Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Mathias Eick – Landsberg

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Olching: 15. Jahre KOM mit Luz Amoi

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Fürstenfeld: Emil Brandqvist Trio – Die Chemie stimmt

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Landsberg: Nik Bärtschs Ronin - Voll drängender Intensität

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Puchheim: Bluesfestival – Und er lebt auch heute

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Fürstenfeld: Florian Weber – Spontan auf Zuruf

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Samstag 13.04.2019
Landsberg: Mathias Eick – Landsberg
Landsberg. Das erste, was an seiner Musik auffällt, ist das Streben nach Anmut, Sanftmut und Wohlklang. Nicht dass er zwischenzeitlich keine Dissonanzen verarbeiten würde, musikalisch provoziert, in einem bestimmten Rahmen und für eine begrenzte Zeit auch frei improvisiert. Aber diese Momente wirken wie ein künstlerischer Kontrapunkt, um die anschließende Harmonie noch stärker zur Geltung zu bringen.
Mathias Eick war am gestrigen Abend nach 2016 zum zweiten Mal in Landsberg. Der Trompeter aus dem hohen Norden Europas. Schon in seinem letzten Konzert konnte der „melancholische Grundgestus“ seiner Musik das Publikum begeistern. Diesmal, in leicht veränderter Besetzung, hatte der Norweger einige Kompositionen seines zwischenzeitlich erschienenen Albums „Ravensburg“ im Gepäck. Eine Sammlung von Songs, die sich ebenfalls der Grundlagen von europäischer Kammermusik, der zeitgenössischen Improvisation und der Folklore seiner Heimat bedienen. Was er so überzeugend spielt und letztendlich auch komponiert, setzt er überwiegend aus diesen stilistischen Bausteinen zusammen. Und er tut dies zurückhaltend, reduziert, mit einem überzeugenden ästhetischen Gespür und immer innovativ.
Warum aber Ravensburg? Nun, aus Ravensburg stammen Vorfahren der Familie Eick. Genauer: Mathias Großmutter kommt aus der oberschwäbischen Kleinstadt. Und da er sich in seiner Musik schon immer von Landschaften und Menschen hat inspirieren lassen, war es gedanklich nur ein kleiner Schritt, vom Land der Seen und Fjorde Skandinaviens hinunter ins deutsche Ravensburg.
Die Musik selbst ist aber stark geprägt von den Traditionen Norwegens. Das wird besonders durch den Geiger Hakon Aase deutlich, der im neuen Quintett des Trompeters eine zentrale Rolle einnimmt. Er ist auch in Landsberg die zweite Stimme in den Kompositionen, ist (akustisch interessanter) Dialogpartner von Mathias Eick, bringt ein Gefühl von melancholischer Ausgelassenheit und folkloristischer Unbedarftheit in die Musik.
Der Unterschied zwischen einer Studioproduktion Mathias Eick und dem Auftritt seiner Formation im Konzert? Ruhe und Ausgeglichenheit treten zugunsten von Temperament und Intensität etwas mehr in den Hintergrund, die Passagen der Improvisation klingen entschlossener, oft freier und die Strukturen der einzelnen Songs sind weiter gefächert. Die wunderbaren Melodien, die sehr persönliche Art der Dynamik bleiben aber während des gesamten Auftritts den Kompositionen erhalten.
Andreas Ulvo setzt am Piano zurückhaltende Harmonien, leuchtet wie mit mattem Licht die Wege aus, gibt die Richtung vor, in die sich die Musik bewegen soll. Audun Erlien am Bass und Torstein Lofthus am Schlagzeug gestalten das rhythmische Fundament, wechseln die Takte, bringen unvorhersehbares ins Spiel, interagieren spontan und sind doch immer in der Zeit. Und Mathias Eick zirkelt die aufgeräumten, lyrischen Melodien an den Himmel, die trotz aller Zartheit Strahlkraft besitzen. Dazu gibt er mit seiner Stimme den Stücken eine ganz persönliche menschliche Note und spielt, als letzte Zugabe, noch ein beseeltes Solostück auf dem Klavier.
Jörg Konrad
 
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Samstag 06.04.2019
Olching: 15. Jahre KOM mit Luz Amoi
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Olching. Sie spielen Weihnachtskonzerte, werten Volksfeste und manchen politischen Ortsverband auf, haben ein Programm zur Kirschblütenzeit und spielen, wie am gestrigen Freitag, zum 15. jährigen Jubiläum der Kulturwerkstatt am Olchinger Mühlbach, kurz KOM genannt. Luz Amoi – ein Quintett für alle Fälle. Die Formation hat übrigens auch zur Eröffnung dieses wunderbaren kleinen Kulturtempels schon damals in Olching eines ihrer ersten Konzerte gespielt und Stefan Pellmaier, Johannes Czernik, Stefanie Pellmaier, Manuela Schwarz und Dominik Hogl haben es sich nicht nehmen lassen, auch der jetzigen Einladung zu folgen.
So vielfältig die Feste, zu denen Luz Amoi aufspielt, so vielfältig ist ihre Musik. Muss sie auch sein, um diese Wirkung zu entfalten, logisch. Auch im KOM haben die Fünf, die mittlerweile in der kleinen Gemeinde Oberappersdorf  leben, gezeigt, dass es sehr wohl funktioniert, mit der Toleranz und dem Respekt, mit der Grenzen überschreitenden Musikalität und der Hoffnung auf Verständigung. Die Messlatte für den Anspruch sehr hoch zu legen und trotzdem dem Publikum zu gefallen (ohne dabei gefällig zu sein!), das schaffen Luz Amoi spielend.
Manche sprechen bei dem, was die Band präsentiert, von bayrischer Weltmusik. Doch das klingt irgendwie anmaßend. Wenn, dann schon eher Weltmusik aus Bayern. Denn die bayrische Traditionsmusik ist die eigentliche Grundlage ihres musikalischen Tuns, ja, ist wahrscheinlich überhaupt der Grund, weshalb es Luz Amoi heute schon derart lange und erfolgreich gibt. Denn in den Familien, in denen die einzelnen Mitglieder musizierten, war eben einheimische Volksmusik Trumpf. Aber wie es so ist, irgendwann im jugendlichen Alter kommen ganz andere Einflüsse von außen hinzu hinzu. Jazz und Pop, Blues und Klassik, Chormusik und akademische Studien. Und irgendwann steht die Frage im Raum: Welche Musik wollen wir spielen?
Mit Akkordeon, Percussion, Gitarre, Saxofon, Klarinette, Violine, Hackbrett, Harfe, Kontrabass und Gesang bringen sie das Brauchtum der Wirtshausmusik und die Moderne stimmig auf den Punkt. Bodenständig, wenn es um den Zwiefachen, die Polka oder den Walzer geht, mitreißend, wenn sie den Blues zitieren, exotisch klingt bei ihnen der Surfsound Kaliforniens an, mal swingt es krachledernd, mal blinzelt ein wenig die Klassik von der Bühne und die Balladen, die haben das emotionale Potenzial berührender Intimität. Und bei allem spürt man die (ansteckende) Freude, die das Musizieren den Instrumentalisten bereitet.
Übrigens heißt ihr neues Programm „für Berta“. Wer Berta ist? Das bleibt das Geheimnis der gestrigen Konzertgemeinde. Versprochen. Aber vielleicht lassen sie es sich bei einem der kommenden Konzerte von Stefan Pellmaier selbst erzählen. Oder auch zum 30. KOM-Jubiläum, wenn Luz Amoi vielleicht wieder zu Gast in Olching sind …...
Jörg Konrad
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Donnerstag 04.04.2019
Fürstenfeld: Emil Brandqvist Trio – Die Chemie stimmt
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Fotos: TJ Krebs
Fürstenfeld. „Für mich ist die Natur eine wesentliche Inspirationsquelle, besonders die Jahreszeiten“, erzählte Emil Brandqvist vor einiger Zeit in einem Interview. Daran sollte sich bis heute wohl kaum etwas geändert haben. Die Stimmungen, die seine Musik vermittelt, sind somit ein Spiegelbild jener Gegenden und Zeiten, in denen sie entstand. „Wenn in meiner Musik manchmal etwas melancholisches zu hören ist, liegt das wohl an der Sehnsucht nach dem Sommer.“
Nun, der gesamten Musik des Emil Brandqvist Trios hängt etwas sehnsuchtsvolles an – was im Grunde auch verständlich ist. Denn der Schlagzeuger lebt überwiegend, dass heißt, wenn er nicht gerade auf Tour ist, im schwedischen Göteborg. Und diese Stadt liegt ziemlich hoch im Norden Europas. Die Durchschnittstemperatur beträgt hier im Jahresmittel ca. 6,5 Grad Celsius, bei 120 Regentagen!
In Fürstenfeld herrschte gestern frühlingshaftes Wetter und Brandqvists Musik schöpfte tief aus dem Gefühl der Melancholie und der Sehnsucht. Gemeinsam mit Tuomas Turunen am Klavier und dem Bassisten Max Thornberg fand der Schwede einen idealen musikalischen Ausdruck. Angelegt zwischen Chopin und Ellington, ausgestattet mit der Intensität eines Esbjörn Svensson bis Jakob Karlzon, in der Komplexität der Musik erinnernd an Brad Mehldau und Bobo Stenson. Das Prinzip der Virtuosität wird nicht überstrapaziert.
Vieles von dem, was Brandqvist und seine beiden instrumentalen Partner spielten, wirkte eingängiger und leichter, als es tatsächlich ist. Aber das ist auch genau einer der Gründe seines Erfolges. Packende Themen, dramaturgisch ausgefeilte Arrangements, transparente und dynamisch ausgespielte Improvisationen. Und vor allem aufeinander abgestimmte Instrumentalisten. Innerhalb des Trios stimmt die Chemie, jeder einzelne weiß genau, in welche Richtung sich sein Nebenmann bewegt, wo seine Stärken liegen und womit er sich stimulieren lässt.
Auffällig ist aber bei allen Kompositionen, die zum Großteil aus der Feder des Schlagzeugers stammen, der dicht gewebte perkussive Teppich. Nicht laut, nicht von rhythmischen Kunststücken durchsetzt und schon gar nicht aufdringlich. Sondern dicht, verzahnend, nach außen die Musik abschließend. Brandqvist hällt alles zusammen, er ist ein Jongleur der die Balance innerhalb der Musik hält. Einer, der sein Instrument liebt, das seinen Ideen Ausdruck verleiht – zugunsten der Gruppe, in der er sich bewegt.
Jörg Konrad
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Sonntag 17.03.2019
Landsberg: Nik Bärtschs Ronin - Voll drängender Intensität
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Fotos: TJ Krebs
Landsberg. Es sind genau jene scheinbar nicht enden wollenden Wiederholungen, welche der Musik Nik Bärtschs etwas beinahe Rituelles geben. Diese rhythmischen Patterns und deren unablässigen, minimalen Verschiebungen, die letztendlich neue Klanghorizonte eröffnen. Diese sparsamen Variationen der Themen auf dem Fundament eines rastlos treibenden Grooves. Komponierte Askese, die von Bärtschs vital agierendem Quartett in den unterschiedlichsten Modulen zusammengesetzt werden. So entsteht ein sich ständig erneuerndes Verhältnis zwischen Aufwand und Wirkung, verschieben sich die kreativen Schnittmengen der Titel immer wieder neu, ohne dass es dem Ergebnis an Spannung oder Leidenschaft fehlt. Nik Bärtschs Formation Ronin im Landsberger Stadttheater - ein optimistischer Kraftakt voll drängender Intensität.
Jeder Ton scheint genau kalkuliert, ist präzis gesetzt, füllt zielgenau den Äther. Musik, wie ein frisch geschnittener Strauch, der erst durch die Redundanz die prachtvollsten Blüten treibt. Jazz in einer der eigenwilligsten Varianten. Weder Swing noch Avantgarde, kein Blues und schon gar nicht Bop. Und doch schwingt von all dem in dieser Musik ein wenig mit, wohlbedacht und intuitiv.
Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten verfolgt der Schweizer sein Konzept des Zen-Funk oder auch der Ritual Groove Music, wie er selbst seine Kreation nennt. Die Herangehensweise selbst erinnert an frühere Aussage von Miles Davis, der meinte, alles Neue im Jazz passiere über den Rhythmus. Und Bärtschs Zen-Funk ist etwas Neues, etwas Ungewöhnliches, bis dato nie Gehörtes. Musik voller Stärke und Sturheit.
Bärtsch hat eine eingeschworene Truppe an seiner Seite. Schlagzeuger Kaspar Rast, dessen knochentrockene Rimshots klingen, als wolle er die Zeit neu takten. Thomy Jordi, der dem Bass seine tiefen Töne, seinen „Bauch“ lässt und der zugleich die peitschende Slap-Technik überzeugend beherrscht. Sha, der an Bassklarinette und Altsaxophon sowohl für hymnische Klangfarben sorgt, als auch mit stotterndem Staccato die Musik komprimiert. Und natürlich der Meister selbst, inspirierend, virtuos, die Dramaturgie perfekt in Szenen setzend.
Und dann wäre da noch ein zweiter Bassist, Björn Meyer. Noch vor einigen Jahren selbst festes Mitglied von Ronin, bis er sich anderen musikalischen Herausforderungen stellte. Der „schwedische Schweizer“ bestritt den ersten Teil des Abends - unbegleitet. Grundlage für diesen selten zu erlebenden Solotrip eines Bassgitarristen ist sein vor eineinhalb Jahren erschienenes Album „Provenance“ (ECM). Eine Sammlung von spieltechnischen Ideen und mentalen Befindlichkeiten, die er kontrastreich und differenziert umsetzt. Ein Monolog, der eine breite Palette an stilistischen Herausforderungen nutzt, der zwischen Jazz und Ambient charchiert, zwischen Affront und Beseelung und dabei eine wunderbar lyrisch pulsierende Musik schafft.
Dass Björn Meyer ganz zum Schluss noch gemeinsam mit Ronin auf der Bühne steht und in völliger Vertrautheit mit der Band ein gewaltiges finales Feuerwerk abbrennt, macht auch die offene und idealistische Dimension, die diese Musik ausstrahlt, überdeutlich.
Jörg Konrad

Auch in der Augsburger Allgemeinen
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Sonntag 17.03.2019
Puchheim: Bluesfestival – Und er lebt auch heute
Puchheim. Es ist knapp einhundert Jahre her, da fuhren in den Südstaaten der USA mobile Aufnahmestudios durch die Provinz. Und irgendwo auf dem Land oder in einer kleineren Stadt hielten die Gefährte. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte meist blitzschnell, dann standen vor den fahrbaren Studios eine Handvoll Sänger mit ihren Instrumenten. Sie bekamen fünf Dollar für zwei ländliche Blues-Aufnahmen. Anschließend bewegte sich das Fahrzeug wieder in den Einflussbereich einer großen Plattenfirma. Die Songs wurden auf Schellack gepresst und nicht selten in zig-facher Vervielfältigung vertrieben. Die Musiker selbst sahen von den Einnahmen oft keinen Cent.
Nun, die Zeiten haben sich geändert. Trotzdem gehören diese Tatsachen noch heute zur Geschichte des Blues. Und die Historie stand im Mittelpunkt des mittlerweile 4. Bluesfestivals in Puchheim (im Grunde handelte es sich aber um die 9. Ausgabe – zählt man einmal die fünf einzelnen Blues-Abende in den Jahren zuvor mit).
Das Programm wurde auch 2019 von Ferdinand "Jelly Roll" Kraemer und Peter Crow C., besser bekannt unter dem Namen Black Patti, zusammengestellt. Und auch 2019 waren die beiden Abende fast ausverkauft, was zeigt, wie sehr die Seele des Blues auch heute noch frisch und vital lebt.
Das Musikfest eröffnet haben am Freitag Black Patti mit ihrem Post-War-Blues. Es folgten mit Ignaz Netzer und den Crazy Hambones dann zwei Vertreter, die den Blues ebenfalls deutlich verinnerlicht und in ihre Interpretationen die verschiedenen Entwicklungen des Blues aufgenommen haben.
Samstag enterte dann der Österreicher Sir Oliver Mally mit seinem launischen wie wunderbaren akustischem Folk Blues die Bühne. An seiner Seite: Hubert Hofherr, einer der besten und anerkanntesten Mundharmonikaspieler der Szene. Gemeinsam beackerten sie aber nicht nur die amerikanische Bluesgeschichte. Manche ihrer Songs und Balladen war klassisches Singer-Songwriting, ehrlich, eindringlich, abgeklärt.
Aus England stammt Steve „Big Man“ Clayton der mit rollenden Augen und kräftiger Stimme stampfend den Boogie Woogie zelebrierte. Ein musikalisches Genie, ein schwergewichtiger Entertainer, dieser Pianist und Sänger. Gemeinsam mit seiner Band, den Wild Blues Men, wechselte er aber auch locker vom Funk zum Soul, schmetterte herzzerreißende Balladen ins Publikum, zitierte den Chicago Blues und coverte tatsächlich Led Zeppelins „Whole Lotta Love“ und machte aus diesem fünfzig Jahre alten Hit eine begeisternde Boogie-Woogie-Hymne.
Clayton jedenfalls kämpfte sich mit purer Freude durch sein Programm, ließ deutlich werden, woher der Blues kommt, und, in diesem Teil des Konzertes fast noch wichtiger, welchen Einfluss der Blues auf die Popmusik bis heute hat.
Nun, fahrbare Aufnahmestudios gab es in Puchheim nicht. Aber vielleicht gäbe es ja in der Zukunft die Möglichkeit, einige der Konzerte mitzuschneiden und einen Sampler mit den musikalischen Höhepunkten der Blues-Nacht zu veröffentlichen. Zum Beispiel im nächsten Jahr, wenn das 10. jährige Jubiläum ansteht?!
Jörg Konrad

Auch in der SZ


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Donnerstag 28.02.2019
Fürstenfeld: Florian Weber – Spontan auf Zuruf
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Foto: Christoph Müller-Bombard
Fürstenfeld. Schon vor Jahren war an dieser Stelle zu lesen, dass die Zukunft des Jazz gesichert scheint. Zumindest was den Nachwuchs auf der Bühne betrifft. Sieht man sich allein die Pianisten der Zunft an, wird dies besonders deutlich: Michael Wollny, Benedikt Jahnel, Julia Hülsmann, Pablo Held. Sie alle sind schon in Fürstenfeld gewesen. Auch Florian Weber. Doch war der gestern erstmals mit seinem Soloprogramm Gast der Reihe JAZZ FIRST. Und er spielte ein grandioses Konzert, elegant und raffiniert, magisch und provokant.
Erst in diesem Jahr hat der aus Detmold stammende Klavierspieler ein Album mit internationaler Besetzung auf ECM-München veröffentlicht. Am Mittwoch saß er hingegen als Solist auf der Bühne. Sein Spiel? Flüssiges Musizieren zwischen Europäischem und Exotischem, zwischen Traditionellem und Modernem, zwischen Improvisation und Komposition. Ein Meer an Befindlichkeiten und Stilen, in welches der Tastenmagier taucht, ja, die er sogar abzurufen in der Lage ist.
Weber ist ein Meister im geschickten Setzen von Tönen und Intervallen, im Nutzen von Pausen, im Sprunghaften zwischen Blues und Debussy, in der dramaturgischen Gestaltung eines Stückes. Er spielt mit dem Faktor Zeit, bewegt sich eindeutig gegen den Strom (des Mainstream!) und reißt fragmentarisch immer wieder neue Themen an. Standards braucht er für seine Herangehensweise nicht, obwohl ihm das Spiel mit den Altvorderen des Jazz in der Vergangenheit große Freude bereitet hat – wie die zurückliegenden Aufnahmen mit Lee Konitz akustisch nahelegen.
Sein Monolog am gestrigen Abend war auch ein Manifest der Freiheit. Freiheit in dem Sinn, zu tun, also spielerisch zum Ausdruck zu bringen, was ihm  künstlerisch wichtig und individuell angezeigt ist. Denn Florian Weber ist, wie in seinem bisherigen Leben, auch während eines Konzertes gedanklich unterwegs, immer auf der Suche nach dem bestimmten Klang, dem ganz bestimmten Ton. Und an diesem kreativen Geschehen lässt er seine Zuhörer direkt und unmittelbar teilnehmen. Spontan auf Zuruf, oder sich selbst stets wieder neu herausfordernd. Nur so, im praktischen Teil des Experimentierens, entsteht Neues.
Seine manchmal scharfen, meist eigenwilligen Kompositionen atmen den Geist der Klassik und des Jazz. Dabei ist er nah dran, am Abenteuer der Improvisation, am bisher ungehörten, an der Amplitude zwischen dem Ideal und dem Leben.
Jörg Konrad
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