Musik
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Inhaltsverzeichnis
Dhafer Youssef „Sounds Of Mirror“

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OHRENGLÜCK 47: Tom Bourgeois "Murmures"

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Ayça Miraç „Lazjazz“

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Marcin Wasilewski Trio „Live“

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Botticelli Baby „Junk“

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Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“

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Samstag 13.10.2018
Dhafer Youssef „Sounds Of Mirror“
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Auf „Sounds Of Mirror“ entsteht eine tatsächliche Symbiose. Vier Musiker steigen über ihre jeweiligen ethnischen Grenzen und finden, trotz völlig unterschiedlicher Herkunft, einen gemeinsamen musikalischen Ausdruck. Ihrer individuellen Offenheit verdanken sie es, dass die Musik zum Licht strebt, aufblüht und sich zu etwas starkem Neuem entwickelt. So verschmelzen unterschiedliche Kulturen und es entstehen auf dem Boden selbstbewusster und vorurteilsfreier Herangehensweisen sinnliche Klangabenteuer mit eigenen Erfahrungswerten, ja fast in einer eigenen Sprache.
Ideengeber dieser Aufnahme, Komponist und Oud-Virtuose ist der 51jährige Dhafer Youssef, geboren in Téboulba, einer kleinen Stadt in der Sahel-Region im nordafrikanischen Tunesiens. 1989 wanderte er nach Österreich aus und lebt seit 2002 in Paris. Zakir Hussain stammt aus Indien und gehört zu den großen Perkussionisten sowohl seiner Heimat, als auch auf dem internationalen Parkett des Jazz. Eivin Aarset spielt Gitarre und kommt aus dem kühlen Norden Europas, aus Norwegen. Musikalisch hat er sich in der Vergangenheit zwischen hartem Rock und elektronischen Klangflächen bewegt. Und dann wäre da noch Hüsnü Şenlendirici, ein türkischer Klarinettist, der aus eine traditionsreichen Musikerfamilie stammt und problemlos zwischen orientalischem Pop und westlichem Jazz pendelt.
Zusammen spielen die Vier transzendiente Musik, deren melancholische Abgründe gefangen nehmen. Melodien, die so schön und so zart sind, als kämen sie direkt aus dem Herzen der Welt. Keine unverbindliche Weltverbesserungsmusik, oder diffuser Crossover, wie er heute immer wieder in den glänzenden und stark subventionierten Musentempeln der Hochkultur vermarktet wird. Diese Musik hat Substanz, könnte auch von der Straße kommen, oder zumindest dort entstanden sein. Die virtuosen Improvisationen überwältigen nicht durch atemberaubende Geschwindigkeit, sondern aufgrund ihrer stimmigen Atmosphäre. Hier greift ein (Instrumental-) Rad ins andere, bringt eine aufrichtige Idee ins Laufen, in deren Fluss man allzugerne eintauchen möchte. Ein überzeugendes Resultat seelenverwandter Weltbürger in Zeiten grässlicher Nationalismen.
Jörg Konrad


Dhafer Youssef
„Sounds Of Mirror“
Anteprima
Autor: Siehe Artikel
Freitag 05.10.2018
OHRENGLÜCK 47: Tom Bourgeois "Murmures"
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Diese Musik kommt einem ganz nahe. Vier Stimmen sind es nur: Saxofon (oder Bassklarinette), Akkordeon, elektrische Gitarre – und als vierte eine menschliche Stimme, die des Sängers Loïs Le Van. Kein Schlagzeug, kein Bass, kein Klavier legen sich dazwischen. Für diese ungewöhnliche Besetzung hat Tom Bourgeois, der Holzbläser im Quartett, auch eine ganz ungewöhnliche Musik geschrieben. Es sind dunkle, langsame, melancholische Stücke zwischen Jazzballade und Kammermusik. Sehr eigen, sehr anrührend, sehr wesentlich.

Diese Musik tönt zerbrechlich und stark, schlicht und sinnlich zugleich. Sie ist harmonisch clever, kennt freie Ausreißer, schwärmerische Improvisationen und kontrapunktische Verflechtungen. Der Gesang, auf Englisch oder Französisch, dominiert nicht, sondern ist Teil des musikalischen Gewebes. In einigen Stücken setzt der Sänger auch aus, in manchen sind Saxofon und Akkordeon sogar allein zu zweit. Die Stücke der ersten CD (55 Min.) klingen durchweg nackt, ohne naiv zu sein. Sie prickeln kräftig auf der Haut. Sie ziehen Furchen durch die Seele. Manchmal erinnern sie an psychedelische Rockballaden, manchmal an ein Streichquartett.

Und das ist das Stichwort für die zweite CD (34 Min.) des Doppelpacks. Als wäre Bourgeois’ Musik nicht ungewöhnlich und verblüffend genug, schlägt sie hier noch einmal einen ganz unerwarteten Haken. Denn der Belgier bearbeitete für seine sonore, essenzielle Band nichts Geringeres als das einzige Streichquartett von Maurice Ravel aus dem Jahr 1903. Ein Werk, von dem der Komponist einmal sagte, es solle klingen „wie ein Saxofon“. Nun klingt es wie Saxofon, Akkordeon, E-Gitarre und Gesang – ungeschützt, berauschend, sehr physisch. Das wird streckenweise beinahe zu progressiver Rockmusik, nur ohne Schlagzeug, dafür mit fantasievoller Improvisation. Ein kleines Wunder.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Tom Bourgeois
"Murmures"
Neuklang
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 25.09.2018
Ayça Miraç „Lazjazz“
Die Musik der Sängerin Ayça Miraç ist reich an fernen kulturellen Einflüssen. Von manchen Ethnien, bzw. zivilisatorischen Quellen wissen wir nicht einmal dass es diese überhaupt gibt, geschweige, wo diese exotischen Lebensräume geographisch liegen. Da wären zum Beispiel die Megrelier, ein kaukasisches Volk, das am südwestlichen Ufer des Schwarzmeeres lebt und heute zu Georgien gehört. Oder die Kultur der Lasen, eine zwischen Georgien und der Türkei eingebettete Region, deren Bewohner auch die Schwarzmeer-Ureinwohner genannt werden. Ayça Miraç hat die Kultur und hier speziell die Volkslieder und die als bedroht eingestufte Sprache dieser Landstriche aufgrund familiärer Bezüge verinnerlicht. Hinzu kommen bei ihr noch Einflüsse aus der klassischen türkischen Musik, eigene Jazzstudien am niederländischen ArtEZ Conservatorium und nicht zuletzt durch ihren brasilianischen Pianisten Henrique Gomide ein winziger Hauch südamerikanische Schwärmerei. Alles zusammen also ein vielfältiges, glanzvolles Mosaik, zusammengehalten auf der Grundlage von Toleranz, Freiheit und Leidenschaft.
Dabei klingt die aus den verschiedenen Provenienzien gespeiste Musik auf „Lazjazz“ völlig vertraut, zusammenhängend und souverän. Das Unerforschte, in der Neuzeit Vernachlässigte genießt hier eine völlig berührende und verzaubernde Ausstrahlung. Vielleicht auch, weil diese Musik nicht als Reminiszenz an untergegangene Kulturen gedacht ist. Sie lebt von der unpathetischen Umsetzung, der Poesie und der eigenständigen Interpretation Ayça Miraç. Diese zeigt den Reichtum gelebter Kulturen, das feine wie vorurteilsfreie Verweben unterschiedlicher Lebensführungen mit einer Stimme, die nicht nur in den Höhen unter die Haut geht. Unvergleichlich nuanciert sprengt sie jeden Rahmen, verbindet höchste Gipfel und dunkelste Meerestiefen – in unangestrengter Intensität. Vokale Hingabe als reinster Naturklang.
Jörg Konrad


Ayça Miraç
„Lazjazz“
Jazzhaus Records
Autor: Siehe Artikel
Freitag 14.09.2018
Marcin Wasilewski Trio „Live“
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In der an Einzelindividuen reichen, historisch gesehen mutigen und musikalisch seit Jahrzehnten überzeugenden polnischen Jazzszene sind Marcin Wasilewski und sein Trio so etwas wie das Bindeglied zwischen den Generationen. Mit dem erst vor wenigen Wochen verstorbenen Trompeter Tomasz Stanko erhielten sie 2001 ihren auch internationalen Ritterschlag.
Drei Jahre später konnte das Trio sein erstes Album für ECM München einspielen. Besonders hier zeigte sich der weite musikalische Horizont der drei Jugendfreunde. Die Formation vereinigte in ihrem Spiel von Beginn an die befreite wie befreiende Aufbruchstimmung des Jazz der 1960er und 1970er Jahre im Ostblock, verbunden mit der klassischen Tradition eines Frédéric Chopin, slawischer Folklore, sowie der swingenden Geläufigkeit transatlantischer Vorbilder. Das Ergebnis dieser Herangehensweise ist musikalisch ebenso herausfordernd, wie melodisch eingängig, ästhetisch bedeutsam und erfrischend umgesetzt.
Mit „Live“ erscheint nun die mittlerweile fünfte Fortsetzung des ECM-Debüts und vielleicht stärker als auf allen Alben zuvor zeigt sich das Trio melancholisch ausgereift und gruppendynamisch perfekt eingestellt. Ob Stings „Message In A Bottle“, Herbie Hancocks „Actual Proof“ oder die vier eigenen Kompositionen - das Tempo ist schärfer, die Improvisationen geraten risikofreudiger, das musikalische Farbspektrum gestaltet sich demnach abwechslungsreicher. Gelassen hangeln sich die Instrumentalisten von Idee zu Idee, spielen ihre Individualität mit einem gewissen Understatement aber feinsinnig aus, lassen druckvoll an ihren kurzweiligen Improvisationen teilhaben, explodieren auseinander und finden letztendlich zielsicher, fast im Blindflug, wieder zueinander. Das Schwebende, das Nachdenkliche besitzt hier etwas konziliantes, etwas mitreißendes und damit auch etwas befreiend Weltanschauliches. Subtile Musik von den funkensprühenden Randbezirken des Paradieses.
Jörg Konrad

Marcin Wasilewski Trio
„Live“
ECM
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 11.09.2018
Botticelli Baby „Junk“
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Etwas musikalisch völlig neues präsentieren BOTICCELLI BABY sicher nicht. Die Frage scheint aber auch im Grunde und überhaupt eher unwichtig. Wichtig hingegen ist, ob das Septett in der Lage ist, mit dieser vogelwilden Mischung aus Swing und Punk, Blues und Balkan, Fusion und Rock`n Roll ein Publikum zu beeindrucken. Und wie es das kann – mustergültig und nachhaltig! Denn wer einmal „Junk“ hört, vergisst diese Band garantiert nicht. Und ihre Live-Auftritte sind zudem legendär!
BOTTICELLI BABY gelingt das seltene Kunststück trotz unglaublicher Präzision und musikalischer Intelligenz wie eine vor Leidenschaft berstende Hinterhofband zu klingen. Jeden ihrer 12 Songs gehen die studierten Musiker mit vollem Risiko an. Hier gibt es kaum einschmeichelnde Balladen, oder gar geschickt kalkulierte Kunstgriffe. Handgemacht von Null auf Hundert – so beginnt fast jede ihrer Nummern. Für nichts sind sich die Glorreichen Sieben dabei zu schade. Die Rhythmusgruppe rollt und groovt und swingt. Der Bläsersatz schmettert die scharfen Tuttis im Staccato in den Äther und Marlon Bösherz knört und schreit und raunzt die Texte, als gelte es, der sowieso schon energiegeladenen Musik noch eine Steigerung zu verpassen. Hier ist eine Band am Werk, keine Solisten - auch wenn sie einzeln das Zeug dazu hätten. Bei aller Virtuosität wirkt alles was BOTTICELLI BABY spielen, trotz traditioneller Verweise, erfrischend originell, transparent, ja fast anarchisch und zu einhundert Prozent tanzbodentauglich. Gefälliger Mainstream geht anders. Musik aus allen Himmelsrichtungen – für alle Himmelsrichtungen. Veranstalter hingehört!
Jörg Konrad

Botticelli Baby
„Junk“
Unique
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Donnerstag 06.09.2018
Mark Turner & Ethan Iverson „Temporary Kings“
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Das Duo ist, zumindest was die Besetzung betrifft, das kleinste anzutreffende Orchester schlechthin. Und wie kaum eine andere Formation lebt dieses klangliche Gebilde sowohl von der Individualität der Beteiligten, als auch von deren Möglichkeit und Bereitschaft zum musikalischen Austausch. Man könnte fragen, je größer die Amplitude, desto spannender das Ergebnis? Jein, möchte man antworten. Denn neben Gegensätzlichem und Andersartigkeit sollte es schon einiges an Verbindendem geben. Mark Turner und Ethan Iverson, die mit „Temporary Kings“ ihr Debüt als Duo abgeben, kennen sich schon einige Jahre. Und der Grund, ein Album miteinander aufzunehmen, entspringt häufigem gemeinsamen Spiel.
Im Schweizerischen Lugano haben sich im Sommer des letzten Jahres der Saxophonist Turner und der Pianist Iverson nun getroffen, um das vorliegende kammermusikalische Kleinod einzuspielen. Beide zelebrieren auf allen neun Kompositionen einen wunderbar eleganten Dialog. Mit souveräner Gelassenheit bewegen sie sich zwischen den notierten Texturen, finden Übergänge und Abgrenzungen, spielen süffisant und unendlich cool. Ihre Musik hat Tiefe, leuchtet in suggestiver Schönheit und geistiger Innigkeit. Auch in den stillen, den lyrischen Momenten spürt man eine große Intensität und eine Vollkommenheit, die aber auch gar nichts mit Perfektion zu tun hat. Das Album lebt von der hohen Kunst der Konversation und einem Gespür für berührende Intelligenz.
Jörg Konrad

Mark Turner & Ethan Iverson
„Temporary Kings“
ECM
Autor: Siehe Artikel
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