Blickpunkt:
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Inhaltsverzeichnis
Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen

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Fürstenfeld: Julia Biel - Gegen einen gelangweilten Zeitgeist

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Landsberg: Schwarzmann / Biron / Ben-Ari – Großartiges Zusammenspiel

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Landsberg: Ketil Bornstedt – Musik aus dem Diesseits

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Maisach: Michael Fix - Ein Magier der melodischen Geschlossenheit

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Germering: Tim Allhoff Trio - Entflammbar

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Freitag 21.10.2016
Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen
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Puchheim. Ernest Borneman, Anthropologe, Filmemacher, Krimiautor, Sexual- und Musikwissenschaftler, positionierte in seinen umfangreichen Studien und Veröffentlichungen den Jazz viel stärker, als manch anderer Experte, in die Nähe der Volksmusik. Er beleuchtete besonders seine kreolischen Wurzeln und kam zu der Überzeugung, dass der frühe Jazz eine hörbare Nähe zu den Volkskapellen der romanischen Länder aufweist.
Aus diesem Blickwinkel heraus könnte man das Quintett Bavaschoro als eine reine Jazzkapelle verstehen. Zwar ist es nicht unbedingt und allein das kreolische, was die fünf Herren (und eine Dame) aus Portugal, Brasilien und dem Münchner Osten musikalisch antreibt. Aber sie schöpfen eben aus der Volksmusik völlig unterschiedlicher Ethnien und verbinden diese Einflüsse mit der Freiheit und dem aufgeklärten Anspruch des Jazz.
Was sich auf dem Papier wie eine musikalische Absonderheit liest, hörte sich gestern im Puchheimer Kulturcentrum PUC wie ein durchdachtes und erfrischendes Klangabenteuer an. Bavaschoro verstehen es, bayrische Volksmusik, brasilianische Samba, europäische Cafehausmusik und moderne Klassik mit Gradlinigkeit und Eleganz unter einen Hut zu bringen. Man spürt ihren intellektuellen Anspruch (ja, Bravaschoro besteht aus einem Quintett studierter Instrumentalisten), ihre gruppendynamische Transparenz und die Verwegenheit, mit denen sie sich diesem Musikabenteuer stellen.
Das allein wird schon bei der Besetzung deutlich. Luis Maria Hölzl und Henrique de Miranda Reboucas sind die Saitenkünstler der Formation. Sie spielen Gitarren jeglicher Form und Herkunft. Für den Bläserpart zeichnen sich Xaver Maria Himpsl (Flügelhorn) und Marcio Schuster (Saxophone) verantwortlich. Hin und wieder greift auch Ludwig Maximilian Himpsl zum Waldhorn oder zur Tuba. Hauptsächlich ist er aber der (studierte) Spezialist für brasilianische und türkische Perkussion. Und anlässlich ihrer momentanen CD-Präsentations-Tour war für einige Songs die Sängerin Dandara Modesto mit auf der Bühne. Stimmlich unterstützt von den Herren der Band fand sie eine passende Balance zwischen sanfter Ballade und charismatischem Temperament.
Musik, die die unterschiedlichsten Stimmungslagen zum Ausdruck bringt, mal größeren Wert auf die rhythmische Komponente eines Songs legend, mal stärker den harmonischen Teil herausstellend. Was verzaubert, ist letztendlich die Grenzenlosigkeit dieser Musik.
Und beleuchtet man in diesem Kontext noch die Band Yunus im Vorprogramm, mit ihrer Mischung aus ambitioniertem Rap und Jazz, dann wird deutlich, welch breiten musikalischen Anspruch die Reihe Jazz Around The World in Puchheim mittlerweile ausfüllt.
Jörg Konrad


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Donnerstag 06.10.2016
Fürstenfeld: Julia Biel - Gegen einen gelangweilten Zeitgeist
Fürstenfeld. „Man hat mir gesagt, dass niemand das Wort Hunger so singt wie ich. Genauso das Wort Liebe. Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, was diese Worte beinhalten“, sagte einmal Billie Holiday. Und all jene, die Lady Day auch nur einmal gehört haben und wenigstens einen kleinen Teil ihres tragischen Lebens kennen, wissen, wie recht sie hatte. An dieser Analogie wird aber auch deutlich, wie vermessen es heutzutage sein kann, sich als Sängerin an ihr messen zu lassen. Denn Billie Holiday sang nicht nur den Blues, sie lebte ihn tagtäglich.
Nun, für dieses Gleichnis mit der vielleicht größten aller Jazzsängerinnen, kann die Engländerin Julia Biel nur wenig. Natürlich nennt sie die 1959 mit nur 44 Jahren in New York gestorbene als eines ihrer prägendsten Vorbilder. Aber der Vergleich stammt von außen, von Kritikern, die einfach fasziniert sind von Julia Biels Stimme und nach stimmigen Vergleichen suchen. Und da bewegt sich Julia Biel sowohl von der Stimmlage, als auch von Phrasierung tatsächlich ganz in der Nähe der großen Billie. Und von hier ist es dann auch nicht mehr weit bis zu Abbey Lincoln oder Nina Simon, von der Julia Biel am gestrigen Mittwoch ebenfalls einen Song im Repertoire hatte.
Vom ersten Ton an zog die Engländerin die Hörer in ein musikalisch magisches Labyrinth aus Stolz und Verletzlichkeit. Sie ist keine der großen Stimmakrobatinnen und sie meidet auch die gefährlichen Allgemeinplätze des Scat-Gesangs wohltuend. Aber ihre grandiose Stimmführung und ihre melancholische Wachsamkeit nehmen sofort gefangen und lassen die eineinhalb Stunden ihres Vortrags auch nicht mehr los.
Als Sängerin schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen passen ihre zerbrechlichen Songs, die stärker im Rhythm & Blues einer Amy Winehouse verankert sind, als im Swing einer Ella Fitzgerald, genau in unsere so unsicher scheinende Zeit. Sie gibt ihr stimmlich Ausdruck und macht die Frakturen und Verrenkungen der Gegenwart durch kleine Verschiebungen und herzergreifende Verlagerungen der Tonhöhen hörbar. In der Wirkung mehr Pop als Jazz, mehr Mainstream als Kunstmusik. Andererseits wirkt ihr gesamter Vortrag in einer herausfordernden Art trotzig und gegen einen gelangweilten Zeitgeist aufbegehrend. Man spürt eine individuelle Geistigkeit, die stark an Instrumentalmusik erinnert. Julia Biel vermittelt Vertrautheit, ohne in eine irgendwie geartete Routine zu verfallen.
Dazu tragen auch ihre beiden Begleiter, Idris Rahman (Bass) und Saleem Raman (Schlagzeug), wohltuend bei. Sie sind zurückhaltende, aber verlässliche Partner, die die kleinen Songjuwelen dramaturgisch geschickt steuern und so zu einem unvergessenen Musikabend, vielleicht der Superlative, beitragen.
Jörg Konrad
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Montag 26.09.2016
Landsberg: Schwarzmann / Biron / Ben-Ari – Großartiges Zusammenspiel
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Landsberg. Heute scheint es selbstverständlich, dass Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo in den Kanon der (Modernen) Klassik gehört. Dabei galt der Argentinier in seiner Heimat lange Zeit als eine Art Verräter. Die Zeitungen schrieben in den 1950er Jahren massiv gegen ihn an, die selbsternannten Kulturwächter betrieben Rufmord. „Die Musiker hassten mich. Sie hatten das Gefühl, dass ich ihnen ihren  alten Tango wegnehmen würde. Manchmal warteten auf der Straße vor meinem Haus zwei, drei Männer,  die mich verprügeln wollten. Der alte Tango, den sie liebten, war im Aussterben begriffen.“ Heute gilt Piazzolla, Dank seiner Restauration der Volksmusik, als Revolutionär, oder sagen wir Reformer – auch in seiner Heimat. Er hat den Tango in ein neues Format gepasst, in die Welt getragen und Argentinien damit, nach politisch schwierigen Zeiten, auch kulturell aufgewertet.
„Oblivion“, eine der bekanntesten Piazzolla-Kompositionen, beinhaltet all die Ingredienzien, die für den Tango Nuevo so typisch sind: Den straffen, treibenden Rhythmus mit seinen charakterisierenden Synkopierungen, die melancholisch-morbide Melodieführung und das lasziv verschleppte Tempo. Doch das Trio Gili Schwarzmann (Flöte), Mor Biron (Fagott) und Ohad Ben-Ari (Klavier) hat zu Beginn der Landsberger Rathauskonzerte am letzten Sonntag diese Komposition auf eine völlig andere Art interpretiert. In einer ruhig dahinfließenden Ballade entfaltete sich bei ihnen das Thema. Das Element des melancholisch Rauschhaften zugunsten einer berührenden Sinnlichkeit zurückgefahren. Ein idealer Einstieg, für diese eher ungewöhnliche kammermusikalische Besetzung.
Es folgten bis zur Pause dann Isaac Albeniz, dieser in deutschen Konzertsälen eher selten zu hörende Spanier, mit Teilen aus seinem faszinierenden Klavierzyklus „Iberia“ (in einer Bearbeitung von David Walter) und der heute fast vergessene deutsch-böhmische Komponist Erwin Schulhoff mit seinen 1919 entstandenen 5 Pittoresken (Bearbeitet von Ohad Ben Ari). Trotz der immensen Verschiedenartigkeit dieser Vorgaben, verstand es das Trio, die Gemeinsamkeiten dieser Stücke grandios herauszuarbeiten. Und das bedeutete in erster Linie, sich den Partituren mit ansteckender Lebendigkeit und Frische anzunehmen. Auf der einen Seite die Verschmelzung andalusischen Orientalismus mit der europäischen Klassik (Albeniz), auf der anderen Seite die sehr frühe Beschäftigung mit Foxtrott, Ragtime und  Jazz (Schulhoff). Beides meisterte das Trio in spieltechnischer Akkuratesse, hochkonzentriert, mit genügend Raum für kurze theatralische Einlagen, die aber der Ernsthaftigkeit des Musizierens nicht im Wege standen.
Nach der Pause dann Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinem berühmten Trio d-moll op. 49. Eine berauschend schöne Komposition, die Robert Schumann, nach dem ersten Hören um 1840, als das „Meistertrio der Gegenwart“ bezeichnete. Hier kam das großartige Zusammenspiel der drei Instrumentalisten noch einmal zum Tragen. Jede Einzelstimme fand in einer unglaublichen dynamischen Spannbreite direkten musikalischen Kontakt zu seinem Nebenmann. Gili Schwarzmann jubilierte federleicht an der Flöte, bildete zugleich einen beeindruckenden Kontrast zum tief-nasalen Klangspektrum des Fagott. Beide interpretierten das wunderschöne Hauptthema in exzellenter Geschlossenheit, umspielten sich kindhaft naiv und schlugen auch dramatische Funken. Ohad Ben-Ari hielt am Klavier die Fäden in der Hand, korrespondierte zwischen Flöte und Fagott und steigerte immer wieder die Stimmung. Imponierend seine zart wehmütigen Einlassungen, die dem romantischen Ausdruck jedoch nicht all zuviel Raum ließen. Insgesamt eine großartige, Maßstäbe setzende Interpretation, voller Temperament, Leidenschaft und Zeitlosigkeit.
Jörg Konrad
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Sonntag 25.09.2016
Landsberg: Ketil Bornstedt – Musik aus dem Diesseits
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Landsberg. Achsel Vinding ist Pianist. Musik bedeutet für den 18-jährigen und seine Freunde alles. Sie ist ihre einzige Antwort auf die Fragen der Zeit. Gemeinsam schwelgen sie in Tönen und in Partituren, sind besessen von Ravel und Bartok und werden so zu Außenseitern in einer Zeit, als die Beatles und die Stones die Welt eroberten. Ihr Leben ist Widerstand und Leidenschaft gleichermaßen.
Ketil Bjornstad weiß wovon er schreibt. Der Norweger ist Autor und Pianist und „Vindings Spiel“, der vor gut zehn Jahren erschienene Entwicklungs- und Künstlerroman, besitzt starke autobiographische Züge. Zwar ist er selbst als Musiker heute nicht bei der von Aksel Vinding innig geliebten Deutschen Grammophon unter Vertrag. Dafür seit über zwei Jahrzehnten als zeitgenössischer Improvisator und Komponist bei ECM München. Mit verlässlichem Handschlag, wie für dieses Label üblich. 
Gestern war nun Bjornstad in Landsberg. Nicht zur Lesung, sondern als Solo-Pianist im Stadttheater. Ein erwachsen gewordener Aksel Vinding? Vielleicht. Wir wissen es nicht. Denn was Bjornstad spielte, war Klassik und Jazz. Strukturierte Improvisationen, die stark auf klassische Grundmuster innerhalb der Musik aufbauen. Begonnen hat er mit Mozart. Nein, eigentlich mit einem Griff ins Innenleben seines Flügels, wie einst die großen Avantgarde-Koryphäen. Aber genau zwischen diesen beiden Ansätzen bewegt sich Bjornstads musikalischer Kosmos. Klare Kompositionen und radikale Improvisationen. Diese beiden Pole bringt er zusammen, macht daraus ein geschlossenes System von großer Musik. Der Kontrapunkt als ästhetische Herausforderung. Musik, die bewegt, die vor Lebendigkeit pulsiert und atmet, die mitreißt und in ihrer ernsten Schönheit tief berührt. Und selbst dann, wenn er in die stille, verlangsamte Ballladenkunst eintaucht, verliert sein Spiel nicht die Transparenz, bleibt sein Anschlag klar und bestimmt, ist das Ergebnis spannend. Nichts triviales – nirgends.
Die Themen seiner Musik sind aus dem Diesseits. Keine verquasten Manierismen oder gesäuselter Romantizismus. Ähnlich seiner literarischen Hauptfiguren, die durch manches Tal sich kämpfen, um Kondition zu holen, für die Gipfel, auf denen sie letztendlich stehen. So ist das Leben und das macht auch die Musik des Keil Bornstedt so faszinierend. Sie ist ein Spiegelbild des Lebens und ganz große Kunst zugleich.
Jörg Konrad
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Samstag 24.09.2016
Maisach: Michael Fix - Ein Magier der melodischen Geschlossenheit
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Maisach. Fingerstylisten entwerfen akustische Stimmungsbilder. Ihre Kompositionen, und auch Improvisationen, sind in Töne gegossene Assoziationen, die sämtliche Stilnormen erfrischend über den Haufen werfen. Ob Jazz oder Klassik, Blues oder Folk, sie wildern in all diesen musikalischen Biotopen und lassen Neues entstehen. Auch Michael Fix macht hier keine Ausnahme. Warum sollte er auch? Gehört er doch mittlerweile zu den Besten und Virtuosesten seiner Zunft. Und diese Virtuosität, die ist das zweite akustische Merkmal der Gitarreros. Sie setzen ihre Saiten-Suggestionen in Hochgeschwindigkeit um, sind im Spiel derart schnell, das der Überblick, manchmal leider auch der Ausdruck verloren geht. Schwindelnd machende, emotionale Achterbahnfahrten, Temperaturstürze und Wechselbäder am laufenden Band.
Aber hier unterscheidet sich der Australier ein wenig vom Rest der Szene. Denn wie gestern im Räuber Kneissl Keller in Maisach zu erleben, ist er ein zurückhaltenderer, einfühlsamerer Gitarrist, der sein Spiel nicht allein einer sprunghaften Schlagfertigkeit unterordnet. Leichtfüßig bewegt er sich über das Griffbrett, spielt melodischen Blues und folkloristische Themen, singt eigene Songs und lässt eine Handvoll bekannter Themen aufblitzen. Bleibt aber bei sich. Manchmal spürt man, wie es in ihm brodelt, dass die musikalische Reise plötzlich Fahrt aufnehmen könnte, um im D-Zug-Tempo manche Stilbahnhöfe in wilder Hatz zu streifen. Aber er lässt es bei den Andeutungen, prahlt nicht mit akrobatischen Fingerfertigkeiten – obwohl seine Technik auf jeden Fall beeindruckend ist. Zum Beispiel fällt es ihm nicht allzu schwer, in einem Song den Bass- und den Melodiepart zu spielen, das Thema als Ausgangspunkt für kurze Improvisationsstippvisiten zu nutzen und dem ganzen mit einem Jazzbesen(!) noch einen schlagzeugähnlichen Rhythmus zu unterlegen. Ohne den Takt zu verstolpern. Ein Magier der melodischen Geschlossenheit, dieser Michael Fix. Von seiner Musik geht viel positives aus. Sie hat, trotz aller technischer Brillanz, Herz und sie fordert heraus. Zum Beispiel  Steven Ven, seinen Gitarre spielenden Gast aus den Niederlanden. Der verkörpert deutlicher den martialischen Techniker. Der macht aus der Bill Withers Ballade „Ain't No Sunshine“ eine knallige Funknummer und setzt überhaupt viel stärker als Fix auf den rhythmischen Fluss seiner Songs – samt aller gitarristischen Winkelzüge.
viktor b
Autor: viktor b
Montag 19.09.2016
Germering: Tim Allhoff Trio - Entflammbar
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Germering. Im Grunde sind alle drei Solisten. Bastian Jütte, der Schlagzeuger, hat erst vor wenigen Wochen seine neues Album „Happiness Is Overrated“ in Quartett-Besetzung veröffentlicht. Zudem erhielt er in diesem Jahr den Neuen Deutschen Jazzpreis, die einzige Auszeichnung in dieser Sparte, die per Publikumsvotum vergeben wird, 2013 den Jazz Echo. Andreas Kurz, einer der meistbeschäftigten jungen Bassisten der Münchner Szene, legte sein Debüt 2013 vor („Caught Into Something Turning“) und wird auch sonst nicht müde, sich zwischen altgedientem Swing und herausfordernder Avantgarde in die unterschiedlichsten Projekte einzubringen. Tim Allhoff, Pianist und in Augsburg geboren, erhielt hingegen schon 2011 den Echo Jazz und unter anderem 2013 den Bayrischen Kunstförderpreis. Angefangen als Autodidakt, studierte er später am Richard-Strauss-Konservatorium in München und schreibt heute, so ganz nebenbei, auch einmal Filmmusik für großes Hollywoodkino.  Drei junge, aufstrebende Instrumentalisten also, die sich 2008 entschlossen, gemeinsame musikalische Wege zu gehen und die ihrer Intention, Jazz spielend zu vermitteln, bis heute treu geblieben sind.
Mittlerweile ist das Tim Allhoff Trio mit Andreas Kurz und Bastian Jütte eine Erfolgsnummer. Drei CDs, die vierte erschient im kommenden Frühjahr und ungezählte Konzerte haben sie musikalisch zusammenwachsen lassen. In welcher Geschlossenheit und Qualität sie dies tun, wurde gestern Abend in Germering deutlich. In der beispielgebenden Reihe „Jazz It“ haben sie überwiegend Material ihrer kommenden Veröffentlichung vorgestellt. Musik, die sich zwischen großer Geste und stiller Poesie bewegt, die ebenso entflammbar ist, wie sie auch zum Innehalten einlädt.
Allhoff, von dem das meiste kompositorische Material stammt, ist ein Meister stilistischer Fusionen. Seine Songs bewegen sich zwischen virtuoser Klassik und minimalem Pop, seine Musik swingt wie die Hölle und begeistert in ihren Brüchen. Diese Vielseitigkeit ist beileibe nicht als Beliebigkeit zu verstehen. Zu tief dringt das Trio in das kompositorische Material ein, zu furios geraten die Improvisationen und zu anspruchsvoll gestalten sie die eingängigen, manchmal auch flüchtigen Melodien. Natürlich greift das Trio immer wieder auf die altbewährten Standards zurück, die Schlachtrösser des Jazz, die sie rhythmisch wie harmonisch nach allen Regeln der Kunst zerlegen und in einem völlig neuen Kontext erstrahlen lassen. Natürlich haben die jungen Wilden ebenso auch Modern Standards im Programm, von den eigenen Favoriten aus der Gegenwart, wie zum Beispiel Radiohead, oder einen Song der dänischen Band  Choir of Young Believers. Auch sie bekommen eine neue Fassade, werden frisiert, individuell zurechtgestutzt.
Trotzdem das Trio nach dem Pianisten benannt ist, klingt ihre Musik nach einer radikal-demokratischen Angelegenheit. All die Auslassungen, Verzögerungen, Verdichtungen, auch Vorwegnahmen und die Wachheit im Reagieren sind das Ergebnis eines hingebungsvollen, wie aber auch disziplinierten gruppendynamischen Prozesses. Hoffen wir, dass diesem Trio nie die Ideen und die Frische ausgehen. Dann ist noch weiter Großes zu erwarten.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.