Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
MEIN LEBEN – EIN TANZ

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KÖRPER UND SEELE

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PORTO

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EINE FANTASTISCHE FRAU

4

DAVID LYNCH – THE ART LIFE

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EINSTEINS NICHTEN

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Donnerstag 21.09.2017
MEIN LEBEN – EIN TANZ
Ab 28. September 2017 im Kino
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Das Comeback der Flamenco-Ikone LA CHANA. 
Ein Film von Lucija Stojevic. 
Mit Antonia Santiago Amador alias LA CHANA u.a.


"Ich war zum Tanzen geboren. Nächtelang lag ich wach und spielte die Rhythmen in meinem Kopf durch, bis sie ein Teil von mir wurden." Antonia Santiago Amador war unter dem Namen "La Chana" eine der großen Stars in der Flamenco-Welt. Weltweit begeisterte sie das Publikum in den 60er und 70er Jahren mit ihrem einzigartigen Tanz-Stil. Selbst der britische Schauspielstar Peter Sellers, mit dem sie zusammen in "Bobo ist der Größte" zu sehen war, lud sie zu sich nach Hollywood ein. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere verschwand La Chana jedoch plötzlich von der Bildfläche. Nach fast 30 Jahren Bühnenabstinenz beginnt La Chana aus Liebe zum Flamenco mit der Arbeit an ihrem Bühnen-Comeback und schenkt dem Zuschauer einen tiefen und doch kurzweiligen Einblick in ihr Leben, auf und hinter der Bühne.
Der Dokumentarfilm MEIN LEBEN - EIN TANZ feierte seine Deutschland-Premiere auf dem Dokfest München 2017 und wurde 2016 auf mehreren renommierten Dokumentarfilmfestivals, u.a. dem IDFA, mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.


PRESSESTIMMEN ZU „MEIN LEBEN: EIN TANZ”
"Allein die Präsenz dieser Frau macht den Film zu einem Erlebnis.“ - kino-zeit.de
"Im Kino gewesen. Getanzt!“ - programmkino.de
"Das bewundernswerte Portrait einer starken Frau [...] Bravo!“ - The Hollywood Reporter
"Kraftvoll und lebendig - ab der 1. Minute!" - Variety


Lucija Stojevic, die Regisseurin und Produzentin von „Mein Leben - Ein Tanz”, wurde in Kroatien geboren und zog im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie nach Österreich. Während ihres Architektur-Studiums in Edinburgh entdeckte się ihre Leidenschaft für den Film und begann ein Film-Studium in Prag. Nach erfolgreichem Abschluss zog es się nach Barcelona, wo się für einige Film-Produktionsfirmen arbeitete und auch als Video-Journalistin, u.a. für The Guardian, tätig war. Durch die Arbeit an „Mein Leben - Ein Tanz” gründete sie ihre Produktionsfirma Noon Films, mit der się nun an mehreren Langfilmprojekten arbeitet.
FILMOGRAPHIE
Buch & Regie
2018 Hunger Brothers (in Entwicklung, Dokumentarfilm)
2016 Mein Leben - Ein Tanz (Originaltitel: LA CHANA, Dokumentarfilm)
2015 Junkyard Palace (Dokumentarfilm)


AUSZEICHNUNGEN
IDFA Dokumentarfilmfestival 2016 – Gewinner Publikumspreis für MEIN LEBEN - EIN TANZ


REGIE-STATEMENT VON LUCIJA STOJEVIC
La Chanas Geschichte stellt eine Reihe von Themen in den Mittelpunkt, die eine aktuelle Relevanz haben: Als La Chana sich dem Ende ihrer physischen Möglichkeiten nähert, muss sie sich neu erfinden. Sie lässt den Zuschauer hierbei nah an sich ran und fordert ihn heraus, sich mit besonderen Themen wie dem Altern, dem plötzlichen Verlust von etwas Identitätsstiftendem und Liebgewonnenem sowie Akzeptanz und Neu-Erfindung zu konfrontieren. Dabei hat La Chanas Vergangenheit auch eine wichtige soziale Relevanz: Sie schenkt uns seltene und intime Einblicke in ihre Welt und wie sie diese als Frau wahrnimmt.
Durch ihre zutiefst persönliche Geschichte, gewinnen wir einen Eindruck über die Rolle und den Stellenwert von Roma-Frauen in der spanischen Gitano-Kultur und was es für Frauen heißt, sowohl häuslichem Missbrauch ausgesetzt zu sein als auch marginalisiert zu werden.
In diesem Film thematisieren wir das Thema des Missbrauchs sehr vorsichtig, um sicher zu gehen, dass wir nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen, verallgemeinern oder unsere Protagonistin einem Risiko aussetzen. Unser Ansatz war es, sehr nah an Chanas individueller und emotionaler Erfahrung von häuslichem Missbrauch zu bleiben: Ihre Einsamkeit, Hilflosigkeit, Isolation und das Gefühl, dass sie in einem Teufelskreis gefangen war, in dem sie ihr eigenes Umfeld paradoxerweise sowohl unterstütze als auch einsperrte.
Ich glaube, dass es überaus wichtig ist, Geschichten aus dem Leben von Frauen zu erzählen und in diesem Dokumentarfilm konnten wir die wunderbare Geschichte einer starken Frau erzählen, der es gelang, durch ihre Kunst einen Überlebenswillen zu entwickeln. Ich hoffe, dass diese Geschichte auch junge Frauen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, dazu ermutigt, für ihre Träume zu kämpfen.
Quelle: Verleih
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 14.09.2017
KÖRPER UND SEELE
Ab 21. September 2017 im Kino
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Die introvertierte Maria (Alexandra Borbély) und ihr neuer Kollege Endre (Géza Morcsányi) stellen durch einen Zufall fest, dass sie Nacht für Nacht denselben Traum teilen. Verwirrt und erstaunt über diese intime Verbindung suchen die beiden zaghaft auch tagsüber die Nähe des anderen.


Ein Film von Ildikó Enyedi
Mit Géza Morcsányi und Alexandra Borbély


Der Berlinale-Gewinner erzählt die außergewöhnliche Liebesgeschichte zweier verletzter Seelen in einer kunstvollen Bildsprache und mit einem feinsinnig-lakonischen Humor. Die beiden Hauptdarsteller beeindrucken mit ihrem zarten und zugleich intensiven Spiel.
KÖRPER UND SEELE ist ein magisches Arthouse-Highlight, das nicht nur die Berlinale-Jury überzeugte, sondern auch zum Publikumsliebling des Festivals avancierte. Der Film wurde auf der diesjährigen Berlinale zudem mit dem Fipresci-Preis des Internationalen Verbandes der Filmkritik und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet.

INHALT

Maria (ALEXANDRA BORBÉLY), die neue Qualitätskontrolleurin am Schlachthof, wird von allen Seiten kritisch betrachtet: Sie bewegt sich seltsam steif, fast roboterhaft, hat einen starren Blick, ist einsilbig und unzugänglich und sie meidet jeden Kontakt mit ihren Kollegen. In der Kantine setzt sie sich allein an einen Tisch, obwohl Personalchef Jenő (ZOLTÁN SCHNEIDER) ihr zuwinkt. So eine werde nur Probleme machen, sagt er zu Endre (GÉZA MORCSÁNYI), dem Leiter des Schlachthofs.
Doch der ist sofort interessiert an dieser attraktiven, aber eigenartigen jungen Frau – ohne zu wissen warum. Sein Versuch, sie beim Small Talk in der Kantine kennenzulernen, scheitert: zu schroff sind ihre Antworten, zu unbeholfen ist ihr Auftreten. Schon bald wagt er einen zweiten Anlauf, diesmal auf Bitten der Kollegen: Denn Maria ist bei der Arbeit extrem penibel. Sie stuft die Rinder schon als zweitklassig ein, wenn eine Fettschicht zwei Millimeter breiter ist als vorgeschrieben. Endre ist ein integrer Mann, aber so genau müsse man ja auch nicht alles nehmen, findet er. Doch auch hier dringt er nicht zu Maria durch.
Nach einem Diebstahl am Schlachthof befragt die Psychologin Klára (RÉKA TENKI) mehrere Mitarbeiter und stellt dabei etwas Seltsames fest: Endre und Maria hatten in der Nacht zuvor denselben Traum. Darin streifen sie friedlich durch einen verschneiten Wald – als Hirsch und Hirschkuh, die zärtlich und in inniger Harmonie miteinander leben, frei und würdevoll, im Einklang mit der Natur. Endre versucht das als Zufall herunterzuspielen, doch er ist aufgewühlt – wie auch Maria.
Am nächsten Tag stellen die beiden fest, dass sie in der Nacht wieder denselben Traum hatten. Sie beginnen, ihre nächtlichen Erlebnisse füreinander aufzuschreiben und sie dem anderen als endgültigen Beweis vorzulegen. Denn beide wollen die Zuneigung und Nähe, die sie in ihren Träumen füreinander empfinden, nicht einfach ignorieren. Vorsichtig versuchen sie sich auch in der Realität näher zu kommen, in ganz kleinen Schritten. Doch wie soll das diesen beiden Menschen gelingen – bei all den Widerständen, die sie in sich spüren, bei all den Wunden in ihren Seelen?
Endre hat mit der Liebe längst abgeschlossen, hat sich nach vielen Enttäuschungen in ein einsames, tristes, aber risikofreies Leben zurückgezogen – ein Leben zwischen Arbeitsplatz, Fast-Food-Restaurant, Krämerladen und Fernsehcouch. Er ist verschlossen, hat Angst vor Zurückweisung. Und auf keinen Fall möchte sich dieser alternde Mann mit dem gelähmten Arm vor einer jungen Frau lächerlich machen.
Marias Probleme sind noch viel größer: Sie leidet unter einem Ordnungszwang, räumt nicht nur jeden Krümel vom Tisch, sondern merkt sich jeden Satz, jedes Ereignis und sortiert alles in ihrem phänomenalen Gedächtnis nach Datum und Reihenfolge. Nur Menschen passen nicht in diese Ordnung: Maria hat Angst vor Begegnungen und vor allem vor Berührungen.
Dennoch treffen sich Endre und Maria immer wieder, gehen miteinander essen versuchen sogar, nebeneinander einzuschlafen, um sich nicht nur im Traum nahe zu sein. Wirkung zeigen bei Maria allerdings erst die Ratschläge ihres alten Kinderpsychologen. Sie findet ein Lied, das ihre Seele öffnet, und sie trainiert, Berührungen zu ertragen.
Maria baut ihre inneren Widerstände immer weiter ab. Doch als sie bereit ist, sich Endre zu öffnen, nimmt ihre zarte Beziehung zueinander eine neue, dramatische Wendung.


REGIEKOMMENTAR VON ILDIKÓ ENYEDI
CONDITIO HUMANA
In all meinen Projekten kommt die Geschichte als allerletztes. Dieser Film begann, wie alle meine anderen Filme, mit dem Wunsch, meine Sicht auf die conditio humana, die menschliche Natur und die Bedingungen des Menschseins zu teilen, auf die Art und Weise, wie wir unser Leben leben. Außerdem wollte ich von Anfang an eine überwältigende, leidenschaftliche Liebesgeschichte erzählen – auf so wenig überwältigende und leidenschaftliche Weise wie möglich.
Ich lese viele Gedichte, das ist mein Refugium, und der wahre Ausgangspunkt war ein Gedicht der ungarischen Dichterin Ágnes Nemes Nagy. Diese vier Zeilen dienten als Motto für das Drehbuch:

The heart, a sputtering flame to light,
the heart, in mighty clouds of snow,
and yet inside, while flakes sear in their flight,
like endless flames of a burning city glow.

Ich bin ein eher zurückgezogener Mensch, und deshalb weiß ich, was sich unter einer ruhigen, grauen Oberfläche verbergen kann. Wie viel Schmerz, Verlangen oder Leidenschaft – der Heroismus des Alltags. Wenn ich die Straße entlanggehe und in die Gesichter der Menschen sehe, weiß ich immer: Selbst hinter dem langweiligsten, einfältigsten, plumpsten Gesicht kann sich Erstaunliches verbergen. Deshalb wollte ich irgendwie dieses Gefühl vermitteln: nichts an der Oberfläche, aber so viel im Inneren!



ANTRIEBE, SITUATIONEN UND FRAGEN
Die zentrale Idee für die Storyline kam in einem einzigen Moment: Wie wäre es, jemandem zu begegnen, der nachts dasselbe träumt wie man selbst? Wie würde man reagieren? Wäre man begeistert? Würde man Angst bekommen? Oder es lustig finden? Oder ziemlich aufdringlich? Oder vielleicht – romantisch? Situationen, die als Antriebe wirken, sind das Beste für einen Film. Situationen, die Fragen aufwerfen, auf die man unbedingt eine Antwort erhalten möchte, die dann wieder neue Fragen aufwirft. Wenn man den Schock erstmal überwunden hat, was würde man mit den neuen Erkenntnissen anfangen? Würde man sein Herz dieser anderen Person öffnen? Aber was, wenn man überhaupt kein romantischer Mensch ist? Wenn man bei jedem Gedanken an esoterischen Mist erschaudert? Wie wäre es für jemanden, der sich schwer tut, mit seinen Gefühlen umzugehen? Wie würde man dem Fremden begegnen, mit dem man in der Nacht zuvor zarte Träume geteilt hat? Würde man tagsüber dieselbe Nähe und Zuneigung herzustellen versuchen? Was wäre, wenn das überhaupt nicht funktionieren würde? Wenn man noch nicht mal die erste, missratene Verabredung halbwegs überstehen würde? Und die zweite Verabredung eine Katastrophe würde? Und die dritte besonders erbärmlich? Würde man dann aufgeben? Und wenn man aufgäbe, würde man das aushalten? Könnte man mit dem Wissen leben, dass die Person, die einem nachts ein Seelenverwandter ist, tagsüber fremd bleibt? Würde man da nicht einfach sterben? Diese Fragen führen uns durch den Film bis zum letzten Moment, denn selbst da gibt es noch eine Frage, auf die man wartet.


VERWUNDET AM MODERNEN ARBEITSPLATZ
Der Schlachthof im Film ist kein archaisches, blutgetränktes Schlachthaus. Er ist ein ordentlicher, wohlorganisierter moderner Arbeitsplatz, an dem gewissenhaft alle Vorschriften eingehalten werden. Er ist der Spiegel unserer westlichen Gesellschaft. Seitdem wir die tröstenden, stützenden Rituale der Religion verloren haben (zumindest die meisten von uns), sind wir ratlos, wie wir mit den wichtigsten Momenten unseres Lebens umgehen sollen: Geburt, Liebe, Tod. Das Ritual, das Wissen, dass man einen heiligen Moment erlebt, hat früher geholfen, diese Momente zur Gänze auszuleben. Seit dieses solide Gerüst verlorengegangen ist, versucht die Gesellschaft mit diesen Momenten auf praktische Weise umzugehen. Das verwandelt einen selbst in ein Objekt, und es verwandelt geliebte Menschen in Objekte. Ich weiß das, denn ich habe drei Kinder in einem Krankenhaus zur Welt gebracht, eines davon habe ich wegen eines medizinischen Fehlers verloren, der viel mit dieser unmenschlichen Praktikabilität zu tun hatte. Und ich habe meinen Vater während der letzten drei Monate seines Lebens im Labyrinth des Gesundheitswesens begleitet. Alles, was ich erlebt habe, hat mich zutiefst verletzt. Wenn ich sehe, wie diese Tiere in Lastwägen am Schlachthof ankommen, denke ich nicht nur an ihren Tod, sondern auch an ihr vorangegangenes Leben. Dieses enge, eingeschränkte Leben der Tiere, denen vollständig die Erfüllung vorenthalten wird, die darin liegt, ihre Instinkte ausleben zu dürfen.
Meine beiden Helden, Endre und Maria, sind nicht nur introvertiert. Sie sind Verwundete. Ihre Handicaps sind Ausdruck ihrer inneren, mentalen Gesundheit. Sie reagieren auf ihre Umwelt (und damit meine ich nicht den Schlachthof, sondern die Gesellschaft im Allgemeinen), die nicht für sie gemacht ist – oder für irgendjemand anderen.


IM SCHLACHTHOF
Wir haben eine Woche lang im Schlachthof gedreht und natürlich waren wir auch während der Vorbereitung oft dort. Der Besitzer ist ein Selfmademan, er begann als Metzger und hat sich dann hochgearbeitet. Er hat das Gebäude selbst entworfen, stellt persönlich sämtliche Mitarbeiter ein. Unsere ganze Crew war berührt von dem natürlichen, instinktiven Respekt und der Zärtlichkeit, mit der die Arbeiter die Tiere behandeln. Wie sie sie berühren, mit ihnen sprechen. Nach der Ankunft verbringen die Rinder einen Tag im Schlachthof, bevor sie getötet werden.
Am erschütterndsten war nicht das Töten, das Aufschneiden oder wie ein sehr komplexes Wesen in wenigen Minuten in ein Objekt verwandelt wird. Am schrecklichsten war, wie die Tiere friedlich da saßen, ganz still, und darauf warteten, getötet zu werden. Ihre Augen. Was ich da sah, diese unausgesprochene Brüderlichkeit, diese Verbindung zwischen Ermordetem und Mörder, zwischen Tieren und Arbeitern, hatte etwas von dem Wissen der früheren Stammeskulturen: Sie jagten das Tier, töteten es und dankten ihm für das Fleisch. Sie dankten dem Tier dafür, dass es sie am Leben hielt.



EINE WICHTIGE LEKTION FÜRS LEBEN
Es war sehr mutig vom Besitzer, uns zu empfangen. Er ist dadurch das Risiko eingegangen, von verschiedenen Seiten angegriffen zu werden. Abseits der Arbeitszeiten hatten wir jegliche Freiheiten (Tiere werden nur an drei Tagen der Woche geschlachtet, an den übrigen Tagen wird das Fleisch verarbeitet). Nachdem wir den Schlachthof wieder verlassen hatten, wurde alles desinfiziert. Dennoch mussten wir Sanitärkleidung tragen und unsere Schuhe abdecken.
Aber er machte auch deutlich, dass er uns nicht erlauben würde, mit den Tieren „herumzuspielen“: Zum Beispiel hätte er die Rinder unseretwegen niemals ein zweites Mal aus den Fahrzeugen aussteigen und die Rampe herunterlaufen lassen. Ich habe diesen Mann sofort in mein Herz geschlossen. Als er später gesehen hatte, wie wir arbeiten, entwickelte sich eine echte, herzliche Freundschaft zwischen ihm und unserer Crew.
Bevor wir zum Schlachthof fuhren, saßen wir zusammen und besprachen, welche Erfahrung vor uns liegt. Mein Kameramann Máté Herbai und ich waren schon oft dort, aber viele Teammitglieder haben einen solchen Ort zum ersten Mal gesehen. Um die Erfahrung abzuschließen, aßen wir zu Mittag in einem nahegelegenen Restaurant, das ebenfalls dem Besitzer gehört. Uns wurde ein Ragout serviert, dessen Fleisch von den Tieren stammte, die im Schlachthof getötet wurden – Tiere, die wir davor gesehen hatten. Ich denke, das war für alle eine wichtige Lektion fürs Leben: schlussendlich zu erfahren, wie das leckere Essen auf den Teller kommt. Wir sollten wissen, wie das Steak auf dem Tisch landet, so wie wir wissen sollten, wie unser iPhone oder neue Kleidung hergestellt werden. Und dann, mit diesem Wissen, sollten wir entscheiden, was wir essen, was wir kaufen, wie wir unser Leben leben.



ALEXANDRA BORBÉLY ALS MARIA
In Ungarn haben viele Menschen, die sie aus dem Theater kennen, Alexandra Borbély im Film gar nicht erkannt. Die Reaktionen lauteten typischerweise: „Wer ist diese erstaunliche junge Schauspielerin? Die habe ich noch nie gesehen!“ Der Film zeigt die bemerkenswerte Bandbreite ihres Könnens. Im wahren Leben und den meisten ihrer Rollen ist Alexandra Borbély eine ausgelassene, extrovertierte, dynamische, heiße, erotische junge Frau. Ich weiß auch nicht, wieso ich dachte, dass sie die richtige sei – vielleicht weil ich großes Vertrauen in ihr Talent habe. Ich denke, sie ist nicht einfach nur eine sehr gute Schauspielerin, sondern sie ist eine der wenigen großen Schauspielerinnen. Sie musste tief in sich hineintauchen und diese Maria aus ihrem Inneren erschaffen. Es war für mich einzigartig zu sehen, wie sie arbeitet. Ich hatte in meiner Karriere immer wieder das Glück, mit großartigen Schauspielern arbeiten zu können (beispielsweise den beiden besten Tarkowskij-Schauspielern), aber Alexandra bei der Arbeit zuzusehen war etwas, das ich noch nie erlebt hatte. Dieser scheinbar einfache Film war der schwierigste, fragilste von allen. Jeder, der dabei war, vom Requisiteur bis zum Oberbeleuchter, musste sich in jeder Sekunde auf die innere Antriebskraft des Films konzentrieren. (Ich könnte hier davon berichten, wie wir die Salz- und Pfefferstreuer gecastet haben oder welch lustige Diskussionen wir darüber geführt haben, was Plastik, Metall und Holz jeweils repräsentieren etc.). Als Alexandra diese Maria in sich entdeckt hatte, konnte sie nichts mehr falsch machen. Ihre Rolle ist besonders anspruchsvoll, da sie in den schwierigsten, wichtigsten Szenen allein ist und keine Energie aus der Reaktion ihres Spielpartners ziehen kann. Marias Charakter durchläuft einen tiefen Wandel, eine Art emotionalen und sinnlichen Lernprozess.
Sie riskiert viel, als sie ihren sicheren Panzer verlässt und ins Leere tritt. Sie durchläuft diesen gefährlichen Prozess in scheinbar einfachen Handlungen: wenn sie Kartoffelpüree anfasst, Pornos anschaut etc. Es lag an Alexandras Leistung, dass sich diese einfachen Szenen gleichzeitig mit Spannung, Sinnlichkeit, Erotik und Humor aufluden. Ich bin ihr sehr dankbar und hoffe, dass dieser Film ein größeres Publikum auf ihr Talent aufmerksam macht.


GÉZA MORCSÁNYI ALS ENDRE
Unser Hauptdarsteller Géza Morcsányi ist in Ungarn sehr bekannt, allerdings nicht als Schauspieler. Er leitete zwanzig Jahre lang den wichtigsten Verlag und prägte so die ungarische Literaturszene entscheidend. Er nahm sich der Karrieren seiner Autoren mit großem Wissen, Geschmack, Feingefühl, Autorität und Sorgfalt an.
Er arbeitete mit einigen der Größten und sie wurden seine Freunde: Nobelpreisträger Imre Kertész, Péter Esterházy. Géza Morcsányi ist eine starke, charismatische Person, die viel mit unserer Figur Endre gemein hat: den Anstand, die Integrität, den trockenen Humor, die große Persönlichkeit. Er hat alles, was nötig ist, damit dieser alternde, gelähmte Mann, der sein Leben lang an einem derart unglamourösen Ort gearbeitet hat, zu unserem Helden werden kann.
Ich habe einmal die kluge Definition eines Hollywood-Produzenten gelesen, was einen Filmstar ausmacht: Stärke und Verletzlichkeit (denken Sie nur an Humphrey Bogart …). Géza hat beides.
Ich wollte eine große, leidenschaftliche Liebesgeschichte erzählen. Dafür braucht man Helden, denen man sich auf eine tiefe und komplexe Weise nahe fühlen kann. Unsere beiden Hauptdarsteller haben das mit radikal unterschiedlichen Mitteln erreicht, so wie sie ja auch radikal unterschiedliche Hintergründe haben. Doch sie haben ihre Aufgabe perfekt erfüllt, jedenfalls für mich.
Géza erinnerte mich vom Typ her an Clint Eastwood in GRAN TORINO: Ein Mann, der überzeugt war, dass er zu alt sei, dass er aus allem raus sei – und dann zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist, und das Leben eines jungen Mannes rettet. Auch unser Endre riskiert eine Menge, als er seine erbärmliche Komfortzone verlässt: einen endlosen Kreislauf aus Arbeitsplatz, Fast-Food-Restaurant und zwei Bieren vor dem Fernseher. Als er sich Maria öffnet, riskiert er, sich lächerlich zu machen und die letzten Reste seines Selbstwertgefühls zu zerstören.
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Donnerstag 07.09.2017
PORTO
Ab 14. September 2017 im Kino
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Porto, die alte portugiesische Hafenstadt mit ihrer mysteriösen, fast morbiden Atmosphäre ist der Ort, an dem Jake (Anton Yelchin) und Mati (Lucie Lucas) aufeinandertreffen. Beide sind fremd in der Stadt, beide sind Außenseiter, und beide sind auf der Suche. Als sie sich begegnen, ist es Anziehung, ja, Liebe auf den ersten Blick. Fremd, doch zugleich vertraut, stürzen sie sich Hals über Kopf in eine Affäre. Es ist nur eine einzige Nacht, die sie miteinander verbringen. Aber die Zeit scheint still zu stehen. Mit Blicken, Gesten und Worten schaffen sie eine geheimnisvolle und doch unauflösbare Verbindung. Die Vergangenheit lässt sich nicht zurückholen, aber die glücklichen und leidvollen Erinnerungen hinterlassen bei beiden ihre Spuren. Für immer.
PORTO ist der erste Spielfilm des amerikanisch-brasilianischen Regisseurs Gabe Klinger, gleichzeitig einer der letzten von Anton Yelchin (STAR TREK, ONLY LOVERS LEFT ALIVE), der im Juni 2016 auf tragische Weise ums Leben kam. Entstanden ist der Film unter der Mitwirkung von Jim Jarmusch (DEAD MAN, BROKEN FLOWERS) als Ausführender Produzent. Seine Weltpremiere feierte PORTO auf dem Internationalen Filmfestival San Sebastian, weitere Festivaleinladungen u. a. zum 60. BFI London Film Festival, dem Zürich Filmfestival und den 50. Internationalen Hofer Filmtagen folgten.
Bereits 2013 gewann Gabe Klinger bei den 70. Internationalen Filmfestspielen von Venedig den VENEZIA CLASSICI AWARD für den besten Dokumentarfilm (DOUBLE PLAY: JAMES BENNING AND RICHARD LINKLATER).
"The presence of the late Anton Yelchin amplifies the bittersweet melancholy of Gabe Klinger's graceful romantic miniature ... A film that's in love with love, in love with cinema, and concerned that neither is built to last." (Variety)

Ein Film von Gabe Klinger
Mit Anton Yelchin, Lucie Lucas, Françoise Lebrun, Paulo Calatré u.a.

ANTON YELCHIN (JAKE)
Anton Yelchin begann seine Schauspiel-Karriere im Alter von 9 Jahren und hat in über 30 Filmen mitgespielt. Sein Durchbruch gelang ihm durch eine Rolle in der Serie EMERGENCY ROOM und dem Film HEARTS IN ATLANTIS, für den er den Young Artist Award gewann. Zu seiner Filmografie zählt Jim Jarmuschs ONLY LOVERS LEFT ALIVE; J.J. Abrams STAR TREK: INTO DARKNESS und Nick Cassavetes ALPHA DOG. In LIKE CRAZY, der auf dem Sundance Festival den Grand Jury Preis gewann, spielte Anton Yelchin an der Seite von Jennifer Lawrence und Felicity Jones und neben Nicolas Cage spielte er in THE DYING OF THE LIGHT von Paul Schrader, so wie in WEG MIT DER EX von Joe Dante und in Jeremy Sauliers GREEN ROOM. Yelchin starb am 19. Juni 2016 im Alter von 27 Jahren an den Folgen eines schweren Autounfalls.

LUCIE LUCAS (MATI)
Lucie Lucas ist seit Ihrer Kindheit Schauspielerin und hat schon bei mehreren Theaterstücken, Fernsehserien und Filmen mitgespielt. Dazu zählen der Spielfilm 15 ANS ET DEMI mit Daniel Auteuil und LE MISSIONAIRE. Seit 2010 spielt sie den Hauptcharakter in der beliebten Fernsehserie CLEM von TF1. Lucas hatte einige nennenswerte Rollen, z.B. in THE LITTLE MURDERS OF AGATHA CHRISTIE, LE PIGEON oder der französischen Comedy-Serie NON CHERS VOISINS, die immer noch läuft. PORTO ist ihr erster englisch-sprachiger Film und ihre erste große Rolle in einem Spielfilm.

GABE KLINGER (REGISSEUR)
Gabe Klinger ist ein preisgekrönter Filmemacher, Professor und Autor. Seine umjubelte Dokumentation DOUBLE PLAY gewann 2013 auf dem Filmfest Venedig einen Löwen in der Kategorie „Beste Dokumentation“ und wurde auf über 100 Events und Tagungen aufgeführt, darunter das SXSW, dem Rotterdam Filmfestival, dem Internationalen Dokumentationen Filmfest Kopenhagen (CPH:DOX), dem Toronto International Filmfestival und dem IFC Center. Klingers Artikel aus seiner Zeit als Filmkritiker wurden in der Sight & Sound, dem Film Comment und Cinema Scope veröffentlicht. Klinger hat an der Universität Illinois und dem Columbia College den Studiengang Film unterrichtet.

JIM JARMUSCH (EXECUTIVE PRODUCER)
Jim Jarmusch ist Regisseur, Musiker, Filmproduzent und eine der größten Ikonen des Welt- und Independent-Kinos. Seinen Durchbruch hatte er 1984 mit dem Spielfilm STRANGER THAN PARADISE, der auf dem Cannes Filmfestival mit der Camera d´Or ausgezeichnet und zu einem seiner berühmtesten amerikanischen Filme wurde. Zu seinen Werken zählen außerdem Klassiker wie DOWN BY LAW, DEAD MAN, GHOST DOG und BROKEN FLOWERS. Seine letzen beiden Filme ONLY LOVERS LEFT ALIVE und PATERSON wurden auf den Filmfestivals in Cannes, Toronto und New York gezeigt und überall auf der Welt vertrieben.
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Donnerstag 31.08.2017
EINE FANTASTISCHE FRAU
Ab 07. September 2017 im Kino
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Marina und Orlando lieben sich und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie arbeitet als Kellnerin und singt leidenschaftlich gern, der 20 Jahre ältere Geliebte hat  ihretwegen seine Familie verlassen. Als die beiden nach Marinas Geburtstagsfeier nach Hause kommen, bricht Orlando plötzlich zusammen und reagiert nicht mehr. Im Krankenhaus können die Ärzte nur noch seinen Tod feststellen.
Die Ereignisse überschlagen sich: Marina sieht sich mit den unangenehmen Fragen einer Kommissarin konfrontiert, Orlandos Familie begegnet ihr mit Wut und Misstrauen. Seine Noch-Ehefrau schließt sie von der Beerdigung aus, die gemeinsame Wohnung  soll  sie  möglichst rasch verlassen. Für Marina beginnt ein Kampf, den sie längst hinter sich gelassen glaubte, ein Kampf um ihre Liebe und ihr Recht auf Trauer, den sie mit der ihr eigenen Kraft und Energie angehen wird.

Ein Film von Sebastian Lello
Mit: Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco u.a.


Interview mit Sebastian Lelio

Wie würden Sie Ihre Herangehensweise an„Eine fantastische Frau“ beschreiben?
In gewisser Weise sollte mein neuer Film seiner Hauptperson  gleichen. Wie Marina sollte  er keine  Scheu vor dem Vergnügen kennen und wie sie eine mitreißende und leuchtende Oberfläche besitzen. Im besten Fall ein erzählerischer und visueller Genuss, aufgeladen mit grundsätzlichen menschlichen Fragen.

Warum war es Ihnen wichtig, dass Marina, die Hauptfigur Ihres Films, transsexuell ist?
Weil  alles,  was  der  Hauptfigur  passiert,  dadurch  verstärkt wird.  Ihre  Einsamkeit  genauso  wie  ihre  emotionale  Kraft. Die  Tatsache,  dass  Marina  transsexuell  ist,  verändert  die Geschichte, macht sie bewegender, intensiver. Natürlich habe ich mich bereits zu einem frühen Zeitpunkt, noch weit  vor  der  Drehbuchphase,  mit  Transsexuellen getroffen. Schließlich erzählte mir jemand von Daniela Vega, einer jungen Schauspielerin und Sängerin. Zunächst habe ich sie ausschließlich als Beraterin in Erwägung gezogen. Als ich sie dann zum ersten Mal sah, war ich hin- und weg von ihrer Präsenz und ihrer Anmut. Wir haben stundenlang geredet, ich war wirklich überwältigt. Letztendlich war ich mir erst nach dieser Begegnung sicher, dass ich diesen Film  wirklich machen wollte, und zwar mit einem realen Charakter: Ich wusste auch, dass ich den Film nur mit einer transsexuellen Schauspielerin drehen würde oder eben gar nicht. Wahrscheinlich hatte ich Daniela damals bereits im Hinterkopf, aber es war zu früh, um mir das selbst einzugestehen. Also haben wir uns erst einmal weiter per Skype ausgetauscht, monatelang. Ich lebte damals in Berlin, sie in Santiago. Währenddessen schrieb ich am Drehbuch, und wir redeten und redeten, ich habe ihr viele Fragen gestellt.
Daniela Vega hat viel über Diskriminierungen gesprochen, über die Spannungen und Aggressionen in unterschiedlichen Situationen. Sie hat auch darüber gesprochen, wie sich Gewalt zeigt: ganz direkt oder auch subtil und wie sich Menschen dazu verhalten. Das alles ist, neben tausend anderen Dingen, ins Drehbuch eingeflossen.

Wann haben Sie endgültig beschlossen, Daniela Vega als Marina zu besetzen?
Unmerklich  wurde aus Daniela Marina und  aus Marina Daniela. Als ich die erste Fassung des Drehbuchs fertig hatte, wusste ich, dass ich Daniela in der Rolle der Marina wollte. Ich habe ihr dann das Drehbuch geschickt und sie gefragt, ob sie Marina spielen und den Film tragen wolle - war vollkommen überrascht. Sie las das Script, ging tanzen und danach sagte sie zu.

Daniela Vega war keine sehr erfahrene Schauspielerin, haben Sie das als Risiko gesehen?
Sie hatte ein paar Rollen am Theater gespielt und auch einen kleineren Film gedreht, und sie  ist eine lyrische Sängerin - kurzum: Sie  ist eine Künstlerin. Zugleich sehr jung und unerfahren. Das war natürlich eine Herausforderung, für sie und für mich. Denn sie trägt den Film auf ihren Schultern. Dabei geht es um alles oder nichts!

Sie ist ja in fast jeder Einstellung zu sehen.
Nur  nicht am Anfang, da sieht man erst ihren Geliebten, dann wechselt die Perspektive. Daniela musste Tanzen und Autofahren lernen, sie hatte ein gewaltiges physisches Trainingsprogramm. Sie musste Unterricht für Popgesang nehmen, denn Pop war nicht ihr Metier. Sie ist die Protagonistin, sie tanzt, singt, stemmt sich gegen den Wind, bewältigt einfach alles. Das emotionale Spektrum der Rolle ist enorm – eine große Aufgabe für eine Schauspielerin.

Unter welchen Bedingungen leben Transsexuelle  in Chile?
Im Film wird  Marina von einer Kommissarin wie eine Kriminelle behandelt. Ein Polizist spricht sie mit männlichem Namen an. Das ist brutal, und es entspricht der Realität. Daniela Vega reist  mit einem Pass, in dem ihr männlicher Geburtsname steht. Sie konnte ihren Namen bisher gesetzlich nicht ändern, auch jetzt nicht, wo sie viel in der Welt unterwegs ist und das Land mit diesem Film vertritt.

Sie engagiert sich in vielen Talkshows für die Rechte von Transsexuellen.
Ja, aber ohne einer Organisation anzugehören. Die Zeit war irgendwie reif für diesen Film, er landete in Chile genau in dem Moment, in dem die Gesellschaft sich für etwas Neues zu öffnen schien. „Eine fantastische Frau“ wurde sehr gut aufgenommen,  hatte viel öffentliche Aufmerksamkeit, das hat mich selbst überrascht. Ich hatte viel mehr Ablehnung und Kontroversen erwartet.

Dabei ist „Eine fantastische Frau“ keineswegs ein Debattenfilm.
Diese Ebene wollte ich überwinden. Manchmal sind Thesen-Filme  notwendig, aber  ich selbst möchte sie nicht machen. Die Hauptfigur meines Films ist transsexuell, und das zwingt den Film dazu, selbst in jeder Hinsicht „trans“ zu sein. Man könnte sagen – es ist ein Film mit multipler Identität. Er ist nicht auf irgendetwas reduzierbar, man kann ihm kein Label aufdrücken, ich glaube, er ist ein Film gegen Labels, der Film urteilt nicht über Marina, die Hauptfigur, er hebt sie hervor, er erforscht sie, manchmal feiert er sie.

Lassen Sie uns über die visuelle Sprache Ihres Films reden. Auffällig sind die häufigen Close-Ups, und anders als etwa in „Gloria“ benutzen Sie ganz offensichtlich keine Handkamera.
Richtig, in diesem Film überhaupt nicht. Dieser Film ist anders. Ich betrachte ihn als „trojanisches Pferd“, falls man das als positiven Begriff nutzen kann: Er sieht aus wie ein Film, ist unter ästhetischen Gesichtspunkten attraktiv, vielleicht sogar prachtvoll, mit einer schönen visuellen Handschrift – und  in seinem Zentrum steht eine transsexuelle Frau. Die klassische filmische Anmutung kollidiert mit einer leider immer noch nicht klassischen Film-Figur. Das meine ich mit „trojanischem Pferd“. Einer Stadt wird ein Geschenk gemacht, es sieht schön aus, aber in seinem Inneren befindet sich etwas anderes. Damit müssen die Beschenkten nun klarkommen, sie haben das Geschenk akzeptiert. Aber anders als in der Sage handelt es sich hier nicht um einen Verrat. Das Innere des trojanischen Pferds ist in diesem Fall eine Einladung, tiefer zu gehen. Marina  ist eigentlich eine kubistische Figur. Sie oszilliert die ganze Zeit über, sie sieht in jeder Einstellung anders  aus.  Was  die  Close-Ups betrifft: In dieser Hinsicht stimme ich Ingmar Bergman zu, der sagte, es gibt keine komplexere Landschaft als das menschliche Gesicht. Das ist der Kosmos.

Was sehen Sie in Marinas Gesicht?
Abgesehen von seiner Schönheit sehe ich auch die große, hochwirksame kinematographische Präsenz. Kino ist dann am besten, wenn das, was man sieht,  nicht genau das ist, was man sieht - so paradox es klingt. Man sieht etwas und zugleich etwas anderes, etwas, das man hineinprojiziert. Und Marina hat die perfekte Präsenz dafür, weil sie sich ständig verändert. Die Wahrnehmung, die wir von ihr haben, bleibt in Veränderung, sie  ist sehr feminin, sie ist sehr maskulin, sie ist sehr schön, sie kann sehr herb sein, man möchte sie küssen, man würde sie nie küssen, man denkt, sie ist verrückt, dann wieder hält man sie für vollständig vernünftig. Man kann überall hingelangen mit ihr. Das  ist fantastisch! Ich spreche immer von der Figur, nicht von Daniela Vega. Und ich glaube, diese oszillierende Präsenz ist pures Kino.

Sie haben eine deutsche Co-Produzentin, Maren Ade, wie kam es dazu?
Darauf bin ich sehr stolz, und ich kannte sie vor ihrem Film „Toni Erdmann“! Maren Ade und Janine Jackowski, ihre Partnerin in der gemeinsamen Firma Komplizen Film, hatten  „Gloria“ gesehen. Sie mochten ihn und luden mich zum Lunch ein. Ich war zu dieser Zeit viel in Berlin und die beiden signalisierten mir ihr Interesse an meinem nächsten  Film. Sie liebten das Script, und sie waren die besten Partner, die ich mir hätte wünschen können. Dann kam „Toni Erdmann”! Ich verehre diesen Film, und habe mich sehr gefreut für Maren Ade und Komplizen Film. Toll, dass sie nun Teil meines Films sind. Die gesamte Post-Produktion wurde übrigens auch in Berlin gemacht.

Sie haben einmal gesagt, Sie lieben Frauen, solange sie singen oder Autofahren...
Ja, das war ein Spaß. Aber wahr ist: Ich liebe sie. Und ja, Frauen singen oft in meinen Filmen. Die Musik ist mir sehr wichtig.  Marina singt zu Beginn einen  Salsa, „Periódico de ayer“ von Héctor Lavoe. Die Arie „Ombra mai fu“ am Ende des Films stammt aus Händels Oper „Xerxes“. Es ist eine Arie voller Dankbarkeit für einen Baum, seinen Schatten,- seine Freundlichkeit, es ist eine sehr schöne Arie. Ist die Liebe zu Bäumen nicht etwas sehr Deutsches?


Biographie Sebastian Lelio

Sebastián Lelios erster, gleich vielfach ausgezeichneter Film „La sagrada familia” (2006), erlebte seine Premiere beim San Sebastián Film Festival. „Navidad” wurde mit Unterstützung der Cannes Cinéfondation Residence geschrieben und feierte 2009 seine Premiere bei der Director’s Fortnight. „El año del tigre” wurde beim Locarno Film Festival 2009 präsentiert. Sebastián Lelio erhielt in der Folge ein Guggenheim-Stipendium sowie die Unterstützung des Berliner Künstlerprogramms DAAD. Sein vierter Spielfilm „Gloria” bescherte ihm den internationalen Durchbruch und seiner Hauptdarstellerin Paulina García einen Silbernen Bären als beste Schauspielerin bei der Berlinale 2013.
„Gloria” repräsentierte Chile bei der Oscar-Verleihung  und beim Goya Filmpreis. Das National Board of Review wählte ihn als einen der fünf besten Filme des Jahres aus; zudem wurde er für den Independent Spirit Award for Best International Film nominiert. „Eine fantastische Frau” wurde durch die Berlinale Residency unterstützt. Der Film ist eine Koproduktion von Fabula (Chile), Participant Media (USA), Komplizen Film (Deutschland), Muchas Gracias (Chile) und Setembro Cine (Spanien).
Sein erster englischsprachiger Spielfilm „Disobedience”, mit Rachel Weisz, Rachel McAdams und Alessandro Nivola in den Hauptrollen, befindet sich gerade in der Postproduktion.
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Donnerstag 24.08.2017
DAVID LYNCH – THE ART LIFE
Ab 31. August 2017 im Kino
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DAVID LYNCH: THE ART LIFE ist eine persönliche Reise zu den künstlerischen Wurzeln und prägenden Phasen des jungen David Lynch – eine Reise durch idyllische Kindheitsjahre in einer amerikanischen Kleinstadt und in die düsteren Straßen von Philadelphia. Auf dieser Reise beschreibt Lynch einzelne Stationen seines Lebens, die maßgeblich zu seiner Entwicklung zu einem der rätselhaftesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos beigetragen haben.
Hoch oben in den Hollywood Hills gewährt David Lynch einen Einblick in seine Residenz, sein Atelier und die Geschichten der Vergangenheit. Rätselhafte Gestalten tauchen auf, verschwinden und werden Teil seiner künstlerischen Arbeit. David Lynch spricht offen über Ängste, Missverständnisse, Kämpfe, die er durchlebt und überwunden hat, über die Dämonen seiner Kindheit sowie die zahlreichen Menschen, die ihn geprägt haben. Schon sehr früh sieht Lynch die Welt mit anderen Augen, er sucht ihre Schatten und schafft daraus eine traumähnliche Verworrenheit, mit der er den Zuschauer fesselt und in seinen rätselhaften Bann zieht.
Der Film ist David Lynchs jüngster Tochter Lula gewidmet und dient als Erinnerung, die der Künstler seiner Tochter hinterlässt.

Ein Dokumentarfilm von Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm

DAVID LYNCH: THE ART LIFE ist ein intimes Portrait der Kindheit und Jugend eines der bedeutendsten und rätselhaftesten Regisseure des gegenwärtigen Kinos. Die Dokumentation beleuchtet David Lynchs frühes Kunstschaffen, seine ersten filmischen Arbeiten und die dunklen Seiten seiner einzigartigen Welt.
Lynch selbst eröffnet einen persönlichen Blick hinter die Kulissen, in dem er den Zuschauer Teil seiner Gedankenwelt und seiner persönlichen Erinnerungen werden lässt. DAVID LYNCH: THE ART LIFE entwirft ein vielschichtiges und sehr sensibles Bild des Künstlers jenseits des gefeierten Independent-Regisseurs.


BIOGRAFIE DAVID LYNCH
David Keith Lynch wurde am 20. Januar 1946 in Massoula, Montana, geboren. Er gilt als Meister des Surrealen und zählt zu den bedeutendsten Regisseuren der Gegenwart. Schon früh kam David Lynch durch die Arbeit seines Vaters als Agrarwissenschaftler mit der organischen Welt in Berührung. Er interessierte sich für den Verfall, für die Anatomie von Kleintieren und Insekten, für Abgründe und Träume. Diese Welt prägte den jungen David Lynch und spiegelt sich auch immer wieder in seiner späteren Arbeit wider. Mit 14 Jahren wurde die Malerei mehr als ein Hobby für ihn, er mietete sein erstes Studio an und entschloss sich 1964 an der privaten Kunsthochschule „School of the Museum of Fine Arts“ in Boston zu studieren, brach jedoch bereits nach dem ersten Studienjahr wieder ab. Nach der Rückkehr von seiner Europareise mit seinem Freund Jack Fisk begann Lynch ein Studium an der „Pennsylvania Academy of Fine Arts“ mit dem Schwerpunkt Malerei, Skulptur und Fotografie. Hier entstanden Lynchs erste düstere Zeichnungen und Gemälde. Als er eines Tages die Figur auf einem seiner Bilder betrachtete, vernahm er plötzlich einen leisen Windzug und sah eine kleine Bewegung darin und in ihm wuchs der Wunsch, dass sich das Bild wirklich bewegen könnte.
So entstanden in den Jahren 1967 und 1968 seine ersten Filmversuche und nach dem Festival-Erfolg seines Kurzfilmes THE GRANDMOTHER erhielt er 1970 ein Stipendium des renommierten American Film Institute (AFI). Lynch zog nach Los Angeles, dort entstand 1977 auch sein erster Spielfilm ERASERHEAD, der zu einem Kultklassiker wurde. Auch sein zweiter Langfilm DER ELEFANTENMENSCH von 1980 wurde ein voller Erfolg.
Besonders erfolgreich waren darüber hinaus seine Filme LOST HIGHWAY, MULHOLLAND DRIVE und BLUE VELVET sowie seine Mystery-Serie TWIN PEAKS. David Lynch erhielt zahlreiche Filmpreise, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele Cannes, den Los Angeles Film Critics Association Award und den Boston Society of Film Critics Award. Darüber hinaus waren Lynchs Filmprojekte viermal für den Oscar nominiert. 2006 erhielt er in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk.
Die Rezeption seines Werkes beschränkt sich meist auf die Filme, die seinen Ruf als Kultfigur durch internationale Erfolge gefestigt haben. Doch David Lynch ist mehr als ein Regisseur, er ist ein „Universalkünstler“, dessen Gesamtwerk neben den Filmen auch Gemälde, Lithographien, Fotografien sowie zahlreiche Zeichnungen und Musik umfasst.
Seit der Jahrtausendwende wird auch seine Malerei verstärkt rezipiert. Seine Werke sind vielschichtig, oftmals verstörend und ziehen den Zuschauer und Betrachter in einen besonderen Bann. Seine Originalität und Kreativität entspringen vor allem aus einer ungewöhnlichen Bereitschaft und der Fähigkeit, in die tieferen Schichten der eigenen Psyche vorzudringen.


„Malen ist der schönste Akt der Einsamkeit“ – DER KÜNSTLER DAVID LYNCH
David Lynch, bekannt als Kultregisseur und Meister des Mysteriösen, hat neben zahlreichen Filmarbeiten ein umfassendes OEuvre an Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen und Fotografien angefertigt. Die Malerei bildet dabei den Ursprung seines künstlerischen Schaffens und begleitet sein Werk bis heute.
Ursprünglich war es Lynchs Traum Maler zu werden. Doch noch während seines Kunststudiums in den 1960er Jahren in Philadelphia wächst in ihm der Wunsch, seine Bilder in Bewegung zu versetzen. So entstand gegen Ende seines Studiums Lynchs erster Animationsfilm SIX FIGURES GETTING SICK. Für seinen darauf folgenden 35-minütigen Film THE GRANDMOTHER erhält David Lynch 1970 ein Stipendium des American Film Institute, das den Beginn seiner Filmkarriere markiert.
Seine Kunstwerke sind meist ebenso rätselhaft und skurril wie seine filmischen Arbeiten, seine Gemälde und Zeichnungen oftmals roh, archaisch und beängstigend. Lynchs bildende Kunst ist, ebenso wie seine Filme, geprägt von Dunkelheit, was, wie Werner Spies im Ausstellungskatalog zu Dark Splendor (2009), bemerkt, „träumerische Unwirklichkeit und Zwielichtigkeit hervorbringt“4. Mit mehr Farbe wüsste er, so Lynch, nichts anzufangen: „Farbe ist für mich zu real. Sie lässt wenig Platz für Träume. Je mehr schwarz man zu einer Farbe mischt, umso mehr Traumqualität bekommt sie. [...] Schwarz hat Tiefe. Schwarz ist wie eine kleine Pforte. Man tritt ein, und weil es dahinter immer noch dunkel ist, setzt die Phantasie ein und vieles, was da drinnen vor sich geht, manifestiert sich. Man sieht das, wovor man Angst hat.“
Lynch arbeitet großflächig und vereint verschiedenste Materialien, Texturen und Techniken. Er trägt Farbe direkt mit der Hand auf, bindet Collage-Elemente ein, schreibt manchmal direkt ins Gemälde. Die Flächigkeit seiner Gemälde, die durch die vorherrschende Farblosigkeit zustande kommt, lässt das Auge an der pastosen Oberfläche hängenbleiben, so entsteht eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Fläche und Tiefe.
Immer wieder nimmt Lynch den Betrachter mit auf unheimliche Expeditionen zu den dunklen Seiten der menschlichen Existenz. Dorthin, wo Sehnsucht und Begierde, Angst und Schrecken herrschen und Traum auf Wirklichkeit trifft. Motivisch wiederkehrend in seinem OEuvre sind Insekten, mit Vorliebe Ameisen – wie bereits in der viel zitierten Anfangssequenz von Blue Velvet. Deformierte Figuren, Bäume, Häuser – das Heimisch-Vertraute wird aufgelöst – sie stehen in scheinbar entrückter Umgebung, nichts Einladendes mutet ihnen mehr an. „Grob gezeichnete Figuren in grau-schwarzen Farbtönen mit verzerrten Gesichtern sind zu sehen, übergroße Insekten, verstümmelte Körperteile. Seine düstere Melange aus Realismus und Albtraum, Schrecken und Alltäglichkeit macht Lynch zu einem modernen Surrealisten.“



EINZELAUSTELLUNGEN
1967: Vanderlip Gallery, Philadelphia
1983: Puerto Vallarta, Mexico
1987: James Corcoran Gallery, Los Angeles
1989: Leo Castelli Gallery, New York
1990: Tavelli Gallery, Aspen
1991: Museum of Contemporary Art, Tokio
1992: Sala Parpallo, Valencia
1993: James Corcoran Gallery, Los Angeles
1995: Painting Pavillion, Open Air Museum, Hakone
1996: Park Tower Hall, Tokyo
1997: Galerie Piltzer, Paris
2007: Fondation Cartier, Paris
2008: Epson Kunstbetrieb, Düsseldorf
2009: Max-Ernst-Museum, Brühl
2010: Mönchehaus Museum, Goslar
2012: Galerie Chelsea, Sylt
2012: Galerie Karl Pfefferle, München
2013: Galerie Barbara von Stechow, Frankfurt
2014: Maison Européenne de la Photographie, Paris
2014: The Photographers’ Gallery, London
2014/15: Pennsylvania Academy of the Fine Arts, Philadelphia
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Donnerstag 17.08.2017
EINSTEINS NICHTEN
Ab 24. August 2017 im Kino
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EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN ist ein berührender Dokumentarfilm über die tragische Geschichte der Familie Einstein in Italien und zwei starke Schwestern mit einem außergewöhnlichen Schicksal. Ihr charmanter Humor, ihre Stärke und ihr Lebensmut machen den Film zu einem bewegenden Plädoyer für das Leben, Versöhnung und Frieden.

Ein Dokumentarfilm von Friedemann Fromm


Im August 1944 sucht die Wehrmacht in der Toskana nach Robert Einstein, einem Cousin und engen Freund von Albert Einstein. Die Deutschen ermorden Roberts Frau Nina und seine beiden Töchter Luce und Cici. Albert Einsteins Großnichten, Lorenza und Paola, sind die einzigen überlebenden Zeugen dieses schrecklichen Verbrechens. Nach über 70 Jahren kehren sie zum ersten Mal an den Ort des Geschehens zurück und erzählen ihre bewegende Geschichte.


Italien 1944: Nur wenige Stunden bevor sich die deutschen Besatzer aus Florenz zurückziehen und die in Italien lebende Familie Einstein die Freiheit zurückgewinnen kann, wird sie von einem deutschen Sonderkommando der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Die Soldaten finden in ihrem Haus nur Robert Einsteins Frau und die beiden Töchter vor und erschießen sie. Robert Einstein, ein Cousin und enger Freund von Albert Einstein, kann sich im Wald verstecken und überlebt das Massaker. Auch die beiden Adoptivkinder, die Zwillingsschwestern Lorenza und Paola Mazzetti, überleben, weil sie nicht den Namen Einstein tragen, dennoch werden sie Zeugen des Massakers an ihrer „Mutter“ und ihren „Schwestern“.
Ein einziges Blatt unterschrieben mit dem Namen „Der Kommandant“ bedeutet das Todesurteil und damit das Ende der Familie Einstein in Italien. Robert Einstein nimmt sich nur ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag, das Leben. Das Verbrechen an seiner Familie wird nie aufgeklärt. EINSTEINS NICHTEN – EINE GESCHICHTE VON VERLUST UND ÜBERLEBEN folgt dokumentarisch und an Hand von Archivmaterial und Originalaufnahmen der Geschichte von Lorenza und Paola Mazzetti. Sie kehren nach 70 Jahren zum ersten Mal in die Villa „Il Focardo“ zurück, den Ort des grausamen Verbrechens, welches sie damals als Kinder miterleben mussten.

HINTERGRUND – VORGESCHICHTE
Max Planck gelingt es, Albert Einstein 1913 für die Preußische Akademie der Wissenschaften zu gewinnen. Im April 1914 wird er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin. Sein Cousin Robert Einstein lebt und arbeitet in Italien. 1929 bittet Albert Einstein seinen Freund, den Nobelpreisträger Luigi Pirandello, für Robert eine Villa in Rom zu kaufen. Es ist das Nachbarhaus von Pirandello, in dem Robert Einstein 10 Jahre lang lebt. Albert Einstein forscht und arbeitet in dieser Zeit in Berlin, ist aber oft zu Gast in Rom bei seinem Vetter Robert. Dieser vertreibt in Italien die Radios der Jüdischen Firma Aron aus Berlin. Der Eigentümer Prof. Aron ist ein wissenschaftlicher Kollege und Freund von Albert Einstein in Berlin.
Nach 1933 dreht die Firma die Buchstaben ihres Namens um und aus „Aron“ werden die „Nora-Radios“. Doch 1935 zwingen die Nazis Prof. Aron seine Firma an Siemens zu verkaufen. Auch in Italien verschlechtert sich die Situation der Juden dramatisch. Siemens beendet die Zusammenarbeit mit dem Juden Robert Einstein und ersetzt ihn durch einen Handelspartner der Faschisten, der dann die Aron- bzw. Nora-Radios unter dem Label „Siemens Schuckert“ vertreibt.
Robert Einstein verlässt Rom und kauft in Umbrien für seine Familie und sich das Landgut „Villa Monte Malbe“ – heute ein Ort für Ferien auf dem Bauernhof.
Die Schwägerin von Robert Einstein stirbt bei der Geburt ihrer Zwillinge Lorenza „Lori“ und Paola Mazzetti. Robert Einstein und seine Frau Nina nehmen die beiden Mädchen in ihre Familie auf. Das Landgut „Monte Malbe“ ist durch seine Größe schwer zu bewirtschaften und wirft zu wenig für die Familie ab. So kauft Robert Einstein das Landgut „Il Focardo“ in der Nähe von Rignano sull‘Arno in der Toskana und eine Wohnung in Florenz. Seine Tochter Luce studiert in Florenz Medizin, und Cici, die zweite Tochter, geht dort zur Schule. Die Nichten Lori und Paola leben mit ihren Adoptiveltern in der Villa „Il Focardo“ und verbringen fröhliche und unbeschwerte Jugendjahre auf dem Landgut. Sie treffen die Verwandten und Freunde der Eltern, spielen Klavier mit Erika Mann oder verbringen Zeit mit Maya Einstein, der Schwester von Albert.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 kehrt Albert Einstein nicht von einer Vortrags- und Lehrreise nach Deutschland zurück, sondern beginnt an der Universität in Princeton in New Jersey zu lehren. Er unterhält zu Robert regelmäßigen Briefkontakt und sorgt sich aufgrund der politischen und antisemitischen Verhältnisse um seine Familie in Italien. Durch den zunehmenden Antisemitismus beschließt Maya Einstein 1939, zu ihrem Bruder Albert nach New Jersey zu emigrieren. Sie versucht auch Robert zu überreden, mit seiner Familie in die USA auszureisen. Doch Robert fühlt sich mit seiner Frau, den Kindern und Adoptivkindern auf dem Landgut sicher und weit genug entfernt von dem nationalsozialistischen Terror. Ein entsetzlicher und tödlicher Irrtum, wie sich am 3. August 1944 herausstellen wird.


HINTERGRUND – DIE TAT UND DER ORT
Im Sommer 1944 flieht die Wehrmacht aus Italien. Auf ihrem Rückzug verwandeln die deutschen Truppen die Toskana in einen Alptraum. Im Juli 1944 beschlagnahmen die Soldaten der Wehrmacht die Villa „Il Focardo“: Deutsche Offiziere spielen mit dem Juden Robert Einstein Schach, lassen sich von seiner Frau Pasta kochen und genießen als Besatzer das italienische Landleben. Sie spielen am Flügel der Familie deutsches Liedgut, Robert Einstein singt dazu. Unweit der Villa toben bereits erbitterte Kämpfe. Die britischen Soldaten rücken unaufhaltsam vor. Die Einsteins fühlen sich in der Schein-Idylle sicher, sie spielen auf Zeit und warten auf ihre Befreiung durch die näher rückenden Alliierten.
Der Plan scheint zu funktionieren. Die Soldaten der Wehrmacht ziehen ab. Der Krieg und der Rassenwahn scheinen für Robert Einstein und seine Familie in Italien überstanden. Doch die aus der Villa abziehenden Soldaten geben Einstein wohl noch einen merkwürdigen Hinweis. Er verlässt die Villa und versteckt sich im nahe gelegenen Wald des Landguts. Seine Frau Nina lässt sich vom örtlichen Priester für sich und die Töchter Luce und Cici ihre christliche Abstammung bestätigen. Sie bleibt mit ihren Kindern sowie mit Lori und Paola, den Töchtern ihres Bruders, in der Villa „Il Focardo“. Sie fühlt sich durch ihre nicht-jüdische Abstammung sicher.
Die Gefechtsfeuer der heranrückenden britischen Armee mit der Wehrmacht sind bereits von der Villa aus zu hören. Die Freiheit scheint eine Frage von Stunden, maximal wenigen Tagen zu sein. Doch gegen die abziehenden deutschen Truppen und praktisch hinter der alliierten Linie rückt am 3. August in den Nachmittagsstunden ein Sonderkommando der deutschen Wehrmacht zur Villa „Il Focardo“ vor.
Die Soldaten suchen Robert Einstein, finden ihn aber nicht vor. Sie randalieren in der Villa und veranstalten Schießspiele auf dem Landgut. Der Kommandant der Einheit verhört Robert Einsteins Frau Nina und die Töchter Luce und Cici. Er hält ein Standgericht ab, verurteilt alle Drei zum Tode und lässt sie erschießen. Blutüberströmt liegen Nina, Luce und Cici am Boden – die Mutter noch schützend ihre Kinder in den Armen haltend. Die Nichten Lori und Paola werden im Nebenraum von einem jungen deutschen Soldaten bewacht und Zeugen der abscheulichen Morde. Der junge deutsche Soldat zittert nach der Hinrichtung am ganzen Körper und bricht in einen Weinkrampf aus. Lori und Paola stehen Todesängste aus. Doch sie kommen mit dem Leben davon, weil sie nicht den Namen Einstein tragen.
Vor ihrem Abzug verwüsten die deutschen Soldaten die Villa und hinterlassen das gefällte Todesurteil und seine kurze Begründung auf einem Stück Papier an einem Holzpfosten der Villa. Die Familie Einstein wurde der Spionage und der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt. Unterschrieben ohne Namen, nur mit „Der Kommandant“.
Den Angehörigen, Freunden und Angestellten bietet sich ein Bild des Schreckens in der Villa. Robert Einstein beerdigt seine Frau und seine Töchter auf dem Friedhof des Landguts. Ein Jahr später, an seinem Hochzeitstag im August 1945, begeht Robert Einstein Selbstmord in der Villa „Il Focardo“.
Die beiden Großnichten Albert Einsteins, Lori und Paola Mazzetti, überleben als einzige der Familie Einstein die Tragödie, die sich auf dem Landgut in Rignano sull`Arno abgespielt hat. Beide leben heute in Rom und sind die einzigen Zeugen der Geschehnisse vom August 1944.


HINTERGRUND – NACH DER TRAGÖDIE
Robert Einstein hofft zunächst auf die schnelle Ergreifung der Mörder. Auch Albert Einstein bringt sich in die Ermittlungen ein und versucht, diese durch seine Beziehungen voranzutreiben. Doch Einstein ist in den USA zunehmend politisch isoliert, da er als dem Kommunismus nahestehend eingestuft wird.
In Italien führt der amerikanische Major Milton R. Wexler die Untersuchungen im Fall Einstein. Er dokumentiert alle Zeugenaussagen und führt die Verhöre. Trotz der Augenzeugenberichte, die Dienstabzeichen und Uniformen der Mörder benennen konnten, verlaufen die Ermittlungen im Sande. Wexler schreibt Einstein einen merkwürdigen Brief, der heute in der Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt wird. Darin schreibt er, dass er Einstein zwar die Hintergründe der Tat erklären könne, ihm dies aber durch die militärische Zensur nicht möglich sei.
Trotz eindeutiger Hinweise, Spuren und Indizien, die zur Überführung der Täter hätten führen können, hat sich die deutsche Justiz lange nicht für die Morde von 1944 interessiert. Nach fast 70 Jahren haben die Staatsanwaltschaft von Landau in der Pfalz sowie das LKA in Stuttgart die Ermittlungen wieder aufgenommen, in der spärlichen Hoffnung, die noch lebenden Mörder von damals anzuklagen. Mord verjährt nicht! Man wendet sich dafür sogar an die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Die Kriminalbeamten suchen auch den jungen deutschen Soldaten, der Lori und Paola Mazzetti bewacht hat und der keine Bestrafung zu befürchten hätte. Bisher ohne Erfolg.

STATEMENT DES REGISSEURS
Zwei Schwestern, deren Schicksal es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, Zeuginnen eines ungeheuren Verbrechens an ihrer Familie zu werden und nur durch Zufall und Glück zu überleben. Und weil sie nicht den Namen ihrer berühmten Familie tragen: Einstein.
Sommer 1944: Nazideutschland hat den Krieg längst verloren, zieht sich aus Norditalien zurück. Aber eine kleine SS-Einheit kehrt, wider aller militärischer Logik, um und verübt einen Racheakt an der Familie von Albert Einstein, der die Italiener aus dem Exil zum Widerstand gegen die Nazis aufgerufen hat. Was folgt, ist ein brutales, sinnloses Verbrechen, das nie gesühnt wird und dessen Folgen die beiden Schwestern ihr Leben lang begleiten werden.
Wie lebt man als Überlebende? Wie geht man mit der Gnade des Überlebens um, mit der Frage, wieso ich? Wie lebt man mit lebenslangem Verlust? Mit dem Schatten des Schreckens? Verdrängung? Verarbeitung? Vergessen? Vergebung? Aber wie vergeben, wenn man den Täter nicht kennt? Wie leben mit der Vorstellung, dass die Mörder der eigenen Familie vielleicht ein glückliches Leben führen?
Die Schrecken des Faschismus sind in weite Ferne gerückt, das kollektive Gedächtnis scheint mit den nachwachsenden Generationen langsam zu verblassen; aber das individuelle Gedächtnis verblasst nicht. Es schlummert vielleicht, ist aber jederzeit bereit aufzuwachen, wenn der Schrecken nicht verarbeitet werden kann. Und das ist schwer, wenn ein Gegenüber fehlt, wenn es keine Sühne gibt auf Seiten der Täter. Wir tragen als Gesellschaft Verantwortung für die individuellen Schrecken kollektiver Verbrechen.
Davon handelt dieser Film: dass wir nicht vergessen dürfen und dass Verdrängung nicht gleichbedeutend ist mit Aufarbeitung. Vor allem aber handelt er von der ungeheuren Kraft zweier Frauen aus der Familie Einstein, deren Leben von Verlust und Tod geprägt wurde, die sich aber nie aufgegeben haben, die sich mit Mut und Kraft ihrem Schicksal gestellt haben, bzw. dabei sind, sich ihm zu stellen. Wir begleiten sie auf dem Weg zurück in die dunkelsten Ecken ihrer Erinnerung, gehen mit ihnen zum ersten Mal zurück in das Haus, wo ihre Familie ums Leben kam und wo die Trauer endlich ihren Platz finden kann.
Lori und Paola sind zwei ungeheuer mutige Frauen, die sich im hohen Alter noch einmal ihrer Vergangenheit stellen. Dieser Film ist Zeugnis ihres Mutes und ihrer Kraft, und über die Auseinandersetzung mit dem Tod ist er ein Appell an das Leben. Wir können unserem Schicksal nicht entrinnen, aber wir können es meistern.
Formal kreist der Film um die Begehung der Villa Focardo, die die Erinnerung der beiden Protagonistinnen lebendig werden lässt. Ihre Erzählung mischt sich mit realen Bildern der Jetztzeit und inszenierten Bildern der Vergangenheit. Der Name Einstein ist das Schicksal dieser beiden Frauen, auch wenn er nicht ihr eigener ist.
Friedemann Fromm

Friedemann Fromm – Autor & Regisseur
Nach dem Abitur studiert der gebürtige Stuttgarter an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film sowie bei Krzysztof Kieslowski an der Europäischen Filmakademie in Amsterdam. In New York besucht Friedemann Fromm das Actor’s Studio und absolviert eine Schauspielausbildung bei John Costopoulos.
Als freier Regisseur und Autor lehrt er nach dem Studium als Dozent für Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, bis er sich 1994 mit dem viel beachteten bayerischen Tatort KLASSENKAMPF, für den er auch das Drehbuch schreibt, endgültig als Regisseur etabliert. Es folgen weitere Tatort-Produktionen, u.a. PERFECT MIND – IM LABYRINTH, zu dem Friedemann Fromms Bruder Christoph Fromm das Drehbuch schreibt.
Fünf Jahre später kommt Fromms Spielfilm SCHLARAFFENLAND in die Kinos. Ab 2002 konzipiert und inszeniert er weitere TV-Filme wie die preisgekrönte ZDF-Reihe UNTER VERDACHT mit Senta Berger in der Hauptrolle; die Reihe K3 – KRIPO HAMBURG gestaltet er seit 2003 neu.
Für den Fernsehfilm VOM ENDE DER EISZEIT (2006) und den Tatort AUSSER GEFECHT (2007) wird er 2007 mit dem Bayerischen Fernsehpreis in der Kategorie Regie ausgezeichnet. Ein weiterer großer Erfolg gelingt ihm 2009 mit dem Dreiteiler DIE WÖLFE, zu dem er – diesmal gemeinsam mit Christoph Fromm – das Drehbuch verfasst: Das Doku-Drama um den Alltag einer Berliner Clique von der Nachkriegszeit bis zum Mauerfall wird mit dem Grimme-Preis, dem internationalen Emmy Award und der Goldenen Nymphe honoriert.
Mit dem wiederum für den Grimme-Preis nominierten Fernsehformat WEISSENSEE mit Florian Lukas in einer Hauptrolle inszeniert Friedemann Fromm seit 2010 erneut ein Stück deutsch-deutsche Geschichte. Ab der zweiten Staffel, die 2013 in der ARD ausgestrahlt wird, wirkt er selbst als Drehbuchautor mit. Auch diese Miniserie um zwei Familien in Ost-Berlin wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Deutschen Schauspielerpreis.
Seit 2006 widmet sich Friedemann Fromm dem künstlerischen Nachwuchs. Gemeinsam mit Stefan Krohmer leitet er den Bereich Regie an der Hamburg Media School und unterstützt seine Studenten bei der Erarbeitung neuer Stoffe und der Buchentwicklung. Zuletzt werden seine Filme SILVIA S. (ZDF) über eine Amokläuferin, sein Drama UNTER DER HAUT (ARD) und die Polit-Serie DIE STADT UND DIE MACHT (ARD) gezeigt. Das psychologisch ausgefeilte Drama MÖRDERISCHE STILLE mit Sylvie Testud, Peter Lohmeyer und Jan Josef Liefers strahlt
das ZDF im Januar 2017 aus. Für die dritte Staffel WEISSENSEE wird Friedemann Fromm als Autor und Regisseur im März 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
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