskau gefunden und „Die weiße Garde“ erstmals komplett veröffentlicht.
Jörg Konrad


Michail Bulgakow
„Die weiße Garde“
Galiani-Berlin
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 20.11.2018
Delphine de Vigan „Loyalitäten“
Der 12jährige Theo wird zwischen den geschiedenen Eltern aufgerieben: der Mutter, die voller Hass auf den Vater ist, und dem Vater, der langsam vor die Hunde geht. Er pendelt zwischen diesen Eltern hin und her, versucht sich anzupassen und es allen recht zu machen, gleichzeitig nichts davon nach außen dringen zu lassen. Völlig überfordert beginnt er, sich zwischen den Schulstunden zu betrinken, gemeinsam mit  seinem Freund Mathis. Der schließt sich dem Freund an, will ihm nicht in den Rücken fallen. Einen Freund verrät man nicht. Theo hat niemanden, dem er sich wirklich anvertrauen kann, ohne die Probleme der Eltern zu offenbaren. Seine Lehrerin Helène ahnt zwar, dass er in Not ist, weiß aber auch nicht so recht, wie sie ihm helfen kann. Sie ist diejenige die durch eigene Gewalt-Erfahrungen in der Jugend ein Gespür dafür hat, dass Theo, der freundliche, stille Schüler, Probleme hat, die ihn völlig überfordern. Mathis Mutter Cecile beobachtet voller Misstrauen, dass der Freund ihres Sohnes wohl einen „schlechten Einfluß“ auf ihr Kind hat, ist aber auch zu sehr mit sich beschäftigt um sich weiter zu kümmern. So spinnt sich ein verhängnisvolles Geflecht der Loyalitäten, dem niemand mehr entrinnen kann.
Aus der wechselnden Perspektive von Theo, Mathis, Mathis’ Mutter Cecile und der Lehrerin Helène zeigt Delphine de Vigan in "Loyalitäten", wie diese Loyalitäten das Gerüst unserer Beziehungen zu anderen bilden und damit unser ganzes Leben bestimmen – im Guten wie im Schlechten.
Sie schreibt zu Beginn: „Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten und den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir zuallererst mit uns selbst geschlossen haben, Befehle, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden. Das sind die Gesetze der Kindheit, die in unseren Körpern schlummern, die Werte in deren Namen wir uns aufrecht halten, die Fundamente, die es uns ermöglichen Widerstand zu leisten, unlesbare Grundsätze, die an uns nagen und uns einschließen. Unsere Flügel und unsere Fesseln.“
De Vigan, deren autobiografisch geprägte Bücher in Frankreich schon seit langem auf den Bestseller-Listen stehen und  mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet sind, hat seit „Das Lächeln meiner Mutter“ und „Nach einer wahren Geschichte“ auch bei uns ein Publikum erobert mit ihren Romanen, in denen sie sich intensiv mit der psychischen Gewalt in der Gesellschaft auseinandersetzt, besonders häufig aus der jugendlichen Perspektive. Geprägt durch die eigene, schwierige Jugend und als Mutter zweier Kinder ist sie eine unbestechliche Beobachterin  menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Veränderungen. Es besteht in ihren Augen der zunehmende Zwang, sich anzupassen, keine Fehler zu machen, nichts Falsches zu äußern, keine Schwäche zu zeigen. Das lässt den Einzelnen  hilflos zurück, eine Entwicklung, die besonders für Kinder und Jugendliche in schwierigen persönlichen Verhältnissen in die Katastrophe führen kann.
In fesselnden, schnörkellosen Geschichten zeichnet sie in jedem Satz mit unglaublicher Intensität die Personen und das Geschehen, „Loyalitäten“ ist ihr neuester Roman um einen Jugendlichen – spannend und sehr berührend.
Thyra Kraemer


Delphine de Vigan
„Loyalitäten“
Dumont
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Bilder
Dienstag 13.11.2018
August Sander „Meisterwerke“
August Sander hat mit seinen Porträtaufnahmen, zusammengefasst in dem Mappenwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, Kulturgeschichte geschrieben. Seine Arbeiten, die überwiegend in den Jahren zwischen 1900 und 1950 entstanden, spiegeln auf einzigartige Weise genau jene Zeit wieder. In den Photographien des aus Herdorf in Rheinland-Pfalz stammenden Sohn eines Grubenzimmerhauers finden Persönlichkeit, soziale Stellung und „Zeitgeist“ eine beeindruckende Einheit. Seine Arbeiten sind ästhetische Dokumente und Alltags-Kunst zugleich. Alfred Andersch, der Schweizer Schriftsteller, hat anlässlich einer Ausstellung von Sanders Porträts 1977 im Kunstgewerbemuseum Zürich in der Eröffnungsrede gesagt: „Seine Bilder liefern das Bild eines Volkes, des deutschen, wie es von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zu der Zeit vor dem zweiten gewesen ist. Eine geschichtliche Momentaufnahme also, die beweist, daß es dieses Volk wirklich gegeben hat.“
Der in München ansässige Verlag Schirmer/Mosel hat sich seit seiner Gründung 1974 intensiv mit dem Werk August Sanders beschäftigt und sein Oevre in vielen Publikationen editiert. Der vorliegende Band „Meisterwerke“ enthält 153 Photographien aus der Reihe „Menschen des 20. Jahrhunderts“. In gestochener Qualität kommen diese Arbeiten einer Reise in „graue Vorzeit“ nahe, obwohl einige der Aufnahmen keine 100 Jahre alt sind.
Sander gelingt es, einem Psychologen gleich, unterschiedlichste Physiognomien und damit Charaktere, teilweise unbekannter Menschen, teilweise Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, gegenüberzustellen. So finden sich photographische Porträts zum Beispiel eines Berliner Kohlenträgers (1929), oder einer Proletariermutter (1926), neben einem Abbild der Malerin Marta Hegemann (Die Malerin, 1925) oder dem Komponisten Paul Hindemith (Der Komponist, 1925). Sander wollte Menschenbilder schaffen, die, besonders in nationalsozialistischer Zeit, „ .. all jene berücksichtigen, die im völkischen Denken der Nationalsozialisten keinen Platz mehr haben sollten“ (Gabriele Conrath-Scholl). So ist nicht nur ein Angehöriger der Hitler-Jugend in Szene gesetzt. Zugleich hat Sander auch verfolgte jüdische Bürger photographiert und damit ein detailliertes Abbild der Gesellschaft geliefert.
Sanders Arbeiten gehören zur künstlerischen Avantgarde jener Zeit und haben ihre ausstrahlende Besonderheit bis in die Gegenwart behalten. Man kann in „Meisterwerke“ stundenlang Blättern, dabei in jeder Photographie immer wieder neue Nuancen entdecken. Jede Seite vermittelt einen neuen Charakter, in Ausdruck und Form manchmal ähnlich einem Gemälde. August Sander – großer Künstler und Menschenfreund.
Jörg Konrad

August Sander
„Meisterwerke“
Schirmer Mosel

Abbildungen:

- August Sander, Selbstportrait, 1925 (Tafel 1)

- Schankkellner, 1928 (Tafel 135)

- Kretin, 1924 (Tafel 151)
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 30.10.2018
Nino Haratischwili "Die Katze und der General"
Tschetschenien 1994. Die 18- jährige Nura lebt in einem abgelegenen Dorf im Kaukasus. Seit Jahrhunderten herrschen hier die strengen Regeln der Bergbewohner und ihrer Ahnen. Sie bestimmen den kargen Alltag der Menschen. Doch Nura träumt von einem freien Leben jenseits der Berge und der Enge ihres Tales, einem Leben als Ärztin oder Schauspielerin. Bis eines Tages sowjetische Soldaten in die Schlucht eindringen und das Dorf besetzen.
Das neue Buch von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“, das für den deutschen Buchpreis 2018 nominiert ist, führt tief hinein in die jüngere Geschichte Russlands. Spätestens seit ihrem großen Roman „Das achte Leben“ gilt die vielfach ausgezeichnete Autorin als eine der bedeutendsten Stimmen des Landes, das dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war: Georgien.
Nino Haratischwili wurde 1983 in Tiflis geboren. Mit 20 Jahren ist sie nach Deutschland gegangen und lebt nun in Hamburg. Ihre Bücher schreibt sie auf Deutsch, aber die Geschichte der zerfallenen Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten ist bis heute ihr großes Thema. In ihrem breit angelegten Roman „Die Katze und der General“ geht es um den ersten Tschetschenienkrieg und seine Folgen für die Menschen, die in diesem Krieg Opfer oder Täter waren.
Nino Haratischwili ist eine großartige Geschichtenerzählerin. Sie versteht es, Spannungsbögen aufzubauen, Atmosphärisches spürbar zu machen, Personen lebendig werden zu lassen.
Alexander Orlow, eine der beiden Hauptfiguren des Romans, nimmt als russischer Soldat eher unfreiwillig am Tschetschenienkrieg teil. Er wird als ein sensibler junger Mann geschildert, der Literatur und Kunst liebt und den Krieg hasst. Aber in jenem abgelegenen kaukasischen Tal wird er in ein grausames Verbrechen hineingezogen und macht sich schuldig. 22 Jahre später ist aus Alexander Orlow „Der General“ geworden, einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer der russischen Unterwelt. Nach dem Untergang der Sowjetunion herrschten Anarchie, Korruption und die Gier nach Geld. Der General ist einer der Gewinner des Goldfiebers, ein „Neuer Russe“.
„Die Katze“, eine junge georgische Schauspielerin, ist auf der Suche nach einer besseren Welt nach Berlin gezogen. Doch auch hier ist sie nicht heimisch geworden. Sie fühlt sich zerrissen zwischen dem zivilisierten Westen und dem Osten, „dem dunklen, geheimnisvollen Dschungel“, den zu vermissen sie nie aufgehört hat. Da macht ihr der General ein ungewöhnliches Angebot.
Ohne Angst vor Pathos und leidenschaftlichen Gefühlen stellt sich Nino Haratischwili in ihrem Roman ganz explizit in die Tradition der großen russischen Erzähler und ihrer existentiellen Lebensthemen. Wie Raskolnikow, der Protagonist in Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, kann der General mit seiner Schuld nicht leben. Nach dem Tod seiner Tochter holt ihn sein Gewissen ein, ihn dürstet nach Gerechtigkeit. „Vergiss die Moral, Alexander, vergiss sie“ ruft ihm sein ergebener Gefolgsmann, der unheimliche Shapiro zu. „Vergiss Dostojewski!“ Und seine Frau sagt:“ Du stehst vor mir und erzählst mir irgendwas von Schuld und Sühne…Verzeih mir, aber ich bin nicht solch ein Gutmensch…“ Doch der General lässt sich in seiner Sehnsucht nach Wiedergutmachung nicht von seinem Weg abbringen. Er fühlt sich zugleich als Angeklagter und als Richter und macht Jagd auf die drei Mittäter seines Vergehens, die sich keiner Schuld bewusst sind: „Es war Krieg, verdammte Scheiße!“ In dem von ihm inszenierten tödlichen Spiel um Vergeltung weist er der Katze eine entscheidende Rolle zu, denn sie ähnelt auf verblüffende Weise Nura, der jungen Tschetschenin, die Opfer des Verbrechens wurde.
„Die Katze und der General“ ist ein dramatischer Roman von großer moralischer Wucht, spannend bis zur letzten Seite.
Lilly Munzinger, Gauting

Nino Haratischwili
"Die Katze und der General"
Frankfurter Verlagsanstalt
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 16.10.2018
Daniel Kramer „Bob Dylan - A Year And A Day“
Bilder
Bilder
Bilder
Als Bob Dylan Ende Juli 1965 beim Folk-Festival in Newport statt mit der akustischen mit einer elektrischen Gitarre auftrat und gemeinsam mit der Paul Butterfield Blues Band die Titel „Magie`s Farm“, „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“ sowie die erst eine Woche zuvor erschienene Single „Like A Rolling Stone“ spielte, wurde er vom Publikum gnadenlos ausgepfiffen. Dylan ein Rocker? Seine Fans witterten Verrat! Er wurde als Judas beschimpft.
Ein Gerücht? Oder etwa eine dieser windigen Anekdoten, von denen das Musikbuiseness so reich ist? Zeitzeugen beteuerten später, der überwiegende Teil des Publikums hätte sehr wohl Dylans Wandel vom Folk-Star zum „Rocker“ bereitwillig mit vollzogen. Jedoch missglückte der Auftritt in Newport aufgrund technischer Unzulänglichkeiten. Die Veranstalter hatten mit dem elektrischen Equipment einer Rockband keine Erfahrung. Und so klang das Spiel der Formation einfach nur grausam – von Bob Dylan war überhaupt nichts zu verstehen. Das Publikum quittierte diese Unzulänglichkeit mit Protest und lautstarken Buh-Rufen. Aber was ist letztendlich Dichtung und was ist Wahrheit?
Daniel Kramer, Fotograf und Filmregisseur, war zu jener Zeit häufig mit Dylan unterwegs. Eine Art Haus- und Hoffotograf des Musikers in jener Zeit könnte man sagen. Den legendären Auftritt in Woodstock hat er leider nicht dokumentiert. Jedoch einen Monat später, als Dylan und die Butterfield Blues Band im New Yorker Forest Hill-Stadion vor 14.000 Menschen auftraten, war er zur Stelle und hat den „Shakespeare mit elektrischer Gitarre“ abgelichtet.
Daniel Kramers Arbeiten sind Teil des vor wenigen Wochen im Taschen-Verlag erschienenen Bildbandes „Bob Dylan – A Year And A Day“. Es ist ein Buch, das eine Zeit lebendig werden lässt, deren Wirkung wir bis in unsere heutigen Tage spüren. Folk und Pop und Rock in ihren Gründerjahren, Pionierarbeit sozusagen, festgehalten in wunderbaren, überwiegend schwarz-weiß-Fotografien. Hier zeigt sich Kramer als Zeitzeuge („Nur mit Gitarre und Mundharmonika – ohne Hüftschwünge, ohne betörende kleine Ansprachen, ohne irgendeine der typischen Showbusiness-Attütüden – vermochte Bob ein Publikum zu bannen und in den Griff zu bekommen“), als Psychologe und als Künstler.
Der Prachtband, mit Texten in englischer, deutscher und französischer Sprache von Daniel Kramer selbst verfasst, ist in sechs Kapitel unterteilt. Eines dokumentiert die gemeinsamen Auftritte von Bob Dylan und Joan Baez („Joan war die Königin, und durch sie gewann Bob an Glaubwürdigkeit“), die bis heute mit zu den ganz besonderen Momenten in der Pop-Historie gelten. Andere sind bei Studioaufnahmen von Bob Dylan, während Konzerten, Backstage oder in Cafés entstanden. Es finden sich Aufnahmen mit Johnny Cash, mit dem Dichter Allan Ginsberg, dem Sänger, Gitarristen, Songschreiber und Produzenten Al Kooper und vielen anderen bekannten und heute weniger bekannten Größen am Vorabend der Flower Power Bewegung, die die Folk-Szene spalten sollte. Insgesamt ein großartiges, authentisches Geschichtsbuch, das Lust darauf macht, diese Musik zu hören, eine Zeit in ihrer Entwicklung und Faszination wieder neu zu entdecken.
Jörg Konrad

Daniel Kramer
„Bob Dylan – A Year And A Day“
Taschen
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Dienstag 09.10.2018
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: John Steinbeck „Stürmische Ernte“
John Steinbeck gehört zu jenen Autoren, deren Anliegen literarisch stets klar umrissen ist. Er positioniert sich in seinen Büchern politisch stets eindeutig und erreicht mit seinen Werken ein bis heute ein Millionenpublikum. Dabei gehörte seine Empathie stets den Arbeitern, den sozial Benachteiligten, den Verlierern des „American Way Of Life“. Der 1902 in Kalifornien geborene Steinbeck erhielt für seinen Welterfolg „Früchte des Zorns“ 1940 den Pulitzer-Preis und 1962 den Literatur-Nobelpreis „für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn“.
Stürmische Ernte“ ist nicht der bekannteste Roman des amerikanischen Erzählers deutsch-irischer Abstammung. Aber es ist vielleicht das Buch, in dem sein ambitioniertes Anliegen, Menschen aufzurütteln, ihnen den kämpferischen Weg hin zu Freiheit und Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zu weisen, am deutlichsten wird. Mit beinahe anarchischen Mitteln lässt er Klassenunterschiede aufeinander prallen, schreckt auch vor Agitation und bewaffnetem Kampf nicht zurück.
Handlungsort des Romans ist eine Apfelplantage in Kalifornien, Mitte der 1930er Jahre. Die Farmer wollen den Wanderarbeitern einen Teil des ihnen zustehenden Lohns vorenthalten, worauf die beiden Rebellen Mac und Jim beginnen, einen Streik zu organisieren. Der Spiegel schrieb 1956 in einer Ausgabe: „Unversehens wird die Erzählung zum Handbuch für Agitatoren“. Und nicht nur dieses. Die Handlung lebt von einer entfesselten Gruppendynamik, die der Berufsrevolutionär Mac und der junge Intellektuelle Jim ganz bewusst einsetzen und entsprechend ihrer Persönlichkeit unterschiedlich vorantreiben, selbst auf die Gefahr hin, dass Menschen, egal auf welcher Seite, Schaden nehmen. Selbst vor schwerer Verletzung und Tod schrecken sie nicht zurück, einzig um ihr Ziel, dem Klassenfeind Paroli zu bieten, zu erreichen. Die realistische und packende Schilderung der zum Teil tragischen Geschehnisse im Pflücker-Camp, die kämpferischen Auseinandersetzungen mit einem weit überlegenen Gegner, die Visionen zum Erreichen einer gerechteren Welt sind dabei die dramaturgischen Eckpfeiler des Romans. Steinbecks Sprache ist hart, spröde und unnachgiebig. Sie erinnert in ihrer Dringlichkeit und Klarheit an Ernest Hemingway (in seinen politisch engagierten Romanen) oder auch an Upton Sinclair. Die naturalistischen Schilderungen geben dem Roman eine kämpferische, manchmal bedrohliche Atmosphäre.
Steinbecks Sympathie ist eindeutig auf der Seite der Streikenden. Trotzdem macht er deutlich, dass die Mittel ihres Kampfes, die Beeinflussung auch unpolitischer Kameraden nach moralischen Gesichtspunkten, zu verurteilen sind. Trotzdem scheint dies der einzige Weg, dem Unrecht zu begegnen und für eine gerechtere Welt zu sorgen. Egal wie der Kampf ausgeht.
Jörg Konrad

John Steinbeck
„Stürmische Ernte“
dtv
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.