Blickpunkt:
Echo
Echo
Inhaltsverzeichnis
Germering: Rosario Giuliani & Luciano Biondini - Rauschhaft

1

Iffeldorf: Arcis Saxophon Quartett – In funkelnder Spielfreude

2

Fürstenfeld: Bavarian Summit – Die Welt ist Tanz

3

Landsberg: Hazmat Modine - Die ganze Welt ist in Bewegung

4

Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

5

Landsberg: Die Räuber - Zerschlagen von Normen und Traditionen

6

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Samstag 23.07.2016
Germering: Rosario Giuliani & Luciano Biondini - Rauschhaft
Bilder
Bilder
Bilder
Foto Biondini: Michelle Ettlin
Germering. Als Rosario Giuliani 2001 das Album „Luggage“ herausbrachte, schien ein Star geboren. Dabei war dies die schon siebte Veröffentlichung des Italieners. „Luggage“ war aber anders als seine Vorgänger. Expressiver, virtuoser, verwegener. Wie ein Wirbelwind deklinierte der Altist das kleine und das große Einmaleins des Bop. Er stürzte sich kopfüber in die eigenen Kompositionen und die wenigen Standards. Seine orkanartigen Chorusse waren Balsam für jeden Jazzpuristen alter Prägung. Zugleich war Giuliani für kurze Zeit Richtschnur des Handelns vieler junger, nicht nur italienischer Saxophonisten, die bis dato glaubten, Jazz sei eine Art Altherrenmusik. So halsbrecherisch schön wollten auch sie klingen!
Natürlich kann Giuliani auch anders – ohne dass seine Musik dabei an Spannung einbüßt. Am Freitag war der aus der Kleinstadt Terracina, südlich von Rom stammende Instrumentalist zu Gast in Germering. An seiner Seite - der Akkordeonspieler und Landsmann Luciano Biondini. Beide spielten sich und das Publikum in eine Art Rausch und machten das 80.(!!) Konzert der Reihe „Jazz It“ zu einem besonderen musikalischen Erlebnis.
Es wurde ein italienischer Abend, in dessen Mittelpunkt Melodien von Nino Rota und Ennio Morricone standen, zwei Komponisten also, deren Soundtracks zu den eingängigsten und zeitlosesten Evergreens der Filmgeschichte gehören. „La Strada“, „La Dolce Vita“, „Once Upon A Time In America“, „Cinema Paradiso“ sind nicht zuletzt aufgrund ihrer Musik fest im kollektiven Gedächtnis verankert und oft schon mit den ersten Takten zu erkennen.
Giuliani und Biondini näherten sich von unterschiedlichen Ausgangspunkten dieser Musik. Hier der Alt- und Sopransaxophonist, vom Jazz kommend, den Jazz verkörpernd. Swing, Hardbop, Blues, alles packte Giuliani wohldosiert in die Interpretationen. Er verließ die Themen zugunsten manch abenteuerlicher Abkürzung, er hatte den Mut, die Formen aufzubrechen und zum Beispiel eine Ballade mit druckvoller Improvisation auf eine andere musikalische Ebene zu heben. Oder in dem er in langen Tongirlanden das Thema umspielte, es erweiterte, es kompensierte oder in neue Richtungen lenkte.
Auf der anderen Seite Luciano Biondini. Sein Instrument verkörpert wie kaum ein anderes einen traditionellen, volksmusikalischen Bezug. Und von dieser mehr südeuropäischen Warte aus näherte er sich den bekannten Kompositionen und hatte dabei seinen musikalischen Partner immer fest im Blick. Biondini umschiffte jede Melodienseligkeit, setzte mehr auf melancholisch-sprudelnde Poesie und erfrischende folkloristische Bezüge. Er brachte sein Instrument zum atmen, zum singen, er öffnete harmonische Räume, die wie freundliche Einladungen an Rosario Giuliani klangen.
Gemeinsam fanden sie eine transparente musikalische Sprache, in der sie sich traumwandlerisch verstanden, in der sie sich ergänzten, aber auch individuell respektierten. Der emotionale Sog, der von dieser Musik ausging, berührte wohl jeden im Saal. Besonders an diesem Abend.
Autor: Jörg Konrad
Sonntag 17.07.2016
Iffeldorf: Arcis Saxophon Quartett – In funkelnder Spielfreude
Bilder
Bilder
Iffeldorf. Das ein „einzelgängerisches Instrument“, wie Roger Willemsen das Saxophon einmal bezeichnete, sehr wohl als ein dienendes und solierendes Gruppen-Instrument eingesetzt werden kann, ist im Jazz längst kein Geheimnis. In der Klassik hingegen gibt es nicht allzuviele, die es sich trauen, diese Klangcharakteristik mal vier zu nehmen und sich damit sowohl dem Barock, als auch der Moderne zuzuwenden. Eine Gruppe junger Wilder aus München hatte diesen Mut und gründete vor Jahren das Arcis Saxophon Quartett. Mit Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon rücken Claus Hierluksch, Ricarda Fuss, Claudia Jope und Jure Knez seitdem einem breiten Repertoire zu Leibe und kreieren auf diese Art Konzerte, die in ihrer Komplexität einfach nur beeindrucken. Gestern Abend war das Arcis Saxophon Quartett zu Gast in Iffeldorf und brachte die „Konzerthalle“ vor Ort so richtig in Stimmung.
Begonnen hat alles mit Johann Sebastian Bach und dem dreisätzigen Italienischen Konzert. Wunderbar das Ineinandergreifen der verschiedenen Saxophonstimmen, das feinsinniges Spiel mit der verflochtenen Melodik. Elegant, virtuos und beseelt. Mit Alexander Glasunows Quartett für 4 Saxophone fand ein Stück Eingang ins Repertoire, das speziell für die Holzblasinstrumente geschrieben wurde. Mit großen Melodienbögen eröffnete das Quartett dieses Stück, das sich in der Folge der drei Sätze hörbar an Dvorak, Brahms, Schumann und Chopin anlehnt und damit wie eine Reise durch die Musikgeschichte wirkt.
Nach der Pause dann György Ligetis Sechs Bagatellen, die der vielleicht bekannteste Vertreter der Moderne 1953 eigentlich für ein Bläserquintett geschrieben hat. Federnd verspielt, als ein Verweis an Bartoks von ungarischer Volksmusik beeinflusste Musik, die rhythmischen Verschiebungen. Beeindruckend die dynamische Bandbreite. Erkki-Sven Tüürs Lamentatio für Saxophonquartett ist eine bewegende, minimalistische Komposition, die vom ASQ mit Zurückhaltung und berückender Hingabe umgesetzt wurde. Ein Stück voller Trauer und Dramatik.
Nachdem Adolphe Sax das Saxophon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelte, gab es  schon erste Versuche den Klang dieses durchdringenden Instruments in der Klassik zu etablieren. Hector Berlioz, später George Bizet und auch Claude Debussy bauten es in ihre Kompositionen vorsichtig, manchmal sogar als kleine Solostimme, mit ein. Seine Hochzeit erlebte das Instrument dann aber im Zeitalter des Jazz. Im Dunstkreis der verräucherten Jazzclubs begann sein eigentlicher Höhenflug. Und auf genau diese Entwicklung verwies das letzte Stück des Abends. Ein Potpourrie der bekanntesten Melodien aus der Oper „Porgy And Bess“ von George Gershwin. Hier konnte das Quartett musikalisch Vollgas geben. Jubilierend und syncopierend wurden die großen Hits wie „It Ain`t Necessarily So“ und natürlich das melancholische Wiegenlied „Summertime“ vollmundig interpretiert. Dabei wurde noch einmal der ganze kontrastierende Tonumfang der verschiedenen Saxophone lebendig deutlich und die funkelnde Spielfreude, mit der sich die vier jungen Musiker ihrer Obsession widmen. Ein Finale, das einfach begeisterte.
Autor: Jörg Konrad
Donnerstag 14.07.2016
Fürstenfeld: Bavarian Summit – Die Welt ist Tanz
Bilder
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Internationale Festivals gibt es, egal welcher Prägung, mittlerweile wie Sand am Meer. Doch was wäre eine Präsentation länderübergreifender Künste, wenn die regionale Kultur vor der Haustür bliebe? Nicht mit einbezogen würde? Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, eben, oder ein bunt gestaltetes Schaufenster ferner Horizonte, ohne jeden Bezug zur Region. Mehr nicht. Heiner Brummel weiß das und ist schlau genug, seinem ersten Dance-First-Festival auch einen heimischen Anstrich zu geben. Zumindest einen Abend lang. Und dieser Abend war gestern. Bavarian Summit vereinte im Großen Saal des Veranstaltungsforums Fürstenfeld sieben Choreographien, die einen Reigen emotionaler Befindlichkeiten tanzend zum Ausdruck brachten. Ein Feuerwerk bewegender Leidenschaften, wie man dies in einer solchen Vielfalt und Komplexität wohl nur ganz selten erlebt. Junge (internationale) Choreographen, die in und um München leben, haben die Welt in ihrer ganzen poetischen, alltäglichen wie auch erschreckenden Ausrichtung in rhythmische Körpersprache übersetzt. Moderne Ausdruckselemente, die jedoch ohne traditionelles Wissen und Können des Tanzes nicht funktionieren würden und in ihrer Gesamtheit stärker die Realität des Lebens zum Thema haben, als dies im klassischen Tanztheater der Fall ist.
Mit „Hauthunger“ von Rosalie Wanka, getanzt von Rosalie Wanka und Oriel Toledo, wurde ein „berührender“ und in den letzten Monaten starke Aufregung verbreitender Beziehungsaspekt thematisiert. Berührung steht für Kontakt, für Zärtlichkeit, für Gewalt, die sichtbar oder auch nur spürbar ist und eines der gesellschaftlich emotionalen Kommunikationsmittel schlechthin darstellt. Getanzt auf der Grundlage eines zwischen Moderne und Improvisation pendelnden Tangos. Oder in Dustin Kleins „Myopic Bounds“, getanzt von Nicha Rodboon und Jonah Cook, in dem Menschen in sich verändernden Räumen (und Bedingungen) ihren Platz suchen, ihn sich erkämpfen und erhalten müssen. Diese tänzerische Gestaltung des (seelischen) Lebens, das weit entfernt ist des gefälligen, schönen, oft berauschenden Schauspiels traditioneller Ballettaufführungen, ist Herausforderung und Faszination. Befreiung und Vielfalt kontra Verarmung in Form genormter Körpersprache.
Der Raum, das Bühnenbild und immer wieder die Musik mit ihren rhythmischen Mustern und Momenten sind Grundlage der vielen einzelnen Aufführungen. Oder die ge- und erlebte Kultur, wie in „Paradise“ des aus Ägypten stammenden Choreographen Maged Mohammed. In diesem Gruppentanz zu der Musik von Hesham Nazih, einem in Ägypten bekannten Filmkomponisten, bekam die Sehnsucht nach Glück eine tänzerisch sinnliche Form,
Es gab eine Welturaufführung von David Russo, zu der Musik des isländischen Electro- und Ambientspezialisten Olafur Arnalds oder ein wunderbares Duo von Lucia Lacarra und Marlon Dino zur Musik des Komponisten Max Richter. Fast jede Form der tänzerischen Entdeckerlust wurde an diesem Abend befriedigt. „Die Welt ist Tanz“ hätte als Überschrift die zwei Stunden passend zusammengefasst. Der Tanz, der den ganzen Körper als Träger künstlerischen Gestaltens in Anspruch nimmt, feierte gestern Abend ein berauschendes Fest.
Autor: gerhard von k
Donnerstag 30.06.2016
Landsberg: Hazmat Modine - Die ganze Welt ist in Bewegung
Bilder
Bilder
Landsberg. Reinen Jazz spielen sie nicht und den zwöf-taktigen Blues erst recht nicht. Sie sind keine Brass Band vom Balkan und kein Rock`n Roll Act aus New York. Jamaica nennen sie nicht ihre Heimat und ob sie je in Indien waren, haben wir vergessen zu fragen. Hazmat Modine klingen wie ein von Lust und Leidenschaft geprägtes Weltorchester, das sich weder obsessiv um Stilkunde bemüht, noch sich um nationale Identitäten schert. Diese Formation nimmt Musik als das, was sie im Grunde schon immer war: Als einen gefühlsbetonter Ausdruck. Nicht mehr und nicht weniger.
„Ich spiele nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Und da ich keine ernsthafte Ausbildung als Musiker hatte, geht es für mich vor allem um Gefühle. Vielleicht ist es gerade das, was die Leute anspricht“,  sagt Wade Schuman, einer ihrer Gründungsväter. Siebzehn Jahre ist es her, da suchte der Kunstdozent und Mundharmonikaspieler gleichgesinnte Mitstreiter in New York - was ihm nicht sehr schwer gefallen ist. Und das Hazmat Modine seitdem nur drei Alben eingespielt haben, spricht letztendlich für sie. Denn sie sind am Musikmarkt und seinen ausgebufften Strategien nicht wirklich interessiert. Sie wollen einzig spielen, möglichst ständig und überall. Das allein ist ihr Credo und das macht sie auch so sympathisch. Am  Mittwoch waren sie in Landsberg, zum zweiten Mal im Stadttheater. Und wenn sie auch ein wenig braver klingen und in ihrem Programm dem Mainstream gefährlich nahe kommen, hängen sie ihre musikalische Fahne noch lange nicht in den Wind.
Die spürbare Authentizität ihrer Musik ist das Ergebnis kreativer Reibung. Weil Wade Schumann und seine Band genau das als Grundsubstanz nutzen, was ihnen persönlich am besten gefällt. Und das ist eben Jazz und Blues, Balkan Brass und Rock`n Roll, Reggea und asiatisch geprägte Musik. Einwanderermusik - Auswanderermusik? Weltmusik? Multi-Kulti? Die ganze Welt ist in Bewegung (und wenn wir recht überlegen und unsere eigenen Stammbäume durchforsten, ist doch jeder von uns ebenso  Einheimischer, wie in gewissem Sinne auch Emigrant!) und wenn wir alle Vorurteile und eingeschliffenen Begehrlichkeiten beiseite lassen und uns den Anregungen von außen offen stellen, kommen wir der positiven Utopie einer Weltmusik recht nahe. Auch im Denken. Weil: „Zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen und Rassen hat der Tourismus wenig beigetragen“, wie der Schweizer Peter Rüedi in einer seiner Kolumnen so treffend schreibt. Völlig recht hat er.
Natürlich liefern Hazmat Modine keine musikethnologische Veranstaltung im Sinne der VHS. Ihre Stile und Einflüsse sind gewebt, wie ein bunter Flickenteppich, in dem auch nicht immer klar wird, was woher kommt. Wichtig ist nur, dass das Ergebnis eine Einheit findet. Und die war zu spüren - mal lauter, mal leiser, mal näher am Pop, mal ganz traditionell, mal solistisch, mal als Klangorchester. Und immer ganz im Zentrum: Wade Schuman. Singend, Mundharmonika spielend, ackernd und schwitzend den Bühnengockel gebend. Ein Schwerstarbeiter der die Dinge vorantreibt, der Musiken auflöst, abstrahiert und neu zusammensetzt. Und Spaß macht seine Arbeit allemal. Allen anwesenden.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 19.06.2016
Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Dachau: Gemäldegalerie & Neue Galerie - Im Wandel des Holzschnitt

Dachau. Der Holzschnitt gehört zu den ältesten Drucktechniken der Menschheit und ist seit Beginn des 15. Jahrhunderts ein in der Kunst angewandtes und akzeptiertes graphisches Verfahren. Im Laufe seines Bestehens hat sich seine Technik, bis auf wenige Ausnahmen, nicht wesentlich geändert. Zwar findet man immer wieder einmal individuelle Unterschiede in der Umsetzung des kreativen Schaffensprozesses. Doch letztlich bleiben die klassischen Schwarzlinien- oder Weißlinienschnitte, der Flächenschnitt oder der Holzstich in ihrer visuellen Wirkung ähnlich. Wie sich jedoch der künstlerische Inhalt und der ästhetische Ausdruck im Laufe der Zeit verändert hat, machen derzeit zwei Ausstellungen in Dachau deutlich. Mit Walther Klemm und Carl Thiemann finden in der Gemäldegalerie in der Konrad-Adenauer-Straße zwei Künstler ein Podium, die, von der japanischen Tradition des Farbholzschnitts geprägt und im Umfeld des Jugendstils künstlerisch gewachsen, sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv mit diesem Druckverfahren auseinandergesetzt haben. Demgegenüber werden in der Neuen Galerie die beiden zeitgenössischen Künstler Susanne Hanus und Jan Brokof mit Arbeiten ausgestellt, die ebenfalls auf der Grundlage des klassischen Holzschnitts entstanden sind, aber in der Umsetzung eine völlig andere Herangehensweise zeigen. Zwischen beiden Entstehungsperioden liegen ca. 100 Jahre - eine reizvolle Gegenüberstellung.
Walter Klemm (geb. 1883) und Carl Thiemann (geb. 1881) stammen beide aus Karlsbad, wo sie sich zwar kannten, aber unabhängig voneinander ein Kunststudium aufnahmen. Klemm in Wien, Thiemann ging nach einer Ausbildung zum Kaufmann nach Prag, an die dortige Kunstakademie. 1905 trafen sie sich dann zufällig in Prag und spürten sofort eine künstlerische Seelenverwandtschaft. Sie tauschten intensiv ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus, suchten sich gemeinsam ein Atelier und arbeiteten anschließend erfolgreich miteinander. Drei Jahre später zogen sie unweit der Kunstmetropole München in die Dachauer Künstlerkolonie und mieteten wiederholt ein Atelier. Doch der Zenit ihres künstlerischen Miteinanders schien überschritten. Sie fanden in der Folgezeit immer weniger Bezug zueinander, vielleicht als das Ergebnis des vorherigen, zu engen künstlerischen Austauschs. Walter Klemm nahm 1913 in Weimar eine Professur an der dortigen Kunsthochschule an, womit die gemeinsame künstlerische Schaffensphase endgültig beendet war.
Bei den in Dachau ausgestellten Arbeiten werden besonders die handwerklichen Kunstfertigkeiten deutlich, die beide in ihren Arbeiten auf der Basis von Studien und Experimenten zur Vollendung führten. Die ausgewogenen Kontraste zwischen groben, fast derben Flächen und differenziert ausgearbeiteten Feinheiten; das korrelierende Wechselspiel von Licht und Schatten; die zum Teil intensive farbliche Gestaltung - all dies trägt zu einer ganz besonderen, illustrierenden Ästhetik bei. Bei einigen der Blätter sind starke Ähnlichkeiten untereinander zu erkennen, die sich erst bei genauerer Betrachtungsweise etwas auflösen. Die von beiden geliebten Tiermotive, besonders bei Klemm machen sich seine intensiven Studien im Tierpark von Schönbrunn bemerkbar, stehen häufig im Mittelpunkt.
Susanne Hanus (geb. 1975) erzählt in ihren in der Dachauer Neuen Galerie ausgestellten Arbeiten Geschichten. Ineinandergreifende, vielschichtige bildhafte Erzählungen, alptraumartig, skurril, metaphorisch. Ihre „Holzschnitte“ verzichten bewusst auf jenen Modellcharakter, wie er den Blättern von Klemm und Thiemann zu eigen ist. Die großflächigen Arbeiten, überwiegend in Holz geschnitten und die einzelnen Tafeln wie ein Paravent zusammengesetzt, ähneln Reliefs, oder Holzgravuren. Sie dienen nicht als Druckstöcke, sondern sind Unikate, deren Vervielfältigung nicht beabsichtigt ist. Sie ermöglichen Deutungen, spielen mit Verweisen und Zitaten und wirken, auch in ihren schwarz-weiß Kontrasten, ungemein lebendig. Manche ihrer Bilder setzen sich wie Mosaike zusammen, wobei die Frage im Raum steht, ob es hier nicht noch Fortsetzungen gibt. Susanne Hanus stammt aus Berlin und hat in Dresden (HfBK), München (Akademie der Bildenden Künste) und Glasgow studiert. Auf die Frage, wie sie ihre Werke mit nur drei Worten beschreiben würde, antwortete sie im letzten Jahr: „Horizonte, Hindernisse, offen“.
Bei Jan Brokof (geb. 1977) steht deutlicher als bei allen anderen Künstlern, die eigene Sozialisation im Mittelpunkt. Er stammt aus Schwedt an der Oder. Die Einwohnerzahl der Stadt in der Uckermarck hat sich in den 1950er bis in die 1980er Jahren von 6.000 auf über 50.000 erhöht. Dieses Wachstum ist der bahnbrechenden Erdölindustrie jener Jahre zuzuschreiben, die in den Randbezirken Schwedts riesige Neubausiedlungen hat entstehen lassen, die heute, nachdem die Einwohnerzahl um über 20.000 gesunken ist, durch Leerstand und Verfall gekennzeichnet sind. Die „Platte“ ist das Hauptthema der in Holzschnitttechnik entstandenen Arbeiten Brokofs. Die triesten, eintönigen Fassaden scheinen sich besonders für dieses graphische Verfahren zu eignen. Einige Ausschnitte vergrößert und in unterschiedlichen Grautönen dargestellt, wirken wie archaische Muster, wie Zeichen oder Symbole aus einer archaischen Kultur. Brokof stellt in Dachau auch eine Installation unter dem Titel „Problemviertel“ aus, deren realistische Umsetzung als ein Lebensort der Verlierer gesellschaftlicher Entwicklungen bedrückend wirkt. Überhaupt wird deutlich, wie sich die Ausstellung „Aussen- und Innenansichten“ in der Neuen Galerie Dachau mehr zeitbezogenen Themen stellt und dabei eine stärkere soziale Komponente zum Ausdruck bringt. Aber gerade dieser spürbare Kontrast fordert heraus und macht die beiden Ausstellungen in ihrer Gesamtheit so spannend.
Jörg Konrad



WALTHER KLEMM UND CARL THIEMANN
- ZWEI MEISTER DES FARBHOLZSCHNITTES
Gemäldegalerie Dachau
Konrad-Adenauer-Str. 3
85221 Dachau
Ausstellung noch bis 15. August 2016


AUSSEN- UND INNENANSICHTEN
HOLZSCHNITTE VON JAN BROKOF UND SUSANNE HANUS
Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau
Ausstellung noch bis zum 17. Juli 2016
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 08.06.2016
Landsberg: Die Räuber - Zerschlagen von Normen und Traditionen
Bilder
Bilder
Bilder
Landsberg. „Karl Moor faszinierte mich ungleich mehr als Old Shatterhand, seine Räuber mehr als alle Indianer Karl Mays“. So konnte sich nur einer aus der deutschsprachigen Kritikergilde über Klassiker auslassen: Marcel Reich-Ranicki. Diese Satz ist Teil seiner Biographie „Mein Leben“ und stammt gedanklich aus einer Zeit, als er 1932 erstmals „Die Räuber“ las. Da war der später geliebt wie gefürchtete Literaturpapst zwölf Jahre alt. Uraufgeführt ist dieses, Friedrich Schillers erstes Bühnenstück, einhundertfünfzig Jahre früher. Und bis heute ist die Inszenierung eine Herausforderung für jeden Regisseur geblieben. Herausforderung, weil Die Räuber zu jeder Zeit nach einer Interpretation schreien. Nicht selten waren die Inszenierungen dann aber entsprechend der Erwartungshaltung überbordend kopflastig, mit Bezügen zur Moderne, die mehr auf- als anregten. Nun also das Tübinger Landestheater mit einer Aufführung unter der Regie von Christoph Ross am gestrigen Dienstag in Landsberg. Und natürlich ist auch bei ihm der Zeitgeist nicht spurlos vorübergegangen. Warum sollte er auch? Gruppen von pubertierenden, rivalisierenden, identitätssüchtigen Jungmännerhorden gibt es auch heute. In grenzenlosen Zeiten ziehen sie gewaltbereit durch die Ghettos, durch den Kiez, durch die Wälder, suchen scheinbare Gerechtigkeit und ertrinken in Streit und Entladung. Sie verletzen juristische Grenzen, begehen im Kampf gegen das Unrecht neues Unrecht und scheren sich nicht um die Pein ihrer Opfer.
Zwei Brüder, Karl und Franz, rivalisieren bei Schiller um die Gunst des Vaters und die Gunst der Liebsten. Hier geht es aber weit mehr als um Anerkennung und Akzeptanz. Schiller geht es um die sinnstiftende Frage, sich zwischen individuellem Glück und gesellschaftlichem Anspruch zu entscheiden, ja sich zu positionieren. Aber erst nach dem Ausbrechen, nach der Zerschlagung von Normen und Traditionen - auf der Grundlage von persönlichen Enttäuschungen, dem Hauptmotiv des „Sturm und Drang“. Es ist der moralische wie tatkräftige Kampf zwischen Emotion und Intellekt.
Christoph Ross setzt die Handlung mit einfachen bühnentechnischen Mitteln um. In dieser Inszenierung geht es nicht um knallig bunte Effekte. Alles bewegt sich vor, um und auf einer großen Holzwand.
Ross konzentriert sich vordergründig auf den Konflikt, der seit Menschheitsbestehen die Zivilisation entzweit und letztendlich in Gewalt endet. In Michael Ruchter (Franz Moor) und Thomas Zerck (Karl Moor) agieren zwei Schauspieler, die diese Kontroverse auch körperlich spürbar machen. Ihr Zwist wird zum Machtkampf, dem Menschen geopfert werden und an deren Ende die überlebenden Protagonisten vor einem fraglichen Glück stehen. Großartig agiert Lukas Umlauft (Spiegelberg), der Gegner Karl Moors in dessen Räuberbande. Mit den einfachen Mitteln der Rhetorik verkörpert er mit seinem Gaunerhumor das Böse, das Unberechenbare, jenes schlafende Monster, das, ist es einmal erweckt, mit zivilisatorischen Mitteln nicht mehr gebremst werden kann. Überhaupt ist diese schwungvolle, dynamische Inszenierung auf die Charaktere abgestimmt. Ross hält hervorragend die Waage zwischen Original und Zeitgeist und macht mit weniger (Effekt) weit mehr (Inhalt).
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.