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7. Boi Akih „Entangled“
8. Thee Marloes „Di Hotel Malibu“
9. Alexander Hawkins „No Nation But Imagination
10. Jo Berger Myhre „Penta“
11. Matthias Höfs „Trumpet Double Concert – von Fazil Say & Wolf Kerschek...
12. Historisches in Jazz & Blues (8): Bill Evans „At The BBC“
Dienstag 02.06.2026
Boi Akih „Entangled“
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Zwei Solisten auf Duo-Pfaden, könnte man „Entangeld“ auch überschreiben. Denn sowohl die molukkisch-niederländische Vocalistin Monica Akihary, als auch der niederländische Gitarrist Niels Brouwer besitzen jeweils die Fähigkeit und das Selbstbewusstsein musikalisch zu solieren. Sie nutzen für ihr Wagnis mittlerweile seit gut zwei Jahrzehnten die Offenheit und die Freundlichkeit der Jazz-Community. Hier finden sie rein künstlerisch ein schützendes Dach und eine offene Tür. Denn als reinen Jazz, kann man „Entangled“ nicht bezeichnen.
Als Boi Akih werfen beide alles Können in die Duo-Wagschale. Und nach dieser recht langen gemeinsamen Zeit, in der sie unter diesem Namen auftreten, dünnt dabei weder ihre Kreativität aus, noch geht die lange gemeinsame Zeit auf Kosten einer herausfordernden Frische. Das Gegenteil ist der Fall. Aufgrund ihrer Vertrautheit und ihres kreativen Unruhegeistes kommen sie immer wieder zu neuen Ansätzen und Ergebnissen im gemeinsamen Musizieren.
Monicas Gesang ist eine Mischung aus traditioneller indonesischer Ritualmusik. In ihr finden indigene, orientalische, arabische, indische und christliche Kulturen weiten Raum. Niels Brouwer ist ein akutischer Gitarrist, der sich im Grenzland von Jazz und Klassik bewegt. Er lässt in seinem Spiel eine leuchtende Innigkeit aufflackern, arbeitet mit wunderbaren Harmonien und seine melodischen Eingebungen inspirieren in ihrer lyrischen Schönheit. Doch Brouwer besticht auch durch seine atonale Weltsicht, seine perkussive Begleitung und jede Menge verspielter Improvisationen. Und er besitzt ein Ohr für seine musikalische Partnerin – wie auch umgekehrt. Und das scheint die eigentliche Magie der beiden auszumachen: Die Umsetzung ihres persönlichen Egos, bei gleichzeitiger Hinwendung zum Begleiten der Mitspielerin bzw. des Mitspielers. So klingen die Songs auf „Entangled“ wie magische Botschaften, aus weiter Ferne kommend und doch so vertraut.
Jörg Konrad

Boi Akih
„Entangled“
Enja
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Dienstag 02.06.2026
Thee Marloes „Di Hotel Malibu“
Bilder
Surabaya ist Hafenstadt und zugleich Hauptstadt der Provinz Jawa Timur (Ostjava). Eine große, drei Millionen Einwohner zählende dynamische Stadt an der Nordostspitze der indonesischen Hauptinsel Java. Neben etlichen Sehenswürdigkeiten wird das Stadtbild von über einem Dutzend Universitäten und der von ihnen ausgehenden Lebendigkeit geprägt, wodurch sich Surabaya als eine junge und ungemein kulturhungrige urbane Metropole darstellt.
Ein Teil dieses indonesischen Schmelztiegels war auch Sinatrya („Raka“) Dharaka, der tagsüber arbeiten ging und am Abend entweder in einem Club Gitarre spielte, oder zu Hause saß und Songs komponierte. Raka lernte Tommy Satwick kennen, ein Schlagzeuger, der ein guter Freund wurde. Jetzt komponierten sie gemeinsam Songs, immer mit der entfernten Idee, diese auch öffentlich zu präsentieren. Eines Abends trafen sie bei einem lokalen Konzert auf Natassya Sianturi (Gesang und Keyboard) und waren besonders von ihrer Stimme sofort verzaubert. Ihre Emotionalität und Begabung war von der Arbeit in einem Gospelchor und von den Jackson 5 bis hin zu Erykah Badu stark beeinflusst. Und so entstand über Nacht die Band Thee Marlous. Vorerst noch zu Jam-Sessions in Heimstudios, doch schon bald erreichten sie mit ihrer Mischung aus Jazz, Soul, Pop und den elegischsten Balladen ein immer größer werdendes Publikum.
Ausgehend vom Soul der 1970er Jahre besteht ihre Musik auf „Di Hotel Malibu“ aus melancholischen Klangschichten, eingängigen Harmonien, psychedelischen Vitalismen, eingebettet in ein groovendes Selbstverständnis. Die Texturen bestehen inhaltlich nicht aus großen weltbewegenden Politthemen. Es sind die vielleicht eher kleinen Probleme des Lebens, die Thee Marloes mit ihrem einzigartigen, beinahe verwunschenen Sound zum Ausdruck bringen. Das erinnert entfernt an das Trio Khruang­bin, an die Farben der Blumen im Frühjahr und an den strahlenden Glanz einer wolkenlosen Sternennacht im Mai.
Jörg Konrad

Thee Marloes
„Di Hotel Malibu“
Big Crown Records
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Montag 01.06.2026
Alexander Hawkins „No Nation But Imagination
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Pianist Alexander Hawkins hat in den unterschiedlichsten Besetzungen gespielt. Neben einigen Solo-Aufnahmen gibt es Einspielungen von ihm im Duo, im Trio, oder im Quartett. Nun liegt mit „No Nation But Imagination“ eine furiose Quintett-Produktion vor. Nachdem die Band am 02. Februar des letzten Jahres im legendären Café Oto in London aufgetreten war, versammelten sich Rhodri Davies (Harfe), Nicole Mitchell (Flöte), Matthew Wright (Turntables und Live Sampling), Hamid Drake (Schlagzeug) und Autodidakt Hawkins (Klavier, Synthesizer, Sampler) tags darauf in den Fish Factory Studios von London. Dieses Album enthält Auszüge aus dem Live-Auftritt, als auch aus der Studio-Sitzung vom 03. Februar 2025.
An diesen Orten ist die vielleicht reifste, auf jeden Fall maßgeblichste Musik entstanden, die Hawkins bisher eingespielt hat. Der Brite spannt auf „No Nation But Imagination" einen weiten, in sich schlüssigen Bogen, von seinen individuellen kompositorischen Strukturen, über die Traditionen westafrikanischer Musik, die historischen Einflüsse von John Coltrane und Muhal Richard Abramson und natürlich die improvisatorischen Umsetzungen und musikalischen Philosophien der einzelnen Mitglieder seiner Band. Akustische Leitmotive, elektronische Selbstverständlichkeiten, sich wiederholende, an Rituale erinnernde Endlosschleifen zeugen von einer ständig pulsierenden, sich erneuernden Dynamik. Energiereich und doch voller Poesie ist diese Gruppenarbeit, radikal und respektvoll im Miteinander, solistisch herausfordernd und völlig plausibel in der Umsetzung. Hawkins sagte 2023 in einem Interview sinngemäß, dass im Jazz viel Wert auf eine virtuose Spieltechnik gelegt wird. Konzepte und Ideen kämen dabei leider zu kurz. „No Nation But Imagination“ bringt zielgenau zum Ausdruck, was er damit meint. Komplexe Musik, die tief berührt und jede Menge Wagnis und Spannung bietet.
Jörg Konrad

Alexander Hawkins
„No Nation But Imagination“
Intakt
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Freitag 29.05.2026
Jo Berger Myhre „Penta“
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Jo Berger Myhre schafft berauschende Atmosphären. Er ist ein Meister der verdichteten Intensität und tief berührenden Dramaturgie, ein Seiltänzer zwischen Meditation und Architektur. Der norwegische Bassist, Komponist und Produzent hat auf dem italienischen Rare Noise-Label sein drittes Album unter eigenem Namen vorgelegt. „Penta“ klingt wie ein dahingleitendes Traumschiff oberhalb des Horizonts. Dabei erkundet Jo Berger Myhre mit seiner Band „unheimliche“ Klanglandschaften, die tief verwurzelt sind in der zeitgenössischen nordischen Musik. Inspirieren lassen hat sich der Norweger für dieses Album von Olivier Messiaens. Zusätzlich hat JBM veränderte Tonleitern integriert, ungewöhnliche harmonische Abläufe und asymmetrischen rhythmischen Zyklen eingebracht.
Viele der Instrumente sind dabei akustischer Natur – und doch klingt „Penta“ wie eine versponnenes Soundgebilde, wie ein poetisch überwältigendes Naturschauspiel, gemalt in elektronischen Klangfarben.
Personell verantwortlich für „Penta“ zeichnen sich Morten Qvenild am Klavier und an Synthesizern, Kaveh Mahmudiyan an iranischen Perkussionsinstrumenten, sowie Jo David Meyer Lysne an Akustikgitarren, Resonanzsaiten und selbstgebauten motorisierten Installationen. Als Gast hat JBM die Sopranistin Synnove Sætre Hveem eingeladen. Nachdem das Album an drei Tagen im Amper Tone Studio in Oslo mit dem Toningenieur Johnny Skalleberg aufgenommen wurde, hat es anschließend JBM im eigenen Studio mit zusätzlichen Overdubs bearbeitet. So ist ein spannendes, interdisziplinäres, still energetisches Meisterwerk entstanden. Ebenso beklemmend wie gleichzeitig in seiner nordländischen Mentalität auch farbenfroh.
Jörg Konrad

Jo Berger Myhre
„Penta“
Rare Noise
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Freitag 29.05.2026
Matthias Höfs „Trumpet Double Concert – von Fazil Say & Wolf Kerschek“
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Scheinbar Gegensätzliches miteinander in Kontakt zu bringen, Unterschiede zwar akustisch hörbar zu machen und doch deren Verbindendes herauszuarbeiten, das liegt dieser Gesamtaufnahme zugrunde. Zwei Konzerte, in diesem Fall Uraufführungen, komponiert von Fazil Say und Wolf Kerschek, in deren Mittelpunkt der Trompeter Matthias Höfs steht, bringen eine breite Klangpalette zum Ausdruck. Der erste, von Fazil Say geschriebene Teil, featurt zudem den Organisten Christian Schmitt sowie den Schlagwerker Mustafa Aykut Köselerli. „Concerto für Trompete, Orgel und Streichorchester mit Schlagzeug“ ist eine mehrteilige Komposition, die zwischen Orient und Okzident vermittelt, die schillernde Virtuosität und präzise Orchesterdisziplin beinhaltet. Das Stück lebt durch einen erfrischenden, mitreißenden, aber auch unruhigen Herzschlag. Ein farbenfrohes, variationsreiches Stück, das vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Christoph Altstaedt dramatisch schillernd präsentiert wird.
Von Wolf Kerschek stammt „Die vier Elemente“, ein Stück, das als Weltpremiere einen emotionalen Dialog von Matthias und Tillmann Höfs an Trompete und Horn beinhaltet. Manchmal als ein partnerschaftliches Ringen, dann wieder als ein harmonisch melancholisches Miteinander, lebt auch dieses Stück von einer ausgefeilten Dramaturgie. Ambitioniertes, Intimes und Überraschendes finden hier glanzvoll zusammen.
Beide Aufnahmen sind akustische Übergangslandschaften, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Sakralem und Profanen, zwischen Anekdotischem und Theatralem.
Jörg Konrad

Matthias Höfs
„Trumpet Double Concert – von Fazil Say & Wolf Kerschek“
Berlin Classics
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Mittwoch 27.05.2026
Historisches in Jazz & Blues (8): Bill Evans „At The BBC“
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Wenn er Klavier spielte“, äußert sich Miles Davis in seiner Autobiographie über den Pianisten Bill Evans, „hatte man das Gefühl, als würde ein klarer Wasserfall aus kristallklaren Noten und glitzerndem Sprühnebel herabstürzen.“ Davis war begeistert von dem weißen Musiker. Man könnte auch sagen, dass er als sein Entdecker gilt. Denn indem Bill Evans in dem legendären Sextett des Trompeters (mit Cannonball Adderley und John Coltrane) auftauchte, sprach die Musikwelt von diesem ruhigen, zurückhaltenden und beinahe revolutionärem Pianisten.
Geboren1929 in Plainfield, New Jersey als Sohn eines Golfplatzbesitzers und einer Amateurpianistin, studierte er klassische Musik. Als ein fleißiger und gewissenhafter Schüler war er früh in der Lage, konzentriert komplexe Partituren zu spielen. Sein Bruder Harry brachte ihm den Jazz näher, der ihn in seiner Freiheit sofort begeisterte, so dass er nach seinem Studium begann, in Jazzbands zu spielen. Beeinflusst wurde er hier von Nat King Cole, Bud Powell, George Shearing, Horace Silver und Lennie Tristano. Doch seine Lehrzeit wurde aufgrund seiner Einberufung zum Militätdienst 1951 unterbrochen, die er aufgrund des rauen Umgangstones und der geforderten Disziplin als enorme seelische Belastung empfand.
Anschließend entdeckte ihn der theoretische Begründer des modalen Jazz George Russell, der Evans sofort in seine Band holte. Nicht zuletzt dieses Engagement ermögliche dem Pianisten die Einspielung seines ersten eigenen Albums: „New Jazz Conceptions“. Es folgten Aufnahmen mit Charles Mingus und Helen Merrill, bis er Nachfolger von Red Garland in der Miles Davis-Band wurde. Mit ihm spielte er das epoachale Album „Kind If Blue“ ein.
Auf dem Höhepunkt großer Erfolge im Miles Davis-Sextett trennte er sich in wechselseitigem Respekt von dem charismatischen Trompeter, da er eigene Musik spielen wollte – in seiner liebsten Besetzung, dem Klaviertrio. Er fand im Bassisten Scott LaFaro und Schlagzeuger Paul Motian die idealen Begleiter, mit denen er in beinahe telepathischer Übereinstimmung Konzerte und etliche Alben einspielte, die heute als Klassiker gelten. Der hochsensible Pianist, der seit seiner Armeezeit fast durchgängig rauscherzeugende und betäubende Substanzen einnahm und diese Sucht auch bis zu seinem frühen Tod nie wirklich in den Griff bekam, beeindruckte immer stärker mit seinem feinnervigen und außergewöhnlichen Anschlag, sowie seiner vorzüglichen Technik. Er galt als der Chopin des Jazz, erhielt aber die überragende Bedeutung, die bis in die Gegenwart anhält, erst nach seinem frühen Tod.
In den letzten Jahren erschienen, neben den regulären und neu gemasterten offiziellen Alben, immer wieder Live-Mitschnitte aus den 1960er und 1970er Jahren. „At The BBC“ ist im Jahr 1965 in London aufgenommen, als Bill Evans, Bassist Chuck Israels und Schlagzeuger Larry Bunker einige Tage zu Gast im legendären Ronnie Scott's Jazzclub waren. Was als eine Fernsehsendung der Reihe „Jazz 625” zwischendurch gedacht war, wurde kurzerhand als eine Art Live-Mitschnitt in Club-Atmosphäre mit Publikum produziert. Insofern geisterten die hier als CD bzw. LP vorliegenden Aufnahmen schon eine geraume Zeit als YouTube-Mitschnitt im Netz. Die Musik setzt sich aus zwei Sets zusammen, die von dem britischen Trompeter Humphrey Lyttelton moderiert werden. Das Repertoire setzt sich überwiegend aus Standards zusammen und drei Eigenkompositionen von Bill Evans. Darunter sein „Waltz For Debby“, das Evans schon 1956 schrieb und seiner kleiner Nichte Debbie widmete.
Evans zeigt sich auf diesem Album als großer Impressionist und berührender Lyriker. Doch es ist bei weitem nicht die Introvertiertheit, die diesen Mitschnitt bestimmt. Er findet mit seinen beiden Mitmusikern eine wunderbar ausgewogene Balance von wirklich temperamentvoller Up-Tempo Nummern („Someday My Prince Will Come“), die trotz aller Dynamik nichts von ihrer Melancholie und ihrer Sinnlichkeit einbüßen. Der Pianist versteht es mühelos zu modelieren, immer neue Figuren und Wendungen zu entwickeln, ohne dass seine Musik in dramatische Virtuosität ausartet. Dieser Musik wohnt ein metaphysischer Zauber inne, sie vermittelt etwas geheimnisvolles, besticht mehr durch ihre traurige Leichtigkeit als durch einen kopfmarternden Intellekt. Wer Bill Evans also erst noch kennenlernen möchte, für den ist „At The BBC“ genau der richtige Einstieg.
Jörg Konrad

Bill Evans
„At The BBC“
Elemental Records
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Autor: Siehe Artikel
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