Blickpunkt:
Literatur
Literatur
Inhaltsverzeichnis
Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“

1

James Salter „Charisma“ Berlin Verlag

2

Jean-Luc Seigle „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ C.H.Beck

3

KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Janos Szekely "Verlockung" Diogenes Verlag

4

Drei mal Der Hörverlag

5

Andrej Tarkowskij „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polar...

6

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Bilder
Dienstag 28.03.2017
Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“
In Julian Barnes' Roman „Der Lärm der Zeit“ wartet ein Mann auf den Tod. Es ist das Jahr 1937. Nacht für Nacht steht der 31-jährige Schostakowitsch am Aufzug bei seiner Wohnung in Leningrad, einen Handkoffer neben sich. Denn sie kommen immer in der Nacht. Jeden Augenblick kann Stalins Geheimpolizei erscheinen, um ihn zu holen. Damit ist ein Hauptmotiv des ganzen Buches angeschlagen: die Angst, die Angst vor dem Tod durch ein totalitäres Regime.

„Der Lärm der Zeit“, 2017 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, ist ein Künstlerroman, er beschreibt das Leben des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Sein Thema ist ein zunehmend wieder aktuelles: der Künstler und sein Verhältnis zur Macht. Ist es möglich, in einer Diktatur als Mensch und als Künstler den Repressionen standzuhalten und seine Integrität zu wahren? Ist es möglich, im Lärm der Zeit wahrhaftige Kunst zu schaffen? Barnes' Buch ist ganz aus der Innensicht des Komponisten geschrieben, es stellt seine verzweifelte Auseinandersetzung mit sich selbst dar, seine Sehnsucht nach moralischer und künstlerischer Aufrichtigkeit, seine Angst, sein Versagen.

Im Januar 1936 verlässt Stalin Schostakowitschs gefeierte Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ mitten während der Vorstellung. Den Verriss, der am Tag darauf in der Prawda erscheint, hat Stalin wahrscheinlich selbst geschrieben - erkennbar an den grammatischen Fehlern, die nicht korrigiert werden dürfen. Daraufhin wird Schostakowitsch zum „Volksfeind“ erklärt, seine Opern und Ballette werden abgesetzt, und die Angst wird sein lebenslanger Begleiter. Die Partei hat die Aufsicht über die Kultur übernommen, zahllose Menschen aus Schostakowitschs Umgebung werden hingerichtet oder verschwinden  in Lagern. Nach marxistisch-leninistischer Auffassung hat die Musik im Dienste des russischen Volkes zu stehen, sie soll harmonisch, realistisch und leicht verständlich sein. Das schlimmste Verbrechen eines Komponisten ist es, „westliche Musik“ zu schreiben. Die gilt als formalistisch und chaotisch und als Ausdruck einer dekadenten Bourgeoisie. Dieser Ideologie widerspricht Schostakowitschs Verständnis von Musik zutiefst – Kunst kann sich für ihn nicht ohne Freiheit entfalten. Er versucht zwar, der Wahrheit seiner Musik zu folgen, aber er weiß von sich, dass er ein schüchterner und ängstlicher Mensch ist und nicht den Mut hat, sich offen gegen das Regime zu stellen. Um sich selbst und seine Familie zu schützen, passt er sich immer wieder an, er schweigt, er geht Kompromisse ein. Seine größte „moralische Schande“ erlebt er, als er auf einer USA-Reise gezwungen wird, den Komponisten öffentlich zu verraten, dessen Musik er am meisten verehrt: Strawinsky. „Das herausragende Beispiel für eine solche Perversion, hörte er sich sagen, sei das Werk von Igor Strawinsky, der sein Vaterland verraten und sich von seinem Volk abgesondert habe, indem er sich der Clique reaktionärer moderner Musiker angeschlossen habe.“ Die Folge von Schostakowitschs moralischer Korruption ist für ihn Ekel vor sich selbst. Aber trotzdem verurteilt ihn der Roman nie. „Wer sich selbst rettete, konnte auch die Menschen um sich herum retten, die Menschen, die er liebte. Und da man alles auf der Welt tun würde, um die Menschen zu retten, die man liebte, tat man auch alles auf der Welt, um sich selbst zu retten.“

„Der Lärm der Zeit“ ist ein knapp und konzentriert formuliertes und kunstvoll komponiertes Buch. Leitmotive wie Angst, Liebe und Verrat durchziehen den ganzen Text, der aber nie larmoyant wird. Man kann es als Verbeugung vor der russischen Literatur lesen, dass Einleitung und Schluss des Romans auf einem Bahnhof spielen. Auch am Anfang und am Ende von Tolstois „Anna Karenina“ steht eine Bahnhofsszene. Der Bahnhof ist ein Motiv, das auf Reisen, auf Ankommen und Abschied, auf Leben und Tod verweist. Schostakowitschs Lebensreise ist in drei Kapitel aufgeteilt. Die ersten beiden beginnen mit dem Satz: „Er wusste nur eins: dies war die schlimmste Zeit.“ Diese Aussage steigert sich im 3. Kapitel zu: „Er wusste nur eins: dies war die allerschlimmste Zeit.“ Es beschreibt die  letzte Lebensphase, in der Schostakowitsch als der berühmteste russische Komponist seiner Zeit gefeiert und mit Ehrungen überhäuft wird. Er hat sich mit der Macht arrangiert, aber die Macht hat sein Rückgrat gebrochen und seine Seele zerstört. Was ihm bleibt, ist Selbsthass.

Aber es bleibt ihm auch die Hoffnung, dass er trotz allem große Musik geschrieben hat, dass er mit seinem Werk etwas geschaffen hat, „das vom Lärm der Zeit rein war und alle und alles überdauern würde.“
Lilly Munzinger, Gauting


Julian Barnes
„Der Lärm der Zeit“
Kiepenheuer & Witsch
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Sonntag 19.03.2017
James Salter „Charisma“ Berlin Verlag
„Sie war eine Frau, die Bücher gelesen, Golf gespielt, Hochzeiten besucht hatte, die schöne Beine besaß, die Stürme überstanden hatte, eine gute Frau, die jetzt niemand mehr wollte.“
„Dämmerung“ ist eine der ergreifendsten Kurzgeschichten in „Charsima“. Nur sieben Seiten lang, schildert James Salter mit knappen, eleganten, starken Sätzen die Melancholie eines Lebensabends. Er erzählt von einer „geschiedenen Frau in einem gewissen Alter“ und ihrem „halbherzigen Liebhaber“. Salter beschreibt die Landschaft, in dem ihr behaglich eingerichtetes Haus und der gepflegte Garten sich befinden – aber es ist „regnerisch und diesig“. Ideales Jagdwetter. Mrs. Chandler ist sechsundvierzig Jahre alt. 
Wie in vielen von Salters Kurzgeschichten zeigt sich die Seelenlage der handelnden Personen zwischen den Sätzen. Der 1925 in New York geborene beschreibt, manchmal leicht unterkühlt und in einer fast gnadenlosen Perfektion, Situationen und Handlungen. Und ganz plötzlich, innerhalb eines einzigen Satzes, bekommt die Geschichte einen Bruch, wird die (scheinbare) Harmonie zur (tatsächlichen) Tragik. Es ist, als stürze man unvorbereitet durch eine Falltür einen Stock tiefer und befindet sich in einer völlig neuen Lebenslage. Die Gefährlichkeit des vorherigen Weges wird einem erst in diesem Moment voll bewusst. Plötzlich haben die Figuren ein erschütterndes Schicksal.
„Charisma“ enthält sämtliche Kurzgeschichten, die Salter zwischen den 1960er und 1980er Jahren veröffentlichte. Hinzu kommen drei hochinteressante Vorlesungen über Literatur, die Einblick geben, in die Schreibmotivation, sein ganz persönliches Verhältnis zur Literatur und zu anderen Schriftstellern und, so ganz nebenbei, über den Humor, mit dem der Autor einige Situationen in seinem schriftstellerischen Leben meisterte.
James Salter ist einer von jenen Autoren, die spät entdeckt wurden. Aber nicht zu spät. Sein erster Roman erschien in Deutschland 1998 - da war er immerhin schon 63jährig, und, wie wir heute wissen, sein literarischer Schaffensprozess war fast schon beendet. Alles was danach in deutscher Sprache verlegt wurde, war Jahre, zum Teil Jahrzehnte alt. Salter wurde in Deutschland somit zwar zu Lebzeiten entdeckt, war aber nie, was die Veröffentlichungen betraf, aktuell. Dafür zeitlos!
Die Literatur wurde Salters zweite Karriere. Zuvor war er ausgebildeter Pilot, eingesetzt im Koreakrieg, bis er 1957 den Dienst quittierte, um sich allein der Schriftstellerei zu widmen. Seine anfangs in Zeitschriften veröffentlichten Kurzgeschichten dienten seinen späteren Romanen oft als Grundlage. Eine zeitlang verfasste er Drehbücher („Alle Schriftsteller lieben das Kino“) - aber nur wenige wurden tatsächlich auch verfilmt. Seine großen Vorbilder waren Vladimir Nabokov, William Faulkner, Saul Bellow und Isaac Singer. Mit Bellow, Nobelpreisträger 1976, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. Auch wenn Bellow eine völlig andere Herangehensweise im Umgang mit der Literatur an den Tag legte wie Salter, verband beide doch die pure Leidenschaft am Schreiben, nicht unbedingt deren Wirkung. „Bekanntlich fallen Menschen bisweilen beim Anblick gewisser Dinge oder beim Hören irgendwelcher Neuigkeiten oder der Stimme eines lange tot Geglaubten in Ohnmacht, aber niemand wird beim Lesen eines Buches ohnmächtig. Was nicht heißt, dass Bücher keine Wirkung haben; sie haben eine andere Art von Wirkung.“
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Mittwoch 08.03.2017
Jean-Luc Seigle „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ C.H.Beck
Ein mutiges Buch. Jean-Luc Seigle hat sich das Leben und Schicksal von Pauline Dubuisson für seinen Roman vorgenommen. Er ist nicht der einzige, denn Henri-Georges Clouzot verwendete schon 1960 für seinen Film „Die Wahrheit“ mit Brigitte Bardot den Gerichtsprozeß um Dubuisson als Vorlage. Der Film, der von einer jungen, liebeshungrigen, aber kalten und narzisstischen Person erzählt, die vorsätzlich ihren Ex-Verlobten umbringt, wurde berühmt. Ob er seiner Vorlage Pauline Dubuisson gerecht wurde?
In seinem Roman „Ich schreibe Ihnen im Dunkeln“ lässt Seigle sie selbst erzählen. Es ist ein fiktives Tagebuch über ihr kurzes, verzweifeltes Leben.
Pauline Dubuisson wird am 11. März 1927 geboren, die begabte, schöne Tochter einer bürgerlichen, französischen Familie mit drei weiteren Söhnen. Pauline verehrt ihren Vater sehr. Ihre Mutter geht ganz darin auf, für das leibliche Wohl der  Familie zu sorgen, besonders nach ihren traumatischen Erfahrungen während des Ersten Weltkrieges in Lille, wo sie viele Kinder verhungern sah. Als zwei ihrer Söhne gleich zu Anfang des Zweiten Weltkrieges fallen, stürzt sie in eine tiefe Depression. Der Vater ist völlig darauf fixiert, seine trauernde Frau wieder in sein gewohntes Leben zurückzuholen. Pauline fühlt sich ausgeschlossen und entwickelt einen großen Hunger nach Bestätigung und Liebe. Sie lässt sich mit vielen jungen Männern ein, was ihr einen schlechten Ruf einträgt. Als begabte Schülerin kann sie aber mit 16 die Schule abschließen und will Medizin studieren. Der Vater, dessen größte Sorge der Zustand seiner Frau ist, sieht jedoch in Paulines Wirkung auf Männer eine Chance, an die Versorgung der deutschen Besatzer heranzukommen und verschafft ihr eine Praktikantinnenstelle bei einem deutschen Wehrmachtsarzt im Krankenhaus ihrer Stadt Dunkerque. Sie wird zur gelehrigen Schülerin und zur Geliebten dieses Arztes und bringt für die Familie die ersehnten Lebensmittel nach Hause – was ihrer Mutter zu neuem Lebensmut verhilft. Als der Krieg zu Ende ist muss Pauline dafür bitter bezahlen, sie wird von Männern der Résistance in einem Volkstribunal zum Tode verurteilt, geschoren, brutal vergewaltigt und entkommt ihrem Tod nur knapp, weil der Vater, als verdienter Offizier der Armee und Vater zweier für Frankreich gefallener Söhne sich in letzter Sekunde für sie einsetzt und sie in Sicherheit bringt. Er verlässt mit ihr die Stadt und pflegt sie gesund.
Als sie später ein Medizinstudium beginnt, lernt sie ihre große Liebe Félix kennen und vertraut ihm ihre Geschichte an, Er wendet sich ab. Verzweifelt über seine Verachtung erschießt sie ihn im Affekt. Daraufhin nimmt sich ihr Vater das Leben. Sie selbst wird zum Tode verurteilt, später zu lebenslanger Haft begnadigt, mehrfach versucht sie, sich umzubringen.
Nach vielen Jahren Haft entlassen, wird sie mit dem Film von Henri-Georges Clouzot konfrontiert, der aus ihrer Geschichte ein Drama um eine narzisstische Frau gemacht hat, ohne den Hintergrund ihres Lebens zu ergründen. Die einzige Person, die ihr geblieben ist, ist ihre Mutter, die sie nicht verurteilt.
Sie verlässt Frankreich um in Marokko ein neues Leben anzufangen, arbeitet dort als Ärztin und lernt Jean kennen. Sie weiß, dass sie mit einer Lüge nicht leben kann und schreibt für ihn ihre Geschichte in Tagebüchern auf. Sie erhofft sich in der Liebe zu ihm eine erlösende Wendung ihres Lebens, aber erlebt erneut verachtendes Unverständnis. Daraufhin beschließt sie sich das Leben zu nehmen und stirbt 1963 mit 36 Jahren in Essaouira.
Pauline Dubuissons Lebensgeschichte, wie Seigle sie erzählt, zeigt, dass es keine einfachen Antworten auf Fragen nach Schuld und Moral gibt – für keine Person in diesem Drama, das gleichzeitig wie eine erschütternde Momentaufnahme der Zeitgeschichte erscheint.
Warum ein mutiges Buch? Weil sich Seigle zugetraut hat, all dies zu einer dichten, einfühlsamen, atemberaubenden Geschichte zu machen, indem er ihre Tagebücher nacherfindet. Ob alles genau so war? Wir wissen es nicht, aber können vielleicht dieser Frau sehr nahe kommen, ihren Gedanken, ihren Verstrickungen, ihrer Verzweiflung, ihren Träumen.
Chapeau!
Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Freitag 24.02.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Janos Szekely "Verlockung" Diogenes Verlag
Ungarn zwischen den Weltkriegen. 1919 kam Admiral Miklos Horthy an die Macht, ein überzeugter Antisemit, der ein autoritäres Regime aufbaute und später an der Seite Hitlers in den Krieg eintrat. Heute werden ihm in Ungarn wieder Denkmäler errichtet. In dieser Zeit, in der Kriegsgewinnler ihr Geld verprassten und Bauern und Arbeiter hungerten, spielt der Roman „Verlockung“ von Janos Szekely. Er hat ihn während des 2. Weltkriegs im amerikanischen Exil geschrieben.
Im Jahr 2000 wurde das Buch bei uns wiederentdeckt und 2016 vom Diogenes Verlag in überarbeiteter Fassung wiederaufgelegt.
Janos Skeley führte ein abenteuerliches Leben. Er wurde 1901 geboren und wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen bei seiner Mutter in Budapest auf. Früh schon machte er mit Gedichten auf sich aufmerksam. Ein Antikriegsgedicht zwang den 18-Jährigen unter dem Horthyregime zur Flucht nach Berlin. Er kam zur UFA und schrieb zahlreiche Drehbücher für Stumm- und Tonfilme. 1934 holte ihn Ernst Lubitsch nach Hollywood. Szekely ließ sich in New York nieder. Hier entstand „Verlockung“, 1946 veröffentlicht und von der Kritik als Meisterwerk gefeiert. Unter McCarthy musste Szekely erneut emigrieren. Er war wegen „subversiver Aktivitäten“ angeklagt. 1958 starb er in Ostberlin.
In sein Buch hat Szekely viel selbst Erlebtes einfließen lassen. Der packende Gesellschaftsroman erzählt die Geschichte von Bela, dem unehelichen Sohn einer jungen Magd in der ungarischen Provinz. Da sie ihr Kind nicht selbst ernähren kann, gibt sie es bei einer alten Hure in Pflege, die zahlreiche uneheliche Kinder aufzieht und mit dem Geld der Mütter ein angenehmes Leben führt. Bela erfährt keine Liebe, er erlebt Armut und Erniedrigung. Nur der Lehrer des Dorfes erkennt, dass er ein aufgewecktes und wissbegieriges Kind ist und ermöglicht ihm den Schulbesuch. Doch seine Schullaufbahn nimmt ein Ende, als seine Mutter ihn nach Budapest holt, wo sie ihren kümmerlichen Lebensunterhalt als Wäscherin verdient. Hier geht Belas Kampf ums Überleben weiter. Er erhält eine schlecht bezahlte Stelle als Liftboy und Page in einem Luxushotel, und er lebt nun in zwei entgegengesetzten Welten: in der reichen, dekadenten Welt des Hotels, und in dem Elendsquartier, in dem seine Mutter vegetiert. „Meine Mutter stand morgens um fünf Uhr auf und schuftete bis zum späten Abend, aber ihr Verdienst war geringer als die Kosten eines Frühstücks im Hotel, das gähnenden Damen um elf Uhr vormittags im Bett serviert wurden.“ Um kein Geld für die Straßenbahn auszugeben, geht Bela jeden Tag sieben Stunden zu Fuß zum Hotel und zurück, und er stopft sein dünnes Hemd mit Zeitungspapier aus, um auf dem langen Weg nicht zu sehr zu frieren.
Mit Ironie, Mitleid und Wut schildert Szekely die unglaubliche Armut des Proletariats. Hunger, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit treiben viele Menschen in die Kriminalität und in die Verzweiflung. Arbeitslosenunterstützung gibt es nicht, nur die Polizei und die Justiz werden ständig verstärkt. Immer mehr Selbstmörder werden aus der Donau gefischt. Unter der Spüle von Belas Mutter steht die Laugenflasche als letzter Ausweg.
Diese Verhältnisse sind der Boden, auf dem sozialistische Ideen gedeihen. Bela bekommt Kontakt zur verbotenen Kommunistischen Jugend, die im Untergrund agiert. Er beschließt, gegen die Ausbeutung der Armen zu kämpfen und beginnt, Gedichte zu schreiben.
Doch dann erliegt er der „Verlockung“ der Erotik. „Ihre Exzellenz“, die verführerische, exzentrische Dame von Apartment 205, macht den 16-Jährigen zu einem ihrer zahllosen Liebhaber, und dabei kann sie sich nicht einmal seinen Namen merken. Bela verfällt ihr und hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren. „Meine Seele war obdachlos.“
Eines Tages taucht Belas Vater wieder auf, der „schöne Miska“, ein unzuverlässiger Frauenheld. Und doch bringt er eine Ahnung von Fröhlichkeit und Unbekümmertheit in das Leben von Bela und seiner Mutter. Der Junge erkennt, dass er viel mit seinem Vater gemein hat: seine Abenteuerlust, seine bäuerliche Kraft. Trotz aller Not – „uns kann keiner“ ist ihr gemeinsames, trotziges Lebensmotto. So schwankt Bela zwischen Hoffnungslosigkeit, Verwirrung und einem rebellischen Überlebenswillen.
 Am Ende des Buches sieht man ihn als blinden Passagier auf einem österreichischen Donauschiff. Sein Ziel ist Amerika.
Die ebenso herzzerreißende wie spannende Geschichte entfaltet einen starken Sog. Szekely stellt die sozialen Konflikte detailgetreu und mit scharfer Beobachtungsgabe dar, und in den pointierten Dialogen erkennt man den erfahrenen Drehbuchautor. In seinem mitreißenden Erzählstil entwirft er ein lebendiges Gesellschaftspanorama.
 Szekely war ein engagierter Humanist, dessen Herz für die Armen und Ausgebeuteten schlug. Sein Roman ist eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit und Selbstsucht der Reichen und ein flammender Aufruf für eine gerechtere, menschlichere Welt.

Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
Montag 13.02.2017
Drei mal Der Hörverlag
Bilder
Bilder
Bilder
Vor einigen Jahrzehnten, als Musik fast ausschließlich noch in Vinyl gepresst wurde, fanden Hörspiele und Lesungen, bis auf wenige Ausnahmen, überwiegend im Radio statt. Einzelne Sender waren Auftraggeber, manchmal auch zugleich Produzenten von mehr oder weniger wortgewaltigen Dramen, Komödien und Vorträgen. Diese wurden dann, nicht selten in langen Serien, über den Äther direkt in die Haushalte gesendet. Wer eine Folge verpasste, hatte Pech - oder ein Aufnahmegerät.
Seit dem Siegeszug der leichten und handlichen Compact Disc (CD) hat sich vieles geändert. Mittlerweile gibt es fast jede Literatur-Neuveröffentlichung auch als konservierte Lesung. Klassiker des Hörspielgenres werden als CD-Boxen wiederveröffentlicht, neue Hörspiele werden in größerem Umfang produziert. Einer der Marktführer in diesem Bereich ist Der Hörverlag. Als Anbieter von Literatur-CDs veröffentlicht der 1993 gegründete Verlag jährlich ca. 150 Titel. Hierfür arbeitete er von Beginn an mit verschiedenen gestandenen deutschen Buchverlagen zusammen. Drei Neuveröffentlichungen zeigen, wie breit das Spektrum dabei ausfällt.
Gert Westphal, von der Wochenzeitung Die Zeit als „König der Vorleser“ bezeichnet, erhielt 1964 vom WDR den Auftrag, Lew Tolstois Mammutwerk „Krieg und Frieden“ für ein Hörspiel zu überarbeiten. 1600 Seiten, mit über 250 handelnden Personen galt es, auf gute acht Stunden einzudampfen. Im ersten Moment mag diese Aufgabe unmöglich erscheinen. Aber Westphal verdichtete intelligent die Handlung, suchte sich ein Ensemble hervorragender Sprecher, zu denen unter anderem Volker Brandt, Marius Müller-Westernhagen, Heinz Bennent und Klausjürgen Wussow gehörten und gestaltete die Geschichte der napoleonischen Kriege zwischen 1805 bis 1812 dramaturgisch geschickt. Erzählt werden die damaligen Geschehnisse aus verschiedenen Adelsperspektiven, wodurch zwar die Subjektivität des Erlebten im Vordergrund steht, zugleich aber die Summe des individuell Erzählten das ganze historische Ausmaß dieser Zeit verdeutlichen. Die verschiedenen Handlungsstränge dieses monumentalen Familienepos beschreiben die von Leidenschaft und Intrigantentum gekennzeichneten Beziehungen der handelnden Personen und gipfeln in den Schlachten und Kriegen jener Jahre, sowie deren politischen wie persönlichen Auswirkungen. Es ist klar, dass in der Form des Hörspiels weniger die sprachliche Vollkommenheit Tolstois zum Ausdruck kommt, als vielmehr die Lebendigkeit einzelner Szenen im Vordergrund stehen. Dieses „übersetzen“ gelingt Gert Westphal ausgezeichnet und macht die vorliegende Box mit 10 CDs zu einem akustischen Literatur-Ereignis.
Es gibt kaum einen Autor, der außerhalb seiner Heimat, den USA, mehr unterschätzt wurde, als John Williams. Nun ist binnen 4 Jahren der dritte Roman des schon 1994 verstorbenen Autors erstmals in deutscher Sprache erschienen: „Augustus“. Ein Briefroman, in dessen Mittelpunkt Gaius Octavius, genannt Augustus, der erste römische Kaiser steht. Williams entwirft aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen von Zeitgenossen, wie Cicero, Horaz, Vergil und Ovid, damaligen Senatsprotokollen und Gedichten die Biographie eines der mächtigsten Herrscher der Menschheit. Nur: Ein überwiegender Teil dieser Quellen sind nicht authentisch, sondern das geistige Produkt John Williams. Ihm ist es gelungen, einen plausiblen und fesselnden Roman zu schreiben, der sich zeitweise wie eine historische Abhandlung liest.
In der vollständigen Lesung (auf 2 mp3-CDs mit einer Länge von über 14 Stunden) werden die unterschiedlichen „Quellen“ von verschiedenen Stimmen vorgetragen, wodurch die Lebendigkeit dieses fast möchte man sagen Entwicklungsromans, trotz der spürbaren Einsamkeit und auch Qual, deren sich die Hauptfigur ausgesetzt fühlt, um vieles bunter und vitaler ausfällt. Über dreißig Sprecher vermitteln die Atmosphäre, hautnah Weltgeschichte zu erleben.
Auf insgesamt 6 CDs hat Herausgeber Gunter Fette das einmalige Talent des großen Münchner Originals Karl Valentin unter dem Titel „Die Zukunft war früher auch besser“ für den Hörverlag zusammengefasst. Sich beziehend auf die „Gesamtausgabe Ton“ des Trikont Verlages aus dem Jahr 2002 präsentiert Fett den kauzigen Kabarettisten thematisch geordnet. So ist je eine CD der vorliegenden Ausgabe der „wahrhaftigen Weltbetrachtung“, der „Gesundheit“, den „Frauen“, den „sprachlichen Wirrungen“, der „Musik“ und eine dem „Linksdenker“ und „Liesl Karlstadt“ gewidmet. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1928 und 1947 überwiegend in München.
Valentin, zu dessen Beerdigung Aschermittwoch 1948 es keine offizielle Anteilnahme der Stadt München gab und dessen gesamter Nachlass von seiner Witwe Liesl Karlstadt 1953 aufgrund materieller Not veräußert werden musste (er wurde gekauft von einem Kölner Theaterwissenschaftler und Sammler für ganze 7000 DM!), gehört zu den ersten und eindringlichsten deutschen Komikern und Volkssängern, die auch die technischen Möglichkeiten jener Jahre, wie Rundfunk, Schallplatte und Kino, für sich zu nutzen verstanden. Seine Sketche und sprachakrobatischen Verrenkungen sind somit nicht nur dokumentiert, sondern dienten zugleich vielen Generationen von Kabarettisten und Spaßvögeln nach ihm als Vorlage. Wer Valentin kennenlernen möchte, liegt bei dieser Edition vollkommen richtig. Frei nach Valentin Ludwig Fey, genannt Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“
KultKomplott
 

Lew Tolstoi
„Krieg und Frieden“
10 CD Box

John Williams
„Augustus“
2 mp3-CD 

Das Beste von
Karl Valentin
„Die Zukunft war früher auch besser“
6 CD-Box

Alle drei veröffentlicht bei Der Hörverlag
Autor: Siehe Artikel
Montag 30.01.2017
Andrej Tarkowskij „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polaroids“ Schirmer / Mosel
Bilder
Bilder
Bilder
Foto: Filmstill aus „Ivans Kindheit“, 1962; Filmstill aus „Andrej Rubljov“, 1964/66; Alle Fotos © Schirmer/Mosel, München 2012
„Freunde, heute werdet ihr etwas ungewöhnliches sehen. Etwas, das es auf unserer Leinwand bislang noch nicht gab.Aber ihr könnt mir glauben: es verrät ein großes Talent! Der Regisseur heißt Andrej Tarkowskij.“
(Michail I. Romm 1962 bei der Präsentation von „Iwans Kindheit“ im Moskauer Filmverband, zitiert nach Maja J. Turovskaja)

Ein Film erzählt in unvergleichlichen Bildern die Lebensgeschichte des Fresken- und Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360 bis 1430). Zwischen 1964 und 1965 in der damaligen Sowjetunion gedreht, wurde dieses „Meisterwerk“ nicht nur aufgrund seiner naturalistischen Schilderungen von den heimischen Zensurbehörden verboten. 1969 in Cannes aufgeführt, löste Andrej Rubljow eine diplomatische Krise zwischen Frankreich und der Sowjetunion aus, die einen Exportverbot dieses Films nach sich zog.
Ein anderer Film entstand knapp eineinhalb Jahrzehnte später und handelt von einem militärisch abgeschirmten Gebiet, von allen „die Zone“ genannt, in der es angeblich rätselhafte Erscheinungen gäbe. Die Menschen werden im unklaren gehalten, ob es sich hier um den Unfall eines in der Nähe befindlichen Atomkraftwerkes handelt, oder um den Einschlag eines Meteoriten. Ein Stalker führt  illegal durch dieses Areal. Das Ziel aller ist der „Raum der Wünsche“.
Sowohl „Andrej Rubeljow“ als auch „Stalker“ stammen von Andrej Tarkowskij (1932 - 1986) und gelten heute als Klassiker der Kinohistorie. Tarkowskij blieb trotz der internationalen Würdigung seiner (insgesamt sieben) Filme im eigenen Land die Anerkennung verwehrt. Im Westen war er hingegen schon zu Lebzeiten eine Legende. Er emigrierte 1983 nach Italien und starb drei Jahre später mit nur 54 Jahren in Paris.
Anlässlich seines 80. Geburtstages erschien im Verlag Schirmer/Mosel 2012 die erste große Monographie über das Gesamtwerk des Regisseurs. Nun ist „Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills und Polaroids“ als Sonderausgabe erneut in den Handel gekommen. Es ist eine respektvolle Verbeugung vor diesem einzigartigen Filmpoeten und Visionär. Tarkowskij macht mit seinem Werk bis heute faszinierend deutlich, was Kino ist, was Kino sein kann. „Die unbestreitbare Funktion der Kunst liegt für mich in der Idee des Erkennens, in jener Wirkungsform, die sich als Erschütterung, als Katharsis manifestiert“, schreibt er selbst in seinem Aufsatz „Die versiegelte Zeit“.
Zusammengestellt hat diesen umfassenden Bildband Andrej Tarkowij (der Sohn des Cineasten) und die beiden Filmhistoriker und -kritiker Hans-Joachim Schlegel und Lothar Schirmer. Das Buch beleuchtet auf 288 Fotos, in Essays und filmographischen Texten die Arbeit Tarkowskijs und gibt Einblicke in seine überragende Kunst. Der Russe war Zeit seines Lebens ein Zweifler, aber ein Zweifler aus Überzeugung. Ihm ging es nicht um schnelle Antworten. Schon gar nicht um griffige Erklärungen. Die Realität war für ihn ebenso geheimnisvoll, wie grausam. Und diese Überzeugung übersetzte er in magische, manchmal traumatisch schöne Bilder, deren poetische Sprache tief berührt. Bis heute. Sein Schmerz an der Unvollkommenheit der Menschheit ist hier ebenso zu spüren, wie eine leise Hoffnung. Das Hinterfragen in seinen Filmen diente einzig dem Respekt des Individuums. Seine Stärke war nicht unbedingt das plausible Erzählen einer Geschichte. Wer sich auf Tarkowski einlässt, braucht Geduld, braucht Offenheit, muss Unsicherheiten und immer neue Fragen aushalten. Seine Ästhetik ist eine Ästhetik des Kargheit und auch des Verzichts. Seine überwältigenden Bilder sind oft hart erkämpft, dem Leben abgerungen und ein grauer Gegenentwurf zum bonbonfarbenen Hollywood.

„Tarkowskij ist für mich der Größte, weil er dem Kino eine neue, besondere Sprache gegeben hat, die es ihm erlaubt, das Leben als Vision, als ein Traumbild zu erfassen.“ (Ingmar Bergmann, schwedischer Regisseur)

Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.