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1. Kravchenko / Clees „Faces“
2. Gregory Hutchinson „Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“
3. Fabio Anile „Minutiae“
4. Yelena Eckemoff „Rosendals Garden“
5. Matthias Bublath Big Band „The Reel“
6. Michael Formanek „New Digs“
Freitag 10.04.2026
Kravchenko / Clees „Faces“
Bilder
Jazz galt lange Zeit als eine Musik der Widerständigkeit. In den letzten Jahren, ja vielleicht Jahrzehnten, hat sich diese progressiv kritische Haltung bis auf wenige Ausnahmen geändert. Doch es gibt zum Glück immer wieder engagierte und Haltung einnehmende Musiker, die gegen Konflikte, Ungerechtigkeiten und Verblendungen mit ihrer Kunst politisch Stellung beziehen. Ein beeindruckendes gegenwärtiges Beispiel ist ein Projekt der ukrainischen Sängerin Kateryna Kravchenko und des luxemburgischen Vibraphonisten Arthur Clees. Beide lernten sich kurz nach Beginn des völkerrechtswidrigen russischen Angriffs auf die Ukraine an der Hochschule für Musik in Dresden kennen. In einem Kompositionskurs beschäftigten sie sich mit der positiven Wirkung von engagierter Musik und revolutionärer Literatur als Stimulation gegen Unterdrückung ankämpfende Menschen. Hier wurde deutlich, wie positiv und energiespendend diese Synergien wirken. Beinahe logisch, dass auf dieser Grundlage ein gemeinsames Album entsteht.
Für „Faces“ haben Kateryna Kravchenko und Arthur Clees sich für verschiedene literarische Texte entschieden, gegen Unterdrückung und Willkür und für Poesie und zwischenmenschliche Vertrautherit.
Kateryna Kravchenko erinnert in der Art ihrer stimmlichen Interpretationen immer wieder an die große, heute leider fast vergessene Jeanne Lee. Wie diese besitzt auch Kateryna Kravchenko die Gabe, mit Worten und Inhalten zu spielen, sie im Sinne der Musik zu dehnen und neu zu formen, einen beeindruckenden vocalen Weg zwischen Disziplin und Freiheit zu gehen. Kravchenko rezitiert singend in ukrainischer, englischer und deutscher Sprache. Trotz ihres schleppenden und verzögernden Vortrags verliert sie nie die melodische Orientierung. Arthur Clees umkreist sie zudem klug stimulierend am Vibraphon. Gastmusiker sind zudem der Schlagzeuger Samuel Dietze und Janne Nicolas an der Kirchenorgel. Produziert hat „Faces“ übrigens der Jazz-Abenteurer Wanja Slavin. Dieses Album - eine Entdeckung.
Jörg Konrad

Kravchenko / Clees
„Faces“
Unit Records
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Mittwoch 08.04.2026
Gregory Hutchinson „Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“
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Wie zeitlos Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen ist, macht folgender Kontext deutlich: Nur zweieinhalb Monate nachdem Miles Davis sein epochales Meisterwerk „Bitches Brew“ am 30. März 1970 veröffentlichte, wurde Gregory Hutchinson in Brooklyn, New York geboren. Dieser Gregory Hutchinson wiederum ist heute Schlagzeuger und hat dieser Tage ein Album mit Miles Davis-Kompositionen veröffentlicht. Unter anderem mit eben jenem Titel „Bitches Brew“ aus seinem Geburtsjahr.
Anlass für „Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“ ist der 100. Geburtstag des überragenden Trompeters und innovativen Jazzmusikers. Hutchinson hat sich für diese Hommage ein halbes Dutzend Instrumentalisten in ein New Yorker Studio eingeladen, die alle von Miles Davis stark beeinflusst sind und selbst mittlerweile auf beeindruckende eigene Karrieren verweisen können. Trompeter Ambrose Akinmusire (Jahrgang 1982), Saxophonist Ron Blake (1965), die Gitarristen Jakob Bro (1978) und Emmanuel Michael (2004), Pianist Gerald Clayton (1984) und Bassist Joe Sanders (1984). Bei seiner Repertoireauswahl hat Hutchinson jedoch noch weiter zurückgegriffen. Zum Beispiel auf die Victor Feldman/Miles Davis Komposition „Seven Steps To Heaven“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1963, oder der Charlie Parker-Nummer „Ah-Leu-Cha“, die Miles Davis 1955 für „Round About Midnight“ einspielte.
Hutchinson und seiner Band gelingt das Kunststück, diese zum Teil sehr bekannten Titel nicht als Cover-Versionen originalgetreu zu spielen, sondern sie sehr individuell und in einem neuen Jazzgewand zu interpretieren. Hutchinson drückt das so aus: „Bei diesem Projekt geht es nicht darum, Miles wieder neu zu erschaffen. Es geht darum, die von ihm begonnene Diskussion fortzusetzen.
„Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“ ist zudem eine echte Gruppenarbeit geworden. Zwar geben die einzelnen Arrangements genügend Raum für solistische Möglichkeiten, die packenden, dramaturgisch geschickt eingewebten Ausrufezeichen gleichkommen. Doch am beeindruckendsten geraten jene Passagen, in denen die Band in unterschiedlichen Konstellationen miteinander neue Wege geht, magisch tänzerische Bewegungen entstehen lässt, oder in kreativer Leibhaftigkeit gegeneinander anspielt. Dies ist nicht der erste und wird auch in 2026 nicht der letzte Verweis auf das Miles-Jubiläum sein. Jedoch gehört „Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“, und das kann man schon jetzt sagen, zu den gelungenen Huldigungen.
Jörg Konrad

Gregory Hutchinson
„Kind Of Now – The Pulse Of Miles Davis“
Warner
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Mittwoch 08.04.2026
Fabio Anile „Minutiae“
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Wiederholungen von knappen Themen und sparsamen Figuren, sowie deren marginale Differenzierungen sind die vielleicht markantesten Muster in der Musik von Fabio Anile. Trotzdem gehört der Komponist und Pianist nicht in die vorderste Reihe bekennender Minimalisten. Der Italiener ist ein ebensolcher Exponent im Bereich von Ambient und von polyrhythmischen Rock, von latentem Funk und klassischen Variationen.
Minutiae“, Fabios neustes Album, beeindruckt in seiner Konzentriertheit und gleichzeitig in seiner leidenschaftlichen Umsetzung. Er setzt auf Querverweise und Grenzerweiterungen, er erweitert Räume und verändert musikalische Aggregatzustände. Und das Besondere: Seine Musik ist keine leichte Kost, aber letztendlich in ihrer Dringlichkeit und Klarheit mühelos rezipierbar. Das Überlagern, Verdichten, Ausweiten und Kombinieren gehören zu seinem innovativen Handwerk und kann letztendlich als das experimentelle Fundament seiner hochambitionierten Spannungsdramen angesehen werden.
Für die vorliegenden akustischen Wanderungen an die Ränder stilistischer Kreuzungspunkte braucht Fabio Anile natürlich eine verlässliche, musikalisch schlagfertige, wie auch hochsensible Band. Und die hat er im Bassisten Keith Lowe und im Schlagzeuger Agostino Marangolo eindeutig gefunden. Beide besitzen die seltene Gabe, dem Leader inspirierend zu folgen, musikalische Wendungen druckvoll zu unterstützen und gleichzeitig miteinander traumwandlerisch zu agieren. Sie spielen sich die ungeraden Takte wie Bälle zu, jonglieren mit Metren, bewegen sich rhythmisch hochsubtil außerhalb sämtlicher Klischees.
Zudem hat Fabio Anile an den unterschiedlichen Aufnahmeorten (wie Italien, Großbritannien, den USA, Kanada, Deutschland, der Schweiz und Schweden) verschiedene Gitarristen hinzugezogenen, die der Musik jeweils eine zusätzliche Klangfarbe oder, was die Intensität der Aufnahmen betrifft, eine zusätzliche Dynamik verleihen. Zu ihnen gehören Samuel Hällkvist, Michael Peters, Bernhard Wagne, Jon Durant und natürlich Stephan Thelen. In Zusammenarbeit mit letzterem ist das Stück „Shifting Trains“ entstanden, einem Hybrid aus Thelens Fractal-Projekten, King Crimson Instrumentalnummern und atmosphärischen Akkordwendungen. TIPP: „Minutiae“ darf und sollte auch laut gehört werden!
Jörg Konrad.

Fabio Anile
„Minutiae“
Rare Noise
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Dienstag 07.04.2026
Yelena Eckemoff „Rosendals Garden“
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Ihre Kreativität scheint grenzenlos. Yelena Eckemoff, 1962 in Moskau geboren und dreißig Jahre später mit ihrem Ehemann und drei Kindern in die USA emigriert, ist in den unterschiedlichsten Bereichen künstlerisch tätig. Sie malt und fotografiert, war als Chorleiterin und Kirchenmusikerin tätig, sie schreibt literarische Texte und sie komponiert. Überwiegend für das Klavier, ihrem Hauptinstrument. John McLaughlins Mahavishnu Orchestra und Dave Brubeck haben ihr das Tor zum Jazz geöffnet – seitdem improvisiert die heute im ländlichen North Carolina lebende Yelena Eckemoff auf ihre sehr persönliche Weise. Sie ist dabei eine Art Geschichtenerzählerin im klassischen Sinn. Ihre Mitteilsamkeit und ihr fast synästhetisches Gespür für die Poesie von Realitäten verpackt sie in Themen, die nicht selten ein ganzes Album bestimmen.
Auf „Rosendals Garden“, ihrem neustes Album, beschäftigt sich die Pianistin mit der Schönheit, der Geschichte und den Menschen Schwedens. Auf ihren häufigen Reisen durch das skandinavische Land ist sie immer wieder emotional fasziniert von der berührenden Anziehungskraft der Landschaft, der unberührten Natur und der zugleich auch so geordneten Betriebsamkeit innerhalb der urbanen Metroplen – die letztendlich ja recht überschaubar sind.
Yelena nimmt insofern alles für sie typisch-schwedische in ihren Blickwinkel auf und drückt entsprechend ihre Emotionen und ihr Nachdenken in Kompositionen und Improvisationen akustisch aus. An ihrer Seite hat sie mit Svante Henryson (Cello und Bass), sowie Morgan Agren (Schlagzeug und Perkussion) zwei schwedische Instrumentalisten, die sie auf wunderbar stimmige Weise während der musikalischen Wanderungen begleiten. Einmal abgesehen von den beschrieben Plätzen und Orten auf den insgesamt elf Kompositionen, findet dieses Trio eine glückliche Verbindung zwischen folkloristischen Einflüssen Skandinaviens, Yelenas aus der Spätromantik und dem Impressionismus beeinflusstes Klavierspiel, ihren melodischen, aber auch rhythmisch experimentierfreudigen Improvisationen. Sie entwickelt in den knapp neunzig Minuten von „Rosendals Garden“ eine Musik, die in ihrer melodischen Einfachheit beeindruckt, aber auch aufgrund ihrer Komplexität berührt. Minimalistische Figuren und Temen gehen mit einer auch spieltechnisch herausfordernden Lebendigkeit Hand in Hand. Ein Album, das viele Facetten beinhaltet, Kraftvolles und Lyrisches, Schwärmerisches und Atemberaubendes.
Jörg Konrad

Yelena Eckemoff
„Rosendals Garden“
L & H Productions
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Dienstag 07.04.2026
Matthias Bublath Big Band „The Reel“
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Großbesetzungen im Jazz haben zweifelsfrei ihren Reiz. Aber zugleich sind sie auch ein arbeitsintensives Unternehmen, das sich ständig am ökonomischen Abgrund bewegt. Wie sämtliche Musiker unter einen Hut, sprich Termin bringen, wo sind jene Bühnen und Clubs, die einmindestens sechzehn Musiker starkes Orchester aushalten?
Matthias Bublath kann von all diesen Herausforderung mit Sicherheit ein Lied singen – oder besser an seiner Hammond B3 ein Leid fauchen. Seine Eight Cylinder Bigband überlebt immerhin schon einige Jahre, hat etliche Alben veröffentlicht und geht tatsächlich hin und wieder auf große Tour.
The Reel“ ist Bublaths letzter großer BB-Streich. Aufgenommen im Mastermix Studio in Unterföhring beeindruckt das Album in seiner originalen BB-Besetzung: Vier Trompeten, fünf Saxophone, vier Posaunen und große Rhythmusgruppe. Hinzu kommen noch als Special Guests zwei Sängerinnen und zwei Perkussionisten. Eine schlagkräftige Truppe also, wenn nötig mächtig laut, wenn gewünscht auch in still und balladesk.
Aber insgesamt beeindruckt schon die geballte Energie, die so ein Klangkörper zu entfesseln in der Lage ist. Knackige Arrangements und diszipliniertes Satzspiel in der Umsetzung sind ein weiteres positives Merkmal auf „The Reel“. Ein groovendes, swingendes und bluesiges Rhythmuskonzept sowieso. Ob aber so blasse Gesangsnummern wie „What A Friend We Have in Jesus“ unbedingt ins Programm gehören, darüber ließe sich trefflich streiten.
Dass hingegen der gesamte Bandsound von der Hammond B3 aus gesteuert wird und damit eine besondere Klangfarbe mit ins Spiel gebracht wird, ist eines dieser Alleinstellungsmerkmale, die jede Band aufwertet, zumindest in dieser Form aufwertet.
Alfred Esser

Matthias Bublath Big Band
„The Reel“
Enja
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Donnerstag 02.04.2026
Michael Formanek „New Digs“
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Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass eine derart große Band, wie sie Michael Formanek unter dem Namen New Digs vor gut zwei Jahren zusammengestellt hat, sehr verschieden und abwechslungsreich klingen kann. Der 67jährige Bassist hat dieses Septett zudem um die Orgel formiert. Oder anders ausgedrückt: Im Mittelpunkt der Kompositionen dieses Albums steht in diesem Fall Hammond B3 Organist Alexander Hawkins. Dieser tritt jedoch nicht als ein forscher, virtuos agierender Solist ins Rampenlicht. Es ist eher der Orgel-Sound der „New Digs“ bestimmt, ein Klang, den Formanek schon früher in seinen stärker Rock und Soul inspirierten Bands sehr liebte.
Neben Hawkins und Formanek standen für „New Digs“ im August des letzten Jahres in den portugiesischen Studios bereit: John O'Gallagher (Altsax), Chet Doxas (Tenorsax, Klarinette), Joao Almeida (Trompete), Mary Halvorson (Gitarre) und Tomas Fijiwara (Schlagzeug). Eine illustre, hochkarätige Truppe, die ständig die Balance zwischen notierter Komposition und freier Improvisation neu justiert. Dabei beeindrucken sowohl avantgardistische Interaktionen („New Orld World“), als auch wunderbar inspirierende Bassfiguren („Gone Home“), oder aber die Band lässt swing- und grooveorientiert aufhorchen („Aka The Stinger“). Immer wieder ändert die Musik ihren Aggregatzustand, klingt mal handfest strukturiert, mal flüssig eloquent, mal abstrakt verhangen. Ein Album voller Überraschungen und pulsierender Subversivität.
Jörg Konrad

Michael Formanek
„New Digs“
Intakt
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