Jon Hassells Musik ist grenzenlos wie kaum eine andere. Der Amerikaner, der im Juni 2021 in Los Angeles zwar 84jährig, aber doch viel zu früh verstarb, zog Zeit seines Lebens wie ein Globetrotter durch die Kulturen dieser Welt, immer auf der Suche nach dem Ungehörten und Magischen. Wie ein Architekt plante, gestaltete und koordinierte er die Ausbeute dieser Expeditionen. Seine ästhetischen und funktionellen Konzepte entsprachen seinen Visionen, die eine Einheit von akustischer und elektronischer Musik, von kultureller Gleichstellung und improvisatorischem Kalkül umsetzten. So sind auf den Alben des Trompeters afrikanische, südamerikanische und asiatische Einflüsse zu hören, Minimal- und Ambientsegmente, verzerrte und verschattete Soundsplitter. Sein Instrument klingt dabei oft nach Geheimsignalen aus unbekannten Sphären, nach psychotropen Substanzen, die sich kreativ Bahn brechen. Und trotz all dieser aufsehenerregenden Individualität (oder vielleicht auch gerade deshalb) haben ihn die Talking Heads, Peter Gabriel, Brian Eno oder Davis Sylvian für ihre Projekte gebucht, lebte er nicht als Eremit weitab der Zivilisation, sondern mitten in deren Schmelztiegel, in New York (ganz simpel: wegen der Jobs, der Auftrittsmöglichkeiten, der Kontakte zu anderen Musikern).
Vor seinem Tod plante Jon Hassell eine Trilogie unter dem Titel „Pentimento“, ein Ausdruck, der die sichtbare Änderung in einem Gemälde oder einer Zeichnung bezeichnet, bei der ein Künstler eine frühere Bildidee übermalt.
Nach „Listening To Pictures“ (2018) und „Seeing Through Sound“ (2020) ist mit „Music Is Invisible“ nun posthum der dritte Teil dieser Reihe erschienen. Eingespielt Live bei einem Konzert 2015 in der St John at Hackney Church in London. Hassell spielt im Trio, mit seinen langjährigen musikalischen Begleitern Rick Cox (Gitarre, Synthesizer, Electronics) und John von Seegern (Bass, Drums, Electronics). Die Aufnahme wurde anschließend, getreu dem Titel dieser Trilogie, im Studio, nachbearbeitet. Das Original wurde sozusagen „übermalt“. Herausgekommen sind Klänge aus fernen Galaxien, verwundete Realitäten, die eine tranceartige Magie auslösen. Grenzenlose Musik eben.
Jörg Konrad.
Jon Hassell
„Music Is Invisible – Pentimento Volume Three“
Ndeya Records

























