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1. Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
2. „Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“...
3. Abbas Khider „Palast der Miserablen“
4. Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
5. Andreas Guski „Dostojewskij“
6. Monique Truong „Sweetest Fruits“
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Dienstag 15.09.2020
Anna Katharina Hahn „Aus und davon“
Schon mit den ersten Sätzen ihres neuen Romans „Aus und davon“ springt Anna Katharina Hahn mitten hinein ins Familienchaos. „Der Pfannkuchen klebt an der Decke, gleich neben der Hängelampe, die einen gelben Lichtkreis auf den Küchentisch wirft. Elisabeth ist viel zu verblüfft, um sich aufzuregen.“ Elisabeth, eine Stuttgarter Reisekauffrau im Ruhestand, kümmert sich um ihre beiden Enkelkinder, die pubertierende Stella und den dicken Bruno, während sich ihre Tochter Cornelia eine kurze Auszeit in den USA gönnt. Bruno hat den Pfannkuchen aus Verzweiflung und Trotz an die Decke geworfen. Ohne seine Mutter will er nicht essen.
In Anna Katharina Hahns fabelhaftem, vielschichtigen Familienroman geht es um gestörte Beziehungen und um die Bande, die eine Familie trotz allem zusammen  halten. Mit geschickten Perspektivwechseln und auf unterschiedlichen Zeitebenen lässt Hahn die Großmutter, die Tochter, den Enkel und eine Stoffpuppe sprechen.
Anna Katharina Hahn ist eine Meisterin der Milieuschilderung. Sie beobachtet so genau und erzählt so lebendig und mit Humor, dass man beim Lesen ganz nah dran ist am Alltag einer Stuttgarter Mittelstandsfamilie, in der die Väter fehlen und die Frauen das Leben allein bewältigen müssen. Es gibt in diesem Roman etliche Personen, vor allem Männer, die aus ihren gewohnten Bindungen ausgebrochen und davon gegangen sind. Im Mittelpunkt stehen die Frauen der Familie; Frauen, die bei aller Überforderung Stärke entfalten.
Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, die in unserer westlichen Welt als ein so hohes Gut gilt, entwickelt Fliehkräfte, die Familien auseinander treiben. Cornelias Mann hat Frau und Kinder verlassen. Sie selbst erholt sich in Amerika von ihrem anstrengenden Leben als berufstätige, alleinerziehende Mutter. Und ihr Vater, Elisabeths charmanter Mann Hinz, ist aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und erlebt nach einem Schlaganfall eine Verjüngungskur durch eine neue Liebe. Die spröde Elisabeth bleibt fassungslos zurück und bemüht sich, mit dem unordentlichen Ökohaushalt ihrer Tochter und mit ihren schwierigen Enkelkindern fertig zu werden.
Elisabeths erste Reaktion ist, Gott um Hilfe zu bitten. In ihrer Figur lässt Hahn den schwäbischen Pietismus lebendig werden, ein zwiespältiges Erbe. Die Autorin betont die Freudlosigkeit und Enge des Pietismus, durch den Elisabeth trotz all ihrer Befreiungsversuche geprägt ist, aber auch den Halt, den er ihr geben kann.Ihre Tochter Cornelia spürt auf andere Weise den Wurzeln der Familie nach. In den USA forscht sie nach der Geschichte ihrer Großmutter Gertrud.
In „Aus und davon“ spannt Anna Katharina Hahn einen weiten zeitlichen Bogen, von der Gegenwart zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert, bis zur schwäbischen Auswanderungsbewegung während der Inflation. Sie variiert das Thema „Aus und davon“ immer wieder neu. Auch Gertrud hat in den 20er-.Jahren ihre Familie verlassen. Doch es war pure Not, die sie vertrieben hat. Sie musste als Dienstmädchen bei reichen Verwandten in Amerika ihren Lebensunterhalt verdienen.
Anna Katharina Hahn arbeitet in ihrem Buch gekonnt mit Symbolen und Leitmotiven. Ein Hauptthema ist das Essen, ein Motiv, das sich in vielfältigen Variationen durch das Buch zieht. Das Spektrum reicht vom Hunger der Menschen nach dem Ersten Weltkrieg über die Mahlzeit, mit der Cornelia und ihr amerikanischer Freund ihre gemeinsame Nacht feiern, bis zur Fettleibigkeit Brunos, für den Essen eine Kompensation seines Hungers nach Liebe ist.
Die Autorin versteht es, mit großer Symbolkraft und psychologischer Tiefenschärfe ihre Protagonisten zu charakterisieren und Situationen lebensnah zu gestalten. Gleichzeitig existiert unterhalb der Alltagswelt eine andere Ebene, eine geheimnisvolle, magische Welt, in der Stoffpuppen Gefühle haben und Tiere den Menschen helfen.
Dabei schöpft Hahn aus einem reichen literarischen Fundus. Es gibt im Buch zahlreiche Zitate aus der Bibel und aus Gebeten, Anspielungen auf Lieblingsbücher und vor allem auf Märchen von den Gebrüdern Grimm, von Mörike, von Wilhelm Hauff... Wie im Märchen spielen Tiere im Roman eine ganz zentrale Rolle; Vögel, Hunde, Katzen und ein Pfau. Großvater Hinz hat in seinem Haus Tauben gezüchtet,  Tauben sind Symbole für Frieden und Liebe, und die liebevolle Hinwendung zu Tieren ist eine Konstante, die in Hahns Geschichte Schutz und Rettung vor dem Chaos menschlicher Beziehungen bedeuten kann. So gibt es tröstliche Momente im Roman. Als Bruno vor den Quälereien seiner Klassenkameraden flieht, begegnet er einer verwahrlosten Katze. Er gewinnt ihr Vertrauen, indem er ihr seinen Schatz, eine heimlich entwendete Wurst schenkt. Die Katze folgt ihm nach Hause. Plötzlich ist er nicht mehr der unglückliche fette Junge, der nur sich selbst füttert.
Wie heißt es in dem alten Spruch, der Elisabeth mal wieder ganz automatisch über die Lippen kommt: „Kein Tierlein ist auf Erden, dir, lieber Gott zu klein. Du ließest alle werden, und alle sind sie dein.“
Lilly Munzinger, Gauting

Anna Katharina Hahn
„Aus und davon“
Suhrkamp
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Dienstag 18.08.2020
„Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“ Nacherzählt von Gottfried August Bürger
Es handelt sich bei der „artifiziellen Störung“ „ … um eine schwere psychische Störung, bei der die Patienten körperliche Erkrankungen vortäuschen oder absichtlich hervorrufen. Dazu gehören zwanghaft selbstschädigendes Verhalten, das Erfinden spektakulärer Krankengeschichten und ständige Ärztewechsel.“ Zu deutsch: Das Münchhausen Syndrom. Es gibt wohl kaum ein anderes (offizielles) Leiden, welches nach der titelgebenden Figur eines literarischen Werkes benannt wurde. Bezeichnet nach Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen, umgangssprachlich auch der „Lügenbaron“ genannt.
Viele haben beim Nennen dieser Person auch Hans Albers vor Augen, der, auf einer Kanonenkugel sitzend und freundlich grüßend, (unfreiwillig) in den Palast des türkischen Sultans fliegt. Oder den unvergessenen Wolfgang Neuss aus der Kabarettsatire „Genosse Münchhausen“, beim beackern der deutsch-deutschen Demarkationslinie. Der Name hat aber auch Einzug gehalten in die Philosophie (Münchhausen-Trilemma), oder in die Mathematik (Münchhausener Zahl).
Grundlage für all diese Verweise sind jedoch die von Gottfried August Bürger nacherzählten Chroniken: „Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“.
Vor einigen Wochen ist nun in der Büchergilde Gutenberg eine neue Ausgabe dieses Klassikers erschienen. Illustriert mit den wunderbaren Holzstichen von Gustave Doré und einem Nachwort von Rainald Grebe.
Die reale Figur des Baron Münchhausen wurde am 11. Mai 1720 im niedersächsischen Bodenwerder geboren. Ein Landadliger, der aufgrund seiner familiären Verbindungen bis hin zum russischen Zarenhof nach St. Petersburg und nach Lettland, dem damaligen Livland, weite Reisen unternahm. Die Erlebnisse dieser oft beschwerlichen Kutschfahrten oder zu Pferde erzählte er „leicht flunkernd“ weiter. Abenteuer, die von Mund zu Mund gingen, dabei immer ein wenig verändert wurden und die letztendlich Gottfried August Bürger, ein namhaften Dichter jener Jahre, niederschrieb.
Eine Besonderheit der hier vorliegenden, sehr edlen Leinenedition sind die Illustrationen des französischen Malers und Grafikers Doré. Er, der schon Werke von Miguel de Cervantes, Edgar Allan Poes und vor allem natürlich Dante Alighieri „Göttliche Komödie“ mit seinen Stichen einzigartig bebilderte, findet auch in dem vorliegende  Reiseabenteuer genau jene Ausgangsobjekte, die seine Fantasie beflügelten und inspirierend anregten. Doré war Autodidakt, lebte in London und unterhielt ein Atelier mit vierzig Mitarbeitern. Diese setzten seine Ideen um und waren in der Lage, bei aller gebotenen Qualität ein gewaltiges Arbeitspensum vorzulegen. Da Dorés Werke als Aquarellist, Zeichner, Maler und Bildhauer bei der Bevölkerung großen Anklang fanden, verkaufte seine Werke nicht nur in Europa, sondern auch nach Nord- und Südmarika und galt schon damals als „ … einer der großen Vermittler der europäischen Kultur ...“. Seine Arbeiten hängen in den großen Museen dieser Welt – begeistern aber in besonderen Maße im Zusammenhang mit literarischen Werken.
Der vorliegenden Buch-Ausgabe ist ein zweiseitig bedruckter Bilderbogen mit Arbeiten Gustave Dorés im Schuber beigelegt, der diese Edition aus dem Reigen von Münchhausen-Veröffentlichungen der letzuten Jahrzehnte zusätzlich heraushebt.
Jörg Konrad

„Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer“
Nacherzählt von Gottfried August Bürger
Mit Holzstichen von Gustav Doré
Büchergilde Gutenberg
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Mittwoch 29.07.2020
Abbas Khider „Palast der Miserablen“
Bagdad im Jahr 2003. Ein junger Mann sitzt in einer Gefängniszelle, krank, halb verhungert, ohne Hoffnung. Sein Wärter ist eingeschlafen. Soll er versuchen, zu fliehen? Doch, falls es ihm gelänge, wer würde ihn verstecken? Keiner. „Alle haben Angst in diesem Land der unterirdischen Kerker.“
Mit dieser Szene beginnt das Buch „Palast der Miserablen“ von Abbas Khider, in dem er das Leben des jungen Shams im Irak der 1990er Jahre aus der Ich-Perspektive schildert, einem Land, das von Kriegen und der brutalen Diktatur Saddam Husseins schwer gezeichnet ist. Von Anfang an wird klar, wo alle Versuche von Shams, ein normales Leben zu führen, enden werden: im Kerker. Khider springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, der Gegenwart in der Zelle und dem Rückblick auf Shams' Leben. Wie durch eine Klammer wird seine Geschichte erbarmungslos durch das erste und das letzte Kapitel des Buches, eine Kerker- und eine Verhörszene, eingerahmt. Und auch in die laufende Erzählung sind immer wieder kurze Berichte aus seinem Gefängnisalltag eingeschoben. Es gibt kein Entrinnen.
Shams wird im Süden des Landes geboren. Nach dem ersten Irakkrieg brechen dort Aufstände aus. Aus Angst vor Saddams Rachefeldzug beschließt der Vater, mit Frau und Kindern nach Bagdad zu fliehen in der Hoffnung auf ein besseres, friedlicheres Leben. Doch sie landen im Blechviertel, einem Slum am Rande eines Müllberges. Ihr Haus bauen sie sich – wie alle hier – aus dem Material, das sie im Müll finden.
In einer schnörkellosen Sprache erzählt Khider detailgenau vom Alltag des jungen Shams und seiner Familie in der Zeit zwischen den Golfkriegen, der Zeit des Embargos durch den Westen. Es sind einfache Menschen, die mit all ihrer Vitalität ums Überleben kämpfen. Mit großem Erfindungsreichtum erproben sie immer wieder neue Möglichkeiten, um zu ein wenig Geld zu kommen. Der Vater handelt mit reparierten Gegenständen vom Schrottplatz, die Mutter entdeckt ihre Fähigkeiten als Wahrsagerin, und die Kinder verkaufen Plastiktüten, Wasser und Nüsse. Allmählich scheint die Familie Fuß zu fassen. Doch immer wieder gibt es Rückschläge. Das Leben bleibt von Armut, Angst und Gewalt geprägt. Kriege, Hunger und politische Säuberungen haben das Land ins Elend gestürzt. Saddam hat ein Schreckensregime errichtet. Überall lauern Spitzel. Saddams Soldaten prügeln, foltern und töten ihre eigenen Landsleute.
Abbas Khider hat in seinen Büchern seine Vergangenheit verarbeitet. 1973 wurde er in Bagdad geboren und schloss sich als junger Mann dem Widerstand gegen Saddam Hussein an. Er wurde verhaftet und misshandelt. Nach seiner Freilassung konnte er aus dem Irak fliehen. Seit dem Jahr 2000 lebt er in Deutschland. Er schreibt in deutscher Sprache und gilt heute als eine der bedeutendsten Stimmen der irakischen Exilliteratur. Das Hauptthema seiner Bücher ist die Zerstörung der Menschen durch Diktatur und Krieg. Khiders Kunst ist es, persönliche Schicksale hinter den nüchternen Zahlen und anonymen Berichten aus Unruheherden im Nahen Osten nachvollziehbar zu machen. Seine Schilderungen gelten exemplarisch für alle Länder, in denen Menschen durch die politischen Verhältnisse zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen werden.
Auch in dem Roman „Palast der Miserablen“ findet sich viel Autobiographisches. Ebenso wie Khider selbst, der in Bagdad Mitglied einiger literarischer Zirkel war, findet sein Protagonist Shams Anschluss an eine Gruppe von Intellektuellen. Jeden Freitag treffen sie sich. „Das also waren wir. Acht Literaturbegeisterte in der Wohnung eines Blinden. Der Palast der Miserablen.“ Khider beschreibt, welches Glück und welche Befreiung Literatur für den Einzelnen bedeuten kann. Shams eröffnet sich eine Welt jenseits aller Härten seines Alltags. „Es war, als wären wir mit Hilfe irgendeiner Zauberformel in eine Traumwelt getreten, die nichts mit Bagdad zu tun hatte. Wir entfernten uns aus unserer Gegenwart und wurden zu neuen Menschen...“  Die Beschäftigung mit Büchern bedeutet aber nicht nur Flucht aus der bedrückenden Gegenwart. Sie fördert Sensibilität und selbständiges Denken und kann in einer Diktatur ein Akt des Widerstands sein. Shams' Freunde sind freie Geister, die sich im Palast der Miserablen kritisch über Saddams Terrorregime austauschen. Daher sind sie verdächtig, werden überwacht und bespitzelt.
Als Shams aus purer Not Schriften einer verbotenen islamistischen Gruppierung verkauft, wird er verraten und verhaftet. Sein Verhör durch einen hohen irakischen Militär, in dem sich geheuchelte Freundlichkeit, Drohungen und Gewalt abwechseln, gehören zu den beeindruckendsten und beklemmendsten Kapiteln des Romans. Man spürt, dass der Autor diese Szene aus eigenem Erleben heraus so hautnah schildern kann. Abbas Khider hat ein hartes, beeindruckendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting
 
Abbas Khider
„Palast der Miserablen“
Hanser
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Dienstag 23.06.2020
Ottessa Moshfegh „Heimweh nach einer anderen Welt“
Was tun, wenn die eigene Frau nach dreißig Ehejahren neben ihrem Mann auf dem Sofa sitzend verstirbt – und er merkt es nicht? Was soll man von einer Englischlehrerin halten, die es an einen runtergekommenen, düsteren Ort zieht, um dort ihre Drogen-Sehnsucht auszuleben? Oder von einem Mann, der das letzte Wochenende, bevor sein erstes Kind geboren wird („ … und mein Leben, so wie ich es bisher kannte, auf immer ruinieren würde ….“), sich allein auf eine Hütte zurückzieht, um seiner (hochschwangeren) Frau etwas heimzuzahlen? Die jeweiligen Handlungsorte in dem Erzählungsband „Heimweh nach einer anderen Welt“ scheinen jedes Mal die von der Sonne abgewandte Seite des Lebens zu sein.
Ottessa Moshfegh schreibt auch in ihrem vierten ins deutsche übersetzte Buch schonungslos direkt. Ihre  Sprache ist hart, ökonomisch, ihre Gedanken kompromisslos intelligent, voll schockierender Überraschungen. Sie erzählt über ihre Figuren, trotz aller Ambivalenz, mit einer gewissen Empathie. Alltagshelden im herkömmlichen Sinn sind sie aber alle nicht.
Mal schreibt Ottessa Moshfegh dabei aus dem Blickwinkel eines Mittvierziger, der in die Frau der Videospielhalle verliebt ist, dann aus dem einer achtundzwanzigjährigen Ersatzgeschäftsführerin, die sich gern vor Männern auszieht. Die Ich-Erzählerin ist in „Ein besserer Ort“ eine Zwillingsschwester, die unbedingt Jarek Jaskolkas umbringen will und in „Hier passiert nie was“ ein „Pierce Brosnan-Typ“, der in Hollywood um jeden Preis Karriere machen möchte. Perspektivwechsel auf allen Ebenen und am laufenden Band.
Zugegeben, die Figuren, die „Heimweh nach einer anderen Welt“ bevölkern, sind durchweg gewöhnungsbedürftig, um nicht zu sagen verstörend. Vom Leben geschundene Kreaturen, die nach außen mit aller erdenklichen Mühe versuchen, wenig aufzufallen. Doch hinter der Fassade - Zerrüttung und Verfall. Destruktion und Schmerz. Es sind die Opfer von Entsozialisierungen, Menschen, die vielleicht nie eine wirkliche Chance auf die sehnsüchtige Balance in ihrem Leben hatten.
Wobei die Autorin selten versucht, die Hintergründe des „Andersseins“ ihrer „Helden“ in Erfahrung zu bringen und das Ergebnis dieser Analyse mit dem Leser zu teilen. All diese kurzen biographischen Einblicke sind Momentaufnahmen in eine aus dem Lot geratene Gesellschaft, literarisch faszinierende Blitzlichtgewitter in schwarz-weiß.
Und oft lesen sich die Short Stories so, als seien all diese Miss Mooneys, Terris, Jebs und Johns über das Stadium hinaus, in dem sie für sich und ihr Leben noch auf irgend etwas hoffen würden. Sie alle nehmen ihr Schicksal mehr oder weniger emotionsarm an, wundern sich nur selten über die abstrusen Geschehnisse in ihrem jeweiligen Alltag, scheinen nicht einmal mehr in der Lage, auf ihr Schicksal traumatisch zu reagieren. Weil ihr Leben selbst ein Trauma ist. Wir Leser können es nur vermuten.
Die 1981 in Boston, Massachusetts geborene Autorin macht es ihren Lesern selten leicht. Aber das kennen wir schon aus ihren Romanen „Eileen“, „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ und vor allem aus „McGlue“, dieser düsteren wie wuchtigen Seemannsklamotte. Auch hier sind ihre Illusionen keine Traumbilder, deren Erfüllung man sich wünscht.
Jörg Konrad


Ottessa Moshfegh
„Heimweh nach einer anderen Welt“
Liebeskind
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Montag 15.06.2020
Andreas Guski „Dostojewskij“
„Dostojewski hat uns das Leben gezeigt. Das ist wahr. Aber sein Ziel bestand darin, unsere Aufmerksamkeit auf das Rätsel des geistigen Seins zu richten“, sagte einst Albert Einstein über den russischen Großautor.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski ist ein Monolith im Reich der Literatur, wirkt unantastbar, respekteinflößend, wird als Klassiker verehrt. Aber steckt denn hinter diesem Namen auch ein Mensch, der den Alltag in all seinen Schattierungen, seinen wie scheinbaren Kleinlichkeiten und entbehrenden Herausforderungen bezwingen musste? Musste er zu Lebzeiten persönliche Niederlagen verarbeiten, und wie stark war sein Kampf um gesellschaftliche Anerkennung?
Der Sohn eines Armenarztes, 1821 in Moskau geboren, durchlebte in seinem relativ kurzen Leben wohl sämtliche Tiefen und Höhen, die einem Menschen zu Teil werden können. Er hatte immer wieder persönliche Schicksalsschläge zu verkraften, litt unter Epilepsie, Tuberkulose und Spielsucht, scheiterte unternehmerisch mehrmals als Herausgeber von literarischen Monatszeitschriften, wurde aufgrund seines politischen Engagements für die Petraschewzen festgenommen, zum Tode verurteilt und erst Sekunden vor der Exekution begnadigt und verbannt - um nur einige der individuellen Katastrophen aufzuzählen. Dieses vom Schicksal und den Umständen der Zeit gezeichnete Leben hat Andreas Guski, Professor für Slavische Philologie an der Universität Basel, vor zwei Jahren in einer packenden Biographie aufbereitet und veröffentlicht. Auf über 450 Seiten kann der Leser eintauchen, in das Umfeld des russischen Autors, kann den gesellschaftlichen Entwicklungen jener Zeit in dem östlichen Großreich nachspüren und erfährt etwas über das literarische Leben, über die Rivalitäten von Autoren und Herausgebern.
Guski gelingt es beeindruckend, den Autor vom Sockel der Heldenverehrung zu holen, ein vollständiges Porträt zu vermitteln, das man auch als eine Art kritische Biographie bezeichnen kann. Das kann nur gelingen, weil Guski „seinen“ Dostojewskij kennt, seine Literatur, seine Persönlichkeit und seine Zeit in der er wirkte. Guski schafft aus diesem Dreiklang ein wunderbares, sehr gut recherchiertes Buch, das mit seinem Anspruch anregt, sich wieder öfter mit dem literarischen Schaffen des Russen zu beschäftigen.
Der Leser nimmt teil an dem großen Erfolg den gleich Dostojewskis erster (sozialkritischer) Roman „Arme Leute“ (1846) in der Moskauer Literaturszene auslöste. Die folgenden Arbeiten hingegen wurden von der Literaturkritik massiv verrissen und zeigen, laut Guski, erst mit zeitlichem Abstand deren wahre Qualität und Bedeutung. Erst mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, einem Schlüsselwerk Dostojewskis, bewegte er sich ab 1862 wieder in der Erfolgsspur, die er, bis auf wenige Ausnahmen, bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen sollte.
Die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ sind eine Art Tagebuch-Roman, in dem Dostojewski seine Eindrücke der insgesamt zehnjährigen Verbannung verarbeitet, von denen er vier in einem Straflager verbringen musste. Diese Eindrücke sind die ersten literarischen Arbeiten, die sich mit dem Thema Gulag auseinandersetzen und die den Autor sein Leben lang verfolgten und in vielen weiteren Romanen erneut auftauchen. Immer wieder setzt er sich mit dem Verbrechen auseinander, taucht ein in das Denken und Fühlen von Kriminellen, dessen Ursprung in den Erlebnissen im dreitausend Kilometer entfernten sibirischen Gefängnislager zu finden ist.
Guski spart aber auch unangenehmere Themen nicht aus, wie die von Dostojewski häufig schriftlich und mündlich geäußerten antisemitischen Denkweisen, seine strikte Ablehnung allgemein der westlichen, speziell der deutschen Kultur (obwohl er häufig die Städte Wiesbaden und Baden Baden zur Befriedigung seiner Spielsüchte, sowie Bad Ems als Kurort aufsuchte). Ihm ging es immer um „ ....die Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins der Russen – ihrer Selbsterkenntnis ebenso wie ihrer Selbstachtung …. “, wie Guski schreibt. Zudem ist ihm „ ... das Festhalten an der wahren Lehre Christi (Orthodoxie) und die historische Bestimmung der Russen als „ … „Gottesträger-Volk“....“ von außerordentlicher Wichtigkeit.
Natürlich beschäftigt sich Guski auch ausführlich und intensiv mit den sechs großen Romanen Dostojewskis (Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Dämonen, Der Jüngling, Die Brüder Karamasow), die seinen eigentlichen und bis heute anhaltenden Ruhm begründen. Er ordnet diese historisch ein, findet Bezüge zum politischen Tagesgeschehen in Russland und widerspricht der häufig geäußerten Meinung, Dostojewski selbst wäre mit den Hauptfiguren seiner Romane stets  gleichzusetzen.
Als Fjodor Michailowitsch Dostojewski am 31. Januar 1881 in Sankt Petersburg zu Grabe getragen wird, reihten sich Zehntausende, vor allem junge Menschen in den Trauerzug mit ein, siebenundsechzig Institutionen, Hochschulen, Redaktionen und Verbände schicken Abordnungen - der Verkehr der Stadt kam vollends zum erliegen.
Jörg Konrad

Andreas Guski
„Dostojewskij“
C.H. Beck

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Mittwoch 27.05.2020
Monique Truong „Sweetest Fruits“
„Patricio Lafcadio Hearn war von Geburt an hungrig… Alle Babys werden mit leerem Magen geboren, aber nicht alle haben einen so bedürftigen Blick.“ So beschreibt Rosa Cassimati ihren Sohn in Monique Truongs historischem Roman „Sweetest Fruits“, und sie schlägt damit eines der zentralen Themen des Buches an: den Hunger, der im übertragenem Sinn ein Hunger nach Liebe, Anerkennung und Heimat ist.
Monique Truongs Roman, eine Mischung aus Fakten und Imagination, handelt von Lafcadio Hearn, einem Schriftsteller griechisch-irischer Abstammung. 1850 wurde er auf der Insel Lefkada geboren – daher der Vorname –, und er starb nach einem ruhelosen und bewegten Leben im Jahr 1904 in Tokio. Sein Weg führte ihn von Griechenland über Irland in die USA, von dort nach Martinique und schließlich nach Japan, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er heiratete eine Japanerin, nahm die japanische Staatsbürgerschaft an, war Lehrer und Professor für Englisch und wurde zu einem berühmten Schriftsteller. Nach der Öffnung Japans in der Mitte des 19. Jahrhunderts geriet die westliche Welt in ein wahres Japanfieber, und Hearns Reportagen, Märchen und Mythen aus dieser exotischen Welt wurden mit Begeisterung gelesen. Sie prägen, vor allem im Land selbst, das Bild des alten Japan bis heute.
Die vietnamesisch-amerikanische Autorin Monique Truong nähert sich in ihrem Roman dem historischen Lafcadio Hearn auf indirekte Weise. Sie holt drei Frauen aus dem Schatten der Vergangenheit und lässt sie mit ihrer jeweils eigenen Stimme erzählen: seine Mutter und seine beiden Ehefrauen. Zwischen diese drei Geschichten aus der Ich-Perspektive fügt Truong Auszüge aus einer 1906 erschienen Biographie über Hearn ein, die die nötigen Informationen liefern. So entsteht ein facettenreiches Bild des Schriftstellers und seiner verschiedenen Lebenssituationen, eingebettet in den historischen Hintergrund. Gleichzeitig lernt man drei ganz unterschiedliche Frauen kennen, die aber eines verbindet: nach existentiellen Umbrüchen sind sie gezwungen, sich jenseits ihrer bisherigen Rollen neue Lebenswege zu suchen, und sie haben den Mut, die Konventionen ihrer Umgebung hinter sich zu lassen. Es ist wunderbar zu lesen, wie Monique Truong für jede der drei Frauen einen eigenen Ton, eine besondere Farbe findet.
Lafcadio Hearns Mutter erzählt ihre Geschichte in einer sehr sinnlichen, von religiösen Bildern geprägten Sprache. Sie wird auf einer griechischen Insel in eine patriarchalische Welt hineingeboren, vom Vater und den Brüdern eingesperrt und brutal unterdrückt. Als sie sich in einen irischen Militärarzt verliebt, der in Griechenland stationiert ist, bricht sie aus ihrem Gefängnis aus und folgt ihrem Mann nach Irland, zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Lafcadio. Die Ehe scheitert, der Vater verlässt die Familie, Rosa kehrt nach Griechenland zurück. Lafcadio bleibt allein bei seinen irischen Verwandten. Elternlos wächst er in einer lieblosen Umgebung auf, ein sensibles, schwer traumatisiertes Kind, dessen Suche nach Heimat sein Leben bestimmen und ihn um die halbe Welt treiben wird.
Die zweite Geschichte wird von Alethea Foley, einer freigelassenen Sklavin, in einer kraftvollen Sprache erzählt. Sie arbeitet in Cincinatti als Köchin, wo sie den 22-jährigen Lafcadio kennenlernt. Er schlägt sich in den USA als Zeitungsschreiber durch. Beide sind Entwurzelte, und gemeinsam versuchen sie, sich eine neue Existenz aufzubauen. Doch der Rassismus seiner Umgebung, der auch ihn als Mann einer Farbigen trifft, seine eigene Rastlosigkeit und Bindungsunfähigkeit lassen Lafcadio die Flucht ergreifen.
Im Jahr 1890 verschlägt es ihn schließlich als Korrespondent nach Japan. Hier setzt die Geschichte seiner zweiten Ehefrau ein. Koitsumi Setsu stammt aus einem verarmten Samuraigeschlecht. Durch sie findet Lafcadio Hearn die „süßesten Früchte“: eine Identität, eine Familie und eine  fremdartige Welt, die Stoff für sein schriftstellerisches Werk wird. Doch seine wahre Heimat ist die Literatur.
Monique Truong charakterisiert die Japanerin Setsu, ihre vornehme Herzensbildung, durch eine zurückhaltende, sehr poetische, bilderreiche Erzählweise: „… du warst ein Dichter, dessen Rezitationen den Abendhimmel in wirbelndes Sternenlicht verwandelten und den Mond in Flügelgeflatter...“ sagt sie über ihren Mann.
„Sweetest Fruits“ ist mit Einfühlungsvermögen und Empathie für alle Figuren geschrieben, grundiert von einer starken Sozialkritik: Kritik an Sklaverei, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und der Unterdrückung von Frauen. Die schillernde Figur des Lafcadio Hearn, eines Reisenden und Suchenden, ist Monique Truong aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte besonders nah. Sie, die als Kind aus Vietnam nach Amerika fliehen musste, weiß, was es bedeutet, zwischen verschiedenen Ländern, Kulturen und Sprachen zu stehen. Sie weiß, was es heißt, heimatlos zu sein. Sie hat ein faszinierendes Buch geschrieben.
Lilly Munzinger, Gauting

Monique Truong
„Sweetest Fruits“
C.H.Beck
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Autor: Siehe Artikel
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