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Inhaltsverzeichnis
Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"

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Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"

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KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen LandR...

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Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane

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Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"

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Sonntag 10.03.2019
Stewart O`Nan „Stadt der Geheimnisse“
Einige Bücher von Stewart O`Nan besitzen einen realen Hintergrund. Der amerikanische Autor baut die Inhalte und die Schicksale seiner Charaktere in die Kulissen historischen Geschehens. Am deutlichsten wird dies in „Der Zirkusbrand“ aus dem Jahr 2003. Hier hat O`Nan den verheerenden Brand eines Zirkus in seiner Heimatstadt Hartford im Jahr 1944 als präzise aufgearbeitete Reportage literarisch verarbeitet.
Stadt der Geheimnisse“, O`Nans neuster, 15. Roman, spielt im Jahr 1946 in Jerusalem, kurz bevor das King David Hotel von der radikal-zionistische Terrororganisation Irgun in die Luft gesprengt wird. Palästina stand damals, die Gründung Israels erfolgte erst im Mai 1948, unter britischem Mandat.
O`Nan erzählt eine Geschichte aus dem Widerstand. Im Zentrum des Geschehens steht Brand, ein aus Lettland stammender Taxifahrer, dessen Familie in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurde. Ihm selbst gelang die abenteuerliche Flucht ins gelobte Land, was in ihm, als einzig Überlebenden der Familie, starke Schuldgefühle auslöst. Aus dieser Gewissensqual heraus schließt er sich der Untergrundorganisation Irgun an und erledigt für sie immer wieder kleinere Auftragsarbeiten. Dabei lernt er die Prostituierte Eva kennen, die ebenfalls wie durch Wunder deutsche Konzentrationslager und den Naziterror überlebt hat.
O`Nan entwirft ein stimmungsvolles Bild Jerusalems. Einer Stadt, in der die Folgen des Krieges, die ungeklärten auch individuellen Existenzfragen, Besatzerwillkür und die Massen an illegalen jüdischen Einwanderern den Alltag bestimmen. Der Kampf um Unabhängigkeit wird von allen Seiten rücksichtslos geführt. Menschenleben zählen nur als Faustpfand.
Brand bewegt sich in diesem Labyrinth des persönlichen Misstrauens und der individuellen Gegensätze schwankend. Er, der in den zurückliegenden Jahren seines Lebens weder Sicherheit noch so etwas wie Fürsorge empfunden hat, wirkt hilflos und überfordert. Ihm wird im Laufe der Ereignisse klar, wie schwierig es ist, Recht auf der Grundlage von Ungesetzlichkeit und Verbrechen neu aufzubauen. Unter diesen Vorzeichen wird er kein Überzeugungstäter, sondern ein zeitlich begrenzter Mitläufer.
O`Nan stellt dem Roman einen Gedanken Menachem Begins, dem späteren Ministerpräsidenten und Außenminister Israels, voran: „Der Engel des Vergessens ist ein gesegnetes Wesen“. Ein Motto, das das bewusste Verdrängen als einen Weg zum Erfolg und zur rechtmäßigen Bestimmung weißt.
Hier werden Menschen beschrieben, die der Hölle noch immer nicht ganz entronnen sind. Entwurzelte auf der gewaltbereiten Suche nach ihrer schon in der Bibel bestimmten Heimat.
O`Nan hat diese Episode aus dem jüdischen Freiheitskampf dramaturgisch klar und übersichtlich aufgebaut. Er erzählt dieses Zwischenspiel aus Brands Leben in einem teilnahmslosen, leidenschaftsarmen, manchmal regelrecht lethargischen Ton, der den Traumata seiner bisherigen Vita geschuldet zu sein scheint. Ihm fehlt, nach all den Schrecknissen der Vergangenheit, die überzeugende Hoffnung, der überzeugte Blick in eine ungetrübte Zukunft. Auch wenn ihm die Liebe zu Eva immer wieder Flügel verleiht, bleibt er ein seelisch gebrochener Mensch.
Jörg Konrad

Stewart O`Nan
„Stadt der Geheimnisse“
Rowohlt
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Montag 25.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Theodor Fontane "Irrungen, Wirrungen"
Jubiläen wie Geburts- oder Todestage sind ja nur äußere Daten, aber sie können ein guter Anlass sein, sich an wichtige Künstler der Vergangenheit zu erinnern und ihr Werk wieder zu entdecken. Vor 200 Jahren, im Jahr 1819, wurde Theodor Fontane in Neuruppin geboren. In seinem langen Leben (er starb 1898) war er vielfältig und bis ins hohe Alter hinein literarisch tätig; als Lyriker, Journalist, Kritiker, Reiseschriftsteller und Romanautor machte er sich einen bedeutenden Namen. Er gilt als einer der Begründer des realistischen Gesellschaftsromans in deutscher Sprache.
In seinen Romanen erzählt Fontane von einer für uns lange vergangenen Welt: der Welt des preußischen Adels, des Militärs, der starren Ständeschranken. Und doch lesen sich seine Bücher auch heute noch erstaunlich unverbraucht und berührend. Durch ihre unideologische Offenheit, ihre feine psychologische Darstellungskunst, ihren kritischen Blick auf die Zeit und ihre starken Frauengestalten weisen sie weit in die Moderne hinaus.
Fontane will, wie er selbst sagt, „das wirkliche Leben“ einfangen. „Irrungen, Wirrungen“ lässt er im Berlin der späten 1870er Jahre spielen. Schon Zeitgenossen lobten die „täuschende Echtheit“ der Geschichte, die genauen Ortsschilderungen und Menschenbeobachtungen. Dabei ist der Roman äußerst kunstvoll komponiert. Die präzisen Details sind bewusst gesetzt und bewirken nicht nur Zeit- und Lokalkolorit, sondern werden oft zu Symbolen, die sich auf das Ganze des Romans beziehen. So beschreibt Fontane z.B. in den ersten Sätzen des Romans das Wohnhaus von Lene Nimptsch, der weiblichen Hauptfigur, und betont die „Kleinheit und Zurückgezogenheit“ des Hauses. Es liegt verborgen hinter der Kulisse eines großen Gärtnereigebäudes und ist doch „die recht eigentliche Hauptsache“, -  ebenso wie die einfache Büglerin Lene selbst die „Hauptsache“ des Romans ist, deren Wert und Bedeutung der großen Welt verborgen, von Botho (und dem Leser) erst entdeckt werden muss.
„Irrungen, Wirrungen“ erzählt eine Liebesgeschichte über Standesgrenzen hinweg; ein Thema, das Fontane immer wieder beschäftigt hat. Der junge Baron Botho von Rienäcker und die Arbeiterin Marlene Nimptsch lernen sich auf einer Kahnfahrt auf der Spree kennen und erleben einen glücklichen Sommer. Aber vor allem Lene kann und will sich selbst nichts weismachen: „Glaube mir, dass ich dich habe, das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen.“
Zum Höhe- und zugleich Wendepunkt ihrer Liebe wird ein Ausflug zu „Hankels Ablage“, einem damals beliebten Ausflugslokal. Nach einem sonnigen Tag und einer gemeinsam verbrachten Nacht treffen Regimentskameraden von Botho mit ihren Geliebten ein, Damen der Halbwelt. Diese Begegnung rückt Lenes Stellung gegenüber Botho in ein schiefes Licht. Botho folgt dem Drängen seiner Mutter und heiratet eine reiche Kusine, und Lene gibt einem wesentlich älteren „Fabrikmeister“ und Sektengründer ihr Jawort. Für beide gilt Lenes Prophezeiung: „Dann lebt man ohne Glück.“
Fontane mit seinem nie verurteilenden, oft aber fein ironischen Blick, ist ein Meister der Konversation. In unterschiedlichsten Situationen und Konstellationen lässt er die Figuren des Romans Gespräche führen, lässt sie in Briefen zu Wort kommen oder innere Monologe halten. Dabei trifft er genau den Ton. Das leichte, oft scheinbar harmlose Alltagsgeplauder der Menschen dient ihrer Charakterisierung und sozialen Verortung.
Der Offizier Botho von Rienäcker wird als liebenswerter, eher untypischer Vertreter seiner Klasse geschildert. Er steht dem preußischen Militarismus – ebenso wie Fontane – distanziert gegenüber. Er unterhält sich gern mit dem „einfachen Volk“ und liebt Lenes Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit. Die steht in scharfem Gegensatz zur Hohlheit und Phrasenhaftigkeit seiner Klasse und ihrer Kunst des „gefälligen Nichtssagens“. Doch Botho ist schwach, was er selbst weiß. Als er sich entscheiden muss zwischen einer Mesalliance mit Lene und der gesellschaftlich anerkannten Ehe mit seiner hübschen, aber „dalberigen“ Kusine, wählt er ein Leben in der hergebrachten Ordnung, doch ohne rechte Liebe. Lenes Sprache ist dagegen die Sprache des Herzens. „Die neue, bessere Welt fängt erst beim vierten Stand an“ heißt es einmal bei Fontane. Es ist ein sehr modernes Frauenbild, das Fontane in „Irrungen, Wirrungen“ entwirft. Botho nennt Lene eine „kleine Demokratin“. Sie ist eine junge Frau, die eigene Entscheidungen trifft, ohne kämpferisch zu sein, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdient, und die auch ohne Trauschein ihre Liebe lebt – für die Moral der damaligen Zeit natürlich ein Skandal. Beider Liebe scheitert an den starren Konventionen des preußischen Ständestaates.
Die Welt, die Fontane schildert, steht vor einer Wende. Drängende politische und gesellschaftliche Fragen stehen an: die Auflösung der alten Ständeordnung, der Aufstieg des Bürgertums, Demokratisierung und Frauenemanzipation. Den heraufziehenden Konflikt zwischen Alt und Neu hat Fontane erspürt. Er war kein Revolutionär, aber er wusste, dass sich seine Welt verändern würde und verändern musste. „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“, heißt es im „Stechlin“.
Lilly Munzinger, Gauting

Theodor Fontane
"Irrungen, Wirrungen"
Aufbau Verlag
Autor: Siehe Artikel
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Montag 11.02.2019
Maryam Madjidi "Du springst, ich falle"
Zahlreiche Bücher haben in den vergangenen Jahren versucht, die bewegenden Fragen über die Themen Flucht, Exil, Identität und Sprache in Worte und Bilder zu fassen. Das mit dem Prix Concourt du Premier Roman 2017 ausgezeichnete Debüt "Du springst, ich falle" von Maryam Madjidi ist ein ganz besonderes Buch.
1980 geboren, floh sie als 6-jährige mit ihren  Eltern aus dem Iran nach Paris, wo sie nach einigen Umwegen heute wieder lebt.
In drei großen Abschnitten erzählt sie – immer wieder mit Zeitsprüngen und Einschüben von Ereignissen – von ihrer Suche nach Identität.
Da ist zunächst das kleine Mädchen, das mitten in die Studentenrevolte 1980 in Teheran hineingeboren wird. Ihre Eltern erleben brutale Gewalt, der Bruder der Mutter kommt ins Gefängnis, ein anderer, geliebter Onkel wird im Gefängnis erschossen. Einzig die Geborgenheit bei der Großmutter, die für sie zeitlebens eine liebevolle und prägende Person bleiben wird, gibt dem kleinen Mädchen das Erleben von glücklicher Kindheit. Die Gerüche der Speisen, welche die Großmutter liebevoll zubereitet, ihre Stimme, die Geräusche des vertrauten Hauses, der Schutz dort vor dem Lärm der Welt ist die prägende Erinnerung, die sich in ihrem Buch wie ein roter Faden durchzieht.
Als die Eltern sich schließlich zur Flucht entscheiden, muss das Mädchen alle Spielsachen an die Nachbarskinder verschenken – ein traumatisches Erlebnis, dessen Hintergrund es nicht verstehen kann. Alles Erlebte versucht sie deshalb in kleine Geschichten zu packen, die sich zu ihrer ganz eigenen Fantasiewelt zusammenfügen, in die sie sich zurückziehen kann. All dies ist es, was Madjidi aus der Sicht des Kindes erzählt, daneben stehen kurze Berichte über die schockierenden politischen Geschehnisse, die zur Flucht der Familie führen.
In Paris angekommen, ekelt sich das kleine Mädchen vor der Fremdheit der primitiven Unterkunft und dem Geruch des ungewohnten Essens, die Niedergeschlagenheit der Eltern macht ihm Angst. Nur eine kleine Iranerin, die auch im Haus eingezogen ist, holt sie aus ihrer Verzweiflung, wird ihre fröhliche Freundin.
Als sie in der Schule Französisch lernt, gewinnt sie etwas Zugang zu ihrer neuen Umgebung, aber die Eltern, besonders der Vater, dringen darauf, dass sie auch weiter Persisch lernen soll. Nach und nach aber wird diese Muttersprache für sie der Inbegriff aller schlechten Ereignisse und Erinnerungen, Französisch jedoch öffnet ihr das Tor zum Leben in der neuen fremden Heimat und steht für eine Zukunft in Sicherheit. Aber damit beginnt auch die Entfremdung zum Vater, dessen Identität besonders durch seine Sprache Ausdruck findet. Mit Französisch kommt er schlecht zurecht, die Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat macht es ihm schwer, sich darauf einzulassen. Mit scheuer Distanz beschreibt die Tochter seine Hände, die sich im Exil immer mehr den Tätigkeiten anpassen, die er übernimmt, um überleben zu können.
Maryam wird eine gute Schülerin und schöne junge Frau, die mit einer gewissen Lust ihre exotische Ausstrahlung auf junge Männer ausspielt, die sie mit persischen Gedichten um den Finger wickelt. Gleichzeitig macht sie aber auch die bittere Erfahrung, dass sie für die einen Kommilitonen keine „echte“ Französin, für die anderen aber auch keine Iranerin mehr ist. Was zunächst ein reizvolles Spiel ist, wird zunehmend zur Identitätsfrage für sie selbst. Die Erinnerung an die geliebte Großmutter, die sie in stillen Momenten wie eine Erscheinung neben sich zu sehen glaubt,  ermahnt sie, die Suche nach sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit 23 reist sie nach Teheran. Überschwänglich empfangen von der Familie genießt sie ihre Zeit dort, beflügelt von den fernen Kindheitserinnerungen – und verliebt sich in einen Teheraner Abenteurer und Lebemann. Sie wünscht sich in Teheran zu bleiben, aber im Streit mit ihrer klugen Großmutter erkennt sie, dass das Leben im Iran weit von dem entfernt ist, was sie in Frankreich, besonders als Frau,  als Freiheit selbstverständlich erlebt und was die Eltern für sie errungen haben, als sie ihr eigenes Leben aufgaben und flohen.
Nach einigen Jahren in China und in der Türkei lebt sie nun wieder in Paris. In ihrer Studienarbeit in Vergleichender Sprachwissenschaft  in Paris über die persischen Dichter Khayyam und Hedayat versöhnen sich auch die beiden Sprachen, die sie geprägt haben.
Das besondere und berührende an Madjidis Geschichte ist, dass sie statt Zahlen und Debatten die Sinne erzählen lässt. Gerüche, Klänge, kindliche Fantasien werden zum Pfad durch das Exil des Mädchens. Das könnte natürlich auch ein schmaler Grad zum Gefühligen sein, aber genau das ist der Autorin wunderbar gelungen: zu berühren ohne rührselig zu werden.
Sehr fein und lesenswert!
Thyra Kraemer


Maryam Madjidi 
"Du springst, ich falle"
Blumenbar
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Sonntag 03.02.2019
KLASSIKER WIEDERENTDECKT: Ernest Hemingway „In einem anderen Land“
In einem anderen Land“ ist der dritte Roman, den Ernest Hemingway schrieb. Er wurde 1929 in New York veröffentlicht und erschien nur ein Jahr später bei Rowohlt in Berlin. Nun ist beim gleichen Verlag eine Neuübersetzung von Werner Schmitz erschienen, die dem Originaltext, bzw. der 2012 edierten amerikanischen Überarbeitung, gerecht wird und diesen Klassiker der Moderne abermals in den Fokus rückt.
Zusammen mit „Wem die Stunde schlägt“ (1940) gehört dieser Roman zu Hemingways beeindruckendsten Antikriegsbüchern und ist aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg entstanden. Der Autor war als Fahrer des Roten Kreuz in einer Sanitätsabteilung rekrutiert und beteiligte sich auf Seiten der Italiener am Kampf gegen Österreich-Ungarn in den sogenannten Pavis-Schlachten am Isonzo.
Hemingway erzählt die Geschichte des Sanitätsoffiziers Frederic Henry in der ersten Person. Die Sinnlosigkeit des Krieges spürend, betäubt er sich mit Alkohol und wird zum Dauerbesucher eines ortsansässigen Bordells. Er blüht aber regelrecht auf, als er die englische Krankenschwester Catherine Barkley kennenlernt, in die er sich sofort und unsterblich verliebt. Bei Kriegseinsätzen wird Frederic schwer verletzt und nach Mailand in ein dortiges Krankenhaus verlegt. Catherine lässt sich ebenfalls nach Mailand versetzen und bleibt so an seiner Seite. Als sie schwanger wird schmieden beide Zukunftspläne.
Frederic muss wieder an die Front, desertiert nach traumatischen Erlebnissen, wird als Fahnenflüchtiger gesucht und flieht mit Catherine in einem Ruderboot über den Lago Maggiore in die Schweiz, wo das geschehen tragisch endet.
Hemingway erzählt die Geschichte, die stark autobiographisch gefärbt ist, sehr detailreich.
In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises sagte er über zweieinhalb Jahrzehnte später: „Ich versuche immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Sieben Achtel davon liegen unter Wasser, nur ein Achtel ist sichtbar. Alles, was man eliminiert, macht den Eisberg nur noch stärker.“ Im vorliegenden Fall trifft diese Aussage über seine Arbeitsweise sicher nur bedingt zu. Denn der Text ist in seinen Einzelheiten sehr ausführlich geraten. Besonders die Dialoge besitzen eine erschöpfende Exaktheit, eine fast pedantische Ausführlichkeit.
Andererseits gelingt es Hemingway mit einfachen Stilmitteln eine unglaublich Spannung zu erzeugen, die im Laufe der Handlung kontinuierlich zunimmt und am Ende regelrecht quälend ist.
Daran zeigt sich, wie perfekt Hemingway die Dramaturgie des Erzählens beherrscht und gleichzeitig mit welch vehementer Disziplin er den Ablauf der Geschehnisse und die Entwicklung der Geschichte vorantreibt. Man glaubt kaum, das Hemingway den Text während des Entstehungsprozesses über vierzig Mal umgeschrieben hat. Er war sich unsicher, ob das Buch nun Hoffnung oder Pessimismus vermitteln sollte. Letztlich entschied er sich für den Mittelweg: Trotz aller Tragik für die Melancholie.
Hemingways Anliegen, den Krieg in seiner ganzen Entmenschlichung darzustellen, bzw. den Ausweg dieses sinnlosen Tuns durch die Liebe zu neutralisieren, gelingt ihm ohne Larmoyanz und Pathos. Dieser Roman hat auch nach neunzig Jahren nichts von seiner Wirkung, aber auch nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Das spricht für die Größe und das Können des Autors – aber leider auch gegen die Vernunft der Menschheit.
Jörg Konrad

Ernest Hemingway
„In einem anderen Land“
Rowohlt
Autor: Siehe Artikel
Montag 28.01.2019
Hörspiele: Max Frisch & Theodor Fontane
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Theodor Fontane und Max Frisch – sehr viel gemeinsames haben beide Autoren nicht, sieht man einmal von ihrer jeweils ausgeübten journalistischen Tätigkeit ab. Deshalb soll an dieser Stelle die fiktionale Suche nach individuellen Verbindungen zwischen ihnen nicht zu sehr strapaziert werden.
2018 sind von ihnen jedoch alte als auch neue Hörspiele wiederveröffentlicht bzw. frisch produziert wurden, die wir an dieser Stelle empfehlen möchten.

Von Theodor Fontane (1819 – 1898) ist im Audio-Verlag anlässlich seines 200. Geburtstages im Dezember 2019 eine Box mit insgesamt acht Hörspielen erschienen. Natürlich hat man sich bei deren Auswahl für die bekanntesten Romane und Erzählungen des Mecklenburgers entschieden: Schach von Wuthenow - Unterm Birnbaum – Cécile - Irrungen, Wirrungen – Unwiederbringlich - Frau Jenny Treibel - Effi Briest - Mathilde Möhring.
Der gelernte Apotheker Fontane gehört zu den wichtigsten deutschen Romanciers und Vertretern des literarischen Realismus. Bevor er sich als freier Autor ganz der Schriftstellerei widmete, war er als Politiker, Theaterkritiker und Kriegsberichterstatter erfolgreich. Spät erst begann er seine berühmten Romane zu schreiben, in deren Zentrum, für damalige Verhältnisse selten, oft außergewöhnliche Frauen standen.
Fontane war in Lage, in seiner schriftstellerischen Tätigkeit die Realität auf ebenso intelligente wie kenntnisreiche Weise abzubilden (ein Großteil seiner Romane beruht auf tatsächlichen Geschehnissen), sie mit leichter Ironie anzureichern und auf diese Art unvergessliche literarische Figuren zu schaffen. Auch wenn die Lebensgeschichten der handelnden Personen nicht immer positiv ausgehen, so ist doch eindeutig zu spüren, wem Fontanes Sympathien gehören. Denn die in seiner Zeit so hoch stehenden Begriffe wie Ehre und Moral brechen in Belastungssituationen und in Momenten, in denen es darum geht Haltung zu zeigen, wie morsches Holz auseinander. Das lag auch daran, dass Fontane keine Berührungsängste gegenüber den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten hatte. Er hatte Kontakt zu Menschen auf dem Lande (Mark Brandenburg), als auch zu jenen in der Großstadt (Berlin). Und er verstand ihre Sorgen und Nöte, nicht zuletzt aufgrund seiner Arbeit bei der  Neuen Preußischen Zeitung und der Vossischen Zeitung und dem dort zu verrichtenden journalistischen Tagesgeschäft.
Die Dramaturgie in der Umsetzung der einzelnen Vorgaben ist zwar unterschiedlich – jedoch ziehen sich die sparsamen Inszenierungen wie ein roter Faden durch sämtliche Produktionen. Denn egal ob von Radio Stuttgart (dem heutigen SWR) in Auftrag gegeben, vom SFB (heute rbb), dem BR oder der Deutschen Welle – Fontanes Text ist, trotz mancher Kürzung, das Maß der Dinge. Wenig überflüssige Geräusche oder in Szene gesetzte Tonfarben unterstützen die Handlung.
Es ist zugleich ein Wiederhören mit bekannten Stimmen wie Gert Westphal („Unwiederbringlich“), Ruth Leuwerik und Klaus Maria Brandauer („Cécile“) oder Carl Raddatz („Schach von Wuthenow“). Diese akustische Reise in die Vergangenheit hat bis heute nichts von ihrem Reiz eingebüßt.

Max Frisch (1911 – 1991) gehört in den Kreis deutschsprachiger Intellektueller, dessen Romane, Dramen und Erzählungen ebenso zum Literatur-Kanon gehören, wie seine Tagebücher und Briefe. Nach dem Studium gründete er, wie schon sein Vater, ein Architekturbüro, das er 1955 zugunsten der Arbeit als freier Autor wieder aufgab.
In seinen Texten beschäftigte sich Frisch überwiegend mit der Identität, mit Selbstfindung und Sinnsuche. Auch sein 1957 erschienener Roman „Homo Faber. Ein Bericht“ hat dieses (autobiographische) Kernthema zum Inhalt. Walter Faber, Hauptfigur und Architekt, muss sich als rational denkender, vorausplanender und einem eigenen, strikten Ordnungsprinzip folgender Mensch mit Zufällen, Risiken und Schicksalen auseinandersetzen, die plötzlich in sein Leben einbrechen und dieses massiv beeinflussen. Eine spannende und fesselnde Auseinandersetzung, zwischen griechischer Mythologie und Realität.
Heinz Sommer hat Frischs Vorlage bearbeitet und Leonhard Koppelmann diese Produktion für den Hessischen Rundfunk mit Sprechern wie Matthias Brandt, Eva Mattes, Ueli Jäggi oder Paula Beerin in (akustische) Szene gesetzt. Die Lebendigkeit und atmosphärische Emotionalität des Stückes wird durch das Einbeziehen der Big Band des Hessischen Rundfunks hergestellt.
In dieser Form ist „Homo Faber“ eine erfrischende Alternative zur Schullektüre. Wer den Roman, der zu Frischs bedeutendsten gehört, in dieser Zeit gelesen hat, wird das Buch hier mit Sicherheit neu entdecken.
Jörg Konrad

Theodor Fontane
„Die große Hörspieledition“
Der Audio Verlag, Berlin 2018
12 CDs, Laufzeit ca, 13 Std. 53 Min.

Max Frisch
„Homo Faber“
der Hörverlag, 2018
6 CDs, Laufzeit: 7h 11 min
Autor: Siehe Artikel
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Freitag 18.01.2019
Ulinka Rublack "Der Astronom und die Hexe"
Eines muss man schon vorab konstatieren: Um das Leben des wohl größten deutschen Astronomen des Mittelalters aufzuarbeiten, bedarf es einer ebenso ungemein aufwendigen wie weitreichenden Recherche in den zur Verfügung stehenden Staatsarchiven. Gleichzeitig darf aber der interessierte Leser von der ungeheuren Anzahl der Fakten und Hintergründe nicht erschlagen werden, sondern sollte von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt sein, von der Beschreibung der außerordentlichen Daseinsumstände, die das Wirken eines noch heute so angesehenen Wissenschaftlers in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges entscheidend geprägt haben. In diesem Fall kann man es unumwunden zugeben: Der Autorin Ulinka Rublack ist dies mit dem vorliegenden Buch “Der Astronom und die Hexe“ ausgezeichnet gelungen. Darüber hinaus hat sie aber noch mehr erreicht: Sie zeichnet einerseits das Bild einer Witwe, die, obwohl als Alleinerziehende schon mit genug Problemen des täglichen Überlebens konfrontiert, durch Neid, Missgunst und Eifersucht soweit in eine lebensbedrohliche Enge getrieben wird, dass man noch heute vor ihrer Standhaftigkeit und ihrem ungebrochenen Willen den Hut ziehen muss. Andererseits lernen wir mit Kepler einen Menschen kennen, der seine wissenschaftliche Arbeit und Karriere unterbrechen muss, um seine Mutter vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Aber der Reihe nach. Die Autorin berichtet zunächst von der Normalität des damaligen Lebens. Keplers Mutter Katharina, aus gutem Hause stammend, wird verheiratet, bekommt viele Kinder, verliert davon einige schon im frühsten Kindesalter, was dem eher medizinischen Unwissen jener Epoche geschuldet ist. Auch der Erstgeborene, der auf den Namen Johannes getauft wird, ist eher kränklich und wird durch eine frühkindliche Pockenerkrankung für immer gezeichnet sein. Doch der Sohn hat den Kampfgeist seiner Mutter geerbt. Er genießt eine sehr gute Ausbildung und bekommt schon im frühen Mannesalter eine Anstellung als Mathematiklehrer, wird 1600 Assistent Tycho Brahes  in Prag und dort später als dessen Nachfolger sogar kaiserlicher Hofastronom Rudolf II

So ist er schon bald ein geachteter Mann und trotz eines durch die Pocken bedingten Augenleidens ein hervorragender Beobachter, dem bei der Entdeckung der Supernova von 1604 allerdings das Fernrohr noch nicht zur Verfügung stand. Es wurde erst fünf Jahre später entwickelt und ließ ihn so einen unbewussten Fehler begehen, in dem er den Tod eines Stern als Geburt deutete. Trotzdem hatte ihn seine Schrift „De stella nova“ nun auch weithin bekannt gemacht. Kepler ist gewissermaßen auf dem Höhepunkt seines Ruhms und seiner Karriere, als ihn aus der württembergischen Heimat schlechte Nachrichten erreichen. Die für die damaligen Verhältnisse und Lebenserwartungen schon hochbetagte Mutter Katharina ist verhaftet worden und soll wegen angeblicher Hexerei unter Folter peinlich befragt werden.

Keplers Aufgabe ist von nun an die Verteidigung seiner Mutter. Der Betrachter kann aus heutiger Sicht über die Umstände, die zur Anklage führten, nur ungläubig den Kopf schütteln: Witwe sein und sich durch Kräuterheilungen ein Zubrot zu verdienen, war höchst gefährlich. Und so sind es die lieben Nachbarn, die sich plötzlich und ständig unwohl fühlen, denen ein Kalb oder Schwein stirbt oder ein anderes Gebrechen widerfährt. Sie schwärzen Katharina Kepler als Hexe an und bringen sie so in den Kerker. Kepler weiß allerdings sehr gut, dass ein unter Folter – einem damals üblichen Mittel der Rechtsfindung -  abnorme Geständnisse erpresst werden und die Opfer den qualvollem Tod auf dem Scheiterhaufen erleiden.
Es kommt also auf schnelles Handeln an. Zunächst aber muss sich der Astronom um die Finanzen kümmern, denn – für uns unvorstellbar – die Kosten der Haft obliegen dem Beschuldigten und seiner Familie. Dann aber zeigt sich, dass Kepler, der während seiner langjährigen Beobachtungstätigkeit gelernt hatte, extreme Genauigkeit an den Tag zu legen, von diesen Eigenschaften auch als Verteidiger seiner Mutter profitiert. Präzise seziert er die Aussagen der angeblichen Zeugen, widerlegt so die Akten der Anklagen und lässt den Ankläger selbst – heute wäre dies der Staatsanwalt – ziemlich alt aussehen. Nach eingehendem Studium der Beweislage haben die Tübinger Rechtsprofessoren allerdings noch eine letzte Probe für die Keplerin parat. Beim Anblick des Scharfrichters und einem angedrohten Verhör durch diesen, soll sie sich zu ihrer angeblichen Schuld äußern. Ungebrochen tritt die mittlerweile 75 jährige Witwe dem schnell herbeigerufenen Henker entgegen und beteuert eindringlich ihre Unschuld. So widersteht sie dem Scheintribunal und ist nun endgültig frei.

Aber es ist kein endgültiger Sieg für Kepler. Schadensersatzklagen und andere finanzielle Unwegbarkeiten gilt es zu überwinden, bevor sich der Wissenschaftler wieder an die Arbeit machen kann, um sein größtes Werk, die sogenannten „Rudolfinischen Tafeln“, endlich abzuschließen und in Druck zu geben.
Keplers Mutter hingegen haben die 14 Monate in Eisenketten zwar nicht die Überzeugung von der Unschuld nehmen können, doch ihre Gesundheit war ruiniert. Sie stirbt nach nur sechs Monaten in Freiheit.
Am Ende steht selbst der erfahrene Astronom nach dieser Mammutaufgabe nicht ungebrochen da. Sein körperlicher Zustand ist durch die Rastlosigkeit und Intensität seins Tuns angegriffen. So übernimmt sich Kepler mit einem winterlichen Ritt zu seinem neuen Arbeitgeber Graf Wallenstein nach Regensburg. Kaum angekommen, bekommt er hohes Fieber und stirbt im November1630 mit gerade einmal 59 Jahren. Damit hat er seine Mutter nur um acht Jahre überlebt.

Der Autorin gelingt es wie einst auch dem Astronomen durch eine minutiöse Aufarbeitung der Fakten die höchstgefährliche Situation hautnah miterlebbar und nachvollziehbar zu machen. So können wir uns noch heute detailgetreu in den Kampf um seine Mutter versetzen lassen. So ist die Verlagsankündigung eines „historischen Familiendramas zwischen Hexenverfolgung und moderner Wissenschaft“ keine hohle Phrase.
Darüber hinaus räumt sie aber mit einem auch bei den Astronomen weithin verbreiteten Irrglauben auf: Keplers Tante, die angeblich auf dem Scheiterhaufen endete und so ihre Schwester entscheidend in Gefahr brachte, hat nie existiert.

So ist das abschließende Zitat der Autorin,  „ ich habe dieses Buch nicht nur geschrieben, um ein besseres Verständnis von Individuen, sondern von Familien, einer Gemeinde und einem ganzen Zeitalter zu gewinnen.“, Leitmotiv und Programm des Buches zugleich.
Klaus Huch

Ulinka Rublack
"Der Astronom und die Hexe - Johannes Kepler und seine Zeit"
Klett-Cotta
Autor: Siehe Artikel
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