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Pianoforte (3)

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Lucinda Williams „The Ghosts Of Highway 20“ Alive

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Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Toda...

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OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out

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Paul Bley „Play Blue“ ECM

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Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM

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Samstag 13.02.2016
Pianoforte (3)
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Ketil Bjornstad „Images/Shimmering“ / Clemens Christian Pötzsch „Poeple And Places“ / Alexander von Schlippenbach „Jazz Now!“ / Marialy Pacheco „Studio Konzert“

„Das Klavier des 20. Jahrhunderts ist gezupft, verbogen, stummgemacht, zerkratzt, zerstampft, auseinandergenommen, begraben, verbrannt, aufgehängt … und auf herkömmliche Art gespielt worden. Kein anderes Instrument hat, als Gegenstand wie als Symbol, so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, kein anderes Instrument soviel Zuspruch und Zorn zugleich bewirkt.“ Diese Gedanken von Margaret Ellen Rose stellt Dieter Hildebrandt seinem Buch „Piano, piano!“ voran. Und das Schöne an diesem Vorwort ist, dass das 21. Jahrhundert dort weitermacht, wo das vorherige aufgehört hat. Zumindest was das Klavier und seine Stellung innerhalb des Musikzirkels betrifft. So werden wir an dieser Stelle in loser Folge einige Neuveröffentlichungen zusammenfassend empfehlen, in dem das Klavier im Zentrum des Geschehens steht.

Ketil Bjornstad ist ein Meister der Atmosphären. Mit wenig Aufwand zelebriert er am Klavier ein Gefühl von Melancholie und Dringlichkeit, das berührt und sicher trägt. Vielleicht liegt das an der norwegischen Heimat des Pianisten und Autors, an der Ruhe und Gelassenheit, die dieses Land am äußersten Rand der Welt ausstrahlt.
Es geht an dieser Stelle aber nicht um einen neuen Roman oder Gedichtband, die Bjornstad mit zuverlässiger Regelmäßigkeit seit 1972 veröffentlicht. Hier stehen zwei Klavier-Solo-Aufnahmen im Mittelpunkt, die vor wenigen Wochen sowohl als Einzel-, als auch als Doppel-CD erschienen sind.
Dem beschreibenden Charakter in Ketil Bjornstads Musik liegt der Umstand zugrunde, dass der Pianist sein Umfeld sowohl vor als auch während seiner Auftritte  bewusst wahrnimmt und auf sich wirken lässt. Er versucht sich nicht zu vereinsamen, wühlt während des Spiels nicht zwanghaft in den Tiefen seines Egos. Die Aufnahmen zu „Shimmering“, schreibt Bjornstad, sind an einem sonnigen Frühlingstag des Jahres 2012 entstanden. Der Flieder stand in schönster Blüte, der Pianist überglücklich, an seinem Lieblingsinstrument, einem großen Bechstein-Flügel, vor einige Freunden spielen zu können. Zugleich lag das Attentat von Utoya wie ein grauer Schleier bedrückend über dem Land. Eine Stimmung zwischen Tod und Erwachen, zwischen Trauer und Hoffnung war somit Ausgangspunkt für diese Einspielung. Und tatsächlich spiegeln die vierzehn Kompositionen auf „Shimmering“ Emotionen wieder, die diese wechselnden seelischen Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen. Zarteste Elegien stehen neben stimmungsvollen Lyrizismen und aufwühlenden Wendungen. Ein ganzes Spektrum an Gefühlszuständen finden auf dieser Aufnahme Ausdruck.
„Images“ entstand hingegen zwei Jahre später, wurde auf dem gleichen Instrument mit der Seriennummer 196516 eingespielt und enthält den improvisierten Zyklus Images no. 1 bis no. 16. Hier zeigt Bjornstad seine Fähigkeiten, Gedanken und Emotionen in Tonfarben zu übertragen und so Bilder von entfesselnder Schönheit zu entwerfen. Es sind originäre Studien, leise Intimitäten, magische Koloraturen. Berührende Klänge, wie aus einem gefährdeten Paradies.

Ein ganz anderes pianistisches Kaliber ist hingegen Alexander von Schlippenbach. Er gehört zu den Freejazzkoryphäen der erste Stunde, einer dieser unerbittlichen Querdenker in Sachen Musik. Anfang April begeht der Berliner seinen 78. Geburtstag und präsentiert sich heute noch immer so entschlossen und spontan, wie in den 1960er Jahren. Im Oktober des letzten Jahres war er mit seinem Quartett, dem ausschließlich Instrumentalisten einer jüngeren Musiker-Generation angehören, in Gütersloh zu Gast. Der Mitschnitt wurde jetzt unter dem Titel „Jazz Now!“ veröffentlicht. Im Programm, neben einigen eigenen Kompositionen, stehen Stücke seiner absoluten Favoriten: Herbie Nichols, Eric Dolphy, Thelonious Monk. Schlippenbach nimmt diese an sich schon leicht sperrigen Vorlagen noch einmal auseinander. Seziert ihr Innenleben, durchforstet ihre Ränder, widerspricht kategorisch jedem Lyrizismus. Trotzdem fasziniert seine Differenziertheit, seine Liebe fürs Detail. Freiheit bedeutet für ihn Selbstäußerung im Sinne der Musik. Schlippenbach sucht das Konfrontative, um der Musik neue Räume und Möglichkeiten zu erschließen. Und er bleibt dabei im Fluss - und in ständiger Kommunikation mit seiner Band.

Clemens Christian Pötzsch
ist gerade einmal einunddreißig geworden. Mit „Poeple And Places“ liegt mittlerweile das vierte  Album des Pianisten vor. Es beinhaltet Kompositionen, die während langer Konzertreisen (unter anderen mit seinem deutsch-libanesischen Bandprojekt MASAA) als knappe Miniaturen entstanden sind. Rudimentäre Studien, die Pötzsch anschließend kompositorisch ausschrieb, oder im Studio zu songähnlichen Strukturen verarbeitete. Die Stücke sind mit großer Behutsamkeit eingespielt und besitzen etwas transzendierendes. Kurze melodische Versatzstücke, die durch Raum und Zeit schweben und in ihrer Flüchtigkeit kaum Spuren hinterlassen. Manchmal zu schön um wahr zu sein.

Marialy Pacheco sorgt mit ihrem „Studio Konzert“ schon für einiges Aufsehen. Die kubanische Pianistin gehört eindeutig zu den Klavierspielerinnen mit großer Zukunft! Sie kann Klassik, sie liebt Blues, sie beherrscht Monk, sie swingt wie der Teufel und natürlich ist sie eine Meisterin im kubanischen Standardprogramm. Also nichts, was sie nicht kann - und das scheint auch ihr Credo.  Bemerkenswert, dass sie sich auf diesem limitiert vertriebenen, nur als Vinyl (zu deutsch: Als Schallplatte!) erhältlichen Album in ihrer teuflischen Virtuosität zurückhält. Und diese Reduktion, diese wohltemperierte Zügellosigkeit, dieses Wechselspiel zwischen Herz und Verstand ist allein schon große Kunst. Die heute in Dortmund lebende Pacheco fasziniert mit einem unglaublich gefühlvollen Anschlag und bleibt selbst dann noch auf eine hinreißende Weise emotional, wenn sich der Schwierigkeitsgrad im Vortrag langsam, aber stetig steigert. Die Dichte und Präzision ihres Spiels basiert auf einem starken rhythmischen Fundament, das sie nach Herzenslust zu variieren versteht und manchmal auch mit Brüchen anreichert. So bleibt die Musik frisch und spannend - selbst wenn sie ganz zum Schluss Brahms „Wiegenlied“ interpretiert.
Jörg Konrad

Ketil Bjornstad „Images / Shimmering“ (Grappa / Galileo MC);
Alexander von Schlippenbach „Jazz Now“ (Intuition);
Clemens Christian Pötzsch „Poeple And Places“ (Two Rivers Records);
Marialy Pacheco „Studio Konzert“ (Neuklang)
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Dienstag 09.02.2016
Lucinda Williams „The Ghosts Of Highway 20“ Alive
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Die Interstate 20 ist knapp zweieinhalbtausend Kilometer lang und führt quer durch Alabama, Mississippi, Louisiana und Texas. Es ist die Straße, an deren Rändern Lucinda Williams aufgewachsen ist, von deren Asphalt sie geprägt wurde und von deren Erinnerungen sie noch heute zehrt. Im Positiven wie im Negativen.
Vor vier Jahrzehnten ist die Sängerin und Gitarristin erstmals öffentlich aufgetreten, spielte mehr Country als mainstreamlastigen Rock`n Roll, mehr Blues als Folk. 20 Jahre tingelte sie durch die Truckerkneipen und Spelunken ihrer Lebensstationen, sammelte in diesen kulturellen Hinterhöfen Erfahrungen, die sie abhärteten, ohne ihr die Poesie und die Träume zu nehmen.
„The Ghosts of Highway 20“ ist Lucindas 15. Album. Und obwohl die mittlerweile 3-fache Grammy-Preisträgerin als sehr pflichtbewusst und perfektionistisch gilt, klingen diese Aufnahmen spröde bis brüchig, wie vom Leben verletzt. Ein schaurig-schönes Balladenalbum, angefüllt mit ruhigen, mit atmosphärischen Songs, die sie in die Weiten und Nächte der Highways heult. Wie ein einsamer Wolf auf der Suche nach seinem Rudel. Manchmal sind es sphärisch taumelnde Gitarren, die die Szenerie bestimmen, manchmal auch schmerzlich schneidende Themen, die mit ganzer Wucht die Szenerie bestimmen.
Getragen von schlichten Harmonien, verpackt in sparsame Arrangements, unterstützt von Greg Leisz und Bill Frisell durchkämmt Lucinda so ihre Biographie, greift auf einen Song von Bruce Springsteen zurück und auf „House Of Earth“ vom unwiderstehlichen Woody Guthrie. Lucindas Stimme klingt wenig perfekt und ist Ausdruck der Inhalte ihrer Songs. Die handeln vom Gegenteil dessen, was man als Glamour bezeichnen würde. Vom Schicksal ihrer Mutter, der Tragik ihres Vaters, der als Autor und Literaturprofessors an Alzheimer erkrankte, von nicht erfüllten Hoffnungen, Gewalt und Tränen. Es sind die Dinge eines Leben, die andere liebend gern verdrängen oder still für sich behalten, Dinge, die man ewig mit sich herumschleppt, bis sie zu Geschwüren werden und unversehens aufbrechen. Doch indem Lucinda diese Tragik in ihren Songs benennt, verarbeitet sie auch ihren Schmerz, schafft zugleich Platz für Zuversicht und Perspektive. An diesen Schlüsselstellen formt sich der Charakter, bekommt die Persönlichkeit ihr Maß. Ein leiser musikalischer Paukenschlag im noch jungen neuen Jahr, ein großes Album.
Jörg Konrad
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Freitag 05.02.2016
Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Todavia“ Cross The Border
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Ein verrauchter Blues, eine romantische Elegie, ein leiser Bossa Nova, eine strahlende Ballade. Ingo Höricht, Geiger und Komponist aus Bremen, hat für die Interpretation eigener Stücke die Pianistin Marialy Pacheco als musikalisches Zentrum gewinnen können. Was die in Deutschland lebende Kubanerin spielt, sie war 2012 Gewinnerin der „Solo Piano Competition“ im Rahmen des Montreux Jazz Festival und wurde 2014 als erste Jazzpianistin zur offiziellen „Bösendorfer Künstlerin“ berufen, lebt vom Temperament und der Musikalität ihrer karibischen Heimat. Doch wie sie in der vorliegenden Aufnahme deutlich macht, beherrscht sie die kammermusikalischen Varianten des Jazz ebenso stilsicher. In kurzen Solo- und Duoeinspielungen mit Bernd Schlott (Klarinette) und David Jehn (Bass) haucht sie mit weichem, sensiblem Anschlag den Vorlagen etwas melancholisch Ambitioniertes ein, rückt die insgesamt acht Kompositionen, was die unaufgeregte Dringlichkeit ihrer Herangehensweise betrifft, in die Nähe von bekannten Jazz-Standards. Ihr Wechselspiel zwischen Komposition und Improvisation strahlt kontemplative Ruhe aus, ohne dass sie sich in den Fallstricken der Vorhersehbarkeit oder Durchschaubarkeit verfängt.
Ihre Duos mit Bernd Schlott und David Jehn sind geschliffene Dialoge, auf Augenhöhe umgesetzt. Sehnsuchtsmelodien, verpackt in verbindliche Strukturen, leicht aufgebrochen durch spontane Ideen, die an einigen Stellen der Musik eine andere, unvorhergesehene Richtung gibt. Es ist schon eigenartig, dass dieses kleine Juwel keinen Vertrieb gefunden hat. Aber man kann die Aufnahme unter folgender Anschrift auch bestellen: Ingo Höricht, Holbeinstr. 17, 28209 Bremen oder: http://www.ingo-hoericht.de/kontakt.php?p=7
Jörg Konrad 
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Donnerstag 21.01.2016
OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out
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Balladenhafte, nachdenkliche Musik hat derzeit Hochkonjunktur - das sorgt für romantische Stimmungen, aber leider oft auch für eine große Portion Langeweile. Deshalb kommt uns Simone Zanchini jetzt genau richtig, dieser Original-Verrückte am Akkordeon, der wildeste und skurrilste und abgefahrenste Virtuose der Quetschkommode. Als wäre sein wundersam überdrehtes Spiel nicht schon verrückt genug, widmet der italienische Akkordeonist das neue Album auch noch einem Jazzsaxofonisten - nicht irgendeinem, sondern dem viel bewunderten Super-Super-Tenoristen Michael Brecker (1949-2007). Ein Akkordeon-Tribut an einen Saxofon-Virtuosen? Für Zanchini ist die Begründung ganz einfach: „Kein Akkordeonist hat das je zuvor gemacht.“ Wie Brecker geht der Italiener bis an die Grenzen des technisch Machbaren und harmonisch Sinnvollen - so kometenhaft hat man das Akkordeon noch nie gehört. Sein Vorhaben, das Instrument von Tango- und Musette-Klischees zu befreien, gelingt ihm dabei mühelos - dank spielerischer Bravour und mutigen Wahnsinns. Stefano Bedetti, ein (natürlich ebenfalls verrückter) Tenorsaxofonist gehört zu Zanchinis Quintett. Es gibt es aber nicht nur heftige, chromatische, lichtschnelle, explosive Stücke in Brecker-Manier. Es gibt durchaus auch langsame und sanfte Töne - allerdings nicht zum Träumen, eher zum Angstkriegen. Und im Schlussstück, einem Solo für Akkordeon, wird die Quetschkommode sogar zur schaurig-faszinierenden Höllenorgel. Randy Brecker sagt: „Mein Bruder hätte diese CD geliebt. Pretty wild shit! Auch mir hat sie richtig gefallen.“

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de
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Donnerstag 07.01.2016
Paul Bley „Play Blue“ ECM
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Sein letztes Album erschien 2014, war jedoch eine Einspielung aus dem Jahr 2008. Paul Bley konzertierte beim Oslo Jazz Festival - wie so oft in zurückliegender Zeit: Solo. Im Dialog mit sich kam die ganze Komplexheit und große Poesie seines Spiels am deutlichsten zum Ausdruck. Der Kanadier verstand es wie kaum ein zweiter, den Intellekt des Jazz mit der Einfachheit einer Melodie zu verbinden, die Kompliziertheit bedingungsloser Freiheit und die Strukturiertheit einer Idee unter einen Hut zu bringen. Er war anspruchsvoll ambitioniert und humorvoll verspielt. Einer, der die Grenzüberschreitung zum Lebensinhalt machte und doch immer, wie der „Melody Maker“ so passend schrieb, ein „leiser Genius des Free Jazz“ war.
Auch in Oslo war dieser musikalische Anatom spürbar, der die Vergangenheit seziert um die Zukunft zu gestalten. Ein Klangmaler, der die bestehenden Formen auflöst und im Schaffensprozess zu neuen Aussagen gelangte. Einer, den die Moden wenig interessierten, der stattdessen die Tonfarben ganz individuell nutzte. Oft sparsam, wenn es sein muss aber auch lärmend grell. Seine Haltung im Spiel: Souveräne Offenheit.
Die vorliegenden fünf Klavierstücke sind das Resultat jahrzehntelanger Erfahrungen. Schließlich spielte der Kanadier noch mit Charlie Parker und Art Blakey, war ein Förderer Ornette Colemans, Mitglied des Jimmy Giuffre Trios, verheiratet mit Carla Bley, im Studio mit John Tchicai, Archie Shepp und Sonny Rollins. Von letzterem stammt die Nummer „Pent-Up House“, die noch einen ordentlichen Schuss Bop ins Spiel bringt. Fast beiläufig. Paul Bley starb am 3. Januar 83jährig in Stuart, Florida.
Jörg Konrad
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Montag 04.01.2016
Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM
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„Bright Size Life“ ist eines jener Debüt-Alben, das beim Erscheinen bei Publikum und Kritikern gleichermaßen für Begeisterung sorgte und außerdem den Beginn einer beispiellosen Karriere einläutete. Pat Metheny, aus der Kleinstadt Lee’s Summit, Missouri kommend, war zuvor Gitarrist bei Gary Burton, der ihn 19jährig als Dozent ans berühmte Berklee College of Music in Boston holte, um hier die besten Gitarristen der Welt zu unterrichten. Heute, über vier Jahrzehnte später, genießt der Amerikaner weltweit höchste Wertschätzung. Er hat, ähnlich den großen Stilisten des Jazz, auf der Basis seines musikalischen Gespürs und seiner phänomenalen Technik der Musik neue Impulse gegeben. Die Liste der Namen, mit denen Metheny spielte, ist lang und reicht von Ornette Coleman bis Michael Brecker, von Bruce Hornsby bis Jim Hall, von Steve Reich bis Joni Mitchell. Oder anders ausgedrückt: Metheny spielte Fusion, Hardbop, Latin, Minimal, Avantgarde, Folk und Pop. Alles mit der gleichen Meisterschaft und Hingabe. Seine Discographie umfasst heute knapp fünfzig Alben unter eigenem Namen und weit über einhundert Aufnahmen als Sideman. Zwanzig Mal wurde der Gitarrist bisher für einen Grammy nominiert und trotzdem geht er mit seiner Band noch jährlich auf große Tour, ist Gast auf allen namhaften Festivals und gefragter Studio-Partner.
Kurz vor Weihnachten 1975 spielte der Gitarrist unter der Leitung des Produzenten Manfred Eicher im Ludwigsburger Tonstudio Bauer mit dem Bassisten Jaco Pastorious sowie Schlagzeuger Bob Moses einige Songs ein. Acht Titel dieser Session erschienen einige Monate darauf unter eben jenem Titel „Bright Size Life“ auf ECM Records. Sieben Kompositionen aus der Feder Pat Methenys, „Round Trip/Broadway Blues“ von Ornette Coleman. Es ist ein Debüt, das sich zwischen einer gewissen Abgeklärtheit und einer jugendlichen Spontanität bewegt. Es besitzt das Feuer des Jazz und die Gelassenheit des Blues. Metheny verstand es, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, die sein improvisatorisches Kalkül unterstreicht und doch genügend Raum lässt. Ein musikalischer Impressionist, für den Beweglichkeit, Poesie und Klangfarbe gleichbedeutend sind. Es ist Musik fürs Fernweh, für Sonnenuntergänge und verstopfte Highways. „Midwestern Nights Dream“ - zum heulen schön.
Jaco Pastorious ist die tragische Figur in diesem Trio oder sollte es zumindest werden. Metheny, der in einem Interview von 1978 über ihn sagte: „Ich glaube, dass er der beste Bassist der Welt ist …. Für meine Begriffe hat er den elektrischen Bass völlig neu definiert“, kannte ihn von Jugend an und war von seinem unorthodoxen Spiel auf dem bundlosen Instrument schon zuvor begeistert. Pastorious gehört zu den drei Instrumentalisten, die im Laufe der Jahrzehnte den Bass im Jazz emanzipierte. Er war in der Lage, das elektrische Instrument wie eine menschliche Stimme klingen zu lassen. Er begleitete sehr melodisch, hatte einen warmen weichen Sound, der trotzdem das Zwerchfell erschüttern konnte. Ein Solist am Bass. Später wurde er ein wichtiger Teil auf Joni Mitchells Alben „Hejira“, „Don Juan Reckless Daughter“ und „Shadows And Light“ und zu fast gleicher Zeit Co-Leader der Fusion Band Band Weather Report. Pastorious hatte jedoch fast während seiner ganzen Karriere Probleme mit Drogen und starb, noch nicht einmal 36jährig, an den Folgen einer Auseinandersetzung in Wilton Manors, Florida unter tragischen Umständen.
Bob Moses war damals ein erfahrener Schlagzeuger, der zuvor schon mit Roland Kirk, Charles Mingus und Larry Coryell spielte. Er vermittelte rhythmisch zwischen diesen beiden jungen, glühenden Solisten, zügelte jede juvenile Verspieltheit, gab der Musik trommelnd halt. Moses bestimmte die Richtung und das Tempo und setzte Zeichen - ohne wirklich aufzufallen. Eine Meisterleistung, die nicht hoch genug zu würdigen ist. Drei Individualisten in einer Band: "Bright Size Life". Die erste Platte Pat Methenys gehört vielleicht zu seinen besten. Bis heute.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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