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Inhaltsverzeichnis:

Landsberg: Hazmat Modine - Die ganze Welt ist in Bewegung

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Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

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Landsberg: Die Räuber - Zerschlagen von Normen und Traditionen

3

Iffeldorf: Koopman / Mathot / Mertens - In aufmüpfiger Frische

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Fürstenfeld: Leonid Chizhik & Jeff Cascaro - Broadway For 2

5

Fürstenfeld: Ab jetzt - Boulevard par excellence

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Landsberg: Hazmat Modine - Die ganze Welt ist in Bewegung

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Landsberg. Reinen Jazz spielen sie nicht und den zwöf-taktigen Blues erst recht nicht. Sie sind keine Brass Band vom Balkan und kein Rock`n Roll Act aus New York. Jamaica nennen sie nicht ihre Heimat und ob sie je in Indien waren, haben wir vergessen zu fragen. Hazmat Modine klingen wie ein von Lust und Leidenschaft geprägtes Weltorchester, das sich weder obsessiv um Stilkunde bemüht, noch sich um nationale Identitäten schert. Diese Formation nimmt Musik als das, was sie im Grunde schon immer war: Als einen gefühlsbetonter Ausdruck. Nicht mehr und nicht weniger.
„Ich spiele nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Und da ich keine ernsthafte Ausbildung als Musiker hatte, geht es für mich vor allem um Gefühle. Vielleicht ist es gerade das, was die Leute anspricht“,  sagt Wade Schuman, einer ihrer Gründungsväter. Siebzehn Jahre ist es her, da suchte der Kunstdozent und Mundharmonikaspieler gleichgesinnte Mitstreiter in New York - was ihm nicht sehr schwer gefallen ist. Und das Hazmat Modine seitdem nur drei Alben eingespielt haben, spricht letztendlich für sie. Denn sie sind am Musikmarkt und seinen ausgebufften Strategien nicht wirklich interessiert. Sie wollen einzig spielen, möglichst ständig und überall. Das allein ist ihr Credo und das macht sie auch so sympathisch. Am  Mittwoch waren sie in Landsberg, zum zweiten Mal im Stadttheater. Und wenn sie auch ein wenig braver klingen und in ihrem Programm dem Mainstream gefährlich nahe kommen, hängen sie ihre musikalische Fahne noch lange nicht in den Wind.
Die spürbare Authentizität ihrer Musik ist das Ergebnis kreativer Reibung. Weil Wade Schumann und seine Band genau das als Grundsubstanz nutzen, was ihnen persönlich am besten gefällt. Und das ist eben Jazz und Blues, Balkan Brass und Rock`n Roll, Reggea und asiatisch geprägte Musik. Einwanderermusik - Auswanderermusik? Weltmusik? Multi-Kulti? Die ganze Welt ist in Bewegung (und wenn wir recht überlegen und unsere eigenen Stammbäume durchforsten, ist doch jeder von uns ebenso  Einheimischer, wie in gewissem Sinne auch Emigrant!) und wenn wir alle Vorurteile und eingeschliffenen Begehrlichkeiten beiseite lassen und uns den Anregungen von außen offen stellen, kommen wir der positiven Utopie einer Weltmusik recht nahe. Auch im Denken. Weil: „Zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen und Rassen hat der Tourismus wenig beigetragen“, wie der Schweizer Peter Rüedi in einer seiner Kolumnen so treffend schreibt. Völlig recht hat er.
Natürlich liefern Hazmat Modine keine musikethnologische Veranstaltung im Sinne der VHS. Ihre Stile und Einflüsse sind gewebt, wie ein bunter Flickenteppich, in dem auch nicht immer klar wird, was woher kommt. Wichtig ist nur, dass das Ergebnis eine Einheit findet. Und die war zu spüren - mal lauter, mal leiser, mal näher am Pop, mal ganz traditionell, mal solistisch, mal als Klangorchester. Und immer ganz im Zentrum: Wade Schuman. Singend, Mundharmonika spielend, ackernd und schwitzend den Bühnengockel gebend. Ein Schwerstarbeiter der die Dinge vorantreibt, der Musiken auflöst, abstrahiert und neu zusammensetzt. Und Spaß macht seine Arbeit allemal. Allen anwesenden.
Jörg Konrad


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Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

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Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

Dachau. Der Holzschnitt gehört zu den ältesten Drucktechniken der Menschheit und ist seit Beginn des 15. Jahrhunderts ein in der Kunst angewandtes und akzeptiertes graphisches Verfahren. Im Laufe seines Bestehens hat sich seine Technik, bis auf wenige Ausnahmen, nicht wesentlich geändert. Zwar findet man immer wieder einmal individuelle Unterschiede in der Umsetzung des kreativen Schaffensprozesses. Doch letztlich bleiben die klassischen Schwarzlinien- oder Weißlinienschnitte, der Flächenschnitt oder der Holzstich in ihrer visuellen Wirkung ähnlich. Wie sich jedoch der künstlerische Inhalt und der ästhetische Ausdruck im Laufe der Zeit verändert hat, machen derzeit zwei Ausstellungen in Dachau deutlich. Mit Walther Klemm und Carl Thiemann finden in der Gemäldegalerie in der Konrad-Adenauer-Straße zwei Künstler ein Podium, die, von der japanischen Tradition des Farbholzschnitts geprägt und im Umfeld des Jugendstils künstlerisch gewachsen, sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv mit diesem Druckverfahren auseinandergesetzt haben. Demgegenüber werden in der Neuen Galerie die beiden zeitgenössischen Künstler Susanne Hanus und Jan Brokof mit Arbeiten ausgestellt, die ebenfalls auf der Grundlage des klassischen Holzschnitts entstanden sind, aber in der Umsetzung eine völlig andere Herangehensweise zeigen. Zwischen beiden Entstehungsperioden liegen ca. 100 Jahre - eine reizvolle Gegenüberstellung.
Walter Klemm (geb. 1883) und Carl Thiemann (geb. 1881) stammen beide aus Karlsbad, wo sie sich zwar kannten, aber unabhängig voneinander ein Kunststudium aufnahmen. Klemm in Wien, Thiemann ging nach einer Ausbildung zum Kaufmann nach Prag, an die dortige Kunstakademie. 1905 trafen sie sich dann zufällig in Prag und spürten sofort eine künstlerische Seelenverwandtschaft. Sie tauschten intensiv ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus, suchten sich gemeinsam ein Atelier und arbeiteten anschließend erfolgreich miteinander. Drei Jahre später zogen sie unweit der Kunstmetropole München in die Dachauer Künstlerkolonie und mieteten wiederholt ein Atelier. Doch der Zenit ihres künstlerischen Miteinanders schien überschritten. Sie fanden in der Folgezeit immer weniger Bezug zueinander, vielleicht als das Ergebnis des vorherigen, zu engen künstlerischen Austauschs. Walter Klemm nahm 1913 in Weimar eine Professur an der dortigen Kunsthochschule an, womit die gemeinsame künstlerische Schaffensphase endgültig beendet war.
Bei den in Dachau ausgestellten Arbeiten werden besonders die handwerklichen Kunstfertigkeiten deutlich, die beide in ihren Arbeiten auf der Basis von Studien und Experimenten zur Vollendung führten. Die ausgewogenen Kontraste zwischen groben, fast derben Flächen und differenziert ausgearbeiteten Feinheiten; das korrelierende Wechselspiel von Licht und Schatten; die zum Teil intensive farbliche Gestaltung - all dies trägt zu einer ganz besonderen, illustrierenden Ästhetik bei. Bei einigen der Blätter sind starke Ähnlichkeiten untereinander zu erkennen, die sich erst bei genauerer Betrachtungsweise etwas auflösen. Die von beiden geliebten Tiermotive, besonders bei Klemm machen sich seine intensiven Studien im Tierpark von Schönbrunn bemerkbar, stehen häufig im Mittelpunkt.
Susanne Hanus (geb. 1975) erzählt in ihren in der Dachauer Neuen Galerie ausgestellten Arbeiten Geschichten. Ineinandergreifende, vielschichtige bildhafte Erzählungen, alptraumartig, skurril, metaphorisch. Ihre „Holzschnitte“ verzichten bewusst auf jenen Modellcharakter, wie er den Blättern von Klemm und Thiemann zu eigen ist. Die großflächigen Arbeiten, überwiegend in Holz geschnitten und die einzelnen Tafeln wie ein Paravent zusammengesetzt, ähneln Reliefs, oder Holzgravuren. Sie dienen nicht als Druckstöcke, sondern sind Unikate, deren Vervielfältigung nicht beabsichtigt ist. Sie ermöglichen Deutungen, spielen mit Verweisen und Zitaten und wirken, auch in ihren schwarz-weiß Kontrasten, ungemein lebendig. Manche ihrer Bilder setzen sich wie Mosaike zusammen, wobei die Frage im Raum steht, ob es hier nicht noch Fortsetzungen gibt. Susanne Hanus stammt aus Berlin und hat in Dresden (HfBK), München (Akademie der Bildenden Künste) und Glasgow studiert. Auf die Frage, wie sie ihre Werke mit nur drei Worten beschreiben würde, antwortete sie im letzten Jahr: „Horizonte, Hindernisse, offen“.
Bei Jan Brokof (geb. 1977) steht deutlicher als bei allen anderen Künstlern, die eigene Sozialisation im Mittelpunkt. Er stammt aus Schwedt an der Oder. Die Einwohnerzahl der Stadt in der Uckermarck hat sich in den 1950er bis in die 1980er Jahren von 6.000 auf über 50.000 erhöht. Dieses Wachstum ist der bahnbrechenden Erdölindustrie jener Jahre zuzuschreiben, die in den Randbezirken Schwedts riesige Neubausiedlungen hat entstehen lassen, die heute, nachdem die Einwohnerzahl um über 20.000 gesunken ist, durch Leerstand und Verfall gekennzeichnet sind. Die „Platte“ ist das Hauptthema der in Holzschnitttechnik entstandenen Arbeiten Brokofs. Die triesten, eintönigen Fassaden scheinen sich besonders für dieses graphische Verfahren zu eignen. Einige Ausschnitte vergrößert und in unterschiedlichen Grautönen dargestellt, wirken wie archaische Muster, wie Zeichen oder Symbole aus einer archaischen Kultur. Brokof stellt in Dachau auch eine Installation unter dem Titel „Problemviertel“ aus, deren realistische Umsetzung als ein Lebensort der Verlierer gesellschaftlicher Entwicklungen bedrückend wirkt. Überhaupt wird deutlich, wie sich die Ausstellung „Aussen- und Innenansichten“ in der Neuen Galerie Dachau mehr zeitbezogenen Themen stellt und dabei eine stärkere soziale Komponente zum Ausdruck bringt. Aber gerade dieser spürbare Kontrast fordert heraus und macht die beiden Ausstellungen in ihrer Gesamtheit so spannend.
Jörg Konrad



WALTHER KLEMM UND CARL THIEMANN
- ZWEI MEISTER DES FARBHOLZSCHNITTES
Gemäldegalerie Dachau
Konrad-Adenauer-Str. 3
85221 Dachau
Ausstellung noch bis 15. August 2016


AUSSEN- UND INNENANSICHTEN
HOLZSCHNITTE VON JAN BROKOF UND SUSANNE HANUS
Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau
Ausstellung noch bis zum 17. Juli 2016


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Landsberg: Die Räuber - Zerschlagen von Normen und Traditionen

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Landsberg. „Karl Moor faszinierte mich ungleich mehr als Old Shatterhand, seine Räuber mehr als alle Indianer Karl Mays“. So konnte sich nur einer aus der deutschsprachigen Kritikergilde über Klassiker auslassen: Marcel Reich-Ranicki. Diese Satz ist Teil seiner Biographie „Mein Leben“ und stammt gedanklich aus einer Zeit, als er 1932 erstmals „Die Räuber“ las. Da war der später geliebt wie gefürchtete Literaturpapst zwölf Jahre alt. Uraufgeführt ist dieses, Friedrich Schillers erstes Bühnenstück, einhundertfünfzig Jahre früher. Und bis heute ist die Inszenierung eine Herausforderung für jeden Regisseur geblieben. Herausforderung, weil Die Räuber zu jeder Zeit nach einer Interpretation schreien. Nicht selten waren die Inszenierungen dann aber entsprechend der Erwartungshaltung überbordend kopflastig, mit Bezügen zur Moderne, die mehr auf- als anregten. Nun also das Tübinger Landestheater mit einer Aufführung unter der Regie von Christoph Ross am gestrigen Dienstag in Landsberg. Und natürlich ist auch bei ihm der Zeitgeist nicht spurlos vorübergegangen. Warum sollte er auch? Gruppen von pubertierenden, rivalisierenden, identitätssüchtigen Jungmännerhorden gibt es auch heute. In grenzenlosen Zeiten ziehen sie gewaltbereit durch die Ghettos, durch den Kiez, durch die Wälder, suchen scheinbare Gerechtigkeit und ertrinken in Streit und Entladung. Sie verletzen juristische Grenzen, begehen im Kampf gegen das Unrecht neues Unrecht und scheren sich nicht um die Pein ihrer Opfer.
Zwei Brüder, Karl und Franz, rivalisieren bei Schiller um die Gunst des Vaters und die Gunst der Liebsten. Hier geht es aber weit mehr als um Anerkennung und Akzeptanz. Schiller geht es um die sinnstiftende Frage, sich zwischen individuellem Glück und gesellschaftlichem Anspruch zu entscheiden, ja sich zu positionieren. Aber erst nach dem Ausbrechen, nach der Zerschlagung von Normen und Traditionen - auf der Grundlage von persönlichen Enttäuschungen, dem Hauptmotiv des „Sturm und Drang“. Es ist der moralische wie tatkräftige Kampf zwischen Emotion und Intellekt.
Christoph Ross setzt die Handlung mit einfachen bühnentechnischen Mitteln um. In dieser Inszenierung geht es nicht um knallig bunte Effekte. Alles bewegt sich vor, um und auf einer großen Holzwand.
Ross konzentriert sich vordergründig auf den Konflikt, der seit Menschheitsbestehen die Zivilisation entzweit und letztendlich in Gewalt endet. In Michael Ruchter (Franz Moor) und Thomas Zerck (Karl Moor) agieren zwei Schauspieler, die diese Kontroverse auch körperlich spürbar machen. Ihr Zwist wird zum Machtkampf, dem Menschen geopfert werden und an deren Ende die überlebenden Protagonisten vor einem fraglichen Glück stehen. Großartig agiert Lukas Umlauft (Spiegelberg), der Gegner Karl Moors in dessen Räuberbande. Mit den einfachen Mitteln der Rhetorik verkörpert er mit seinem Gaunerhumor das Böse, das Unberechenbare, jenes schlafende Monster, das, ist es einmal erweckt, mit zivilisatorischen Mitteln nicht mehr gebremst werden kann. Überhaupt ist diese schwungvolle, dynamische Inszenierung auf die Charaktere abgestimmt. Ross hält hervorragend die Waage zwischen Original und Zeitgeist und macht mit weniger (Effekt) weit mehr (Inhalt).
Jörg Konrad


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Iffeldorf: Koopman / Mathot / Mertens - In aufmüpfiger Frische

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Iffeldorf. Nun, im Grunde ist es nichts allzu besonderes, wenn Musiker ihr persönliches Handwerkszeug im Reisegepäck haben. Heißen die Instrumentalisten aber Tini Mathot und Ton Koopman, dürfte die Ausnahme als Beweis der Regel gelten. Denn beide gehören zu den bekanntesten Vertretern der historischen Aufführungspraxis und spielen Tasteninstrumente! Das bedeutet, sie fahren ihre sperrigen Arbeitsutensilien quer durch die Republik, im vorliegenden Fall von den Niederlanden bis nach Iffeldorf in Oberbayern. Nein, nicht nur einen original Stein-Hammerflügel. Auch zwei historische Cembali und eine Truhenorgel hatten sie für den Auftritt mit dem Bariton-Sänger Klaus Mertens mit dabei.
Aber es hat sich gelohnt. Die Drei spielten ein großartiges Konzert, das alle körperlichen Strapazen und organisatorischen Mühen in den Hintergrund rücken ließen. Gestützt auf ein weit ausholendes Repertoire von Georg Friedrich Händel, Carl Philipp Emanuel und Johann Sebastina Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn zeigten Mathot, Koopman und Mertens in wechselnden Besetzungen ihre ganze Erfahrung und ihr Können. Die unterschiedlichen Klangfarben der Instrumente brachten immer wieder Veränderungen des Ausdrucks und damit auch der Stimmung mit ins Spiel. Virtuos, ohne aber die technische Versiertheit in den Vordergrund zu stellen, gaben die beiden Pianisten eine Lehrstunde in dem Fach, wenn es dies denn gebe, sich der Musik unter-, oder zumindest einzuordnen. Keine selbstgefällige Artistik, keine kitschigen allgemein rührenden Phrasen. Selbst dann, wenn Koopman ein Teil von Händels „Suite c-moll“ aufgrund des Fehlens der zweiten Stimme neu arrangiert. Es bleibt Händel, wenn auch auf eine etwas „modernere“ Weise interpretiert.
Die gemeinsamen Passagen von Ton Koopman und Tini Mathot erstrahlten in einem perfekten Fluss, faszinierten durch das beschwingte Ineinandergreifen von Tönen und Motiven. Dieses sich gegenseitig Bedingende und Ergänzende wirkte in seiner vollendeten Dynamik fast symbiotisch, wie aus einem Guss.
Koopman nähert sich den Komponisten immer aus einer gewissen kritischen Distanz. Trotzdem, vielleicht aber auch gerade deshalb, wirkt das Repertoire nicht gekünstelt aufgesetzt, sondern besticht durch eine gewisse Glaubwürdigkeit, vielleicht ist es sogar der Unterhaltungswert, der hier oftmals berührt. Vor allem die Lieder, die der Zeit der Entstehung entsprechend die weltlichen Freuden, als auch die Last des Alltags zum Inhalt haben, kommen so mit Sicherheit den Originalen sehr nahe. Sie besitzen einen fast populären Charakter, wenn man das von Musik aus dem 18. Jahrhundert behaupten darf. Und spätestens hier kommt Klaus Mertens ins Spiel. Der Bariton lässt mit seiner wunderbar schlanken, unaufgeregten, aber durchdringenden Stimme an all diesen Inhalten teilhaben. Dies passt genau zu der Aussage des Sängers, die er vor einigen Jahren in einem Interview der Zeitschrift CONCERTO tätigte: „Ich mag es, Dinge ohne viel Firlefanz und großes Drumherum auf den Punkt zu bringen.“ Und das wurde ganz besonders in den „3 Scottish Songs“ von Joseph Haydn deutlich. Diese „Folksongs“ besitzen eine fast aufmüpfige Frische, die direkt zu Herzen geht und nur durch die Zugabe „Sailors Song“ noch einmal überflügelt wurde.
Jörg Konrad


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Fürstenfeld: Leonid Chizhik & Jeff Cascaro - Broadway For 2

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Fürstenfeld. Er ist einer jener Pianisten, die sich nicht um stilistische Grenzziehungen scheren. Klassik und Jazz gehören ebenso in sein Repertoire, wie es für ihn selbstverständlich ist, in jungen Jahren reine Unterhaltungsmusik gespielt und später, am Konservatorium, Musikwissenschaften studiert zu haben. Leonid Chizhik ist dabei kein Crossover-Spezialist, der mit purem Kalkül ein Programm zusammenstellt, das durch Gefälligkeiten imponiert. Bei ihm finden die Revolten der Musikgeschichte, als auch die Evergreens des Buiseness eine logische Einheit. Weil sich sämtliche Themen und Gedanken aus einer inneren Freiheit, oder nennen wir es auch Inspiration heraus entwickeln. Nicht anders am gestrigen Mittwoch, als der aus der einstigen Moldauischen Sowjetrepublik stammende Pianist gemeinsam mit Jeff Cascaro in Fürstenfeld auftrat. Cascaro singt Soul, ein populäres Ziehkind des Jazz, und er spielt Trompete. In diesem Metier hat es das aus Bochum stammende Stimmwunder zu einigem Erfolg gebracht. Nun war Cascaro also mit einem musikalischen Schwergewicht, das für ein mehr intellektuell ausgerichtetes Klavierspiel steht, auf der Bühne. Musikalisch geprägt war der Abend, der unter der Überschrift „Broadway For 2“ stand, von Improvisationen. Wer also Gassenhauer wie „New York New York“, oder „I Got Rhythm“ in altbekannten Arrangements erwartete, der wurde mit Sicherheit enttäuscht. Denn Chizhik und Cascaro näherten sich den melodischen Schlachtrössern des Great American Songbooks von einer völlig unkonventionellen Seite. Mit manchmal kantigen und ein wenig schroffen Klaviereinleitungen, die immer ein paar wunderbare Pirouetten durch die Jazzgeschichte (von Straight bis Boogie Woogie) drehten, eröffnete Chizhik viele der Songs des Abends. Cascaro stieg dann mal als Crooner amerikanischer Popkultur, mal als korrodierter Jazzsänger ein. Kaum einen Song meisterte er im „klassischen“ Gesangsstil. Er „verschlampte“ bewusst kunstvoll, manchmal frech die Phrasen, entertainerte sich mit viel Attitüden und stimmlich lässig durch das Programm und nahm, besonders im zweiten Teil des Abends, an Fahrt auf. Das hatte mit dem klassischen Duo Bill Evands/Tony Bennett nur weit am Rande zu tun. Statt nostalgischer Retrospektive nonkonformistische Coolness. Und zwischendurch, man kann es gar nicht oft genug betonen, beglückte Leonid Chizhik mit perlenden Läufen zwischen Swing und Bop, als verschatteter Lyriker und improvisierender Virtuose.
Jörg Konrad


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Fürstenfeld: Ab jetzt - Boulevard par excellence

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Gala Winter, Ute Hannig, Lina Beckmann © Klaus Lefebvre

Fürstenfeld. Wir wissen, dass es letztlich nicht funktioniert. Aber es reizt und fasziniert immer aufs neue: Der menschliche Roboter. Schließlich hat das emotionslose Reagieren eines Androiden so manche Vorteile. Aber die Fehlerquote in der Programmierung, oder der ungelenke Bewegungsablauf schrecken vor breiter Inbetriebnahme ab. Noch sind die als Mensch getarnten Automaten allein dramaturgischer Teil von cineastischen Science-Fiction-Spektakeln, literarischen Gedankenspielen oder eben von Theaterinszenierungen.
Mit „Ab jetzt“ gastierte gestern das Deutsche Schauspielhaus Hamburg im Veranstaltungsforum Fürstenfeld. Ein Stück, in dem ein Roboter die tragende Rolle spielt. Sein Name: Gou 300F. Geschlecht: Kommt drauf an.
Die Handlung ist einfach und schnell erzählt. Wie aus dem gestrigen, dem heutigen, mit Sicherheit auch dem zukünftigen Leben gegriffen ist Jerome (Götz Schubert), der Komponist, geschieden und darf seine Tochter nicht sehen. Zu unstet sein Lebenswandel. Also muss er seine Verhältnisse, zumindest vordergründig, ordnen. Nichts einfacher als dies. Er mietet eine Schauspielerin, die seine „Vorzeigegeliebte“ mimen soll. Nur spielt Zoe (Lina Beckmann) ihre Rolle schon während der Probe so schlecht, dass Jerome sie durch einen Androiden (Ute Hannig und Lina Beckmann) ersetzt. Der wiederum ist, wie kann es anders sein, trotz wiederholter Justierung, sträflich programmiert und bringt das gesamte Beziehungssystem durcheinander. Der Besuch von Jeromes Ehefrau (Ute Hannig), einem Sozialarbeiter (Yorck Dippe) und der Tochter (Gala Winter), die mittlerweile, oder auch vorübergehend, ein Sohn ist, endet im ordnenden Chaos.
Zugegeben, der Inhalt ist etwas fad und ohne großen intellektuellen Anspruch. Doch die Dialoge (Alan Ayckbourns) sind treffsicher und die Dramaturgie (Inszenierung Karin Beier) treibt die Verwirrung mit Hochdruck auf die Spitze. Für eine derartige Komödie sind Geschwindigkeit und Timing existenziell. Mit brillanten Slapstickeinlagen wie aus der goldenen Stummfilmära, mit gestochenen Dialogen wie in Billy-Wilder-Inszenierungen und verqueren Charakteren, die an großartige Screwball-Komödien á la Hollywood erinnern, gelingt es, dank dem gesamten Ensemble, sich sicher und präzise die Ideenbälle zuzuwerfen. Natürlich ist es vor allem Lina Beckmann, die mit ihrer trocknen, verschrobenen  und hilflos wirkenden Art das Publikum im Sturm erobert und es sofort auf ihre Seite zieht. Sie gibt dem Stück diesen sympathischen, aus der Rolle geratenen Charakter, der etwas Tragikomisches besitzt und entsprechende Lachsalven wie auch Mitleid auslöst.
„Ab jetzt“ von Alan Ayckbourns ist Boulevard par excellence. Kurzweilig und zum schreien komisch.
viktor b


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