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Inhaltsverzeichnis
OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"

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Jütz „hin & über“

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OHRENGLÜCK 43: Hailey Tuck "Junk"

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Susanne Paul`s MOVE String Quartet „Short Stories“

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Joey Baron & Robyn Schulkowsky „Now You Hear Me“

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Nigel Kennedy „Kennedy Meets Gershwin“

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Samstag 23.06.2018
OHRENGLÜCK 44: Bram Stadhouders "Big Barrel Organ"
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Jahrmarktsorgeln – sie wurden einst erfunden, um auf Volksfesten und in Tanzsälen die teuren Musikkapellen einzusparen. Mit dem Aufkommen der Schallplatte und der elektrischen Lautsprecher allerdings wurde die mechanische Spielorgel selbst arbeitslos – ihr Kitschdesign lebte immerhin fort in der Jukebox. Später hat man die meisten der alten Kirmesorgeln demontiert, zerschlagen, verheizt. Manche überlebten in Lagerhäusern und sind heute als „Nostalgie-Orgeln“ wieder gefragt.

Die wahrscheinlich größte erhaltene Jahrmarktsorgel der Welt steht im niederländischen Tilburg. „The Rhapsody“ ist sieben Meter lang, fünf Meter hoch und wiegt mehr als fünf Tonnen. In ihr sind über 800 Orgelpfeifen und andere Instrumente verbaut. Das Beste aber ist: „The Rhapsody“ wurde in neuerer Zeit mit einer MIDI-Schnittstelle ausgestattet. Diese Technik, die in den 1980er Jahren erfunden wurde, erlaubt es, mit digitalen Signalen aus Keyboard, Gitarre oder Blaswandler jedes MIDI-fähige Instrument zu steuern. Bram Stadhouders spielt die Tilburger Spielorgel auf seiner E-Gitarre.

Stadhouders ist 31 Jahre alt. Er studierte elektronische Musik und klassische Komposition und hat mit zahlreichen Jazz- und World-Musikern zusammen improvisiert. Gerne nennt er sich den „ersten Jahrmarktsorgel-Gitarristen der Welt“. Mithilfe seiner Umschaltpedale kann er auf der Gitarre verschiedene Klangfarben der Spielorgel auswählen und im Loop die Einzelstimmen live übereinanderlegen. Oder er spielt mit „The Rhapsody“ eigene Kompositionen ein und improvisiert darüber im gewohnten Gitarrensound.

„Wenn man moderne Musik für diese Orgeln komponiert, hört man völlig einzigartige Klänge, scheinbar einen Mix aus elektronischen und akustischen Tönen“, sagt Stadhouders. Seine Stücke sind weder Popmusik noch Jahrmarkt. Sie sind minimalistisch, verbohrt, manchmal sperrig. Man könnte sie sich auch als Jazznummern, Kammerkompositionen oder elektronische Partituren vorstellen. Diese Verbindung aus moderner Freiheit und historischer Mechanik klingt so faszinierend wie ungewohnt. Stadhouders meint, „The Rhapsody“ habe nur auf ihn gewartet.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Bram Stadhouders
"Big Barrel Organ"
Challenge Records
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 12.06.2018
Jütz „hin & über“
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Sie kommen aus Tirol und aus der Schweiz und haben Musik im Gepäck, die typisch ist für die  Berge ihrer Heimat. Jütz spielen Volksmusik im weitesten Sinne. Das heißt, die Vorlagen sind, bis auf wenige Ausnahmen, Originale: Landler, Walzer, Polka. Auch der „Schweinsbeuchler“, der „Pleitemarsch“ und der „Tunnelen“ sind mit von der Partie. Doch Isa Kurz, Philipp Moll und Daniel Woodtli bringen in die Folklore soviel Exotik und Jazz hinein, dass es eine Freude ist, diesen restaurierten Volksliedern zu lauschen. Sparsam arrangiert klingt manches auf ihrem dritten Album „hin & über“ wie die klanggewordene Subkultur einer verschworenen Interessengemeinschaft. Hier gehen Tradition, Intelligenz und Fantasie Hand in Hand. Das Sentimentale wird bei Jütz sinnlich, das Allgemeine differenziert und das Eingängige bekommt bei ihnen etwas elegisches. Und das alles mit einer Instrumentierung, die nicht so ganz alltäglich klingt: Trompete, Kontrabass, Akkordeon, Holz(?), Ziegenglocken, Mandola, Hackbrett, Stimmen und manches mehr.
Diese Musik hat in ihrer Vertrautheit jede Menge Charme und geht zugleich neue Wege, die abgelegen aller breiten und ausgetretenen Wanderpfade des Mainstream liegen. Man kann sie ebenso für ein alternatives Volksmusikfestival buchen, als auch für eine moderne Jazzreihe. Und alle kommen musikalisch auf ihre Kosten. Aber keine Angst, unverbindlich oder gar beliebig klingt anders. Jütz Musik hat Seele. Das ist vielleicht ihr wichtigstes Charakteristikum. Und der Bandname? „Ein Jützli ist ein Jauchzer, oder Jodler“, erklärt Daniel Woodtli. Na bitte.
Jörg Konrad

Jütz
„hin & über“
Chaos
Autor: Siehe Artikel
Montag 04.06.2018
OHRENGLÜCK 43: Hailey Tuck "Junk"
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Er ist einer der großen Aktivposten im Hintergrund der Musikwelt: Larry Klein. Jazzfans kennen ihn vielleicht noch als Bassisten des Trompeters Freddie Hubbard, damals in den 1980er Jahren. Auch die Sängerin Joni Mitchell, bekannt für ihre Schwäche für den Jazz, holte den Bassspieler 1982 in ihre Band. Für Mitchell war Larry Klein bald schon mehr als nur ein Begleiter, nämlich auch Songschreiber, Produzent und Ehemann. Seitdem sind seine vielfältigen Talente geradezu explodiert. Klein spielte auf den Alben zahlreicher etablierter Popstars wie Cher, Neil Diamond, Bob Dylan, Peter Gabriel, Diana Ross und Donna Summer und wurde zudem ein gesuchter Filmkomponist. Seine absolute Spezialität aber ist es, Nachwuchs-Sängerinnen im Grenzbereich zwischen Jazz und Pop zu fördern. Larry Klein entdeckte, begleitete oder produzierte bereits Tracy Chapman, Holly Cole, Melody Gardot, Norah Jones, Madeleine Peyroux, Liz Wright und andere – eine bemerkenswerte Liste. Seine neueste Entdeckung heißt: Hailey Tuck.

Die junge Dame aus Texas ist etwas Besonderes. Schon als Teenager entwickelte sie eine ganz unzeitgemäße Bewunderung für Louise Brooks, einen der großen Stummfilm-Stars der 1920er Jahre. Tuck trägt nicht nur dieselbe Bubifrisur, sondern ging auch wie einst die Schauspielerin in jungen Jahren nach Europa. Die Brooks drehte damals skandalöse Filme mit dem Regisseur Georg Wilhelm Pabst. Hailey Tuck dagegen tingelte als Nostalgie-Chanteuse durch Cabaret-Clubs, trat auf kleinen Jazzfestivals auf und wurde in Paris gefeiert.

Dann hat Larry Klein sie unter ihre Fittiche genommen. Für ihr Debütalbum „Junk“ hat er ihr ein Ensemble aus bewährten Studiomusikern bereitgestellt, die sich geschmackvoll zurückhalten und keinen Ton zu viel spielen. Die meisten der zwölf ausgewählten Songs wurden schon von berühmten Vorgängern interpretiert – Tony Bennett, Solomon Burke, Leonard Cohen, Paul McCartney, Joni Mitchell, Nina Simone, Barbra Streisand, den Kinks oder Pulp. Bei Hailey Tuck allerdings klingen sie anders. Die Texanerin singt durchweg kontrolliert, unterkühlt und im mittleren Tempo – eine Mischung aus unschuldigem Mädchen und gefährlichem Vamp. Das klingt mal nach späten 1920er Jahren, mal nach frühen 1960ern, erinnert an Billie Holiday oder späten Rock’n’Roll, könnte Alternative Jazz heißen, Nostalgie-Pop oder Cabaret-Swing. Immer aber hat das eine raffinierte Naivität, eine prickelnde Coolness, scheinbar ohne Anstrengung. Nicht nur Larry Klein glaubt an die Zukunft dieser jungen Dame.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Hailey Tuck
"Junk"
Sony Music

Übrigns: Mittwoch, 06. Juni tritt Hailey Tuck um 21. Uhr im Münchner Jazzclub Unterfahrt auf.
Anschrift:
Jazzclub UNTERFAHRT
Einsteinstraße 42
81675 München
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 03.06.2018
Susanne Paul`s MOVE String Quartet „Short Stories“
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Streichquartette im Zwischenreich von Klassik, Pop und Jazz gibt es einige. Sie halten all jene bei Laune, die den kammermusikalischen Aspekt in der Musik mögen, aber rein akustisch die Flexibilität bevorzugen. Nichts für Puristen also. Susanne Paul`s MOVE String Quartet ist in diesem Fach etwas besonderes. Denn den vier Instrumentalisten gelingt das seltene Kunststück, die unterschiedlichen Segmente ihres Spiels geschlossen und pointiert zu präsentieren. Klassik, Pop und Jazz sind bei Marie- Theres Härtel (Viola), Gerour Gunnarsdottir (Violine), Carlos Bica (Bass) und der Cellistin Susanne Paul zwar Teil ihres Spiels – jedoch spürt man deren Grenzen kaum. Alles geht ineinander über, klingt harmonisch, ohne gefällig zu wirken. Ob intensive Grooves oder zaghaftes Adagio, ob dissonanter Gruppenklang oder feines Solieren, ob kompetente Improvisationen oder interpretatorische Strenge. Hier sind Seelenschwestern und -brüder am Werk, hier kann man getrost von künstlerischer Wahlverwandtschaft sprechen. Jeder ist auf "Short Stories" Meister seines Fachs und orientiert sich nicht allein am eigenen Spiel. Ein Quartett aus vier Einzelstimmen, das jedoch als Gesamtorganismus atmet und auch in den raffinierten Arrangements genügend Möglichkeiten zum Austausch findet. Substanz statt Effekt. Gelassenheit statt interpretatorischer Rigorosität. Die Spannung entsteht im offenen Austausch. Es lebe der demokratische Geist, der Identitäten und Individualisten auf Augenhöhe zusammenbringt.
Jörg Konrad 

Susanne Paul`s MOVE String Quartet
„Short Stories“
Jazzhaus

Autor: Siehe Artikel
Sonntag 27.05.2018
Joey Baron & Robyn Schulkowsky „Now You Hear Me“
Joey Baron & Robyn Schulkowsky
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Photo: Dariusz Gackowski
Trommeln ist so alt wie die Menschheit. Es ist der Puls der verschiedenen Kulturen. Oder, wie Dieter Bachmann einmal schrieb: „Trommeln heißt nichts anderes, als der fließenden Zeit eine Einteilung aufzuprägen“. Und die Trommler, heute sagt man eher Schlagzeuger oder Schlagwerker, sind somit die ordnenden Hüter der Zeit. Wenn nun mehrere solcher Schlagwerker aufeinandertreffen, wenn also dem einen Puls ein zweiter gegenüber gestellt wird, wie mag das klingen? Entsprechend der Persönlichkeit und Individualität der beiden immer wieder anders.
Im März 2016 haben sich in Berlin zwei trommelnde Instrumentalisten im Studio getroffen und sind miteinander in einen Dialog getreten, der jetzt beim Schweizer Label Intakt vorliegt. Joey Baron gehört zu den wohl derzeit am häufigsten gebuchten Sideman der Jazzszene. Der Amerikaner beherrscht nicht nur ein Arsenal an Perkussionsinstrumenten, er begleitet mit ihnen auch so unterschiedliche Stilisten wie John Zorn, Dizzy Gillespie, Marianne Faithfull oder Irene Schweizer.  In seinem Einfühlungsvermögen, seiner Spontanität und seinem rhythmischen Puls scheinen ihm keine Grenzen gesetzt. Robyn Schulkowsky ist eine der führenden und gesuchtesten Perkussionistinnen der modernen Klassik, seit vielen Jahren Soloschlagzeugerin verschiedener Orchester und Komponistin für Perkussionsensemble.
Auf „Now You Hear Me“ befinden sich vier Stücke, die im freien Dialog die Welt rhythmisch zum Klingen bringen. Hier findet sich traditionelles Pulsieren neben strukturellen Polyrhythmen, energetisches Donnergrollen neben fein ziselierter Beckenarbeit, differenziertes Signalgeben neben komplexen Ausrufezeichen. Dabei ist alles im Fluss, gehen perkussive Andeutungen in klare Formulierungen über und umgekehrt. Archaische Trommelrituale verbinden sich mit intellektuellen Akzenten. Alles auf diesem Album ist Interaktion, steht in einer dynamischen Wechselbeziehung und wirkt dadurch überzeugend. „Now You Hears Me“ bietet in seinen rhythmischen Dialekten subtile Spannung. Ein grandioses Vergnügen, für Kopf und Bauch, weil: Hier haben sich zwei außergewöhnliche Rhythmiker gesucht - und gefunden.
Jörg Konrad

Joey Baron & Robyn Schulkowsky
„Now You Hear Me“
Intakt Records
Autor: Siehe Artikel
Freitag 18.05.2018
Nigel Kennedy „Kennedy Meets Gershwin“
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Sie sind beide Klassiker und sprengen mit ihren Werken jede stilistische Form. Nigel Kennedy, der Geiger im Punker-Outfit, dessen Spiel sich zwischen Johannes Brahms und Charlie Parker bewegt und George Gershwin, der große amerikanische Komponist, der ungezählte Standards geschrieben hat, die in das Great American Songbook eingegangen sind und von traditionellen Jazzmusikern ebenso interpretiert werden, wie von den Avantgardisten der Szene.
Nun spielt Nigel Kennedy ausgewählte Stücke von George Gershwin. Und natürlich lässt er diese Dauerbrenner des Jazz in einem ganz individuellen Licht erstrahlen. Er bewegt sich wie einst seine großen Gönner Stéphan Grapelli und Yehudi Menuhin im Fahrwasser von Eleganz, Raffinesse und Ideenreichtum. „Musik muss Abenteuer bleiben“, bekannte Kennedy vor Jahren in einem Interview. Und von diesem Leitsatz geprägt klingen „The Man I Love“, „Summertime“ oder „Porgy & Bess“. Er verziert, pardon, natürlich improvisiert in seinem, nicht immer ganz orthodoxen Geist. Virtuos jagt er über die Saiten, glänzt mit angerissenen Akkorden und koketten Glissandi. Und wenn die leidenschaftliche Vollkommenheit ihn an die Grenzen führt, dann spielt er Klavier oder auch das Hapsichord, zu deutsch Cembalo.
Als Begleitband hat das einstige Wunderkind Kennedy ein Trio gewählt, das ihn glänzend unterstützt und zugleich für enormen Auftrieb sorgt. Mit den beiden Gitarristen Howard Alden und Rolf Bussalb, sowie dem Bassisten Tomasz Kupiec klingt der Geiger immer wieder wie das legendäre Quintette du Hot Club de France um Django Reinhardt und Stéphane Grapelli. Doch keine Angst, „Kennedy Meets Gershwin“ ist zwar ein Album, bei dem es durchgehend swingend zugeht. Trotzdem ist es nicht der bewahrenden Charakter des Repertoires, der hier allein für ein Ausrufezeichen sorgt. Kennedy zeigt sich als ein blitzgescheiter, aber auch unterhaltender Instrumentalist, dem man den Spaß am scheinbaren Stilbruch liebend gern abnimmt.
Viktor Brauer

Nigel Kennedy
„Kennedy Meets Gershwin“
Warner Classics
Autor: Siehe Artikel
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