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Inhaltsverzeichnis
OHRENGLÜCK 22: Nenad Vasilic Trio "Wet Paint" Galileo

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VOR 40 JAHREN: Joni Mitchell „Hejira“ Warner

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Mi Solar „Tiempo Libre“ Galileo MC

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OHRENGLÜCK 21: Herbert Pixner Projekt "Summer" three saints records

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Ana Popovic „Trilogy“ Artist Exclusive Rec / in-akustik

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OHRENGLÜCK 20: Monika Roscher Bigband "Of Monsters And Birds" Enja Records

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Dienstag 23.08.2016
OHRENGLÜCK 22: Nenad Vasilic Trio "Wet Paint" Galileo
Balkan – Inbegriff multikultureller Vielfalt, im streitenden wie im befruchtenden Sinn. Nenad Vasilic hat sich das Wort „Balkan“ einmal so übersetzt: „Blut und Honig“. Den lebendigen Geist der Balkan- und Gypsy-Musik seiner Heimat übersetzt der Bassist seit Jahren mit viel Fantasie und Eleganz in den Jazz. Diesmal tut er das zusammen mit dem Pianisten Bojan Z, seinem serbischen Landsmann, der seit bald 30 Jahren zum Kern der französischen Jazzszene gehört, und mit dem amerikanischen Schlagzeuger Jarrod Cagwin, einem der großen Meister der Weltmusik-Rhythmen. In diesem Allstar-Trio des World-Jazz kommt die Musik zur kreativen Explosion. Melancholische Balkanmoods treffen auf einen rockenden Blues in sieben Vierteln. Nostalgisches Jazzklavier wechselt sich ab mit rauen Fusion-Sounds vom E-Piano. Ein altes Kirchenlied steht neben einer Deep-Purple-Adaption. Das Ergebnis ist Balkanmusik 2.0, ganz ohne Bläser und Sänger, aber mit einer Menge Vision und Herz, Virtuosität und Feeling. Viel Blut. Viel Honig.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de
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Dienstag 16.08.2016
VOR 40 JAHREN: Joni Mitchell „Hejira“ Warner
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Sie gilt bis heute als eine der einflussreichsten Songschreiberinnen und Interpretinnen - Joni Mitchell. Die 1943 in Kanada geborene Komponistin, Sängerin, Gitarristin und Malerin(!) wurde schon vor ihrem ersten Album als Geheimtipp der Musikszene gehandelt. Sie schrieb Songs für Judy Collins und Buffy Saint Mary, bevor David Crosby sie in einem Konzert erlebte und mit ihr 1968 „Song to a Seagull“ produzierte. Das besondere an Mitchells Texten waren die Zweifel, die Bedenken und die tiefe Nachdenklichkeit gegenüber der bestehenden Welt, die in ihren Songs Raum fanden. Ihre Stimme besaß diese brüchige Klarheit, die vom ersten Ton faszinierte und sich unter die Haut schlich. Die Musik war spröde aber vorwärtstreibend, poetisch dabei aber bodenständig, sparsam in der Instrumentierung, aber später immer mit ausgezeichneten Solisten besetzt. Nie wollte sie „nur“ Folksängerin sein, sondern ihren musikalischen und geistigen Horizont stets erweitern und dies wiederum in ihren Songs zum Ausdruck bringen. Ihr größter Hit war „Woodstock“, der, zuerst von Crosby, Stills, Nash & Young interpretiert, zur Hymne einer ganzen Generation aufstieg.
Doch der eigene Erfolg war ihr suspekt. Zwar verströmte sie die Aura einer „Eiskönigin“, doch innerlich war sie verletzlich und hochsensibel, litt ein Leben lang, dass sie ihre Tochter kurz nach deren Geburt zur Adoption freigab. So suchte sie auf künstlerischem Gebiet nach Herausforderung und Anerkennung, wurde zu einer Art melancholischem Unruhegeist, der sich im Laufe seiner Karriere innerhalb der Musik immer stärker mit Blues, Jazz und Klassik beschäftigte. Sieht man einmal von vorsichtigen Versuchen, wie dem Stück „Harry`s House / Centerpiece“ aus dem Album „The Hissing Of Summer Lawns“ (1975) ab, das auf einer Komposition des Jazztrompeters  Harry "Sweets" Edison basiert, ist mit „Hejira“ von 1976 in der Verbindung von Folk und Jazz ein wahres Meisterwerk entstanden.
Der Titel bezieht sich auf den Auszug Mohammeds von Mekka nach Medina, sollte eigentlich aber „Travelling“ heißen, auf dem sich Joni Mitchell „den männlich kodierten Mythos der Straße zu eigen macht“. Geschrieben hat sie die Songs auf einer Reise von der Ost- an die Westküste der USA und in den langen, epischen Texte beschreibt sie eigenwillige Menschen und Situationen, erzählt von häuslichen Konflikten und historischen Hoffnungen, vom Trennungsschmerz und der Freude des Wiedersehens. Der Song „Amelia“ handelt von der 1897 geborenen Pilotin Amelia Earhart, die 1937 nach einem Flug über dem Pazifischen Ozean verschollen bleibt; „Furry Sings the Blues“ ist eine tiefe Verbeugung vor dem Blues-Gitarristen und Sänger Walter „Furry“ Lewis, den Joni Mitchell kurz zuvor in Memphis traf. Es ist Joni Mitchells erster wirklicher Blues den sie hier spielt und bei dem sie von Neil Young an der Mundharmonika begleitet wird. Auf einigen Songs ist Jaco Pastorious, der eigenwillige, wie großartige Bassist, der zu dieser Zeit festes Mitglied bei Weather Report war, ihr musikalischer Partner. Er begleitet auf dem bundlosen, singenden Instrument mit pianistischer Raffinesse. Manchmal klingt sein Instrument wie eine zweite Stimme, die einem Echo ähnlich die Melodien wiederholt, sie skizziert, sie liebevoll umspielt. Die melancholische Feinfühligkeit, die Pastorious an den Tag legt, gehört mit zum Besten, was der Bassist in seiner leider viel zu kurzen Karriere hinterlassen hat.
Joni Mitchell schwelgt auf „Hejira“ in rastloser Melancholie. Ihr Gitarrenspiel wirkt mal unternehmungslustig, mal voller Seelenschmerz, aber immer konzentriert. Sie hat aus eigener Kraft diesen musikalischen Gipfel erklommen und ein Album für die Ewigkeit hinterlassen.
Auf dem Cover von „Hejira“ ist übrigens der kanadische Eiskunstläufer Toller Cranston abgebildet, der, obwohl nie Welt- oder Olympiasieger, mit seinen stark vom künstlerischen Ausdruck geprägten Auftritten das Publikum jener Jahre begeisterte.
Autor: hans j.
Mittwoch 10.08.2016
Mi Solar „Tiempo Libre“ Galileo MC
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Salsa ist der Rock`n Roll der Latinos und wird nicht, wie manch einer denken könnte, allein von Kubanern gespielt. Hier steht zwar seine Wiege, in Form des traditionellen, aber braven Son, Rumba oder Cha-Cha-Cha. Der richtig feurige Salsa, diese hybride Mischung aus groovenden Bässen, fiebrigen Bongos, synkopierten Timbals, Staccato-Bläsersätzen und scharfen Trompetensolis, hatte seinen Ursprung in den Hispanics-Vierteln von New York. Dort pulsierte Ende der 1960er Jahre diese Musik, nahm an Einflüssen hungrig auf, was auf der Straße zu greifen war: Jazz, Funk, afrikanische Trommelrituale, Latin-Beats und Soul. Diese musikalische Melange brannte in den Straßenschluchten von Spanish Harlem lichterloh. Sie schaffte Identität und machte jede Menge Spaß.
In dieser Tradition stehen Mi Solar, eine zündende Salsa-Formation mitten aus Berlin. Hier fanden sich vor über zehn Jahren sechs Gleichgesinnte aus Deutschland, Kuba und Frankreich, die nur eines wollten: Salsa spielen. Mit „Tiempo Libre“ haben sie nun ihr drittes Album veröffentlicht, mit einer Musik, wie sie nur im Schmelztiegel einer pulsierenden Großstadt entstehen kann. Da stoßen rhythmische Welten aufeinander, geben sich Kulturen die Hand, zuckt das Tanzbein. Mayelis Guyat, die aus Kuba stammende Sängerin, hält diese Melange an Einflüssen stimmlich zusammen. Sie steht in der Tradition von Celia Cruz und Isaac Delgado, beeindruckt mit ihrer Eleganz, ihrem Temperament und ihrer Sinnlichkeit. Ein ideales Partyalbum - nicht nur für laue Sommernächte.
Autor: Jörg Konrad
Dienstag 19.07.2016
OHRENGLÜCK 21: Herbert Pixner Projekt "Summer" three saints records
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Unwiderstehlich tanzt hier der Sommer! Mitreißender Gypsy-Swing erklingt neben sinnlichem Tango, eine luftig-leichte Bossa neben etwas schwül-heißem Blues. Der Südtiroler Herbert Pixner ist einer der aktuellen Stars der Weltmusikszene und wird schon als „Erneuerer der Volksmusik“ gefeiert. Neben seinem Heimwerkzeug, der Steirischen Harmonika, beherrscht er auch eine ganze Reihe von Blasinstrumenten und bezaubert mit Soli auf Trompete und Saxofon, Flügelhorn und Klarinette. In manchen Stücken kann man diesen „Frank Zappa in Lederhosen“ an bis zu drei verschiedenen Instrumenten hören. Nicht weniger glanzvoll präsentiert sich sein Mitstreiter Manuel Randi, der Gitarrenvirtuose. Ob Flamenco oder Manouche, elektrischer Blues oder Latin-Gitarre: Randi bringt jeden Stil mit authentischem Feeling zum Blühen. Kontrabass, Harfe und Cimbalom (!) vervollständigen Pixners Bandprojekt. Eine partykompatible Mischung aus alpinen und globalen Sounds – bestens geeignet zum Tanzen, Feiern, Palavern, Schmausen, Trinken und Fröhlichsein.

Hans-Jürgen Schaal
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Autor: Hans-Jürgen Schaal
Sonntag 10.07.2016
Ana Popovic „Trilogy“ Artist Exclusive Rec / in-akustik
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Wer kennt sie nicht, Alben mit zwei oder auch drei großartigen Songs. Der Rest ist Durchschnitt. Oder ein einzelner Titel, im Radio(!) gehört – überwältigend! Mit unendlichem Aufwand und immensen Kosten kommt der Tonträger als Import mit der Post ins Haus. Doch die komplette CD - eine einzige Enttäuschung. Es gibt sie immer seltener, qualitativ höchst befriedigende und dramaturgisch geschickt aufgebaute Einspielungen, die man mit gleicher Begeisterung vom Anfang bis zum Ende hört. Ana Popovic gelingt jetzt dieses seltene Kunststück. Dabei ist „Trilogy“ kein einzelnes Album, sondern, wie der Titel schon andeutet, eine Box mit drei CDs. 23 Songs, doch keine „Best Of …“ und auch keine „Golden Hits“, denn die hatte Ana Popovic bisher sowieso nicht. „Trilogy“ enthält ausschließlich neues Material. Angelegt zwischen Blues (ihrer musikalischen Basis), Funk und Jazz. Jeder Stilart ist ein Silberling gewidmet. Und in jeder Stilart bewegt sich die aus Serbien stammende und heute in Memphis lebende Popovic traumwandlerisch sicher. „Morning“ ist knochentrockner, aber doch unglaublich dynamischgespielter Funk. Die knappen, peitschenden Bläsersätze erinnern an George Clinton in seinen besten Zeiten und der Rhythmus groovt wie ein schnaufender Güterzug durchs Gebirge. Aufgenommen in New Orleans, der Wiege des Rhythm & Blues und Rock`n Roll, verströmt die Musik pure Leidenschaft und bedingungslose Präzision.
In Nashville und Memphis entstand der Bluespart „Mid-Day“. „Die Idee dabei war“, erzählt die Gitarristin und Sängerin in einem Interview, „ dass es kräftig rockt und bluest, dass man sich diese Scheibe in der Mittagspause zu Gemüte führt und so derart viel Energie aufsaugt, dass man sich mit Spaß wieder an die Arbeit macht.“ Zwar ist die „Mittagspause“ nur knappe 27 Minuten lang, aber die in dieser Zeit geschöpfte Vitalität und Courage sollte bis in die späten Nachtstunden reichen.
Der dritte Teil „Midnight“ ist von keinem geringeren als Delfeayo Marsalis produziert, der zudem den Posaunenpart übernahm und die Bläserarrangement schrieb. Es sind wunderbar relaxte Jazzeinspielungen, natürlich mit einem ordentlichen Schuss Blues versehen und kurzen, improvisierten Skizzen, die sich sehr rund und erfrischend in die Songs einpassen. Ana Popovic phrasiert natürlich als Bluessängerin, doch gekonnt und mit einem sophisticated Touch. Sie swingt mit einem lässigen Perfektionismus, weit entfernt von jeder verspannten Jazzideologie. Insgesamt kann man nur sagen: Drei Alben wie aus einem Guss, eineinhalb Stunden Hochspannung mit ehrlicher, authentischer Musik.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Sonntag 03.07.2016
OHRENGLÜCK 20: Monika Roscher Bigband "Of Monsters And Birds" Enja Records
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Gelingt hier die Quadratur des Kreises? Die 32-jährige Monika Roscher ist gleichzeitig Popsängerin und Jazzgitarristin. Ihre Stücke sind gleichzeitig Indierock-Songs und Bigband-Nummern. Manche dieser Kompositionen scheinen sich aus sanft-psychedelischen Gesangsmelodien zu üppigen Bläserfantasien zu entwickeln. Andere scheinen eher aus frechen Bigband-Ideen zu entstehen und die kühle Stimme wie einen letzten Trumpf auszuspielen (es gibt auch drei reine Instrumentalstücke auf dem Album). Ein kleines Wunder: Zwei musikalische Welten, die einander fern und fremd waren, finden zu einer gemeinsamen Sprache. Hier: die nüchterne, hypnotische Frauenstimme mit ihrem britischen Englisch, ein Nachhall von Pink Floyd und Trip-Hop. Dort: eine 22-köpfige Bigband mit inspirierten Solisten, ein Symbol der amerikanischen Jazzmusik. Wie gut das zusammen funktioniert, glaubt man erst, wenn man es gehört hat. Der kanadische Bigband-Innovater Darcy James Argue sagte einmal, er stelle sich gerne eine alternative Geschichte der Popmusik vor, in der die Bigbands ihre klangprägende Rolle nie verloren hätten: Elvis stets mit Bigband, David Bowie mit Bigband... „Wenn das immer die Standardbesetzung gewesen wäre, wie würde die Popmusik heute klingen?“ Monika Roscher gibt uns einen Eindruck davon. Es klingt riesig gut. Hans-Jürgen Schaal

Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de
Autor: Hanns-Jürgen Schaal
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