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Inhaltsverzeichnis
Graham Swift

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Michail Ossorgin „Zeugen der Zeit“ Die Andere Bibliothek

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Annie Proulx „Aus hartem Holz“ Luchterhand

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Erich Kästner "Der Gang vor die Hunde" Atrium-Ver...

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Thomas Struth „Thomas Struth“ Schirmer/Mosel

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Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp

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Montag 17.07.2017
Graham Swift
An einem sonnigen Frühlingstag steht das junge Dienstmädchen Jane Fairchild unbekleidet in der Bibliothek des Herrenhauses von Sheringham. „Sie nahm eins der Bücher aus dem Regal vor sich und schlug es auf, und dann drückte sie es aus ihr unerklärlichen Gründen zärtlich an die nackte Brust. Es war ‚Entführt‘ von Robert Louis Stevenson… Und da waren die Worte: ‚Ich will die Geschichte meiner Abenteuer mit einem bestimmten Tag beginnen.‘“
Der bestimmte Tag in Janes Leben ist der 30. März des Jahres 1924, der „Mothering Day“, wie das Buch von Graham Swift im englischen Original heißt. Die deutschsprachige Ausgabe ist 2017 unter dem Titel „Ein Festtag“ bei dtv erschienen. Graham Swift, 1949 in London geboren, zählt mit Ian McEwan und Julian Barnes zu den großen englischen Autoren seiner Generation.
Dieser „Muttertag“ ist der Tag, an dem Janes Leben eine entscheidende Wendung nimmt. Jane, ein 22-jähriges Dienstmädchen, hat seit sieben Jahren ein Verhältnis mit Paul Sheringham, dem einzigen Sohn der benachbarten Familie, der den Krieg überlebt hat. Paul und Jane haben sich heimlich an versteckten Orten getroffen, hinter Büschen und in Geräteschuppen. Doch heute, an diesem einzigartigen Tag, ist alles anders: Paul bittet Jane in das Herrenhaus seiner abwesenden Familie, und er öffnet ihr die Eingangstür, als wäre sie eine standesgemäße Besucherin und er der Butler.
Graham Swift lässt eine Szene von leuchtender Intensität und Sinnlichkeit vor unserem inneren Auge entstehen: wie Jane nackt auf Pauls Bett liegt, wie er durch das sonnenduchflutete Zimmer geht und sich zögerlich anzieht, während die Schatten der Fenstersprossen über ihn hinwegstreifen, wie sie sich gegenseitig ansehen. „Er hatte es nie mit jemand anderem besser gehabt. Sie auch nicht.  Das lag in dem Blick, mit dem er sie betrachtete. In dem Blick, den sie zurückgab.“
Nachdem Paul sie verlassen hat, um sich mit seiner Verlobten zu treffen, durchstreift Jane unbekleidet das weitläufige Haus, die Zimmer und die Bibliothek. Es ist wie eine Neugeburt, als sie sich plötzlich in dem Spiegel über dem Kamin in ihrer ganzen Nacktheit erblickt und sich ihrer selbst bewusst wird: „Das bist du! Du bist hier! Das ist Jane Fairchild! Das bin ich!“
In berückenden Bildern beschreibt Graham Swift die Befreiung einer jungen Frau von den Fesseln ihrer Herkunft, von Konventionen und gesellschaftlichen Zwängen. „Ein Festtag“, ein schmales Buch, eher eine Erzählung als ein Roman, ist ein literarisches Kleinod. Graham Swift konzentriert sich mit feinster Präzision auf jedes Detail dieses einen Tages, aber er richtet den Blick auch immer wieder in die Zukunft und in die Vergangenheit, um ein ganzes, fast hundertjähriges Leben einzufangen. Noch als alte Frau ist sich Jane dessen bewusst, dass an diesem Tag ihr Leben erst wirklich begonnen hat. Ein strahlender Frühlingstag, das unbekannte Gefühl von Freiheit. Ein Tag, der zugleich schön und schrecklich ist. Am Abend wird sie eine grausame Nachricht erhalten.
Das Jahr 1924 markiert eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels. Der erste Weltkrieg hat die alten Ordnungen brüchig werden lassen und die Standesgrenzen zwar nicht aufgelöst, aber durchlässiger gemacht. Die Stellung der Frau ändert sich. So erhält Jane, das Dienstmädchen, von ihrem Arbeitgeber die Erlaubnis, Bücher aus der Bibliothek zu lesen. Bücher werden ihr Leben prägen. Und so wird sie von Pauls anfänglich bezahlter Liebschaft zu seiner heimlichen Geliebten und wirklichen Liebe.
„Mothering Day“ war der Tag, an dem englische Dienstmädchen ihre Mutter besuchen durften. Doch Jane hat keine Mutter. Das löst ambivalente Gefühle in ihr aus: Trauer und Sehnsucht nach Geborgenheit, aber auch das Bewusstsein einer Freiheit, die ihr eine Rolle als Beobachterin des Lebens ermöglicht.
Jane Fairchild wird zu einer bekannten Schriftstellerin, die die konventionellen literarischen Formen des 19. Jahrhunderts hinter sich lässt, zu einer modernen, sehr sinnlichen Autorin. „Das bedeutet es doch, Schriftstellerin zu sein: sich dem Stoff des Lebens in die Arme zu werfen. Das war der Sinn des Lebens – sich ihm in die Arme zu werfen.“
Lilly Munzinger, Gauting
Autor: Siehe Artikel
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Samstag 08.07.2017
Michail Ossorgin „Zeugen der Zeit“ Die Andere Bibliothek
In den letzten Jahren sind etliche Bücher erschienen, die sich mit einer insgesamt wenig ausgeleuchteten Epoche russisch/europäischer Geschichte beschäftigen. Es ist die Zeit zwischen der Russischen Revolution 1905 bis hin zum bolschewistischen Umsturz 1917 und dem nachfolgenden Russischen Bürgerkrieg 1920. Eine ebenso komplexe wie chaotische Periode, in der sich der russische Adel, die Sozialrevolutionäre, die Intelligenzija, Anarchisten unterschiedlicher Couleur und später Kommunisten unter der Führung Wladimir Iljitsch Lenin in erbitterter, unversöhnlicher Feindschaft gegenüberstanden. Es herrschte Bürgerkrieg, in dem gewalttätiger Terror fast zum Alltag gehörte. Einige literarische Arbeiten aus dieser Zeit wurden entweder jahrzehntelang unter strengstem Verschluss gehalten, oder liegen, aus welchen Gründen auch immer, jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor.
Zu letzteren gehören auch die beiden Romane „Zeugen der Zeit“ und „Buch vom Ende“ des russischen Autors Michail Ossorgin, die jetzt vom Verlag Die Andere Bibliothek in einem Band vorliegen. Diese zwei Texte bilden mit dem 2015 in demselben Verlag erschienenem Roman „Eine Straße in Moskau“ eine Trilogie, die als Hauptwerk des 1878 in Perm geborenen Ossorgin angesehen werden kann.
Ossorgin erzählt in „Zeugen der Zeit“ die Lebens-Geschichte der (historisch verbürgten) Terroristin Natascha Kalimova, die, als Mitglied der Sozialrevolutionären Partei am Vorabend der Oktoberrevolution etliche tot- und leidbringende Anschläge vorbereitete und durchführte. Ossorgin gelingt es, sowohl die von Extremen gekennzeichnete Biographie seiner Hauptfigur literarisch überzeugend darzustellen und zugleich auch ein Sittengemälde Russlands jener Zeit zu entwerfen. Natascha Kalimovas Kinder-und Jugendzeit, ihr Gerechtigkeitssinn und dem daraus erwachsenen Vorsatz zur gesellschaftlichen Veränderung, ihre Taten, die Verurteilung zum Tode und anschließende Flucht aus dem Gefängnis über Sibirien, die Mongolei bis nach Westeuropa bestimmen den ersten Teil des Buches. Ossorgin vermittelt auf außerordentlich anschauliche Weise die Widersprüchlichkeit seiner Figuren, die einerseits für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen, andererseits aber den Tod unbeteiligter Personen stets billigend in Kauf nehmen. Vieles aus seiner eigenen Biographie, Ossorgin war selbst jahrelang aktiv im Widerstand und wurde auf Anordnung Lenins 1922 des Landes verwiesen, fließt in diesen Roman mit ein. Als Zeugen der Zeit lässt er einen russischen Geistlichen auftreten, der quer durch das riesige Land reist und als eine Art Chronist der Verhältnisse, immer wieder die Lebenswege der Hauptakteure kreuzend, besonders das Leben der einfachen Menschen beschreibt.
Im zweiten Teil beleuchtet Ossorgin den Alltag einer Gruppe von Terroristen, zu denen auch Natascha Kalimova gehört, die sich im Exil in Italien und Frankreich aufhalten und vergeblich auf neue Einsatzbefehle warten. Vom Gefühl her sind sie noch immer Revolutionäre. Doch zugleich sehnen sie sich nach einem bürgerlichen Leben, möchten Familien gründen und sich von ihren Albträumen distanzieren.
Will man Russland heute verstehen, sollte man Ossorgin lesen, hat sich dieser Tage ein Kritiker sinngemäß geäußert. Aber in seinen Schriften lassen sich tatsächlich all die gegensätzlichen und sich dabei bedingenden Ingredienzien der russischen Seele aufspüren, die da wären: Rücksichtslosigkeit und Leidenschaft, Poesie und Trunksucht, Dichtung und Realität, der Wille zur Veränderung und das Festhalten an der Vergangenheit. Gleich mit dem ersten Satz des Romans gelingt es Michail Ossorgin diese Divergenz sprachgewaltig und faszinierend auf den Punkt zu bringen:
„An dem Morgen, als die Welt noch klein, behaglich und klar war, nur aus dem von einem Garten umgebenen Haus der Familie und dem nahe gelegenen Dorf Fjodorowka bestand und an Waldrand und Fluss aufhörte, als Gut und Böse noch nicht voneinander geschieden waren, sondern übereinzukommen und in Harmonie miteinander zu leben suchten, ging der Kutscher Pachom, riesengroß und in riesengroßen Stiefeln, zerzaust, übellaunig und verkatert, die Küchentreppe hinunter und trat den Hundewelpen Muschka zu Tode.“
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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Montag 19.06.2017
Annie Proulx „Aus hartem Holz“ Luchterhand
Weymouthkiefern, Hemlocktannen, Eichen, Erlen, Eschen, Birken, Zedern, Lärchen – ein Kontinent, bestehend aus riesigen, schier endlos erscheinenden Wäldern ungezählter Bäume. Begrenzt vom Atlantik im Osten, vom Pazifik im Westen, vom Eis im hohen Alaska und den Wüsten im tiefen Süden. Der Roman „Aus hartem Holz“ beginnt im Jahr 1693, als die Menschen das verarmte und von Kriegen traumatisierte Europa in Scharen verlassen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu finden. Und er endet 2013. Die Wälder sind schonungslos dezimiert, Ökoaktivisten kämpfen für jeden Quadratmeter Natur, um die Zerstörung aufzuhalten. Zugleich werden in den Regenwäldern Südamerikas die gleichen Verbrechen wie einst fortgesetzt
Auch Rene und Charles wandern Ende des 17. Jahrhunderts ins östliche Kanada aus und verdingen sich in Neufrankreich als Holzfäller. Ein Job, der die nächsten knapp 900 Seiten dieses Mammutwerks bestimmen wird. Es ist die Geschichte zweier Familie, die beide Männer gründen und von deren so unterschiedlichen Lebenswegen, die vom Umgang mit dem Rohstoff Holz, letztendlich ihrer Existenzgrundlage, bestimmt wird. Rene heiratet eine Indianerin und sie beide, wie auch all ihre Nachkommen leben in der Überzeugung, mit der Natur eine Einheit zu bilden. Charles hingegen sieht in den Wäldern die Möglichkeit einer industriellen Verwertung. Er und seine Familienangehörigen bauen ein Holzimperium auf, das auf maximalen Profit ausgerichtet ist und skrupellos die Natur ausbeutet.
Annie Proulx, die große amerikanische Autorin, hat über zehn Jahre für dieses Buch recherchiert. Und es ist ein großer, ein sprachgewaltiger Roman entstanden, der aufwühlt, verschreckt, wütend und nachdenklich zugleich macht. Im Mittelpunkt ihrer Mahnung steht allein der Wald! Dabei hat die Pulitzerpreisträgerin so ganz nebenher auch noch ein Sittengemälde der Menschheit der letzten dreihundert Jahre entworfen. Über ihr barbarisches Leben und ihr mannigfaches Sterben, über den unüberschaubaren Reichtum der Natur und deren Endlichkeit, über ihre Hoffnung auf Zukunft und über die Zerstörung jeglichen Glücks, über Seuchen und Naturkatastrophen, über Entdeckerlust und verquere Charaktere. Es handelt von Abhängigkeiten untereinander, von Rassismus, der Zerstörung alles zwischenmenschlichen und dem ersten zaghaften ökologischen Aufbegehren. Annie Proulx hat dem Wald ein literarisches Mahnmal gesetzt, das ebenso aufrührerisch wirkt, wie es sich spannend liest.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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Dienstag 13.06.2017
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Erich Kästner "Der Gang vor die Hunde" Atrium-Verlag
Als die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz Bücher verfemter Autoren verbrannten, brannte auch Erich Kästners Buch „Fabian“. Der damals 32-jährige Autor, berühmt durch „Herz auf Taille“ und „Emil und die Detektive“, galt den Nazis als Vertreter einer dekadenten Asphaltliteratur.

In seinem Roman „Fabian“ erzählt Kästner von zwei jungen Männern, Fabian und Labude, die sich durch das Berlin der späten zwanziger Jahre treiben lassen, ein Berlin, in dem es „drunter und drüber“ geht. Die Reise führt durch die Berliner Unterwelt, durch Kneipen, Bordelle und Künstlerateliers. Es waren vor allem die freizügig-erotischen Szenen, die den Abscheu der nationalistischen Rechten erregten. Der „Völkische Beobachter“ nannte „Fabian“ einen „gedruckten Dreck“. Dabei war das Buch, das 1931 mit dem Titel „Fabian“ erschien, die bereinigte Fassung des Romans. Kästner hatte ursprünglich einen aussagekräftigeren Titel vorgesehen, und sein Verleger hatte ihn veranlasst, einige politisch und erotisch besonders riskante Stellen zu entschärfen. Die Passage „Der empörte Autobus“ in der Kästner besonders respektlos mit Berliner Nationaldenkmälern wie dem Brandenburger Tor umgeht, musste er ganz streichen, ebenso das Kapitel, in dem Fabian seinem Chef vorwirft, „seine Tippfräuleins über den Schreibtisch zu legen“.

Der Germanist und Kästnerforscher Sven Hanuschek hat es unternommen, die Originalfassung des Romans zu rekonstruieren. „Der Gang vor die Hunde“, so der von Kästner ursprünglich geplante Titel, ist erstmals 2013 und jetzt, im Jahr 2017, als Taschenbuch erschienen. Durch diese beeindruckende Wiederentdeckung hat man nun die Gelegenheit, Kästners bedeutenden Großstadtroman so zu lesen, „wie er vom Autor geplant und gemeint war“. Die politische Botschaft ist dieselbe, aber „Der Gang vor die Hunde“ ist noch frecher und frivoler als „Fabian“.

„Dieses Buch ist nichts für Konfirmanden, ganz gleich, wie alt sie sind“ schreibt Kästner in seinem „Nachwort für Sittenrichter“. Und doch betont er, dass es kein unmoralisches, sondern ein ausgesprochen moralisches Buch sei.Denn es geht ihm nicht um die „Moral der Zimmervermieterinnen“. Die erotische Verwirrung ist Teil einer allgemeinen Ratlosigkeit, Ausdruck des Lebenshungers angesichts einer drohenden Katastrophe.

In locker aneinandergereihten Episoden lässt der Autor seine beiden Protagonisten die späte Weimarer Republik erleben. Es ist die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, der wirtschaftlichen und seelischen Depression und die Zeit der politischen Radikalisierung und menschlichen Verrohung. In einer derb-komischen Szene werden Fabian und Labude Zeugen eines Straßenkampfes zwischen einem Nationalsozialisten und einem Kommunisten, die sich gegenseitig in die Wade beziehungsweise ins Hinterteil schießen. Der Witz der Schilderung täuscht nicht darüber hinweg, mit welchem Pessimismus Kästner die politische Entwicklung beurteilt. „Wann gibt es wieder Krieg? Wann würde es wieder so weit sein?“ fragt sich Fabian. Die pazifistische und antimilitaristische Grundhaltung des Romans zeigt sich auch in dem großen Traum Fabians, der wie ein expressionistisches Gemälde von Otto Dix anmutet: „Aus den Dachluken und aus den Giebeln fielen Menschen in die Tiefe. Aus den Fenstern hingen Verwundete. Auf einer Giebelkante rangen zwei athletische Männer. Sie würgten und bissen einander, bis der eine taumelte und beide abstürzten. Man hörte den Aufschlag der hohlen Schädel...“

Fabian und Labude reagieren unterschiedlich auf ihre Zeit. Beide werden „Moralisten“ genannt. Doch Labude, der an einer Doktorarbeit über Lessing schreibt, möchte die Verhältnisse ändern. Er, der Idealist, kämpft für eine quasi-sozialistische Initiative der Jugend gegen den hemmungslosen Egoismus der Zeit. Fabian dagegen bleibt als skeptischer Beobachter auf Distanz zum Welttheater. Er glaubt nicht an die Verbesserung der Zustände, denn „was nützt das göttliche System, solange der Mensch ein Schwein ist?“ Fabian verliert zunehmend den Halt. Sein schlecht bezahlter Job als promovierter Germanist in einer Werbeagentur wird ihm gekündigt, da er sich seinem primitiv-dummen Chef nicht unterordnen will. Er muss erleben, dass Labude, sein einziger Freund, Selbstmord begeht. Und die Beziehung zu der Frau, die er liebt, scheitert. Sie geht mit einem Filmdirektor ins Bett, um ihre Karriere zu befördern. Der sachlich-lapidare und häufig schnoddrige Ton des Romans verbirgt und offenbart zugleich seine tiefe Melancholie.

Dr. Jakob Fabian, die Hauptfigur des Buches, trägt viele autobiographische Züge Kästners, und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Autor und seiner Romanfigur: Kästner teilt zwar dessen Leiden an den Zuständen der Zeit, aber er teilt nicht Fabians resignierte Haltung, die vor jeder Verantwortung zurückschreckt. Kästner will seine Leser wachrütteln, zum Nachdenken und Handeln auffordern. „Lernt schwimmen“ ruft er ihnen im letzten Kapitel seines Buchs zu. Fabian dagegen geht unter.

Lilly Munzinger, Gauting
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Mittwoch 07.06.2017
Thomas Struth „Thomas Struth“ Schirmer/Mosel
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© Thomas Struth courtesy SchirmerMosel
Es sind Bilder von Straßenzügen aus Großstadtmetropolen, wie sie in keinem Touristenführer zu finden sein werden. Es sind Bilder aus Museen, in denen die gerahmten Kunstwerke eine völlig untergeordnete Rolle spielen. Es sind gestellte Portraits, die trotz ihrer scheinbaren Sterilität ein breites Spektrum psychologischer Deutungen zulassen. Und es sind Bilder von technischen Monstrositäten, die in ihrer graphischen Wirkung schwindelnd machen und doch eine gewisse Emotionalität ausstrahlen. Thomas Struths Arbeiten faszinieren in ihrer Vielfalt und in einer fast grenzenlosen Möglichkeit ihrer Interpretation. Seine Person als Künstler erschließt sich erst durch sein Gesamtwerk, das jetzt, anlässlich einer Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, die noch bis zum 17. September zu sehen ist, in einem umfassenden Werk bei Schirmer/Mosel erschienen ist. Mit 420 Abbildungen auf 320 Seiten ist dies die bisher ausführlichste Publikation des international gefeierten Photo-Künstlers.
Thomas Struth hat für dieses Buch, als auch für die Münchner Ausstellung, seine Archive geöffnet, wodurch einige Arbeiten und kleinere Serien erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Durch diese Einblicke, die oft in Form von Skizzen, Tagebuchaufzeichnungen und Collagen vorliegen, wird so die immense Arbeit und Auseinandersetzung deutlich, mit der sich Struth den einzelnen Themen seiner Kunst gewidmet hat.
Geboren 1954 in Geldern am Niederrhein, beschäftigte sich Struth schon früh mit musischen Dingen. Er spielte Saxophon und Schlagzeug und studierte von 1973 bis 1980 an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf Malerei bei Gerhard Richter und Fotografie bei Bernd Becher. Und vielleicht sind, abgesehen von unzähligen lebens- und arbeitsbedingten Erfahrungen und intensiven Beschäftigungen, dies die drei Hauptstützen seiner künstlerischen Arbeit, das Fundament all seines Tuns. „Ich bin in erster Linie jemand, der sich Fragen stellt und gerne Bilder macht. Das fing im Alter von zwölf, 13 Jahren an, wenn man typischerweise beginnt, über alles Mögliche nachzudenken: über die eigene Familiengeschichte, den öffentlichen Raum, Geschichte, zumal wenn man 1954 geboren ist wie ich. Dann ist da noch die Religion, der Glaube, die Zukunft und die Frage: Wofür will ich kämpfen?“, sagte er dem Tagesspiegel vor wenigen Jahren in einem Interview.
So sind im Laufe der Jahre Projekte entstanden, wie Unconscious Places, Portraits, Museum Photographs, Family Portraits, Pictures from Paradise, Audiences, Löwenzahnzimmer oder Nature & Politics, deren Antrieb im Grunde eine nie nachlassende Neugier, als auch der innere Drang sind, die Realität in einem bestimmten Blickwinkel zu betrachten. Und den bringt Thomas Struth im Abschluss eines Interviewgesprächs mit Okwui Enwezor, dem Direktor des Haus der Kunst, in diesem wunderbaren Katalogbuch wie folgt zum Ausdruck: „Mir ist aufgefallen, dass ich am Ende meiner E-Mails oder Briefe sehr oft „Umarmungen“ statt des üblichen „Alles Gute“ schreibe. Das gibt mir das Gefühl, dass …. wir sind doch menschlich, wir sollten nicht vergessen, dass wir auch ohne Technik einen Körper haben, dass wir warm sind.“
KultKomplott
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Samstag 27.05.2017
Ulrike Edschmid "Ein Mann, der fällt" Suhrkamp
Sie schreibe nur über das, was sie kenne, hat Ulrike Edschmid in Interviews zu ihren früheren Büchern gesagt. Hinter diesem nüchtern klingenden Statement verbergen sich allerdings Geschichten voller Wucht, Geschichten aus ihrem eigenen Leben, deren Dramatik sie in ruhigen, gut gewählten Bildern sichtbar macht, eindrucksvoll, aber ohne jeden emotionalen Trommelwirbel.
Schon in ihrem Roman „Das Verschwinden des Philip S.“ (2013) hat sie über ihre Studenten-Liebe zu Philip Werner Sauber, über ihr Leben mit ihm, seinen Weg vom Bürgersohn und Schöngeist zum Terroristen in der „Bewegung 2.Juni“ und ihren Verlust durch sein Verschwinden und seinen Tod geschrieben und dabei gezeigt wie sie unaufgeregt, aber mit großer Nähe vom Anderen erzählen kann. Gerade weil sie soviel Ruhe zulässt, treffen die Bilder, die sie wählt, ins Mark.
So nun auch in ihrem neuen Buch „Ein Mann, der fällt“, über ihr Leben mit ihrem heutigen Mann.1986 wollen sie ihr gemeinsames Leben in einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg beginnen, aber schon am Anfang ändert sich alles. Beim Renovieren der Wohnung stürzt er von der Leiter und aus dem jungen, sportlichen, vor Ideen sprudelnden Architekten wird schlagartig ein schwer versehrter Mann, der sich nach langen Krankenhausaufenthalten mühsam in sein Leben zurückzukämpfen versucht. Er ist ab dem sechsten Halswirbel querschnittgelähmt. Unter Qualen und Ängsten, nur mit Krücken erlangt er ein bisschen Bewegungsfähigkeit zurück. In kleinen, fast alltäglichen Geschehnissen zeigen sich die bitteren Seiten seines Schicksals, das sie mit ihm teilt, mit aller Härte. Von einem Augenblick zum anderen sind aus der ersehnten Gemeinsamkeit zwei verschiedene Leben entstanden, in denen sie beide immer wieder neu lernen müssen sich zu verstehen und aufeinander einzurichten.
Um sie herum im Haus, in Charlottenburg, in Berlin verändert sich im Laufe der folgenden Jahre alles in ständig steigendem Tempo. Menschen kommen und ziehen wieder weg, die Verhältnisse werden roher, dramatische Dinge geschehen. Es ist, als ob ihre zur Langsamkeit verdammte Welt in immer größerem Widerspruch zum Leben um sie herum steht – aber auch besteht. Zum Schluss sind sie die einzigen Bewohner des Hauses, die heute noch dort leben.
Gerade weil Edschmid auch hier wieder eine Meisterin der ruhigen, genauen Bilder ist, wird die Diskrepanz zwischen ihrem Leben und den Veränderungen der Welt um sie herum auch für die Leser deutlich spürbar. Es ist auch ein Blick auf das heutige Berlin.
Wie nah sie ihrem Lebensgefährten ist, zeigt sich in ihrer Erzählweise: immer wieder nimmt sie seinen Blickwinkel ein, geht auf sein Erleben der Situation mehr ein als auf ihr eigenes. Erst später beim Lesen fällt auf, dass sie noch nicht einmal seinen Namen nennt und er auch nicht direkt spricht, trotzdem aber zentrale Figur der Geschichte ist. Er ist derjenige, der gefallen ist, er fällt durch seine Behinderung immer wieder, aber er lernt auch sich immer wieder aufzurichten und sie mit ihm.
Sie klagt nicht, sie erzählt einfach, was passiert. Das genügt völlig – wenn man es so hervorragend kann wie sie.

Thyra Kraemer
Autor: Siehe Artikel
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