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7. Elizabeth Stout „Oh William!“
8. Eduard von Keyserling „Kostbarkeiten des Lebens – Gesammelte Feuilleton...
9. George Orwell „1984“ - Das Hörspiel
10. Banine „Kaukasische Tage“
11. Jo Lendle „Eine Art Familie“
12. Nils Wortmann „Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man ...
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Mittwoch 16.02.2022
Elizabeth Stout „Oh William!“
„Oh William!“ ist der Titel des jüngsten Romans von Elizabeth Strout, ein Stoßseufzer, in dem ein wenig Ironie, ein wenig Resignation und viel Zärtlichkeit mitschwingt. „Oh William“ seufzt Lucy Barton, die Icherzählerin, im Laufe des Buches immer wieder.
Lucy Barton ist Schriftstellerin und eine zentrale Figur im Romankosmos von Elizabeth Strout; wie auch einige Nebenfiguren kennt man sie schon aus anderen Geschichten der Autorin. Hier berichtet sie von ihrer Beziehung zu William, ihrem geschiedenen Ehemann.
Die beiden waren fast 20 Jahre lang verheiratet und haben zwei erwachsene Töchter. Auch nach ihrer Scheidung und weiteren Ehen – Lucys zweiter Mann ist gestorben und William ist gerade von seiner dritten Frau verlassen worden - sind sie Freunde geblieben. Als William in eine tiefe Lebenskrise gerät, ist es Lucy, die er anruft und um Hilfe bittet. Zusammen reisen sie nach Maine, um nach Williams Vergangenheit und seinen Wurzeln zu forschen. Beide werden mit ihren Kindheitstraumata konfrontiert.
In dem ihr eigenen schlichten, plauderhaften Erzählton nähert sich Elizabeth Strout behutsam den höchst differenzierten Protagonisten des Romans und legt dabei immer mehr Schichten ihrer Charaktere frei. Die Autorin ist eine intime Kennerin der menschlichen Seele. Das Besondere an ihr ist der große Respekt, mit dem sie all die Unzulänglichkeiten, Ängste und Verletzungen ihrer Figuren darstellt.
Lucy und William haben beide den amerikanischen Traum verwirklicht. „Unsere Väter haben im Krieg auf verschiedenen Seiten gekämpft, und deine Mutter kam aus tiefer Armut, genauso wie ich, und schau uns jetzt an, wir leben beide in New York, und beide sind wir erfolgreich“ sagt Lucy einmal. Lucy ist als Autorin so bekannt, dass auch in der abgelegensten Bibliothek in Maine ihre Bücher im Regal stehen, und William ist ein wohlhabender, immer noch gutaussehender ehemaliger Universitätsdozent. Doch beide sind sie vom Leben Gezeichnete.
Williams wahres Gesicht ist oft hinter einem „Visier eiserner Liebenswürdigkeit“ verborgen, wie es Lucy ausdrückt. Nachts quälen ihn Angstzustände, die mit seinen verstorbenen Eltern zu tun haben. Sein Vater, der als Soldat für die Nazis gekämpft hat, war als Kriegsgefangener in den USA und hat dort seine Mutter kennengelernt. Von seinem deutschen Großvater, einem Kriegsgewinnler, hat William ein Vermögen geerbt. Häufig träumt er nun von Konzentrationslagern und Gaskammern. Und auf der Reise mit Lucy kommt er der Lebenslüge seiner scheinbar so warmherzigen, lebenslustigen Mutter auf die Spur, eine Erkenntnis, die ihn tief erschüttert und verunsichert.
Elizabeth Strout zeigt in ihrem Roman, wie verheerend sich mangelnde Liebe der Eltern auf ihre Kinder auswirkt, wie diese Urerfahrung deren ganzes Leben prägt. Lucy ist in Maine aufgewachsen. Auf der Fahrt durch das öde, heruntergekommene Land wird sie von Bildern ihrer schrecklichen Kindheit überschwemmt, einer Kindheit, die so grauenhaft war, dass sie nur in Andeutungen darüber sprechen kann. Es sind Erinnerungen an Armut, seelische und körperliche Gewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung. Den Geruch ihrer Herkunft wird Lucy nie mehr ganz los. „Oh William“ ist damit auch ein Buch über das große soziale Gefälle in Amerika. Schlimmer noch als die Armut war für Lucy die völlige Lieblosigkeit ihrer Mutter. Trotz ihres Erfolgs als Schriftstellerin fühlt sie sich ihr Leben lang immer wieder isoliert und für die Welt unsichtbar. Dennoch ist ihr Lebensrückblick nicht von Zorn oder Hass geprägt, sondern von verständnisvoller Melancholie; Verständnis empfindet sie für ihre Eltern ebenso wie für William. Elizabeth Strout hat in Lucy Barton eine gütige, humorvolle und weise Figur geschaffen.
In locker aneinander gereihten Episoden erzählt Lucy von ihrer Ehe, von Momenten der Liebe und Geborgenheit, von Distanz, gegenseitigen Kränkungen und Williams Affären. Ihre gemeinsame Reise setzt einen neuen Annäherungsprozess in Gang. Und doch findet Lucy auf ihre Frage: „Wer ist dieser Mann, dieser William?“ keine wirkliche Antwort. Auch das ist eine Erkenntnis des Romans: “…im Kern bleiben wir alle Geheimnisse. Mythen. Wir sind alle gleich unerforschlich, das will ich damit sagen.“ Oh Lucy! Oh William!
Lilly Munzinger, Gauting

Elizabeth Stout
„Oh William!“
Luchterhand
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Freitag 04.02.2022
Eduard von Keyserling „Kostbarkeiten des Lebens – Gesammelte Feuilletons und Prosa“
Er konnte so brillant wort- als auch geistreich für das Feuilleton schwadronieren, „Über das Kranksein“, über „Menschliches“, über Persönlichkeiten der Zeitgeschichte und natürlich „Über die Liebe“ - egal ob himmlischer oder irdischer Natur. Doch Eduard von Keyserling (1855-1918) verstand es auch, erstaunliche und präzise Gedanken über die Kunst zu äußern, Einschätzungen zum Theater zu geben, lesenswerte Briefwechsel zu führen und natürlich Erzählungen zu schreiben. Ein Genie, das gesellschaftlich verehrt und bewundert wurde und von dem Rainer Maria Rilke und Thomas Mann schwärmten.
Texte ganz unterschiedlicher Natur sind auf den vorliegenden über 900 Seiten enthalten, die der Manesse Verlag nun in seinem 3. Band der Schwabinger Ausgabe mit den gesammelten Feuilletons und Prosa des Autors veröffentlicht hat. Unter dem wunderbaren Titel „Kostbarkeiten des Lebens“ gibt er Einblicke in „Kunst und Ästhetik“, in „Bühne und Buch“, er philosophiert über Kriegsgeschehnisse und tatsächlich sind hier fünf Erzählungen von ihm erstmals veröffentlicht. Das alles spielt sich vor dem Hintergrund von Impressionismus, Symbolismus, Jugendstil und am Rande von ständig und zu jeder Zeit stattfindenden avantgardistischen Kunstscharmünzeln ab und findet mit Sicherheit auch heute noch eine begeisternde Leserschaft.Insofern steht der aus einem adlig-kurländischem Geschlecht stammende von Keyserling in großer Tradition anderer deutschsprachiger Feuilleton-Autoren wie etwa Alfred Kerr oder Alfred Polgar.
Doch im Gegensatz zu den beiden letztgenannten ist Eduard von Keyserling eben bekannter durch seine eigenen Arbeiten, den Romanen und Novellen, sowie den Dramen. Trotzdem sollte man seine Arbeit als Kritiker – oder sagen wir besser als ein Mittler von Kunst und Kultur zwischen dem Schaffenden und dem Publikum – nicht unterschätzen.
Geboren und aufgewachsen ist von Keyserling als Sohn eines Landrats in Kurland, dem heutigen Lettland. Als zehntes von zwölf Kindern studierte er nach dem Abitur Jura, später, in Wien und Graz, Philosophie und Kunstgeschichte. Er schrieb viel für Zeitungen, später, nach mehreren Erkrankungen und starken körperlichen Einschränkungen, lebte er unverheiratet in München und veröffentlichte, kaum mehr aus dem Hause in der Schwabinger Ainmillerstraße 19 gehend, von hier aus einen Großteil seiner den Schwestern diktierten Romane und Erzählungen.
Auch wenn er seit 1900 nicht mehr zu großen Reisen in der Lage war, nahm er bis zu seiner Erblindung recht intensiv am gesellschaftlichen Leben der Kultur-Bohèm in Schwabing teil, besuchte Ausstellungen, beschäftigte sich mit Malern wie Kandinsky, Signac, Kubin, Fritz von Uhde und natürlich Lovis Corinth, der Keyserling 1900 porträtierte. Als er das Bild das erste Mal sah, soll Keyserling gesagt haben: „Es mag, trotz der Brutalität, die drinsteckt, gut gemalt sein, und gut unterhalten hat er mich dabei. So aussehn möchte ich aber lieber nicht.“ Keyserling starb noch vor Ende des 1. Weltkriegs an den Folgen seiner Syphiliserkrankung.
Jörg Konrad

Eduard von Keyserling
„Kostbarkeiten des Lebens – Gesammelte Feuilletons und Prosa“
Manesse
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Dienstag 25.01.2022
George Orwell „1984“ - Das Hörspiel
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Auch wenn George Orwell in seinem vielleicht bekanntesten Text „1984“ den totalitären Staat am Beispiel der Sowjetunion stalinscher Prägung anprangert, reiste er nie in oder durch dieses Land. Trotzdem waren es persönliche Erfahrungen, die ihn zu diesem dystopischen Roman anregten. 1936 ging Orwell als Freiwilliger nach Barcelona und nahm dort am Spanischen Bürgerkrieg teil. Er wurde eher durch Zufall Mitkämpfer einer Brigade, die mit anarchistischen Mitteln eine sozialistische Gesellschaft propagierte. Diese Gruppe geriet ins Fadenkreuz von Waffen liefernden sowjetischen Stalinisten, deren Politkommissare ähnlich der kommunistischen Partei in ihrem Heimatland Säuberungsaktionen auch in Spanien(!) durchführen ließen, denen Orwell als Opfer nur knapp entging.
Als der 1903 in Motihari, Bihar, Britisch-Indien geborene Engländer 1945 nicht zuletzt aufgrund dieser Erfahrungen seine Fabel „Farm der Tiere“ veröffentlichte, nachdem diese zuvor von vier Verlegern abgelehnt wurde, schlug ihm in seiner Heimat massive Kritik entgegen. Schließlich gehörte die Sowjetunion wie auch England damals zum Kreis der Alliierten.
An dem Roman „1984“ arbeitete Orwell dann in den Jahren 1946 bis 1948. Er beschreibt hier den letzten Lebensabschnitt des Winston Smith in einem fiktiven Überwachungsstaat im Jahr 1984 (ein bewusster Zahlendreher des Jahres 1948). Smith arbeitet im Wahrheitsministerium. Seine Aufgabe besteht darin, die Vergangenheit auf die Gegenwart abzustimmen, in dem die Geschichte in Form von Zahlen, Fakten, Bilder rückwirkend manipuliert werden.
Die Handlung spielt in Ozeanien, neben Eurasien und Ostasien einer der drei großen Machtblöcke. Die sogenannte Gedankenpolizei überwacht das totalitäre System, dem der allgegenwärtige „Große Bruder“ diktatorisch vorsteht.
Smith und seine Freundin Julia, die ebenfalls im Ministerium für Wahrheit arbeitet, hier aber in der Romanabteilung für die Wartung eines Elektromotors der Kompositionsmaschine verantwortlich ist, lehnen das despotische System ab und geraten damit ins Fadenkreuz des Überwachungssystem der Gedankenpolizei. Um beide wieder auf Linie zu bringen, werden sie mit Foltermethoden einer Gehirnwäsche unterzogen.
Im damaligen Ostblock galt Orwells Roman als staatsfeindliche Hetzschrift, wobei bei Besitz der Schrift hohe Zuchthausstrafen verhängt wurden.
Der Bayerischer Rundfunk und Deutschlandfunk Kultur haben den Orwell-Klassiker im letzten Jahr unter der Regie von Klaus Buhlert neu produziert. Franz Pätzold, Felix Goeser, Elisa Plüss, Jens Harzer, Wolfram Koch machen die bedrückende Stimmung dieses aufklärerischen wie spannenden Romans als Hörspiel über vier Stunden nacherlebbar. Gleichzeitig wird bei Orwells visionären Blick in die Zukunft die hohe Aktualität von Themen wie Überwachung, Whistelblowing und Alternative Fakten in unserer Gegenwart deutlich spürbar.
Viktor B.

George Orwell
„1984“ - Das Hörspiel
Der Hörverlag
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Freitag 07.01.2022
Banine „Kaukasische Tage“
Banine, das Pseudonym von Umm-El-Banine Assadoulaeff, erzählt in „Kaukasische Tage“ die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend, aus einem Land, das einerseits an die Märchen aus 1001 Nacht erinnert und dann wieder mitten in den Konflikten und Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt. Das damalige (kulturelle) Zentrum, in dem Christen, Muslime, Juden, Kaukasier, Armenier, Türken und Russen teils (noch) friedlich nebeneinander lebten, war das aus zahlreichen Palästen, Moscheen und Festungsbauten bestehende Baku am Kaspischen Meer. Alle Ethnien und Religionsanhänger besaßen laut ihren Dekreten strenge Glaubensregeln – doch kaum jemand hielt sich wirklich daran, so dass die verschiedenen Volksgruppen sich weniger voneinander abgrenzten, als man es glauben könnte.
Baku, heute Hauptstadt und wirtschaftliches Zentrum von Aserbaidschan, war um 1900 das symbolische El Dorado des Ostens. Es wurden gewaltige Ölvorkommen entdeckt, die das zivile Leben förmlich auf den Kopf stellten. Abenteurer und Geschäftsleute aus der ganzen Welt wurden magisch angezogen und verarmte einheimische Hirten und Bauern kamen zu unvorstellbarem Reichtum.
Auch Banines Urgroßeltern waren mittellos, lebten reduziert fast wie im Mittelalter. Doch dann veränderte das Öl die Situation der Familie vollkommen. Ihr Vater wurde zu einem der reichsten Männer der Stadt und richtete sein Leben nach westlichen Maßstäben ein. Natürlich wurden auch seine Kinder von diesen Veränderungen geprägt. Sie lebten in einer Art Grenzzone zwischen Orient und Okzident, was einerseits aufgrund der Puffer-Situation Freiheit bedeutete, andererseits jedoch immer wieder zu Spannungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern führte.
Banine erzählt ungestüm wie unterhaltsam von den Verhältnissen innerhalb ihrer Familie. Sie beschreibt erfrischend verkrustete Strukturen, wie sie als fünfzehnjährige gegen ihren Willen verheiratet wurde, von ihrer Großmutter, einer resoluten Matriarchin, von ihren Schwestern, ihren spitzbübischen Cousins und ihren unstillbaren Träumen von der großen Liebe und Paris – ihrem Sehnsuchtsort.
Die politischen Entwicklungen, der Genozid an den Armeniern, die Unabhängigkeitsbestrebungen Aserbaidschan, die politische Karriere des Vaters, der Einzug der sowjetischen Revolution und die damit verbundenen Repressalien der Familie, ja auch der Verlust sämtlichen materiellen Reichtums – alles beschreibt Banine wenig lamouryant, sondern mit größtmöglicher Distanz und tabuloser Ironie.
Jörg Konrad

Banine
„Kaukasische Tage“
dtv
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Dienstag 28.12.2021
Jo Lendle „Eine Art Familie“
Schlaf, Narkose, Tod – und das in Zeiten des Kaiserreichs, des Nationalsozialismus, der DDR und der jungen Bundesrepublik. Trotz dem mit Grauen, (Staats-) Terror und verblendender Intoleranz angereicherten Jahrhundert, in dem dieser autobiographische Text spielt, ist „Eine Art Familie“ ein friedliches Buch. Jo Lendle, Autor und Verleger, erzählt die Geschichte seines Großonkels Ludwig Lendle. Der war forschender Pharmakologe während der Zeit der Naziherrschaft und hatte im Bereich der Toxikologie und speziell der Narkose gearbeitet. Er selbst, homosexuell aber mit seiner Lebensfreundin Alma und seiner Haushälterin, vielleicht auch als äußerem Schutz verbunden, stand dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Wilhelm, der zwischen 1933 und 1945 Karriere macht.
Trotzdem stützt eben die Arbeit Ludwigs, im Roman „Lud“ genannt, das Regime beträchtlich, macht viele Greueltaten erst möglich. So geht es auch um die Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers und seines Tuns im direkten Umfeld einer Diktatur, um Verstrickungen und um Schuld. Im Fall von Ludwig interessiert sich die Wehrmacht für seine Giftgasforschungen, wobei im Buch nicht ganz klar wird, wie die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit genau genutzt werden. Man ahnt schlimmes.
Bei aller realistischen und fiktionalen Herangehensweise fasziniert die Atmosphäre die Jo Lendle in "Eine Art Familie" schafft. Der Autor ist ein Meister der subtilen, der stillen Sprache, die überwiegend beschreibt und nur wenig wertet. Er selbst antwortete in einem Interview auf die Frage, wie er das Verhältnis von Realität und Fiktion in der Geschichte beschreiben würde: „Das Verhältnis von Wirklichkeit und Wünschenswertem ist immer kompliziert, im Roman wie im täglichen Leben. Wir erzählen uns pausenlos unsere Geschichte, auch in der familiären Überlieferung. Diese Sorte Reibung mag ich, als würde man aus zwei unterschiedlichen Materialien ein Haus bauen.“
Dabei ist Lendle ein genauer Beobachter, der seine Figuren, ob nun real oder fiktiv, mit viel Empathie entwickelt, der versucht, immer hinter die jeweilige Fassade zu blicken, Entscheidungen deutlich herausarbeitet, um damit den einzelnen Menschen in seiner Handlungsweise zu verstehen.
Das sind die angenehmen Feinheiten dieses Romans, der das Denken, die Entscheidungen und vor allem die Zurückhaltungen und Distanzierungen von Menschen in einer Zeit beschreibt, die gewiss nur wenig Heldenhaftes hervorgebracht hat.
Jörg Konrad
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Montag 20.12.2021
Nils Wortmann „Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte“
Er war es, der vor mehr als fünfundvierzig Jahren mit einer Musik für Aufmerksamkeit sorgte, die es so bis dahin nicht gab, ja von der sogar viele behaupteten, es sei überhaupt keine Musik. Dieser Mensch mit Namen Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, kurz Brian Eno genannt, produzierte 1975 mit „Discreet Music“ das erste offizielle Ambient-Album. Diese Art des Erzeugens von Klängen und elektronischen Verfremdens von schon bestehendem Tonmaterial war neu, fand aber relativ schnell eine begeisterte Fangemeinde. Was sich dort so vorsichtig und leise entwickelte, hatte jedoch nichts esoterisches oder metaphysisches an sich. Dafür war diese Form der Musik zu gebrochen, zu experimentell, waren die einzelnen Tonfiguren zu reduziert und konturlos, sie lebte eben nicht allein vom Schönklang. Wer die pure Harmonie suchte, wurde hier nicht fündig.
Nils Wortmann hat in seinem Buch „Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte“ eine Reise durch die chronologisch aufgebaute Geschichte der Ambient Music vorgelegt. Und er fragt zu recht auch gleich in der Einleitung: Warum nur 100 Ambient-Alben? Natürlich, es gibt mittlerweile, wo Ambient im Bereich der elektronischen Musik einen festen Stellenwert eingenommen hat, tausende ähnliche Alben. Viele Musiker und Bands bedienen sich beim Kreieren eigener Musik einzelner Versatzstücke aus dem Ambientbereich. Wobei auch immer nicht ganz klar ist, wo eigentlich Ambient beginnt. Eine feststehende Definition für dieses Klangphänomen gibt es nicht.
Aber um einen ungefähren Überblick der Entwicklung dieser Musikform zu bekommen, bedarf es schon einer gewissen Eingrenzung, bzw. eines anfänglichen Führens durch diese außergewöhnlichen Klangwelten. Insofern ist „Alles so schön still hier“ ein ideales Einstiegswerk. Jedem der 100 ausgesuchten Werke widmet Wortmann eine Seite. Angefangen bei eben jenem Brian Eno, der später als Produzent großer Pop- und Rockacts wie David Bowie, den Talking Heads, U2 oder Peter Gabriel unterwegs war, reicht das weite Spectrum der im Buch vorgestellten Instrumentalisten von Celer, Williams Basinski, Pan American bis Jan Jelinek. Zudem gibt es auf jeder Seite zu dem vorgestellten Werk noch Empfehlungen zum „Weiterhören“, so dass letztendlich weit mehr als 100 Alben benannt werden, die eine intensivere Auseinandersetzung lohnen.
Insofern ist dieses Buch sowohl idealer Einstieg in die Ambientwelt, als auch wunderbare Literatur für all jene, die sich in diesem Metier auskennend bewegen. Musikalisch zu entdecken gibt es auf den 2020 Seiten auf jeden Fall immer etwas.
Jörg Konrad

Nils Wortmann
„Alles so schön still hier – 100 Ambient-Alben, die man gehört haben sollte“
Wolke Verlag
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