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1. Bigband Dachau feat. Jimi Tenor: Live at Stadtheater Landsberg
2. Vor 62 Jahren: Art Blakey And His Jazz Messengers „Moanin'“
3. Thomas Stronen / Ayumi Tanaka / Marthe Lea „Bayou“
4. Black Patti „Satan' s Funeral“
5. Vor 50 Jahren: Manfred Krug / Uschi Brüning / Klaus Lenz Band
6. Nik Bärtsch „Entendre“
Freitag 16.04.2021
Bigband Dachau feat. Jimi Tenor: Live at Stadtheater Landsberg
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20. Oktober 2019: Jimi Tenor & Bigband Dachau – Ein ohrenbetäubender Spaß

Dies ist der Originalbericht des Mitschnitts LIVE AT STADTTHEATER LANDSBERG (erschienen am 21. Oktober 2019 unter www.kultkomplott.de & am 23. Oktober 2019 in der Augsburger Allgemeine Zeitung)

Landsberg. Wer bei dem Wort Big Band an straighten Swing mit fetzigen Bläsersätzen denkt, oder vielleicht an volltönendes Blech als musikalische Untermalung von lasziven Gesangsnummern, der liegt nicht unbedingt richtig. Denn eine Big Band ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger als die Bezeichnung für eine musikalische Großformation in bestimmter Besetzungsstärke. Ebenso wie ein Trio oder ein Quartett nicht verrät, welche Art von Musik zu erwarten ist.
Spätestens wer die Bigband Dachau (live!) erlebt und dann vielleicht auch noch, wie am Sonntagabend im Landsberger Stadttheater, mit dem Paradiesvogel der ansonsten schon kunterbunten Electro-Szene, mit Jimi Tenor als Gast, der muss sämtliche Vorurteile überdenken. Denn die Bigband Dachau feat. Jimi Tenor, das bedeutet: Stilistische Anarchie, instrumentale Disziplin, raffinierte Intonation, ein wenig Schamanentum bis Mummenschanz und jede Menge Spaß. Im Grunde all dies in einem.
Tenor, der, neben grandiosen Electro-Beats für die Tanzschuppen dieser Welt, seit einiger Zeit auch Big Band Arrangements entwirft, kennt einfach keine Grenzen. Der Finne ist ein kreativer Unruhegeist, der eben einstigen Erfolg nicht auf Gedeih und Verderb zu konservieren versucht. Tenor sucht nach immer neuen Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken und zieht damit entsprechend immer neues Publikum in seinen Bann. Einzige Voraussetzung: Die Musik hat Groove, die Musik hat Biss, die Musik ist tanzbar.
Mit der Bigband Dachau als Partner scheint Tenor genau das richtige Vehikel für seine Meriten gefunden zu haben. Dieses Orchester, geleitet und zusammengehalten von Thomas Jahn, dem allein für sein Dirigat das Bundessportabzeichen für Fortgeschrittene in Gold gebührt, ist in seiner Kompaktheit und Unerbittlichkeit eine Ausnahmeerscheinung. Diese Bigband klingt so spacig und ist instrumental so beweglich wie das einstige Arkestra um den großen Sun Ra. Manchmal klingt die Truppe aber auch nach George Clintons Großbesetzungen, wenn diese gerade einmal wieder mit ihrem Mothership, nach langen intergalaktischen Reisen, auf Mutter Erde landeten. Aber damit hören wir mit den vergleichen auch schon auf. Denn die, zumindest auf Dauer strapaziert, hinken bekanntlich.
Jimi Tenor ist ganz Herr der Lage. Zwar dirigiert er nicht, doch alles scheint auf ihn zugeschnitten. Mal wuselt er am Synthesizer, mal ein wenig an der alten Wurlitzer, er spielt ein Flötensolo, unterstützt die Woodwind-Section, beschäftigt sich mit dem kleinen Tischpropeller und singt natürlich seine Songs. Zwischendurch knallen die Trompeten, röhren die Posaunen, explodieren die Saxophone. Die Rhythmussection arbeitet ungerührt, wechselt wiederholt die Taktspur und bringt die Band zum Fliegen.
Das was die Big Bands der 1930er Jahre spielten, wurde später das „Alte Testament“ des Swing genannt. Count Basies Gruppenpräzision der später 1950er Jahre galt als das „Neue Testament“. Und Jimi Tenor plus Bigband Dachau? Man könnte meinen, so klingt Musik vom andern Stern.
Herausfordernd und kompliziert, ein wenig lasterhaft, auch kitschig, blitzblanke Ekstase gepaart mit musikhistorischer Dialektik. Zusammengehalten wird dieses komplexe Gebräu von ohrenbetäubendem Spaß, den die Beteiligten auf der Bühne durchweg vermitteln. Und aus dem Stadttheater wird ein brodelnder Tanzsaal.
Jörg Konrad



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Montag 12.04.2021
Vor 62 Jahren: Art Blakey And His Jazz Messengers „Moanin'“
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Das Schlagzeug war ihm nicht in die Wiege gelegt. Als Waise hatte der 1919 geborene Arthur William Blakey eine harte Kindheit. Er arbeitete schon mit zehn Jahren in den Kohlebergwerken von Pittsburgh, heiratete früh und war mit fünfzehn zweimal Vater. Die Vorzeichen für ein glückliches, sorgenfreies Leben standen schlecht.
Blakey begann zu musizieren, probierte sich an Trompete und Klavier aus und landete eher durch Zufall am Schlagzeug. Ein Segen für ihn und die Welt der Musik. Denn in New York entwickelte er sich zu einem der wirkungsvollsten und dynamischsten Schlagzeuger des Jazz. Gelernt hatte er das treibende, anpeitschende Spiel von Chick Webb und Big Sid Catlett. Bei ihnen fand er diesen kraftvollen Stil, der ihm persönlich lag und der ihn auch in Zukunft kennzeichnen sollte. Energie und Vitalität, Differenziertheit (trotz der enormen Wucht und damit auch Lautstärke seines Spiels), sich entladende Spannungsbögen, rhythmische Präzision und dramaturgische Akzentuiertheit waren die äußeren Säulen seiner Schlagzeugarbeit. Damit leitete er seine Bands, feuerte die Solisten an, machte jede Komposition, die eines der Bandmitglieder mit einbrachte, oder bekannte Standards zu Blakey-Messengers-Nummern.
Denn seine über Jahrzehnte in unterschiedlichen Besetzungen geführte Band nannte er „The Jazz Messengers“. Blakey suchte für diese Formation, die anfänglich fast das ganze Jahr hindurch tourte, immer junge, bis dahin unbekannte Musiker, deren kreatives Feuer nicht zu löschen war und die er zugleich mit großer Freude förderte. Nachdem er zu Studien in Westafrika weilte konvertierte er zum Islam und nannte sich Abdullah Ibn Buhaina. Von seinen Musikern, sowie den später zehn eigenen und sieben Adoptivkindern, wurde er entsprechend liebevoll von allen nur „Father Bu“ genannt.
Viele seiner Alben entstanden für das damals wohl wichtigste Jazzlabel Blue Note Records. Hier erschien 1954 ein Live-Mitschnitt aus dem New Yorker Birdland, das als die Geburtsstunde des Hardbop gilt. Blakey spielte sein Leben lang diesen aus afroamerikanischer Volksmusik, Rhythm & Blues und Gospel eingefärbten Stil und ließ sich auch später weder von Moden noch anderen kulturellen Zeitgeistströmungen beeindrucken. Sein vielleicht bekanntestes Werk spielte er im legendären Rudy van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey am 30. Oktober 1958 ein. Blakey nannte es einfach „Art Blakey And The Jazz Messengers“. In die Geschichte des Jazz ist es als „Moanin“ eingegangen, entsprechend dem ersten Stück dieses Albums.
Die Besetzung dieser Aufnahme liest sich heute wie ein Who's Who des Jazz der 1960er Jahre: Lee Morgan (Trompete), Benny Golson (Saxophon), Bobby Timmons (Klavier) und Jymie Merritt (Bass). Ein Großteil der Kompositionen auf diesem Album hat Benny Golson geschrieben, der überhaupt die Fäden bei den Messengers während dieser Zeit in den Händen hielt. Einige von diesen Stücken wurden später selbst zu Standards, auch „Moanin'“, das aus der Feder des damals erst 22jährigen Bobby Timmons stammt. Eine Nummer, in der das Call & Response der Gottesdienste zu spüren war (Timmons wuchs bei seinem Großvater, einem Prediger auf!), das Ekstatische des Funk, Blues und swingende Robustheit. Hervorzuheben bei allen Aufnahmen ist die ausgefeilte Balance zwischen den kompakten Arrangements und den Solis. Die waren dramaturgisch durchweg exzellent aufgebaut, hatten Schmiss und wirkten trotz aller Schärfe beseelt. Einzige Ausnahme auf diesem Album: The Drum Thunder. Eine rhythmische Spielwiese für den Leader, wobei er seine ganze (solistische) Klasse im Kontext mit der Band zum Ausdruck bringt. Neben all den wunderbaren, mitreißenden rhythmischen Figuren und einzigartigen Drum-Licks ist hier besonders der afrikanische Einfluss in seinem Spiel zu spüren (und deutlich zu hören!).
Die britischen Musikzeitschrift Jazzwise kürte das Album 2006 auf Platz 28 der 100 besten Jazz-Alben. Sieben Jahre später wählte das Magazin Rolling Stone „Moanin'“ in seiner Liste der 100 besten Jazz-Alben auf Platz 21.
Alfred Esser

Art Blakey And His Jazz Messengers
„Moanin'“
Blue Note
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Foto: Camilla Jensen / ECM Records
Donnerstag 08.04.2021
Thomas Stronen / Ayumi Tanaka / Marthe Lea „Bayou“
Es gibt nur wenige Schlagzeuger, deren Spiel derart still und verinnerlicht ausfällt, dass man von einem Schlagwerker im klassischen Sinn überhaupt nicht sprechen mag. Der Norweger gehört nicht im entferntesten zu diesen erlauchten Meistern der „Schießbude“, zu diesen swingenden Kraftpaketen, den fiebrigen Trommlern, die auch in den unscheinbarsten und winzigsten Zwischenräumen einen Break unterzubringen verstehen. Was Stronen schafft, sind rhythmische Koloraturen, verspielte percussive Muster, intime Synergien. Mit stoischer Ruhe und konzentrierter Dynamik definiert er das Drumset völlig anders, bringt neue Farben und Atmosphären in den Puls, klingt unglaublich differenziert, weil er diese tiefgreifend spirituelle Attitüde besitzt.
Auf „Bayou“ arbeitet Stronen mit der jungen japanischen Pianistin Ayumi Tanaka und der Norwegerin und in diesem Fall Klarinettistin, Perkussionsitin und Sängerin Marthe Lea zusammen. Ein Trio der bekennenden Unangepasstheit, der individuellen Offenheit, das sich in den zehn grandiosen Improvisationen des Albums, das erste Stück ist entfernt an ein nordisches Volkslied angelehnt, verhalten vorantastet, befriedete Plätze der Ruhe akustisch neu besiedelt. Musikalisch Hand-in-Hand bewegen sich die drei in einem offenen Diskurs, agieren emanzipiert, finden sofort den roten Faden, der sie in diesen lauten und dreisten Zeiten durch ein Labyrinth klanglicher Poesie leitet.
Was von dem Trio als ein musikalisches Experimentierfeld gedacht war, in dem Ideen aus Kammermusik und Jazz, Folklore und Minimalmusic miteinander in Beziehung treten, ist nun ein Album geworden. Außergewöhnliche Musik, die schwer einzuordnen ist. Intelligent und frei, voller Wärme, leicht elegant und doch auch körperlich spürbar.
Jörg Konrad

Thomas Stronen / Ayumi Tanaka / Marthe Lea
„Bayou“
ECM
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Samstag 03.04.2021
Black Patti „Satan' s Funeral“
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„Ein Blues ist ein tief empfundener Song von ganz persönlicher, gefühlsbestimmter Eigenart“, schreibt Samuel B. Charters in seinem Buch „Die Story vom Blues“. Ein Gedanke, der einerseits den Blues aufgrund seiner Emotionalität und Authentizität nach außen und gegenüber zum Beispiel Alltagsschlager deutlich abgrenzt. Andererseits öffnet dieser Satz ihn nach verschiedenen Richtungen, macht ihn durchlässiger für Instrumentalisten, die in ihrer Biographie nicht unbedingt auf Baumwollplantagen, oder auf ein tiefes, unerträgliches Leid verweisen können. Was eben bedeutet, dass ein Musiker ohne diese genannten Wurzeln sehr wohl in der Lage ist, packenden, berührenden Blues zu spielen.
Bestes Beispiel hierfür ist das schon seit Jahren bestehende Duo Black Patti. Haben sich die beiden Münchner in der Vergangenheit deutlicher mit dem frühen, dem sogenannten Post-War-Blues beschäftigt, tauchen sie mit ihrem neuen Album „Satan's Funeral“ noch tiefer in die Historie dieser Musik ein und widmen sich der Spiritual- und Gospeltradition.
Sie verweisen in ihrem Vorwort auf das Spannungsverhältnis zwischen dem wilden „Juke Joint“ am Samstagabend und dem „frommen Gotteshaus“ am Sonntagmorgen. Auf der Verbindungsachse dieser beiden Pole baut der Blues sein tragbares, sein sicheres Gerüst. Auf erregender Leidenschaft und innigem Respekt. Analytisch betrachtet geht es darum, den vergangenen Alltag mit all seinen Erniedrigungen und Nöten am Abend auszugleichen, zu verdrängen und zu reflektieren. Am Morgen stehen dann Hoffnung und Freude am Glauben im Vordergrund, auch als Vorbereitung für das Kommende, das es zu überstehen und zu überwinden gilt. Und so kann es sein, dass diese Songs für die einen aufgrund ihrer ekstatische Hinwendung zum Leben Teufelsmusik ist und für die anderen das liedhafte Bekennen ihrer Sünden, wobei das „teuflische“ musikalisch zu Grabe getragen wird - eben „Satan's Funeral“. Und wer jetzt denkt, dieses musikalische Gebräu würde in seiner historischen Dimension akademisch klingen, der täuscht sich natürlich.
Peter Crow C. (Gesang, Gitarre, Harmonika) und Ferdinand „Mr. Jelly Roll“ Kraemer (Gesang, Gitarre, Mandoline, Harmonika) arbeiten sich an diesem inspirierenden wie leidvollen Lebensweg spartanisch ab. Was sie spielen kann man als Kirchensongs beschreiben, die das Weltliche reflektieren. Sie interpretieren rau bis derb und wirken in ihren Lebenswegbeschreibungen und Träumen doch unglaublich mitfühlend, ja voller Poesie. Man spürt, dass hier die Grundlage all der Musik der Neuzeit verpackt ist (und die immer wieder fälschlicherweise vorgibt, eben eine Erfindung der Neuzeit zu sein). Hier klingen die wahren Wurzeln all dessen, was uns tagtäglich an Popklängen manchmal unerträglich um die Ohren fliegt. Es sind rudimentäre Versatzstücke wie aus einer anderen Welt. Nein, sie war sicher nicht besser. Aber vielleicht einfacher, überschaubarer, berührender, stärker am Ursprünglichen angelegt. Mit ihrer instrumentalen Beherrschung wirbeln Peter Crow C. und Ferdinand „Mr. Jelly Roll“ Kraemer nicht das Universum durcheinander. Darum geht es nicht. Wunderbar ergreifend aber ihr Satzgesang und ihr akustischer Blick auf Beständigkeit. Blues eben in seiner schönsten Ausformung.
Viktor Brauer

Black Patti
„Satan' s Funeral“
Rhythm Bomb Records
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Montag 29.03.2021
Vor 50 Jahren: Manfred Krug / Uschi Brüning / Klaus Lenz Band
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Als die vorliegenden Aufnahmen im Frühjahr des Jahres 1971 im Dresdner Hygiene Museum entstanden, waren sowohl Klaus Lenz als auch Manfred Krug dem Publikum der DDR als lokale Berühmtheiten wohlvertraut. Der eine (Lenz) als (Big-)Band-Leiter, ausgezeichneter Arrangeur und virtuoser Trompeter; der andere (Krug) als Sänger und, schon damals, als kauziger Filmstar in über 40 Kino- und Fernsehfilmen meist in einer der Hauptrollen mitwirkend. Mit diesen künstlerischen Pfunden ließ sich wuchern. Die jährlichen Jazz-Tourneen der beiden waren fast immer und in kürzester Zeit ausverkauft.
1970 entdeckte Lenz die damals 23jährige Uschi Brüning, die in Leipzig als Gerichtssekretärin arbeitete, aber im Grunde ihres Herzens nur eines werden wollte: Sängerin. Viel später sagte sie einmal, singen sei für sie wie ein Grundbedürfnis: „Bei allen Tätigkeiten, im Auto, zuhause beim Waschen, beim Bügeln – ich singe immer. Das ist wie Atmen.“
Sie hatte schon damals eine Stimme, die sich durch Phrasierung, Leichtigkeit und Klarheit auszeichnete und swingend und scattend galt sie, schon kurz nach ihren ersten Tourneen, als die „Ella Fitzgerald der DDR“.
In eben jenem Konzert in Dresden stand sie das erste Mal an der Seite von Manfred Krug auf der Bühne. Und Werner (Josh) Sellhorn, der Moderator während dieser Tour, sprach erst vor wenigen Jahren davon, wie das Publikum die Sängerin damals begeistert feierte, „... dass sogar der erfolgsverwöhnte Manfred Krug etwas ins Grübeln kam ….“.
Das Repertoire setzte sich zusammen aus angesagten Pop- und Jazz-Hits aus dem Umfeld der Beatles, Blood Sweat & Tears oder Charles Lloyd, aus Traditionals, Songs von Billie Holiday und George Gershwin, sowie eigenen Kompositionen in erfrischenden Arrangements.
Star des Abends war natürlich Manfred Krug. Er, der selbst einmal sagte, im Grunde könne er gar nicht singen, kämpft sich tapfer durch das Programm, wird vom Publikum begeistert empfangen, imitiert David Clayton Thomas, knarrzt und raunzt, gibt sich überaus charmant - dann wieder hemdsärmelig und erzählt Geschichten, deren (oft politische) Pointen heute deutlich werden lassen, welche Anzahl an Jahren mittlerweile vergangen sind und wie das gesellschaftliche Leben in der DDR organisiert war.
Uschi Brüning hingegen konzentriert sich ausschließlich auf ihren Gesangspart, vermittelt Leidenschaft mit stimmlichem Temperament und man spürt, dass sie diese gebotene Chance, als Jazzsängerin wahrgenommen zu werden, mit voller Hingabe nutzt. In ihrer Autobiographie, die 2019 unter dem Titel „So wie ich“ schrieb sie, dass der Jazz in der DDR im Grunde ein Widerspruch in sich sei. Denn Jazz sei der Ausdruck von Freiheit und Befreiung – und diese Art des Aufbegehrens gehörte zumindest damals noch nicht zum Alltag. Trotzdem macht dieser Live-Mitschnitt deutlich, dass in jeder Diktatur ein Gefühl für Selbstbestimmung permanent das Leben bestimmt und jede Möglichkeit der Selbstbefreiung und sei sie noch so klein, entschieden wahrgenommen wird.
Jörg Konrad

Manfred Krug / Uschi Brüning / Klaus Lenz Band
„1971 Live“
Mara Records
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Mittwoch 24.03.2021
Nik Bärtsch „Entendre“
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Nein, „Entendre“ ist nicht das erste Soloalbum von Nik Bärtsch. Schon auf „Hishiryo“, aufgenommen 2002, gelingt dem Schweizer dieser bemerkenswerte wie einzigartige Spagat zwischen den musikalischen Modernen, die das Klavierspiel als Herausforderung der Neuzeit bereithält: Minimal und Improvisation, klassische Tradition und treibende Grooves, mäandernde Sequenzen aus Ambiente und Worldmusic. Das alles in ausgefeilter Instrumentaltechnik vorgetragen, setzt Bärtsch all diese Komponenten in ein verflochtenes, dabei aber transparentes Spannungsverhältnis. Diese einzelnen Elemente sind bei ihm als ein komplexes Klangereignis wahrzunehmen. Die Module, so nennt der Pianist seine Kompositionen, leben, atmen, existieren als ein musikalischer Gesamtorganismus. Spürt man in den vor knapp zwei Jahrzehnten entstandenen Aufnahmen die einzelnen Abgrenzungen noch deutlicher, sind die Differenzen und Brüche heute vollkommen verwischt.
Beinahe jedes Stück auf „Entendre“ entwickelt sich in einer nachvollziehbaren, manchmal an Zeitrafferbilder erinnernden, auch brodelnden Intensität. Bärtsch beherrscht die ungeraden Metren blind. Sie sorgen für eine ständige Veränderung des Klangideals. Rhythmische Verschiebungen manövrieren die einzelnen Stücke immer wieder in völlig neue phonetische Fahrwasser. Es gibt eine Menge an überraschenden Momenten, an hackenschlagenden Ideen. Doch kommen diese Überraschungen nicht im Sekundentakt, wie bei einer modernen Jazzband. Es ist Zen-Funk oder auch Ritual Groove Music, wie der Schweizer sein Gebräu nennt und damit den individuellen Charakter seiner Herangehensweise an Musik auch ausgesprochen ausdrückt. Was er hierfür in die Waagschale wirft sind Reflexion, Spontaneität, Konzentration und Freiheit.
Bärtsch vermittelt dem intensiven Hörer immer das Gefühl, am Entstehungsprozess der Musik beteiligt zu sein, bzw. am Akt der Geburt dieser Musik vom Parkett aus teilzunehmen.
Jörg Konrad

Nik Bärtsch
„Entendre“
ECM Records
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Autor: Siehe Artikel
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