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Avi Avital & Omer Avital „Avital Meets Avital“ Deutsche Grammop...

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Jamie Saft Trio feat. Iggy Pop „Loneliness Road“ RareNoise

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Masaa „Outspoken“ Traumton

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OHRENGLÜCK 31: Eric Schaefer "Kyoto Mon Amour" Act

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Ryuichi Sakamoto „Async“

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OHRENGLÜCK 30: Mario Batkovic

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Montag 05.06.2017
Avi Avital & Omer Avital „Avital Meets Avital“ Deutsche Grammophon
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Ihre beider Biographien sind ebenso unterschiedlich, wie sie auch miteinander verschlungen und ineinander verzahnt sind. Doch auf ihrem ersten gemeinsamen Album finden Avi Avital und Omer Avital spielerisch eine Einheit, kreieren beide eine gemeinsame Klangsprache, angelegt zwischen Orient und Okzident, die tief berührt und zugleich für Momente überschäumender Freude sorgt. Durch die einfache Überwindung von Grenzen - sowohl geographischer, als auch stilistischer Art.
Hier finden zwei Instrumentalisten mit sehr ähnlichem familiären Background zusammen, die einst musikalisch völlig unterschiedliche Wege gingen. Mit ihren marokkanischen Wurzeln sind sie beide in Israel aufgewachsen. Der eine von ihnen spielt Mandoline, studierte Klassik und zog nach Berlin. Der andere spielt Bass, studierte Jazz und lebt in New York.
Warum also nicht, all den strengen Sittenwächtern des Musik-Buiseness zum Trotz, ihre Erfahrungen und Einflüsse zusammenbringen? Das westliche know how der Klassik und des Jazz mit den tradierten Spielweisen ihrer Heimat?
Im Grunde ist das Ergebnis ihres Tuns völlig einleuchtend. Denn wenn sich die Welt verändert, wird sich zwangsläufig auch deren Musik verändern. Das Denken in alten, einengenden Vorstellungen wird aufgebrochen werden. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Musik der Vergangenheit ihre Gültigkeit verliert. Aber so, wie sich die alltäglichen Grenzen des Lebens verschieben, ist es nur legitim, dass sich dies auch musikalisch widerspiegelt. Die Welt scheint kleiner zu werden, die Menschen und damit die Kulturen rücken näher aneinander. Und dieses Faktum wird auf „Avital Meets Avital“ hör- und spürbar. Marokkanische Rhythmen und israelische Harmonie, klassische Stringenz und improvisatorische Freiheit können, wie im vorliegenden Fall, inspirierend aufeinander wirken. Ja, sich auf kongeniale Weise ergänzen. Avi Avital und Omer Avital erschließen gegenseitig neue Räume und Möglichkeiten, finden zu neuen Facetten ihres bisherigen musikalischen Ausdrucks. Temperamentvoll und melancholisch, klar strukturiert und leidenschaftlich virtuos. Hier wächst musikalisch zusammen, was zusammen gehört.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 29.05.2017
Jamie Saft Trio feat. Iggy Pop „Loneliness Road“ RareNoise
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© Scott Irvine
Was für eine Besetzung! Auf diesem Album treffen sich nicht nur Generationen von Instrumentalisten, sondern auch Persönlichkeiten ganz unterschiedlicher stilistischer Provinience. Jamie Saft (1971), der New Yorker Klavier- und Orgelspieler ohne Vorurteile, hat mit „Loenliness Road“ einen Geniestreich gelandet. Einerseits beinhaltet dieses Album lupenreine Jazzaufnahmen, wie sie in Safts Karriere bisher nicht unbedingt alltäglich waren. Er gehörte in der Vergangenheit ebenso zum Dunstkreis des Erfinders der „Radical Jewish Culture“ John Zorn, wie er auch mit den Beastie Boys, den B-52`s, den Bad Brains oder dem Minimalisten John Adams gearbeitet hat.
Hier steht er nun im Rampenlicht mit der legendären E-Bass-Legende Steve Swallow (1940) und dem New Yorker Schlagzeug-Wunder Bobby Previte (1951). Nicht nur, dass sich dieses Trio im Juni 2016 im New Yorker Hudson Valley in berückender Form befand. Seine inspirierende, erfrischende Spielweise überstrahlt an coolem Glanz allein schon einen Großteil der momentanen Veröffentlichungen. Man spürt bei allen dreien diese diskrete Besessenheit, eine subtile Fabulierkunst, die nicht in schwindelerregender, erschlagender Virtuosität gipfelt.
Saft ist zudem ein Kunststück gelungen, in dem er das Enfant terrible des Punkrock, Iggy Pop (1947) für diese Session gewinnen konnte. Aber das eigentlich sensationelle an „LoenlinessRoad“ ist, wie Pop sich selbst in diesen für ihn selten zu findenden Kontext einbringt, wie er ein Teil dieser coltranesken Spiritualität ausfüllt, ja zum Träger einer Botschaft wird, deren Haltung allein überzeugt. Wie er knurrt - einfach göttlich. Anlässlich seines 60. Geburtstages vor zehn Jahren schrieb Nicole Bolz: „Er robbte nackt durch Glassplitter, schmierte sich mit Erdnussbutter voll und taumelte blutend von der Bühne, während sich die Musiker zum Rückkopplungsgeheul an die Verstärker lehnten“, einzig weil ihn nur Schmerzen aus der Langeweile befreien konnten.
Von dieser Grundhaltung scheint der im Grunde seines Herzens jazzverliebte Iggy Pop, zumindest auf diesem Album, meilenweit entfernt. Hier ist einzig seine Erfahrung, sind seine brodelnden Lebenskrisen als kreativer Ausdruck zu spüren. Er katalysiert sie in eine Richtung, die zwar manches flegelhafte erahnen, aber letztendlich doch kreatives Potenzial spüren lässt. „Er hat uns den ersten Versuch jeden Tunes zugeschickt“, erzählt Jamie Saft über den Gesangspart von Iggy Pop auf „Loneliness Road“. „Er erzählte, er hat weder ein Notenpult noch ein Textplatt gebraucht. Als es soweit war, kamen die Texte einfach aus ihm herausgeschossen.“
Und das Ergebnis: Welch eine Musik!
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 23.05.2017
Masaa „Outspoken“ Traumton
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Die Hoffnung für eine Lösung schwerwiegender Problemen liegt immer in der Vielfalt von Ansätzen. Jedes starre Denken in Schwarz oder Weiß, jedes undifferenzierte nur-Ja oder nur-Nein, jede alleinige Richtungsentscheidung, ob horizontal oder vertikal, führt letztendlich in eine geistige, von kleinlichen Ressentiments geleitete Sackgasse. Das bedeutet natürlich nicht, seine innere Haltung an jeder Garderobe kritiklos abzugeben. Aber geht es um ein verbindendes, aufklärendes Tun, dann sind Offenheit, Interessiertheit und der Wille zur Verständigung Grundvoraussetzung.
Von diesen Gedanken hat sich Rabih Lahoud leiten lassen. Der im Libanon als Kind katholischer Maroniten geborene und aufgewachsene Sänger lebt mittlerweile eineinhalb Jahrzehnte in Deutschland. Masaa, sein musikalisches Sprachrohr, existiert seit gut fünf Jahren. Ein Quartett, das an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident musiziert, eine Band, die den Kompromiss nicht um des Kompromisses willen sucht, sondern, um der Grenzenlosigkeit und Schönheit von Musik Ausdruck zu verleihen.
Massa haben mit „Outspoken“ ihr drittes Album veröffentlicht. Und waren auch die beiden Vorgänger schon von einem Grenzen öffnenden Musikantentum und einer damit im Zusammenhang stehenden faszinierenden, in breiter Amplitude wirkenden Stimmung gekennzeichnet, so findet dies auf „Outspoken“ noch einmal eine Steigerung. Mit Sicherheit haben die Konzertreisen der Band in den Libanon, nach Jordanien, Äthiopien, Mozambique, Ruanda und Simbabwe die Grundpersönlichkeiten der einzelnen Mitglieder noch einmal gestärkt. Auch ist der Prozess des musikalischen und menschlichen Miteinanders dadurch weiter fortgeschritten. Die Bandmitglieder haben ihre eigenen Erfahrungen und Visionen für dieses Album noch stärker als in der Vergangenheit als Grundlage genutzt. So liegen europäische Klassik, arabische Ornamentik, westlicher Jazz und östlicher Pop, individuelle Wünsche und Gedanken wie selbstverständlich – nein, nicht nebeneinander. Sie ergänzen sich besser als zuvor zu einer fließenden Ganzheitlichkeit.
Lahouds Stimme ist in seiner tragenden Emotionalität neben Marcus Rusts kraftvoller wie melancholisch berührender Trompetenästhetik, der musikalische Grundpfeiler der Band. Stolz und einfühlsam, aber auch bestimmt und risikoreich, gibt er die Richtung vor, singt in französisch, englisch, arabisch und deutsch(!) und zeigt, wie nah doch unterschiedliche Kulturen, bei aller Gegensätzlichkeit im kleinlichen Tun, beieinander liegen.
So gehen Masaa nicht nur musikalisch ihren ganz eigenen Weg. Mit ihren volksmusikalischen Seitensprüngen, die dem Jazz ebenso nahe sind, wie sie sich weit entfernt vom Mainstream befinden. Musik voll kultureller Synergien.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Freitag 19.05.2017
OHRENGLÜCK 31: Eric Schaefer "Kyoto Mon Amour" Act
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Eric Schaefer ist mehr als nur ein Jazzdrummer. Er ist ein Zauberer der Rhythmen, ein Künstler der Grooves. Mit untrüglichem Gespür moduliert er vom Schlagzeug aus den Charakter der Musik, gibt ihr überraschende neue Konturen, verwandelt sie ins bislang Unerhörte. Schaefer setzt Akzente und Sounds immer ein wenig anders, als man sie erwarten würde. Sein neues Album „Kyoto Mon Amour“ ist das Dokument einer wechselseitigen Verfremdung zwischen westlicher und östlicher Musikästhetik. Ausgangspunkt der kulturellen Begegnung war ein Studienaufenthalt in Kyoto, der alten japanischen Kaiserstadt. Dort hat sich Schaefer in japanische Theater-, Musik- und Instrumente-Traditionen versenkt – er nennt Asien seinen „Sehnsuchtsort“. Sein Album entstand zusammen mit dem bewährten Mitspieler John Eckhardt (Bass) und mit zwei musikalischen Botschaftern Japans: Naoki Kikuchi, die ihre Koto-Zither auch schon beim Ensemble Modern eingesetzt hat, und Kazutoki Umezu, Jazzkennern bekannt als „Doctor Umezu“, dessen Klarinettenspiel „biegsam wie Bambus“ (Schaefer) klingt. Die kulturelle Synthese wirkt ebenso großartig visionär wie anrührend natürlich. Sie ist zugleich sanfter Jazz und exotischer Minimalismus, sie ist Kammermusik, tönende Meditation und improvisierter Flow. Allein schon die frischen Klangerfahrungen dieses Albums machen glücklich. Oder wann hat man je einen gestrichenen Kontrabass im Verein mit Koto und Jazzbesen gehört? „Kyoto Mon Amour“ ist ein Album, dessen Eindrücke lange vorhalten. Am Ende mündet es ganz zwanglos in ein Stück von Maurice Ravel – der war ja ebenfalls vom fernen Osten berührt.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Eric Schaefer
Kyoto Mon Amour
ACT Music
Autor: Siehe Artikel
Samstag 13.05.2017
Ryuichi Sakamoto „Async“
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Er hat die Musik zu den Filmen „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci und „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Alejandro G. Iñárritu geschrieben. Seine Zusammenarbeit mit David Sylvian, David Bowie und Robert Wilson sind legendär. Und mit seiner Hymne zu den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona hat er Millionen Menschen weltweit erreicht.
Vor drei Jahren legte Ryuichi Sakamoto aufgrund einer schweren Erkrankung seine gesamten musikalischen Projekte auf Eis. 2015 meldete er sich mit neuen Auftragsarbeiten zurück. Nun hat der Japaner mit „Async“ sein erstes reguläres Studioalbum seit 2009 veröffentlicht. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht seine Vision von Musik, die sich durch großflächige Sounds und minimalistische  Assescoirs artikuliert. Es sind subtile Klanglandschaften, traumhafte Sequenzen, in denen all jenes steckt, was die Musik Sakamotos in den letzten Jahrzehnten ausmachte. Das erinnert nicht selten an die frühen Arbeiten Brian Enos. Diese flüchtigen, in die Unendlichkeit driftenden Melancholien, das ambitioniert schwebende in seiner Musik hält immer die Balance zwischen Himmel und Erde. Sakamoto gibt dem Klang eine imaginäre Logik, der Intelligenz die Emotionalität. Musik, die schwer fassbar ist und eine ganz spezielle Stimmung auslöst. Melodien wie in Zeitraffer gespielt, die keiner speziellen Kultur zuzuordnen sind. Soundtracks als eine schonungslose Reise ins „Ich“. Weitab zeitgemäßer Songformate. Stattdessen traumhafte Seelennahrung.
Jörg Konrad

Ryuichi Sakamoto
„Async“
Milan / Warner
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 09.05.2017
OHRENGLÜCK 30: Mario Batkovic
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Photo: Patrick Principe
Mario Batkovic

In ihrem Buch „Denken wird überschätzt“ beschreiben die Autoren Niels Birbaumer und Jörg Zittlau den Weg zur musikalischen Ekstase. Sie führen aus: „Der Rhythmus nimmt uns mit [...], aber ans Ziel kommen wir vor allem dadurch, dass unsere Erwartungen an den gleichmäßigen Lauf der Musik gebrochen werden. Dieser Bruch darf jedoch nur so stark sein, dass wir ihn nicht als störend oder sogar beängstigend, sondern als lustvoll erleben.“
Diese Sätze könnten ein Kommentar zu Mario Batkovics Album sein. Der in Bosnien geborene Schweizer spielt sein Akkordeon solo, aber er tut es auf ungewöhnliche Weise. Mehrfach erinnert sein Spiel an Werke des Minimal-Music-Komponisten Philip Glass. Die Musik pocht zuweilen nur auf einem Ton, aber mit durchgängigem Puls, oder sie insistiert unermüdlich auf einem kurzen Ostinato. Dann pulst es plötzlich auf mehreren Ebenen, sanft verschieben sich die Harmonien, manchmal klingt es wie eine Barockfigur mit einem Housebeat-Bass darunter, oder die Dynamik springt in den vollen Akkord – wie beim Tutti eines Orchesters. Batkovics Spiel ist auf ein Skelett reduziert, aber das Ergebnis scheint uns direkt in die Trance zu führen oder zumindest in die Meditation.
Die Wucht dieser minimalistischen Klangereignisse kommt auch direkt vom Instrument. Hier hört man das Akkordeon einmal so, als wäre man selbst der Spieler. Die Bässe sind mächtig, die Nebengeräusche präsent, man spürt die Vibrationen. „Ich wollte, dass das ganze Instrument atmet“, sagt Batkovic, „das Klacken der Tasten, das Knacksen der Gurte und schleifende Atmen des Balgs sollen hörbar sein. So können die Nachteile des Akkordeons in Vorzüge verwandelt werden, die einen neuen Klang schaffen.“ Definitiv ein Erlebnis!

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Mario Batkovic
"Mario Batkovic"
Invada Records
Autor: Siehe Artikel
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