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Inhaltsverzeichnis
Fürstenfeld: tanzmainz – Energie, die nicht verloren geht

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Gröbenzell: Das Elias String Quartet – Grandiose Kunst von großer Int...

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Landsberg: Pablo Ziegler Trio – Alles Tango

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Germering: Jason Seizer Quartett – Konzentriert und fantasiereich

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Iffeldorf: Davide Giovanni Tomasi & Pedro Aguiar – Ungehörte Klanglan...

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Landsberg: Rosanne Cash – Beschwörende Lebenslinien

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Mittwoch 03.10.2018
Fürstenfeld: tanzmainz – Energie, die nicht verloren geht
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Fotos: Andreas Etter
Fürstenfeld. Ihre Körper scheinen befreit von allen physikalischen Gesetzen. Sie fliegen schier grenzenlos durch den Bühnenäther, wobei sich ihre Bahnen gefährlich kreuzen. Nach weiten und hohen Schwüngen landen sie federnd auf dem Boden, werden kontrolliert gefangen, verlässlich gestützt und in neue Sphären und Richtungen gestemmt. Kein Stillstand, ständige Bewegung. Aus Fliehkräften werden Umarmungen und aus Gewichten geschickte Gegengewichte. Keine Energie geht verloren, alles ist im Fluss.
Der Schwerkraft erfolgreich widerstehen, könnte man den Auftritt von tanzmainz und „Fall Seven Times“ umschreiben. Doch Guy Nader und Maria Campos, den beiden Choreographen, geht es bei ihrem Stück, das am gestrigen Dienstag in Fürstenfeld aufgeführt wurde, weniger um wissenschaftliche Gegenbeweise oder gar artistische Akrobatik. „Fall Seven Times“, für das die Truppe im letzten Jahr den „Faust“ erhielt, ist eine Metapher für das Leben, für sprunghaft verwirbeltes Leben. Risiko und Zuversicht, Herausforderung und Verwirklichung, Flucht und Hinwendung im Wechselspiel. Manchmal wirkt diese Körpersprache wie ein Liebesakt, dann wieder ähnelt das rhythmisch balancierende Mit- und Gegeneinander dem brasilianischen Capoeira, einem Kampftanz, den während der Kolonialzeit verschleppte Sklaven praktizierten. Und unterlegt wurde das Ganze mit den rhythmischen Gebilden des Miguel Marin, dessen treibende Dramaturgie den Takt vorgibt und dessen an- und abschwellende Soundlabyrinthe wie straff gespannte Sprungtücher wirken.
„Fall Seven Times“ war das zweite Stück an diesem ganz besonderen Abend, der mit einer kurzen Einleitung des künstlerischen Leiters der Reihe Theater Fürstenfeld Heiner Brummel und dem Direktor des Ensembles tanzmainz des Staatstheaters Mainz Honne Dohrmann begann. Denn beide hatten einige Tage zuvor einen Kooperationsvertrag für zukünftige Zusammenarbeit geschlossen, der im Zusammenhang mit dem Förderprogramm TANZLAND, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes in der Projektträgerschaft vom Dachverband Tanz Deutschland e.V., steht. Das bedeutet: der Tanz wird im Landkreis auf verschiedenen Ebenen gefördert und das Fürstenfelder Publikum wird die Entwicklung des Ensembles tanzmainz in Zukunft durch entsprechende Gastspiele verfolgen können.
Anschließend, vor der Pause, gab es dann noch das 22-minütige fünf-Personen-Stück „Im Orbit“, das bisher einzig in Mainz aufgeführt wurde. In dieser von Alexandra Waierstall choreographierten Nummer beeindruckte besonders die minimale Körpersprache, die schlichten, grazilen aber ungemein sparsamen Bewegungsabläufe. Jeder einzelne der Tänzer wirkte wie ein eigener, harmonisch ins Leben tretender (aus dem Meer angeschwemmter) Organismus, wie eine verlorene, vereinsamte, sich um sich selbst bewegende Seele, die erst mit der Zeit die Gruppe wahrzunehmen schien und sich in ihr entfaltete. Zugleich aber machten diese bizarren Wesen den Eindruck, sie seien untereinander verbunden, korrespondierten über unsichtbare Fäden und ließen auf diese Art ein Beziehungsgeflecht entstehen. Ein getanztes Naturschauspiel im Zeitraffer, „ein genetischer Code“ der deutlich machte, dass sich auch die Erde „Im Orbit“ befindet.
Jörg Konrad
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Sonntag 30.09.2018
Gröbenzell: Das Elias String Quartet – Grandiose Kunst von großer Intensität
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Joseph Haydn hat im Laufe seines Lebens 68 Kompositionen für Streichquartette geschrieben. Das sogenannte „Lobkowitz-Quartett“ (Streichquartett G-Dur Hob. III:81 op. 77/1) gilt als das vorletzte in seinem überaus reichen Schaffen. Es ist ein Auftragswerk des böhmisch-österreichischen Generalmajors Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz, ein großer Freund und Förderer der Kunst. Dieses Stück dokumentiert Haydns ganze Erfahrung, aber zugleich auch seinen Drang, Neues zu probieren. Das Elias String Quartet spielte am gestrigen Samstag in Gröbenzell seine meisterhafte künstlerische Souveränität als auch sein vollendetes instrumentales Könnens aus. Faszinierend das geschmeidige Ineinandergreifen der einzelnen Stimmen des Quartetts, die Perfektion im gemeinsamen Satzspiel, die Feinfühligkeit in den teilweise federleicht wirkenden Soloparts. Sara Bitlloch (Violine), Donald Grant (Violine), Simone van der Giessen (Viola) und Marie Bitlloch (Violoncello) machten das spannungsgeladene Innenleben der Vorlage begeisternd hörbar, wobei immer wieder die Natürlichkeit der Interpretation berührte.
Weitaus verspielter, tänzerischer, teilweise energischer (da war Leben auf der Bühne!) aber auch nachdenklicher agierte das Quartett in Bedrich Smetanas Streichquartett Nr. 1 e-Moll „Aus meinem Leben“. Eine autobiographische Komposition vor einem eher tragischen Hintergrund. Smetana vertonte 1876 sein persönliches Schicksal. Denn dem tschechischen Komponisten wurde klar, dass ein Pfeifen im Ohr der Beginn der eigenen Taubheit und damit die Folge einer Syphiliserkrankung war. Jeder der einzelnen Sätze steht für einen bestimmten Lebensabschnitt des Komponisten. Seine Jugend und die erwachende Liebe zur Kunst (Allegro vivo appasionato), die Zeit, in der er viel Tanzmusik komponierte (Allegro moderato alle polka), das Kennenlernen seiner späteren Ehefrau  Kateřina Kolářová (Largo sostenuto) und zuletzt der Ausbruch der Krankheit und die damit einhergehende Verzweiflung (Vivace). 
Felix Mendelssohn Bartholdy war, als er sein Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 13 schrieb, gerade einmal achtzehn Jahre jung. Es gilt als sein meisterliches Frühwerk und entstand nachdem Mendelssohn Bartholdy vom Tod Beethovens erfuhr, den er stark verehrte. Insofern wundert es nicht, dass der junge Tonsetzer dieses Stück als eine Art Reminiszenz an den großen Meister und Vorbereiter der Romantik verstand. Energiereich hier die dynamischen Schattierungen des Quartetts und elegisch tiefsinnig deren Umsetzung. Herausfordernde Expressivität und quälende Sehnsüchte liegen ganz nah beieinander. Die exquisite Dramaturgie hat nichts mit kraftmeierischem Vitalismus zu tun, sondern besticht durch seine differenzierte Ausformulierung und pfiffige Beweglichkeit.
Fazit: Das Elia String Quartet schafft mit seinem Spiel grandiose Kunst, die von großer Intensität und Vollkommenheit gezeichnet ist.
Jörg Konrad
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Freitag 28.09.2018
Landsberg: Pablo Ziegler Trio – Alles Tango
Landsberg. Er mäandert ruhelos zwischen Jazz und Klassik, zwischen Tango, wie ihn seit über sechs Jahrzehnten die argentinischen Reformatoren spielen und Neuer Musik. Pablo Ziegler, ein pianistisches Schwergewicht, der das federnd Swingende ebenso beeindruckend aus dem Ärmel schüttelt, wie er die verschränkten Konstruktionen der Improvisation beherrscht. Einst mit dem legendären Astor Piazzolla und seiner Message des Tango Nuevo weltweit auf Tournee – am Donnerstag mit eigenem Trio in Landsberg. Ein Weltstar vor Ort mal wieder.
Im Stadttheater war es prombt zu spüren, dieses Morbide, das Anrüchige, das Verletzliche und Stolze, wie es nur dem Tango eigen ist. Und zugleich ein virtuoses Feuerwerk dreier Einzelkönner, denen jedoch nichts ferner zu liegen scheint, als folkloristische Klischees aufzuwärmen. Von wegen „Ball der Einsamen Herzen“.
Pablo Ziegler, Quique Sinesi (Gitarre) und Walter Castro (Bandoneon) sind Bewahrer und Erneuerer einer eigenen Musikgattung, drei Instrumentalisten, die auf einem brodelnden Vulkan zu musizieren scheinen, der von Leidenschaft und Melancholie gespeist wird. Sie beherrschen das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, die einschmeichelnden Melodien ebenso, wie die harten Synkopen in den Themen, die kantigen Akkorde, sowie Tempi- und Harmoniewechsel am laufenden Band.
Und sie bleiben, was die Vorlagen ihrer Kompositionen betreffen, nicht allein in der Tradition ihrer Heimat stecken. Sie verarbeiten brasilianische Musik und ihre ganz persönliche Verehrung für Hermeto Pascoal, sie verbeugen sich vor John McLaughlin und formen aus dessen zeitlosem Fusion-Meisterstück „The Dance of Maya“ eine stille, aufwühlende Milonga. Oder eben doch argentinische Volksmusik, die unter ihren Händen ebenfalls zu einer pathetischen, gefühlvollen Milonga wird. Alles Tango – möchte man rufen. Und doch wieder ganz anders.
Ziegler nennt sein jetziges Programm (wie auch sein vorletztes Album) „Jazz Tango“. Es ist eine Art Zwischenreich, in der sich der grammyverwöhnte Pianist schon eine ganze Weile musizierend austobt. Jazz und Tango - zwei Ausdrucksformen, die allein geschichtlich viele Gemeinsamkeiten aufweisen. So ist ihre jeweilige Entstehungszeit, Ende des 19. Jahrhunderts, fast identisch. Bei beiden ist die Etymologie, die Herkunft des Begriffes unklar. Sowohl die USA (Jazz) als auch die Länder um den Rio de la Plate (Tango) waren aufgrund politischer und wirtschaftlicher Veränderungen von starken Einwanderungsbewegungen gezeichnet. So entstand in den Metropolen, überwiegend in den großen Hafenstädten, aufgrund des Aufeinandertreffens von Menschen unterschiedlicher Ethnien, eine kulturelle Vielfalt, die zu neuen Formen auch des musikalischen Ausdrucks fanden. Fast möchte man von einer eigenen kulturellen Gattung sprechen, die an der Basis und im Millieu der Vergnügungsviertel entstnd und nicht an den Reißbrettern gebildeter Akademiker. Und um zu überleben, haben sich diese Musikformen in Laufe ihres Seins immer wieder verändert, neu erfunden, haben in ihrer Grenzen sprengenden Offenheit bis dato Unbekanntes aufgenommen, instrumental verarbeitet – nicht immer im Sinne der Bewahrer.
Ziegler hat sich in den zurückliegenden Jahren weit aus dem Fenster des Tango Nuevo herausgelehnt. Trotz aller stilistischen Aufarbeitungen ist er aber heute wieder näher am klassischen Tango, als in vergangenen Zeiten. Signifikanter, als bei einem anderen „Tango-Exportschlager“, bei Dino Saluzzi, der vor genau fünf Jahren an gleicher Stelle konzertierte. Bei Ziegler ist der Tango als Volksmusik deutlicher zu spüren – trotz aller stilistischen Destillate und musikalischen Querverbindungen. Zum Glück aber ohne jeden Anflug einer Imponier- oder Balzpose.
Jörg Konrad
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Samstag 22.09.2018
Germering: Jason Seizer Quartett – Konzentriert und fantasiereich
Germering. Es gibt bekannte und erfolgreiche Musikproduzenten und Labelmanager, die ihre Karriere einst als Instrumentalisten begannen, bis sie merkten, dass ihre eigentliche Stärke auf der anderen Seite der Trennscheibe eines Aufnahmestudios liegt. Jason Seizer, Produzent und Labeleigner von Pirouet Records München, ist hingegen als tätiger Saxophonist selbst noch unterwegs – mit eigenem Quartett! Er schafft diese Doppelbelastung bravourös, so knapp bemessen seine Zeit auch sein mag. Vielleicht liegt genau deshalb sein letztes Album schon drei Jahre zurück. 2015 erschien „Cinema Paradiso“, natürlich bei Pirouet Records. Und wie kann es anders sein, der Titel ist Programm. Filmmelodien als Vorlage für ganz persönliche Interpretationen.
Am gestrigen Freitag waren Seizer und seine Band nun in Germering. Jazz It! hat gerufen und pünktlich 19.30 Uhr standen sie auf der Bühne: Pablo Held am Klavier, Felix Henkelhausen am Bass, Fabian Arends am Schlagzeug und natürlich der Saxophonist und Namensgeber selbst .
Bis auf eine Ausnahme, dem Titelstück des Albums, hat sich Seizer aber nicht auf die eingängigen Ohrwurmqualitäten von Filmmelodien verlassen. Oft sind es unbekanntere Songs aus bekannten Filmen, wie Disneys „Dschungelbuch“, „Deer Hunter“ von Michael Cimino oder Alfred Hitchcocks „Vertigo“, denen er den Vorzug gab. So scheint das Quartett stärker in der Lage, eine eigene Musik zu spielen, den Vorlagen deutlicher einen individuellen Stempel zu geben.
Auffallend von Beginn an das vorsichtige Herantasten an das jeweilige Zentrum der Kompositionen, der zurückhaltende Aufbau von musikalischen Spannungsbögen, die sich auch nicht immer gänzlich auflösten, die gelassene Korrespondenz untereinander. Die Band denkt und spielt in großen Bögen, versucht der Musik als Gruppe zu begegnen, setzt nur selten auf ausgedehnte solistische Improvisations-Rituale. Jeder trägt mit seinem Beitrag den Nebenmann und stützt so das Ganze als Einheit. Man spürte während des Vortrags weniger die vier Einzelstimmen auf der Bühne. Stattdessen schob sich der Gruppengedanke deutlicher in den Vordergrund. Konzentriert und fantasiereich, mit einem gewissen Schuss Melancholie, tauchte das Quartett in die Soundtracks, schuf neue, auf jeden Fall eigene Klangbilder, fand im Neobeop immer wieder befeuernde Ausdrucksmöglichkeiten und Wendungen.
Seizers rauchiger von Diskretion und Eleganz durchzogener Tenorsound war natürlich so etwas wie die Leaderstimme im Gesamt-Quartett. Trotzdem hatte er keine Schwierigkeiten, sich an den Bühnenrand zurückzuziehen und den Begleitern die akustische (und visuelle) Präsenz zu überlassen. Es zeigte sich der generöse Bandgedanke ebenfalls in der Repertoireauswahl, die neben den Filmtiteln Kompositionen von Seizers Musikerkollegen auflistete. Auch hier das gleiche Bild, resp. der gleiche Ton: Intime, musikalisch berührende Freiheiten eines radikal-demokratischen Quartetts. 
Jörg Konrad
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Sonntag 16.09.2018
Iffeldorf: Davide Giovanni Tomasi & Pedro Aguiar – Ungehörte Klanglandschaften
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Iffeldorf. Es ist kein naturwissenschaftliches Gesetz, dass, wenn zwei (oder auch mehr) außergewöhnliche Solisten miteinander musizieren, sich die Qualität des Gebotenen automatisch potenziert. Die Historie kennt hierfür genügend Beispiele – aus allen Bereichen der Kultur. Die hohe Kunst des musikalischen Miteinanders liegt eher in der individuellen Einschränkung, im Suchen eines gemeinsamen Nenners, in den angewandten gruppendynamischen Fähigkeiten der Instrumentalisten. Denn was hilft es, sich in einzigartigen virtuosen Verrenkungen zu verlieren, wenn man nicht hört, was der Nebenmann spielt? Ein solcher Auftritt verkommt letztendlich zu einer Art Sportveranstaltung: Höher, schneller, weiter.
Die Gitarristen Davide Giovanni Tomasi und Pedro Aguiar hatten diesen speziellen Moment des musikalischen Miteinanders gestern Abend während ihres Auftritts bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten während der beiden Zugaben. Wie in Enrique Granados "Spanischen Tanz Nr. 2" fanden beide Instrumentalisten trotz nur kurzer Vorbereitungszeit sehr gelassen und stimmungsvoll zueinander. Sie stellten ihr ganzes Können und Wissen in den Dienst des gemeinsamen Auftritts, spielten voller Empathie und Einfühlungsvermögen und Intimität – nachdem sie zuvor abwechselnd solistisch brillierten und das Publikum durch ein Wechselbad der musikalischen Stimmungen schleusten.
Ihr jeweiliges Programm setzte sich überwiegend aus zum Teil weniger bekannten Komponisten zusammen, sieht man einmal von Johann Sebastian Bach oder Heitor Villa-Lobos ab. Oder waren jemandem zuvor die Namen William Walton bzw. Johann Dubez geläufig? Insofern waren nicht nur die beiden Gitarristen des Abends eine außerordentliche Entdeckung. Auch die Musik selbst kam einer Exkursion in unbekannte, oder sagen wir besser bisher ungehörte Klanglandschaften recht nahe.
Davide Giovanni Tomasi begann den Abend mit der „Introduction et Caprice op. 23“ von Giuli Regondi und er beendete den ersten Teil mit einer eigenen Bearbeitung der „Chaconne“ von Bach. Bei letzterem Stück konnte Tomasi wunderbar seine spieltechnischen Möglichkeiten ausspielen. Er brachte Bachs Präzision direkt auf den Punkt, interpretierte dieses eigentlich für Solo-Violine geschriebene Stück mit unglaublicher Gelassenheit. Tomasis melodramatisches Spiel, seine mehr emotionale Herangehensweise wurde in den drei Ausschnitten der „Cinq Preludes“ von Heitor Villa-Lobis deutlich. Raffiniert und subtil brachte der italienische Gitarrist den feinen Klangzauber des brasilianischen Komponisten zu Gehör. Die getragenen Melodien bekamen bei ihm ein gewisse kontrollierte und transparente Diskretion.
Pedro Aguiar war der etwas temperamentvollere Solist von beiden. Neben der „Sonata op.61“ von Joaquin Turina und den „Five Bagatellen“ des englischen Komponisten und Dirigenten William Walton begeisterte Aguir speziell mit der „Fantaisie Sur Des Motifs Hongrois“ des Österreichers Johann Dubez. Dieses mit Sicherheit abwechslungsreichste Stück des Abends beeindruckte durch seinen Ideenreichtum und seine expressive Leidenschaftlichkeit. Energisch und schwungvoll wecheln hier die Themen, wird der Instrumentenkörper in die Interpretation mit einbezogen, atmet die Musik eine schier überbordene Freiheit. Man glaubt gar nicht, dass diese Komposition schon 1851 geschrieben wurde. Auf jeden Fall ein breit angelegtes Spielfeld für Pedro Aguiar. Er stellt sich dieser geistigen Weite mit Disziplin und Leidenschaft. Fast zackig seine Griffwechsel, traumwandlerisch sicher bewältigt er die abenteuerlichen Unterströmungen der Vorlage und gibt der Fantaisie trotz aller aufbrechenden Virtuosität einen Hauch von melancholischer Bestimmtheit. Für das Publikum eine Offenbarung.
Jörg Konrad
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Donnerstag 02.08.2018
Landsberg: Rosanne Cash – Beschwörende Lebenslinien
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Landsberg. Konservativ, republikanisch, patriotisch - das sind jene Eigenschaften, die vor gut zwei Jahrzehnten als alleiniges Merkmal traditioneller Country Musik galten. Hinzu kam, als äußeres Attribut, der Ten Gallon Hat der klassischen Marke Stetson, wobei ein Album das Erfolg haben sollte, unbedingt in Nashville aufgenommen werden musste, dieser 600.000 Einwohner Stadt im US-Bundesstaat Tennessee. Doch die Zeiten haben sich geändert. Selbst die Tochter des Country-Hohepriesters Johnny Cash, Rosanne Cash, spielt nach eigener Aussage weniger Country, als vielmehr Americana. Das ist eine Mischung aus Folk, Blues, Rhythm and Blues, Pop, Rock, Gospel und eben Country. Verschiedene uramerikanische Stile also, die in ihrer Vielseitigkeit, Musikalität und (inhaltlichen) Offenheit heutige Generationen begeistert. Für ihr Album „The River & The Thread“ aus dem Jahr 2014 erhielt Rosanne Cash allein drei Grammys. Und am Mittwochabend war die erstgeborene Tochter des „Man in Black“ nun in Landsberg, sozusagen auf Spurensuche, auf „Time Travel“, wie sie selbst sagte. Ihr Konzert im Stadttheater: Die hohe Schule der scheinbaren Einfachheit, perfektes Singer-Songwriting, beseelte Musik. 
Es war eine Homage an die Südstaaten der USA. Sie spiegelte die raue Landschaft, starke Charaktere, aber auch kindhafte Momente des Glücks und jede Menge melancholischer Privatisiertheit wieder. Und natürlich an ihren Vater, mit Sicherheit das Gravitationszentrum nicht nur ihrer Kunst. Rosannes kehlige, manchmal schneidende Stimme, besitzt dieses eindringliche Brennen, diesen fordernden Biss. Man spürt trotz aller Emotionalität eine Haltung und eine Bestimmtheit in ihren Songs. Kaum zu glauben, dass sie abseits der Bühnen und den Aufnahmestudios besonders die Musik eines Arvo Pärts schätzt.
Aber vielleicht geht es Rosanne da genau wie ihrem Vater – nur eben schon in jüngeren Jahren. Zwar galt er als die Country-Ikone schlechthin. Doch als er musikalisch ausgebrannt schien, in tiefen Depressionen festsaß, erlöste ihn Produzent Rick Rubin, in dem er ihm einen Weg aus der musikalischen Sackgasse Country wies. American Recordings wurde eine Sammlung von Alben bekannter Coverversionen. Düster, spröde, fast streng interpretiert und doch beglückend in der Wirkung.
Bob Dylan gefiel diese Zusammenstellung bzw. Art der Umsetzung gar nicht. Rosanne hingegen sagte, sie hätten ihrem Vater damals das Leben gerettet, zumindest ihm einige Jahre zusätzlich geschenkt. Vielleicht klingen ihre eigenen Songs nicht ganz so einsam, weniger schwermütig. Dafür aber mindestens so anziehend.
In Landsberg stand sie mit ihrem musikalischen Partner und Ehemann John Leventhal an der Gitarre (und Klavier) auf der Bühne. Er ist nicht nur ein ausgebuffter Profi im Musikbusiness. Bemerkenswert seine Sensibilität, sein Einfühlungsvermögen in Rosannes Songs. Er ist bestes Beispiel dafür, wie man mit wenigen musikalischen Mitteln eine große Wirkung entfaltet. Fantasievoll, inspiriert, virtuos.
Das Repertoire setzte sich überwiegend aus den beiden letzten Alben Rosannes zusammen. Eben jenem „The River & The Thread“ und „The List“, einer Auswahl von Songs, die Johnny Cash als die bedeutendsten Country-Songs aller Zeiten bezeichnete. Mit einer gewissen Leichtigkeit und technischen Gewandtheit begleitete sich Rosanne auf der Gitarre (nein, es war wohl nicht jene, die ihr Vater einst als erstes Instrument in der Stadt kaufte) und glänzte ansonsten durch eine angenehme Art des Understatements, ja fast Bescheidenheit. Dazu gab es noch Kostproben aus ihrem neuen, in Deutschland noch nicht erschienen Album und einem Song von Lera Lynn und T-Bone Burnett aus der HBO Serie „True Detective“. Knapp zwei Stunden beschwörende Lebenslinien, die wie im Fluge vergingen. 
Jörg Konrad
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