Das Faszinierende war: Als 1947 einige dieser Arbeiten in einem Künstlerbuch unter dem Titel „Jazz“ veröffentlicht wurden und in der Pariser Galerie von Pierre Berés eine Ausstellung dieses Themas stattfand, war die Reaktion des Publikums und auch der Kritiker begeisternd. Diese Fülle an Farben, diese freien Formen und dynamischen Figuren, dieser bewegende Lebensrythmus passten in eine Zeit, die kurz zuvor noch von Faschismus, Okkupation, Krieg und damit vom Tod gezeichnet war.
Matisse selbst war anfangs von dem Ergebnis, von der Qualität der Drucke nicht sonderlich begeistert. Doch dann ließ er sich von der allgemeinen, so positiven Aufnahme der Arbeiten anstecken: „Auch wenn das Ergebnis nicht den Charme des Schneidevorgangs hat,“ äußerte er sich, „bleiben doch die gleichen Farben mit den gleichen energievollen harmonischen Wechselwirkungen.“
Vielleicht sollte man an dieser Stelle noch einfügen, dass der Jazz in Frankreich nach dem 2. Weltkrieg eine regelrechte Blütezeit erlebte. Zum einen gab es speziell in Paris schon zuvor eine lebendige Musikszene. Hier traten in den 1930er Jahren Louis Armstrong, Duke Ellington und Coleman Hawkins erfolgreich auf. Cole Porter schrieb sein Musical „Can-Can“ („I Love Paris), George Gershwin feierte die Stadt schon 1928 in „Ein Amerikaner in Paris“ und Django Reinhardt und Stephane Grapelli gründeten mit dem Quintette du Hot Club de France das erste europäische Ensemble, das auch transatlantische Erfolge feierte. Als dann die Amerikaner 1944 Frankreich und damit auch Paris befreiten, war der Jazz die Musik der Stunde. Der Klang der versinnbildlichten Freiheit und Hoffnung.
Auch passten diese Matisse-Arbeiten in dieses große grenzenlose Gefühl. „Die Scherenschnitttechnik erlaubt es mir,“ äußerte sich Matisse, „in die Farbe zu zeichnen. Es handelt sich für mich um eine Vereinfachung.“ Und an anderer Stelle sagt er: „Wenn ich schneide, existiere ich nicht mehr. Das ist ein Traum. Die Bedeutung der Formen, die ich mit der Schere schaffe, geht mir erst später auf.“
Der vorliegende Band aus dem Haus Schirmer/Mosel enthält 20 Scherenschnitte, wie gewohnt in bester Druckqualität und eine Einführung von Cathrin Klingsöhr-Leroy sowie den Originaltexten von Henri Matisse in deutscher/französischer und englischer Sprache.
Jörg Konrad
Henri Matisse
„Jazz“
Schirmer/Mosel
Abbildungern:
- Tafel I, Der Clown
- Tafel VIII, Ikarus
- Handschriftliche Titelei von Henri Matisse































