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                 INTERVIEW MIT JOSEPH HADER, MARIA SCHRADER UND
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                        "VOR DER MORGENRÖTE" IN DER RUBRIK "FILM"!

Inhaltsverzeichnis:

Lucinda Williams „The Ghosts Of Highway 20“ Alive

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Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Toda...

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OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out

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Paul Bley „Play Blue“ ECM

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Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM

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OHRENGLÜCK 14: Norbert Stein Pata Messengers Play Rainer Maria Rilke:...

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Lucinda Williams „The Ghosts Of Highway 20“ Alive

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Die Interstate 20 ist knapp zweieinhalbtausend Kilometer lang und führt quer durch Alabama, Mississippi, Louisiana und Texas. Es ist die Straße, an deren Rändern Lucinda Williams aufgewachsen ist, von deren Asphalt sie geprägt wurde und von deren Erinnerungen sie noch heute zehrt. Im Positiven wie im Negativen.
Vor vier Jahrzehnten ist die Sängerin und Gitarristin erstmals öffentlich aufgetreten, spielte mehr Country als mainstreamlastigen Rock`n Roll, mehr Blues als Folk. 20 Jahre tingelte sie durch die Truckerkneipen und Spelunken ihrer Lebensstationen, sammelte in diesen kulturellen Hinterhöfen Erfahrungen, die sie abhärteten, ohne ihr die Poesie und die Träume zu nehmen.
„The Ghosts of Highway 20“ ist Lucindas 15. Album. Und obwohl die mittlerweile 3-fache Grammy-Preisträgerin als sehr pflichtbewusst und perfektionistisch gilt, klingen diese Aufnahmen spröde bis brüchig, wie vom Leben verletzt. Ein schaurig-schönes Balladenalbum, angefüllt mit ruhigen, mit atmosphärischen Songs, die sie in die Weiten und Nächte der Highways heult. Wie ein einsamer Wolf auf der Suche nach seinem Rudel. Manchmal sind es sphärisch taumelnde Gitarren, die die Szenerie bestimmen, manchmal auch schmerzlich schneidende Themen, die mit ganzer Wucht die Szenerie bestimmen.
Getragen von schlichten Harmonien, verpackt in sparsame Arrangements, unterstützt von Greg Leisz und Bill Frisell durchkämmt Lucinda so ihre Biographie, greift auf einen Song von Bruce Springsteen zurück und auf „House Of Earth“ vom unwiderstehlichen Woody Guthrie. Lucindas Stimme klingt wenig perfekt und ist Ausdruck der Inhalte ihrer Songs. Die handeln vom Gegenteil dessen, was man als Glamour bezeichnen würde. Vom Schicksal ihrer Mutter, der Tragik ihres Vaters, der als Autor und Literaturprofessors an Alzheimer erkrankte, von nicht erfüllten Hoffnungen, Gewalt und Tränen. Es sind die Dinge eines Leben, die andere liebend gern verdrängen oder still für sich behalten, Dinge, die man ewig mit sich herumschleppt, bis sie zu Geschwüren werden und unversehens aufbrechen. Doch indem Lucinda diese Tragik in ihren Songs benennt, verarbeitet sie auch ihren Schmerz, schafft zugleich Platz für Zuversicht und Perspektive. An diesen Schlüsselstellen formt sich der Charakter, bekommt die Persönlichkeit ihr Maß. Ein leiser musikalischer Paukenschlag im noch jungen neuen Jahr, ein großes Album.
Jörg Konrad


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Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Todavia“ Cross The Border

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Ein verrauchter Blues, eine romantische Elegie, ein leiser Bossa Nova, eine strahlende Ballade. Ingo Höricht, Geiger und Komponist aus Bremen, hat für die Interpretation eigener Stücke die Pianistin Marialy Pacheco als musikalisches Zentrum gewinnen können. Was die in Deutschland lebende Kubanerin spielt, sie war 2012 Gewinnerin der „Solo Piano Competition“ im Rahmen des Montreux Jazz Festival und wurde 2014 als erste Jazzpianistin zur offiziellen „Bösendorfer Künstlerin“ berufen, lebt vom Temperament und der Musikalität ihrer karibischen Heimat. Doch wie sie in der vorliegenden Aufnahme deutlich macht, beherrscht sie die kammermusikalischen Varianten des Jazz ebenso stilsicher. In kurzen Solo- und Duoeinspielungen mit Bernd Schlott (Klarinette) und David Jehn (Bass) haucht sie mit weichem, sensiblem Anschlag den Vorlagen etwas melancholisch Ambitioniertes ein, rückt die insgesamt acht Kompositionen, was die unaufgeregte Dringlichkeit ihrer Herangehensweise betrifft, in die Nähe von bekannten Jazz-Standards. Ihr Wechselspiel zwischen Komposition und Improvisation strahlt kontemplative Ruhe aus, ohne dass sie sich in den Fallstricken der Vorhersehbarkeit oder Durchschaubarkeit verfängt.
Ihre Duos mit Bernd Schlott und David Jehn sind geschliffene Dialoge, auf Augenhöhe umgesetzt. Sehnsuchtsmelodien, verpackt in verbindliche Strukturen, leicht aufgebrochen durch spontane Ideen, die an einigen Stellen der Musik eine andere, unvorhergesehene Richtung gibt. Es ist schon eigenartig, dass dieses kleine Juwel keinen Vertrieb gefunden hat. Aber man kann die Aufnahme unter folgender Anschrift auch bestellen: Ingo Höricht, Holbeinstr. 17, 28209 Bremen oder: http://www.ingo-hoericht.de/kontakt.php?p=7
Jörg Konrad 


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OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out

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Balladenhafte, nachdenkliche Musik hat derzeit Hochkonjunktur - das sorgt für romantische Stimmungen, aber leider oft auch für eine große Portion Langeweile. Deshalb kommt uns Simone Zanchini jetzt genau richtig, dieser Original-Verrückte am Akkordeon, der wildeste und skurrilste und abgefahrenste Virtuose der Quetschkommode. Als wäre sein wundersam überdrehtes Spiel nicht schon verrückt genug, widmet der italienische Akkordeonist das neue Album auch noch einem Jazzsaxofonisten - nicht irgendeinem, sondern dem viel bewunderten Super-Super-Tenoristen Michael Brecker (1949-2007). Ein Akkordeon-Tribut an einen Saxofon-Virtuosen? Für Zanchini ist die Begründung ganz einfach: „Kein Akkordeonist hat das je zuvor gemacht.“ Wie Brecker geht der Italiener bis an die Grenzen des technisch Machbaren und harmonisch Sinnvollen - so kometenhaft hat man das Akkordeon noch nie gehört. Sein Vorhaben, das Instrument von Tango- und Musette-Klischees zu befreien, gelingt ihm dabei mühelos - dank spielerischer Bravour und mutigen Wahnsinns. Stefano Bedetti, ein (natürlich ebenfalls verrückter) Tenorsaxofonist gehört zu Zanchinis Quintett. Es gibt es aber nicht nur heftige, chromatische, lichtschnelle, explosive Stücke in Brecker-Manier. Es gibt durchaus auch langsame und sanfte Töne - allerdings nicht zum Träumen, eher zum Angstkriegen. Und im Schlussstück, einem Solo für Akkordeon, wird die Quetschkommode sogar zur schaurig-faszinierenden Höllenorgel. Randy Brecker sagt: „Mein Bruder hätte diese CD geliebt. Pretty wild shit! Auch mir hat sie richtig gefallen.“

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de


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Paul Bley „Play Blue“ ECM

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Sein letztes Album erschien 2014, war jedoch eine Einspielung aus dem Jahr 2008. Paul Bley konzertierte beim Oslo Jazz Festival - wie so oft in zurückliegender Zeit: Solo. Im Dialog mit sich kam die ganze Komplexheit und große Poesie seines Spiels am deutlichsten zum Ausdruck. Der Kanadier verstand es wie kaum ein zweiter, den Intellekt des Jazz mit der Einfachheit einer Melodie zu verbinden, die Kompliziertheit bedingungsloser Freiheit und die Strukturiertheit einer Idee unter einen Hut zu bringen. Er war anspruchsvoll ambitioniert und humorvoll verspielt. Einer, der die Grenzüberschreitung zum Lebensinhalt machte und doch immer, wie der „Melody Maker“ so passend schrieb, ein „leiser Genius des Free Jazz“ war.
Auch in Oslo war dieser musikalische Anatom spürbar, der die Vergangenheit seziert um die Zukunft zu gestalten. Ein Klangmaler, der die bestehenden Formen auflöst und im Schaffensprozess zu neuen Aussagen gelangte. Einer, den die Moden wenig interessierten, der stattdessen die Tonfarben ganz individuell nutzte. Oft sparsam, wenn es sein muss aber auch lärmend grell. Seine Haltung im Spiel: Souveräne Offenheit.
Die vorliegenden fünf Klavierstücke sind das Resultat jahrzehntelanger Erfahrungen. Schließlich spielte der Kanadier noch mit Charlie Parker und Art Blakey, war ein Förderer Ornette Colemans, Mitglied des Jimmy Giuffre Trios, verheiratet mit Carla Bley, im Studio mit John Tchicai, Archie Shepp und Sonny Rollins. Von letzterem stammt die Nummer „Pent-Up House“, die noch einen ordentlichen Schuss Bop ins Spiel bringt. Fast beiläufig. Paul Bley starb am 3. Januar 83jährig in Stuart, Florida.
Jörg Konrad


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Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM

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„Bright Size Life“ ist eines jener Debüt-Alben, das beim Erscheinen bei Publikum und Kritikern gleichermaßen für Begeisterung sorgte und außerdem den Beginn einer beispiellosen Karriere einläutete. Pat Metheny, aus der Kleinstadt Lee’s Summit, Missouri kommend, war zuvor Gitarrist bei Gary Burton, der ihn 19jährig als Dozent ans berühmte Berklee College of Music in Boston holte, um hier die besten Gitarristen der Welt zu unterrichten. Heute, über vier Jahrzehnte später, genießt der Amerikaner weltweit höchste Wertschätzung. Er hat, ähnlich den großen Stilisten des Jazz, auf der Basis seines musikalischen Gespürs und seiner phänomenalen Technik der Musik neue Impulse gegeben. Die Liste der Namen, mit denen Metheny spielte, ist lang und reicht von Ornette Coleman bis Michael Brecker, von Bruce Hornsby bis Jim Hall, von Steve Reich bis Joni Mitchell. Oder anders ausgedrückt: Metheny spielte Fusion, Hardbop, Latin, Minimal, Avantgarde, Folk und Pop. Alles mit der gleichen Meisterschaft und Hingabe. Seine Discographie umfasst heute knapp fünfzig Alben unter eigenem Namen und weit über einhundert Aufnahmen als Sideman. Zwanzig Mal wurde der Gitarrist bisher für einen Grammy nominiert und trotzdem geht er mit seiner Band noch jährlich auf große Tour, ist Gast auf allen namhaften Festivals und gefragter Studio-Partner.
Kurz vor Weihnachten 1975 spielte der Gitarrist unter der Leitung des Produzenten Manfred Eicher im Ludwigsburger Tonstudio Bauer mit dem Bassisten Jaco Pastorious sowie Schlagzeuger Bob Moses einige Songs ein. Acht Titel dieser Session erschienen einige Monate darauf unter eben jenem Titel „Bright Size Life“ auf ECM Records. Sieben Kompositionen aus der Feder Pat Methenys, „Round Trip/Broadway Blues“ von Ornette Coleman. Es ist ein Debüt, das sich zwischen einer gewissen Abgeklärtheit und einer jugendlichen Spontanität bewegt. Es besitzt das Feuer des Jazz und die Gelassenheit des Blues. Metheny verstand es, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, die sein improvisatorisches Kalkül unterstreicht und doch genügend Raum lässt. Ein musikalischer Impressionist, für den Beweglichkeit, Poesie und Klangfarbe gleichbedeutend sind. Es ist Musik fürs Fernweh, für Sonnenuntergänge und verstopfte Highways. „Midwestern Nights Dream“ - zum heulen schön.
Jaco Pastorious ist die tragische Figur in diesem Trio oder sollte es zumindest werden. Metheny, der in einem Interview von 1978 über ihn sagte: „Ich glaube, dass er der beste Bassist der Welt ist …. Für meine Begriffe hat er den elektrischen Bass völlig neu definiert“, kannte ihn von Jugend an und war von seinem unorthodoxen Spiel auf dem bundlosen Instrument schon zuvor begeistert. Pastorious gehört zu den drei Instrumentalisten, die im Laufe der Jahrzehnte den Bass im Jazz emanzipierte. Er war in der Lage, das elektrische Instrument wie eine menschliche Stimme klingen zu lassen. Er begleitete sehr melodisch, hatte einen warmen weichen Sound, der trotzdem das Zwerchfell erschüttern konnte. Ein Solist am Bass. Später wurde er ein wichtiger Teil auf Joni Mitchells Alben „Hejira“, „Don Juan Reckless Daughter“ und „Shadows And Light“ und zu fast gleicher Zeit Co-Leader der Fusion Band Band Weather Report. Pastorious hatte jedoch fast während seiner ganzen Karriere Probleme mit Drogen und starb, noch nicht einmal 36jährig, an den Folgen einer Auseinandersetzung in Wilton Manors, Florida unter tragischen Umständen.
Bob Moses war damals ein erfahrener Schlagzeuger, der zuvor schon mit Roland Kirk, Charles Mingus und Larry Coryell spielte. Er vermittelte rhythmisch zwischen diesen beiden jungen, glühenden Solisten, zügelte jede juvenile Verspieltheit, gab der Musik trommelnd halt. Moses bestimmte die Richtung und das Tempo und setzte Zeichen - ohne wirklich aufzufallen. Eine Meisterleistung, die nicht hoch genug zu würdigen ist. Drei Individualisten in einer Band: "Bright Size Life". Die erste Platte Pat Methenys gehört vielleicht zu seinen besten. Bis heute.
Jörg Konrad


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OHRENGLÜCK 14: Norbert Stein Pata Messengers Play Rainer Maria Rilke: "Das Karussell" Pata Music

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Die künstlerische Verbindung von Musik und gesprochenem Wort ist eine heikle Sache, die Geschmack und Skrupel verlangt. Gerade mit Rilke-Texten wurden da in der Vergangenheit viel zu billige Lösungen gesucht. Der Saxofonist Norbert Stein geht seinen eigenen Weg: Er trennt Gedicht und Musik, sie wechseln einander stetig ab. Die Tochter des Musikers, die Schauspielerin Ingrid Noemi Stein (27), übernimmt dabei den lyrischen Vortrag - und wie sie das tut, verdient allen Applaus. Denn diese etwas in die Jahre gekommenen, ein wenig an sich selbst berauschten, fast somnambulen Rilke-Verse liest sie so frisch, als handle es sich um hochaktuelle Gefühls- und Gedankenprosa. Und nach jedem der acht Gedichte greift dann das Quartett des Saxofonisten den Impuls auf und entwickelt daraus eine eigenwillige Jazzballade - mal in freiem Tempo, mal mit angedeutetem Latin-Rhythmus, mal mit vitalem Shuffle-Swing, mal an den späten John Coltrane erinnernd oder auch (in „Das Karussell“) mit sanftem Walzeranklang. Steins geschmeidiges Tenorsaxofon agiert dabei wie ein weiterer lyrischer Rezitator. In den Themen, die er spielt, erkennt man unschwer den Silbenduktus der Gedichte. Fast scheint es sogar, als strömten Rilkes Verse in diesem Quartettjazz einfach weiter, würden dabei von musikalischen Nebenflüssen gespeist und nähmen ungeahnte neue Bedeutungen an. Rilke als Inspirator - offenbar ein unerschöpfliches Thema. Diesmal hat der Dichter zu einigen ungewohnt sensiblen und hörenswert mutigen Jazzstücken angeregt.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de


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