Blickpunkt:
Echo
Echo
Inhaltsverzeichnis
Germering: Philipp Stauber Quartett – Beschwingte Lektionen

7

Landkreis Fürstenfeldbruck: Eine Hochburg des Jazz

8

Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung...

9

Germering: Hans-Jürgen Schaal und 10 Jahre JazzIt!

10

Fürstenfeld: Russell Maliphant Company - Einsamkeit und Gruppenrausch

11

Fürstenfeld: Tango Transit – Mitten im prallen Leben

12

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Samstag 23.09.2017
Germering: Philipp Stauber Quartett – Beschwingte Lektionen
Bilder
Philipp Stauber gab, als er zehn Jahre alte war, als Berufswunsch „Beatle“ an. So sehr hatten es ihm die „Fab Four“ angetan. Er konnte sich nicht einmal entscheiden, wer von den Vieren er sein wollte. Später war dann Wes Montgomery sein Held. Der Jazz-Gitarrist, über den Joachim Ernst Berendt einmal sagte, er habe den eigentlichen Zündsatz für die Gitarrenexplosion in den 1960er Jahren gebildet. Gitarrist ist Stauber dann auch geworden – bis heute.
Am gestrigen Abend gastierte der in Vilseck geborene mit seinem Quartett in der Germeringer Stadthalle und eröffnete die Herbst/Winter-Saison der Reihe „Jazz It!“. An seiner Seite: Der organisierte Saxophonist Till Martin, Bass-Professor Thomas Stabenow und der Münchner Schlagzeuger Bastian Jütte.
Es wurde ein Abend der Standards und Komponisten wie Johnny Mercer, Thelonious Monk, Ram Ramirez oder Charlie Parker. Zusätzlich einige Eigenkompositionen aus Staubers Feder, die ihn als einen hervorragenden Notensetzer auszeichneten. Die Spielweise des Quartetts pendelte zwischen Swing und Bop, mit einer ordentlichen Prise Bossa Nova. Beschwingte Lektionen gab die Formation, die deutlich machten, wie zeitlos diese Form des Musizierens bis heute ist. Historische Rekonstruktionen, die etwas Heiteres, oder zumindest Positives ausstrahlten.
Stauber zeigt sich dabei als ein sehr unaufgeregter, aber musikalisch klar artikulierender Instrumentalist. Die Nervosität des Bop erdet er hör- und spürbar im Blues und zeigt bei seinen virtuosen Künsten immer eine gewisse mitreißende Eleganz. Der Gitarrist gehört mit Sicherheit zu den beeindruckendsten Charakteren auf seinem Instrument. Er versteht es ausgezeichnet, sich zwischen Sensibilität und Dynamik raffiniert zu positionieren. Und dann hat er natürlich noch seine Band an der Hand. Till Martin, am Saxophon wie eh und je verlässlich, und mit dem notwendigen Risiko jeden Chorus gestaltend. Er beherrscht die geflüsterten Finessen innerhalb eines Solos ebenso, wie die energischen Statements. Ein Musiker, der gruppendienlich spielt und sich stets im Sinne des Gesamtanliegens der Formation einbringt. Ganz ähnlich wie die beiden Rhythmiker Thomas Stabenow und Bastian Jütte. Sie weben dauerhaft an einem brodelndem, wie statisch verlässlichen Unterbau. Sie werfen sich die Ideen zu, suchen dezent die Lücken für kurze solistische Ausflüge und wissen auch längere Freiräume spannend und herausfordernd auszufüllen. Insgesamt kein neuer Sound. Aber ein tolles Konzert.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 05.09.2017
Landkreis Fürstenfeldbruck: Eine Hochburg des Jazz
Bilder
Bilder
Bilder
Derzeit laufen im Landkreis Fürstenfeldbruck drei(!) gestandene Jazzreihen, deren organisatorische Beständigkeit und musikalische Qualität wohl einmalig sein dürften. Luftlinie liegen die drei Spielstätten Puchheim-Germering-Fürstenfeld nur jeweils gute zehn Kilometer auseinander. Die Anzahl der Besucher beeinflusst diese Nähe jedoch nicht.
Die älteste Reihe existiert seit nun fast 20 Jahren in Puchheim. 1998 hat Alois Leibold vom ortsansässigen Kulturverein mutig ein Konzert organisiert – dem über 70 weitere folgen sollten. Das musikalische Spektrum reichte von Klezmer, über Tango bis hin zu Modern Jazz, Swing und Blues. Große Namen wie Pablo Ziegler, Dino Saluzzi, Franco Ambrosetti oder Charly Antolini begeisterten im Puchheimer Kulturcentrum (PUC) das Publikum. 2012 setzten dann Daniel Dinkel von Galileo Records aus Fürstenfeldbruck und der Leiter des JazzStreicherBigBand Bluestrings Frank Wunderer die Konzertreihe unter dem Titel JAZZ AROUND THE WORLD fort. Mittlerweile können die beiden ebenfalls auf über 30 Konzerte zurückblicken. Im Oktober beginnt hier die neue Saison (Programm siehe unten).
Voraussetzung für alle drei Reihen ist jeweils die reibungslose und offene Zusammenarbeit zwischen Veranstalter und künstlerischen Beratern. So steht in Puchheim von Beginn an der amtierende Kulturamtsleiter Michael Kaller hinter der Arbeit von Daniel Dinkel und Frank Wunderer.
In Germering hingegen trägt die Zusammenarbeit von Stadthallenchefin Medea Schmitt mit dem Jazzexperten Hans-Jürgen Schaal reife Früchte. Beide bringen es (bisher!) auf über zehn Jahre und fast neunzig Jazz-Veranstaltungen. Auf die Frage, was nach seiner Meinung den Erfolg von „JAZZ IT!“ mit kontinuierlich über 200 Abonnenten pro Saison ausmache, antwortete Hans-Jürgen Schaal KultKomplott in einem Interview: „Zuallererst und grundsätzlich ist das ein Erfolg des Jazz. Nicht umsonst ist dieses Genre auch nach über hundert Jahren noch so quicklebendig. Improvisierte Musik ist einfach das Spannendste, was man im Konzert erleben kann – jedenfalls viel spannender als die zehntausendste Reproduktion eines Mozart-Klavierkonzerts oder die aufwendige Live-Umsetzung eines schlichten Popsongs.“ Das neue Programm für Germering (2018) ist dieser Tage erschienen (siehe unten).
Im Fürstenfeld begann alles 2003 mit einem Soloauftritt des Pianisten Chris Jarrett. Leiter des Veranstaltungsforum Norbert Leinweber kooperierte am Anfang mit Loft Music, den Veranstaltern des damals noch existierenden Münchner Klaviersommers. Gemeinsam schuf man im wunderbaren Fürstenfelder Ambiente vor den Toren der bayrischen Landeshauptstadt ein Podium für europäischen Spitzenjazz. In fast 130 Konzerten waren unter anderen so herausragende Solisten wie Bobo Stenson, Younee, Renaud-Garcia Fonds, Enrico Pieranunzi, Jasper van`t Hof zu Gast. Mittlerweile hat Klangwort Entertainment um Irina Frühwirt die künstlerische Beratung übernommen. Und auch hier sprechen über 200 Abonnenten ein deutliche Sprache. Eben: JAZZ FIRST.
Wenn man dann noch bedenkt, dass in Maisach mit der Reihe BEER & GUITAR seit 2006 die „besten Gitarristen“ der Welt präsentiert werden, in Olching spontane Jazzkonzerte stattfinden und in Gilching (danke für den Hinweis - gehört natürlich zu Starnberg, aber hart an der Grenze ...) sich eine neue Reihe unter dem Titel MUSIK IM RATHAUS gerade erst etabliert, dann kann man ohne Übertreibung sagen: Der Landkreis Fürstenfeldbruck ist eine Hochburg der zeitgenössicshen Improvisation, von der manche Großstädte nur mehr träumen können.


JAZZ AROUND THE WORLD im Puchheimer Culturzentrum PUC:
17.10.2017: Black Market Tune
23.11.2017: Sarah-Jane Summers & Juhani Silvola
14.12.2017: Mames Babegenush


JAZZ IT! in der Stadthalle Germering:
22.09.2017: Philipp Stauber Quartett
27.10.2017 Peter Schärli Trio & Glenn Ferriss
15.12.2017 Max Hacker Trio
2018
12.01.2018 Denis Gäbel Quartet
13.04.2018 Trio Benares
14.06.2018 Andreas Schaerer & Lucas Niggli
20.07.2018 Daniel Erdmann´s Velvet Revolution
21.09.2018 Jason Seizer Quartet
26.10.2018 Joris Roelofs Trio
21.12.2018 Marialy Pacheco - solo


JAZZ FIRST im Veranstaltungsforum Fürstenfeld:
20.11.2017 Chris Gall & Bernhard Schimpelsberger
06.12.2017 Julian & Roman Wasserfuhr
2018
21.02.2018 Shalosh
18.04.2018 Julia Hülsmann & Torun Eriksen
16.05.2018 Benny Lackner Trio
13.06.2018 Malia


BEER & GUITAR in Maisach
20.10.2017 Abi Wallenstein & Ludwig Seuss
18.11.2017 Dave Goodman


MUSIK IM RATHAUS GILCHING
22.09.2017 Fei Scho
13.10.2017 Unterbiberger Hofmusik
17.11.2017 PAM PAM IDA
Autor: Siehe Artikel
Montag 28.08.2017
Buchheim Museum: Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum
Bilder
Bilder
Bilder
Verführerisch und verstörend - Die große Nolde-Ausstellung im Buchheim-Museum    
Ausstellung vom 23. Juli bis 15. Oktober 2017     

Es ist eine oft und schnell dahingesagte Floskel, dass man in einer Ausstellung diesen oder jenen Künstler neu entdecken kann. Wer Emil Nolde bislang als Maler von Blumen und Wolken, von strahlenden Landschaften und ausdrucksvollen Portraits kennt, der wird in der aktuellen Ausstellung im Buchheim-Museum aber tatsächlich einem fremden Künstler begegnen: Die fulminante Bilderschau „Nolde. Die Grotesken“, bestückt mit 116 Werken aus der Nolde Stiftung in Seebüll, ist nach ihrer ersten Station im Rahmen der „Internationalen Tage Ingelheim“ im Museum Wiesbaden noch bis Mitte Oktober in Bernried zu sehen.

Das Fantastische und Groteske ist eine weitgehend unbekannte Facette in Noldes umfangreichem Werk, beschäftigte ihn jedoch in allen Schaffensperioden und hatte einen erheblichen Anteil an seinem Erfolg: Der geradezu reißende Absatz seiner „Bergpostkarten“, für die er in den Jahren von 1894 bis 1897 die Schweizer Alpengipfel in Gestalt grotesker Märchen- und Sagenfiguren portraitierte, ermöglichte es ihm, seinen Brotberuf aufzugeben und als Künstler zu existieren. Und die Serie seiner „Ungemalten Bilder“, kleinformatige Aquarelle, die trotz des Berufsverbots ab 1941 entstanden, begründeten schließlich seine Anerkennung und Würdigung in der Nachkriegszeit.

Buchstäblich im Zentrum der Ausstellung stehen aber zunächst die Gemälde aus den 1920er Jahren, die der Betrachter in einem Raum im Raum als hochexpressives Figurenkabinett und vor allem als wahren Farbenrausch erfährt. Ein „Tolles Weib“ mit feuerrotem Hexenhaar und giftgelber Haut streckt den Hintern einer ganzen Schar gieriger Gaffer hin, eine wilde Jagd fegt über die Leinwand, ein dunkelhäutiges Meerweib reckt seine roten Krallen unter einem riesigen Brecher hervor und zwei halbnackte Fantasiefrauen begegnen sich mit wehenden Röcken an einem wellengepeitschten Strand. Maskenträger, Tänzerinnen, Komödianten, ein Harlekin, ein „Seltsames Liebespaar“, lichtscheues Gesindel, grünhäutige Fabelwesen, glotzende Kopffüßler und huschende Spukgestalten geben sich ein Stelldichein. Es ist ein ebenso verführerischer wie irritierender Bilderkosmos, dessen Farbgewalt man sich kaum entziehen kann.

Ergänzend dazu werden an den äußeren Wänden des Ausstellungssaals druckgrafische Arbeiten und Aquarelle gezeigt, die nach ihrer Entstehungszeit zu Gruppen zusammengefasst sind: Auf die kuriosen Bergpostkarten folgen die als „Phantasien“ bezeichneten Radierungen, die „Märchenholzschnitte“, schließlich zwei Serien von Aquarellen, die 1918 in Utenwarf und 1919 auf der Hallig Hooge entstanden, und zuletzt eine Auswahl der ingesamt 1700 Blätter, die Nolde als „Ungemalte Bilder“ bezeichnete und die ihm nach 1945 als Grundlage für seine Gemälde dienten. Bei den Aquarellen ergaben sich die Motive erst direkt auf dem Blatt aus der verlaufenden Farbe, mit Tuschfederstrichen wurden sie konturiert. Auch bei den Radierungen ließ der Künstler zuweilen die Säure unkontrolliert Flächen in die Druckplatte ätzen und entwickelte daraus seine figürlichen Motive: Hier wie dort sind es Gestalten im Grenzbereich zwischen Mensch und Tier, mal eher verträumte Märchenwesen und mal eher fratzenhafte Gruselmonster. In Noldes Autobiografie wie auch in seinen Briefen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, wie sehr sein subjektives Verhältnis zum Fantastischen und Grotesken sein künstlerisches Werk prägte.

Vollendes verstörend freilich wird der Ausstellungsbesuch, wenn man sich auch mit Noldes Biografie beschäftigt. Seinen Hang zum Grotesken sah Nolde selbst keineswegs im Widerspruch zum kunstpolitischen Diktum der Nationalsozialisten, im Gegenteil: Er wollte der deutschen Kunst „ihr verlorenes Deutschtum“ wiedergeben, war überzeugter Antisemit, Parteimitglied und Anhänger des Hitler-Regimes. Hatte Joseph Goebbels noch 1933 seine Berliner Villa mit Landschaftsaquarellen von Nolde ausstatten lassen, so war Nolde wenige Jahre später der meist vertretene Künstler in der diffamierenden Ausstellung „Entartete Kunst“. Dem Berufsverbot und den Repressalien versuchte er sich, zum Teil mit Erfolg, durch anbiedernde Briefe an Parteibonzen zu entziehen, den Ausschluss aus der „Reichskunstkammer“ im Jahr 1941 konnte er dennoch nicht verhindern. Nach 1945 wurde die Ablehnung von Noldes Kunst durch die Nationalsozialisten im Entnazifizierungsverfahren als seine eigene „Absage“ an das Regime interpretiert – Nolde wird zum gefeierten Nachkriegskünstler, erhält zahlreiche Auszeichnungen, ist mehrmals auf der Biennale in Venedig und 1955 auch auf der Documenta vertreten.

Zum Abschluss sei deshalb unbedingt noch ein kleiner Schlenker in den benachbarten Saal empfohlen, wo in diesen Wochen das berühmte Mohnblumen-Aquarell aus der Sammlung Buchheim zu sehen ist. Weil es so lichtempfindlich ist, kann es nur selten gezeigt werden. Von „wunderbaren Erscheinungen“ und „beglückenden Schöpfungen“ schwärmte schon Lothar-Günther Buchheim, wenn er von Noldes Blumenbildern sprach.

Empfohlen sei aber auch das Rahmenprogramm zur Ausstellung, zu dem beispielsweise am Sonntag, 17. September 2017, um 15.30 Uhr eine Führung mit dem Museumsdirektor Daniel J. Schreiber und eine Performance des Münchner „fastfood theaters“ gehören. Auch zur Finissage am Sonntag, 15. Oktober 2017, führt Schreiber selbst um 15.30 Uhr durch die Ausstellung, im Anschluss daran können bei einem Quiz Preise gewonnen werden. Alle Termine unter: www.buchheimmuseum.de.
Katja Sebald



Buchheim Museum
Am Hirschgarten 1
82347 Bernrie


Emil Nolde, Tolles Weib,
Gemälde 1919, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Seltsame,
Gemälde 1923, © Nolde Stiftung Seebüll


Emil Nolde, Tier und Weib,
Aquarell 1931-35, © Nolde Stiftung Seebüll
Autor: Katja Sebald
Dienstag 04.07.2017
Germering: Hans-Jürgen Schaal und 10 Jahre JazzIt!
Bilder
In diesem Jahr kann die in der Germeringer Stadthalle präsentierte Musikreihe „JazzIt!“ auf ihr zehn jähriges Jubiläum zurückblicken. Hans-Jürgen Schaal ist vom ersten Konzert an deren künstlerischer Berater. Fast 90 Band mit über 300 Instrumentalisten aus der Jazz-Szene waren seitdem in Germering und haben den Namen der Stadt vor den Toren Münchens weit hinaus in die Welt getragen. Dass mit den Musikern aus 20 Ländern und vier Erdteilen in der Vergangenheit auch jedes Mal ein Stück Internationalität nach Germering einzog, sei nur am Rande erwähnt. Ein derart hochkarätiges Programm hat über diesen Zeitraum manche Großstadt nicht zu bieten.
1981 begann Hans-Jürgen Schaals publizistische Tätigkeit mit einem Beitrag für das Jazzpodium/Stuttgart unter dem Titel „Der wiedergeborene Dionysos“. Seitdem schreibt er für unterschiedlichste Zeitschriften (u.a. Jazzthetik, Fidelity, Jazzthing, Clarino), hat Bücher herausgegeben ("Stan Getz", "Jazz-Standards"), Bücher übersetzt ("Louis Armstrong", "Jazz Seen") und moderiert seit Jahren für den WDR und SWR erfolgreich eigene Radiosendungen. Seit 2014 schreibt Hans-Jürgen Schaal einmal monatlich auch für KultKomplott.


KultKomplott: In diesem Jahr kann die Reihe JazzIt! in der Stadthalle Germering auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblicken. Aki Takase, die japanische Pianistin mit Wohnsitz Berlin, eröffnete im April 2007 mit ihrem Quintett den Konzertreigen. Noch 2017 wird das 90. Konzert der Reihe stattfinden (Max Hacker Trio am 15. Dezember). Was, glaubst Du, macht den Erfolg von JazzIt! aus?
Hans-Jürgen Schaal: Zuallererst und grundsätzlich ist das ein Erfolg des Jazz. Nicht umsonst ist dieses Genre auch nach über hundert Jahren noch so quicklebendig. Improvisierte Musik ist einfach das Spannendste, was man im Konzert erleben kann – jedenfalls viel spannender als die zehntausendste Reproduktion eines Mozart-Klavierkonzerts oder die aufwendige Live-Umsetzung eines schlichten Popsongs.
Auf der anderen Seite ist es ein Erfolg unseres Publikums, das solche improvisierte Musik im Konzert zu schätzen weiß. In Germering gibt es zahlreiche kompetente Jazzhörer, gibt es Jazz-Sachverständige. Schon in den 1990er Jahren fanden hier ja jährlich die Jazztage statt. Ich freue mich, dass unsere Konzertreihe die Jazz-Tradition von Germering lebendig hält.

KK: Geht man die einzelnen Konzerte durch, fällt neben der Ausgewogenheit des Programms immer wieder der Mut auf, mit dem Du Instrumentalisten und Projekte, die etwas abseits des Mainstreams stehen, nach Germering holst. Mir fällt da zum Beispiel der beinahe legendäre Auftritt von Alexander von Schlippenbach und Monk’s Casino (April 2008) ein – oder die in der Szene erst jetzt offiziell gewürdigte amerikanische Gitarristin Mary Halvorson (April 2011!) oder die deutsche Saxophonistin Silke Eberhard (März 2015). Nach welchen Kriterien stellst Du das Programm zusammen?

HJS: Ich weiß nicht, ob „Ausgewogenheit“ das richtige Wort ist. Ich würde „Vielseitigkeit“ bevorzugen. Und zu dieser Vielseitigkeit des Programms gehört, dass eben nicht nur der Mainstream-Jazz vertreten ist. Die interessantesten Sachen passieren ja oft am Rand der Konvention. Und einem so aufgeschlossenen Publikum, wie wir es in Germering haben, darf man die interessantesten Sachen doch nicht vorenthalten!
Natürlich sind solche Einschätzungen subjektiv. Ich wähle die Musiker nach den aktuellen Eindrücken, die ich von ihren Alben und Internet-Auftritten gewonnen habe. Mein persönlicher Geschmack ist da sehr weit gefächert. Bei swingendem Mainstream bin ich vielleicht sogar am kritischsten, denn da liegt der Maßstab aufgrund der reichhaltigen Jazzgeschichte besonders hoch. Junge Musiker, die etwas völlig Neues versuchen, sind für mich erst mal spannender als eine Veteranen-Band, die Swing und Hardbop nach großen Vorbildern spielt, von deren Qualität und Originalität aber weit entfernt ist.
Wie das Jahresprogramm am Ende aussieht, hängt natürlich noch von anderen Faktoren ab. Die Termine müssen stimmen, die Gagenvorstellungen. Und ich lege Wert darauf, dass das Programm als ganzes abwechslungsreich ist. Also: keine drei Klaviertrios in einer Saison. Oder: nicht nur 70-Jährige auf der Bühne.

KK: Und es bleibt an dieser Stelle anzumerken: Es funktioniert. Denn ein in bester Django-Reinhardt-Manier swingendes Joscho Stephan Quartett wird vom Publikum ebenso begeistert gefeiert wie zum Beispiel Jörg Schippas Band UnbedingT. Was, glaubst Du, ist der Grund für diese Offenheit?
HJS: Ich denke, der Schlüssel sind die Qualität der Performance und die Fähigkeit der Zuhörer, Qualität zu erkennen und zu genießen – weitgehend unabhängig von der musikalischen Stilistik. Menschen, die gerne Jazz hören, die das Improvisierte, Überraschende und Unerwartete in der Musik schätzen, besitzen von sich aus ohnehin schon eine gewisse Flexibilität und Toleranz. Ich kann mir jedenfalls keinen Jazzfan vorstellen, der sagt: Ich mag Jazz, aber nur den Swing von 1937!
Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Konzertreihe auch ihren Teil dazu beigetragen hat, dass unser Publikum so offen und begeisterungsfähig ist. Ich habe den Eindruck, dass die Zuhörer inzwischen mit großem Vertrauen in unsere Konzerte gehen, dass sie wissen: Es erwartet sie hier guter Jazz – auch wenn die eine oder andere Band anfangs vielleicht etwas ungewohnt klingen mag. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, sich auf Neuartiges einzulassen – die ist jedenfalls in Germering vorhanden. Das ist ganz wunderbar.

KK: An dieser Stelle sei verraten, dass das neue Programm für 2018 (natürlich) schon steht. Und wenn es auch noch nicht offiziell ausliegt – es gehört mit zu den besten Jahrgängen der Reihe JazzIt! überhaupt.
HJS: Da das Programm immer aufgrund aktueller Höreindrücke entsteht, sieht für mich jedes neue Programm irgendwie noch spannender aus als das des Vorjahres. Ich versuche jedenfalls, das Niveau konstant zu halten – und da haben die Musiker der Vorjahre doch eine beträchtliche Niveauhöhe vorgegeben.
Über das neue Programm für 2018 kann ich schon mal so viel sagen: Wenn alles klappt, werden wir in Germering im nächsten Jahr hervorragende Jazzkünstler aus der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, den USA, aus Kuba und sogar aus Indien begrüßen können. Natürlich auch tolle Musiker aus München, Berlin oder Köln. Aber bevor es so weit ist, freue ich mich erst einmal auf die vier noch ausstehenden Konzerte in diesem Jahr – mit so aufregenden Solisten wie Michel Godard, Glenn Ferris und Till Martin!

KK: Wen würdest Du in Zukunft noch gerne nach Germering holen? Wer wäre ein absoluter und natürlich auch realistischer Wunsch?
HJS: Ich habe mir hier schon sehr viele „Wünsche“ erfüllen dürfen. Bei einigen Programmwünschen hat es (noch) nicht geklappt, aus diesem oder jenem Grund. Den Musiker oder die Musikerin, die ich jetzt unbedingt nach Germering holen müsste, gibt es nicht. Aber wenn ich ein paar Künstler nennen darf, die in den letzten Jahren BEINAHE in Germering gespielt hätten, dann sind darunter Rolf Kühn, Omer Klein, Simone Zanchini, David Murray, Irene Schweizer, Michael Wollny oder Wolfgang Dauner. Den einen oder anderen von ihnen möchte ich schon noch eines Tages in Germering hören.

KK: Welche Musik hörst Du derzeit besonders häufig?
HJS: Derzeit höre ich fast nur Neuheiten. Die Gelegenheit, mir eine Lieblingsplatte aus dem Regal zu greifen und sie mit Genuss von Anfang bis Ende anzuhören, gibt es ganz selten. Ich versuche, einigermaßen auf dem Laufenden darüber zu bleiben, was sich in der Musik aktuell tut – jedenfalls in den verschiedenen Richtungen des Jazz und in Randgebieten der klassischen und Rockmusik. Und hin und wieder entdeckt man außerdem auch eine Perle der Vergangenheit, die man bisher übersehen oder schon wieder vergessen hatte. Jetzt gerade habe ich Aufnahmen des Saxofonisten Tim Berne von 1987 wieder gehört – mit großer Begeisterung. Oder auch den ganz eigenwilligen Ellington-Saxofonisten Paul Gonsalves. Und ich habe auch interessante Rockbands entdeckt, die ich noch nicht kannte: Upsilon Acrux zum Beispiel oder die Lost World Band. Solche Entdeckungen und Wiederentdeckungen sind für mich das Schönste am Musikhören.

Nächstes Konzert:
Roland Neffe, Vibrafon, Marimbafon / Michel Godard, Tuba, Serpent / Livio Minafra, Piano
Freitag, 14. Juli 2017, 19:30 Uhr
Stadthalle Germering

Zum weiterlesen: www.hjs-jazz.de/
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Bilder
Freitag 02.06.2017
Fürstenfeld: Russell Maliphant Company - Einsamkeit und Gruppenrausch
Fürstenfeld. Licht, Raum, Musik und Tanz - jeder Bereich kann künstlerisch für sich selbst bestehen. Was aber, wenn diese vier Komponenten sinnlich zusammenwirken, wenn sie gleichwertig ineinandergreifen, sich gegenseitig inspirierend und zu einem völlig neuen, komplexen Gesamtkunstwerk wachsen? Der englische Choreograph Russell Maliphant hat sich in der Vergangenheit schon mehrmals für derartige Projekte mit dem Lichtdesigner Michael Hulls zusammengetan. Eines der Ergebnisse dieses Austauschs ist „Conceal / Reveal“, zu deutsch „Verbergen / Enthüllen“, ein dreiteiliges Programm, das gestern im Rahmen der Reihe „theater fürstenfeld“ von der Russell Maliphant Company und Gästen im Veranstaltungsforum aufgeführt wurde.
In den drei Einzelstücken „Piece No. 43“, „both, and“ und „Broken Fall“ gelingt es Russel Maliphant und seinem Ensemble, klassisches Ballett und Modernen Tanz nahtlos zusammenzubringen. Die Grenzen zwischen den sehr verschiedenen Ansätzen werden zugunsten einer ganzheitlichen Bewegungssprache aufgehoben. Zudem baut der Engländer auch immer wieder Bewegungsabläufe in seine Choreographien mit ein, die nicht unbedingt denen des westlichen Tanztheaters entsprechen. So lassen sich in „both, and“ auch indische Tanzfiguren ausmachen, oder es finden, wie in „Broken Fall“ mit Lucia Lacarra, Marlon Dino und Erik Murzagaliyev, chinesische Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsformen Eingang in die Performance.
Wie vielschichtig und faszinierend eine solche Umsetzung sein kann, wurde gleich im ersten Stück „Piece No. 43“ deutlich. Hier erkämpfen sich fünf Tänzer einzelne, auf den Boden projizierte Lichtarreale. Sie verteidigen sie innig, behaupten sich im Wechselspiel verschiedener Helligkeiten, um das Licht anschließend wieder an die Dunkelheit abzugeben. Überhaupt leben die einzelnen Stücke von plakativen Widersprüchen und inneren Gegensätzen. Je größer die Amplitude zwischen ihnen, desto stärker der Reiz und letztendlich die Wirkung. Licht und Dunkelheit, strahlender Schein und verstörender Schatten, Zivilisation und Anarchie, Einsamkeit und Gruppenrausch, Distanz und Nähe, Beethoven contra Drone Ambient. Schattenentwürfe, die zu überlebensgroßen Ansprüchen verführen. Der Mensch bewegt sich zwischen Extremen, muss sich sein individuelles, wie auch gesellschaftliches Terrain erkämpfen, um es (unter manchem Schmerzen) später wieder abzugeben. Es ist ein ständiges Pulsieren, ein immerwährendes Auf und Nieder, weil die wahren Antworten auf das Lebens statt in den Zentren, immer nur an dessen Rändern zu finden sind.
Geschmeidig und elegant, wie die Körper ineinander übergehen, wie der Fluss der Musik das Bewegen in Szene setzt. Das große Repertoire darstellerischer Sensibilität des Ensembles macht beinahe schwindlig. Physikalische Gesetze und anatomisch-physiologische Vorgaben werden kurzerhand ausgehebelt. Kreisende Anmut und kraftvolle Dynamik, synchrones Schwingen und individuelles Agieren in einer hochmotivierten und begeisternden Performance.
KultKomplott
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 01.06.2017
Fürstenfeld: Tango Transit – Mitten im prallen Leben
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Sich am Tango durch die Welt der Musik hangeln, das kann zu einem atemberaubenden Abenteuer werden. Vorausgesetzt, man definiert den Tango so spielerisch offen, wie es das Trio Tango Transit tut. Unter den musikalischen Schwingen von Martin Wagner (Akkordeon), Hanns Höhn (Kontrabass) und Andreas Neubauer (Schlagzeug) wird wie gestern Abend in Fürstenfeld der Tango zu einer Art Einfallstor, mitten hinein, ins Reich der Weltmusik.
Dass der Tango in seiner musikalischen Variante das Ergebnis demographischer Gegebenheiten ist, dürfte allgemein bekannt sein. Aufgrund von Einwanderungsbewegungen und den daraus resultierenden kulturellen Vermischungen Ende des 19. Jahrhunderts ist so in der Region des Rio de la Plata eine neue musikalische Ausdrucksform entstanden. Der Tango speiste sich speziell in Buenos Aires aus den verschiedensten europäischen Einflüssen, aus afrikanischen Rhythmen und Klangfolgen aus dem Vorderen Orient. Nicht zu vergessen natürlich die argentinische Tanzmusik und die heimische Folklore – die die Gauchos von den ländlichen Großgrundbesitzern aus dem Landesinnern mitbrachten.
Tango Transit nutzen diese ethnologischen und sozialen Hintergründe des Tango und erweitern ihn um noch einige Varianten mehr. Neben den klassischen Synkopierungen des Tango findet das Trio Anleihen im Mardi Gras und im Swamp Blues Louisianas, sie spielen Walzer, Pophymnen der Gegenwart, sie improvisieren mit dem Temperament einer veritablen Jazzband. Und all ihre Freude am musikalischen Spiel, die betörend virtuosen Bearbeitungen eigener Kompositionen, das melancholisch sehnsuchtsvolle im Klang des Akkordeons, übertrug sich auf ein begeistertes Publikum. Man spürte neben allen intellektuellen Spitzfindigkeiten der Instrumentalisten die Bodenständigkeit, sagen wir ruhig das „volksnahe“ dieser Musik. Insofern war dieser Abend eine erfreuliche Erweiterung, des manchmal leider erstarrten Tangoformats. Fernab einer steifen Nobless klassischer Interpretationsrituale. Stattdessen mittendrin, im (prallen) Leben.
KultKomplott
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.