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Inhaltsverzeichnis
Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11R...

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Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“

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Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“

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Siri Hustvedt „Damals“

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Steffen Mensching „Schermanns Augen“

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The NASA Archives

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Montag 10.06.2019
Norman Mailer „Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Die Oberfläche ist fein und pulverig. Ich kann sie leicht mit meiner Fußspitze aufwirbeln . . . Ich sinke nur Millimeter ein, aber ich kann meine Fußstapfen sehen . . . und die feinen sandigen Teilchen.“
Flugleitung: „Neil, hier Houston, wir schneiden mit.“

Armstrong: „Es scheint nicht schwer zu sein, sich hier herumzubewegen, es ist vielleicht sogar einfacher als . . . im Simulator auf dem Boden. Kein Problem herumzugehen. Übrigens, das Abstiegstriebwerk hat nicht den geringsten Krater hinterlassen. Es hat etwa einen Fuß Bodenfreiheit. Wir sind mehr oder weniger auf einem ebenen Platz hier. Jetzt sehe ich doch Rückstände vom Abstiegstriebwerk, aber nur sehr geringfügige.“
Dies sind Ausschnitte aus dem Funkprotokoll zwischen dem gerade die Mondoberfläche betretenden Neil Armstrong und der Flugkontrolle in Houston/Texas, aufgezeichnet am frühen Morgen des 21. Juli 1969. Sechs Stunden zuvor war mit Apollo 11 das erste bemannte Raumschiff auf dem Erdtrabanten gelandet.
Norman Mailer, der große amerikanische Autor, bekannt geworden neben seinen Romanen durch literarische Reportagen, erhielt damals von der Zeitschrift LIFE den Auftrag, über den Flug zum Mond in einem dreiteiligen Essay zu berichten. Sein Honorar soll angeblich eine Millionen Dollar betragen haben.
1970 hat Mailer die Essays intensiv überarbeitet und als Buch herausgegeben. "Moonfire" ist einer der spannendsten Texte über eines der größten technischen Abenteuer der Menschheit.
Nun, nach genau einem halben Jahrhundert, hat der TASCHEN Verlag dieses brillante Porträt als Jubiläumsausgabe neu herausgebracht. Es enthält hunderte bisher unveröffentlichte Fotos aus den NASA-Archiven, führende Apollo-11-Experten erzählen die Geschichten hinter den Fotos und erläutern technische Details.
Colum McCann beschreibt im Vorwort, worin die Kunst Norman Mailers lag. „Er wollte aus seinem eigenen Körper in eine Symphonie vorgestellter Körper eintreten ….. Er schlüpfte in ihre Haut, mit allen Warzen, und dann schlüpfte er wieder hinaus und war davon …... Er begab sich in neue Zeiten und Landschaften und verlor sich darin.“
Ohne dabei jedoch den Überblick zu verlieren. Akribisch trägt er alle Fakten zusammen, betrachtet die „Psychologie der Astronauten“, beschreibt prosaisch Menschheitsträume und komplizierteste technische Zusammenhänge. Gleichzeitig fächert er das politische Klima jener Jahre auf, spart dabei nicht an Kritik und er stellt Fragen: „Aber war das Apollo-11-Unternehmen der nobelste Ausdruck eines technischen Zeitalters oder der beste Beweis seines kompletten Wahnsinns?“
Mailer kann treffsicher formulieren, großartig polemisieren und frech provozieren, wenn er zum Beispiel über die Techniker schreibt, die „eine merkwürdige Mischung aus hohem Fachwissen und fast völligem Schwachsinn“ darstellen. Er bringt moralische Aspekte ins Spiel, beleuchtet das Spektakel jener Jahre unter den Gesichtspunkten der Industrialisierung, der Wunderwelt der Automation und ist bei aller Komplexität in der Lage, eine reißerische Spannung zu erzeugen.
Dieses brillante Buch kommt einer überwältigenden Zeitreise nahe. Anspruchsvoll, geistreich, unterhaltend.
Jörg Konrad

Norman Mailer
„Moonfire – Die legendäre Reise der Apollo 11“
Taschen
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Montag 27.05.2019
Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“
Ein Roman, ein Soziogramm, eine Liebeserklärung an eine Stadt? Von allem ein bisschen und  alles zusammen ein wunderbares neues Buch von Daniela Krien.
Fünf Frauen, ihre Beziehungen und Familien, ihr Leben beleuchtet sie in „Die Liebe im Ernstfall“.
Sie alle gehören, wie die Autorin selbst, zur Nachwende-Generation der mittlerweile Enddreißiger im heutigen Leipzig. Sie alle gehen in der Buchhandlung, in der Paula arbeitet, ein und aus, sind Patientinnen von Judith und wie durch ein loses Band sind ihre Lebensumstände oder Partnerschaften alle miteinander verbunden, ohne dass es eine durchgängige gemeinsame Geschichte gibt. Was sie vor allem eint ist, dass sie versuchen ihre Vorstellungen von Beziehung, Familie, Beruf in Einklang zu bringen.
Die Autorin nimmt abwechselnd den Blickwinkel von der Buchhändlerin Paula, der Ärztin Judith, der Schriftstellerin Brida, der Musikerin Malika und der Schauspielerin Jorinde ein und erzählt, wie sie mit den Katastrophen und Freuden ihres Lebens und ihres Alltags umgehen und wie jede auf der Suche nach einer guten Lösung für ihre Fragen ist. Sie sind zwar freier geworden als die Generation vor ihnen, von dem Zwang, gravierende Entscheidungen treffen zu müssen, sind sie aber nicht frei.
Ihre Lebensentwürfe entledigen sich dabei vieler Illusionen, desillusioniert sind die Frauen jedoch nicht. Auch wenn ihr Versuch, es allen recht zu machen misslingt, finden sie alle ihre ganz eigene Form ihr Leben zu gestalten.
Und immer geht es zentral um die Liebe – sie bewährt sich eben erst im Ernstfall und oft scheitert sie auch. Kriens Frauen wagen etwas um in Beziehungen zu gehen und sind dabei oft wesentlich mutiger als die Männer, lassen sich nicht verbiegen. Sie gehen entschlossen ihren eigenen Weg und in neue Formen des Zusammenlebens wie zum Beispiel die Schwestern Malika und Jorinde, die gemeinsam ihre Kinder großziehen.
Alle Frauen sind mit einem genauen Blick auf ihre Gefühle und Eigenarten gezeichnet und es liegt die Vermutung nahe, dass die eine oder andere Erfahrung oder Geschichte aus der Umgebung der Autorin in ihre Figuren eingeflossen ist, auch wenn sie nicht einen eindeutigen autobiografischen Hintergrund haben.
Als Leser lernen wir aber auch die unterschiedlichsten Typen von Männern kennen, vom überzeugten, regelrecht fanatischen Öko-Verfechter wie Ludger, Paulas erstem Mann, bis zum enttäuschten Intellektuellen der vergangenen DDR-Gesellschaft, der die Veränderungen nach der Wende kritisch erlebt und beleuchtet wie Malikas und Jorindes Vater Helmuth. Auch die Männer, die die Ärztin Judith in einem Dating-Portal kennenlernt, könnten unterschiedlicher kaum sein und spiegeln die spannende Mischung einer Generation in dem nach der Wende neu aufgeblühten Leipzig.

Apropos Leipzig. Krien, selbst aus Mecklenburg-Vorpommern, mag diese Stadt, in der sie selbst mit ihren Kindern lebt, seit sie dort studiert hat. Das ist allenthalben spürbar, wenn sich ihre Figuren durch die Stadt bewegen, im Clarapark auf eine Verabredung warten oder es im Auwald nach Bärlauch riecht und die Mauersegler kreischend ihre abenteuerlichen Flugkünste zeigen. Wer Leipzig ein bisschen kennt, wird sofort vertraute Bilder vor Augen haben und die typische Atmosphäre spüren – ein kleines und fein gelungenes Extra dieses Buches.
Im Gegensatz zu ihren 2014 erschienenen Erzählungen „Muldental“, in denen es um Menschen und ihr Leben in Ostdeutschland nach der Wende ging,  scheinen es die Frauen in Kriens neuem Buch zwar auch nicht immer leicht zu haben, aber lebenswerte Perspektiven entwickeln zu können.
Auf dem Cover steht eine Frau an der Kante eines Sprungbrettes und schaut in die Tiefe, über ihr der blaue Sommerhimmel. Sie wirkt bedächtig, aber nicht verzagt und scheint sich auf einen kommenden Sprung zu konzentrieren, es wagen zu wollen.
Das Bild von Eric Zener heißt „Faith“ – Vertrauen. Gut gewählt.
Thyra Kraemer


Daniela Krien
„Die Liebe im Ernstfall“
Diogenes
Autor: Siehe Artikel
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Mittwoch 15.05.2019
Pierre Lemaitre „Die Farben des Feuers“
Pierre Lemaitre liebt den Plot. Oder besser formuliert: Der französische Autor hat mit „Wir sehen uns dort oben“ schon einmal eine mitreißende Geschichte erzählt, in der (eiskalte) Berechnung und (konsequente) Rache die Handlung (erbarmungslos) vorantreiben. Vor sechs Jahren ein Megarfolg. Auf den Film, der in Frankreich schon 2017 anlief, warten die Leser hier in Deutschland bisher leider vergebens.
Nun also „Die Farben des Feuers“, der neue Roman des 1951 geborenen Lemaitre. Zählt man die Dinge auf, um die es in diesem Buch geht, könnte man schnell zu dem Schluss gelangen, die fast fünfhundert Seiten seien zu vollgepackt mit zu vielen Themen: Die unheilvolle Insolvenz eines Bankhauses, die damit im Zusammenhang stehenden sozialen Abstürze, menschliche Enttäuschungen, käufliche Politiker, betrügerische Karrieren, Kindesmissbrauch, Suicidversuche, verlässliche Freundschaften. Ein Panoptikum tragischer Helden und arglistiger Schurken in Zeiten des aufkeimenden Faschismus am Vorabend des 2. Weltkrieges.
Zusammengehalten werden die äußeren Eckpunkte dieser mitreißenden Geschichte durch einen geschickt eingefädelten Rachefeldzug, der fast kaltblütig durchgezogen wird und zumindest eine kleine, aus den Fugen geratene Welt wieder auf die Füße stellt.
Lemaitre gelingt es wunderbar, die einzelnen sehr unterschiedlichen Charaktere, die das Buch bevölkern, zu beschreiben, sie zu entwickeln, mit ihnen die Ereignisse voranzutreiben. Die einst sehr wohlhabende und dann verarmte Inhaberin der Pericourt Bank Madeleine und ihr querschnittsgelähmter Sohn Paul, samt dessen Freundin, der Operndiva Solange. Gustav Jourbet, einstiger Prokurist der Pericourt Bank und betrügerischer Unternehmer, der Privatdetektiv Monsieur Dupre, der Schriftsteller und Journalist Andre, das polnische Kindermädchen Vladi, das niemand (auch der Leser nicht) versteht und viele andere. Wie ein Spinne häckelt Lemaitre langsam aber entschlossen das Netz der Handlung, verknotet alle Schicksale geschickt miteinander, webt den Zeitgeist spürbar mit ein und macht aus dem Roman zugleich ein Sittengemälde. Ja, er schreckt nicht einmal davor zurück, einen Faden aus seinem besagten vorletzten Buch „Wir sehen uns dort oben“ mit ein wenig Ironie aufzunehmen und auszubauen. Das verwundert auch nicht. Denn beide Bücher sind die ersten zwei Teile eine Trilogie, die Lemaitre über die Zeit zwischen den Weltkriegen plant.
Dabei glänzt Lemaitre mit einer beeindruckenden, heute nicht selbstverständlichen Haltung und die gipfelt, trotz aller menschlichen Verwerfungen, letztendlich in seinem Bekenntniss zum Sieg der (Mit-) Menschlichkeit.
Zugleich schafft es der Autor, dass sich Unterhaltung, Spannung und Anspruch auch in diesem Buch auf Augenhöhe begegnen. Er schreibt flüssig, detailliert und individuell. Ein wenig erinnert Pierre Lemaitre in der Art des Aufbaus, der Dramaturgie seiner Geschichten und der Zeit, in der diese spielen, an den großen, heute, wie es scheint zu Unrecht, fast vergessenen Erich Maria Remarque.
Jörg Konrad

Pierre Lemaitre
„Die Farben des Feuers“
Klett-Cotta
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 23.04.2019
Siri Hustvedt „Damals“
Autobiographisches Erzählen liegt schon lange und immer noch im Trend. Die Selbsterforschung einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers trifft auf den Wirklichkeitshunger des lesenden Publikums. In den letzten Monaten sind in deutscher Übersetzung zwei Romane zweier bedeutender Autorinnen erschienen, die von ihrer Thematik her sehr vergleichbar sind: „Erinnerung eines Mädchens“ von Annie Ernaux und „Damals“ von Siri Hustvedt. In beiden Büchern blickt eine ältere Schriftstellerin zurück auf ihre Vergangenheit, auf die Zeit, als sie sich als junge Frau aus der Provinz ins Leben stürzte und erste sexuelle Erfahrungen machte. Erfahrungen, die demütigend und traumatisierend waren.
Doch während Annie Ernaux mit unerbittlicher Stringenz und unbestechlichem Blick der Wahrheit ihrer eigenen Geschichte auf der Spur bleibt, geht Siri Hustvedt sehr viel spielerischer mit ihrem Stoff um: „Ich habe schon immer geglaubt, dass Erinnern und Phantasieren ineinander übergehen“. Nicht alle Details entsprechen Realitäten in Siri Hustvedts Leben – so ist die „S. H.“ im Buch zum Beispiel mit Walter, einem rothaarigen Physiker verheiratet, und nicht mit dem berühmten Schriftsteller Paul Auster. Und doch ist „Damals“ wohl einer ihrer persönlichsten Romane.
Die junge Autorin, die einen Bachelor in Philosophie und Englisch hat und eine besessene Leserin ist, zieht als 23-Jährige in das dreckige, gefährliche, aufregende New York der späten 70er Jahre „um zu leben, zu leiden und ihren Kriminalroman zu schreiben“. Minnesota, wie sie ihrer Herkunft wegen genannt wird, taucht ein ins Partyleben, in die Schriftsteller- und Intellektuellenszene New Yorks, sie hungert und sie schließt Freundschaften. In ihrem billigen Apartment hört sie durch die dünnen Wände die Lebensäußerungen ihrer unsichtbaren Nachbarin Lucy Brite. Zunehmend fasziniert und verstört belauscht sie, mit dem alten Stethoskop ihres Vaters an der Wand liegend, die Gesänge und Selbstgespräche, in denen es um ein totes Kind, um Gewalt und Mord geht. Sie spürt, dass die Angst und der Schmerz dieser fremden Frau irgendwie auch ihre eigenen sind. Gemeinsam mit ihren Freunden versucht sie, Lucy Brites Geheimnis zu lüften.
Minnesotas New York-Erlebnisse kulminieren in einer Beinahe-Vergewaltigung. Ein Zufallsbekannter bringt sie nach einer Party nach Hause und folgt ihr in ihre Wohnung. Ihre Schreie alarmieren ihre Nachbarin. Zusammen mit zwei Freundinnen schlägt diese Minnesotas Peiniger in die Flucht. Ein Besen und drei unbekannte Frauen haben Minnesota gerettet. Doch Angst und Scham über ihre Hilflosigkeit und Feigheit lassen sie ihr Leben lang nicht los. „Es waren die Verachtung und Herablassung des Mannes, die ich nicht abschütteln konnte, seine lächelnde Selbstgewissheit, dass meine Worte bedeutungslos waren, dass ich keine Antwort verdiente, dass ich ein Niemand war.“ Das Erlebnis ist der Beginn ihrer Freundschaft mit den drei „Ladies vom Besen“, die sie gerettet haben, und die einem skurrilen feministisch-esoterischen Hexenkult frönen. Minnesota alias Siri Hustvedt sucht einen anderen Weg, sich als Frau zu behaupten: sie benutzt ihr Wissen, die Sprache, das Schreiben.
Siri Hustvedt ist eine phantasievolle, hochbelesene, kluge Autorin. Auf unterschiedlichen Erzählebenen entführt sie den Leser und vor allem die Leserin, die sie als ihre „imaginäre Freundin“ anspricht, in einen faszinierenden Kosmos aus Erinnerungen, Tagebuchaufzeichnungen, Reflexionen und Geschichten. Da ist zum Beispiel ihr unvollendeter Kriminalroman, der im Buch in Einschüben abgedruckt ist. Da ist die Geschichte der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, einer femme fatale und Künstlerin des Dadaismus, die als Frau und Künstlerin nie anerkannt wurde, oder die amüsante Erinnerung, als die junge Minnesota auf einer Einladung einen selbstherrlichen Philosophieprofessor in einem Disput in die Enge treibt und anschließend in Ohnmacht fällt. „Eine Geschichte wird zu einer anderen und viele Geschichten sind irgendwie dieselben.“ Denn alle haben das eine große Thema: die Rolle der Frau und der Künstlerin in einer von Männern dominierten Welt. In all diesen Geschichten und Erinnerungen geht es um den Männlichkeitsmythos, um männliche Überheblichkeit und Missachtung und um das Aufbegehren der Frauen. Schon für ihren bewunderten Vater war die Autorin „nur ein Mädchen“, und heute lebt sie im Zeitalter eines starken Mannes, „der den Massen seiner weißen Anhänger Obszönitäten über Muslime, Schwarze, Immigranten und Frauen in die Ohren jault“.
Und doch endet Siri Hustvedts Buch, ihre wütende, witzige, melancholische Selbstbetrachtung, versöhnlich. „…Jetzt kann ich mein früheres Selbst anlächeln, etwas traurig vielleicht, aber ich kann lächeln“. Auf der letzten Seite des Romans sieht man eine Zeichnung der Autorin: Eine nackte junge Frau mit einem Messer in der Hand schwebt über New York und steigt nach oben.
Lilly Munzinger, Gauting

Siri Hustvedt
„Damals“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
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Sonntag 14.04.2019
Steffen Mensching „Schermanns Augen“
Im Ausnahmefall ist es erlaubt, auch einmal mit der Tür ins Haus zu fallen. Und ein solcher Ausnahmefall ist Steffen Menschings Roman „Schermanns Augen“. Ein außergewöhnlich beeindruckendes Buch, ein Buch, das Spuren hinterlässt, ein virtuoses Buch, das konfrontiert und einem den Atem raubt. Konsequent (bis an die Schmerzgrenze), aufwühlend (aufgrund der Extreme), historisch korrekt (und auf verschiedenen Zeitebenen spielend), dramaturgisch brillant aufgebaut (außergewöhnliches Ineinandergreifen unterschiedlicher Charaktere), politisch provokant (kein wirkliches Kriterium), sehr gut lesbar (!). Mensching, Jahrgang 1958, fordert mit diesem 800 Seiten starken Text heraus, in dem er kompromisslos gegen das Vergessen anschreibt - auch gegen die Gefahr, den Menschen als die Krone der Schöpfung zu enttarnen.
Handlungsort des Romans: Artek II, ein Gulag im Norden der damaligen Sowjetunion. Handlungszeit: 1940, mit einigen Rückblenden in die 1920er und 1930er Jahre. Die äußeren Umstände: Kälte, Hunger, Tod und Gewalt. Handelnde Personen: Ein jüdischer Graphologe und Hellseher aus Polen, ein deutscher Kommunist, Lagerkommandanten, politische und kriminelle Inhaftierte, Karl Kraus, Herwart Walden, Sergej Eisenstein, Alfred Döblin, Else Lasker Schüler, Stalin, Hitler, Trotzki.
Ein gewaltiges Tableau an handelnden Personen, die Mensching mit- und zueinander in Beziehung setzt, Geschichte und Geschichten aufrollt, sie interpretiert, Anekdoten einfach nur erzählt und letztendlich damit die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts in Form individueller Schicksale aufarbeitet (wunderbar dabei die Idee, ein Großteil der Personen auf dem schmalen Lesezeichen abzudrucken).
Man könnte meinen, Mensching würde mit diesem Buch versuchen, das Trauma seines Lebens zu bewältigen. Aber „Schermanns Augen“ enthält nicht die Erlebnisse des Autors. Dafür ist der in Ostberlin geborene und aufgewachsene Autor zu jung. Aber er hat sie mit Sicherheit gelesen, die Bücher Solschenizyns und Schalamows, Alfred Koestlers „Sonnerfinsternis oder Mannes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“. Es sind jene Bücher, die die Realität hinter dem Versuch, eine klassenlose Gesellschaft allein zum Wohle der Menschheit aufzubauen, grell beleuchten.
Mensching hat an diesem seinem Meisterwerk über zwölf Jahre lang gearbeitet – um letztendlich das im Dunklen liegende Ende der historisch verbürgten Person des Rafael Schermann zu erzählen. Das gesamte Spannungsverhältnis des Romans leitet sich jedoch ab aus der Beziehung eben jenes Schermann zu dem deutschen Jungkommunisten Otto Haferkorn. Beide stoßen im mitleidlosen Millieu des Gulag aufeinander. Der Pole kann kein Russisch. Doch die sowjetische Staatsmacht (oder der Kommandant des Lagers?) ist an ihm und seinen hellseherischen Fähigkeiten interessiert. Haferkorn hingegen hat im Moskauer Exil beim Aufbau der Kommunistischen Internationale gearbeitet und ist der sowjetischen Säuberungspolitik zum Opfer gefallen. Er überlebt, weil der gerade geschlossene Hitler-Stalin-Pakt für Unsicherheit sorgt. Wie ist mit deutschen Häftlingen umzugehen?
In spontanen Perspektivwechseln, dramatischen Rückblenden und bewegenden Darstellungen rollt Mensching diese Zeit neu auf, macht deutlich, wie nah Himmel und Hölle beieinander sind. Mensching, Kulturwissenschaftler, Schauspieler, Regisseur und eben Autor, beherrscht die Umgangssprache der feinen Wiener Gesellschaft ebenso, wie den rüden Lagerjargon der Unterwelt.
Es bleibt die Frage, ob über dieses kolossale Buch noch viel mehr zu schreiben ist. Nein, muss man nicht. Man sollte die Zeit nutzen, „Schermanns Augen“ zu lesen.
Jörg Konrad

Steffen Mensching
„Schermanns Augen“
Wallstein Verlag
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 31.03.2019
The NASA Archives
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Eigentlich ist die Gründung der NASA (die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA) dem einstigen Klassenfeind, der Sowjetunion geschuldet. Denn als am 4. Oktober 1957 in den frühen Abendstunden der erste künstliche Erdsatellit vom kasachischen Baikanur aus ins All geschossen wurde, waren die Amerikaner vollkommen überrascht, ja regelrecht hysterisiert. Sie hatten weltraumtechnisch nichts entgegenzusetzen und mussten zusätzlich noch russische Flugkörper über ihrem Territorium hilflos tolerieren. Und da die beiden politischen Blöcke schon damals in einem stark rivalisierendem Verhältnis zueinander standen, reagierten die USA zwangsläufig schnell darauf. Schon ein Jahr später wurde als Antwort und unter Zeitdruck die NASA ins Leben gerufen. Aus einer Anfangs recht kleinen, überschaubaren Firma mit nur wenigen Mitarbeitern wurde innerhalb weniger Jahre ein riesiges Technologieunternehmen. Über eine halbe Millionen Mitarbeiter realisierten zehn Jahre später den ersten bemannten Flug zum Mond. Noch einmal zehn Jahre später landeten Robotersonden sogar auf dem Mars.
2018 feierte die NASA nun ihr 60. Jubiläum. Grund genug, den Entwicklungsweg von damals bis in unsere heutige Gegenwart nachzuzeichnen und zu dokumentieren. Mit THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL liegt nun im TASCHEN Verlag ein opulenter Prachtband vor, der diesem Anliegen vollauf gerecht wird. Entstanden ist das Buch in enger Zusammenarbeit mit der NASA selbst und einigen außenstehenden hochrangigen Wissenschaftlern.
Herausgeber und Autor ist der Wissenschaftshistoriker Piers Bizony, der schon in den zurückliegenden Jahren außergewöhnliche Werke über anspruchsvolle Forschungsthemen geschrieben hat.
Auf über vierhundert Seiten wird die Geschichte der NASA beeindruckend (und zweisprachig in englisch und deutsch) dargestellt. Hinzu kommen über fünfhundert zum Großteil erstmals veröffentlichte Fotos aus den Archiven des Weltraumunternehmens. In die einzelnen Abhandlungen finden die frühen Mercury-Projekte ebenso Eingang, wie die folgenden Gemini- und Apollo-Unternehmungen. Es wird die Entwicklung hin zum Hubble-Weltraumteleskop beschrieben, das der Menschheit einen völlig neuen Blick in den Kosmos ermöglicht. Hinzu kommt die Fertigung des ferngesteuerten Marsrover Spirit und die Planungen hin zu den wiederverwendbaren Raumfähren Columbia, Challanger und Atlantis
Dieses Buch zeigt aber auch, dass die US-amerikanische Raumfahrt nicht allein eine Erfolgsgeschichte war, sondern dass sie auch immer wieder von herben Rückschlägen eingeholt wurde, wie sie aber auch jede Entwicklung, die im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betritt, bereithält.
Natürlich werden auch die vielen Mitarbeiter hinter den Projekten gewürdigt, die Wissenschaftler und Techniker, die Designer und die Helden des Universums, Astronauten selbst.
THE NASA ARCHIVES – 60 JAHRE IM ALL, das sind fünfeinhalb Kilo realisierte Menschheitsträume und Visionen für die nahe und für die ferne Zukunft in nur einem Band.
Jörg Konrad


The NASA Archives
"60 Jahre im All"
TASCHEN Verlag

 
Autor: Siehe Artikel
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