„
Wenn er Klavier spielte“, äußert sich
Miles Davis in seiner Autobiographie über den Pianisten
Bill Evans, „
hatte man das Gefühl, als würde ein klarer Wasserfall aus kristallklaren Noten und glitzerndem Sprühnebel herabstürzen.“ Davis war begeistert von dem weißen Musiker. Man könnte auch sagen, dass er als sein Entdecker gilt. Denn indem Bill Evans in dem legendären Sextett des Trompeters (mit
Cannonball Adderley und
John Coltrane) auftauchte, sprach die Musikwelt von diesem ruhigen, zurückhaltenden und beinahe revolutionärem Pianisten.
Geboren1929 in Plainfield, New Jersey als Sohn eines Golfplatzbesitzers und einer Amateurpianistin, studierte er klassische Musik. Als ein fleißiger und gewissenhafter Schüler war er früh in der Lage, konzentriert komplexe Partituren zu spielen. Sein Bruder Harry brachte ihm den Jazz näher, der ihn in seiner Freiheit sofort begeisterte, so dass er nach seinem Studium begann, in Jazzbands zu spielen. Beeinflusst wurde er hier von
Nat King Cole, Bud Powell, George Shearing, Horace Silver und
Lennie Tristano. Doch seine Lehrzeit wurde aufgrund seiner Einberufung zum Militätdienst 1951 unterbrochen, die er aufgrund des rauen Umgangstones und der geforderten Disziplin als enorme seelische Belastung empfand.
Anschließend entdeckte ihn der theoretische Begründer des modalen Jazz
George Russell, der Evans sofort in seine Band holte. Nicht zuletzt dieses Engagement ermögliche dem Pianisten die Einspielung seines ersten eigenen Albums: „New Jazz Conceptions“. Es folgten Aufnahmen mit
Charles Mingus und
Helen Merrill, bis er Nachfolger von
Red Garland in der Miles Davis-Band wurde. Mit ihm spielte er das epoachale Album „Kind If Blue“ ein.
Auf dem Höhepunkt großer Erfolge im Miles Davis-Sextett trennte er sich in wechselseitigem Respekt von dem charismatischen Trompeter, da er eigene Musik spielen wollte – in seiner liebsten Besetzung, dem Klaviertrio. Er fand im Bassisten
Scott LaFaro und Schlagzeuger
Paul Motian die idealen Begleiter, mit denen er in beinahe telepathischer Übereinstimmung Konzerte und etliche Alben einspielte, die heute als Klassiker gelten. Der hochsensible Pianist, der seit seiner Armeezeit fast durchgängig rauscherzeugende und betäubende Substanzen einnahm und diese Sucht auch bis zu seinem frühen Tod nie wirklich in den Griff bekam, beeindruckte immer stärker mit seinem feinnervigen und außergewöhnlichen Anschlag, sowie seiner vorzüglichen Technik. Er galt als der
Chopin des Jazz, erhielt aber die überragende Bedeutung, die bis in die Gegenwart anhält, erst nach seinem frühen Tod.
In den letzten Jahren erschienen, neben den regulären und neu gemasterten offiziellen Alben, immer wieder Live-Mitschnitte aus den 1960er und 1970er Jahren. „
At The BBC“ ist im Jahr 1965 in London aufgenommen, als Bill Evans, Bassist
Chuck Israels und Schlagzeuger
Larry Bunker einige Tage zu Gast im legendären
Ronnie Scott's Jazzclub waren. Was als eine Fernsehsendung der Reihe „Jazz 625” zwischendurch gedacht war, wurde kurzerhand als eine Art Live-Mitschnitt in Club-Atmosphäre mit Publikum produziert. Insofern geisterten die hier als CD bzw. LP vorliegenden Aufnahmen schon eine geraume Zeit als YouTube-Mitschnitt im Netz. Die Musik setzt sich aus zwei Sets zusammen, die von dem britischen Trompeter
Humphrey Lyttelton moderiert werden. Das Repertoire setzt sich überwiegend aus Standards zusammen und drei Eigenkompositionen von Bill Evans. Darunter sein „Waltz For Debby“, das Evans schon 1956 schrieb und seiner kleiner Nichte Debbie widmete.
Evans zeigt sich auf diesem Album als großer Impressionist und berührender Lyriker. Doch es ist bei weitem nicht die Introvertiertheit, die diesen Mitschnitt bestimmt. Er findet mit seinen beiden Mitmusikern eine wunderbar ausgewogene Balance von wirklich temperamentvoller Up-Tempo Nummern („Someday My Prince Will Come“), die trotz aller Dynamik nichts von ihrer Melancholie und ihrer Sinnlichkeit einbüßen. Der Pianist versteht es mühelos zu modelieren, immer neue Figuren und Wendungen zu entwickeln, ohne dass seine Musik in dramatische Virtuosität ausartet. Dieser Musik wohnt ein metaphysischer Zauber inne, sie vermittelt etwas geheimnisvolles, besticht mehr durch ihre traurige Leichtigkeit als durch einen kopfmarternden Intellekt. Wer Bill Evans also erst noch kennenlernen möchte, für den ist „At The BBC“ genau der richtige Einstieg.
Jörg Konrad
Bill Evans
„At The BBC“
Elemental Records