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Inhaltsverzeichnis:

OHRENGLÜCK 19: Absolutely Sweet Marie "Another Side Of Blonde On Blond...

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The Red Hot Serenaders „Down The Big Road“

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Pianoforte (5)

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OHRENGLÜCK 18: Wolfmother "Victorious" Universal

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Colin Stetson „Sorrow - A Reimaginning Of Gorecki`s 3rd Symphony&ldqu...

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Pianoforte (4)

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OHRENGLÜCK 19: Absolutely Sweet Marie "Another Side Of Blonde On Blonde" Tiger Moon Records

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Seit Jahrzehnten wird Bob Dylan als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Mutige Philologen haben seine eindringlichen, aber oft rätselhaften Songtexte sogar mit den dunklen Versen eines Rimbaud oder William Blake verglichen. Musikalisch ist Dylan dagegen weniger rätselhaft, wenn auch schillernd - seine Songs wurzeln in Folk, Blues, Rock, Gospel, Country und mehr. Was in dieser Mixtur alles drinsteckt bzw. wohin das alles führen kann, zeigt das deutsche Jazzquartett Absolutely Sweet Marie. Auch auf ihrem zweiten Album widmet sich die Band ausschließlich der Musik von Bob Dylan, und zwar diesmal den kompletten Songs aus Dylans Album „Blonde On Blonde“, das dieser Tage 50 Jahre alt wird. Das Quartett um den Saxofonisten Alexander Beierbach ist eine Art Blaskapelle, aber eine ganz besondere. Nur mit Trompete, Posaune, Saxofon und Schlagzeug rückt man Dylans Songs zuleibe, verwandelt sie in kraftvolle Brassband-Märsche, delikate Blueswalzer oder kollektive Improvisationen. „Rainy Day Women“, „Just A Woman“, „I Want You“ - nicht immer ist der Song gleich zu erkennen, denn manchmal sind es bloße Fragmente daraus, die als Ausgangsmaterial dienen. Der bläserische Witz aber verblüfft jederzeit, dieser Spaß am Schrägen, zuweilen Wilden und Chaotischen, zuweilen Sanften und Hintersinnigen. Die taz schrieb vor zwei Jahren: „Das Quartett hat einen Weg gefunden, die Songs von Bob Dylan so in Jazz-Arrangements zu übersetzen, dass man andächtig staunen muss.“ Das gilt auch diesmal. Nashville trifft Freejazz, und der Blues tanzt dazu in der Second Line.  

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de


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The Red Hot Serenaders „Down The Big Road“

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Rainer Wöffler und Tanja Wirz, gemeinsam als die Red Hot Serenaders unterwegs, haben den Blues. Diese ebenso larmoyante, wie schiefe Lebenslagen bewältigende Musikform beherrschen sie wie das kleine Einmaleins. Und es fällt ihnen nicht allzu schwer, die verschiedenen Grundrechenarten des Blues noch um einige artverwandte Stile zu erweitern: Boogie Woogie, Ragtime und auch ein wenig Soul. All das schüttelt dieses Duo völlig locker aus dem Ärmel. Mit einem ganzen Arsenal an Gitarren und bis heute erfrischenden Songs aus den 1920er bis 1950er Jahren haben die Schweizerin und der Deutsche ein wunderbares Album eingespielt: „Down The Big Road“. Eine Straße, die sie mitten durch die Geschichte des Blues führt. Über die weiten Ebenen des in den Südstaaten populären Country Blues, entlang den irrsinnigen Verzweigungen des Mississippi im archaischen Delta Blues und dann auch noch mitten hinein, in die urbane Metropolen Chicago und Memphis. Natürlich weitab jedweder Trendlokale. Blues eben in seiner unerschöpflichen Vielfalt. Zwischendurch schauen immer wieder Gäste und alte Freunde vorbei, die, ganz zufällig, ihre Instrumente dabei haben. Wie zum Beispiel Klaus "Mojo" Kilian an der Bluesharp, Christoph Politzer an der Gitarre oder Dirk Vollbrecht am Bass.
Bei den Red Hot Serenaders wird deutlich, wo die Wiege von Jazz und Rock`n Roll steht. Sie zelebrieren den Blues mit Herz und Seele und mit Verstand. Stark im Ausdruck und doch unverkrampft verspielt. Musik, in der man sich sofort zu Hause fühlt. Hier kommen nicht nur strenge Traditionalisten auf ihre Kosten! Und wer dieses wunderschön gestaltete Kleinod in etwas großzügiger Form in der Hand halten möchte, für den gibt es Ende Juli „Down The Big Road“ auch auf Vinyl.
Jörg Konrad
Zu beziehen über: rainer.woeffler@sons-of-the-desert.de


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Pianoforte (5)

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Delta Saxophon Quartet with Gwilym Simcock „Crimson“ / Daniel Karlsson „At The Feel Free Falafel“ / Hiromi „Spark“ / Luigi Palombi „Duke Ellington - Piano Works“

Im Herbst sind sie nach 13 Jahren erstmals wieder in Deutschland. Mit drei Schlagzeugern und drei Bassisten! King Crimson waren schon immer eine Band der Superlative. Dank Robert Fripp, Gründungsvater, Gitarrist, Produzent und Enfant Terrible dieser 1969 gegründeten ProgRock Formation. Nun hat sich der walisische Pianist Gwilym Simcock einige der älteren Songs dieser Band vorgeknöpft und sie für Saxophon-Quartett und Klavier neu bearbeitet. Simcock steckt damit einige der  raubeinigsten Kompositionen wie „Vroom“ oder „Dinosaur“ in eine Art musikalische Abendgarderobe - die ihnen aber hervorragend steht. Denn durch diese Kammermusikattitüde bekommen die Stücke eine völlig andere Dimension, ohne dabei an Substanz oder Ausdruck zu verlieren. Das britische Delta Saxophon Quartet existiert seit immerhin über drei Jahrzehnten und ist mit der Vertonung von klassischen Vorlagen als auch Jazzmaterial bestens vertraut. Hier gelingt ihnen dank der Arrangements der Spagat zwischen Rock, Psychedelic, Jazz und Klassik. Ein veredeltes Werk, halsbrecherisch schön und anspruchsvoll. Auch ohne Bass und Schlagzeug!

Daniel Karlsson, Pianist aus Schweden, arbeitet fast ausschließlich mit Bass und Schlagzeug. Vorzugsweise mit seinen Landsleuten Christian Spering (b) und Fredrik Rundqvist (dm). Was diese drei musikalisch auf „At The Feel Free Falafel“ bieten, gehört mit zum erfrischensten und dynamischsten, was unter dem Oberbegriff KLAVIERTRIO derzeit geboten wird. Ihnen gelingt das seltene Kunststück, die Unbedarftheit losgelöster Melodien, die handwerklich anspruchsvolle Kunst der Improvisation und ein rhythmisches Minenfeld unter einen Hut zu bringen. Musik als Stimmungsaufheller und Antidepressiva, ohne auch nur ansatzweise banal oder ordinär zu klingen. Karlsson bewegt sich zwischen Klavier, Orgel, Mellotron und Synthesizer mit der Abgeklärtheit eines Artisten. Dabei scheint die Musik in manchen Momenten vor Vitalität zu explodieren. Man spürt förmlich den Spaß, den alle drei miteinander haben - auch wenn das scheinbar Leichte im vorliegenden Fall aus Disziplin und Handwerk besteht.

Die japanische Pianistin Hiromi mags virtuos. Ebenso wie ihre Begleiter Anthony Jackson (Bass) und Simon Phillips (Drums). Was die beiden letzteren auf „Spark“ an komplexen und hochkomplizierten Rhythmen aus dem Stegreif zaubern, ist ungeheuerlich. Ihr Groove geht ins Blut, ihre ungeraden Metren sind kaum auszuzählen. Lodernd vor Vitalität spielen sie sich die Ideen wie Bälle zu, sind Einheizer und Begleiter, solieren in den kürzesten Pausen und brillieren als verlässliche Gefährten, in dem sie für Sicherheit sorgen. Und Hiromi? Sie setzt Akkorde und schaufelt Harmonien, spielt funkensprühende Improvisationen und ist extrovertiertes Bindeglied zwischen Jackson und Phillips, Ein Missing Link zwischen Rock und Jazz und Funk. „Wenn ich spiele, ist es mein Ziel, in Gefilde vorzudringen, die ich zuvor noch nicht erkundet habe. Neue Erfahrungen zu sammeln bedeuten auch immer das Eingehen neuer Risiken, die einen durchaus auch Furcht einflößen können.“ Furcht macht uns Hörern, die kühne Geschwindigkeit, mit der sich das Trio in die Kurve wirft, oder holpriges Kopfsteinpflaster nimmt.

Zum Schluss noch eine ganz besondere Empfehlung. Welche Stellung Duke Ellington weit über die Grenzen des Jazz hinaus einnimmt, ist vielleicht bekannt. Der italienische Pianist Luigi Palombi hat nun einige Kompositionen Ellingtons solistisch eingespielt. Aufnahmen, die dem Stride Piano und dem Blues so nahe sind, wie sie von Debussy oder Ravel beeinflusst erscheinen. Ohne Rhythmusgruppe und Bläser, sozusagen im spartanischen Klang des Pianos, zeigt sich dieses musikalische Zwischenreich, in dem sich der Autodidakt Ellington so sicher bewegte. Es sind wunderbar interpretierte Kompositionen, deren Komplexität auch in den sparsam notierten Vorlagen zum Ausdruck gelangt. Ausgeschriebene Momentaufnahmen, deren schlanke Eleganz besticht. Angesiedelt zwischen der Alten und der Neuen Welt.
Jörg Konrad

Delta Saxophon Quartet with Gwilym Simcock „Crimson“ (Basho)
Daniel Karlsson „At The Feel Free Falafel“ (Brus & Knaster / Galileo MC)
Hiromi „Spark“ (Telarc)
Luigi Palombi „Duke Ellington - Piano Works“ (Naxos)


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OHRENGLÜCK 18: Wolfmother "Victorious" Universal

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Es gibt Urklänge der 1970er-Jahre-Rockmusik, die allen, die damals jung waren, bis heute durch die Blutbahn kreisen. Etwa die elementaren Gitarrenriffs der frühen Black Sabbath und Led Zeppelin - aber auch ihre knurrenden Bässe, ihre ungezähmten Schlagzeugrhythmen, der leicht übersteuerte Sound und natürlich die krähenden Stimmen ihrer Leitwölfe Ozzy Osbourne und Robert Plant. Der Australier Andrew Stockdale war damals noch gar nicht geboren. Aber seine Band klingt, als wäre sie die Mutter dieser rockenden Steppenwölfe von einst - passenderweise heißt die Band Wolfmother. Andrew Stockdale schreibt nicht nur alle Stücke, er singt auch, spielt die Gitarre und den Bass, macht also fast alles allein. Nur einen Drummer hat er noch dabei und ab und zu ein paar Orgel- oder Klaviertöne - der Sound ist asketisch wie Brot ohne Butter. Falls hier überhaupt ein nennenswerter Produktionsaufwand betrieben wurde, dann dafür, dass die Musik klingt, als käme sie direkt aus dem Jahr 1970 - kompromisslos, fundamental, urtümlich. Während die Gitarrenriffs Harmonien andeuten, stampfen und shuffeln die Trommeln, und Mr. Stockdale kräht genauso schön wie die Rockwölfe der Frühzeit. Alle seine Stücke sind schmucklos knapp und (bis auf eine Ballade) krachig laut - sie kommen sofort auf den Punkt. Die Essenz des Rock in Drei-Minuten-Häppchen. Donnernder Urstoff. Endlich Nachschub für die Blutbahn.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de


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Colin Stetson „Sorrow - A Reimaginning Of Gorecki`s 3rd Symphony“ (52Hz / Indigo)

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Geschrieben hat die 3. Sinfonie der aus dem Dorf Czernica bei Wroclaw (früher Breslau) stammende Henryk Gorecki im Jahr 1976. Die auch als „Sinfonie der Klagelieder“ bekannte Komposition hat der polnische Komponist seiner Frau gewidmet und ist eines der ergreifendsten Musikstücke der Moderne. Diesem aus drei langsamen Sätzen bestehende Werk für Sopran und Orchester liegen verschiedene Texte zugrunde. So ein Klagelied, entstanden im Heiligenkreuz-Kloster im Wienerwald im 15. Jahrhundert, einem Volkslied aus der Region Opole und dem Gebet einer 18 jährige Frau, das diese 1944 an die Zellenwand eines Gefängnisses der Gestapo in Zakopane geritzt hat. Uraufgeführt 1977 in Royan, Frankreich, wurde aber erst die Neueinspielung des Chorals von 1992 zu einem überwältigendem Erfolg und brachte den ansonsten sehr zurückgezogen lebenden Gorecki mit diesem Stück sogar in die britischen und amerikanischen Popcharts.
Nun hat sich Colin Stetson, ein amerikanischer Jazzsaxophonist aus dem Dunstkreis von Roscoe Mitchell und Anthony Braxton, dieser Sinfonie angenommen und sie gänzlich neu eingespielt. „Jeder von uns kennt doch diese Momente, wenn ein Musikstück uns wirklich ergreift und etwas in uns verändert - und genau das hat diese Komposition mit mir gemacht. Im Verlauf der Jahre habe ich dieses Album immer wieder gehört, unzählige Male, weil ich wirklich jedes noch so kleine Detail in mir aufsaugen und die Komposition durch und durch verstehen wollte“, sagt der Amerikaner in einem Interview.
Stetson hat an der Vorlage wenig geändert, im Grunde nur ein ganzes Arsenal an zusätzlichen Instrumenten (Holzblasinstrumente, Synthesizer, E-Gitarren, Schlagzeug) hinzugefügt. So bekommt dieses mollgefärbte Klangmonument eine neue Ästhetik, die den Grundgedanken Goreckis aber nicht in Frage stellt. Die kontemplative Verbindung von Schönheit und Schrecken, von Licht und Schatten, von Trauer und Freude findet in dieser Interpretation eine musikalische Würdigung. Die intensive, raumfüllende Klangwirkung berührt tief, steigert sich von der Klage zur Hoffnung, die im Gesangspart am Ende eines jeden Satzes zum Ausdruck kommt. Stetson baut mit seiner hier vorliegenden Version Brücken, von einer meditativen Litanai hin zu Industrialanleihen, zu Bands, wie den Nine Inch Nails oder The Swans. Musik wie ein inniger Rausch.
Jörg Konrad


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Pianoforte (4)

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Jon Balke „Warp“ / Florian Favre „Ur“ / Richie Beirach & David Liebman „Balladscapes“

Was hat er musikalisch nicht alles schon umgesetzt. Wie es sich für einen 1955 geborenen und früh vom Virus der Musik infizierten gehört, begann er als Jugendlicher in heimatlichen Rockbands zu spielen. Ab achtzehn brante dann sein Herz für den Jazz, lichterloh. Er begleitete als Pianist die gesamte norwegische Jazzelite, spielte in Duos, Trios, gründete ein Orchester (Magnetic North Orchestra), vertonte Gedichte (Batagraf), experimentierte mit elektronischer Musik (Masqualero) und brachte zeitgenössischen Jazz und Musik der Renaissance unter einen Hut (Siwan). Nun liegt mit „Warp“ ein neues Soloalbum der Norwegers Jon Balke vor, das wiederum völlig anders klingt, als alles, was er zuvor eingespielt hat. Er konfrontiert seinen pianistisch eher sparsames Spiel mit hintergründigen Sounds, der wie sinnliches Rauschen die Räume erfüllt und der Musik eine zweite Ebene gibt.
„Wenn man solo spielt, dann gibt es im Studio einen Raumnachhall, eine Art Echo. Ich habe mich mit diesem Raumnachhall näher befasst und überlegt, ob ich nicht noch andere Formen des Nachhalls rund um das Soloklavier schaffen kann“, sagte Balke in einem Interview. Und so fließen in die einzelnen Stücke Schulhof- und Straßengeräusche mit ein, entfernte Sirenengesänge erinnern an mystische Leuchtfeuer, und angedeutete Streicher, die wie ein stilles Symphonieorchester den einzelnen Tönen unterlegt sind, wirken wie ein ruhig dahingleitendes Fährschiff. All dies hat Tag-Traum-Charakter. Gespürte, fast gefühlte Musik, die über ein notiertes Grundgerüst weit hinausreicht. Es ist wie die Synästhesie des Klangs, der im Laufe seines Fortschreitens den Hörer vereinnahmt und ihn in einen inspirierenden Strudel suggestiver Emotionen hineinzieht. Weitab jeder Beliebigkeit!

Florian Favre
ist Schweizer und in Deutschland bisher wenig bekannt. Aber das wird sich ändern, mit Sicherheit! Trotz einiger bemerkenswerter Alben, die er bisher unter eigenem Namen veröffentlichte, steht er erst am Anfang seiner Karriere. So, wie er auf dem vorliegenden „Ur“ in die Tastatur seines Flügels greift, hat das nicht nur Zukunft, sondern vor allem Größe. Nennen wir ihn an dieser Stelle deshalb einen wuchtigen Pianisten, mit ausgesprochenem Hang zur Sensibilität. Sein Spiel ist präzis und doch unberechenbar. Man spürt seine Sozialisation, in der Rock, Elektronik und Klassik sich auf Augenhöhe begegnen, wobei er sich Strawinsky und Ravel derzeit besonders verbunden fühlt. Aber er begeistert sich eben auch für Earth, Wind & Fire oder U2.
„Ur“ ist voller Kraft und Temperament. Ein Album mit Ecken und Kanten, mit erfrischenden Harmonien, halsbrecherischen Läufen und radikalen Wendungen.  Und in Manu Hagmann (Bass) und Arthur Hnatek (Schlagzeug) hat Favre zwei ausgesprochen Seelenverwandte als Partner gefunden. Auch wenn die Kompositionen von ihm stammen, ist die gesamte Aufnahme ein Gemeinschaftswerk. Die Dynamik und Dramaturgie in diesem Trio beeindruckt enorm. Dieses ständige Pulsieren und Explodieren, diese stillen lyrischen Momente und dann wieder flammende Improvisationen - selten war Musik im Gesamtkontext erfrischender und spannender. Dabei wäre Florian Favre um ein Haar Fußballer geworden. Man glaubt es kaum …. .

Vor vierzig Jahren erschien ihre erste gemeinsame Duo-Aufnahme: „Forgotten Fantasies“, aufgenommen in den legendären Electric Lady Studios in New York City. Diesmal trafen sich Pianist Richie Beirach und Saxophonist David Liebman in der 200 Seelengemeinde Zerkall, einem Ortsteil der Gemeinde Hürtgenwald in Nordrhein-Westfallen. Hier steht seit 1982 das berühmte CMP Studio, in dem die beiden vor einem Jahr „Balladscapes“ einspielten. Ein Balladen-Album, das deutlich macht, dass die beiden Altmeister des Jazz mit allen musikalischen Wassern gewaschen sind und im Duo jede kompositorische Hürde zu meistern verstehen. Das Programm reicht von Johann Sebastian Bach, über Coltrane, Ellington, bis Antonio Carlos Jobim und Karl Suessdorf und seinem wohl bekanntesten Song „Moonlight in Vermont“. Es sind jedoch keine dieser süßlichen, leicht gefälligen Interpretationen, die sich allein um eine reizende Melodie bemühen und damit stupide Klischees bedienen. Dieses Duo erzählt wirkliche Geschichten, oder anders: Hier kann man intimen Gesprächen lauschen, in denen sich zwei sehr nahe stehende Menschen über ihr Leben austauschen. Und sie haben sich eine Menge zu erzählen - weil sie eine Menge erlebt haben und weil sie sich füreinander interessieren. Sie hören sich zu, ergänzen und widersprechen sich, überraschen einander, teilen miteinander, sind neugierig und großzügig und spontan. Vor allem aber authentisch.
Jörg Konrad

Jon Balke „Warp“ (ECM)
Florian Favre „Ur“ (Traumton)
Richie Beirach & David Liebman „Balladscapes“ (Intuition)


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