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1. Fürstenfeld: Daniel Karlsson Trio – Rauschähnliche Zustände
2. Puchheim: Lukas Langguth Trio – Unberechenbar und erfrischend
3. Landsberg: Billy Cobham – Ein rhythmischer Vulkan
4. Landsberg: Delvon Lamarr Organ Trio – Musik im Hier und Jetzt
5. Maisach: Peter Autschbach – Subtile Gitarrenimpressionen
6. München: Caterina Barbieri – Tonspuren im Kosmos unserer Zeit
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Donnerstag 24.11.2022
Fürstenfeld: Daniel Karlsson Trio – Rauschähnliche Zustände
Fürstenfeld. Dieser Tage ist ein neues Album von einem der vielleicht swingensten und flinkesten Pianisten des Jazz erschienen. Es ist eine posthume Aufnahme Oscar Petersons, ein Mitschnitt aus dem Jahr 1971 aus Zürich. Und wie die meisten von Petersons Einspielungen präsentiert sich der hünenhafte Kanadier auch hier im Klaviertrio, des Pianisten liebste Besetzung.
Mit Sicherheit kennt auch Daniel Karlsson Oscar Peterson, der übrigens nach einem Schlaganfall 1993 folgende Konzerte nur noch mit der rechten Hand spielte! Doch der Schwede Karlsson hat, trotz gleicher Besetzung, einen völlig anderen Zugang zu seinem Instrument. Er übersteigt engagiert die Grenzen des Jazz und wildert ganz unverhohlen auch in Bereichen, die von Pop und Rock bestimmt sind. Das hat auch einen speziellen Reiz, wie am gestrigen Mittwoch in Fürstenfeld zu erleben war, auch wenn das Ergebnis eines solchen Klavierabends völlig anders ausfällt und klingt, als beim swingenden Peterson.
Karlsson, der neben dem Klavier auch immer ein wenig elektronisches Equipment nutzt, hatte mit Christian Spering (Bass) und Fredrik Rundqvist (Schlagzeug) zwei Musiker an seiner Seite, die ihrem Leader absolut verlässliche Begleiter sind, die ihm den musikalischen Weg rhythmisch pflastern, die stets an seiner Seite das Kraftvolle in der Musik stützen und die Balladen mit nuancierter Begleitung aufwerten.
Karlsson ist ein Meister der melodischen und harmonischen Herausforderung. Zwar starten alle drei Instrumentalisten zu Beginn einer (Karlsson-)Komposition oft von unterschiedlichen Ausgangspunkten. Doch sie bewegen sich im Laufe des Stückes zwingend aufeinander zu. Sie tasten sich nach einer verspielten kurzen Weile voran, suchen und finden erst den Nebenmann, dann einen gemeinsamen Flow, modifizieren ihn in den unterschiedlichsten Variationen und gelangen letztendlich in einen rauschähnlichen musikalischen Zustand, der eine Ewigkeit andauern könnte. In dieser dionysischen Spielekstase passieren besonders im 2. Set die unglaublichsten Wechsel und Verschiebungen in der Musik. Oft im kleinen, aber sie verändern zusammenfassend schon deutlich die Richtung der Musik. Karlsson erinnert in seinem Spiel dann stärker an seine skandinavischen Landsleute Jacob Karlzon oder auch den schon 2008 so tragisch verunglückten Esbjörn Svensson. Auch ihr Swing ist eigentlich ein treibender, provozierender Groove, mit leichten Rockschattierungen und sie sind in der Umsetzung und dem variieren ihrer Themen einer hymnischen Ekstase näher als jeder Form der Atonalität. Man könnte auch bei Daniel Karlsson und seinem Trio deutlich von einer europäischen Auslegung des amerikanischen Jazzgedankens ausgehen. Hier finden zeitgemäße (populäre) Strömungen in die Traditionen des Jazz Eingang, ebenso leichte Querverbindungen zum Blues, die aber alle weit über reines Virtuosentum und die klassischen Blue Notes hinausgehen. Das kreative Gewicht einer solchen Herangehensweise ist künstlerisch nicht stärker zu bewerten, sondern anders. Im Grunde nur eine Facette im universalen Kanon zeitgenössischer Musik. Das Publikum im fast ausverkauften wunderschönen Kleinen Saal des Veranstaltungsforum Fürstenfeld war begeistert.
Jörg Konrad
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Freitag 18.11.2022
Puchheim: Lukas Langguth Trio – Unberechenbar und erfrischend
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Foto: Lucas Diller
Puchheim. An Vorbildern mangelt es mit Sicherheit nicht. Denn das Klavier im Jazz ist schon seit Jahrzehnten mehr als eine feste Institution. Und entsprechend dieser Tatsache tauchen immer wieder neue, junge Instrumentalisten auf, die entweder versuchen als Autodidakten das pianistische Feingefühl ihrer Favoriten im Verbund mit der eigenen Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen oder sie nehmen den direkten Weg und studieren gleich bei ihren lehrenden Vorbildern.
Zu letzteren zählt der Augsburger Lukas Langguth, dessen gestriger Auftritt im Puchheimer Kulturcentrum PUC eine regelrechte Offenbarung war. Studiert hat der 23jährige bei Leonid Chizhik in München und Rainer Böhm in Nürnberg. Insofern wundert es nicht, dass Langguth in seinen musikalischen Variationen hörbar auf den Spuren großer Impressionisten des Jazz wandelt.
Hier geistern natürlich sofort Namen wie Bill Evans, Keith Jarrett oder Enrico Pieranunzi durch den Raum. Doch es wäre zu einfach, und dem jungen Virtuosen nicht dienlich, ihn künstlerisch allein in diese Ahnenreihe zu platzieren. Schließlich bringt er eine starke eigene Note in seinen Vortrag und hat zudem in Hannes Stegmeier (Bass) und Jonas Sorgenfrei (Schlagzeug) zwei Begleiter zur Seite, deren Leidenschaft und Perfektion auf beispielhafte Weise mit dem Pianisten korrespondieren.
Dieses Trio ist schnell, es reagiert blitzgescheit aufeinander, steckt voller Ideen, Fantasien und spielt trotzdem mit einem beeindruckend gefühlsbetonten Schwung. Es präsentiert sich ungestüm, druckvoll und doch immer mit einem gewissen Hang zur Leichtigkeit. Sie greifen nicht auf Standards zurück, was sicher keine Schande wäre. Aber in den Kompositionen von Lukas Langguth steckt unglaublich viel Wissen um Musik, um harmonische Vielfalt, um melodischen Charme und rhythmische Finesse. Das wirft er wie nebenher in den musikalischen Ring, wirkt unberechenbar und selbst geradezu bestürzend frisch und intensiv.
Hannes Stegmeier und Jonas Sorgenfrei leisten an Bass und Schlagzeug ebenfalls beinahe Schwerstarbeit. Ihre Auslassungen, Verlagerungen und Vorwegnahmen geben der Musik einen ständig wechselnden, dabei forschen Puls. Sie scheinen Freunde hochtouriger Begleitung, die den Vortrag regelrecht entflammen. So wundert es nicht, dass das Trio trotz seines relativ kurzen Bestehens schon etliche Preise einsammeln konnte. Schade nur ist, dass diese Band in Puchheim mit Sicherheit mehr Zuhörer verdient hätte. Oder anders ausgedrückt: Hier haben etliche zu Haus gebliebene tatsächlich etwas verpasst. Denn mit dem Lukas Langguth Trio reift (musikalisch) etwas wirklich Großes!
Jörg Konrad
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Sonntag 13.11.2022
Landsberg: Billy Cobham – Ein rhythmischer Vulkan
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Landsberg. Es ist schon ein ordentliches Spektakel, wenn Billy Cobham hinter seinem Drumset sitzend, kaum zu sehen, das Landsberger Stadttheater zum Beben bringt. Seine Breaks und Triolen, sein Timing und seine Verschiebungen sind seit Jahrzehnten legendär, auch sein spontanes Spiel mit ungeraden (Rock-)Metren, kraftvollen (Funk-)Grooves und vitalem (Jazz-)Swing. Er ist einer der vielseitigsten und intelligentesten Trommler, der einmal auf die Frage, was denn das Schlagzeug im Jazz so speziell mache, antwortete: „Die Drums machen den Beat der Band, bringen sie zum Leben und halten sie zusammen. Sie sind die vereinigende Kraft.“
Cobham ist, als Bandleader, zudem Integrationsfigur, jemand, der Energie und Virtuosität wie kaum ein anderer verkörpert und ausstrahlt, aber zugleich auch die Persönlichkeiten seiner jeweiligen Formation in die dynamischen Gruppenprozesse einbezieht, einer, der der Musik ein Fundament gibt, sie zusammenhält und zugleich gehörig an- und vor sich hertreibt.
Wer über Billy Cobham schreibt, dass sei an dieser Stelle auch erlaubt, kommt am Mahavishnu Orchestra nicht vorbei. Zumindest am ersten, 1971 von John McLaughlin gegründeten Quintett. Es wird von vielen Kritikern und Musikern bis heute als eine der härtesten Rockbands bezeichnet. Aber dieses Orchestra war weit mehr als eine Rock Band – wenn überhaupt. McLaughlin vereinte in ihr Blues und indische Musik, die Energie des Freejazz und die Konzentration europäischer Klassik, osteuropäische Akzente und was die Solobeiträge betrifft eine beinahe aggressive Dynamik. Cobham war in der Lage, dieses komplexe musikalische Gebräu zusammenzuhalten, eine Art Heftklammer, die alles, auf hochenergetischer Basis zusammenhielt.
Auch in Landsberg füllte der in Panama geborene und heute in der Schweiz lebende, mittlerweile 78(!)jährige Schlagzeuger diese Rolle als hochsensibler Taktgeber und schweißtreibender Solist noch exzellent aus. Sein Spiel war ökonomisch ausgereift und gleichzeitig von einer explodierenden Genauigkeit. Da gibt es nichts, was ihn tatsächlich aus dem Takt bringen kann, kein solistischer Einwurf, der den rhythmischen Puls zu stoppen in der Lage wäre, keine Idee von außen, die seinen Einfallsreichtum bremst.
Und die Musik, die er und sein Quartett dem ausverkauften Stadttheater präsentierte? Eine Mischung aus Jazz und Rock, die in dieser Konsequenz, Geschlossenheit, aber auch provozierenden Harmonie als Fusion bezeichnet, ihren Platz in den Weiten der Musiklandschaft gefunden hat. Dazu braucht man natürlich eine voll funktionsfähige, spieltechnisch versierte, engagierte und abgeklärte Band. Und all dies verkörperten Jorge Vera Aguilera (Keyboard), Steve Hamilton (Keyboard), Emilio Garcia (Gitarre) und Victor Cisternas (Bass). Im Laufe des Abends immer besser zueinander findend, bekamen die melodisch druckvollen Interpretationen stärkeren Biss und jede Menge Energie. Natürlich durften die Evergreens des Jazz-Rock aus der Cobham Discographie nicht fehlen: „Stratus“, „Red Baron“ und „Crosswinds“. Die Band hielt die Spannung, wirkte trotz den notierten Vorgaben und den Metastrukturen der Arrangements besonnen und in den solistischen Passagen leidenschaftlich.
Cobham brodelte unterdessen wie ein rhythmischer Vulkan, inszenierte auch in den ruhigeren (kurzen) Passagen die hohe Kunst des Schlagzeugspiels und machte deutlich, dass er auch heute noch in der Lage ist, seinen einstigen Heldentaten am Drumset auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn er erst einmal die Strecke zu seinem Arbeitsplatz überwunden hat, scheinen alle Sorgen und Schwächen verflogen, dann zählt nur noch die Vitalität seines Spiels. In dieser (Hoch-)Form ist Cobham noch immer ein Trommler für alle Fälle.
Jörg Konrad

Hier Bericht in der Augsburger Allgemeinen/Landsberg
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Montag 07.11.2022
Landsberg: Delvon Lamarr Organ Trio – Musik im Hier und Jetzt
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Foto: Cezarfe-Fernandes
Landsberg. Delvon Lamarr kam über Umwege zur Hammond B3 und erlernte sie, wie zuvor schon Trompete und Schlagzeug, autodidaktisch. Mit diesem sperrigen Möbel schuf er sich die Möglichkeit, Melodien, Rhythmen und Harmonien in Selbstunion zu entwickeln und offiziell zu predigen. 2015 entschloss er sich dann eine überschaubare Band um das Instrument herum zu platzieren und, Vorbilder gibt es schließlich genug, in die Fußstapfen des souligen Orgel-Jazz zu treten. Das Delvon Lamarr Organ Trio (DLO3) war geboren.
Mittlerweile ist Lamarr so etwas wie der Liebling der Szene und er kann sich vor Tourangeboten kaum retten. Vor einer Woche noch gastierte er in Paris, war anschließend in Rotterdam, dann in Zürich, gestern in Landsberg und mittlerweile ist die Band unterwegs zu Auftritten in Rennes, Madrid, Kopenhagen ….. .
Lamarr, Jimmy James (Gitarre) und Julian MacDonough (Schlagzeug) klingen im Konzert wie das Bindeglied zwischen sechziger Jahre Groove, Psychedelic der siebziger Jahre und avantgardistischem Jazzvokabular zeitgenössischer Prägung. Denn wenn man genau hinhört, spürt man, dass Delvon Lamarr und seine Gefährten eben nicht allein auf Retrospuren wandeln, sondern musikalische Dinge umsetzen, die im Hier und Jetzt angelegt sind. Versucht man das Trio namentlich zu verorten, dann landet man, auch wenn alle Vergleiche bekanntlich hinken, zwischen Booker T. & the M.G.'s und ihren Instrumentalhits, den coolen Grooves von Medeski, Martin & Wood und den Soul-Surf-Dub-Funk-Texanern von Khruangbin. Von all diesen individuellen Ansätzen und Sounds hat das DLO3 zumindest eine Prise eingesogen und verinnerlicht. Sie sind mit der lässig fauchenden Hammond B3, den schneidenden, in die Beine zielenden Gitarren-Riffs und dem knochentrocknen Schlagzeugloops so etwas wie Seelenwärmer – auch wenn Jimmy James die Funklicks oft bis an die Schmerzgrenze ausreizt.
Überhaupt scheint er auf der Bühne die Rolle des heimlichen Stars einzunehmen. Die breit angelegten Solis von ihm haben Rock'n Roll-Charkater – und das nicht allein, wenn er Hendrix „Purple Haze“ oder Zeppelins „Whole Lotta Love“ zitiert. Er ist derjenige, der den bei James Brown einmal als „Ratter-Knatter-Sound“ bezeichneten Groove in die Menge transportiert. Er bringt mit nur zwei Funk-Riffs den Song auf den Punkt, fräst mit seinen Akkorden aus dem Nichts eine Soul-Kathedrale und, wenn er so richtig in Fahrt kommt, spielt er die Saiten mit der Zunge. Von ihm geht eine elektrisierende Energie aus.
Lamarr hält sich mehr zurück. Er sagte einmal, dass er sich beim Orgel spielen oft an den Gesang hält. Und so klingt zum Beispiel Curtis Mayfields Jahrhundertsong „Move On Up“ tatsächlich als sei sein Instrument eine menschliche Stimme. Und Julian MacDonough? Der trommelt derart unsentimental, fast schon hölzern, verzieht, verbiegt, verzögert die Metren, um dann den Akzent des Pulses wieder genau auf die Eins zu bringen. Das hat eine immense Wirkung und gibt der Musik einen sehr energischen Rahmen. In diesem Trio finden Charisma und Musikalität auf wunderbare Weise zusammen. Zudem wurde deutlich, dass gute Musik zeitlos ist – und bleibt.
Jörg Konrad
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Foto: Irina Mirja
Samstag 05.11.2022
Maisach: Peter Autschbach – Subtile Gitarrenimpressionen
Maisach. Joe Pass spielte sein erstes Album 1962 ein, da war er Patient im Synanon Drug Centers in Kalifornien, einer Einrichtung für heroinabhängige Jazzmusiker. Nachdem er kurz darauf geheilt entlassen wurde, begann seine eigentliche Karriere als Jazzgitarrist. Er nahm ungezählte Alben auf, Solo, im Duo mit Herb Ellis, als Begleiter von Ella Fitzgerald, in der Count Basie Big Band und mit Duke Ellington. Und er gab Unterricht, vermittelte sein Wissen und seine Erfahrung an jüngere Generationen von Saitenkünstlern weiter, die ihm ihr Leben lang dankbar waren.
Zu ihnen gehört auch Peter Autschbach aus Siegen, der sich aber eigentlich nicht als Jazzmusiker versteht. Wie jedoch am Freitag in der Maisacher Beer & Guitar Reihe zu erleben war, ist Autschbach ein exzellenter Techniker, ein Improvisator mit Esprit und ein Geschichtenerzähler am Instrument. Sein Spiel kommt eher vom Rock und Folk, ist das Ergebnis einer sehr breit angelegten und komplexen Beschäftigung mit Musik. Dabei muss er sich und seinem Publikum nichts in Form von instrumentalen Spitzfindigkeiten beweisen, sondern überzeugt mit seiner enormen Musikalität und der Freude am Spiel.
So greift er im Räuber Kneissl Keller zwar tief in die Schatztruhe des Jazz, hat Evergreens wie „Autumn Leaves“, dessen Ursprung übrigens auf einem französisches Chanson von Joseph Kosma fußt, Antonio Carlos Jobim's Klassiker „The Girl From Ipanema“ oder „Stomping At The Savoy“ (von Edgar Sampson!) im Repertoire-Gepäck. Präsentiert aber ansonsten auch einige Rock-Klassiker („Little Wing“ oder „It's A Boy“) und vor allem etliche Eigenkompositionen. Er bewegt sich somit eher in einem Bereich, der stilübergreifend an ein kosmopolitisches Koordinatensystem erinnert. Es scheint, als würde es Peter Autschbach darum gehen, die Tiefen seiner Erfahrungen und Gefühle klanglich auszuloten, sein Instrument entsprechend seinem Bewusstsein in Stellung zu bringen. Es sind häufig die Melodien, die ihn faszinieren und die sich manchmal erst im Laufe der schwierigen Akkorde eines Songs entwickeln und mit der Zeit zu voller Blüte entfalten.
Auch wenn manches recht eingängig klingt, nichts von dem, was Peter Autschbach spielt, ist auf unangenehme Weise sentimental oder wirkt pathetisch. Selbst dann nicht, wenn er mit traumverlorener Stimme singt. Die hat bei ihm etwas unschuldiges, naives und steht so ganz im positiven Gegensatz zu seinen subtilen Gitarrenimpressionen.
Jörg Konrad
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Sonntag 30.10.2022
München: Caterina Barbieri – Tonspuren im Kosmos unserer Zeit
München. Sie schichtet nicht, wie manch andere am Pult, melodische Splitter und rhythmische Kreuzgitter geschickt übereinander. Sie entwirft auch keinen brutalen Techno-Stress, sozusagen als handwerkliche Beschwörung der Technik, um uns einzig den Alltag vergessen zu lassen. Caterina Barbieri schafft mit ihrer Musik Erlebnisräume, sie entwirft Töne und Sequenzen, die aus anderen Welten zu uns zu kommen scheinen, die an uns vorüber ziehen, uns akustisch stimulieren und wieder im All versinken. Es sind avantgardistisch-futuristische Fantasien, die manchmal an sakrale Manifestationen erinnern und trotz aller Archaik eine kommunikative Wärme verbreiten. So wie am Samstag, als die Wahlberlinerin im Münchner Haus der Kunst ihre klanglichen Beschwörungsformeln im Rahmen der Reihe „Tune“ Live entwickelte und damit auch zugleich ein Statement über die Grenzenlosigkeit der Kunst abgab.
Die aus Mailand stammende Barbieri hat keine Berührungsängste, Musik und Philosophie, mutige Klangexperimente und ethnologische Forschungen miteinander zu verzahnen. Insofern ist ihre Herangehensweise an Sounds und deren Ein- und Umsetzen sehr komplex und von einer inneren Neugierde und mittlerweile auch Erfahrung gekennzeichnet. Problemlos, aber mit Schneid nutzt sie kunstvoll ihre Stimme, und besetzt mit kühnem Gesang regelrechte Gegenpositionen zu ihrer Musik. Man glaubt gar nicht, dass sie seit ihrer Kindheit auch klassische Gitarre spielt. Vielleicht kommt von diesem Studium auch ihre gewisse Strenge, die sich ebenfalls in den elektronischen Dramaturgien Platz schafft. Die Intensität während der raumgreifenden, an- und abschwellenden Klangprozessionen ermöglicht in den Spitzen kaum noch Steigerungsmöglichkeiten. Es ist eine von schriller Poesie gezeichnete Zeit- und Raumexpedition zwischen formbewusstem Kalkül und Minimalismus. Am Ende bleiben stille Tonspuren, die im Kosmos unserer Zeit verhallen.
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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