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Germering: Hans-Jürgen Schaal und 10 Jahre JazzIt!

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Fürstenfeld: Russell Maliphant Company - Einsamkeit und Gruppenrausch

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Fürstenfeld: Tango Transit – Mitten im prallen Leben

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Landsberg: Sokratis Sinopoulos Quartet - Erhabenheit und Temperament

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München: Brötzmann plus ….. - Voller Kraft und Lust

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Gilching: Matthias Bublath – Schwarz-weißer Tastenzauber

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Dienstag 04.07.2017
Germering: Hans-Jürgen Schaal und 10 Jahre JazzIt!
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In diesem Jahr kann die in der Germeringer Stadthalle präsentierte Musikreihe „JazzIt!“ auf ihr zehn jähriges Jubiläum zurückblicken. Hans-Jürgen Schaal ist vom ersten Konzert an deren künstlerischer Berater. Fast 90 Band mit über 300 Instrumentalisten aus der Jazz-Szene waren seitdem in Germering und haben den Namen der Stadt vor den Toren Münchens weit hinaus in die Welt getragen. Dass mit den Musikern aus 20 Ländern und vier Erdteilen in der Vergangenheit auch jedes Mal ein Stück Internationalität nach Germering einzog, sei nur am Rande erwähnt. Ein derart hochkarätiges Programm hat über diesen Zeitraum manche Großstadt nicht zu bieten.
1981 begann Hans-Jürgen Schaals publizistische Tätigkeit mit einem Beitrag für das Jazzpodium/Stuttgart unter dem Titel „Der wiedergeborene Dionysos“. Seitdem schreibt er für unterschiedlichste Zeitschriften (u.a. Jazzthetik, Fidelity, Jazzthing, Clarino), hat Bücher herausgegeben ("Stan Getz", "Jazz-Standards"), Bücher übersetzt ("Louis Armstrong", "Jazz Seen") und moderiert seit Jahren für den WDR und SWR erfolgreich eigene Radiosendungen. Seit 2014 schreibt Hans-Jürgen Schaal einmal monatlich auch für KultKomplott.


KultKomplott: In diesem Jahr kann die Reihe JazzIt! in der Stadthalle Germering auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblicken. Aki Takase, die japanische Pianistin mit Wohnsitz Berlin, eröffnete im April 2007 mit ihrem Quintett den Konzertreigen. Noch 2017 wird das 90. Konzert der Reihe stattfinden (Max Hacker Trio am 15. Dezember). Was, glaubst Du, macht den Erfolg von JazzIt! aus?
Hans-Jürgen Schaal: Zuallererst und grundsätzlich ist das ein Erfolg des Jazz. Nicht umsonst ist dieses Genre auch nach über hundert Jahren noch so quicklebendig. Improvisierte Musik ist einfach das Spannendste, was man im Konzert erleben kann – jedenfalls viel spannender als die zehntausendste Reproduktion eines Mozart-Klavierkonzerts oder die aufwendige Live-Umsetzung eines schlichten Popsongs.
Auf der anderen Seite ist es ein Erfolg unseres Publikums, das solche improvisierte Musik im Konzert zu schätzen weiß. In Germering gibt es zahlreiche kompetente Jazzhörer, gibt es Jazz-Sachverständige. Schon in den 1990er Jahren fanden hier ja jährlich die Jazztage statt. Ich freue mich, dass unsere Konzertreihe die Jazz-Tradition von Germering lebendig hält.

KK: Geht man die einzelnen Konzerte durch, fällt neben der Ausgewogenheit des Programms immer wieder der Mut auf, mit dem Du Instrumentalisten und Projekte, die etwas abseits des Mainstreams stehen, nach Germering holst. Mir fällt da zum Beispiel der beinahe legendäre Auftritt von Alexander von Schlippenbach und Monk’s Casino (April 2008) ein – oder die in der Szene erst jetzt offiziell gewürdigte amerikanische Gitarristin Mary Halvorson (April 2011!) oder die deutsche Saxophonistin Silke Eberhard (März 2015). Nach welchen Kriterien stellst Du das Programm zusammen?

HJS: Ich weiß nicht, ob „Ausgewogenheit“ das richtige Wort ist. Ich würde „Vielseitigkeit“ bevorzugen. Und zu dieser Vielseitigkeit des Programms gehört, dass eben nicht nur der Mainstream-Jazz vertreten ist. Die interessantesten Sachen passieren ja oft am Rand der Konvention. Und einem so aufgeschlossenen Publikum, wie wir es in Germering haben, darf man die interessantesten Sachen doch nicht vorenthalten!
Natürlich sind solche Einschätzungen subjektiv. Ich wähle die Musiker nach den aktuellen Eindrücken, die ich von ihren Alben und Internet-Auftritten gewonnen habe. Mein persönlicher Geschmack ist da sehr weit gefächert. Bei swingendem Mainstream bin ich vielleicht sogar am kritischsten, denn da liegt der Maßstab aufgrund der reichhaltigen Jazzgeschichte besonders hoch. Junge Musiker, die etwas völlig Neues versuchen, sind für mich erst mal spannender als eine Veteranen-Band, die Swing und Hardbop nach großen Vorbildern spielt, von deren Qualität und Originalität aber weit entfernt ist.
Wie das Jahresprogramm am Ende aussieht, hängt natürlich noch von anderen Faktoren ab. Die Termine müssen stimmen, die Gagenvorstellungen. Und ich lege Wert darauf, dass das Programm als ganzes abwechslungsreich ist. Also: keine drei Klaviertrios in einer Saison. Oder: nicht nur 70-Jährige auf der Bühne.

KK: Und es bleibt an dieser Stelle anzumerken: Es funktioniert. Denn ein in bester Django-Reinhardt-Manier swingendes Joscho Stephan Quartett wird vom Publikum ebenso begeistert gefeiert wie zum Beispiel Jörg Schippas Band UnbedingT. Was, glaubst Du, ist der Grund für diese Offenheit?
HJS: Ich denke, der Schlüssel sind die Qualität der Performance und die Fähigkeit der Zuhörer, Qualität zu erkennen und zu genießen – weitgehend unabhängig von der musikalischen Stilistik. Menschen, die gerne Jazz hören, die das Improvisierte, Überraschende und Unerwartete in der Musik schätzen, besitzen von sich aus ohnehin schon eine gewisse Flexibilität und Toleranz. Ich kann mir jedenfalls keinen Jazzfan vorstellen, der sagt: Ich mag Jazz, aber nur den Swing von 1937!
Natürlich wünsche ich mir, dass unsere Konzertreihe auch ihren Teil dazu beigetragen hat, dass unser Publikum so offen und begeisterungsfähig ist. Ich habe den Eindruck, dass die Zuhörer inzwischen mit großem Vertrauen in unsere Konzerte gehen, dass sie wissen: Es erwartet sie hier guter Jazz – auch wenn die eine oder andere Band anfangs vielleicht etwas ungewohnt klingen mag. Die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, sich auf Neuartiges einzulassen – die ist jedenfalls in Germering vorhanden. Das ist ganz wunderbar.

KK: An dieser Stelle sei verraten, dass das neue Programm für 2018 (natürlich) schon steht. Und wenn es auch noch nicht offiziell ausliegt – es gehört mit zu den besten Jahrgängen der Reihe JazzIt! überhaupt.
HJS: Da das Programm immer aufgrund aktueller Höreindrücke entsteht, sieht für mich jedes neue Programm irgendwie noch spannender aus als das des Vorjahres. Ich versuche jedenfalls, das Niveau konstant zu halten – und da haben die Musiker der Vorjahre doch eine beträchtliche Niveauhöhe vorgegeben.
Über das neue Programm für 2018 kann ich schon mal so viel sagen: Wenn alles klappt, werden wir in Germering im nächsten Jahr hervorragende Jazzkünstler aus der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, den USA, aus Kuba und sogar aus Indien begrüßen können. Natürlich auch tolle Musiker aus München, Berlin oder Köln. Aber bevor es so weit ist, freue ich mich erst einmal auf die vier noch ausstehenden Konzerte in diesem Jahr – mit so aufregenden Solisten wie Michel Godard, Glenn Ferris und Till Martin!

KK: Wen würdest Du in Zukunft noch gerne nach Germering holen? Wer wäre ein absoluter und natürlich auch realistischer Wunsch?
HJS: Ich habe mir hier schon sehr viele „Wünsche“ erfüllen dürfen. Bei einigen Programmwünschen hat es (noch) nicht geklappt, aus diesem oder jenem Grund. Den Musiker oder die Musikerin, die ich jetzt unbedingt nach Germering holen müsste, gibt es nicht. Aber wenn ich ein paar Künstler nennen darf, die in den letzten Jahren BEINAHE in Germering gespielt hätten, dann sind darunter Rolf Kühn, Omer Klein, Simone Zanchini, David Murray, Irene Schweizer, Michael Wollny oder Wolfgang Dauner. Den einen oder anderen von ihnen möchte ich schon noch eines Tages in Germering hören.

KK: Welche Musik hörst Du derzeit besonders häufig?
HJS: Derzeit höre ich fast nur Neuheiten. Die Gelegenheit, mir eine Lieblingsplatte aus dem Regal zu greifen und sie mit Genuss von Anfang bis Ende anzuhören, gibt es ganz selten. Ich versuche, einigermaßen auf dem Laufenden darüber zu bleiben, was sich in der Musik aktuell tut – jedenfalls in den verschiedenen Richtungen des Jazz und in Randgebieten der klassischen und Rockmusik. Und hin und wieder entdeckt man außerdem auch eine Perle der Vergangenheit, die man bisher übersehen oder schon wieder vergessen hatte. Jetzt gerade habe ich Aufnahmen des Saxofonisten Tim Berne von 1987 wieder gehört – mit großer Begeisterung. Oder auch den ganz eigenwilligen Ellington-Saxofonisten Paul Gonsalves. Und ich habe auch interessante Rockbands entdeckt, die ich noch nicht kannte: Upsilon Acrux zum Beispiel oder die Lost World Band. Solche Entdeckungen und Wiederentdeckungen sind für mich das Schönste am Musikhören.

Nächstes Konzert:
Roland Neffe, Vibrafon, Marimbafon / Michel Godard, Tuba, Serpent / Livio Minafra, Piano
Freitag, 14. Juli 2017, 19:30 Uhr
Stadthalle Germering

Zum weiterlesen: www.hjs-jazz.de/
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Freitag 02.06.2017
Fürstenfeld: Russell Maliphant Company - Einsamkeit und Gruppenrausch
Fürstenfeld. Licht, Raum, Musik und Tanz - jeder Bereich kann künstlerisch für sich selbst bestehen. Was aber, wenn diese vier Komponenten sinnlich zusammenwirken, wenn sie gleichwertig ineinandergreifen, sich gegenseitig inspirierend und zu einem völlig neuen, komplexen Gesamtkunstwerk wachsen? Der englische Choreograph Russell Maliphant hat sich in der Vergangenheit schon mehrmals für derartige Projekte mit dem Lichtdesigner Michael Hulls zusammengetan. Eines der Ergebnisse dieses Austauschs ist „Conceal / Reveal“, zu deutsch „Verbergen / Enthüllen“, ein dreiteiliges Programm, das gestern im Rahmen der Reihe „theater fürstenfeld“ von der Russell Maliphant Company und Gästen im Veranstaltungsforum aufgeführt wurde.
In den drei Einzelstücken „Piece No. 43“, „both, and“ und „Broken Fall“ gelingt es Russel Maliphant und seinem Ensemble, klassisches Ballett und Modernen Tanz nahtlos zusammenzubringen. Die Grenzen zwischen den sehr verschiedenen Ansätzen werden zugunsten einer ganzheitlichen Bewegungssprache aufgehoben. Zudem baut der Engländer auch immer wieder Bewegungsabläufe in seine Choreographien mit ein, die nicht unbedingt denen des westlichen Tanztheaters entsprechen. So lassen sich in „both, and“ auch indische Tanzfiguren ausmachen, oder es finden, wie in „Broken Fall“ mit Lucia Lacarra, Marlon Dino und Erik Murzagaliyev, chinesische Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsformen Eingang in die Performance.
Wie vielschichtig und faszinierend eine solche Umsetzung sein kann, wurde gleich im ersten Stück „Piece No. 43“ deutlich. Hier erkämpfen sich fünf Tänzer einzelne, auf den Boden projizierte Lichtarreale. Sie verteidigen sie innig, behaupten sich im Wechselspiel verschiedener Helligkeiten, um das Licht anschließend wieder an die Dunkelheit abzugeben. Überhaupt leben die einzelnen Stücke von plakativen Widersprüchen und inneren Gegensätzen. Je größer die Amplitude zwischen ihnen, desto stärker der Reiz und letztendlich die Wirkung. Licht und Dunkelheit, strahlender Schein und verstörender Schatten, Zivilisation und Anarchie, Einsamkeit und Gruppenrausch, Distanz und Nähe, Beethoven contra Drone Ambient. Schattenentwürfe, die zu überlebensgroßen Ansprüchen verführen. Der Mensch bewegt sich zwischen Extremen, muss sich sein individuelles, wie auch gesellschaftliches Terrain erkämpfen, um es (unter manchem Schmerzen) später wieder abzugeben. Es ist ein ständiges Pulsieren, ein immerwährendes Auf und Nieder, weil die wahren Antworten auf das Lebens statt in den Zentren, immer nur an dessen Rändern zu finden sind.
Geschmeidig und elegant, wie die Körper ineinander übergehen, wie der Fluss der Musik das Bewegen in Szene setzt. Das große Repertoire darstellerischer Sensibilität des Ensembles macht beinahe schwindlig. Physikalische Gesetze und anatomisch-physiologische Vorgaben werden kurzerhand ausgehebelt. Kreisende Anmut und kraftvolle Dynamik, synchrones Schwingen und individuelles Agieren in einer hochmotivierten und begeisternden Performance.
KultKomplott
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Donnerstag 01.06.2017
Fürstenfeld: Tango Transit – Mitten im prallen Leben
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Fürstenfeld. Sich am Tango durch die Welt der Musik hangeln, das kann zu einem atemberaubenden Abenteuer werden. Vorausgesetzt, man definiert den Tango so spielerisch offen, wie es das Trio Tango Transit tut. Unter den musikalischen Schwingen von Martin Wagner (Akkordeon), Hanns Höhn (Kontrabass) und Andreas Neubauer (Schlagzeug) wird wie gestern Abend in Fürstenfeld der Tango zu einer Art Einfallstor, mitten hinein, ins Reich der Weltmusik.
Dass der Tango in seiner musikalischen Variante das Ergebnis demographischer Gegebenheiten ist, dürfte allgemein bekannt sein. Aufgrund von Einwanderungsbewegungen und den daraus resultierenden kulturellen Vermischungen Ende des 19. Jahrhunderts ist so in der Region des Rio de la Plata eine neue musikalische Ausdrucksform entstanden. Der Tango speiste sich speziell in Buenos Aires aus den verschiedensten europäischen Einflüssen, aus afrikanischen Rhythmen und Klangfolgen aus dem Vorderen Orient. Nicht zu vergessen natürlich die argentinische Tanzmusik und die heimische Folklore – die die Gauchos von den ländlichen Großgrundbesitzern aus dem Landesinnern mitbrachten.
Tango Transit nutzen diese ethnologischen und sozialen Hintergründe des Tango und erweitern ihn um noch einige Varianten mehr. Neben den klassischen Synkopierungen des Tango findet das Trio Anleihen im Mardi Gras und im Swamp Blues Louisianas, sie spielen Walzer, Pophymnen der Gegenwart, sie improvisieren mit dem Temperament einer veritablen Jazzband. Und all ihre Freude am musikalischen Spiel, die betörend virtuosen Bearbeitungen eigener Kompositionen, das melancholisch sehnsuchtsvolle im Klang des Akkordeons, übertrug sich auf ein begeistertes Publikum. Man spürte neben allen intellektuellen Spitzfindigkeiten der Instrumentalisten die Bodenständigkeit, sagen wir ruhig das „volksnahe“ dieser Musik. Insofern war dieser Abend eine erfreuliche Erweiterung, des manchmal leider erstarrten Tangoformats. Fernab einer steifen Nobless klassischer Interpretationsrituale. Stattdessen mittendrin, im (prallen) Leben.
KultKomplott
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Sonntag 07.05.2017
Landsberg: Sokratis Sinopoulos Quartet - Erhabenheit und Temperament
Landsberg. Im hinteren Teil eines kleinen Elektrofachgeschäftes in der Pasinger Gleichmannstraße begann vor knapp fünf Jahrzehnten völlig unspektakulär die Geschichte eines der heute weltweit wichtigsten und stilbildenden Musik-Label: ECM. Angefangen mit zeitgenössischem Jazz wurde später (improvisierte) Weltmusik und auch Moderne Klassik in den hauseigenen Katalog aufgenommen. Das Ergebnis sind, neben über 1200 Veröffentlichungen, ungezählte internationale Preise. Es bedarf schon einer außergewöhnlichen Kreativität und eines sicheren Gespürs für neue musikalische Entwicklungen, um über diesen langen Zeitraum eine derartige Qualität im ansonsten eher kurzlebigen Musikzirkus zu halten.
Entsprechend ist Eigner und Produzent Manfred Eicher fast manisch auf der Suche nach neuen Klängen und unbekannten Instrumentalisten. Weltweit! Und ganz das bekannte Zitat Picassos ausfüllend, „Ich suche nicht, ich finde“, hat er immer wieder neue Klänge und Instrumentalisten entdeckt und mit ihnen glückseligmachende Produktionen veröffentlicht.
Einer von diesen Entdeckungen ist Sokratis Sinopoulos, einer der ganz wenigen Lyra-Spieler im Jazz unserer Tage. Am Samstag war der Grieche mit seinem Quartett im Landsberger Stadttheater und hat hier sein 2015 bei ECM erschienenes Album „Eight Winds“ präsentiert.
Sinopoulos beherrscht die mit dem Bogen gestrichene, aus dem 9. Jahrhundert v.Chr. stammende Kurzhalslaute virtuos und er ist zudem ein unglaublich wendiger Improvisator, der die kulturellen Einflüsse und Traditionen seiner Heimat geschickt in sein Repertoire einbaut. „Ich lebe in einem Land mit einer starken Tradition. Eine starke Tradition hat viele Vorteile. Es ist fast so, als hätte man eine Zeitmaschine, die einen ins Mittelalter zurücktransportieren oder auf eine Reise durch die Geschichte Griechenlands, des Balkans und vieler anderer Länder schicken kann“, sagte er in einem Interview.
Im Mittelpunkt seines Spiels stehen wunderbare (ost-) mediterrane Melodien, deren Melancholie und Stolz der Musik einen äußeren Rahmen geben. Hier ist es nicht unbedingt nötig, die Geschichte des westlichen Jazz verinnerlicht zu haben. Sinopoulos Kompositionen sind auch immer ein Teil der griechischen Historie. Sie atmen die Natur und Menschen des Landes und der angrenzenden Regionen und man kann insofern bei seinem Vortrag von einer Klangodyssee im eigentlichen Sinne sprechen. Es ist ein später wie wehmütiger Blick zurück, auf die Blütezeiten der griechischen Kultur. Zugleich zeigt die Musik, wieviel Schönheit, Erhabenheit und Temperament auch heute noch in ihr zu entdecken ist. Man muss sich nur auf sie einlassen – und die derzeitigen destruktiven politischen Kommentare ein wenig ausblenden.
Sinopoulos möchte seine Musik aber nicht als eine Art Fusion verstanden wissen, unter dem Küchenmotto: Man nehme. In der Musik des Quartetts, mit Yann Keerim (Klavier), Dimitris Tsekouras (Bass) und Dimitris Emanouil (Schlagzeug), fließt zusammen, was in den vier Einzelpersönlichkeiten der Musiker steckt. Sie alle haben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, die sie in ihrer Musik bündeln und damit zu einer ganz eigenen, unverwässerten Aussage kommen. Das ist auch der Grund, warum nichts von dem was sie spielen austauschbar oder gar beliebig klingt. Dafür gehen sie viel zu sehr aufeinander ein, ist ihre Herangehensweise zu stark von einer gelebten Sensibilität und Gruppendynamik geprägt, ist ihre Musik zu fein gesponnen. In ihr steckt eben zeitgenössischer Jazz, (improvisierte) Weltmusik und auch Moderne Klassik. Zeitlos schön einfach.
Jörg Konrad
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Samstag 06.05.2017
München: Brötzmann plus ….. - Voller Kraft und Lust
München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
(Weiteres Konzert heute am 6. Mai um 19.00 Uhr im Haus der Kunst mit gleichen Musikern aber in unterschiedlichen Besetzungen)
KultKomplott

Abbildungen:

- Peter Brötzman: Thomas Hendrich und Ziga Koritnik
- Alexander von Schlippenbach: Manfred Rindersbacher
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Samstag 29.04.2017
Gilching: Matthias Bublath – Schwarz-weißer Tastenzauber
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Fotos: Zach Smith und Phillipp Wulk
Gilching. Er hat momentan gewaltig Konjunktur. Zumindest in der Region. Dabei musste man ihn bis Mitte der 1990er Jahre zu oft vergeblich suchen: Der Jazz. Heute ist er fester Bestandteil des hiesigen Kultur-Alltags. Neben Fürstenfeld, Germering, Puchheim und Maisach hat seit dem gestrigen Abend auch Gilching eine eigene Reihe in der ordentlich Jazz präsentiert wird. „Musik im Rathaus“ heißt das neue Angebot, das von dem Pianisten und Orgelspieler Matthias Bublath und seinem Programm „Solo Piano & Organ Visions“ eröffnete wurde. Gute zwei Stunden, in denen der groovende und swingende schwarz-weiße Tastenzauber im Mittelpunkt stand.
Bublaths Repertoire umfasst ein breites Spektrum an stilistischen und ästhetischen Spielweisen. Er ist ein vitaler und hingebungsvoller Virtuose am Instrument, der den Punch des Funk liebt. Entsprechend war der Herbie Hancock-Klassiker „Chamaleon“ Teil seines Repertoires. Von hier ist es nicht allzuweit zu den erfrischenden rhythmischen und harmonischen Verrenkungen brasilianischer Musik. Egal ob er eine sehr persönliche Variante der Antonio Carlos Jobim Hymne „Girl From Ipanema“ präsentierte, oder mit eigenen Kompositionen seine Faszination für dieses Land und seine Musik ausdrückte – es waren die Momente, in der seine ganze Kreativität und sein Temperament zum Ausdruck kamen. Beinahe explosiv seine Technik und intensiv seine klar strukturierten Improvisationen.
Bublath spielte aber auch gezügelten Hardbop (Tom Harrells „Sail Away“), furiosen Boogie Woogie (Billy Strayhorns „Take The A Train“) und natürlich auch Songs aus dem „Great American Songbook“ (John W. Greens Ohrwurm „Body And Soul“). Er vermittelt das Gefühl, es gäbe nichts, im weiten Rund des Jazz, was er nicht beherrschen würde.
Zwischenzeitlich griff er dann immer wieder in die bereit stehende, beeindruckende B3 Orgel, ließ sie fauchen und aufheulen, entwickelte mutige Visionen und überbrückte Widerstände. Das Zusammenspiel von Orgel und Klavier - ausgefeilte Technik macht`s möglich - ist klanglich vielleicht etwas erst zu erschließendes Neuland. Und wenn dann auch noch die Melodika das „Ein-Mann-Tasten-Trio“ komplettiert, bekommt der Sound noch einmal eine andere Dimension.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Matthias Bublath zu recht nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht, selten gehörte Klangfarben in Verbindung bringt und ausprobiert und damit die Topografie des Jazz ein Stück erweitert.
Die Reaktion des Publikums im sehr gut besuchten Rathaussaal machte zudem deutlich, dass der Jazz in Gilching sehr wohl eine neue Heimat finden kann. Das nächste Konzert steht auch schon fest: Es gastiert das erfolgreiche Duo Le Bang Bang, mit Stefanie Boltz und Sven Faller, am 2. Juni 19.30 Uhr an gleichem Ort.
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