Sein Klavierstil schien eine zeitlang von der Klassik ebenso weit entfernt, wie vom Jazz. Man könnte aber auch sagen, dass er als Pianist ebenso nah an der Klassik spielte, wie er zugleich auch Jazzmusiker war. Malcolm Earl „Mal“ Waldron wurde 1926 in New York geboren und war sein Leben lang ein waschechter Individualist und rätselhafter Edelstein am Instrument. Seine Biographie ist randvoll mit eindrucksvollen, als auch tragischen Momenten. Seine Improvisationen sind so sparsam reduziert, wie auch weitläufig ausufernd. Er spielt sich wiederholende Figuren mit größter ökonomischer Disziplin und weicht gleichzeitig in ihrem Rezidiv immer wieder um einige Nuancen von den Vorgaben ab.
Mal Waldron war einer der letzten Pianisten, die mit der Vocal-Ikone Billie Holiday im Duo spielte; er gehörte zu jener Band-Crew, die Charles Mingus Debüt-Album „Pithecanthropus Erectus“ im Jahr 1956 in den New Yorker Audio-Video Studios einspielte und er drückte die schwarz-weiße Tastur auf Max Roachs „Percussion Bitter Sweet“, dem politisch brisantesten und musikalisch vielseitigsten Album des großen Bebop-Schlagzeugers. So ganz „nebenher“ begleitete er Eric Dolphy, Steve Lacy und Thelonious Monk bei ihren Beiträgen für die Jazzgeschichte und war zudem Hauspianist bei Bob Weinstock Jazz-Label Prestige.
Aufgrund psychischer Dekompensation und seiner Heroin-Sucht war Maldron Anfang der 1960er Jahre gesundheitlich stark angeschlagen und unterzog sich einer stationären Behandlung. Nach seiner Klinik-Entlassung, ein Jahr später, musste er das Leben in seiner Ganzheitlichkeit neu erlernen. Auch das Klavierspiel. So gab es für ihn keine Jobs mehr. Er zog nach Europa, erhielt in Paris ein paar Kompositions-Aufträge für Filmmusik um wenigstens zu überleben.
Langsam begann Waldron auch wieder Klavier zu spielen und nahm in Frankreich und Italien erneut Schallplatten auf, entwickelte sich langsam aber stetig (auch aufgrund seiner biographischen Daten) zu einem gesuchten Solisten der Jazz-Szene. Er zog nach München, nahm für ECM und für ENJA wegweisende Alben auf. Seine besondere Art zu spielen drang bis nach Japan, wo er über Nacht einen regelrechten Starkult genoss.
Er unternahm auch wieder Tourneen nach Amerika, wo er regelmäßig auftrat, zog 1990 nach Brüssel, wo er 2002 starb.
Die vorliegende Aufnahme „Stardust & Starlight: At the Jazz Showcase“ entstand im August 1979 in Chicago. Mit dabei der Bassist Steve Rodby (bevor dieser festes Mitglied der Pat Metheny Group wurde), der Schlagzeuger Wilbur „The Chief“ Campbell und als Gastmusiker der Saxophonist Sonny Stitt. Waldron, damals 54-jährig, beherrscht auch hier die scheinbare Einfachheit des Klavierspiels. Er ist ein raffinierter Kammerkünstler, der die Melodien regelrecht „morst“ bei einem enormen improvisatorischen Wenderadius. Als Pianist im Jazz ist er ein Fundamentalist, einer der das Perkussive am Instrument liebt („Ich bin ein Schlagzeuger, der Klavier spielt“), der das Unscheinbare groß herausstellt, der beharrlich gegen noch so kleine Widerstände anspielt und dabei an Bud Powell und Thelonius Monk erinnert. In der Kommunikation untereinander nimmt er es mit jedem auf – ob Rhythmusgruppe, oder, wie im vorliegenden Fall mit Solisten vom Typ Sonny Stitt. Er findet immer den richtigen Ton, ohne aus Verzweiflung die Geschwindigkeit hochzudrehen, um selbst zum Zuge zu kommen. Fast möchte man von einem dieser Giganten sprechen, die heute ausgestorben sind. Ganz so wild ist es aber vielleicht nicht. Aber selten sind derartige Pianisten in der Gegenwart schon geworden. Und deshalb ist es wunderbar, dass zum Beispiel diese Aufnahme entstaubt und veröffentlicht wurde.
Jörg Konrad
Mal Waldron
„Stardust & Starlight – At The Showcase“
Resonance
























