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Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen LandR...

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Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane

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Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"

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Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“

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Madeleine Bourdouxhe „Auf der Suche nach Marie“

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Montag 11.02.2019
Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"
Zahlreiche Bücher haben in den vergangenen Jahren versucht, die bewegenden Fragen über die Themen Flucht, Exil, Identität und Sprache in Worte und Bilder zu fassen. Das mit dem Prix Concourt du Premier Roman 2017 ausgezeichnete Debüt "Du springst, ich falle" von Maryam Madjidi ist ein ganz besonderes Buch.
1980 geboren, floh sie als 6-jährige mit ihren  Eltern aus dem Iran nach Paris, wo sie nach einigen Umwegen heute wieder lebt.
In drei großen Abschnitten erzählt sie – immer wieder mit Zeitsprüngen und Einschüben von Ereignissen – von ihrer Suche nach Identität.
Da ist zunächst das kleine Mädchen, das mitten in die Studentenrevolte 1980 in Teheran hineingeboren wird. Ihre Eltern erleben brutale Gewalt, der Bruder der Mutter kommt ins Gefängnis, ein anderer, geliebter Onkel wird im Gefängnis erschossen. Einzig die Geborgenheit bei der Großmutter, die für sie zeitlebens eine liebevolle und prägende Person bleiben wird, gibt dem kleinen Mädchen das Erleben von glücklicher Kindheit. Die Gerüche der Speisen, welche die Großmutter liebevoll zubereitet, ihre Stimme, die Geräusche des vertrauten Hauses, der Schutz dort vor dem Lärm der Welt ist die prägende Erinnerung, die sich in ihrem Buch wie ein roter Faden durchzieht.
Als die Eltern sich schließlich zur Flucht entscheiden, muss das Mädchen alle Spielsachen an die Nachbarskinder verschenken – ein traumatisches Erlebnis, dessen Hintergrund es nicht verstehen kann. Alles Erlebte versucht sie deshalb in kleine Geschichten zu packen, die sich zu ihrer ganz eigenen Fantasiewelt zusammenfügen, in die sie sich zurückziehen kann. All dies ist es, was Madjidi aus der Sicht des Kindes erzählt, daneben stehen kurze Berichte über die schockierenden politischen Geschehnisse, die zur Flucht der Familie führen.
In Paris angekommen, ekelt sich das kleine Mädchen vor der Fremdheit der primitiven Unterkunft und dem Geruch des ungewohnten Essens, die Niedergeschlagenheit der Eltern macht ihm Angst. Nur eine kleine Iranerin, die auch im Haus eingezogen ist, holt sie aus ihrer Verzweiflung, wird ihre fröhliche Freundin.
Als sie in der Schule Französisch lernt, gewinnt sie etwas Zugang zu ihrer neuen Umgebung, aber die Eltern, besonders der Vater, dringen darauf, dass sie auch weiter Persisch lernen soll. Nach und nach aber wird diese Muttersprache für sie der Inbegriff aller schlechten Ereignisse und Erinnerungen, Französisch jedoch öffnet ihr das Tor zum Leben in der neuen fremden Heimat und steht für eine Zukunft in Sicherheit. Aber damit beginnt auch die Entfremdung zum Vater, dessen Identität besonders durch seine Sprache Ausdruck findet. Mit Französisch kommt er schlecht zurecht, die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat macht es ihm schwer, sich darauf einzulassen. Mit scheuer Distanz beschreibt die Tochter seine Hände, die sich im Exil immer mehr den Tätigkeiten anpassen, die er übernimmt, um überleben zu können.
Maryam wird eine gute Schülerin und schöne junge Frau, die mit einer gewissen Lust ihre exotische Ausstrahlung auf junge Männer ausspielt, die sie mit persischen Gedichten um den Finger wickelt. Gleichzeitig macht sie aber auch die bittere Erfahrung, dass sie für die einen Kommilitonen keine „echte“ Französin, für die anderen aber auch keine Iranerin mehr ist. Was zunächst ein reizvolles Spiel ist, wird zunehmend zur Identitätsfrage für sie selbst. Die Erinnerung an die geliebte Großmutter, die sie in stillen Momenten wie eine Erscheinung neben sich zu sehen glaubt,  ermahnt sie, die Suche nach sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit 23 reist sie nach Teheran. Überschwänglich empfangen von der Familie genießt sie ihre Zeit dort, beflügelt von den fernen Kindheitserinnerungen – und verliebt sich in einen Teheraner Abenteurer und Lebemann. Sie wünscht sich in Teheran zu bleiben, aber im Streit mit ihrer klugen Großmutter erkennt sie, dass das Leben im Iran weit von dem entfernt ist, was sie in Frankreich, besonders als Frau,  als Freiheit selbstverständlich erlebt und was die Eltern für sie errungen haben, als sie ihr eigenes Leben aufgaben und flohen.
Nach einigen Jahren in China und in der Türkei lebt sie nun wieder in Paris. In ihrer Studienarbeit in Vergleichender Sprachwissenschaft  in Paris über die persischen Dichter Khayyam und Hedayat versöhnen sich auch die beiden Sprachen, die sie geprägt haben.
Das besondere und berührende an Madjidis Geschichte ist, dass sie statt Zahlen und Debatten die Sinne erzählen lässt. Gerüche, Klänge, kindliche Fantasien werden zum Pfad durch das Exil des Mädchens. Das könnte natürlich auch ein schmaler Grad zum Gefühligen sein, aber genau das ist der Autorin wunderbar gelungen: zu berühren ohne rührselig zu werden.
Sehr fein und lesenswert!
Thyra Kraemer


Maryam Madjidi 
"Du springst, ich falle"
Blumenbar
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Sonntag 03.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen Land“
In einem anderen Land“ ist der dritte Roman, den Ernest Hemingway schrieb. Er wurde 1929 in New York veröffentlicht und erschien nur ein Jahr später bei Rowohlt in Berlin. Nun ist beim gleichen Verlag eine Neuübersetzung von Werner Schmitz erschienen, die dem Originaltext, bzw. der 2012 edierten amerikanischen Überarbeitung, gerecht wird und diesen Klassiker der Moderne abermals in den Fokus rückt.
Zusammen mit „Wem die Stunde schlägt“ (1940) gehört dieser Roman zu Hemingways beeindruckendsten Antikriegsbüchern und ist aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg entstanden. Der Autor war als Fahrer des Roten Kreuz in einer Sanitätsabteilung rekrutiert und beteiligte sich auf Seiten der Italiener am Kampf gegen Österreich-Ungarn in den sogenannten Pavis-Schlachten am Isonzo.
Hemingway erzählt die Geschichte des Sanitätsoffiziers Frederic Henry in der ersten Person. Die Sinnlosigkeit des Krieges spürend, betäubt er sich mit Alkohol und wird zum Dauerbesucher eines ortsansässigen Bordells. Er blüht aber regelrecht auf, als er die englische Krankenschwester Catherine Barkley kennenlernt, in die er sich sofort und unsterblich verliebt. Bei Kriegseinsätzen wird Frederic schwer verletzt und nach Mailand in ein dortiges Krankenhaus verlegt. Catherine lässt sich ebenfalls nach Mailand versetzen und bleibt so an seiner Seite. Als sie schwanger wird schmieden beide Zukunftspläne.
Frederic muss wieder an die Front, desertiert nach traumatischen Erlebnissen, wird als Fahnenflüchtiger gesucht und flieht mit Catherine in einem Ruderboot über den Lago Maggiore in die Schweiz, wo das geschehen tragisch endet.
Hemingway erzählt die Geschichte, die stark autobiographisch gefärbt ist, sehr detailreich.
In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises sagte er über zweieinhalb Jahrzehnte später: „Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker.“ Im vorliegenden Fall trifft diese Aussage über seine Arbeitsweise sicher nur bedingt zu. Denn der Text ist in seinen Einzelheiten sehr ausführlich geraten. Besonders die Dialoge besitzen eine erschöpfende Exaktheit, eine fast pedantische Ausführlichkeit.
Andererseits gelingt es Hemingway mit einfachen Stilmitteln eine unglaublich Spannung zu erzeugen, die im Laufe der Handlung kontinuierlich zunimmt und am Ende regelrecht quälend ist.
Daran zeigt sich, wie perfekt Hemingway die Dramaturgie des Erzählens beherrscht und gleichzeitig mit welch vehementer Disziplin er den Ablauf der Geschehnisse und die Entwicklung der Geschichte vorantreibt. Man glaubt kaum, das Hemingway den Text während des Entstehungsprozesses über vierzig Mal umgeschrieben hat. Er war sich unsicher, ob das Buch nun Hoffnung oder Pessimismus vermitteln sollte. Letztlich entschied er sich für den Mittelweg: Trotz aller Tragik für die Melancholie.
Hemingways Anliegen, den Krieg in seiner ganzen Entmenschlichung darzustellen, bzw. den Ausweg dieses sinnlosen Tuns durch die Liebe zu neutralisieren, gelingt ihm ohne Larmoyanz und Pathos. Dieser Roman hat auch nach neunzig Jahren nichts von seiner Wirkung, aber auch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Das spricht für die Größe und das Können des Autors – aber leider auch gegen die Vernunft der Menschheit.
Jörg Konrad

Ernest Hemingway
„In einem anderen Land“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
Montag 28.01.2019
Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane
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Theodor Fontane und Max Frisch – sehr viel gemeinsames haben beide Autoren nicht, sieht man einmal von ihrer jeweils ausgeübten journalistischen Tätigkeit ab. Deshalb soll an dieser Stelle die fiktionale Suche nach individuellen Verbindungen zwischen ihnen nicht zu sehr strapaziert werden.
2018 sind von ihnen jedoch alte als auch neue Hörspiele wiederveröffentlicht bzw. frisch produziert wurden, die wir an dieser Stelle empfehlen möchten.

Von Theodor Fontane (1819 – 1898) ist im Audio-Verlag anlässlich seines 200. Geburtstages im Dezember 2019 eine Box mit insgesamt acht Hörspielen erschienen. Natürlich hat man sich bei deren Auswahl für die bekanntesten Romane und Erzählungen des Mecklenburgers entschieden: Schach von Wuthenow - Unterm Birnbaum – Cécile - Irrungen, Wirrungen – Unwiederbringlich - Frau Jenny Treibel - Effi Briest - Mathilde Möhring.
Der gelernte Apotheker Fontane gehört zu den wichtigsten deutschen Romanciers und Vertretern des literarischen Realismus. Bevor er sich als freier Autor ganz der Schriftstellerei widmete, war er als Politiker, Theaterkritiker und Kriegsberichterstatter erfolgreich. Spät erst begann er seine berühmten Romane zu schreiben, in deren Zentrum, für damalige Verhältnisse selten, oft außergewöhnliche Frauen standen.
Fontane war in Lage, in seiner schriftstellerischen Tätigkeit die Realität auf ebenso intelligente wie kenntnisreiche Weise abzubilden (ein Großteil seiner Romane beruht auf tatsächlichen Geschehnissen), sie mit leichter Ironie anzureichern und auf diese Art unvergessliche literarische Figuren zu schaffen. Auch wenn die Lebensgeschichten der handelnden Personen nicht immer positiv ausgehen, so ist doch eindeutig zu spüren, wem Fontanes Sympathien gehören. Denn die in seiner Zeit so hoch stehenden Begriffe wie Ehre und Moral brechen in Belastungssituationen und in Momenten, in denen es darum geht Haltung zu zeigen, wie morsches Holz auseinander. Das lag auch daran, dass Fontane keine Berührungsängste gegenüber den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten hatte. Er hatte Kontakt zu Menschen auf dem Lande (Mark Brandenburg), als auch zu jenen in der Großstadt (Berlin). Und er verstand ihre Sorgen und Nöte, nicht zuletzt aufgrund seiner Arbeit bei der  Neuen Preußischen Zeitung und der Vossischen Zeitung und dem dort zu verrichtenden journalistischen Tagesgeschäft.
Die Dramaturgie in der Umsetzung der einzelnen Vorgaben ist zwar unterschiedlich – jedoch ziehen sich die sparsamen Inszenierungen wie ein roter Faden durch sämtliche Produktionen. Denn egal ob von Radio Stuttgart (dem heutigen SWR) in Auftrag gegeben, vom SFB (heute rbb), dem BR oder der Deutschen Welle – Fontanes Text ist, trotz mancher Kürzung, das Maß der Dinge. Wenig überflüssige Geräusche oder in Szene gesetzte Tonfarben unterstützen die Handlung.
Es ist zugleich ein Wiederhören mit bekannten Stimmen wie Gert Westphal („Unwiederbringlich“), Ruth Leuwerik und Klaus Maria Brandauer („Cécile“) oder Carl Raddatz („Schach von Wuthenow“). Diese akustische Reise in die Vergangenheit hat bis heute nichts von ihrem Reiz eingebüßt.

Max Frisch (1911 – 1991) gehört in den Kreis deutschsprachiger Intellektueller, dessen Romane, Dramen und Erzählungen ebenso zum Literatur-Kanon gehören, wie seine Tagebücher und Briefe. Nach dem Studium gründete er, wie schon sein Vater, ein Architekturbüro, das er 1955 zugunsten der Arbeit als freier Autor wieder aufgab.
In seinen Texten beschäftigte sich Frisch überwiegend mit der Identität, mit Selbstfindung und Sinnsuche. Auch sein 1957 erschienener Roman „Homo Faber. Ein Bericht“ hat dieses (autobiographische) Kernthema zum Inhalt. Walter Faber, Hauptfigur und Architekt, muss sich als rational denkender, vorausplanender und einem eigenen, strikten Ordnungsprinzip folgender Mensch mit Zufällen, Risiken und Schicksalen auseinandersetzen, die plötzlich in sein Leben einbrechen und dieses massiv beeinflussen. Eine spannende und fesselnde Auseinandersetzung, zwischen griechischer Mythologie und Realität.
Heinz Sommer hat Frischs Vorlage bearbeitet und Leonhard Koppelmann diese Produktion für den Hessischen Rundfunk mit Sprechern wie Matthias Brandt, Eva Mattes, Ueli Jäggi oder Paula Beerin in (akustische) Szene gesetzt. Die Lebendigkeit und atmosphärische Emotionalität des Stückes wird durch das Einbeziehen der Big Band des Hessischen Rundfunks hergestellt.
In dieser Form ist „Homo Faber“ eine erfrischende Alternative zur Schullektüre. Wer den Roman, der zu Frischs bedeutendsten gehört, in dieser Zeit gelesen hat, wird das Buch hier mit Sicherheit neu entdecken.
Jörg Konrad

Theodor Fontane
„Die große Hörspieledition“
Der Audio Verlag, Berlin 2018
12 CDs, Laufzeit ca, 13 Std. 53 Min.

Max Frisch
„Homo Faber“
der Hörverlag, 2018
6 CDs, Laufzeit: 7h 11 min
Autor: Siehe Artikel
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Freitag 18.01.2019
Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"
Eines muss man schon vorab konstatieren: Um das Leben des wohl größten deutschen Astronomen des Mittelalters aufzuarbeiten, bedarf es einer ebenso ungemein aufwendigen wie weitreichenden Recherche in den zur Verfügung stehenden Staatsarchiven. Gleichzeitig darf aber der interessierte Leser von der ungeheuren Anzahl der Fakten und Hintergründe nicht erschlagen werden, sondern sollte von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt sein, von der Beschreibung der außerordentlichen Daseinsumstände, die das Wirken eines noch heute so angesehenen Wissenschaftlers in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entscheidend geprägt haben. In diesem Fall kann man es unumwunden zugeben: Der Autorin Ulinka Rublack ist dies mit dem vorliegenden Buch “Der Astronom und die Hexe“ ausgezeichnet gelungen. Darüber hinaus hat sie aber noch mehr erreicht: Sie zeichnet einerseits das Bild einer Witwe, die, obwohl als Alleinerziehende schon mit genug Problemen des täglichen Überlebens konfrontiert, durch Neid, Missgunst und Eifersucht soweit in eine lebensbedrohliche Enge getrieben wird, dass man noch heute vor ihrer Standhaftigkeit und ihrem ungebrochenen Willen den Hut ziehen muss. Andererseits lernen wir mit Kepler einen Menschen kennen, der seine wissenschaftliche Arbeit und Karriere unterbrechen muss, um seine Mutter vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Aber der Reihe nach. Die Autorin berichtet zunächst von der Normalität des damaligen Lebens. Keplers Mutter Katharina, aus gutem Hause stammend, wird verheiratet, bekommt viele Kinder, verliert davon einige schon im frühsten Kindesalter, was dem eher medizinischen Unwissen jener Epoche geschuldet ist. Auch der Erstgeborene, der auf den Namen Johannes getauft wird, ist eher kränklich und wird durch eine frühkindliche Pockenerkrankung für immer gezeichnet sein. Doch der Sohn hat den Kampfgeist seiner Mutter geerbt. Er genießt eine sehr gute Ausbildung und bekommt schon im frühen Mannesalter eine Anstellung als Mathematiklehrer, wird 1600 Assistent Tycho Brahes  in Prag und dort später als dessen Nachfolger sogar kaiserlicher Hofastronom Rudolf II

So ist er schon bald ein geachteter Mann und trotz eines durch die Pocken bedingten Augenleidens ein hervorragender Beobachter, dem bei der Entdeckung der Supernova von 1604 allerdings das Fernrohr noch nicht zur Verfügung stand. Es wurde erst fünf Jahre später entwickelt und ließ ihn so einen unbewussten Fehler begehen, in dem er den Tod eines Stern als Geburt deutete. Trotzdem hatte ihn seine Schrift „De stella nova“ nun auch weithin bekannt gemacht. Kepler ist gewissermaßen auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seiner Karriere, als ihn aus der württembergischen Heimat schlechte Nachrichten erreichen. Die für die damaligen Verhältnisse und Lebenserwartungen schon hochbetagte Mutter Katharina ist verhaftet worden und soll wegen angeblicher Hexerei unter Folter peinlich befragt werden.

Keplers Aufgabe ist von nun an die Verteidigung seiner Mutter. Der Betrachter kann aus heutiger Sicht über die Umstände, die zur Anklage führten, nur ungläubig den Kopf schütteln: Witwe sein und sich durch Kräuterheilungen ein Zubrot zu verdienen, war höchst gefährlich. Und so sind es die lieben Nachbarn, die sich plötzlich und ständig unwohl fühlen, denen ein Kalb oder Schwein stirbt oder ein anderes Gebrechen widerfährt. Sie schwärzen Katharina Kepler als Hexe an und bringen sie so in den Kerker. Kepler weiß allerdings sehr gut, dass ein unter Folter – einem damals üblichen Mittel der Rechtsfindung -  abnorme Geständnisse erpresst werden und die Opfer den qualvollem Tod auf dem Scheiterhaufen erleiden.
Es kommt also auf schnelles Handeln an. Zunächst aber muss sich der Astronom um die Finanzen kümmern, denn – für uns unvorstellbar – die Kosten der Haft obliegen dem Beschuldigten und seiner Familie. Dann aber zeigt sich, dass Kepler, der während seiner langjährigen Beobachtungstätigkeit gelernt hatte, extreme Genauigkeit an den Tag zu legen, von diesen Eigenschaften auch als Verteidiger seiner Mutter profitiert. Präzise seziert er die Aussagen der angeblichen Zeugen, widerlegt so die Akten der Anklagen und lässt den Ankläger selbst – heute wäre dies der Staatsanwalt – ziemlich alt aussehen. Nach eingehendem Studium der Beweislage haben die Tübinger Rechtsprofessoren allerdings noch eine letzte Probe für die Keplerin parat. Beim Anblick des Scharfrichters und einem angedrohten Verhör durch diesen, soll sie sich zu ihrer angeblichen Schuld äußern. Ungebrochen tritt die mittlerweile 75 jährige Witwe dem schnell herbeigerufenen Henker entgegen und beteuert eindringlich ihre Unschuld. So widersteht sie dem Scheintribunal und ist nun endgültig frei.

Aber es ist kein endgültiger Sieg für Kepler. Schadensersatzklagen und andere finanzielle Unwegbarkeiten gilt es zu überwinden, bevor sich der Wissenschaftler wieder an die Arbeit machen kann, um sein größtes Werk, die sogenannten „Rudolfinischen Tafeln“, endlich abzuschließen und in Druck zu geben.
Keplers Mutter hingegen haben die 14 Monate in Eisenketten zwar nicht die Überzeugung von der Unschuld nehmen können, doch ihre Gesundheit war ruiniert. Sie stirbt nach nur sechs Monaten in Freiheit.
Am Ende steht selbst der erfahrene Astronom nach dieser Mammutaufgabe nicht ungebrochen da. Sein körperlicher Zustand ist durch die Rastlosigkeit und Intensität seins Tuns angegriffen. So übernimmt sich Kepler mit einem winterlichen Ritt zu seinem neuen Arbeitgeber Graf Wallenstein nach Regensburg. Kaum angekommen, bekommt er hohes Fieber und stirbt im November1630 mit gerade einmal 59 Jahren. Damit hat er seine Mutter nur um acht Jahre überlebt.

Der Autorin gelingt es wie einst auch dem Astronomen durch eine minutiöse Aufarbeitung der Fakten die höchstgefährliche Situation hautnah miterlebbar und nachvollziehbar zu machen. So können wir uns noch heute detailgetreu in den Kampf um seine Mutter versetzen lassen. So ist die Verlagsankündigung eines „historischen Familiendramas zwischen Hexenverfolgung und moderner Wissenschaft“ keine hohle Phrase.
Darüber hinaus räumt sie aber mit einem auch bei den Astronomen weithin verbreiteten Irrglauben auf: Keplers Tante, die angeblich auf dem Scheiterhaufen endete und so ihre Schwester entscheidend in Gefahr brachte, hat nie existiert.

So ist das abschließende Zitat der Autorin,  „ ich habe dieses Buch nicht nur geschrieben, um ein besseres Verständnis von Individuen, sondern von Familien, einer Gemeinde und einem ganzen Zeitalter zu gewinnen.“, Leitmotiv und Programm des Buches zugleich.
Klaus Huch

Ulinka Rublack
"Der Astronom und die Hexe - Johannes Kepler und seine Zeit"
Klett-Cotta
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 06.01.2019
Karen Duve „Fräulein Nettes kurzer Sommer“
Wer kennt heute noch Annette von Droste-Hülshoff? Man erinnert sich wohl noch an eine mehr oder weniger langweilige Deutschstunde über „Die Judenbuche“,  oder hat noch die Verszeile „O schaurig ist`s, übers Moor zu gehen“ im Ohr. Doch obwohl Annette von Droste-Hülshoff als eine der bedeutendsten Dichterinnen deutscher Sprache gilt, dürfte der Name dieses adeligen Fräuleins den meisten Deutschen nicht mehr allzu viel sagen.
In dem Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ erzählt Karen Duve von einigen entscheidenden Jahren im Leben der jungen Nette, wie sie im Kreis ihrer großen adligen Familie genannt wurde. Annette von Droste-Hülshoff lebte von 1797 bis 1848 im katholischen Münsterland, in der Zeit der späten Romantik und des Biedermeier.
Duves Buch – zugleich biographischer Roman und Gesellschaftsroman – hat nichts biedermeierlich-Betuliches an sich. Er liest sich äußerst unterhaltsam und amüsant. Lebendig und mit trockenem Humor schildert sie z.B. die beschwerlichen Kutschfahrten Annettes über aufgeweichte Landstraßen zu den zahllosen Familienmitgliedern. Oder sie beschreibt Zusammenkünfte der „Poetischen Schusterinnung“, einer Göttinger Studentenverbindung. Man trägt altdeutsche Tracht, empfindet deutschnational und macht gegen Frankreich und die Aufklärung Front. Ihr Gründer ist Annettes nur unwesentlich älterer Onkel August von Haxtleben. Er hat dichterische Ambitionen und ist mit zahlreichen romantischen Schriftstellern befreundet, mit den Brüdern Grimm, Achim von Arnim, Hoffmann von Fallersleben und vielen anderen. Karen Duves große Stärke sind die treffenden, pointierten Dialoge. Ohne Ehrfurcht vor großen Namen behandelt sie das reichhaltige Personal ihres Romans kenntnisreich und mit großem Witz. Ihre ganze Sympathie und ihr Engagement gehören der jungen Annette.
Annette von Droste-Hülshoff ist ein schmales, zartes Wesen von schwacher Gesundheit, kurzsichtig wie ein Maulwurf, mit hervorquellenden Augen und einer nicht ganz geraden Nase. Aber sie hat einen scharfen Verstand und ist vielseitig interessiert und talentiert. Sie singt und spielt ausgezeichnet Klavier und fällt früh durch ihre literarischen Fähigkeiten auf. Auch der reizende Scherenschnitt auf dem Buchcover stammt von ihrer Hand. Doch sie teilt das Schicksal der meisten begabten Frauen der vergangenen Jahrhunderte: ihre künstlerischen Ambitionen, die bloße Liebhaberei weit überschreiten, sind der Familie peinlich. Peinlich wie ihr ganzes unbotmäßiges Verhalten. Annette gilt als vorlaut und exaltiert, sie mischt sich in die Gespräche der Männer ein und respektiert nicht die „Grenzen weiblicher Sittsamkeit“. Sie selbst fühlt schmerzlich ihr Außenseitertum und wird immer wieder von Selbstzweifeln und Selbsthass gequält.
Und dann kommt dieser eine kurze Sommer, der Sommer 1820, in dem aus dem „hässlichen, vorlauten Gänschen Annette“ eine blühende junge Frau wird. Der Student Heinrich Straube, den sein Freund August von Haxtleben für ein literarisches Genie hält, ist in die Familie eingeführt worden. Er ist ein kleiner, unschöner Mann, aber von großer Herzensgüte, und er ist der erste, der Annettes Begabung erkennt und würdigt. „`Hier siehst du das größte literarische Talent, dem ich je begegnet bin`, sagte Straube…und ließ Annettes Hand wieder los. `Deine Nichte ist talentierter als die ganze Poetische Schusterinnung zusammen.` August schnappte nach Luft.“ Annette ist es, als würde das Leben jetzt erst beginnen.
Die Liebesgeschichte zwischen Annette und Straube ist anrührend und herzzerreißend zu lesen, und es ist Karen Duves große Kunst, wie sie die Waage hält zwischen Empathie und Ironie, dem mitfühlenden und dem lustvoll satirischen Blick auf ihre Figuren. Der bürgerliche, mittellose und noch dazu protestantische Straube will Annette, das katholische Freifräulein heiraten, denn die Zeiten haben sich geändert, heute zählt doch „nicht mehr allein die Herkunft, sondern auch die Leistung.“ Aber für August von Haxthausen ist Straube als Ehemann seiner Nichte indiskutabel. Er schmiedet ein Komplott, das die Missheirat verhindern soll.
So endet Annettes kurzer Sommer in einer grausamen Demütigung, in einer Lebenskatastrophe, von der sie sich nie wirklich erholen sollte. Annette von Hülshoff hat nie geheiratet, sie ist zeitlebens ein Freifräulein geblieben. Aber trotz aller Widerstände wurde sie eine große Dichterin.
Es ist zu wünschen, dass es dem hinreißenden Roman von Karen Duve gelingt, das Interesse an dieser eigenwilligen, hochbegabten Frau zu wecken und ihre Dichtung wieder einem breiteren Publikum nahe zu bringen.
Lilly Munzinger, Gauting


Karen Duve
„Fräulein Nettes kurzer Sommer“
Galiani Berlin
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Dienstag 18.12.2018
Madeleine Bourdouxhe „Auf der Suche nach Marie“
„Das Leben ist doch keine Geschichte die man erzählen könnte…Etwas vom Leben zu fordern ,heißt, es von sich selbst zu fordern.“
Diesen Satz sagt Marie zu ihrer Schwester Claire, nachdem diese gerade einen Selbstmordversuch überlebt hat und danach weiterhin in Passivität und Selbstmitleid verharrt.
Marie und ihre Schwester sind in gutbürgerlichen und behüteten Verhältnissen am Stadtrand von Paris aufgewachsen. Marie studiert Philosophie und Literatur an der Sarbonne, wogegen Claire, die sich immer an ihrer Schwester orientierte und keine eigene Idee für ihr Leben hat, eine unglückliche Ehe mit einem viel älteren Mann eingeht.  Marie selbst lernt während des Studiums Jean kennen.Nachdem die beiden geheiratet haben, ist ihr Focus auf Ehemann und Haushalt gerichtet,  gelegentlich gibt sie Schülern Nachhilfestunden. Und obwohl ein Dienstmädchen da ist, findet sie eine gewisse Art von Erfüllung darin, Töpfe zu scheuern und die Wohnung  zum Glänzen zu bringen.
Doch neben dieser genügsamen Zufriedenheit ist sie auf der Suche nach etwas Anderem. Der Lebensentwurf ihrer Hauptfigur hat vieles mit dem von Madeleine Bourdouxhe gemeinsam. 1906 in Lüttich geboren wuchs auch sie in  gutbürgerlichen Verhältnissen auf und verbrachte die prägenden Jahre ihrer Kindheit in Paris. Auch Bourdouxhe studierte Philosophie und Literatur und zog sich nach ihrer Heirat vorwiegend ins Private zurück. Doch wie bei ihrer Protagonistin Marie verbirgt sich in ihr eine große Kraft, ein innerer Drang nach Selbstreflexion und Autarkie.
Schon als ganz junge Frau hat sie mit dem Schreiben begonnen, das ihr ein inneres Bedürfnis ist. Nach ihrem Studium in Brüssel kehrt sie regelmäßig  nach Paris zurück, ist eng befreundet mit Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre und besucht die Cafes und Restaurants der Pariser Literaturszene.
1937 erscheint bei Gallimard ihr erster Roman „La Femme de Gilles“, durch den sie über Nacht Beachtung und Erfolg findet.  „Auf der Suche nach Marie“ folgt 1943, allerdings in einem kleinen Brüsseler Verlag, da „Gallimard“ nach dem Kriegsausbruch von den Nazis übernommen wurde. Madeleine Bourdouxhe ging es nie um schriftstellerischen Ruhm. Dennoch freute sie sich als Mitte der 80er Jahre ihre Bücher neu aufgelegt und nun auch in englischer und deutscher Übersetzung vorlagen. Bourdouxhes Bücher haben eine  Zeitlosigkeit, sowohl was ihre eindringliche und gleichzeitig schlichte Sprache, als auch die Präsenz ihrer ihre Hauptfiguren angeht. Die Figur von Marie könnte genauso heute existieren.
Nur das Paris der damaligen Zeit , das die Autorin zutiefst atmosphärisch beschreibt, gehört wohl leider der Vergangenheit an. Es ist ein großer Lesegenuss, Marie durch die Straßen der Stadt zu begleiten und in die Lebendigkeit der Orte und Räume einzutauchen. Was Marie dabei erlebt, ist die Geschichte einer Suche nach sich selbst, erzählt ohne jegliche Klisches und  in einer ganz schlichten klaren Sprache.
Zu Beginn der Geschichte befinden sich Marie und ihr Mann Jean so wie viele ihrer Pariser Freunde im Sommerurlaub an der Cote d’Azur. Marie wirkt auf den Leser ängstlich , sie weigert sich ins Wasser zu gehen , macht sich dann fast Sorgen um ihren Ehemann als dieser alleine ins Meer hinausschwimmt. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist auf ihren Mann gerichtet. Zu diesem Zeitpunkt sind  die beiden seit sechs Jahren verheiratet und die junge Frau sieht ihre Aufgabe darin, ihren Ehemann zu lieben und zu umsorgen. Erst im Fortgang der Erzählung erkennt der Leser eine andere Marie.
Als Jean und sie am Abend wie üblich mit ihren Tennisbekanntschaften im Cafe sitzen, steht sie auf und begibt sich alleine auf einen Spaziergang , weil sie von dem oberflächlichen Geplauder gelangweilt ist. An diesem Abend steht sie plötzlich im Hotel einem sehr jungen Mannes gegenüber , der ihren Blick erwidert . Bourdouxhe beschreibt ohne Pathos, wie sich die beiden fast wie aus einer inneren Zwangsläufigkeit heraus einander annähern. Die nachfolgende Affäre wird als großes Glück beschrieben, wobei jeder sein Leben wie selbstverständlich ganz normal weiterlebt.  Bourdouxhe gelingt das Portrait einer Frau die, eingebunden in die Gesamtsituation ihres Lebens, mit all ihrer Widersprüchlichkeit an Gefühlen aus einer inneren Kraft heraus handelt.
Nicht ohne Grund wird dieser Roman immer wieder neu aufgelegt. Wie bei allen wirklich guten Büchern bringt die erneute Lektüre nicht nur neue Aspekte , sondern darüber hinaus nochmal großen Lesegenuss.
Martina Hirsch, Andechs

Madeleine Bourdouxhe
„Auf der Suche nach Marie“
Wagenbach
Autor: Siehe Artikel
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