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43. Stephan Thelen „Fractal Guitar“
44. Lorenz Raab & Christof Dienz „Vast Potential“
45. Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“
46. Dewa Budjana „Mahandini“
47. Paolo Fresu Devil Quartet „Carpe Diem“
48. The Necks „Body“
Freitag 08.02.2019
Stephan Thelen „Fractal Guitar“
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Ein Album das Grenzen sprengt; ein Album, das mit vertrauten Mitteln neue Wege weist; ein Album voller Konformität und Exzentrik. Auf „Fractal Guitar“ tastet Stephan Thelen konsequent den musikalischen Horizont ab und blickt über ihn hinaus. Für seine Abenteuerreise in die Refugien des Groove, in die spärlich bewachsenen Weiten flächiger Landscapes, in die verklausulierten Labyrinthe dunkler Themen und beschwörender Freiheiten hat der Schweizer eine ganz spezielle Crew zusammengestellt. Da fallen vor allem die Gitarristen ins Gewicht: David Torn, Markus Reuter, Henry Kaiser – um nur einige zu nennen. Und natürlich der Meister selbst, Stephan Thelen. Sie alle sorgen für einen cholerischen Sound, für eine überwältigende Atmosphäre auf diesem Album. Eine Stimmung, die sich zusammensetzt aus Prog Rock und Ambient, aus pulsierendem Drone und aufschäumendem Jungle, aus geschichteten Harmonien und stark reduzierten Leitmotiven. Minimale Verschiebungen und leidenschaftlich betriebene Verdichtungen bringen Spannung, geben den (meist längeren) Stücken ein sehr individuelles, manchmal provozierendes Gesicht. Musikalische Krater-Landschaften, dramaturgisch geschickt montiert, manchmal auch leichtfüßig daherkommend, behutsam skizziert. Immer unwiderstehlich.
Wer halsbrecherische Gitarrenläufe erwartet, wird enttäuscht werden. Wer Gitarren-Konfrontationen in Moll liebt, wird glücklich fündig. Und vielleicht auch süchtig. Musik, die auch als Boxen-Test geeignet scheint.
Jörg Konrad

Stephan Thelen
„Fractal Guitar“
Moonjune Records
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Dienstag 05.02.2019
Lorenz Raab & Christof Dienz „Vast Potential“
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Das Duo ist das kleinste praktizierende Orchester. Eine Minimal-Band könnte man auch sagen. Im Jazz der Neuzeit sicher nichts besonderes. Interessant dürfte aber sein, dass an den ersten Duo-Aufnahmen des Jazz, entstanden in den 1920er Jahren, häufig Trompeter beteiligt waren: King Oliver (mit dem Pianisten Jelly Roll Morton) und natürlich Louis Armstrong (mit dem Pianisten Earl Hines).
Nun, an deren Aufnahmen haben sich Lorenz Raab und Christof Dienz auf ihrem Album „Vast Potential“ inhaltlich nicht unbedingt ausgerichtet. Aber trotzdem gibt es natürlich Parallelen, oder sagen wir vielleicht lieber Voraussetzungen, die auch alle anderen Duo-Einspielungen der Jazzgeschichte mitbringen müssen. Da wäre das Selbstbewusstsein der Instrumentalisten ganz allgemein, dann deren Vertrautheit zueinander, ihr Ideenreichtum und ihre Ausdrucksstärke, sowie die Perfektion, was ihre instrumentale Beherrschung betrifft. Von all dem besitzen die beiden Österreicher genügend, so dass es ihnen nicht allzu schwer fällt, auch ihre jeweiligen Namen zu einer Einheit zu Formen: Aus Lorenz Raab und Christof Dienz wird kurzerhand RaaDie.
In dieses Duo bringen der Trompeter Raab und der Zither-Spuieler Dienz ihre ganzen Erfahrungen mit ein. Und die reichen von ihren gesammelten Kenntnissen mit ungezählten Jazzbands, von ihrem Wissen, was Kompositionstechniken betrifft, ihren Erlebnissen als Theater- und Volksmusiker, sowie ihrer Hinwendung zu experimentell eingesetzten Electronics. Und so wechseln auch mit den einzelnen Stücken die Stimmungen auf dem vorliegenden Album. Mal beeindruckt Lorenz Raab mit einem strahlenden, lupenreinen Trompetensound, mal mäandern beide Musiker vertagträumt durch elektronisch verfremdete Welten oder sie zeigen in komplex verwobenen Improvisationen ihr famoses Gespür für den sinnlichen Augenblick. Immer spürt man ihre persönliche Nähe, wobei man gerne glaubt, dass dieses respektvolle Miteinander weit über den musikalischen Bereich hinausgeht.
Jörg Konrad

Lorenz Raab & Christof Dienz
Raadie
„Vast Potential“
Traumton Records
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Samstag 26.01.2019
Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“
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Sie besitzt die besondere Gabe, mit ihrer Arbeit als Komponistin die Entwürfe anderer Künstler diskret zu verfeinern und dabei gleichzeitig etwas sehr Individuelles und Souveränes zu schaffen. Eleni Karaindrous Werke sind großteils als Auftragsproduktionen für Kino und Theater entstanden. Die bekannteste griechische Film- und Bühnenkomponistin wurde einmal gefragt, ob denn ihre Musik typisch griechisch sei, ob sie die Seele ihrer Landsleute lautmalerisch vertonen und zum Ausdruck bringen würde. Das könne sie nicht sagen, hat sie darauf geantwortet, das müssten letztendlich andere beurteilen.
Auf jeden Fall hat sie für ein gutes Dutzend Arbeiten des unvergleichlichen Filmregisseurs Theo Angelopoulos den Soundtrack geschrieben, auch für Margareta von Trotta und immer wieder für Stücke, die der griechischen Mythologie entspringen.
Mit „Tous des Oiseaux“ ist nun ein Album erschienen, welches sowohl Theater- als auch Filmmusik enthält. „Tous Des Oiseaux“ ist für ein Bühnenwerk des libanesisch-kanadischen Schriftstellers Wajdi Mouawad gedacht. Das zweite Stück ist die Filmmusik zu „Bomb, A Love Story“ des iranischen Schauspielers und Regisseurs Payman Maadi. Beide Aufnahmen leben von einer stillen Eindringlichkeit, von einem melancholischen Sog verführerischer Schönheit. Diese Musik kann eigentlich nur ein uneingeschränkter Menschenfreund geschrieben haben, jemand, der trotz aller Zweifel Hoffnung hat und glaubt - zumindest an die humane Kraft der Poesie.
Eingespielt mit einem Streichorchester und einem Ensemble von Musikern, die zum Teil griechische Originalinstrumente spielen, baut Eleni Karaindrou Stimmungen von Zerbrechlichkeit und Sehnsucht auf. Die elegischen Bögen ihrer Musik, sowohl die Orchestersätze als auch die Solostimmen, sind wie einzelne schicksalhafte Äußerungen einer Gruppe von Menschen. Ein Psychogramm berührender Befindlichkeiten. Intime Bekenntnisse, ergreifend im Inhalt und unprätentiös im Vortrag. Hier gehen Anmut und Reflexion Hand in Hand.
Jörg Konrad
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Montag 21.01.2019
Dewa Budjana „Mahandini“
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Mit den Ideen, die Dewa Budjana auf seinem neusten Album „Mahandini“ musikalisch abfeuert, füllen andere Musiker eine ganze Karriere. Der Gitarrist hat sich bei seinen Kollegen in den letzten Jahren einen unglaublich Respekt erspielt. Und so ist es nicht nur so, dass er seine Wunschinstrumentalisten zu den Aufnahmesessions bittet und ins Studio über deren Management einladen muss. Sie selbst stehen symbolisch Schlange und wollen mit dem Indonesier gemeinsam arbeiten. Auf „Mahandini“ sind dies zum Beispiel Jordan Rudess (Dream Theater), die indische Bassistin Mohini Dey, der deutsche Schlagzeuger Marco Minnemann (Steven Wilson), Mike Stern, John Frusciante u.a.. Durchweg erste Wahl. Und so strotzt die Musik vor Kraft und Zuversicht, vor Tempowechseln, Energie-Schüben, rockiger Schwerkraft und jazziger Abenddämmerung. Manches klingt nach dem unvergessenen Frank Zappa, manches erinnert an die momentan nicht mehr existierenden Porcupine Tree, anderes könnte, was die Dynamik und den gigantischen Feuergeist der Aufnahme betrifft, zu Beginn der 1970er Jahre entstanden sein. Nicht immer müssen Zeitreisen in die Vergangenheit kreative Rückschritte bedeuten.
Sicher ist auf „Mahandini“ hin und wieder ein wenig Bombast im Spiel, auch viel Hall und hymnisches coming out, so, wie es in der Prog-Rock-Szene nun mal geläufig ist. Klassik-Adaptionen auf der Grundlage von herausfordernder Polyrhythmik sowieso. Auch etwas aus dem Lot geratene Gesangsnummern (denen aber auf dem Fuße ein außergewöhnliches Instrumental folgt).
Solistisch werden alle Mitglieder der Band enorm gefordert. Ego-Trips sind gewollt, Bescheidenheit und Zurückhaltung gehören nicht zum Konzept. Wie man einer solchen Musik angemessen begegnet? In dem man sie laut hört. Sehr laut!
Jörg Konrad

Dewa Budjana
„Mahandini“
Moonjune Records

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Donnerstag 03.01.2019
Paolo Fresu Devil Quartet „Carpe Diem“
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„Mich fasziniert das Geheimnis, das es in sich trägt. Es ist wie ein lebloses Werkzeug, das viele als Einrichtungsgegenstand nach Hause bringen. Wenn man es an die Lippe heranträgt und hinein bläst, öffnet sich jedoch eine außergewöhnliche Welt, die zur Stimme, Poesie und Emotion wird.“ So sprach vor einiger Zeit Paolo Fresu über sein Instrument – die Trompete. Stimme, Poesie und Emotion, das sind genau jene Attribute, die die Faszination des Albums „Carpe Diem“ ausmachen. Für die Umsetzung dieses melancholischen Juwels hat Fresu schon vor Jahren das Teufels-Quartett gegründet. Vier Musiker, die mit großer Sorgfalt ihre Töne formen und sich in einem weiten Feld von Jazz, europäischer Kammermusik und mediterraner Tradition bewegen.
Es fasziniert die asketische Verknappung der musikalischen Mittel, ohne dass die Aufnahmen dadurch dürftig wirken. Im Gegenteil. Die instrumentale Zurückhaltung schafft neue Räume, verstärkt die Transparenz und gibt der Musik eine spirituelle Tiefe. Fresus weicher, wärmender Ton auf dem Flügelhorn ist ebenso klar wie auch sentimental verhangen. Behutsam formt er die Melodien und macht manche Komposition zu einem Choral der Achtsamkeit.
In Bebo Ferra hat Fresu einen Gitarristen gefunden, dessen lyrisches Spiel so etwas wie eine innere Seelenverwandtschaft im Miteinander an den Tag legt. Mit ihm umspielt er impressionistisch die Themen, findet wunderbar stimmige, intime Momente und steht, was die Improvisationen betrifft, mit Fresu auf einer Stufe.
Das Rhythmusduo mit Paolino Dalla Porta (Bass) und Stefano Bagnoli (Schlagzeug) hält sich stark zurück, unterstützt dezent die Songstrukturen der Kompositionen, ja hält die Balance der Gesamtstruktur von „Carpe Diem“. So wird dieses Album dank der gelassenen Hingabe, des Aufeinander-Hörens seiner Instrumentalisten zu einem fragilen, mit Wehmut angehauchten Meisterwerk.
Jörg Konrad

Paolo Fresu Devil Quartet
„Carpe Diem“
Tuk Musik
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Mittwoch 02.01.2019
The Necks „Body“
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Die „New York Times“ schrieb einmal, sie seien „eine der besten Bands der Welt“. Warum? Weil Chris Abrahams, Tony Buck und Lloyd Swantonsie den eigenwilligsten, den komplettesten, den herausforderndsten Klavier-Trio-Sound spielen. Seit über drei Jahrzehnten scheren sie sich als The Necks keinen Deut um Moden oder angesagte Trends. Ob diese Einstellung auch eine Kehrseite hat? Ja, hat sie: Kaum jemand kennt die Australier. Sie sind der bestgehütete Geheimtipp. Wahrscheinlich weil sie Jazz spielen und doch keine Jazzcombo sind; weil sie Stilmittel aus Minimal und Ambient nutzen, ohne in diesen Szenen verankert zu sein; weil sie deftigsten Rock`n Roll können, ihn aber nie spielen; weil sie psychedelisch sind, ohne high zu sein. The Necks sind ein Phänomen - und eine musikalische Urgewalt.
Auch mit „Body“ ist ihnen dieses Kunststück gelungen. Ein sensationeller Mikrokosmos der Moderne. Mit nur wenig Klangmaterial entwickeln sie innerhalb nur eines Songs von einer knappen Stunde ein Instrumentalgebräu, das an Entschiedenheit und Konsequenz nichts zu wünschen übrig lässt. Sparsam gesetzte Bassfiguren - wie düsteres Donnergrollen, ein stotterndes Piano – das nicht in Schwung zu kommen scheint, Schlagzeugbecken - die wie ein fernes Glocken läuten klingen und  dann der sphärische Sound jenseitiger Hammondorgeln.
Nach knapp 25 Minuten bricht dann wie aus dem Nichts die Hölle los, mit einem einfachen aber unnachgiebigen Piano-Riff, wie es keine Post-Punk-Band markiger spielen könnte und einem treibendem monotonen Schlagzeugbeat. Beides angereichert mit schleifenden Gitarren und martialischen Clusterwolken. Und auch hier sind es wieder diese rituell anmutenden Wiederholungen, diese ekstatischen, nicht enden wollenden Energieschübe, die letztendlich Raum und Zeit vereinnahmen und eine überwältigende Wirkung entfalten.
Nach 40 Minuten wird die Musik wieder sanft und leitet langsam aber bestimmt das (noch immer ferne) Ende ein. Wer The Necks genießen will, braucht auch im vorliegenden Fall Zeit, manchmal auch ein wenig Geduld. Doch wer diesem hypnotischen Wechsel eklatanter Stimmungslagen folgt, der findet den so oft beschriebenen, aber in dieser Qualität selten gehörten Verbindungsgang zwischen Jazz, Postrock, Ambient, Minimal, Drone und Electronic. Sollten wir ein Album des Jahres 2018 küren - „Body“ wäre mit Sicherheit ganz ganz vorn mit dabei.
Jörg Konrad

The Necks
„Body“
Recommended Records

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Autor: Siehe Artikel
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