Blickpunkt:
Musik
Musik
Inhaltsverzeichnis
Stick Men „Prog Noir“

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OHRENGLÜCK 24: The Voyage

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Blackberry Smoke „Like An Arrow“ Earache Records

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Clara Haberkamp „Orange Blossom“ Traumton

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Dhafer Youssef „Diwan Of Beauty And Odd“ Okeh

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Jonas Khalil „Debut“ Hänssler Classic

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Freitag 11.11.2016
Stick Men „Prog Noir“
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Zwei Drittel dieser Band waren im Sommer auf Tour in Deutschland. Als Teil der legendären King Crimson. Kurz zuvor trafen sich Bassist Tony Levin und Schlagzeuger Pat Mastelotto in Berlin Kreuzberg, um gemeinsam mit dem Bielefelder Markus Reuter einige Songs für „Prog Noir“, dem neuen Album des Stick Men-Trio einzuspielen. Und wie schon in der Vergangenheit jonglieren die drei nicht mehr ganz so jungen Herren auch 2016 noch schwindelerregend präzis mit ungeraden Rhythmen und explosiven Harmonien. Ihre Melodien bohren sich wie widerborstige Haken fast schmerzhaft in die Gehörgänge, die Themen wechseln die Befindlichkeiten und sind doch fast asketisch angelegt. Das hindert Stick Men jedoch nicht daran, Carl Orff, Yes und Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu zitieren, oder Restspuren romantischer Balladenkunst aufblitzen zu lassen. Doch letztlich fasziniert die Konsequenz in der Umsetzung dieser Ideen. Keine Kompromisse. Nirgends. Alles wird der Musikalität und dem Handwerk untergeordnet.
Jeder dieser zehn Songs beginnt auf einem musikalisch hohen Niveau und schafft es, sich im Verlauf noch zu steigern, mit wahnwitzigen Gitarrenläufen, überraschenden Brüchen, raffinierten Verschattungen oder kakaphonen Überlagerungen. Wie ein Uhrwerk greifen die einzelnen Instrumente ineinander. Die Songs nehmen unaufhaltsam Fahrt auf, hängen jeden Mainstreamvergleich zwanglos ab. Musik aus dem Stahlwerk, bleischwer und doch bedenkenlos verspielt.
Jörg Konrad

Stick Men
„Prog Noir“
Iapetus / Galileo
Autor: Jörg Konrad
Donnerstag 03.11.2016
OHRENGLÜCK 24: The Voyage
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Ist es Jazz? Ist es Salonmusik? Ist es Folklore? – Der Pianist Thomas Clausen meistert einmal mehr die Gratwanderung zwischen den Genres. Konventionelle Jazzverdienste erwarb sich der Däne schon in den 1970er Jahren als Begleiter amerikanischer Solisten wie Eddie „Lockjaw“ Davis, Dexter Gordon und Jackie McLean. Seitdem hat er aber auch manches andere Feld erwandert, seien es brasilianische Klänge oder feingliedrige Duo-Aufnahmen. Diesmal hat er sich den sizilianischen Akkordeonisten Francesco Calì zum Duo-Partner gewählt, einen Musiker von ebenfalls reicher Erfahrung – der Italiener hat schon auf mehr als 60 Tonträgern mitgewirkt. Clausen und Calì präsentieren hier ein Programm von 23 Stücken – es sind Miniaturen, nur sechs davon überschreiten die Drei-Minuten-Grenze, für Langeweile ist hier also keine Zeit. Alle Kompositionen stammen von Clausen, der am Flügel jeweils den emotionalen und harmonischen Rahmen vorgibt, fein ausgehörte Stimmungen zwischen Romantik und Tango, Volkstanz und Kammerjazz. Da reiht sich Perle an Perle. Calìs Akkordeon übernimmt dabei die Rolle des Bläsers oder Sängers, modelliert die Melodien, bringt die Stücke zum Atmen – kaum zu glauben, dass man im 19. Jahrhundert den Klang des Akkordeons noch als „eisig“ und „maschinell“ empfand. Nur selten wird die Musik ein wenig dramatisch oder grotesk – es überwiegt die balladenhafte Melodie. Herzöffnend, bescheiden, wunderschön.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Thomas Clausen & Francesco Calì
The Voyage
Stunt Records
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 18.10.2016
Blackberry Smoke „Like An Arrow“ Earache Records
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Die Liste von Bands, die den Southern-Rock in seiner kraftvollen und gradlinigen Spielart pflegen, scheint unendlich. Immer wieder entstehen neue Bands, die auf einem beeindruckenden Level hoch professionell Blues und Country, Funk und Jazz in die hemdsärmelige Philosophie des Rock`n Roll aufnehmen. Und auch die seit Jahren, oder gar Jahrzehnten bestehenden, im Südstaaten-Stil auftrumpfenden Formationen werden nicht müde, mit all der ihnen zur Verfügung stehenden Leidenschaft klanglich außerordentliches zu erschaffen. Blackberry Smoke, das Quintett um den Sänger und Gitarristen Charlie Starr aus Atlanta, fand 2000 zueinander und gilt, zumindest in Europa, seitdem als eine Art ernst zu nehmender Geheimtipp. Vier Alben hat die Band bisher vorgelegt. Doch ihre treue und zahlreiche Fangemeinde haben sich Blackberry Smoke in unglaublichen 250(!) Live-Shows pro Jahr nachhaltig erspielt.
Nun liegt mit „Like An Arrow“ der fünfte Streich der Band vor und man kann, man muss sagen: Nie waren Blackberry Smoke raubeiniger und melodiöser als auf diesem Album. Sie wissen mittlerweile mit ihrer Urwüchsigkeit zu haushalten, können mit ihrem dampfenden Rock-Sound die (Musik-) Welt aus den Angeln heben und den einstigen Größen ihrer Zunft, wie zum Beispiel den Black Crows, gehörig Konkurrenz machen (Waiting For The Thunder). Gleichzeitig sind sie in der Lage, urplötzlich umzuschalten und in überzeugender Manier eine melodische Country-Ballade anzustimmen (The Good Life). Die Arrangements kommen mal üppig und ausladend daher (Like an Arrow ) und sind dann wieder knapp und übersichtlich gehalten, wie bei einem luftigen Popsong (Running Through Time).
Es fasziniert ihre gitarristische Präsenz, die felsenähnlichen Riffs, wie auch die beinahe swingenden Improvisationen. Und dann gibt es noch Brandon Still, der an der Orgel immer wieder für neue und schillernde Klangfarben sorgt und den erdenschweren Beton der Band ansprechend aufbricht. „Like An Arrow“ ist ein zeitloses Album, voller mitreißender Nummern. Und wenn im letzten Song auch noch Allzeit-Ikone Greg Allman als Gast und Freund mit von der Partie ist, wird deutlich, dass Blackberry Smoke den Olymp des Southern Rock erreicht haben. Das dürfte sich jetzt auch endlich in Europa herumsprechen, spätestens aber im März kommenden Jahres, wenn sich die Band auf Europatour befindet. Am 12. März 2017 übrigens im Münchner Backstage. Karten gibt’s ab heute!
viktor b
Autor: viktor b
Montag 10.10.2016
Clara Haberkamp „Orange Blossom“ Traumton
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Ihre Mutter gehörte zu den ersten weiblichen (Alt-) Saxophonistinnen mit Avantgardeambitionen in Deutschland. Ilona Haberkamp war Gründungsmitglied der ersten deutschen Frauen-Big-Band 1984. Sie ist noch heute musikalisch aktiv und hat vor drei Jahren Kompositionen der heute fast vergessenen Jutta Hipp neu vertont. Die Leipzigerin Hipp ging Mitte der 1950er Jahre nach New York und nahm dort als erste Frau überhaupt ein Album beim legendären Label Blue Note auf.
In einem solchen Umfeld kann Clara Haberkamp, die Tochter Ilonas, eigentlich nur bei der Musik im allgemeinen und beim Jazz im speziellen landen. Aber die Pianistin und Sängerin tritt stilistisch nicht in die deutlich geformten Fußspuren ihrer Mutter und landet schon gar nicht im Cool-Jazz-Idiom Jutta Hipps. Clara Haberkamp sucht mutig nach neuen Wegen und Herausforderungen – sowohl als Begleitmusikerin, zum Beispiel bei Susanne Betancor, auch als Popette bekannt, oder bei Schauspieler Peter Wöhler, als auch mit eigenen Besetzungen.
Mit „Orange Blossom“ ist nun ein neues Album von ihr in Triobesetzung erschienen. Und auch hier ist ihre musikalische Herangehensweise völlig autark, ungewöhnlich und in gewissem Sinn befreiend. Die gerüstähnlichen Strukturen ihrer Songs bestehen auch schlanke Harmonien und melodische Ansätze. Dadurch wirkt die Musik nach allen Seiten offen, luftig und für Improvisationen wie geschaffen. Ihr Gesang klingt wie ein poetischer Gegenentwurf zum Klavierspiel. Der Vortrag als Ausdruck individueller Präsenz. Alles bewegt sich mit-, in- und gegeneinander und schafft so ganz starke magische Momente. Die Zeit ist dabei vielleicht das große, alles miteinander in Beziehung setzende Thema dieser 13 Songs. Denn Clara Haberkamps Musik ist eine entschleunigte Version der musikalischen Gegenwart. Sie öffnet neue musikalische Räume, die ebenso stimmungsvoll, zugleich auch avantgardistisch sind. Das Zaghafte gerät bei ihr bodenständig. Das Greifbare wird zum flüchtigen. Und alles zusammen atemberaubend entspannt. Und das schöne: Nicht alles erschließt sich beim ersten hören! Eine CD für die Insel.
Jörg Konrad
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Samstag 08.10.2016
Dhafer Youssef „Diwan Of Beauty And Odd“ Okeh
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Weitgereiste Menschen werden häufig gefragt, wo sie sich denn zu Hause fühlten. Dhafer Youssef hat einmal sinngemäß geantwortet, seine wahre Heimat sei die Musik. Die Rhythmen, Melodien und Harmonien dieser Welt gäben ihm ein Gefühl von emotionaler Geborgenheit. In ihr könne er sich ausleben, sie öffne ihm Türen zu für ihn lange Zeit verborgenen Kulturen und zu Menschen. „Mit Musik wird alles, was sich gerade noch steif und undurchdringlich angefühlt hat, durchlässig, weich und leichter.“ Deutlich hörbar wird diese Geisteshaltung auf seinem neuen Album „Diwan Of Beauty And Odd“. Hier zeigt sich die unglaubliche Erfahrung, die der aus Tunesien stammende Sänger und Oudspieler im Laufe seines Lebens gesammelt und vor allem verarbeitet hat. Es sind Songs, die sich einer strengen Kategorisierung entziehen. Sie beinhalten Klanglandschaften voll herber Schönheit. Es sind kraftvolle und erfrischende Kompositionen, die in ihrer Umsetzung mutig voranschreiten und jede Heile-Welt-Stimmung weit hinter sich lassen. Brillant gespielte Raffinessen, manchmal Tausendundeiner Nacht entsteigend, manchmal direkt aus dem urbanen Jazz-Schmelztiegel New York kommend.
Aufgewachsen in einem stark religiös geprägten Elternhaus, hat Dhafer Youssef früh eine breite Palette arabischer Musik verinnerlicht. Später dann löste er sich von der für ihn einengenden islamischen Glaubensrichtung. Youssef begann Musik zu entdecken, die ihm bis dahin aufgrund seiner Konfession verboten war. Er zog nach Wien, dann nach Paris und fand im weltmusikalisch ausgerichtetem Jazz seine Erfüllung. Was er aus seinem frühen Leben mitbrachte, diese ungeraden und oft komplizierten orientalischen Metren, halfen ihm, in Musikerzirkeln Fuß zu fassen Dort lernte er wiederum im westlichen Sinn zu improvisieren. Und mit seiner berührenden Stimme überstrahlt er all diese Fähigkeiten noch um eine ganz besondere Note. So bewegt sich der heute 39jährige bekennende Kosmopolit zwischen verschiedenen Einflüssen und Denkarten und schafft es, auf eine friedvolle Weise, all die (scheinbaren) Gegensätze, die diese Welt so frostig machen, in seiner Musik mit Nachhall zu vereinen.
Jörg Konrad


Dhafer Youssef
„Diwan Of Beauty And Odd“
Okeh
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Dienstag 27.09.2016
Jonas Khalil „Debut“ Hänssler Classic
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Mit seiner Band Sacred Steel spielt Jonas Khalil True Metal. Das ist schwere und laute Musik, die von Uneingeweihten etwas großzügig als Hardrock bezeichnet werden könnte. Eingeweihte hingegen differenzieren True Metal natürlich analytisch und finden interessanterweise einen hörbaren Bezug zur Klassik. Sie sagen, True Metal sei nicht mehr und nicht weniger als die Fortsetzung klassischer Musik mit anderen Mitteln. Hier schließt sich der Kreis, denn Jonas Khalil ist von Haus aus klassischer Gitarrist. Er hat viele Jahre an Hochschulen studiert, hat Diplome abgelegt und arbeitet heute selbst als Dozent. Natürlich ist er auch als Gitarrist in den verschiedensten Besetzungen im klassischen Bereich auf Tour gewesen und legt nun sein erstes Solo-Album vor, das er schlicht „Debut“ nennt.
Bemerkenswert ist die ungewöhnliche Titelauswahl, die schon ein wenig auf die unorthodoxe  Herangehensweise des heute 33jährigen Ludwigsburgers hinweist. Khalil hat sich in seiner Zusammenstellung weder von allseits bekannten Komponistennamen leiten lassen, noch auf eingängig bekannte Melodien zurückgegriffen. Auch brennt er kein Feuerwerk halsbrecherischer Virtuosität ab. Seine spieltechnische Meisterschaft zeigt sich mehr im Detail, in der individuellen Spielweise, die ein ganzes Kaleidoskop an Emotionen vermittelt.
Die Grundstimmung des gesamten Albums ist in Moll gehalten. Doch Jonas Khalil versteht es, mit Nuancen und Bezügen zu spielen und somit auch immer einen Hauch an Fantasie und Hoffnung seinen Interpretationen beizumischen. Das wird besonders bei den „6 Balkan Miniatures“ von Dusan Bogdanovic deutlich. In diesen kurzen Stücken kommt sowohl das Leid und die Greul kriegerischer Auseinandersetzungen zum Ausdruck, als auch die Hoffnung nach friedvollen Zeiten.
Die „Fantasy“ for guitar, op. 107 stammt von Malcolm Arnold, dem vor allem durch seine Filmmusik bekannt gewordenen Engländer. Die spiegelbildlich angeordneten Partituren fordern sowohl eine modern intelektuell ausgerichtete Spielweise und eine hoch emotionale, ja fast intime Herangehensweise. Es ist ein wunderbarer Reichtum an Klangfarben, die Khalil in dieser spannungsreiche Atmosphäre seinem Instrument entlockt. In seiner Komposition „Rhapsody Of The House Of Usher“, die der Gitarrist dem Minimalisten Philip Glas gewidmet hat, sind feingliedrige Strukturen zu spüren. Warme Spannungsbögen und dramaturgisch geschickt eingesetzte dunkle Klangwolken wechseln sich ab. Dadurch erhält die Musik Kontraste, ändert sich die Stimmung immer neu, atmet die Komposition ununterbrochen – immer weiter.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.