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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Alejandra Ribera - Vokale Lichtträume und Dämmerzonen

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Maisach: Peter Finger - Überbordene Musikalität

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Puchheim: 2 Tage Blues im PUC – Pure Musikalität

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Landsberg: Und dann kam Mirna – Verwirklichung sieht anders aus

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Landsberg: Wie im Himmel – Eine Art Therapeutikum

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Landsberg: Eivind Aarset – Ein irdisches Vergnügen

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Montag 27.03.2017
Landsberg: Alejandra Ribera - Vokale Lichtträume und Dämmerzonen
In Kanada, ihrer Heimat, ist sie längst ein Star. In Europa ist sie auf dem besten Weg dorthin: Alejandra Ribera, eine Sängerin mit Charisma und immenser Wirkung. Am letzten Samstag war sie in Freiburg, am Montag in der Wiener Sargfabrik. Am Sonntag hatte die Tochter eines argentinischen Vaters und einer schottischen Mutter einen Zwischenstopp im Landsberger Stadttheater eingelegt. Gut eineinhalb Stunden Songwriting auf höchstem Niveau, feinfühlig, poetisch, bodenständig.
Alejandra erinnert in vielem was sie singt an die großen Geschichtenerzähler-/innen im Grenzbereich von Jazz, Pop, Blues und Folk. Namen wie Joni Mitchell, Rickie Lee Jones oder Chris Whitley geistern am Abend durch den Saal. Aber man würde der Kanadierin nicht gerecht werden, würde man sie als eine Nachahmerin ihrer persönlichen Favoriten abstempeln. Dafür steckt viel zu viel eigenes Potenzial in dieser faszinierenden Persönlichkeit.
Ihr Repertoire besteht zum Teil aus Songs ihres ersten Albums „La Boca“, das vor über einem Jahr auch in Deutschland erschien. Der andere Teil sind neuen Kompositionen, die Mitte Mai auf ihrer neuen CD „This Island“ zu hören sein werden. Live wirkt das Programm emotionaler, beschwörender. Da sind diese Alltagserlebnisse, die von Alejandra in kurze musikalische Geschichten verpackt werden. Es sind keine Moritaten, dass heißt, wer die Läuterung, oder den klassischen Zeigerfinger unter dem Motto „Du sollst nicht!“ erwartet, sucht vergebens. Eher sind es Zustandsbeschreibungen von Alltagsituationen, die auch wie eine behutsame Erinnerungsarbeit wirken. Sie setzt ihre wandelbare Stimme zeitweise instrumental ein, haucht und flüstert die gebrochenen Seelen ihrer Songs in den Raum, gibt ihnen eine Stimme, ohne in Larmoyanz zu verfallen. Oder sie formt mit ihrer kehligen Stimme einen vor Intensität berstenden Song, der tief unter die Haut geht, aufwühlt, ergreift. Dabei kleidet sie manche Situation in mythologische Gewänder, oder nutzt unwirklich erscheinende Inspirationsquellen, oder, als sie in Frankreich lebte, Gefühle des Heimwehs: „Nachdem ich bereits ein Jahr lang in Frankreich gelebt hatte, begann ich, kleine Hymnen der Dankbarkeit zu schreiben und hörte Choräle in meinem Kopf. Ich glaube, dass ich mit ihnen unbewusst meine Stimmungen anhob, wenn ich Heimweh hatte.“
An ihrer Seite hat Alejandra mit Jean-Sebastien Williams (Gitarren) und Cedric Dind-Lavoie (Bass, Klavier) zwei Musiker, die fast andächtig begleiten, die ihre instrumentalen Fertigkeiten zurückfahren, sich beschränken. Es sind harmonische Tupfer, die sie setzen, melodische Umschreibungen, rhythmische Minimalismen. So entstehen instrumentale Räume, die kaum mehr möbliert sind. Diese Begleitung rückt die vokalen Lichtträume und Dämmerzonen Alejandras noch stärker in den Mittelpunkt, geben ihr noch mehr Intimität, Verantwortung und Ausdruck. Unkonventionell ist dieses, aber wirkungsvoll. Das klingt so magisch wie auch exotisch.
Alejandra Ribera ist in erster Linie Künstlerin und ihr Herz schlägt für alles was sich im kreativen Bereich des Lebens abspielt. Sie hat sich eine eigene Welt geschaffen, sich in ihr eingerichtet und ist glücklich über jeden, der sie hier besucht. Verstörend schön das alles.
KultKomplott
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Samstag 18.03.2017
Maisach: Peter Finger - Überbordene Musikalität
Maisach. Irgendjemand schrieb einmal, Gitarristen seien ganz besondere Charaktere. Wie das inhaltlich und wer genau damit gemeint war, ist schwer zu sagen. Vielleicht lag ja etwas Spott in dem Statement, vielleicht war es nur Besserwisserei. Hätte es sich aber um Peter Finger gehandelt, dann ginge es mit Sicherheit um Respekt und Hochachtung. Denn seine Kunst, das Saiteninstrument zu spielen, vermittelt Ehrfurcht. Zugleich sind seine „Fingerübungen“ zeitweise von einer persönlichen Zurückhaltung, die die höchste Bewunderung verdient. Wenn das Anliegen der Reihe „Beer & Guitar“ in Maisach also ist, die besten Gitarristen der Welt in den Räuber Kneißl Keller zu locken, dann war Peter Fink am gestrigen Abend zu recht an diesem Ort.
Nicht nur, dass der heute in Osnabrück lebende in spieltechnischer Meisterleistung über das Griffbrett fliegt. Er kann auch mit Nuancen umgehen, Idyllen beschwören und flüchtige Impressionen wecken. Doch er kann eben auch wie ein virtuoser Hurrikan auftrumpfen, dabei an Country, Jazz, Folk und ländlichem Blues entlangschrammen, ohne Schaden zu nehmen oder zu hinterlassen. Und da ihm die populären Stilrichtungen für seine überbordene Musikalität etwas zu eng sind, nimmt er die Klassiker, oder wenigstens einen Teil von ihnen, in sein Repertoire mit auf. Da durchfließen seine Kompositionen Zitate von Frederic Chopin (übrigens ein weit entfernter Verwandter der Fingers, wie der Gitarrist erzählte), leuchtet ein Motiv von Cesar Franck mit auf und ein Violin-Solo von Johann Sebastian Bach hat er gleich ganz für die Gitarre transkribiert. Hinzukommen Verweise auf südamerikanische und afrikanische Musik, die ihn letztendlich als einen Kosmopoliten unter den Gitarristen ausweisen.
Diese Fülle an musikalischen Ein- und inhaltlichen Ausdrücken macht zeitweise schwindlig, sprengt jedes feste geschmackliche Raster. Auch von seinem Publikum verlangt Finger aufgrund dieser Vielfalt manches ab. Doch all diese Vielfalt bündelt er in seiner Persönlichkeit. Oder anders ausgedrückt: Wie ein menschgewordener Katalysator schluckt er all die Musikalität dieser Welt und bringt sie auf einen Nenner, auf seinen Nenner. Und dann sage noch einmal jemand, Gitarristen seien ganz besondere Charaktere. Wahrscheinlich haben sie recht.
KultKomplott
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Sonntag 12.03.2017
Puchheim: 2 Tage Blues im PUC – Pure Musikalität
Puchheim. Zwei aufeinanderfolgende Tage Blues! Nicht in der Großstadt, nein, sondern vor den Toren der bayrischen Landesmetropole, in Puchheim. Was schon im letzten Jahr zu einem Publikumsrenner avancierte, sprengte 2017 noch einmal alle Erwartungen. Nicht nur die der Veranstalter! Der Grund hierfür mag einfach sein: Blues ist authentisch, Blues ist ein Lebensgefühl, Blues ist Musikalität pur.
Am Freitag war mit der aus Ungarn stammenden Màtyàs Pribojszki Band eine der momentan angesagtesten europäischen Formationen zu Gast im PUC. Im Mittelpunkt: Frontmann Pribojszki mit seiner Blues Harp. Seine Musik nennt er Bluesy Music und der Ungar erklärte in einem Interview: „Es ist eine Mischung aus traditionellem und zeitgenössischem Blues, Swing, Soul, Funk und Groove. Denn ich liebe all diese Stile und ich wollte meinen eigenen Weg, meinen eigenen Sound, meine eigene Stimme und meinen eigenen Stil finden“.
Zudem gastierten, wie auch im letzten Jahr, das unvergleichliche Duo Black Patti, mit seinem archaischen Country Blues. In Peter Crow C von Black Patti hat das kleine Puchheimer Festival auch seinen stilsicheren künstlerischen Leiter des Festivals. Alles drehte sich in seiner Zusammenstellung des Programms um das kleinste Instrument im Blues, um die Mundharmonika.
Mit Dieter Kropp war am gestrigen Samstag ein absoluter Virtuose in Puchheim zu Gast. Der in Detmold lebende Kropp ist ein unnachamlicher Meister auf seiner Hohner und ein Instrumentalist, der als Solist in den unterschiedlichsten Formationen auftritt. Gestern war er im Duo mit der deutschen Bluesinstitution Abi Wallenstein zu erleben. Beide brachten mit ihrer archaischen Spielweise, den schwungvollen Boogies und ihren herzzerreißenden Balladen das ausverkaufte PUC zum schäumen. Als zusätzlichen Gast präsentierten die beiden den Lokalmatadoren Ludwig Seuss am Piano.
Anschließend gab es Soul und Rhythm & Blues mit San2 & His Soul Patrol. Kopf der Band Daniel Gall aka San2 ist Sänger und Bluesharp-Spieler und Einheizer der Formation. Ihre Musik groovt kräftig und erinnert in vielen Momenten an die vergangene Motown-Ära, als in Detroit noch die großen Soulklassiker produziert wurden. Eine musikalische Zeitreise, flankiert von Pop und Jazz.
Blues in Puchheim ist mittlerweile ein fester Programmpunkt im Terminkalender der Bluesgemeinde. Vom Publikum begeistert aufgenommen zeigte auch der siebte Jahrgang, dass diese Musikform nie out war, sondern auch nach weit über 100 Jahren ihres Bestehens mit ihrer Frische und Erfahrung die Menschen berührt und für positive Stimmung sorgt. Auf denn, zum 8. Jahrgang 2018.
KultKomplott
 
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Samstag 11.03.2017
Landsberg: Und dann kam Mirna – Verwirklichung sieht anders aus
Maxim Gorki Theater Berlin:

Und dann kam Mirna – Verwirklichung sieht anders aus

Landsberg. Nein, die Texte von Sybille Berg sind weder übermäßig radikal noch irgendwie feindselig. Dafür ist deren Inhalt viel zu real. Wenn schon, dann sind sie eindeutig und konsequent. Vielleicht, ja, ein wenig provokant. Ansonsten konsequent und bis zum Schluss gedacht. Sicher, Sätze können schmerzen und manche Illusionen wie dünne Seifenblasen platzen lassen. Eine Illusionsmaschine funktioniert anders. Aber die wollen wir auch gar nicht – weil die nichts und niemandem hilft. Zudem zeigt diese Art der Auseinandersetzung Wirkung! Sagen wir es ehrlich: In den letzten zehn Jahren ging wohl kaum jemand faszinierender mit der deutschen Sprache um und mit der Realität draußen vor der Tür.
Auch „Und dann kam Mirna“, dem neuen Stück von Sybille Berg, inszeniert vom ruhmreichen Berliner Maxim Gorki Theater und gestern in Landsberg als Gastspiel aufgeführt, ist so ein Abbild der Realität – das uns helfen kann, manches besser zu erkennen. Vielleicht auch zu verstehen. „Und dann kam Mirna“ ist eine Fortsetzung von „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das (vor zwei Jahren) ebenfalls in Landsberg ein Podium fand.
Eine neue Gedankenwelt entwerfen die vier Mädchen im bekannten Sprechchor nicht. Der einstige Vorsatz, schon lang ist`s her, nie zu werden wie die „Alten“, ist vergessen. Nun sind sie die „Alten“, oder besser, älter geworden. Sie haben ein Kind bekommen (Mirna) und das einstige Leben, mit dem Trugschluss, der Mittelpunkt der Welt zu sein, ist der grauen Wirklichkeit gewichen. Die Angst, zu werden wie der Rest, bestimmt das Leben. Das eigene Kind provoziert – so wie sie einst selbst provozierten. Heute eben in rosa. Mutter sein ist ätzend. Nichts von wegen heile süße Welt. Der Alltag ist erbarmungslos. Auch die Flucht in endlos-Diskussionen um Frauenquote und Kulturkanon - alles Scheindebatten. Selbstverwirklichung sieht anders aus. Ja, Nachwuchs gebären ist verantwortungslos, in unserer Zeit! Alles leere Hülsen. Und dann kommen, nach den anstrengenden wie vergeblichen Versuchen, wenigstens etwas von „früher“ wieder aufleben zu lassen, sentimentale Gefühle. Aber die emotionale Umarmung mit den Kindern will einfach nicht gelingen ….. . Es ist alles genau wie damals – nur anders.
Sebastian Nübling hat das Stück, ähnlich dem ersten Teil, mit Tempo und Witz inszeniert. Humor, der manches Mal im Halse stecken bleibt, letztendlich aber heilsam ist. Hier gibt es keine Moral, bei wenig Bühnenbild (Magda Willi, Moïra Gilliéron). Dafür beeindruckende Choreographien (Tabea Martin) und flotter. Und es ist wieder ein Stück, bei dem kein einziger Name des Ensembles hervorgehoben werden sollte, weil das Ganze als eine superbe Ensembleleistung glänzt. Keiner oder alle, als da wären: Sarah Böcker, Aydanur Gürkan, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Nilu Kellner, Cynthia Micas, Fée Mühlemann, Amba Peduto, Zoé Rügen, Marie Carlota Schmidt, Çiğdem Teke, Annika Weitzendorf (eben samt jener „Mirna“, die am Freitag aus gesundheitlichen Gründen nicht in Landsberg sein konnte).
„Und dann kam Mirna“ ist (ja, auch frustrierende) Bestandsaufnahme. Was bleibt - könnte man am Ende fragen. Auf jeden Fall ein Theaterabend, der mehr ist als Spektakel und den Paradigmenwechsel im Denken zumindest vorbereitet.
KultKomplott




Im folgenden Kritik auf KultKomplott von „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ vom 05. März 2015


Landsberg: Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen – Voller Sehn- und Rachsucht

Landsberg. Um mit Inhalten zu punkten, ist tüchtig Radau die beste Strategie. Das war schon bei Botho Strauß so, bei Elfriede Jelinek nicht anders und erst recht bei Claire Goll. Aber geht es nun um Inhalte oder um obszönes Skandalisieren? Ist das Stück ernstzunehmende Gesellschaftskritik, einfach eine fröhliche Spaßrunde, oder schonungslos entlarvende Satire? Was tatsächlich dran ist an „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ wird vielleicht erst später deutlich, wenn sich all die Wogen der ersten Entrüstung und euphorischen Begeisterung gelegt haben. Entweder ist Sibylle Bergs Vorlage ein mächtiges Wetterleuchten am Horizont, das sich letztendlich nur als laues Lüftchen entpuppt. Oder es läutet, nach dem Ordnen all der verwirrten Gefühle, einen Paradigmenwechsel im Denken ein. Wir werden sehen.
Worum geht es aber in der von Sebastian Nübling an der Berliner Maxim Gorki Bühne inszenierten Theater-Provokation, die gestern als Gastspiel am Landsberger Stadttheater zu sehen war? Eine eigentliche Handlung, im klassischen Sinn, bietet das Stück erst einmal nicht. Vier Mädchen im Schlabberlook als ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das Pendant zu unserer Erwachsenenwelt. Sie monologisieren im Quartett, als Hyperactive Kids. Voller Energie und ohne Ziel. Zwischen Gruppenzwang und Identitätskrise.
Ob sie es sich zu leicht machen? Natürlich nicht. Sie haben es weitaus schwerer als manch andere Generationen. Da konnte man mit den einfachsten Dingen noch provozieren. Einen Friseurtermin ausgelassen und schon gab es das schönste Spektakel mit der Erwachsenenwelt. Aber heute? Überall Wohlstand, Toleranz, aber verkümmerte Emotionen. Ritzt man sich oder schlägt man zu?
Der Baseballschläger wird zur Waffe, Yoga ist Therapie, Shoppen wie Drogenrausch, saufen bis der Nabel glänzt und immer wieder kotzen. Alles nur Klischees? Natürlich, die Welt ist voller Klischees – und bipolar! Auch diese (nur scheinbare) Coolness ist ein Teil von ihr. Es ist, als hätten die unglücklichen Vier ihre Gefühle nicht im Griff, als sei Provokation das einzige Kampfgerät das ihnen bleibt. Desillusioniert und zornig, rivalisierend und voll stiller Traurigkeit. Die Verlockungen und Ablenkungen ihrer Welt sind Fluch und Segen gleichermaßen. Sich zwischen Liebesentzug und Handy einzurichten endet zwangsläufig im Chaos.
Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas spielen diese vier Mädchen voller Sehn- und Rachsucht. Der Text, der gespickt ist mit psychologischen Fallstricken und rotzgörenhaften Szenen, wird zu ihrem ureigenen Manifest. Ihre Glaubwürdigkeit erschreckt, ihre körperliche Fitness beeindruckt, ihre Virtuosität im Abruf von Affekten ist gewaltig. Prompt gab`s  die Ehrung als Bestes Theaterstück des Jahres 2014. Zu recht – und gestern schon in Landsberg. TILL (Freunde des Stadttheaters Landsberg e.V.) machts möglich.
joerg k
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Sonntag 26.02.2017
Landsberg: Wie im Himmel – Eine Art Therapeutikum
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Landsberg. Die Welt ist Klang – möchte man ausrufen. Sicher, viele haben es schon immer gewusst. Einigen wurde es vielleicht während der Aufführung ganz plötzlich klar. Und wer am gestrigen Abend in Landsberg nicht zu dieser Erkenntnis kam, der war mit Sicherheit auch nicht im hiesigen Stadttheater. Denn hier wurde die Inszenierung „Wie im Himmel“ von Dominik Wilgenbus und Jochen Schölch gegeben, gespielt vom Ensemble des Münchner Metropoltheaters. Ein Stück, das vor über zehn Jahren erstmals als Film für Aufmerksamkeit sorgte.
Die überarbeitete Version hat dem Stoff rundum gut getan. Denn die Bühnenfassung zeichnete sich gegenüber der filmischen Umsetzung durch Reduzierung und beherzten Schwung aus. Mit einfachsten Mittel wurde in Szene gesetzt, was für dieses Stück am wichtigsten ist: Die Musik. Symbolhaft stand hierfür ein Flügel - mitten auf der Bühne. Der Flügel als Taxi, als Bett, als Theke, als Schuppen. Das Instrument als Metapher für alles, was zum Leben gehört. Und rund herum - Spiel, Lust verströmendes Theaterspiel.
Aber worum geht es? Ganz einfach: Stardirigent Daniel entschließt sich, nach einem körperlichen Zusammenbruch während eines Gastspiels, die Hektik des künstlerischen Alltags gegen die Ruhe und (scheinbare) Versonnenheit des Landlebens einzutauschen. Er zieht in die Heimat seiner Kindheit – wo er von niemandem erwartet, aber doch auch wiedererkannt wird. Und natürlich geht diese Art des Rückzugs nicht gut. Denn romantisch ist es auf dem Land nur während des Urlaubs. Für alle anderen kann die Enge eines Dorfes zum Martyrium werden.
Daniel wird den Kirchenchor leiten und über diese Arbeit die einzelnen Menschen in ihrer seelischen Not, ihren intimsten Wünschen, auch mit ihren charakterlichen Schwächen kennen lernen. Fast niemand, der nicht in seiner Biographie gefangen wäre und kaum einer, der sich mutig gegen die menschlichen Verfehlungen seiner Nachbarn stellt.
Ohne es wirklich anzustreben, rutscht Daniel in die Rolle des eigentlichen Seelsorgers, der die Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit annimmt, sie fordert und fördert und nebenbei auch noch zu sich selbst findet. Dieses Verhalten ruft in der Hierarchie des Ortes natürlich Begehrlichkeiten hervor, erzeugt Neid und Missgunst, auch Hass und Gewalt. Daniels Aufgabe wächst ihm mit der Zeit über den Kopf, die bisherige Ordnung scheint in Anarchie zu kippen. Wäre da nicht seine getreue Verbündete, die Musik. Sie wird zur Aufgabe und zum Ziel aller. Sie schafft Nähe und Gemeinschaft. Eine Art Therapeutikum, das als eine Energie spendende, eine lebensbejahende, wie auch motivierende Kraft vereint,.
Das besondere an der Inszenierung des Metropoltheaters ist die grandiose Ensembleleistung. Jeder einzelne der Schauspieler ist wichtiger Teil des dramaturgischen Geschehens. Es gibt im Grunde weder Haupt- noch Nebenrollen, da erst die hingebungsvoll gespielten Einzelfiguren mit ihren angerissenen Schicksalen für das überzeugende Gesamtergebnis sorgen. Man spürt eine Lust und einen Spaß an der Präsentation des Stoffes, die virulent auf das (begeisterte) Publikum übergehen. Es bleibt die Erkentniss: „Musik ist nicht nur das eigentliche große Objekt des Lebens, sie ist dieses Leben selbst.“ (Hazrat Inayat Khan)
KultKomplott
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Sonntag 19.02.2017
Landsberg: Eivind Aarset – Ein irdisches Vergnügen
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Landsberg. Seine musikalischen Ambitionen sind so vielfältig, wie die Fjorde seiner norwegischen Heimat. Rock`n Roll, Electro, akustischer Jazz, Pop – alles hat er gespielt und doch wird er immer wieder mit dem imaginären nordischen Sound in Verbindung gebracht. Gibt es den tatsächlich? Oder ist er nur eine mediale Erfindung?
Gestern war Eivind Aarset in Landsberg und was er mit seiner Band Live auf der Bühne geboten hat, war ein Konzert, das unterschiedliche, auch gegenläufige Ideen miteinander in Beziehung brachte. Der Norweger als ein Visionär, der ganz individuellen Klangvorstellungen folgt und dabei Bereiche in der Musik als unberührte Areale entdeckt, ähnlich den großen Polarforschern seiner Heimat.
Aarset ist, obwohl von keinem geringeren als Jimi Hendrix gitarristisch infiziert, keiner jener virtuosen Hundertmeterläufer, die das Griffbrett ihres Instruments für wieselflinke Fingerübungen nutzen. Der in der Gemeinde Grobak bei Oslo geborene Gitarrist hat sich im Laufe seiner Entwicklung auf Sounds spezialisiert, die er mit instrumentalen Spielereien und intellektuellen Ansprüchen auffrischt. Seine einstige Heavy-Attitüde hat er nicht gänzlich abgelegt. So klingen seine introvertierten Melodielinien neben der Transparenz auch kraftvoll, manchmal sogar kraftmeierisch, als bringe einer sein Instrumentarium mit Starkstrom zum glühen! Seine Offenheit und Toleranz (ein Wort, das in der heutigen verrückten, „postfaktischen“ Welt, mit Schwäche gleichgesetzt wird – wie töricht) sprengen Grenzen und Befindlichkeiten und schaffen neue musikalische Ansätze.
Zudem hatte Eivind Aarset in Landsberg noch einige Landsleute um sich geschart, deren irrsinige Grooves die Aggregatzustände der Musik immer neu wechseln. Erland Dahlen (Schlagwerk), Wetle Holte (Sxchlagzeug, Electronic) und Audun Erlien (Bass) füllen die Ideen Aarsets auf, potenzieren sie und platzieren den Gruppensound manchmal in die Nähe von heute kaum noch existenten Stahl- und Walzwerken. Ihre ständigen Steigerungen der Intensität ihrer Musik verdichten die Dramaturgie, ohne ihr die Luft zu nehmen. Sie sind aber auch in der Lage, abrupt innezuhalten und die Band plötzlich wie ein dahingleitendes Traumschiff oberhalb des Horizonts schweben zu lassen. Der imaginäre Soundtrack einer Inszenierung von Aki Olavi Kaurismäki? Oder doch eher in Richtung „Albatros“ von Peter Green aus dem Jahr 1968 zielend?
Und was ist nun mit dem nordischen Sound? Er ist am ehesten eine Synthese aus Genügsamkeit und Melancholie. Genügsam – nicht was den musikalischen Anspruch betrifft, sondern im Bezug auf die nordländische Mentalität. Die ist eben weniger, oder sagen wir anders heißblütig, als die des Südens. Sie speist bei Skandinaviern die eigene Melancholie. Zudem ist die Jazzszene in Schweden, Norwegen, Finnland überschaubar. Die Musiker kennen sich untereinander, kommunizieren miteinander, beeinflussen sich so und sind auf diese Weise mehr bei sich.
Das hat nichts mit ihrer (scheinbar unstillbaren) Lust und ihrem Anspruch auf dynamische Kontraste zu tun, den unterschiedlichen Bewusstseinszonen und Gefühlslagen, dem ihre Musik letztendlich vollauf gerecht wird. Insofern ist der nordische Sound ein ethnisches Phänomen und im Fall des Auftritts von Eivind Aarset in Landsberg zugleich ein irdisches Vergnügen.
KultKomplott
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