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1. Landsberg: Natur - Das Artensterben geht seinen Gang
2. Fürstenfeld: tanzmainz „Promise“ - Rauschhaft
3. Landsberg: Eckart Runge & Jacques Ammon – Revolutionäre im Konzert
4. Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Unterschiedliche choreographische ...
5. Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtba...
6. Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
Freitag 01.07.2022
Landsberg: Natur - Das Artensterben geht seinen Gang
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Foto: Monika Forster
Landsberg. Das Stück „Natur“ gehört zu jenen Kulturbeiträgen, in denen wir im Grunde nur über uns selber staunen. Weil wir Augenzeugen am Untergang einer, unserer Welt werden, für den wir selbst die Verantwortung tragen. Das verrückte daran ist, dass wir uns letztendlich noch damit brüsten, Zuschauer dieser Apocalypse in Echtzeit zu sein. Wir machen aus dem Erdenverfall ein Happening, nennen den Akt der Zerstörung vielleicht sogar Performance und schauen uns dieses Phänomen unterhaltend im Theater an.
Aber eben auch dies gehört zum öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag, unbequeme Wahrheiten künstlerisch aufzuarbeiten, den Finger in die Wunde zu legen - auch wenn es gewaltig schmerzt. Lukas Hammerstein hat nun für das Landestheater Schwaben in Memmingen „Natur“ geschrieben, das in einer Inszenierung von Robert Teufel am Donnerstag in Landsberg aufgeführt wurde.
Wie begegnet man nun dramaturgisch diesem im wahrsten Sinne des Wortes Umwelt-Irrsinn? In dem man aus dem bedrohlichen Ernst einen gewaltigen Spaß macht. Damit wären wir, um dies erträglich und erfolgreich zu gestalten, im Bereich des Sarkasmus, der Ironie, vielleicht auch der Satire. Unter deren Deckmantel ist ja bekanntlich (fast) alles erlaubt und das Unerträgliche wird in Form von Spott über sich selbst erträglicher. Aber eben auch nicht besser.
In diesem Stück, das den drohenden Felssturz in den Bergen zum Inhalt hat, treffen sich sieben Personen und ein Yeti an einem relativ sicheren Beobachtungsplatz in einer Hütte gegenüber der Tragödie und kommentieren von hier so passend wie unpassend dieses Spektakel. Es sind Menschen querbeet durch die Gesellschaft, die sich gegenseitig versichern, wie erfolgreich sie ihr Leben meistern und dabei doch nur, natürlich biodivers, ihr Ego, ja ihren Narzismus ausbreiten. Es sind in ihrem Verhalten und ihren Aussagen typische Vertreter (Influencerin, Alpinist, Grünenpolitiker, pubertierender Schnösel, Botox-Queen und Bäuerin) unserer egomanischen Neidgesellschaft.
Am Ende, wenn nicht das eintritt, weshalb sie zusammenkamen, werden ihnen ihre Sünden nicht vergeben und das Jüngste Gericht urteilt sie kurzerhand ab. Der Yeti, als Vertreter der Schöpfung, wird sie richten. Naturgesetze sind nun einmal nicht verhandelbar und das Artensterben geht seinen gewohnten Gang.
Hammersteins Text ist spritzig und vor allem auch witzig. Er besitzt etwas entlarvendes und ist Aufklärung zugleich. In passendem Tonfall und mit scheinbarer Unbeschwertheit nimmt sich das gesamte Ensemble dieser Vorlage an. Jeder einzelne der Akteure geht in seiner Rolle, in dem darzustellenden Charakter, regelrecht auf. Die Bühne, eine einfache Schräge, die einen Gletscher darstellen soll, lenkt von den Dialogen nicht ab. Diese stehen im Mittelpunkt des Geschehens, machen aus dem Stück in den besten Momenten derbe Kabarettnummern, bei der einem häufig das Lachen im Halse stecken bleibt. Hinzu kommen die rituellen verbalen Beschwörungen unserer Zeit, die gebetsmühlenartig aufgesagt werden und fast schon einen religiösen Charakter aufzeigen und natürlich jede Menge Nonsens, wie singende Schneekanonen oder personifizierte Umweltengel. Im ganzen also ein Spaß der nachdenklich macht, dem der erhobene Zeigefinger zum Glück fehlt und in dem wir uns manchmal ganz einfach demaskiert fühlen.
Jörg Konrad
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Fotos: Andreas Etter
Mittwoch 29.06.2022
Fürstenfeld: tanzmainz „Promise“ - Rauschhaft
Fürstenfeld. Ein Erkennungsmerkmal in den Choreographien von Sharon Eyal ist, dass sie weniger mit weiten, raumgreifenden Figuren, ausholenden Gesten und pathetischer Dynamik arbeitet. Sie beschränkt sich derzeit mehr auf reduzierte Bewegungsmuster, auf kleine, sich ständig wiederholende und nur ganz leicht variierende Abläufe. Der Reiz ihrer Darstellungen liegt im Detail, in knappen, man möchte meinen Endlosschleifen, die den Ablauf in einem ständigen Fluss halten und dabei mit eher flachen Hierarchien auskommt, was solistische Einlagen betrifft.
So auch in ihrem gestern in Fürstenfeld von tanzmainz präsentierten Stück „Promise“ (nach "Untiteld Black" am letzten Dienstag das zweite Stück von Eyal während DanceFirst). Sieben Tänzerinnen und Tänzer, die als Gemeinschaft, in meist kleiner Gruppe, die Bühne ausmessen, sie auf Zehenspitzen tänzelnd langsam ausfüllen. Dazu gibt es eine Art Progressiv-Techno, ein elektronisch pulsierendes Musik-Gebräu, das zwischenzeitlich akustisch runtergebrochen wird, bis auf den Country-Klassiker „Rawhide“ von Frankie Laine aus dem Jahr 1959 (Musik: Ori Lichtik). Das gerät aber nie kitschig, oder überzogen, sondern im Zusammenspiel mit den Tänzerinnen und Tänzern poetisch surreal, wie ausufernde Traumsequenzen.
Sich gegenseitig stärkend, als Gruppe verletzungsunanfälliger wirkend, geht die Individualität des Einzelnen hier nie verloren. Emotionen und Befindlichkeiten sind trotz der klaren Strukturen des Tanzes stets gegenwärtig. Und mit kleinen Gesten wird die Menschlichkeit und Empathie dieses sich wie ein einziger Organismus bewegenden Verbundes immer wieder ausdrucksstark spürbar. Die Intensität des ständigen Auf-und-Ab, des Vor-und-Zurück kommt letztendlich einer rauschhaften Askese nahe, die das Publikum für eine Dreiviertelstunde in Hypnose versetzt.
Jörg Konrad
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Foto: Thomas Rausch
Sonntag 26.06.2022
Landsberg: Eckart Runge & Jacques Ammon – Revolutionäre im Konzert
Landsberg. Mittlerweile stellt sich die Frage, ob es denn musikalische Herausforderungen gibt, denen die beiden nicht gewachsen sind? Wahrscheinlich ja, aber letztendlich schwer vorstellbar.
Eckart Runge und Jacques Ammon waren, nach fast fünf Jahren, wiederholt zu Gast im altehrwürdigen Rathaussaal zu Landsberg. Im Grunde war dieses Konzert anlässlich ihres 2021 erschienen Albums „Revolutionary Icons“ geplant. Doch die Pandemie hat, auch in diesem Fall, alle Termine mehrmals verschoben, so dass das Duo erst jetzt zum Erscheinen ihres Folge-Albums „Baroque in Blue“ auftrat. Das Repertoire stammte am Samstag somit aus diesen beiden zuletzt erschienenen Veröffentlichungen und die hatten es musikalisch/stilistisch jeweils in sich.
Nennt man allein die Namen der Komponisten, die von den beiden Meistersolisten interpretiert wurden, scheint es fast unvorstellbar, all diese innerhalb nur eines Konzertes unterzubringen. Doch Runge & Ammon machen's möglich: Ludwig van Beethoven, Chick Corea, David Bowie, Jimi Hendrix, Frank Zappa, Felix Bendlossohn Bartholdy und so weiter. Zusammengehalten wurde diese Auswahl revolutionären Musizierens durch Beethoven, der sich wie ein roter Faden durch das gesamte Programm zog und dessen Stücke sehr wohl in der Lage waren, diese verschiedenen Ausdrucksspektren spannend miteinander zu verzahnen. Zudem gehörten seine Interpretationen, ob „Adelaida“ aus dem Liederzyklus op. 46 oder die „Cavatina“ aus dem Streichquartett op. 130 (sämtlich in den Bearbeitungen des Duos), was die musikästhetische Präsentation betrifft, auch zu den Höhepunkten des Abends. Hier zeigte sich die instrumentale Klasse Eckart Runges und Jacques Ammons besonders beeindruckend. Ein in sich geschlossener intensiver Dialog, der beide Stimmen zu einem faszinierenden Ausdruck verschmelzen ließ. Runges klare und vor Vielfarbigkeit sprühende Handhabung des Cellos, sein wunderbarer, tiefberührender Klang trugen allein schon das Konzert in superlative Sphären. Seine subtile Kunst des Rubato-Spiels besaß trotz aller Erhabenheit auch etwas tänzerisches, leichtes und beeindruckte ohne Pathos in seiner bodenständigen Vollkommenheit. Zudem moderierte er kenntnis- und erfahrungsreich durch das breit angelegte Programm.
In Ammon hat er einen idealen Begleiter und musikalischen Partner an der Seite, der in diesem anspruchsvollen Repertoire durch seine Vielfalt und Hingabe zu überzeugen wusste. Egal ob er sich in den strengeren klassischen Kompositionen mit viel Feingefühl an der Partitur entlangbewegte, Jazzharmonien in Chick Coreas „Spain“ erschloss, oder gar beherzt in den Innenraum des Flügels griff („Warszawa“ von David Bowie) – er blieb ein ausgeglichener, verführerischer Pianist, voller Respekt vor jeder From von Musik und natürlich seinem musikalischen Gegenüber.
Beide nahmen die begeisterte Zuhörerschaft auch mit auf eine Reise hin zu dem ukrainischen Komponisten Nikolai Kapustin, der mit seinem auskomponierten sehr jazzverwandten Werken in den vergangenen zwei Jahren die großen Kulturtempel Europas regelrecht stürmte. Warum das so ist, wurde an der „Burlesque op. 98“ deutlich. Einem kurzen vor Temperament und Furioso sprühenden Stück, das wie eine Reise durch die Jazzhistorie klang. Da galoppierte hochkultiviert wie elegant der Ragtime durch den Raum, man spürte eine ordentliche Straßenszene des New Orleans Stils und alles swingte mit jeder Menge hackenschlagender Ideen in Hochgeschwindigkeit.
Ein breites Spektrum, das von Runge & Ammon an diesem Abend präsentiert wurde und bei dem sich das Publikum offen und leidenschaftlich zugewandt zeigte. Das Konzert machte aber auch deutlich, wie mutig einstige Komponisten mit ihrem revolutionärem Ansatz waren und wie bezeichnend letztendlich ihre einstigen Herausforderungen nachwirken. Ein großer Musikabend.
Jörg Konrad
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Mittwoch 22.06.2022
Fürstenfeld: Hessisches Staatsballett - Unterschiedliche choreographische Handschriften
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Fotos: Ingo Schaefer
Fürstenfeld. Dass das Tanzen eine Welt für sich ist, in der wiederum ganz eigene, individuell abgesteckte Ausdrucksformen existieren, Kenner sprechen hier von unterschiedlichen choreographischen Handschriften, wurde am Dienstag in Fürstenfeld besonders deutlich. Im Rahmen des DanceFirst-Festivals präsentierte das Hessische Staatsballett die Stücke „Timeless“ und „Untitled Black“, die in ihrer Ausführung und Wirkung kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Gleichzeitig wurden mit den Aufführungen die Vielfalt und der weit gespannte Bogen dieser künstlerischen Diktion deutlich, auch wenn nicht jede Art der Umsetzung auf den Betrachter gleich ansprechend wirkt.
Xie Xins, eine der bedeutendsten Choreografinnen Asiens, eröffnete mit ihrem Auftragswerk „Timeless“ den Tanz-Abend betörend. Die Chinesin bewegt sich mit diesem Stück zwischen östlicher und westlicher Kultur, ein (auch politischer) Spagat, der in seiner Umsetzung jedoch kaum harmonischer hätte ausfallen könnte. Einfach weil sich Xie Xin in dieser Arbeit auf das Wesentliche des menschlichen Miteinanders konzentriert – egal welcher Kultur angehörend. Bei ihr geht es um die Empathie der Kommunikation, um Würde und Eleganz, um die Friedfertigkeit der Stille und eine transzendente Dynamik.
In weiten beigefarbenen Gewändern schienen die Tänzer über den Bühnenboden regelrecht zu gleiten. Es sind sinnliche Figuren, die etwas Unbestimmtes aber Anhängiges vermitteln, etwas magisches, wie Traumsequenzen, die die menschliche Spezies von einer sehr verführerischen, empfindsamen Seite zeigen. Trotz mancher Shaolin-Assoziationen, die das Stück aufwirft, sind die dynamischen Bewegungsabläufe mit- und umeinander von ausgeprägtem Respekt voreinander gekennzeichnet.
Unterlegt wird dieses feinfühlige getanzte Schauspiel von kontemplativer Musik, komponiert von Sylvian Wang. Die reduzierte, allein einer klanglichen Ästhetik verpflichtende Tonkunst wirkt im tänzerischen Kontext fast surreal. Der Puls dieser Musik stammt von den wogenden, mäandernden, sich vereinenden und wieder trennenden menschlichen Leibern auf der Bühne. Ein anmutiges, leichtfüßiges und doch Haltung bekennendes Werk.
Schnitt. Die fast meditativ versunkenen Klangbilder machen nach der Pause einem lauten und treibenden rhythmischen Tumult Platz. „Untitled Black“, erarbeitet von der Israelin Sharon Eyals, ist genau das Gegenteil dessen, was man als zart, poetisch und diskret benennt. Zumindest nach den Maßstäben und im Vergleich mit dem vorigen „Timeless“.
Nun sind die rhythmischen Grundlagen in Form von Techno und Drum&Bass (Musik: Ori Lichtik) deutlich zu hören und tief in sich zu spüren. Die Bühne wirkt plötzlich wie der Schauplatz einer feindlichen Übernahme. Das Leben ist hier hart und roh, besteht aus einer strikten Aneinanderreihung von Bewegungselementen. Teilweise zwar minimalistisch durchorganisiert, dabei die Gedanken zur aktuell gesellschaftlich geführten KI-Diskussion deutlich spürend. Das vorige behutsame Miteinander ist hier einer stark individuellen Ausrichtung gewichen. Alles ist im (individuellen) Fluss, getreu dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht. Insofern besitzt „Untitled Black“ auch einen aufklärerischen Focus – im Sinne einer objektiven Zustandsbeschreibung.
Dieser Abend glich letztendlich einem Wechselbad der Gefühle und faszinierte in der Umsetzung derart unterschiedlicher Vorgaben durch das Hessische Staatsballett.
Jörg Konrad
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Donnerstag 26.05.2022
Landsberg: Die Stadt der Blinden - Das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar
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Landsberg. In der Not zeigt der Mensch sein wahres Gesicht. Pandemien und körperliche Beeinträchtigungen wurden schon immer von Autoren genau aus diesem Grund als Metapher genutzt, um Extremsituationen zu schaffen und das Verhalten des Individuums innerhalb einer Gesellschaft darzustellen. Diese Behinderungen sind auch als Herausforderungen zu verstehen, sich persönlicher Schwächen und Stärken bewusst zu werden, sich ihnen zu stellen und zugleich ein möglichst aussagekräftiges Bild der Zivilisation zu entwerfen. Dies lässt sich bei Maurice Maeterlincks Drama „Die Blinden“, HG Wells Kurzgeschichte „Im Land der Blinden“, Nikos Kazantzakis Parabel „Die Blinden“ und natürlich Camus Sicht des Absurden in „Die Pest“ und dem Theater Becketts sowie Ionescus beobachten.
Nun gastierte am vergangenen Dienstag in Landsberg das Tübinger Landestheater mit José SaramagosDie Stadt der Blinden“. Auch dem portugiesischem Nobelpreisträger geht es in seinem klaustrophobischen Roman, der dem Stück als Vorlage dient, eben um jene besondere Situation, die das Miteinander der Menschen durchleuchtet und auf eine gesellschaftlichsrelevante Probe stellt. Alles beginnt, in dem ein einzelner Mensch im Straßenverkehr ganz plötzlich sein Augenlicht verliert. Ein ihm Helfender wird kurz nach der persönlichen Begegnung, ebenfalls blind. Es ist wie eine Epidemie, die um sich greift und von der immer mehr Menschen in der namenlosen Stadt betroffen sind.
Die Gesetzeshüter internieren alle Opfer in einer alten, runtergekommenen psychiatrischen Klinik - ohne jede medizinische und soziale Betreuung - in unhaltbaren hygienischen Zuständen und rundum vom Militär bewacht. So entsteht unter den internierten Blinden eine hierarchische Struktur, die letztendlich in ein plakatives Unterdrückungssystems entartet. Die stärksten regieren das Miteinander brutal und voller Aggressionen, kontrollieren die Essensausgaben, stehlen Wertsachen, vergewaltigen hemmungslos. Erst die Frau des Augenarztes, die selbst noch sehend sich heimlich in das Irrenhaus geschlichen hat, beginnt gegen die Situation anzukämpfen. Sie verändert das Geschehen und die bitterböse Parabel lässt einen winzigen Funken Hoffnung aufglimmen.
Die einzelnen Figuren werden nicht mit Namen genannt. Nur Äußerlichkeiten und persönliche Tätigkeiten dienen der Ansprache, wodurch die zwischenmenschlichen Situationen dramaturgisch anonymisiert werden. Die Inszenierung von Dominik Günther, der zugleich auch Regie führt, lebt von der Dynamik des Schreckens, von der milchigen Abgetrenntheit des Bühnenbildes vom Zuschauerraum (Bühnenbild Sandra Fox). Die Wahrnehmung in einem Umfeld, in der das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar wird löst sich auf, macht einer Hilflosigkeit Platz. Das Ausgeliefertsein und die damit verbundene Angst ist die alles bestimmende Grundlage des Stückes, wirkt aber nicht völlig überzeugend. Zu starr geraten die Charaktere, zu holzschnittartig ihre Psyche. Auch der dröge Dico-Foxtrott, um die Verrohung der Emotionen akustisch zu untermalen, wirkt kindlich, nur wenig bedrückend.
Was bleibt ist auch die Frage, ob in derart schmerzhaften weltpolitischen Zeiten das beklemmende Szenario von der Bühne aus verstärkt werden muss. Nicht falsch verstehen: Sicher soll sich die Kunst mit dem Realen dieser Welt auseinandersetzen. Man darf dem Entsetzen natürlich nicht mit fröhlichem Einerlei begegnen! Aber rein plakative Assoziationen, zu Flüchtlingslagern, Pandemien, Foltergefängnissen sind zu wenig. Es geht auch darum, jeder Unmenschlichkeit und jeder Gewaltherrschaft kämpferisch wie überzeugend etwas entgegenzusetzen.
Jörg Konrad
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Samstag 21.05.2022
Germering: Christoph Grab's Reflections – Monk bleibt!
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Germering. Als Thelonious Monk im Februar 1982 starb, war er schon einige Jahre aufgrund verschiedener Krankheiten und fehlender Spiellust nicht mehr aufgetreten. Er geriet damals fast in Vergessenheit – kaum jemand erinnerte sich in jener Zeit noch an den einstigen Hohepriester des Bop. Erst durch seinen Tod veränderte sich das Bewusstsein der damaligen Jazzszene. Plötzlich gab es Hommagen und Tribute-Veröffentlichungen, wurden Alben von ihm wieder aufgelegt, eroberten Musiker wie Arthur Blythe, Don Pullen oder Bennie Wallace seine Kompositionen neu. Das sperrige Raum-Zeit-Konzept Monks wurde noch einmal entdeckt, es gab eine regelrechte Monk-Manie, die bis heute anhält. So entstanden in den letzten Jahren Projekte, die sein gesamtes kompositorisches OEuvre in einem neuen Licht erscheinen ließen, wie zum Beispiel in Alexander von Schlippenbachs Formation Monks Casino (die übrigens 2008 mit großem Erfolg in Germering gastierte), Silke Eberhard, Frank Kimbrough oder der Gitarrist Miles Okazaki, um nur einige wenige zu nennen.
Der Schweizer Saxophonist Christoph Grab setzte am Freitag mit seiner Formation Reflections die musikalische Verbeugung vor diesem Jazz-Genie des 20. Jahrhunderts im Germeringer Amadeussaal mit einem bemerkenswerten Konzert fort. Der Inhalt des rund zweistündigen Programms bestand ausschließlich aus Monk.
Grab zeigte sich in seinem Quintett als ein absolut versierter Ton-Architekt, ein regelrechter Maßschneider für Monk-Arrangements. Am auffälligsten dabei die klaren Strukturen, die Reflections aus den Vorgaben formten. Abgesehen von einigen expressiven Soloexkursen der Bandmitglieder wurde nichts dem Zufall überlassen. Klangflächen wurden übereinander gelagert, die Themen wurden auf die einzelnen Musiker verteilt, es war manchmal wie ein instrumentales Puzzle, das sich erst in den Köpfen des Publikums ergänzte und zusammenfügte. So wurde die Spannung und Komplexität der Vorgaben erhalten, die Exzentrik ihres Schöpfers bewahrt, der Kontrast zwischen Dissonanz und Poesie weit ausgelotet.
Grab hat eine grandiose Band zusammengestellt und mit nach Germering gebracht. Allen voran Trompeter Lucas Thöni, der ein ganzes Spektrum von Stilistiken beherrscht und zugleich eine außergewöhnliche Individualität ausstrahlt. In eleganter Eloquenz widmete er sich den Soloparts, parierte das Satzspiel perfekt, fand immer wieder eine neue, ideenreiche Wendung seines Spiels. In Andreas Tschopp an der Posaune hatte er einen verlässlichen und spieltechnisch flüssigen Partner, der oft in überschäumender Verspieltheit seine solistischen Räume nutzte. Mit Bänz Oester am Bass und Schlagzeuger Pius Baschnagel hielten zwei professionelle Rhythmiker die gesamte Musik zusammen. Sie waren das kontrollierte Rückrat des Quintetts, eher diskret als tollkühn.
Christoph Grab füllte das Zentrum von Kompositionen wie „Introspection“, „Monk's Mood“, „Work“ oder „Round Midnight“. Seine überdachten Arrangements, sein ausgefeiltes, rationales, von Ideen und Fähigkeiten gezeichnetes Spiel gibt dem gesamten Projekt deutliche Konturen. Er ist das eigentliche Bindeglied zwischen Tradition und Moderne. Man spürt in seiner Herangehensweise das swingende Selbstverständnis, die Strukturen des Blues, ja sogar aufblitzende Momente des alten New Orleans. Und dann ist da wieder der Gedanke der Avantgarde, der Einzug hält, das gegenwärtige Moment in seinen wie gedrechselten Improvisationen. So bleibt Monk präsent, greifbar, vor allem erlebbar. Wie lautete doch vor Jahren ein Slogan der Musikindustrie: Zurück in die Zukunft! Passender könnte man den Musikabend am Freitag in Germering nicht überschreiben. Vielleicht noch: Monk bleibt!
Jörg Konrad
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Autor: Siehe Artikel
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