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1. Dem Leben nicht ganz unähnlich - Shreefpunk plus Strings in Germering
2. Ein Garant für Hochkultur - Gregor Hübner bei Jazz First
3. Fürstenfeld 24. März 2011: Trio em - Jugendliche Überzeugungstäter
4. Puchheim 18.12.2014: Donauwellenreiter - Isaraufwärts
5. München 05. Mai 2017: Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus
6. Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – V...
Samstag 17.07.2021
Dem Leben nicht ganz unähnlich - Shreefpunk plus Strings in Germering
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Foto: Jürgen Bindrim
Germering. Was steckt nicht alles in ihm. Jazz ist und bleibt nun einmal das größte Abenteuer im Musikatlas unserer Zeit. Zig Mal totgesagt, lebt er noch immer, zeigt uns putzmunter seine Vielfalt – und war tatsächlich selten so fidel als auch bodenständig wie gegenwärtig. Kaum eine musik-kulturelle Entwicklung, die nicht in die zeitgenössische Improvisationsszene Einzug findet: Klassik, Rock'n Roll, Volksmusik, Protestsongs, Schlaflieder und Humor. Ja, auch Humor. Das alles – und noch viel mehr – hat Matthias Schriefl und sein Working-Project Shreefpunk plus Strings am Freitagabend im Orlandosaal der Germeringer Stadthalle präsentiert.
Bei der musikalischen Bandbreite, die der Trompeter und Komponist und seine Formation inhaltlich beackert, ist es dem Jazz auch vergönnt, einmal auf eines seiner drei Hauptmerkmale zu verzichten: Den Rhythmus. Zumindest was die typischen Schlaginstrumente betrifft. Man kann ihn, den Rhythmus, eben auch auch anderweitig betonen und klanglich variieren. In diesem Fall mit Bass, Gitarre, Violine, Bratsche und dem Cello.
Jedenfalls haben Matthias Schriefl und Shreefpunk mit ihrem (manchmal stark auf Nonsens ausgerichtetem Programm) die Germeringer Groß-Bühne gestürmt, alte Freunde und Bekannte begrüßt, dem Publikum applaudiert(!) und über Gott und die Welt geplaudert. Ob sie mit ihren ideenlastigen musikalischen Meriten auch alle Herzen der Hörer erreicht haben? Vielleicht nicht in jeden Moment ihres Auftritts. Manchmal musste man auch gehörigen Tand aushalten, um an die genialen Momente der Musik zu gelangen. Dem Leben nicht ganz unähnlich ging es anstatt schnurgrade auf die Gipfel der Kunst häufig auch durch tiefe Wellentäler, um dann schwungvoll die gewaltig aufschäumenden und Weitblick ermöglichenden Gischtkronen zu übersegeln. Das kam einer musikalischen Achterbahnfahrt - mal swingend, mal einen Kirchenchor imitierend, mal frei improvisierend - schon sehr nahe. Eine konservativ ausgerichtete Jazzseele hat Matthias Schriefl ganz sicher nicht. Er nimmt seine Arbeit natürlich ernst. Sich selbst hingegen weniger.
Er ist ein Mensch voller Tatkraft und Ideen. Großartig sein Trompetenspiel, seine lyrischen Ansätze und seine feurigen Soloparts. Jazz bedeutet für den Allgäuer vor allem Unabhängigkeit, Selbstbestimmung. Diese kann er aber nur umsetzen, wenn sein musikalisches Können den sprunghaften Visionen gleichkommt. Und diesem Anspruch wird er absolut gerecht. So erweitert er seinen instrumentalen Ansatz, in dem er auch das aufgrund seiner Größe schwerfällig erscheinende Alphorn in seinen Set mit einbaut und das titelgebende „Eichwaldhörnchen“ musikalisch flink und putzig über die Bühne springen ließ oder in der „Brüssel-Ballade“ den europapolitischen Spagat zwischen Wohlklang und strukturiertem Chaos passend zum Ausdruck brachte. Manch krude Gesangsnummer überzeugte hingegen weniger. Aber auch dies alles steckt im Jazz – zumindest, wenn sich Matthias Schriefl ihm annimmt und umsetzt.
Jörg Konrad
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Fotos: TJ Krebs
Donnerstag 15.07.2021
Ein Garant für Hochkultur - Gregor Hübner bei Jazz First
Fürstenfeld. Irgendwie sind wir alle mehr oder weniger Corona-geschädigt. Sei es, weil es uns selbst getroffen hat, oder sei es, weil wir uns „nur“ mit den Auswirkungen der Pandemie in irgendeiner Form bis heute konfrontiert fühlen. Sei es, dass wir uns beinahe zwanghaft mit jeder noch so kleinen Meldung zu diesem Thema beschäftigen oder aber eine Zukunft möglichst präzise planen wollen, wobei wir nicht einmal wissen, was der heutige Abend bringt. Die Problematik der Einsamkeit, schon zuvor eine der markantesten gesellschaftlichen Symptome zivilisatorischer Krankheiten, feiert fröhlich Konjunktur. Aber jetzt scheinen zumindest die Räder der Kultur wieder zu greifen. Veranstaltungen finden statt und zeigen schöpferische Perspektiven auf. Soziale Kompetenz, für viele Monate ein Stiefkind im gesellschaftlichen Miteinander, darf von jedem wieder groß geschrieben und vor allem gelebt werden. Jazz First, seit fast zwei Jahrzehnten ein Garant für Hochkultur in der Region, wirft in diesem Zuge endlich wieder seinen Motor an und läuft sofort auf Hochtouren. Am Mittwoch im Kleinen Saal des Veranstaltungsforums Fürstenfeld zu Gast: Gregor Hübner und sein Quartett.
Der 1967 in Stuttgart geborene Geiger hat sich neben der Klassik früh dem Jazz verschrieben. Hier findet er genau seine Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken. So können sich in seiner Musik Persönlichkeit und Können, Freiheit und Disziplin, improvisatorische Provokation und wohlklingende Harmonien vereinen - bei aller Vermeidung technisch-artistischer Klischees. Seine Botschaft lautet: Jazz ist Weltmusik!
In Fürstenfeld trumpfte der zwischenzeitlich in New York lebende, Grammy nominierte Instrumentalist und Komponist mit dem Projekt „El Violin Latino“ auf. Hier handelt es sich um Klassiker und eigene Kompositionen der „Latin Music“, die Hübner in wunderbar spritzigen und temperamentvollen Arrangements präsentiert. Er mäandert in einer territorialen Ausgangslinie zwischen Kuba, Brasilien und Argentinien. Und entsprechend der geographischen Ausdehnung zwischen den einzelnen Ländern, fällt die Musik, bei aller rhythmischen Ausrichtung, durch ihre Vielfalt auf. In Hübners Konzert besinnt sich der Jazz somit in besonderem Maße auf seine afrikanischen Ursprünge. Ob Milonga, MPB (Música Popular Brasileira), Tango oder Rumba, ob Antonio Carlos Jobim, Dionisio de Jésus „Chucho“ Valdés Rodríguez oder Raul Souza – hier begegnen sich Straßen- und Kunstmusik, kulturelle Wurzeln treffen auf hochprofessionellen Kunstanspruch.
Seine Band, mit Klaus Mueller (Klavier), Veit Hübner (Bass), Jerome Goldschmidt (Perkussion) und Simone Pratico (Schlagzeug) verbindet Schönheit und Intensität, verschlungene Kreuz- und Gegenrhythmen mit solistischen Bravourleistungen. Die Musik lodert, knistert und findet immer wieder großartige Entladungen in raffinierten Wendungen. Die Harmonien wechseln (manchmal im Sekundentakt), die Solisten (allen voran Klaus Mueller und Gregor Hübner) rütteln an den Grundfesten möglicher Virtuosität und die Rhythmen brodeln, als handele es sich um einen Tanz auf dem Rand des Vulkans. Mit diesem begeisternden Miteinander waren die realen Dinge des täglichen Lebens, mit denen wir uns momentan auseinander setzen müssen, zumindest für ein paar Stunden vergessen. Zudem war es auch endlich wieder zu spüren: Das öffentliche Leben im Rahmen eines Jazzkonzertes; Jazz, der auch endlich wieder dort gespielt wurde, wo er hingehört: Live auf die Bühne.
Jörg Konrad
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© ACT / Jörg Steinmetz
Montag 14.06.2021
Fürstenfeld 24. März 2011: Trio em - Jugendliche Überzeugungstäter
Fürstenfeld. Es ist kaum zu glauben. Aber die letzte und bisher vierte CD des preisgekrönten Trio em wurde bei Act München in der Serie „Young German Jazz“ veröffentlicht. Vor sechs Jahren startete Produzent Siggie Loch diese Reihe, um die große Zahl an hochtalentierten und vielversprechenden Jazz-Nachwuchsmusikern, die es in Deutschland gab (und bis heute zum Glück gibt!), entsprechend zu unterstützen. Keine der ersten Bands arbeitete mit ihren damaligen Veröffentlichungen kostendeckend. Auch nicht das Trio em, mit Michael Wollny, Eva Kruse und Eric Schaefer. Doch das hat sich im Laufe der Zeit gewaltig geändert. Und somit stimmt der Leitsatz „Young German Jazz“ nur noch bedingt.
Denn dass es sich im vorliegenden Fall um junge Instrumentalisten handelt, kann und will wohl niemand bezweifeln. Pianist Wollny (32), Bassistin Kruse (32) und Schlagzeuger Schaefer (34) spielen mit der Unbekümmertheit und Frische jugendlicher Überzeugungstäter. Zugleich vermitteln sie eine Abgeklärtheit und eine instrumentale Reife, als wären sie schon seit Jahrzehnten im Geschäft – und noch immer von kreativer Neugier und schöpferischem Hunger getrieben. Kosten deckend arbeiten sie hingegen schon eine ganze Weile.
Ihr Konzert im Rahmen der Reihe Jazz First in Fürstenfeld war ein schrilles Feuerwerk von explodierenden Ideen, ein von gruppendynamischer Interaktion bestimmtes Miteinander, ein gemeinsames (kontrolliertes) Erkunden von jazzmusikalischen Grenzen. Diese Band spielt mit atemberaubender Präzision und in einer innovativen Perfektion, ohne das dabei der Spaß an der Improvisation verloren ginge. Hackenschlagende Wendungen beinahe im Sekundentakt, stilistische Sprünge vom Jazz zum Rock über die Klassik zurück zum Jazz und hin zum Funk sind bei ihnen Programm. Em swingen im jazzmusikalischen Kontext weniger, als dass ihr Groove in seiner rhythmischen Rafinesse besticht.
Vielleicht ist es das Besondere dieses Trios, dass es all die unterschiedlichen Ansatzweisen und Ausgangspunkte nur scheinbar miteinander verbindet oder gar verzahnt. Im Grunde springt die Band von einer Inspiration zur nächsten, wodurch jedoch die einzelne Sequenzen ihres Vortrags eine gewisse Authentizität er- und behalten. Die Übergänge zwischen den Wechseln kommen plötzlich, werden im Vorfeld nicht angedeutet oder vielschichtig eingeläutet. Gerade noch befindet man sich in einer lyrisch angehauchten kammermusikalischen Figur, schon glaubt man in einem grollenden Funkexpress zu sitzen, um sich im nächsten Moment in einer bizarren Kollektivimprovisation einzurichten. Innerhalb eines einzigen Stückes vermitteln em nicht selten den Eindruck, man höre fünf verschiedene Titel von drei unterschiedlichen Formationen. Oder anders: Drei Konzerte in einem Auftritt. Auch wenn die fiebrige Ideenflucht und der stete musikalische Perspektivwechsel bei Wollny / Kruse / Schaefer System sein mag, die expressive Inszenierung ihrer Musik begeistert, reißt mit, macht an einigen Stellen fast euphorisch und nicht selten sprachlos. Musik, die selbstbewusst daherkommt, die wesentlich leichter klingt als sie faktisch ist und die enormen Eindruck hinterlässt.
Jörg Konrad
(Süddeutsche Zeitung)
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Montag 17.05.2021
Puchheim 18.12.2014: Donauwellenreiter - Isaraufwärts
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Credits © Andreas Jakwerth
Puchheim. Forscher nehmen an, dass die Donau der erste von Menschen befahrene Fluss war. Auf seinem durch viele Naturkatastrophen entstandenen Lauf verbindet er mindestens ein Dutzend unterschiedlichster Kulturen mit großer Geschichte. Und die Städte, deren Ufer die Donau auf ihren knapp 3000 Kilometer Länge umspült, zählen seit Jahrhunderten zu den Hochburgen Europas.
Im Jahr 2010 fanden sich in Wien vier junge Musiker zusammen, deren Name sich sinnstiftend auf diesen zweitlängsten Strom Europas bezieht: Donauwellenreiter. Auf Flusswellen durchreiten sie symbolisch die unterschiedlichsten, eng miteinander verschlungenen Traditionen. Am gestrigen Abend machte das Quartett (wahrscheinlich bei Deggendorf die Donau verlassend, Isaraufwärts bei Moosburg rechts in die Amper einmündend, um nach der Unterführung der A 8 im Ascherbach das letzte Stück bis zur S-Bahn-Station Puchheim Bahnhof zurückzulegen) einen Abstecher im Pucheimer Kulturcentrum PUC. Welch eine Vielfalt an musikalischen Überzeugungen und Spezialitäten boten Maria Craffonara (voc, violin), Thomas Castañeda (piano), Jörg Mikula (drums) und Lukas Lauermann (cello) dem Publikum. Und nichts von dem, was die Formation spielte, wirkte dabei bruchstückhaft zusammengesetzt, als hörbare Summe einzelner Einflüsse. Donauwellenreiten nutzen zwar das überreiche musikalische Angebot der Donau-Anreinerstaaten. Doch es ist nicht so, dass sich die einzelnen ethnischen Versatzstücke deutlich aufzählend herausfiltern lassen.
Das Quartett besticht in seiner Homogenität und schafft eine Musik, die sich eigenständig und beeindruckend auf den Demarkationslinien von Jazz, Pop und Klassik verlustiert. Wunderschöne Melodien, treibende Rhythmen (Jörg Mikulka!) und fesselnde Harmonien überbrücken, verbinden die Ufer von Wissen und Können. Die Melancholie, ein Aushängeschild der Wiener Schule, macht bei Donauwellenreiter einer gewissen Leichtigkeit Platz. Nichts da, von wegen schwerer, lebensmüder Kost, aus einer morbiden Stadt. Auch dann nicht, wenn Maria Craffonara ihre Songtexte in ladinisch, einer heute fast ausgestorbenen Sprache aus Norditalien, vorträgt.
Und ganz zum Schluss gingen die Donauwellenreiter mit der Jazz-Combo "Blue Spots" unter der Leitung von Martin Seeliger, die schon zu Beginn des Konzertabends mit einigen Jazz-Rock-Klassikern den Saal auf Betriebstemperatur brachten, auf transatlantische Reise. Auf eine der karibischen Jungferninseln. Beschwingter als mit dem Calypso „St. Thomas“ kann man sich wohl kaum verabschieden.
Jörg Konrad (KultKomplott)
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Samstag 08.05.2021
München 05. Mai 2017: Peter Brötzmann plus ….. - Volle Kraft voraus
München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkulturkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
(Weiteres Konzert heute (6. Mai) um 19.00 Uhr im Haus der Kunst mit gleichen Musikern aber in unterschiedlichen Besetzungen)
KultKomplott
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Freitag 23.04.2021
Landsberg 04. März 2015: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – Voller Sehn- und Rachsucht
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v.l.: Rahel Jankowski, Cynthia Micas, Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler © Thomas Aurin
Landsberg. Um mit Inhalten zu punkten, ist tüchtig Radau die beste Strategie. Das war schon bei Botho Strauß so, bei Elfriede Jelinek nicht anders und erst recht bei Claire Goll. Aber geht es nun um Inhalte oder um obszönes Skandalisieren? Ist das Stück ernstzunehmende Gesellschaftskritik, einfach eine fröhliche Spaßrunde, oder schonungslos entlarvende Satire? Was tatsächlich dran ist an „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ wird vielleicht erst später deutlich, wenn sich all die Wogen der ersten Entrüstung und euphorischen Begeisterung gelegt haben. Entweder ist Sibylle Bergs Vorlage ein mächtiges Wetterleuchten am Horizont, das sich letztendlich nur als laues Lüftchen entpuppt. Oder es läutet, nach dem Ordnen all der verwirrten Gefühle, einen Paradigmenwechsel im Denken ein. Wir werden sehen.
Worum geht es aber in der von Sebastian Nübling an der Berliner Maxim Gorki Bühne inszenierten Theater-Provokation, die gestern als Gastspiel am Landsberger Stadttheater zu sehen war? Eine eigentliche Handlung, im klassischen Sinn, bietet das Stück erst einmal nicht. Vier Mädchen im Schlabberlook als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das Pendant zu unserer Erwachsenenwelt. Sie monologisieren im Quartett, als Hyperactive Kids. Voller Energie und ohne Ziel. Zwischen Gruppenzwang und Identitätskrise.
Ob sie es sich zu leicht machen? Natürlich nicht. Sie haben es weitaus schwerer als manch andere Generationen. Da konnte man mit den einfachsten Dingen noch provozieren. Einen Friseurtermin ausgelassen und schon gab es das schönste Spektakel mit der Erwachsenenwelt. Aber heute? Überall Wohlstand, Toleranz, aber verkümmerte Emotionen. Ritzt man sich oder schlägt man zu?
Der Baseballschläger wird zur Waffe, Yoga ist Therapie, Shoppen wie Drogenrausch, saufen bis der Nabel glänzt und immer wieder kotzen. Alles nur Klischees? Natürlich, die Welt ist voller Klischees – und bipolar! Auch diese (nur scheinbare) Coolness ist ein Teil von ihr. Es ist, als hätten die unglücklichen Vier ihre Gefühle nicht im Griff, als sei Provokation das einzige Kampfgerät das ihnen bleibt. Desillusioniert und zornig, rivalisierend und voll stiller Traurigkeit. Die Verlockungen und Ablenkungen ihrer Welt sind Fluch und Segen gleichermaßen. Sich zwischen Liebesentzug und Handy einzurichten endet zwangsläufig im Chaos.
Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas spielen diese vier Mädchen voller Sehn- und Rachsucht. Der Text, der gespickt ist mit psychologischen Fallstricken und rotzgörenhaften Szenen, wird zu ihrem ureigenen Manifest. Ihre Glaubwürdigkeit erschreckt, ihre körperliche Fitness beeindruckt, ihre Virtuosität im Abruf von Affekten ist gewaltig. Prompt gab`s die Ehrung als Bestes Theaterstück des Jahres 2014. Zu recht – und gestern schon in Landsberg. TILL (Freunde des Stadttheaters Landsberg e.V.) machts möglich.
Jörg Konrad (www.kultkomplott.de)

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.
Text: Sibylle Berg.
Regie: Sebastian Nübling,
Choreographie: Tabea Martin
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Autor: Siehe Artikel
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