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13. Louis-Ferdinand Céline „Krieg“
14. Sherko Fatah „Der große Wunsch“
15. Giovanni di Lorenzo „Vom Leben und anderen Zumutungen“
16. Steffen Kopetzky „Damenopfer“
17. Franz Kafka „Die große Hörspiel-Edition“
18. Herbert Clyde Lewis „Gentleman über Bord“
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Mittwoch 13.12.2023
Louis-Ferdinand Céline „Krieg“
Die Entdeckung des vorliegenden Manuskripts könnte selbst der Stoff für einen Roman sein. Louis-Ferdinand Céline, Antisemit und Rassist und gleichzeitig großer Literat, musste als französischer Kollaborateur und Verfasser etlicher Hetzschriften 1944 beim Vormarsch der Alliierten Paris bei Nacht und Nebel verlassen. Er türmte über Baden-Baden und Sigmaringen nach Dänemark, wo er schon zuvor vorsorglich seine Ersparnisse deponiert hatte. In Kopenhagen lebte er kurze Zeit unerkannt – wurde dann aber verhaftet und kehrte erst sechs Jahre später nach Frankreich zurück.
Die in seiner Wohnung aufgrund der abrupten Flucht hinterlassenen literarischen Arbeiten/Skizzen/Manuskripte, immerhin 6000 Seiten, galten seither als verschollen. Sie tauchten erst vor einigen Jahren wieder auf, wobei ihr Weg bis heute nicht ganz geklärt ist. So jedenfalls konnte sechzig Jahre nach dem Tod des einstigen Skandalautors ein neuer Roman von Louis-Ferdinand Céline erscheinen, der speziell in Frankreich umgehend alle Verkaufsrekorde brach.
In „Krieg“ verarbeitet Céline eigene Erlebnisse aus dem 1. Weltkrieg. Ferdinand, die Hauptperson, wird auf dem Kriegsfeld in der Nähe von Ypern in Flandern schwer verletzt, von einem englischen Soldaten geborgen und in ein kleines nahes Städtchen in ein Lazarett verbracht. Hier, in einer zum Lazarett umfunktionierten Kirche und dessen Umgebung spielt die Handlung des Romans. Ferdinand freundet sich mit Cascade an, einem Soldaten, der sich eine Schusswunde zugefügt hat, um dem Kriegsinferno zu entfliehen. Später wird dieser von seiner Ehefrau denunziert und aufgrund der begangenen Selbstverstümmelung als Deserteur exekutiert.
Das packende an diesem gerade einmal knapp 140seitigem Manuskript ist dessen Sprache, in der Céline seinen „Krieg“ erzählt. Er findet eine beeindruckende und für ihn sehr typische Form zwischen grobschlächtiger Alltagskommunikation, die von einer deutlichen Kriegsverrohung gekennzeichnet ist, und einer ausdrucksstarken Poesie, die hohen literarischen Anspruch erfüllt. Selbst die derben und mit Alpträumen und Schrecken angereicherten Sequenzen lesen sich anschaulich, sind psychologisch klug durchdacht und dramaturgisch hocheffizient umgesetzt. Dadurch erhält der Text eine sehr bildhafte Komponente, als bestünden einzelne Abschnitte aus virtuellen Szenen. Im übertragenen Sinn kein Drehbuch, aber eine Art geschriebener Film.
Die Frivolität seiner Gedanken und Sätze scheint dem Untergangsszenario des Krieges zu entsprechen. In den Sätzen finden entfesselte Ideen ihren Ausdruck, so wenn Céline vom Krieg schreibt, der ihn im Kopf erwischt hat, oder „ … das linke Ohr fest an den Boden geklebt mit Blut, den Mund auch. Zwischen beiden gewaltiger Lärm ...“. Die Schrecken dessen, was sich auf den Schlachtfeldern zuträgt, ist mit genormten Sätzen und regelrechter Grammatik nicht mehr auszudrücken. Beinahe jede Szene erhält bei ihm einen erschütternden Beigeschmack. Die Verzweiflung ist allenthalben zu spüren. Kein Heldentum nirgends.
Gerhard von Breuste

Louis-Ferdinand Céline
„Krieg“
Rowohlt
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Mittwoch 29.11.2023
Sherko Fatah „Der große Wunsch“
In Sherko Fatahs Roman „Der große Wunsch“ sucht ein Vater nach seiner verlorenen Tochter. Murad, ein deutscher Intellektueller mit kurdischen Wurzeln, begibt sich auf die Reise in das Herkunftsland seines Vaters, in das gefährliche Grenzgebiet zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Seine Tochter Naima ist verschwunden, ohne Abschied und Erklärung. Er und seine geschiedene Frau, eine Deutsche, wissen nur, dass Naima im Internet einen Gotteskrieger kennengelernt hat und ihm ins Kampfgebiet des IS gefolgt ist.
Sherko Fatah wurde 1964 in Ostberlin als Sohn eines kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. In all seinen Büchern befasst er sich mit dem Aufeinandertreffen der europäischen und der arabischen Kultur, mit Entwurzelung und Gewalt.
Der Roman ist großartig erzählt. Landschaften sind für Sherko Fatah ein Spiegel der Seele, wie er in einem Interview sagt. Schon das erste Kapitel erzeugt in eindrucksvollen, an starken Bildern reichen Landschaftsschilderungen eine Stimmung von Verlorenheit und Gefahr. Murad hat sich in die Berge an der syrischen Grenze fahren lassen, eine Welt von karger Weite und herber Schönheit. Auf dem einsamen Rückweg durch Nebel und Schnee verliert er die Orientierung, wird von wilden Hunden verfolgt und schafft es nur mit Mühe zurück in das archaische türkische Dorf, in dem er sich einquartiert hat.
Hier wartet er auf zwielichtige Mittelsmänner, die behaupten, eine Spur zu seiner Tochter gefunden zu haben. Um die Leere zu füllen, unternimmt Murad zusammen mit seinem Fahrer Ausflüge in die Umgebung, in eine Region, die von Krieg und Gewalt geprägt. Ist. Sie stoßen auf ein kurdisches Militärlager und auf eine Höhle voller Skelette, erschreckende Überreste des Genozids an den Armeniern.
Zu den Menschen im Dorf hat Murad wenig Kontakt. Die lange Zeit des Wartens verbringt er vor allem mit Nachdenken. Nachdenken über sich selbst, sein Leben, über seine Tochter und darüber, wie unbegreiflich und fremd sie ihm geworden ist. Nirgends findet er Gewissheiten, zunehmend verliert er den Boden unter den Füßen.
Fatah schildert in seinem Roman die Wurzellosigkeit eines Mannes zwischen den Kulturen, der weder im Land seiner Väter noch in Deutschland eine wirkliche Heimat hat.
Der Name der Hauptfigur, „Murad“, bedeutet im Arabischen „Der große Wunsch“. Murads Tochter Naima verwendet den Namen ihres Vaters als ihr Computer-Passwort. Sein größter Wunsch ist, Naima zu finden und aus den Fängen des Gottesstaates zu befreien. Aber was ist der große Wunsch seiner Tochter, was hat sie zu ihrem radikalen Schritt bewogen? Wie kann sich eine junge Frau, die in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand aufgewachsen ist, einer Terrororganisation wie dem IS anschließen? Trifft ihn als Vater eine Schuld? Hat auch sie sich in Deutschland fremd gefühlt und nach einer Heimat gesucht? Hat sie plötzlich die Religion als Halt entdeckt? Oder ist sie einfach aus Verliebtheit einem jungen Mann ins vermeintliche Abenteuer gefolgt? Und wie verhält sie sich zu den unmenschlichen Gräueltaten der Gotteskrieger? Fragen, auf die es im Buch keine Antworten gibt.
Von seinen Mittelsmännern erhält Murad immer wieder Nachrichten von der Frau, die angeblich Naima sein soll. Fotos zeigen eine tiefverschleierte Muslimin. Er kann sie nicht identifizieren. Sporadisch werden ihm Audiofiles zugespielt, die aus dem online-Tagebuch seiner Tochter stammen sollen. Er ist sich nicht sicher, ob es sich wirklich um ihre Stimme handelt. Die Verbindung zu ihr findet nur auf der digitalen Ebene statt, die Wahrheit über Naima bleibt quälend unklar, wenn die Botschaften auch bruchstückhaft Einblicke in die düstere Welt einer Terroristin ermöglichen.
Anfangs fühlt sich die Frau noch als Teil einer Gemeinschaft, die einen berechtigten Kampf gegen die Unmoral und Verkommenheit des kapitalistischen Westens führt. Sie hat sich einer Hisba angeschlossen, einer Fraueneinheit des IS. Diese kontrolliert, ob die Menschen der Stadt sich an die Vorschriften des Kalifats halten und meldet kleinste Verstöße der Religionspolizei. Doch zunehmend scheint die junge Frau von Einsamkeit, Zweifeln und Angst gepeinigt zu werden. Ihre Berichte über Grausamkeiten der Gotteskrieger häufen sich und kulminieren in einer Folterszene an einer Schwangeren.
Sherko Fatah hat einen vielschichtigen, faszinierenden Roman über Fremdheit, Sinnsuche und Fanatismus geschrieben, der in einen hochspannenden, überraschenden Schluss mündet. „Der große Wunsch“ stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Zu Recht.
Lilly Munzinger, Gauting

Sherko Fatah
„Der große Wunsch“
Luchterhand
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Dienstag 21.11.2023
Giovanni di Lorenzo „Vom Leben und anderen Zumutungen“
Was haben Robert Habeck, Viktor Orban, Reinhold Messner, Udo Jürgens, Umberto Eco und Christian Drosten gemeinsam? In ihren Persönlichkeiten wird man wohl vergeblich nach überlagernden Lebens-Mustern oder verbindenden Charaktereigenschaften suchen. Aber sie alle sind in einem Buch des Journalisten Giovanni di Lorenzo (friedlich) vereint. „Vom Leben und anderen Zumutungen“ (Kiepenheuer) enthält einige seiner bekannt empathischen Interviews, die er in den Jahren 2014 bis 2023 führte.
Aufschlussreich gerät gleich das Vorwort, in dem di Lorenzo über den Verlauf eines Interviews mit Helene Fischer schreibt: „.... als wir uns endlich in einem Münchner Hotel zum Interview trafen, wurde es ein angenehmes, offenes Gespräch ….Helene Fischer wirkte sehr reflektiert und sympathisch“.
Doch das Management der Sängerin redigierte das Gespräch für eine Veröffentlichung dermaßen, dass die ZEIT, als Auftraggeber, überlegte, ob sie diesen überarbeiteten Text überhaupt abdrucken sollte. Die Redaktion entschied sich kurzfristig für eine Veröffentlichung und versah das Interview aber mit einem informierenden Kommentar. Das hatte wiederum zur Folge, dass der Nachdruck des Interviews für das vorliegende Buch vom Management Helene Fischers verweigert wurde.
Andere Interviewpartner scherten sich hingegen nicht im geringsten um das Autorisieren ihrer Antworten. Viktor Orban oder Recep Erdogan kümmerten sich gar nicht einmal um etwaige inhaltliche Klarstellungen. Auch Papst Franziskus hatte kaum Beanstandungen und winkte den Inhalt förmlich durch.
Eindrucksvoll verlief hingegen das Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, der über seine jüdische Identität spricht; mit Robert Habeck, der auch hier gewinnbringend über seine Politik und die Maßnahmen zur Klimaneutralität referiert; mit Reinhold Messner, der über Glück und Weltuntergang spricht; oder mit der Podcasterin Sabine Rückert, deren Pragmatismus und Blick auf die Welt imponiert. Es sind die Themen der Zeit, wie die Pandemieerfahrungen, die Flüchtlingskrise, der weiter zunehmende Rassismus, das Verhältnis der Kulturen untereinander, die hier sehr individuell und geistreich diskutiert werden,.
„Vom Leben und anderen Zumutungen“ beinhaltet insgesamt über 340 auch unterhaltsame Seiten, die von di Lorenzos subtilen Fragestellungen leben und mit denen er seine jeweiligen Gesprächspartner zum ausführlichen und konzentrierten Reden bringt.
Jörg Konrad

Giovanni di Lorenzo
„Vom Leben und anderen Zumutungen“
Kiepenheuer & Witsch
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Montag 13.11.2023
Steffen Kopetzky „Damenopfer“
Erst im Oktober dieses Jahres erschien in der ZEIT eine Reportage, die (ost-)europäische Nachtzüge zum Inhalt hatte. Ja, es gibt sie tatsächlich in unserer heutigen Zeit. Und laut dem Autor funktionieren diese Verbindungen tadellos und sind absolut empfehlenswert – zumindest wenn die Zielorte Rijeka, Prag oder Warschau lauten. Wer hier so leidenschaftlich und detailliert von diesen nächtlichen Abenteuern schwärmt, weiß wovon er spricht. Steffen Kopetzky jobte während seines Philosophiestudiums in München nämlich als Schlafwagenschaffner. „Ich studierte in Schwabing, aber die Bahnhofsviertel von Neapel, Paris, Florenz und Genua waren meine Spielplätze, wo ich schön langsam das Erwachsenenalter anzupeilen begann“, schreibt er und veröffentlichte zehn Jahre später den Roman „Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication“, in dem er seine Erlebnisse teils autobiographisch verarbeitete.
Seitdem hat sich der 1971 in Pfaffenhofen an der Ilm geborene Kopetzky zu einem der interessantesten deutschsprachigen Autoren entwickelt. Auch mit seinem neuen Roman „Damenopfer“ taucht er, wie schon in den vorigen Büchern „Risiko“, „Propaganda“ und „Monschau“, tief in die Geschichte des letzten Jahrhunderts ein.
In „Damenopfer“ erzählt er von und über die russisch/sowjetische Schriftstellerin, Dissidentin und Spionin Larissa Reissner (1895-1926), deren Ziel es war, gemeinsam mit dem Rote-Armee-General Tuchatschewski und einem gewissen Oskar von Niedermeyer eine Weltrevolution zu organisieren. Hierfür versuchte sie kurz nach dem ersten Weltkrieg eine geheime Allianz zwischen der Sowjetunion und dem deutschen Militär zu vermitteln. Ausgangspunkt für diese Idee waren unter anderem strategische Pläne, die sie als sowjetische Gesandte im afghanischen Kabul entdeckte. Diese stammten von eben jenem Oskar von Niedermayer, der, ähnlich wie einst Lawrence von Arabien versuchte das Britische Empire zu stürzen. Niedermeyer gehörte schon zu den paradiesischen Protagonisten in Kopetzkys Roman „Risiko“.
Kopetzky vereint wie schon in seinen vorherigen Romanen so auch in „Damenopfer“ zeithistorische Recherche und Fiktion, um letztendlich eine packende Handlung und einen lebendigen Historienbezug zu entwerfen. Doch anders als in seinen letzten Büchern erzählt er seine Geschichte nicht fortlaufend dem Ablauf der Ereignisse entsprechend, sondern setzt biographische Facetten Reissners mosaikartig zusammen. Er lässt in einzelnen Kapiteln Zeitgenossen von ihr auftreten, schreibt, wie sie als Kind Lenin kennenlernte, wie Trotzki und Boris Pasternak, auch Maxim Gorki von ihrer intellektuellen als auch sinnlichen Anziehungskraft beeindruckt waren, lässt selbst Ho Chi Minh zu Wort kommen und zeigt die Bolschewikin als eine von politischer und erotischer Leidenschaft geprägten Femme fatale.
Kopetzkys Verdienst ist es, diese weibliche Figur der Weltgeschichte, die mit nur 30 Jahren in einem Moskauer Krankenhaus an Typhus verstarb, als Komintern-Agentin dem Vergessen zu entreißen. Dies ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen.
Jörg Konrad

Steffen Kopetzky
„Damenopfer“
Rowohlt
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Montag 30.10.2023
Franz Kafka „Die große Hörspiel-Edition“
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Zu Lebzeiten hatte Franz Kafka (1883-1924) ganze 170 Seiten publiziert. Dass der deutschsprachige, österreich-ungarische, in Prag geborene und lebende Autor heute zur Spitze der Weltliteratur zählt, verdankt er einer eigenmächtigen Entscheidung seines Mentors, Freundes und Nachlassverwalters Max Brod. Dieser befolgte den letzten Willen des jüdischen Schriftstellers, nach seinem Tod das gesamte Werk, bestehend aus etlichen Romanfragmenten und Erzählungen, zu verbrennen, bewusst nicht. Im Gegenteil: Brod veröffentlichte schon ein Jahr nach Kafkas Tod erste Romane von ihm und editierte in den 1930er Jahren eine sechsbändige Gesamtausgabe.
Seitdem gehört der Autor mit seinen „alptraumhaften Parabeln über vergebliches Streben und menschliches Scheitern“ zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk beeinflusste ungezählte Autoren, Maler, Regisseure, Musiker bis in unsere Tage und besitzt in seiner Zeitlosigkeit somit bis heute eine nachhaltige Wirkung.
Im Laufe der letzten siebzig Jahre sind in den Rundfunkanstalten der ARD etliche Hörspiele nach Vorlagen von Franz Kafka erschienen, von denen einige zu Klassikern avancierten. Der Audio Verlag hat in den Archiven gestöbert und sechs dieser Perlen in einer großen Franz Kafka Hörspiel-Edition neu zugänglich gemacht. Die Produktionen entstanden zwischen 1953 und 2002.
Enthalten sind insgesamt sechs Hörspiele wie „Das Schloß“ (SWF - heute: SWR), „Amerika“ (SWF - heute: SWR), „Der Prozeß“ (SDR - heute: SWR), „In der Strafkolonie“ (SRF), „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ (WDR) und „Die Verwandlung“ (NDR). Es sind zugleich die wichtigsten Werke Kafkas, die anlässlich seines 100. Geburtstages im nächsten Jahr das schriftstellerische Ausnahmegenie nachhaltig in den Fokus rücken.
Zu den herausragenden Sprechern/Schauspielern dieser Edition gehört Bruno Ganz, der den Offizier in dem Stück „In der Strafkolonie“ verkörpert. Sein differenziertes, sarkastisches, psychologisch-raffiniertes Ausfüllen der Rolle ist eine sprachliche wie dramaturgische Meisterleistung. Auch Gert Westphals Auftritt als Landvermesser K. in „Das Schloß“ gehört zu den großen Momenten dieser Zusammenstellung. Nicht zuletzt durch ihn wird das Stück zu einem Hördrama par excellence.
Des weiteren gibt es auch ein Wiederhören mit der sensiblen Gustl Halenke („Amerika“), die zu den renommiertesten Hörspielsprecherinnen speziell in den 1950er und 1960er Jahren zählte. Außerdem sind Martin Reinke, Günther Tabor und Günther Lüders in den Produktionen zu erleben, die mit ihren Stimmen eine Zeit wieder lebendig werden lassen, in denen das Radio der tagtägliche informelle und kulturelle Begleiter der Menschen war. Insofern erinnert diese eindrucksvolle Zusammenstellung auch an das momentane Jubiläum 100 Jahre Radio – ohne das es diese Aufnahmen wohl nie gegeben hätte.
Alfred Esser

Franz Kafka
„Die große Hörspiel-Edition“
Der Audio Verlag
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Dienstag 24.10.2023
Herbert Clyde Lewis „Gentleman über Bord“
„Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf.“ So beginnt der Roman „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis. Wie sein Protagonist ins Wasser, so stürzt sich der Autor, ganz ohne einleitende Worte, mitten ins Geschehen. Standish, ein Mann Mitte dreißig, befindet sich gerade auf der Überfahrt von Honolulu nach Panama, als ihn das Unglück ereilt. Er rutscht an Deck des Dampfers auf einem Ölfleck aus, verliert das Gleichgewicht und fällt ins Meer. Das Wetter ist prächtig, der Ozean ungewöhnlich ruhig, Haifische gibt es hier nicht. Was Standish in den vielen Stunden empfindet, die er im Wasser treibt, während sich die S.S. Arabella immer weiter entfernt, erzählt der Roman. Er ist 1937 in den USA erschienen und bald in Vergessenheit geraten. Das fantastische kleine Buch wurde erst jetzt wieder entdeckt und ins Deutsche übersetzt.
Herbert Clyde Lewis ist als Nachkomme russisch-jüdischer Immigranten in New York aufgewachsen. Er war ein unruhiger Mensch, lebte als Journalist, Sportreporter und Drehbuchautor in den USA und China und war immer wieder bedroht durch Geldnot und psychische Krisen. Mit Henry Preston Standish hat er in jeder Hinsicht sein Gegenbild geschaffen. Der Romanheld gehört der amerikanischen upper class an. Seine Vorfahren kann er bis zu den Pilgervätern zurückverfolgen. Als erfolgreicher Börsenmakler in New York führt er mit Ehefrau und zwei wohlgeratenen Kindern ein privilegiertes Leben. Deshalb ist die Fallhöhe durch seinen Sturz ins Wasser besonders groß.
Trotz der fatalen Situation, in der er sich nun befindet, kann man sich beim Lesen des tragikomischen Romans, in dem sich Sympathie für die Figuren und Ironie die Waage halten, immer wieder hervorragend amüsieren. Der Autor beschreibt Stanton als einen phantasielosen, gesitteten Langweiler, den noch nie ein Unglück gestreift hat. „Er trank mäßig, rauchte mäßig und schlief mäßig mit seiner Frau. Tatsächlich war Standish einer der ödesten Männer der ganzen Welt.“ Plötzlich gerät er jedoch in eine Art Midlife- Crisis und kann sein geordnetes Leben nicht mehr ertragen. Er nimmt sich eine Auszeit und geht auf Reisen. Auf dem Frachter, der ihn über den Ozean bringt, beginnt er, über seinen engen Horizont hinauszublicken. Er empfindet ein Gefühl von Freiheit und Glück, das er bisher nicht kannte. Zum ersten Mal kommt er mit Menschen außerhalb seiner Klasse in Berührung, freundet sich mit einem alten Farmer an und interessiert sich für die anderen Mitreisenden, die als Protagonisten der damaligen amerikanischen Gesellschaft mit Treffsicherheit und Witz charakterisiert werden.
Als Stanton auf den Schiffsplanken ausrutscht und aus der Welt fällt, ist sein Gefühl zunächst nicht Angst, sondern Scham. Ein Mann wie er, ein standesbewusster Gentleman, stürzt nicht einfach so in den Ozean, das ist lächerlich. Seine vornehme Erziehung hindert ihn daran, laut um Hilfe zu schreien. Anfangs glaubt er noch, dass die Arabella bald umdrehen und ihn retten wird. Doch er überschätzt seine Wichtigkeit, sein Fehlen fällt lange niemandem auf. Immer wieder wechselt der Autor gekonnt die Perspektive, springt von Stanton zu den unterschiedlichen Leuten auf dem Dampfer, ihren Gedanken und Tätigkeiten, die wenig mit dem einsamen Mann im Meer zu tun haben. Dieser macht währenddessen ganz unterschiedliche Phasen durch, seine Stimmung schwankt zwischen Hoffnung und zunehmender Panik.
Zeitgenössische Kritiker haben dem Roman seine Kürze vorgeworfen, dabei ist gerade das seine Stärke. „Gentleman über Bord“ ist von einer solchen Präzision und Unmittelbarkeit, dass man beim Lesen fast meint, selbst im Meer zu liegen und das grenzenlose Verlorenheitsgefühl zu spüren, das Standish angesichts der Weite und Gleichgültigkeit des Wassers und des Himmels erfasst. Nach und nach entledigt er sich seiner Kleidung und seiner Wertsachen, weil sie ihn beim Schwimmen behindern. Nackt und schutzlos ist er dem fremden Element ausgeliefert. Alles, was ihm bisher wichtig erschien, verliert an Bedeutung. „Aber jetzt sah er deutlich, dass das Leben kostbar, dass alles andere, Liebe, Geld, Ruhm, ein Schwindel war, wenn man es mit der großen Güte verglich, einfach nicht zu sterben.“
Herbert Clyde Lewis bringt in „Gentleman über Bord“ ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das einige Jahre später, in den 1940-er Jahren, von Philosophen wie Sartre und Camus in Begriffe gefasst wurde. Der einsame Mensch in der Unendlichkeit des Ozeans - das ist ein eindrucksvolles Bild für die „Geworfenheit“ des Einzelnen, wie es im Existentialismus heißt.
Lilly Munzinger, Gauting

Herbert Clyde Lewis
„Gentleman über Bord“
Mare Verlag
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Autor: Siehe Artikel
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