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19. Deadeye „In Orbit“
20. Mark Pringle „New Customers“
21. Makaya McCraven „Off The Record“
22. Masako Ohta Solo „My Music Garden“
23. Fieldword „Thereupon“
24. Mauricio Fleury „Revoada“
Dienstag 16.12.2025
Deadeye „In Orbit“
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Von einer kleinen Horde junger Instrumentalisten, und jung gilt man in diesem Metier mit 40 Jahren ganz sicher noch, erwartet man letztendlich eine temperamentvolle, erfrischende, vielleicht sogar explosive Musik.
Wer das Trio Deadeye ähnlich im Vorfeld einschätzte, der liegt, zumindest bei „In Orbit“ goldrichtig. Gitarrist und Komponist Reinier Bass (geb. 85), Keyboardspieler Kit Downes (geb. 86) und Schlagzeuger Jonas Burgwinkel (geb. 81) spielen auf „In Orbit“ eine deutlich stimmungsvolle, um nicht zu sagen exzentrische Musik. Keine freien Improvisationen und keine elektronischen Minimal-Tracks. Stattdessen von Blues und Rock beeinflusste Strukturen, bei denen es mit Sicherheit nicht schadet, sie laut zu hören. Ihre deutlichsten Markenzeichen: Ungerade Metren und scharfgeschliffene Solostimmen.
Auf Klangfarben oder hypnotisch angehauchte Melodien legt das Trio zumindest auf „In Orbit“ keinen all zu großen Wert. Diese drei Musiker wollen unbändig spielen, suchen auf ihren Avant-Rock-Reisen das Abenteuer, oder zumindest akustische Herausforderung. Sie bringen ihre jeweiligen Erfahrungen aus etlichen anderen Projekten mit, in denen sie integriert sind, und lassen hier doch wieder etwas völlig Neues entstehen. Auf jeden Fall finden ihre musikalischen Einfälle und klanglichen Provokationen, sowie ihr hoher spieltechnischer Qualitätsstandard, eine vollkommene Einheit. Dabei beeindrucken die Intensität und das Energielevel des im einem Kölner Studio eingespielten Albums. Vielleicht als Ergebnis eines ständigen, kreativen Reibungsprozesses der Persönlichkeiten und ihren tatsächlichen Visionen untereinander. Am Ende steht jedoch: Absolut empfehlenswert.
Jörg Konrad

Deadeye
„In Orbit“
Budapest Music Center Records (BMC)
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Dienstag 16.12.2025
Mark Pringle „New Customers“
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Mark Pringle, in Berlin lebender Brite, übersteigt mit seinen künstlerischen Meriten die Grenzen reiner Musikalität deutlich. Der Pianist und Komponist bezieht auch auf seinem neuen Album „New Customers“ bewusst politisch Stellung. Eine Art Gesellschaftskritik, ausgedrückt und umgesetzt mit einer Formation von befreundeten Instrumentalisten, die in ihrer Dringlichkeit und Intensität an Überzeugung nichts zu wünschen übrig lassen. Pringle geht es um das Mißverhältnis zwischen wirtschaftlichen Strukturen und kulturellen Erwartungen, sowie dem Erliegen des Einzelnen vor den Zerreißkräften von Stress und Überforderung
Das klingt in seinen improvisierten Kompositionen und seinen komponierten Improvisationen nicht unbedingt eingängig. Es fordert den Hörer heraus, dieser den Äther beherrschenden Klangsubversivität auch zu folgen. Pringle begibt sich mit seinen musikalischen Partnern nicht selten mitten hinein, ins Auge eines wild tosenden Jazz-Taifuns.
Aber ist diese (bewusste) Dekonstruktion nicht letztendlich die authentischste und damit einzige Möglichkeit, sich dem Zweifel an einer so anfechtbaren Gesellschaft bis auf Haaresbreite die Kunst zu nähern?
Der ständige inhaltliche Wechsel von Formen und Stilen birgt eine Chance unsere Realität widerzuspiegeln. So kann „New Customers“ letztendlich nur ein unglaublich komplexes, von vielen gegensätzlichen Strukturen gezeichnetes Stück Musik sein, in dem Sensibilität, Individualität, Willensstärke als auch Wissen zum Ausdruck gebracht werden. Ein Drahtseilakt zwischen melodischer Topografie und Avantgarde. Ohne Netz und doppelten Boden.
Jörg Konrad

Mark Pringle
„New Customers“
Boomslang Records
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Freitag 12.12.2025
Makaya McCraven „Off The Record“
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Der Entstehungs-Prozess der Aufnahmen des französisch-amerikanischen Schlagzeugers Makaya McCraven erinnert an die Arbeitsweise Miles Davis zwischen 1970 und 1975. Mit seinem damaligen Produzenten Teo Maceo jammten verschiedene Davis-Besetzungen in den Columbia Recording Studios zum Beispiel für die epochalen Aufnahmen zu „Bitches Brew“, bis man am Ende über neun Stunden Ton-Material zusammen hatte. Anschließend verschanzte sich Maceo im Schneideraum und kürzte diese Menge auf ganze 93 Minuten für das Original-Album. Ähnlich wurden auch „On The Corner“, „Live Evil“ oder „Get Up With It“ produziert.
Makaya McCraven, Sohn des Schlagzeugers Steve McCraven und der Folksängerin und -flötistin Ágnes Zsigmondi, schneidet seit Jahren einen Großteil seiner Live-Auftritte mit und bearbeitet diese Aufnahmen anschließend im Studio akribisch. Letztendlich entstehen so neue kompakte Songs, verschränkte Jazz-Rock-Soul-Konstruktionen, rhythmusorierte Sound-Impulse mit einem deftigen Hip Hop-Puls.
Off The Record“ besteht aus vier Eps, die Live in London, Berlin, Brooklyn, Chicago und Lost Angeles mitgeschnitten wurden. McCraven hatte bei diesen Auftritten Ausnahme-Instrumentalisten wie Gitarrist Jeff Palmer, Kornettist Ben LaMar Gay, den Tubaspieler Theon Cross oder den Bassisten Junius Paul an seiner Seite. Bearbeitet klingen diese Songs manchmal wie verlängerte Moment-Aufnahmen mit einem starken melodischen Gespür und in oft archaischem Charakter. Die Arrangements sind heruntergebrochen, auf das Notwendigste reduziert. Trotzdem schwingen diese sich wiederholenden Poly-Rhythmen, besitzen einen tiefen, einen beseelten Groove. Man könnte „Off The Record“ auch als eine akustische Bestandsaufnahme Makaya McCravens bezeichnen – die ihm wiederum als Vorlage für neue Live-Arrangements dient.
Jörg Konrad

Makaya McCraven
„Off The Record“
XL Recording
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Donnerstag 11.12.2025
Masako Ohta Solo „My Music Garden“
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Die japanische Pianistin Masako Ohta lebt seit 1985 in Deutschland und hat sich in all den Jahren in Bereichen wie Klassik, zeitgenössischer Musik, Improvisation, Performance oder Filmmusik den Ruf einer unabhängigen und inspirierten Künstlerin erworben, die immer wieder überrascht.
Beim renommierten Label Winter & Winter legt Ohta nun nach ihrem „Poetry Album“ und „My Japanese Heart“ eine weitere Piano Solo Aufnahme vor. Das von ihr gewählte Motto der CD “My Music Garden“ stammt von dem bekanntesten japanischen Dichter Matsuo Bash?, der prägend wie wegweisend für die Kunstform des Haikus war: „Eine Weile lang Mondscheinnacht über Blumen“. Dahinter steckt allerdings mehr als nur Melancholie. In einer Zeit, die für Ohta emotional tiefgehend und prägend war, entfloh sie dem Alltag, zog sich in eine Enklave zurück, um in der Stille und Natur fern von Stress und Trubel wieder zu sich zu finden. Sie wählte und entdeckte dort Musikstücke, die sie persönlich bewegen, ihr Ruhe, Kraft und Zuversicht spendeten. Gleich zu Beginn lässt Ohta mit John Cages „In a Landscape“ ihren Blick über Wald und Wipfel streifen. Brahms „Intermezzo Nr. 2“, Schuberts „Impromtu Nr. 3“ oder „Claire de Lune“ von Debussy, wechseln sich ab mit zeitgenössischer japanischer Klassik von Mamoru Fujeda, Toshio Hosokawa und Fumio Yasuda. Weiter folgt Mozarts „Fantasie in d-moll“ und schließlich aus der Extemporale das „Präludium“ von Bernd Alois Zimmermann.
Alles in allem eine abwechslungsreiche Aufnahme. Stimmungsbilder, die durch Ruhe und Besinnung in einen melodiösen Fluss mündet. Der weiche, wohlige Klang des Bechstein Flügels besänftigt die Ohren und bekräftigt das von Masako Ohta entwickelte, meisterlich gespielte Klangbild ihres musikalischen Gartens, wie ein Spiegelbild der inneren Seele. Nach den Aufnahmen fernab der Zivilisation war sie wie ausgewechselt und voller Energie, das „Album ist nun wie eine Landschaft meines Lebens“. Eine sinnliche wie poetische Erfahrung, die den Hörer aus der Hektik des Alltags entführt und ihn in Masako Ohtas musikalischen Kosmos versetzt. Eine versöhnliche Klangwelt, die nicht nur in der Winterzeit Herz und Seele wärmt.
Thomas J. Krebs

Masako Ohta solo
„My Music Garden“
Winter & Winter
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Mittwoch 10.12.2025
Fieldword „Thereupon“
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Als Fieldwork 2002 ihr erstes Album veröffentlichte, wurde die Band umgehend als das „Power-Trio des neuen Jahrhunderts“ bezeichnet. Es gab anschließend einige Besetzungswechsel, bis sich 2008 mit Vijay Iyer (Klavier), Steve Lehman (Altsaxophon) und Tyshawn Sorey?(Schlagzeug) die momentane und sicher auch ausdrucksstärkste Formation fand.
Alle drei bewegen sich an den Schnitt- und Überlappungsstellen von Modern Jazz, zeitgenössischer Klassik, Kammermusik, Underground-Hip-Hop und elektronischer Popmusik. Und sie nehmen jeweils nicht nur als Solisten eine Ausnahmestellung im Jazz-Betrieb ein, sondern finden zugleich auch als Kollektiv beeindruckend zueinander.
Lehman, einst Schüler bei Anthony Braxton und Jackie McLean, steht mehr für das Intellektuelle im Jazz, ein Avantgardist, jedoch mit starkem Bezug zur Tradition. Seine verzierten Themen und strukturellen Improvisationen bestechen durch ein enormes Temperament, mit dem er das Ausgangsmaterial angeht und dabei sein Instrument bis an die Belastungsgrenze bringt. Er steht auf diesem Album für kurze, knappe Solo-Exkursionen, gebündelte Statements sozusagen. Die Stücke auf „Thereupun“ sind bis auf eine Ausnahme nur drei bis fünf Minuten lang (allein „The Night Before“ bringt es auf achteinhalb Minuten). Insofern gerät die gesamte Musik kompakter, in sich geschlossener und direkter.
Vijay Iyer, Sohn indischer Einwanderer und bisher drei Mal für den Grammy nominiert, ist das Bindeglied zwischen dem prägnanten Lehman und dem hier druckvoll und groovenden Trommler Tyshawn Sorey. Besonders Iyer reflektiert die immense Bandbreite des Trios. „Wir haben uns vor langer Zeit für einen Ansatz entschieden, der die Kreativität jedes einzelnen Musikers optimal nutzt. Ich denke, dass die Vielfalt unserer individuellen Studien und Interessen es ermöglicht, dass unsere kollektive musikalische Vorstellungskraft sehr weit reicht.“ Und dabei hält er die Musik nicht nur zusammen, sondern setzt auch pianistisch scharfsinnige Ausrufezeichen und liebt deutlich dringliche Akkorde, die er immer wieder in der Musik plaziert.
Und diese Art des Musizierens gibt Tyshawn Sorey die Möglichkeit, sein vielgestaltiges Können als Schlagzeuger einzubringen. Bei aller Sensibilität und allem Detailreichtum seines Spiels ist er letztendlich ein Sturm am Instrument.
Anspieltipp: Embracing Different.
Jörg Konrad

Fieldword
„Thereupon“
Pi Recordings
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Montag 08.12.2025
Mauricio Fleury „Revoada“
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Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man Mauricio Fleury als einen musikalischen Globetrotter und Weltenbürger bezeichnet. Geboren in Brasilien, hat er sich hier seine ersten Sporen als (Multi-)Instrumentalist verdient, war DJ und Produzent und streifte bei jeder nur möglichen Gelegenheit durch Musikläden und über Trödelmärkte, um außergewöhnliches Vinyl zu sammeln.
Er suchte Aufnahmen aus Afrika und Asien, beschäftigte sich mit deren Inhalt und begann diese mit der an sich schon schier ausufernden Vielfalt brasilianischer Musik zu mixen.
2010 gründete Mauricio Bixiga 70 in Sao Paulo, die afrikanischste aller brasilianischen Big Bands. Auf ihren weltweiten Tourneen feierten sie nicht nur Erfolge, sondern suchten zugleich neue folkloristische Ansatzpunkte, bauten westafrikanische Musiktraditionen in ihre Klangphilosophien mit ein, nutzten lateinamerikanische Ansätze, griechische und türkische Vibrationen.
Seit einigen Jahren lebt Mauricio Fleury in Berlin. Dass hier fast zwangsläufig wieder neue (westliche) Kulturen in seinen musikalischen Fantasien Raum einnehmen, scheint fast logisch.
Obwohl er derart lang schon unterwegs ist, hat Mauricio erst in diesen Tagen sein Debüt „Revoada“ veröffentlicht. Wunderbar relaxter Groove, siebzigerjahre Sound, manirierte Funkattitüden und leicht pulsierende Rhythmen geben der Musik einen warmen und empathischen Flow. Der heutige Wahlberliner bewegt sich mit seinen E-Pianos, Wah-Wah-Gitarren, Vibraphonen und perkussiven Know-how weniger an den stilistischen Rändern von Subkulturen. Er besitzt den Mut, auch eingängige Melodien und vertraute Harmonien in sein Potpourie der Weltstile einzuweben, ohne dass als Ergebnis das Universum in völliger Aufgeregtheit durcheinander gewirbelt wird. Musik zum aktiven entspannen.
Jörg Konrad

Mauricio Fleury
„Revoada“
Altercat Records
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