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1. James Baldwin „Beale Street Blues“
2. Henning Venske „Als die Autos rückwärts fuhren“
3. Anton Čechov „Wintergeschichten“
4. Eugen Ruge „Metropol“
5. Raymond Federman „Der Pelz meiner Tante Rachel“
6. Stephen King „Erhebung“
Bilder
Montag 13.01.2020
James Baldwin „Beale Street Blues“
Die Beale Street, aus W.C. Handys gleichnamigen Blues, gehört seit über einhundert Jahren zu den berühmt berüchtigten Straßen in den USA. Hier, Downtown von Memphis/Tennessee, ist die „Sünde“ und die Kriminalität zu Hause, die Geburtswehen des Jazz nahmen genau hier ihren Anfang und die Schicksale der schwarzen Bevölkerung sind wohl nirgends musikalisch eindrucksvoller und authentischer umgesetzt. James Baldwin nannte einen seiner bedeutendsten Romane auch deshalb „Beale Street Blues“. Er behauptete gar: „Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York: Die Beale Street ist unser Erbe.“
In seinem Roman beschreibt Baldwin die Geschichte einer großen Liebe, die sich gegen alle Widrigkeiten eines aus den Fugen geratenen Lebens und einer rassistischen Gesellschaft behauptet. Sie erzählt von Tish und Fonny, zwei jungen Afroamerikanern, die sich im New York der 1950er Jahre („Mit den hässlichsten Häusern und den ekligsten Menschen“) allein durch die Kraft ihrer Liebe behaupten.
Tish arbeitet in der Parfumabteilung eines Kaufhauses. Fonny ist Künstler, kämpft mit seinen Skulpturen um das tägliche Überleben. Beide kennen sich aus Kindertagen, in denen sie wirklich keine Sympathien füreinander hatten. Doch nach einem heftigen Streit entwickelt sich aus ihrer einstigen Abneigung eine starke, innige Beziehung. Fonny wird, nachdem Tish ihm mitgeteilt hat, dass sie ein Kind von ihm erwartet, fälschlicherweise der Vergewaltigung einer Weißen angeklagt und einem rassistischen Justizsystem ausgeliefert.
Baldwin beschreibt in diesem Roman die Verlorenheit des Einzelnen in einem System der Ungleichheit. Zugleich aber überzeugt er mit einem eindringlichen Pladoyer für die Kraft, für die Energie zu dem die Liebe fähig ist. Egal, ob es sich um den aufopfernden Kampf Tishs handelt, den Fonny aus den Fängen der Gerichtsbarkeit zu befreien sucht, oder um das Vertrauen, das Tishs Familie ihr und Fonny entgegenbringt, als die vielleicht einzige Möglichkeit und Waffe, die ihnen in ihrer emotional so aufgeheizten Situation bleibt.
Baldwin schreibt aber auch über Hierarchien und zaghafte Gangstrukturen, die es in der Black Community schon damals gab und die auf ebenso schändliche wie ungerechte Weise das Leben in Harlem beeinflusst haben.
Sprachgewaltig und intensiv kommen vor allem in den Dialogen die harten Auseinandersetzungen der handelnden Personen zum Ausdruck. Voller Poesie sind jene Absätze, in der die Zuversicht von der Liebe gespeist wird und die Hoffnung als eine zarte Pflanze mitten im inhumanen Morast erblüht.
Baldwin gehört zu den wichtigsten Vertretern der Bürgerrechtsbewegung in den USA. 1924 in Harlem geboren hat er Zeit seines Lebens gegen Ungerechtigkeit in Form von Rassismus und Antisemitismus angeschrieben. Für jemanden, der intellektuell geschult und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt, war dies fast zwangsläufig sein Lebensthema. Als Jugendlicher las er mit Begeisterung Dostojewski und Dickens. Aufgrund des Einflusses seines Stiefvaters widmete er sich intensiv der Religion, sah anfangs in ihr eine Möglichkeit, aus der Spirale von Demütigungen, Hass und Ungerechtigkeiten auszubrechen und wurde Jungprediger in einer Gemeinde, in der er schon damals durch seine mitreißende Rhetorik auffiel.
Aufgrund der tagtäglichen Erfahrungen von Diskrenimierungen und die ihn maßlos enttäuschende Bigotterie nicht nur in seiner Gemeinde, trennte er sich mit siebzehn vom religiösen Glauben und begann seine Laufbahn als Schriftsteller. Von nun an war das Schreiben seine Berufung, seine Form einer engagierten Predigt. Anfänglich verfasste er Rezensionen in Zeitschriften, später dann erste Kurzgeschichten, engagierte Essays und etliche Romane. Einige von ihnen, wie „Beale Street Blues“, entstanden im Exil, in Frankreich. Hier suchte er nach vielen menschlichen und gesellschaftlichen Enttäuschungen (Ermordung der schwarzen Bürgerrechtler Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King) Ruhe und Abstand, um sich beim Schreiben neu zu ordnen.
Jörg Konrad
 

James Baldwin
„Beale Street Blues“
dtv
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Freitag 03.01.2020
Henning Venske „Als die Autos rückwärts fuhren“
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Dies ist eines der (leider viel zu wenigen) Hörspiele für Kinder, an dem auch Erwachsene ihre helle Freude haben. Garantiert! Es ist ein kleiner wie turbulenter Ausschnitt aus dem Leben des gerade einmal elfjährigen Laßdas Pinökel, einem Burschen, der voller Ideen und manchmal auch liebevollen Verrücktheiten ist. Sein Vater meint, er sei „ein überaus phantasievolles Kind“ - was letztendlich auch ihn herausfordert und zu manchen ungewöhnlichen Reaktionen treibt. Denn mit Laßdas Phantasie, mit seinem Einfallsreichtum und Geistesblitzen und, ja, auch mit seinem Dickkopf, dirigiert er sein Umfeld prächtig. Oder hält es zumindest auf Trab.
Henning Venske, der „Altmeister des politischen Kabaretts in Deutschland“ (Spiegel) und „gelernter Misanthrop“ hat dieses putzmuntere und erfrischende Hörspiel Mitte der 1970er Jahre geschrieben. Kurz darauf ist es vom WDR in Köln als Hörspiel produziert worden und war schon damals ein Erfolg. Und auch wenn manches in diesem Stück den damaligen Zeitgeist der nach 68er Generation atmet, ist es in seiner belebenden Art und dem Hinterfragen von scheinbaren Ordnungsschemen so ungemein zeitlos. Denn diese angenehme Respektlosigkeit ergibt die Möglichkeit, die Welt mit Freude und mit Witz zu entdecken. Und das Schöne ist, auch die Erwachsenen können, wenn sie sich denn darauf einlassen, enorm dazulernen und Dinge, die sie rein aus Gewohnheit tun, neu beleuchten.
Ein wunderbares Hörspiel, zu jeder Jahreszeit. Fazit: „Als die Autos rückwärts fuhren“ gehört in jeden Haushalt. Mit und ohne Kinder!
Jörg Konrad

Henning Venske
„Als die Autos rückwärts fuhren“
DAV
Hörspiel ab 8 Jahre
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Montag 09.12.2019
Anton Čechov „Wintergeschichten“
„Der hohe, immergrüne Tannenbaum des Schicksals ist vollbehängt mit den Gütern des Lebens … Von unten bis oben hängen an ihm Karrieren, Glücksfälle, gute Partien, Gewinne, goldene Nichtse, Nasenstüber usw.“
So beginnt die kurze Erzählung „Der Tannenbaum“ von Anton Čechov (die Schreibweisen seines Namens scheinen auch in Fachkreisen unendlich!). Es ist eine fantasiereiche Geschichte in Prosa, die auf den wenigen Seiten all jene Zutaten bereithält, die die literarischen Arbeiten des Russen so einzigartig machen. Es ist dieses Wechselspiel zwischen harter Realität, wie sie den Menschen seiner Heimat schon immer aufgedrückt wurde und ihren ganz persönlichen Wünschen und heimlichen Träumen, zwischen schmerzhafter Armut und arrogantem Reichtum, zwischen wahrhaftiger Gerechtigkeit und ungerechter Demütigung. Nicht immer enden diese Geschichten so, wie es sich der Leser vielleicht vorstellt. Schließlich besitzt bei dem 1860 in Tanganrog im Süden Russlands geborenen Autor das Leben seine eigene Fantasie. Mal ist es grausam und hart, mal scheint es sich in den Beschreibungen um das reinste Paradies zu handeln, und oft sind die Situationen in seinen Büchern mit feiner Ironie und Humor erzählt.
Es war nie das Spektakuläre, die außergewöhnlichen Geschehnisse oder Persönlichkeiten, die im Zentrum seiner vielen Kurzgeschichten standen. Er hatte immer ein großes Herz für die einfachen Menschen, hatte Empathie für die Zurückhaltenden, die Unscheinbaren, die vom Glück Benachteiligten, die er knapp und in einfachster (aber einprägsamer) Manier literarisch skizzierte. So auch in dem vorliegenden Band  „Wintergeschichten“, einer Sammlung von über zwanzig Erzählungen, deren Protagonisten sich in tief verschneiten Winterlandschaften bewegen, die gegen Kälte und Schneestürme ankämpfen, oder die mitten in der ehrfurchtgebietenen Schönheit extremer Wetterunbilden existieren. Der studierte Mediziner versteht es natürlich den russischen Winter anhand von Schlittenfahrten durch tief verschneite Landschaften zu beschreiben und von Wodka und Kaviar zu erzählen, die die Seele nähren. Alle Texte liegen in einer Neuübersetzung des Russlandkenners und „Vermittler slawischer Kulturen“ Peter Urban vor. Er verstand es, wie kaum ein zweiter, die ganze Schönheit, die in Cechovs Sprache innewohnt, ins Deutsche zu übersetzen und die Balance zwischen Inhalt und Form zu wahren.
„Wintergeschichten“ ist ein Büchlein, das nicht nur in der vorweihnachtlichen Zeit gelesen werden kann – aber natürlich in diesem Umfeld seinen ganz besonderen Reiz entfaltet.
Jörg Konrad  

Anton Čechov
„Wintergeschichten“
Diogenes
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Dienstag 03.12.2019
Eugen Ruge „Metropol“
„Die Unfähigkeit zu trauern“ - diesen Begriff haben die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich in den 60er Jahren geprägt. Er bezeichnet die Abwehr der meisten Deutschen in der Zeit nach dem Krieg, sich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Kriegserfahrungen, seelische Traumata, Scham- und Schuldgefühle wurden weitgehend verdrängt. In den Familien wurde geschwiegen.
„Dies ist die Geschichte, die du nicht erzählt hast… Du hast dein Leben lang daran gearbeitet, sie vergessen zu machen, sie zu löschen aus deinem, aus unserem Gedächtnis. Fast ist es dir gelungen.“ So spricht Eugen Ruge im Prolog seines Romans „Metropol“ seine Großmutter an. Diese Großmutter hat ein anderes totalitäres Regime erlebt: In den 1930er Jahren verbrachte sie, zusammen mit ihrem Lebensgefährten, über vier Jahre in der Sowjetunion. Sie wurde Zeugin des Großen Terrors und der stalinistischen Säuberungen.
Ruge knüpft in „Metropol“ an seinen Welterfolg „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ an, in dem er die Geschichte der DDR am Beispiel seiner Familie erzählt. In „Metropol“ nimmt er die Vorgeschichte in den Blick und konzentriert sich auf seine Großmutter Charlotte und seinen Stiefgroßvater Wilhelm, die sich in der Sowjetunion „Germaine“ nannten. Ruge hat genaue und aufwendige Vor-Ort-Recherchen betrieben und in einem russischen Archiv die Kaderakte seiner Großmutter gefunden. Aus den nüchternen Dokumenten hat er einen großartigen, historisch wahrhaftigen und bewegenden Tatsachenroman gemacht und damit die Geschichte seiner Großmutter vor dem Verdrängt- und Vergessenwerden bewahrt.
Charlotte und Wilhelm Germaine waren als überzeugte Kommunisten vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen. Wie viele deutsche Kommunisten arbeitete Charlotte für den OMS, den geheimen Nachrichtendienst der Komintern, bis sie ohne Begründung ihre Stelle verlor und zusammen mit ihrem Mann in dem berühmten Moskauer Jugendstil-Hotel „Metropol“ einquartiert wurde. Hintergrund war ihre Bekanntschaft mit einem angeblichen Volksfeind, der 1936 in einem Schauprozess hingerichtet wurde. Das Ehepaar verbrachte eineinhalb Jahre in seinem Luxusgefängnis, mit Blick auf das Bolschoi-Theater und das Untersuchungsgefängnis der Geheimpolizei.
Das „Metropol“ ist Kristallisationspunkt der Geschichte. Hier gingen illustre Gäste ein und aus wie der berühmte Schriftsteller Lion Feuchtwanger, hier stiegen Parteibonzen ab, hier wurden zahlreiche ehemalige OMS-Mitglieder als Gäste zweiter Klasse untergebracht und sahen einer ungewissen Zukunft entgegen.
Wir erleben die Ereignisse im Roman aus der Innenperspektive von drei verschiedenen Protagonisten. Ruge erweist sich dabei als brillanter Psychologe. Da ist Hilde Spiel, die erste Frau von Charlottes Mann Wilhelm, eine lettische Aktivistin, die als Sekretärin für den OMS arbeitet. Wahrheit ist für sie das, was der Partei nützt. Sie hat Charlotte und Wilhelm denunziert und gerät schließlich selbst in den Strudel des stalinistischen Terrors. Im Hotel ist auch Wassili Wassiljewitsch Ulrich abgestiegen, Vorsitzender des Obersten Gerichts der UdSSR, ein selbstmitleidiger Zyniker, der Schmetterlinge sammelt und in zwei Tagen schon mal 138 Todesurteile unterschreibt. Die meisten Kapitel des Buches sind aus der Sicht Charlottes geschrieben, der in ihrer Zwiespältigkeit interessantesten Figur. Schwankend zwischen Angst und Hoffnung versucht sie, sich auf das Leben im Hotel einzustellen. Sie beobachtet die zahlreichen Gäste des „Metropol“, findet eine Anstellung in der Verlagsgenossenschaft, lässt sich auf eine Liebesbeziehung mit ihrem Chef ein. Doch „die Ratte des Zweifels“ nagt in ihr. Sie erlebt, wie immer mehr Bekannte und Kollegen spurlos verschwinden. Das Todesrad dreht sich immer schneller. „Gestern der Held der Nation, heute Verräter“. Allein von Juli 1937 bis November 1938 gab es unter Stalin 1.5 Millionen Verhaftungen.
Was Ruge an der Geschichte seiner Großmutter besonders interessiert, ist der Prozess, wie ihre Zweifel am System in Selbstzweifel umschlagen. Sie fühlt sich schuldig, „tief schuldig… Ich gehöre einer reaktionären und parasitären Klasse an.“ In ihrem Glauben an den Kommunismus unterwirft sie sich dem stalinistischen Gesinnungsterror. Ruge zeigt, wie in einem totalitären System Gehirnwäsche funktioniert, wie ein Mensch in einer Mischung aus Glaubenswunsch und Angst sich selbst aufgibt.
Dieser beeindruckende Geschichtsroman ist hochaktuell. Gerade in einer Zeit, in der unsere Demokratie auf der Probe steht, ist es wichtig, sich die Schrecken einer Diktatur ins Gedächtnis zu rufen.
Lilly Munzinger, Gauting

Eugen Ruge
„Metropol“
Rowohlt
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Montag 18.11.2019
Raymond Federman „Der Pelz meiner Tante Rachel“
In einem Interview erzählte der mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft ausgestattete, aber in Frankreich geborene Autor Raymond Federman, es gehe ihm in seinen Texten selten nur um die Geschichten selbst, sondern fast immer um „die Art und Weise des Erzählens“. Es ist also die Form des Mitteilens, die Federman Zeit seines schriftstellerischen Lebens brennend interessierte und die sein Werk so besonders und experimentell gestaltete. Von dieser Herangehensweise ist auch „Der Pelz meiner Tante Rachel“ aus dem Jahr 1997 deutlich geprägt.
Der Roman besteht aus verschiedenen Gesprächen, die Federman mit seinem Freund Samuel Beckett in Pariser Cafés führt, nachdem er von einem USA-Aufenthalt zurückgekehrt ist. Doch der Text enthält nur jene Teile des Dialoges, die der Autor von sich gibt.
Federmann erzählt seinem Gegenüber die traumatischen Erlebnisse seiner jüdischen Familie, die, bis eben auf jene Tante Rachel, in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurde. Doch es sind keine vollständigen, präzis formulierten Beschreibungen von personifizierten Schicksalen, sondern Bruchstücke, Fetzen, flüchtige Skizzen, die das Grauen nur erahnen lassen.
Federmann nutzt bewusst keinen chronologischen Erzählstrang. Die Ästhetik eines perfekten literarischen Textes ist für ihn anhand der unfassbaren Geschehnisse einfach nicht möglich. Als sei es für ihn unerträglich sich dem Schrecken des Holocausts detailliert hinzugeben. Es ist deutlich der  innere Druck des Erzählers zu spüren, den er immer wieder durch weites Abschweifen oder sprunghafte Themenwechsel auszuhalten oder zu minimieren versucht. Das erinnert letztendlich an einen Ausspruch Theodor W. Adornos, der in einem seiner Aufsätze nach dem 2. Weltkrieg äußerte, dass man nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben könne.
So werden im vorliegenden Text immer wieder scheinbar belanglose Dinge erwähnt, alltäglich Erlebtes aufgezählt, aber auch das Vorhaben des Autors geschildert, einen Roman zu schreiben. Vieles von dem hat einen deutlichen autobiographischen Bezug zu Federmans Leben in den USA. So schreibt er von der herausfordernden, aber künstlerisch erfüllenden Arbeit als Jazzmusiker (Federman spielte in den USA Saxophon), von den stupiden Handreichungen an den Fließbändern der Detroiter Autoindustrie (mit denen er seinen Hochschulabschluss finanzierte), bis dann plötzlich wieder Sätze wie „...es ist reiner Zufall, dass ich noch lebe, ich hätte ja mit meiner Familie sterben sollen. Ich bin überflüssig“ im Raum stehen. Dann blitzen jene Schuldgefühle auf, die die Holocaust-Überlebenden gegenüber ihren ermordeten Familienmitgliedern empfinden und unter denen sie massiv leiden.
Widerborstig, provokant, aber auch melancholisch kokettiert er im nächsten Abschnitt dann wieder mit seinen erotischen Abenteuern, um anschließend im saloppen Ton autobiographische Details zu erwähnen. 
Diese ganze Art des Erzählens erinnert an flüchtig hingeworfene Skizzen, an verwaschene Radierungen, die eine Momentaufnahme der Wirklichkeit sein könnten, aber auch ein unkonzentrierter, jedoch nachhaltig wirkender Gedanke, ganz ähnlich den Illustrationen  des in Leipzig lebenden Malers Hartwig Ebersbach. Federman bewegt sich so in einem literarischen Zwischenreich von Verdrängung und Aufarbeitung, das für ihn das Überleben ermöglicht. Und dem Leser eine Unmenge offener erzählerischer Räume überlässt.
Jörg Konrad

Raymond Federman
„Der Pelz meiner Tante Rachel“
Faber & Faber
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Freitag 08.11.2019
Stephen King „Erhebung“
Eigentlich macht es Stephen King kaum unter 600 Seiten. Sein vorletzter (oder ist es der vor-vorletzte?) Roman „Erhebung“ hingegen ist nur ganze 144 Seiten - kurz. Der amerikanische Bestseller-Autor entwickelt in dieser „Länge“ natürlich ein vordergründig gespensterhaftes Szenario, wie es für die meisten seiner Geschichten so typisch ist. Scott Carey, die Hauptfigur, nimmt an Gewicht ab. Jeden Tag mindestens zwei oder mehr Kilo - ohne dass man es ihm äußerlich ansieht. Was andere Menschen vielleicht im ersten Moment als unvorstellbares Glück empfinden würden, wird für ihn im Laufe der Handlung zur existenziellen Bedrohung. Gemeinsam mit seinem alten Freund Bob, einem erfahrenen, aber mittlerweile pensionierten Arzt, versucht er, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Soweit die Rahmenhandlung der Story.
Zugleich entwickelt sich eine massive Konfrontation mit Deirdre und Missy, seinen lesbischen Nachbarinnen, die bald eine schwer abschätzbare Eigendynamik entwickelt und in ihrem Fortschreiten kaum mehr beherrschbar scheint. Doch Scott Carey will sich auf einen destruktiven Kleinkrieg nicht einlassen. Er sucht nach Möglichkeiten, diese für ihn schwer zu verstehende Auseinandersetzung zu schlichten und sich mit Deirdre und Missy zu versöhnen. Ob ihm dieses Bestreben auch gelingt?
Stephen King, ein glühender Kritiker Donald Trumps, legt mit „Erhebung“ ein hochpolitisches Buch vor, das natürlich auch all jene Ingredienzien beinhaltet, die für den Autor so charakteristisch sind. Zum Beispiel die grandiose Alltags-Beschreibung einer US-amerikanischen Kleinstadt und deren Bevölkerung. Allein dieses Kunststück gelingt Stephen King wieder einmal auf unnachahmlich faszinierende Weise. Fast greifbar beschreibt er die Intoleranz und den heute so typischen, kaum erklärbaren Hass, den Menschen auf alles Fremde, Andersartige projizieren. Jedes Gemeinschaftliche wird schonungslos ausgeblendet, die Feindseligkeit und der Neid bestimmen den Alltag.
In diesem Umfeld lässt King seinen gewichtsreduzierten Helden nach Auswegen suchen, nach Möglichkeiten der Verbesserung des mitmenschlichen Klimas. Aussöhnung statt Spaltung, Respekt statt Denunzierung, Toleranz statt hinterwäldlerischer Stumpfsinnigkeit bleiben bis zum Schluss seine Lebensmaxime.
Jörg Konrad

Stephen King
„Erhebung“
Heyne
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Autor: Siehe Artikel
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