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Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Toda...

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OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out

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Paul Bley „Play Blue“ ECM

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Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM

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OHRENGLÜCK 14: Norbert Stein Pata Messengers Play Rainer Maria Rilke:...

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Pianoforte (2)

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Freitag 05.02.2016
Ingo Höricht: Marialy Pacheco / David Jehn / Bernd Schlott „Todavia“ Cross The Border
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Ein verrauchter Blues, eine romantische Elegie, ein leiser Bossa Nova, eine strahlende Ballade. Ingo Höricht, Geiger und Komponist aus Bremen, hat für die Interpretation eigener Stücke die Pianistin Marialy Pacheco als musikalisches Zentrum gewinnen können. Was die in Deutschland lebende Kubanerin spielt, sie war 2012 Gewinnerin der „Solo Piano Competition“ im Rahmen des Montreux Jazz Festival und wurde 2014 als erste Jazzpianistin zur offiziellen „Bösendorfer Künstlerin“ berufen, lebt vom Temperament und der Musikalität ihrer karibischen Heimat. Doch wie sie in der vorliegenden Aufnahme deutlich macht, beherrscht sie die kammermusikalischen Varianten des Jazz ebenso stilsicher. In kurzen Solo- und Duoeinspielungen mit Bernd Schlott (Klarinette) und David Jehn (Bass) haucht sie mit weichem, sensiblem Anschlag den Vorlagen etwas melancholisch Ambitioniertes ein, rückt die insgesamt acht Kompositionen, was die unaufgeregte Dringlichkeit ihrer Herangehensweise betrifft, in die Nähe von bekannten Jazz-Standards. Ihr Wechselspiel zwischen Komposition und Improvisation strahlt kontemplative Ruhe aus, ohne dass sie sich in den Fallstricken der Vorhersehbarkeit oder Durchschaubarkeit verfängt.
Ihre Duos mit Bernd Schlott und David Jehn sind geschliffene Dialoge, auf Augenhöhe umgesetzt. Sehnsuchtsmelodien, verpackt in verbindliche Strukturen, leicht aufgebrochen durch spontane Ideen, die an einigen Stellen der Musik eine andere, unvorhergesehene Richtung gibt. Es ist schon eigenartig, dass dieses kleine Juwel keinen Vertrieb gefunden hat. Aber man kann die Aufnahme unter folgender Anschrift auch bestellen: Ingo Höricht, Holbeinstr. 17, 28209 Bremen oder: http://www.ingo-hoericht.de/kontakt.php?p=7
Jörg Konrad 
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Donnerstag 21.01.2016
OHRENGLÜCK 15: Simone Zanchini "Don’t Try This Anywhere" In+Out
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Balladenhafte, nachdenkliche Musik hat derzeit Hochkonjunktur - das sorgt für romantische Stimmungen, aber leider oft auch für eine große Portion Langeweile. Deshalb kommt uns Simone Zanchini jetzt genau richtig, dieser Original-Verrückte am Akkordeon, der wildeste und skurrilste und abgefahrenste Virtuose der Quetschkommode. Als wäre sein wundersam überdrehtes Spiel nicht schon verrückt genug, widmet der italienische Akkordeonist das neue Album auch noch einem Jazzsaxofonisten - nicht irgendeinem, sondern dem viel bewunderten Super-Super-Tenoristen Michael Brecker (1949-2007). Ein Akkordeon-Tribut an einen Saxofon-Virtuosen? Für Zanchini ist die Begründung ganz einfach: „Kein Akkordeonist hat das je zuvor gemacht.“ Wie Brecker geht der Italiener bis an die Grenzen des technisch Machbaren und harmonisch Sinnvollen - so kometenhaft hat man das Akkordeon noch nie gehört. Sein Vorhaben, das Instrument von Tango- und Musette-Klischees zu befreien, gelingt ihm dabei mühelos - dank spielerischer Bravour und mutigen Wahnsinns. Stefano Bedetti, ein (natürlich ebenfalls verrückter) Tenorsaxofonist gehört zu Zanchinis Quintett. Es gibt es aber nicht nur heftige, chromatische, lichtschnelle, explosive Stücke in Brecker-Manier. Es gibt durchaus auch langsame und sanfte Töne - allerdings nicht zum Träumen, eher zum Angstkriegen. Und im Schlussstück, einem Solo für Akkordeon, wird die Quetschkommode sogar zur schaurig-faszinierenden Höllenorgel. Randy Brecker sagt: „Mein Bruder hätte diese CD geliebt. Pretty wild shit! Auch mir hat sie richtig gefallen.“

Hans-Jürgen Schaal
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Donnerstag 07.01.2016
Paul Bley „Play Blue“ ECM
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Sein letztes Album erschien 2014, war jedoch eine Einspielung aus dem Jahr 2008. Paul Bley konzertierte beim Oslo Jazz Festival - wie so oft in zurückliegender Zeit: Solo. Im Dialog mit sich kam die ganze Komplexheit und große Poesie seines Spiels am deutlichsten zum Ausdruck. Der Kanadier verstand es wie kaum ein zweiter, den Intellekt des Jazz mit der Einfachheit einer Melodie zu verbinden, die Kompliziertheit bedingungsloser Freiheit und die Strukturiertheit einer Idee unter einen Hut zu bringen. Er war anspruchsvoll ambitioniert und humorvoll verspielt. Einer, der die Grenzüberschreitung zum Lebensinhalt machte und doch immer, wie der „Melody Maker“ so passend schrieb, ein „leiser Genius des Free Jazz“ war.
Auch in Oslo war dieser musikalische Anatom spürbar, der die Vergangenheit seziert um die Zukunft zu gestalten. Ein Klangmaler, der die bestehenden Formen auflöst und im Schaffensprozess zu neuen Aussagen gelangte. Einer, den die Moden wenig interessierten, der stattdessen die Tonfarben ganz individuell nutzte. Oft sparsam, wenn es sein muss aber auch lärmend grell. Seine Haltung im Spiel: Souveräne Offenheit.
Die vorliegenden fünf Klavierstücke sind das Resultat jahrzehntelanger Erfahrungen. Schließlich spielte der Kanadier noch mit Charlie Parker und Art Blakey, war ein Förderer Ornette Colemans, Mitglied des Jimmy Giuffre Trios, verheiratet mit Carla Bley, im Studio mit John Tchicai, Archie Shepp und Sonny Rollins. Von letzterem stammt die Nummer „Pent-Up House“, die noch einen ordentlichen Schuss Bop ins Spiel bringt. Fast beiläufig. Paul Bley starb am 3. Januar 83jährig in Stuart, Florida.
Jörg Konrad
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Montag 04.01.2016
Vor 40 Jahren: Pat Metheny „Bright Size Life“ ECM
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„Bright Size Life“ ist eines jener Debüt-Alben, das beim Erscheinen bei Publikum und Kritikern gleichermaßen für Begeisterung sorgte und außerdem den Beginn einer beispiellosen Karriere einläutete. Pat Metheny, aus der Kleinstadt Lee’s Summit, Missouri kommend, war zuvor Gitarrist bei Gary Burton, der ihn 19jährig als Dozent ans berühmte Berklee College of Music in Boston holte, um hier die besten Gitarristen der Welt zu unterrichten. Heute, über vier Jahrzehnte später, genießt der Amerikaner weltweit höchste Wertschätzung. Er hat, ähnlich den großen Stilisten des Jazz, auf der Basis seines musikalischen Gespürs und seiner phänomenalen Technik der Musik neue Impulse gegeben. Die Liste der Namen, mit denen Metheny spielte, ist lang und reicht von Ornette Coleman bis Michael Brecker, von Bruce Hornsby bis Jim Hall, von Steve Reich bis Joni Mitchell. Oder anders ausgedrückt: Metheny spielte Fusion, Hardbop, Latin, Minimal, Avantgarde, Folk und Pop. Alles mit der gleichen Meisterschaft und Hingabe. Seine Discographie umfasst heute knapp fünfzig Alben unter eigenem Namen und weit über einhundert Aufnahmen als Sideman. Zwanzig Mal wurde der Gitarrist bisher für einen Grammy nominiert und trotzdem geht er mit seiner Band noch jährlich auf große Tour, ist Gast auf allen namhaften Festivals und gefragter Studio-Partner.
Kurz vor Weihnachten 1975 spielte der Gitarrist unter der Leitung des Produzenten Manfred Eicher im Ludwigsburger Tonstudio Bauer mit dem Bassisten Jaco Pastorious sowie Schlagzeuger Bob Moses einige Songs ein. Acht Titel dieser Session erschienen einige Monate darauf unter eben jenem Titel „Bright Size Life“ auf ECM Records. Sieben Kompositionen aus der Feder Pat Methenys, „Round Trip/Broadway Blues“ von Ornette Coleman. Es ist ein Debüt, das sich zwischen einer gewissen Abgeklärtheit und einer jugendlichen Spontanität bewegt. Es besitzt das Feuer des Jazz und die Gelassenheit des Blues. Metheny verstand es, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, die sein improvisatorisches Kalkül unterstreicht und doch genügend Raum lässt. Ein musikalischer Impressionist, für den Beweglichkeit, Poesie und Klangfarbe gleichbedeutend sind. Es ist Musik fürs Fernweh, für Sonnenuntergänge und verstopfte Highways. „Midwestern Nights Dream“ - zum heulen schön.
Jaco Pastorious ist die tragische Figur in diesem Trio oder sollte es zumindest werden. Metheny, der in einem Interview von 1978 über ihn sagte: „Ich glaube, dass er der beste Bassist der Welt ist …. Für meine Begriffe hat er den elektrischen Bass völlig neu definiert“, kannte ihn von Jugend an und war von seinem unorthodoxen Spiel auf dem bundlosen Instrument schon zuvor begeistert. Pastorious gehört zu den drei Instrumentalisten, die im Laufe der Jahrzehnte den Bass im Jazz emanzipierte. Er war in der Lage, das elektrische Instrument wie eine menschliche Stimme klingen zu lassen. Er begleitete sehr melodisch, hatte einen warmen weichen Sound, der trotzdem das Zwerchfell erschüttern konnte. Ein Solist am Bass. Später wurde er ein wichtiger Teil auf Joni Mitchells Alben „Hejira“, „Don Juan Reckless Daughter“ und „Shadows And Light“ und zu fast gleicher Zeit Co-Leader der Fusion Band Band Weather Report. Pastorious hatte jedoch fast während seiner ganzen Karriere Probleme mit Drogen und starb, noch nicht einmal 36jährig, an den Folgen einer Auseinandersetzung in Wilton Manors, Florida unter tragischen Umständen.
Bob Moses war damals ein erfahrener Schlagzeuger, der zuvor schon mit Roland Kirk, Charles Mingus und Larry Coryell spielte. Er vermittelte rhythmisch zwischen diesen beiden jungen, glühenden Solisten, zügelte jede juvenile Verspieltheit, gab der Musik trommelnd halt. Moses bestimmte die Richtung und das Tempo und setzte Zeichen - ohne wirklich aufzufallen. Eine Meisterleistung, die nicht hoch genug zu würdigen ist. Drei Individualisten in einer Band: "Bright Size Life". Die erste Platte Pat Methenys gehört vielleicht zu seinen besten. Bis heute.
Jörg Konrad
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Freitag 18.12.2015
OHRENGLÜCK 14: Norbert Stein Pata Messengers Play Rainer Maria Rilke: "Das Karussell" Pata Music
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Die künstlerische Verbindung von Musik und gesprochenem Wort ist eine heikle Sache, die Geschmack und Skrupel verlangt. Gerade mit Rilke-Texten wurden da in der Vergangenheit viel zu billige Lösungen gesucht. Der Saxofonist Norbert Stein geht seinen eigenen Weg: Er trennt Gedicht und Musik, sie wechseln einander stetig ab. Die Tochter des Musikers, die Schauspielerin Ingrid Noemi Stein (27), übernimmt dabei den lyrischen Vortrag - und wie sie das tut, verdient allen Applaus. Denn diese etwas in die Jahre gekommenen, ein wenig an sich selbst berauschten, fast somnambulen Rilke-Verse liest sie so frisch, als handle es sich um hochaktuelle Gefühls- und Gedankenprosa. Und nach jedem der acht Gedichte greift dann das Quartett des Saxofonisten den Impuls auf und entwickelt daraus eine eigenwillige Jazzballade - mal in freiem Tempo, mal mit angedeutetem Latin-Rhythmus, mal mit vitalem Shuffle-Swing, mal an den späten John Coltrane erinnernd oder auch (in „Das Karussell“) mit sanftem Walzeranklang. Steins geschmeidiges Tenorsaxofon agiert dabei wie ein weiterer lyrischer Rezitator. In den Themen, die er spielt, erkennt man unschwer den Silbenduktus der Gedichte. Fast scheint es sogar, als strömten Rilkes Verse in diesem Quartettjazz einfach weiter, würden dabei von musikalischen Nebenflüssen gespeist und nähmen ungeahnte neue Bedeutungen an. Rilke als Inspirator - offenbar ein unerschöpfliches Thema. Diesmal hat der Dichter zu einigen ungewohnt sensiblen und hörenswert mutigen Jazzstücken angeregt.

Hans-Jürgen Schaal
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Freitag 11.12.2015
Pianoforte (2)
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Enrico Pieranunzi „Tales From The Unexpected“ / Lucas Heidepriem Trio „Silence in Motion“ / Hans Lüdemann „Das reale Klavier - Ein Kölner Konzert“ / Brad Mehldau „10 Years Solo“

„Das Klavier des 20. Jahrhunderts ist gezupft, verbogen, stummgemacht, zerkratzt, zerstampft, auseinandergenommen, begraben, verbrannt, aufgehängt … und auf herkömmliche Art gespielt worden. Kein anderes Instrument hat, als Gegenstand wie als Symbol, so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, kein anderes Instrument soviel Zuspruch und Zorn zugleich bewirkt.“ Diese Gedanken von Margaret Ellen Rose stellt Dieter Hildebrandt seinem Buch „Piano, piano!“ voran. Und das schöne an diesem Vorwort ist, dass das 21. Jahrhundert dort weitermacht, wo das vorherige aufgehört hat. Zumindest was das Klavier und seine Stellung innerhalb des Musikzirkels betrifft. So werden wir an dieser Stelle in loser Folge einige Neuveröffentlichungen zusammenfassend empfehlen, in dem das Klavier im Zentrum des Geschehens steht.
Enrico Pieranunzi ist mit Leib und Seele Römer und als Musiker ein absolut kultivierter Pianist voller romantischer Ideale. Im Laufe der Jahre bewegte er sich immer deutlicher in Richtung eines lyrischen Grundgedankens innerhalb des Jazz. Es gibt nur wenige Pianistenkollegen, die ein derart ausgereiftes Gespür für melodische Fantasien haben. Sensibilität und Hingabe sind seine stärksten Tugenden. Im August dieses Jahres war der Italiener mit Jasper Somsen am Bass und Schlagzeuger Andre Ceccarelli Gast im Gütersloher Theater und spielte das vorliegende Album „Tales From The Unexpected“ ein. Es ist flüssiger, melodischer Jazz, ohne Haken und ohne Ösen. Aber voller kleiner Versatzstücke zur Geschichte des Jazz, zu Pieranunzis Vorbildern Bill Evans und ein wenig auch zu Jim Hall. Letzterer ist zwar Gitarrist, aber ein ebenso veritabler Techniker und improvisierender Ästhet mit deutlichem Hang zur Zurückhaltung. Pieranunzi sucht im Spiel nicht das Abenteuer, nicht die avantgardistische Herausforderung. Er nimmt das Klavier in seiner klanglichen Vollkommenheit ernst, arbeitet sich an dessen Möglichkeiten ab. Die Interpretationen seiner Kompositionen erinnern entfernt an zeitlose Standards. In faszinierender Musikalität und mit hohem Anspruch. Gefühlvolle Balladen, die einen Blick in das Seelenleben des Pianisten ermöglichen. Berührend und schön.
Ganz anders Lucas Heidepriem. Der ist auf „Silence In Motion“ als Klavierspieler extremer, provozierender, erregender. Ohne dabei den Tasten-Derwisch zu geben. Denn um Virtuosität geht es dem Freiburger nur bedingt. Den besonderen Reiz zieht das Album mit Sicherheit auch aus der Beteiligung von Peter Erskine. Dieser war einst Schlagzeuger bei Joe Zawinuls Weather Report, dem Flaggschiff der Fusionszene. Trommelnd ist er ein ständiger Unruheherd, ein rhythmisches Power Paket, das sich in den überwiegend ruhigen Stücken sanft aufbäumt, zurückhaltend opponiert, inspirierende Motive ohne kraftstrotzende Breaks sucht. Mit Johannes Schaedlich am Bass versteht sich Erskine blind. Beide spielen sich die rhythmischen Bälle zu, variieren den Puls, währenddessen Heidepriem pianistisch sein Feld bestellt. Ihm sind die Zwischenräume der Themen wichtig. In die dringt er ein, beleuchtet sie individuell und gibt damit der Musik ständig neue Farben und ruhelose Schattierungen.
Hans Lüdemann ist ein Freigeist. Auch wenn der Titel seines neuen Solo-Albums „Das Reale Klavier - Ein Kölner Konzert“ mit dem vor 40 Jahren erschienen Keith-Jarrett-Verkaufsschlager „Köln Concert“ kokettiert. Vielleicht ist er ja gerade deshalb ein Freigeist, der hierfür allen Mut aufbringt. Inhaltlich folgt Lüdemann einer völlig anderen Idee. Er schafft spielerische Bezüge zwischen Improvisation und Schwerkraft, zwischen Reflexion und Illusion. Er erinnert an Monk und Tristano, ohne sich als Jazzideologe zu gerieren. Er glänzt mit manch scharfem rhythmischen Akzent, haut ein Thema in die Tasten, um anschließend voller Zärtlichkeit die Welt zu umarmen. Es ist eine feine Eigenwilligkeit, mit der Lüdemann die Register seiner Erfahrung zieht. Er verschiebt und verzögert und kostet aus. Ist aggressiv und eloquent. Nein, Heldenverehrung im Jazz ist diese Veröffentlichung nicht. Ein Freigeist ist er eben.
Brad Mehldau zum Schluss. Als der amerikanische Pianist 1995 sein erstes Trio-Album veröffentlichte, war die Öffentlichkeit gespalten. Die einen - fasziniert von der Komplexität und Verletzlichkeit seines romantischen Spiels und den lyrischen Adaptionen, für die der damals gerade einmal 25jährige eigentlich noch zu jung schien. Die anderen - stießen sich an dem profanen Gedanken: Schon wieder ein Klavier-Trio. Mittlerweile hat es Mehldau auf über 15 Alben im Trioformat gebracht. Hin und wieder widmet er sich der Königsdisziplin des Jazz: Dem Solospiel. „10 Years Solo Live“ beinhaltet Solo-Aufnahmen der letzten zehn Jahre, die die Einzigartigkeit und Faszination des Pianisten zusammenfassend deutlich macht. Auf 4 CDs (oder 8 LP!!) pendelt die Musik zwischen so illustren Tonsetzern wie Kurt Cobain, Johannes Brahms, Sufjan Stevens, McCartney/Lennon, Thelonious Monk, Brian Wilson, Jerome Kern und natürlich Mehldau selbst. Und was er interpretatorisch aus dieser personifizierten Geschichtsschreibung der Musik der letzten 150 Jahre herausholt, ist pure Magie. Mehldau verliert sich förmlich in den einzelnen Kompositionen, ohne den Gesamtzusammenhang außer acht zu lassen.  Seine Musik gräbt in die Tiefe, setzt kontrapunktische Obertöne, türmt hemmungslos Akkorde und verzückt mit einzelnen, filigranen Noten. Rauschhafte Themen, simple Melodien, es ist ein Ozean von entfesselten Tönen und den er in ständiger Bewegung hält. Er tanzt auf den gleißenden Schaumkronen der Wellengipfel und stürzt sich hinab, in die tosenden Wellentäler. Er wechselt die Richtung schäumend, kämpft gegen die Strömung und lässt sich lustvoll treiben. Die Balance stimmt trotz aller Abenteuer jeder Zeit.
Jörg Konrad

Enrico Pieranunzi „Tales From The Unexpected“ (Intuition)
Lucas Heidepriem Trio „Silence in Motion“ (In & Out)
Hans Lüdemann „Das reale Klavier - Ein Kölner Konzert“ (BMC)
Brad Mehldau „10 Years Solo“ 4 CD oder 8 LP (Nonesuch)
Autor: Siehe Artikel
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