Musik
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Inhaltsverzeichnis
Nina Simone & Etta James

1

Bob Dylan „Debut Album“

2

Stephan Thelen „Fractal Guitar“

3

Lorenz Raab & Christof Dienz „Vast Potential“

4

Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“

5

Dewa Budjana „Mahandini“

6

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Samstag 16.02.2019
Nina Simone & Etta James
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„Früher“ war natürlich nicht alles besser, aber vieles eben anders. Trifft diese Binsenweisheit auch auf Jazzsängerinnen zu? Sieht man sich heute das Verhältnis zwischen der Anzahl an veröffentlichten Alben und der Qualität der Gesangsstimmen an, liegt die Vergangenheit deutlich im Vorteil. Oder anders: Eine Schwemme an apostrophierten Jazz-Sängerinnen überflutet heutzutage den Markt. Die Qualität bleibt jedoch größtenteils auf der Strecke. Zumindest in diesem Punkt ist die Gegenwart klarer Verlierer, wobei Ausnahmen bekannterweise jede Regel bestätigen.
Von Nina Simone war während ihrer gesamten Karriere nie so ganz klar, ob sie nun Jazz-, Folk-, Blues-, Soul- oder Protestsängerin war. Sie selbst verstand sich, zumindest in der Zeit, als ihr Debüt-Album „Little Girl Blue“ entstand, als klassische Pianistin. „Ich war keine Jazzmusikerin“, schreibt sie in ihrer Autobiographie „Meine schwarze Seele“, „sondern eine klassische Pianistin und ich improvisierte über Arrangements populärer Songs, indem ich klassische Motive verwendete … Wenn ich zum Beispiel zu spielen begann, wusste ich nicht, wann und wo ich mit dem Text einsetzen würde“.
Das war 1957, sollte sich in den folgenden Jahren aber gewaltig ändern. „Little Girl Blue“ war Eunice Kathleen Waymons, wie die Sängerin mit bürgerlichem Namen hieß, ihr erstes Album, das sie in einer langen, vierzehn Stunden andauernden Sitzung für das New Yorker Plattenlabel Bethlehem aufnahm. Sie selbst stellte die elf Songs zusammen. Mit dabei der Gershwin-Klassiker „I Loves You Porgy“, der als Single ausgekoppelt sich auf Anhieb über eine Millionen Mal verkaufte. Ein anderer Megahit wurde das entspannt swingende „My Baby Just Cares For Me“. Hier stellte sich der Erfolg jedoch erst dreißig Jahre später ein - als Werbejingel für ein „Channel“-Produkt.
Nina Simones Stimme? Dieter Bartetzko schrieb in seinem Nachruf auf die Künstlerin 2003: „ ….. kehlig, guttural, eine Geröllhalde der Sehnsüchte und enttäuschten Hoffnungen“. „Seelenwund“ wäre auch so eine Metapher, die zu ihrer Stimme passt, wenn sie nicht gerade einen kämpferischen Song über die Rassendiskriminierung interpretierte, oder hingebungsvoll und innig ein Liebeslied sang. Dass sie sich bei den Aufnahmen am Klavier stets selbst begleitete, versteht sich. Auf „Little Girl Blue“ am Bass Jimmy Bond, am Schlagzeug Albert „Tootie“ Heath.
Drei Jahre später lieferte eine andere große Sängerin ihr Debüt mit Langzeitwirkung: Etta James. „At Last“ hieß ihr erstes Album und auch von diesem, das ihr erfolgreichstes sein sollte, koppelte man gleich einige Songs als Single aus. Etta James Stimme war nicht so wandelbar und vielseitig. Dafür erstrahlte ihr Gesang durch Klarheit, Temperament und Authentizität. Man spürt bis heute ihre Hingabe und Leidenschaft und glaubt ihr jedes intonierte Gefühl aufs Wort. Rhythm´n  Blues ist ihr Ausdrucksmittel schlechthin und in Riley Hampton hatte sie zudem einen exquisiten Arrangeur und Orchesterleiter an ihrer Seite.
Und auch Etta James bekam dreieinhalb(!) Jahrzehnte später, dank der Allmacht der Werbung, noch einen Riesenhit aus dieser vorliegenden Sammlung. „I Just Wanna Make Love To You“, ein Bluessong von Willie Dixon, kämpfte sich, im zuge einer amerikanischen Getränkefirma, 1996 noch einmal in die UK Singles Chart bis auf Platz 5 vor. Die vorliegende LP beinhaltet gegenüber dem Original noch vier zusätzliche Bonus Tracks, die Etta James mit dem Sänger Harvey Fuqua als Vocal-Duet einspielte.
Jörg Konrad


Nina Simone
„Little Girl Blue“

Etta James
„At Last!“

Beide Aufnahmen erschienen bei Glamourama Records
Jeweils LP + 7“ Single
Autor: Siehe Artikel
Donnerstag 14.02.2019
Bob Dylan „Debut Album“
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Den endgültigen Entschluss, ein erstes eigenes Album aufzunehmen, soll Bob Dylan am Krankenbett von Woody Guthrie gefasst haben. Überredet hat ihn hierzu Pete Seeger, mit dem sich Dylan öfter im Krankenzimmer des legendären Singer-Songwriters im Greystone Hospital bei New York traf. Hier wurde Goothrie, der an dem Nervenleiden Chorea Huntington litt, häufiger behandelt – bis er 1967 starb. Pete Seeger gab auch gleich die Empfehlung, wo genau das Debüt Dylans erscheinen sollte: Auf dem Folklabel Broadside Records.
Und obwohl auf dem dann in ganzen sechs Stunden über zwei Nachmittage eingespielten und 1962 veröffentlichten „Debut“, wie die LP kurzerhand genannt wurde, nur zwei Originalkompositionen von Dylan stammen, manifestierte schon diese Produktion seinen Ruf als ein junger, überaus talentierter Songschreiber.
Heute, achtundfünfzig Jahre und ungezählte Produktionen später, klingen die dreizehn Songs des von John Hammond produzierten Album frisch und unverbraucht, aber auch voller Verzweiflung und Wut, was nicht zuletzt mit dem Leidenszustand seines großen Idols Woody Guthrie im Zusammenhang zu sehen ist. Die Songs berühren in ihrer Direktheit und provozierenden Schärfe heute noch ebenso, wie zur Zeit ihrer Entstehung. Dylans nörgelnder Sprechgesang, seine für damalige Verhältnisse ruppige Gitarrenbegleitung, die immer wieder eine starke Beziehung zum Blues ausweist, eröffneten dem Folk völlig neue Horizonte. Das alles klang nach Protest und Aufbegehren und eben nicht nach braver traditioneller Volkskunst.
Bei der Songauswahl entschied sich Dylan für alte Folksongs, von Curtis Jones und Bukka White und natürlich die alte Gospelnummer „In My Time Of Dyin´“, die später in einer kombattanten Version von Led Zeppelin zum längsten Studiotrack gehörten, den die  Hardrocker einspielten.
In den beiden eigenen Kompositionen, „Talkin´ New York“ und „Song to Woody“ verarbeitet Dylan seine ersten New Yorker Eindrücke, das Suchen nach passenden Spielmöglichkeiten und natürlich die unheilbare Krankheit seines musikalisches Leitbildes Woody Guthrie.
Nun ist „Debut Album“ als audiophile Pressung auf 180g schwerem Vinyl neu verlegt worden. In ausgezeichneter Klangqualität versteht sich und, als Zugabe, mit einer 7“ Bonus-Single mit den Titeln „Mixed-Up Confusion“ und „Corrina, Corrina“. Ein Fest – für alte und für neue Dylan-Fans.
Viktor Brauer

Bob Dylan
„Debut Album“
Glamourama Records
LP + 7“ Single
Autor: Siehe Artikel
Freitag 08.02.2019
Stephan Thelen „Fractal Guitar“
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Ein Album das Grenzen sprengt; ein Album, das mit vertrauten Mitteln neue Wege weist; ein Album voller Konformität und Exzentrik. Auf „Fractal Guitar“ tastet Stephan Thelen konsequent den musikalischen Horizont ab und blickt über ihn hinaus. Für seine Abenteuerreise in die Refugien des Groove, in die spärlich bewachsenen Weiten flächiger Landscapes, in die verklausulierten Labyrinthe dunkler Themen und beschwörender Freiheiten hat der Schweizer eine ganz spezielle Crew zusammengestellt. Da fallen vor allem die Gitarristen ins Gewicht: David Torn, Markus Reuter, Henry Kaiser – um nur einige zu nennen. Und natürlich der Meister selbst, Stephan Thelen. Sie alle sorgen für einen cholerischen Sound, für eine überwältigende Atmosphäre auf diesem Album. Eine Stimmung, die sich zusammensetzt aus Prog Rock und Ambient, aus pulsierendem Drone und aufschäumendem Jungle, aus geschichteten Harmonien und stark reduzierten Leitmotiven. Minimale Verschiebungen und leidenschaftlich betriebene Verdichtungen bringen Spannung, geben den (meist längeren) Stücken ein sehr individuelles, manchmal provozierendes Gesicht. Musikalische Krater-Landschaften, dramaturgisch geschickt montiert, manchmal auch leichtfüßig daherkommend, behutsam skizziert. Immer unwiderstehlich.
Wer halsbrecherische Gitarrenläufe erwartet, wird enttäuscht werden. Wer Gitarren-Konfrontationen in Moll liebt, wird glücklich fündig. Und vielleicht auch süchtig. Musik, die auch als Boxen-Test geeignet scheint.
Jörg Konrad

Stephan Thelen
„Fractal Guitar“
Moonjune Records
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 05.02.2019
Lorenz Raab & Christof Dienz „Vast Potential“
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Das Duo ist das kleinste praktizierende Orchester. Eine Minimal-Band könnte man auch sagen. Im Jazz der Neuzeit sicher nichts besonderes. Interessant dürfte aber sein, dass an den ersten Duo-Aufnahmen des Jazz, entstanden in den 1920er Jahren, häufig Trompeter beteiligt waren: King Oliver (mit dem Pianisten Jelly Roll Morton) und natürlich Louis Armstrong (mit dem Pianisten Earl Hines).
Nun, an deren Aufnahmen haben sich Lorenz Raab und Christof Dienz auf ihrem Album „Vast Potential“ inhaltlich nicht unbedingt ausgerichtet. Aber trotzdem gibt es natürlich Parallelen, oder sagen wir vielleicht lieber Voraussetzungen, die auch alle anderen Duo-Einspielungen der Jazzgeschichte mitbringen müssen. Da wäre das Selbstbewusstsein der Instrumentalisten ganz allgemein, dann deren Vertrautheit zueinander, ihr Ideenreichtum und ihre Ausdrucksstärke, sowie die Perfektion, was ihre instrumentale Beherrschung betrifft. Von all dem besitzen die beiden Österreicher genügend, so dass es ihnen nicht allzu schwer fällt, auch ihre jeweiligen Namen zu einer Einheit zu Formen: Aus Lorenz Raab und Christof Dienz wird kurzerhand RaaDie.
In dieses Duo bringen der Trompeter Raab und der Zither-Spuieler Dienz ihre ganzen Erfahrungen mit ein. Und die reichen von ihren gesammelten Kenntnissen mit ungezählten Jazzbands, von ihrem Wissen, was Kompositionstechniken betrifft, ihren Erlebnissen als Theater- und Volksmusiker, sowie ihrer Hinwendung zu experimentell eingesetzten Electronics. Und so wechseln auch mit den einzelnen Stücken die Stimmungen auf dem vorliegenden Album. Mal beeindruckt Lorenz Raab mit einem strahlenden, lupenreinen Trompetensound, mal mäandern beide Musiker vertagträumt durch elektronisch verfremdete Welten oder sie zeigen in komplex verwobenen Improvisationen ihr famoses Gespür für den sinnlichen Augenblick. Immer spürt man ihre persönliche Nähe, wobei man gerne glaubt, dass dieses respektvolle Miteinander weit über den musikalischen Bereich hinausgeht.
Jörg Konrad

Lorenz Raab & Christof Dienz
Raadie
„Vast Potential“
Traumton Records
Autor: Siehe Artikel
Samstag 26.01.2019
Eleni Karaindrou „Tous Des Oiseaux“
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Sie besitzt die besondere Gabe, mit ihrer Arbeit als Komponistin die Entwürfe anderer Künstler diskret zu verfeinern und dabei gleichzeitig etwas sehr Individuelles und Souveränes zu schaffen. Eleni Karaindrous Werke sind großteils als Auftragsproduktionen für Kino und Theater entstanden. Die bekannteste griechische Film- und Bühnenkomponistin wurde einmal gefragt, ob denn ihre Musik typisch griechisch sei, ob sie die Seele ihrer Landsleute lautmalerisch vertonen und zum Ausdruck bringen würde. Das könne sie nicht sagen, hat sie darauf geantwortet, das müssten letztendlich andere beurteilen.
Auf jeden Fall hat sie für ein gutes Dutzend Arbeiten des unvergleichlichen Filmregisseurs Theo Angelopoulos den Soundtrack geschrieben, auch für Margareta von Trotta und immer wieder für Stücke, die der griechischen Mythologie entspringen.
Mit „Tous des Oiseaux“ ist nun ein Album erschienen, welches sowohl Theater- als auch Filmmusik enthält. „Tous Des Oiseaux“ ist für ein Bühnenwerk des libanesisch-kanadischen Schriftstellers Wajdi Mouawad gedacht. Das zweite Stück ist die Filmmusik zu „Bomb, A Love Story“ des iranischen Schauspielers und Regisseurs Payman Maadi. Beide Aufnahmen leben von einer stillen Eindringlichkeit, von einem melancholischen Sog verführerischer Schönheit. Diese Musik kann eigentlich nur ein uneingeschränkter Menschenfreund geschrieben haben, jemand, der trotz aller Zweifel Hoffnung hat und glaubt - zumindest an die humane Kraft der Poesie.
Eingespielt mit einem Streichorchester und einem Ensemble von Musikern, die zum Teil griechische Originalinstrumente spielen, baut Eleni Karaindrou Stimmungen von Zerbrechlichkeit und Sehnsucht auf. Die elegischen Bögen ihrer Musik, sowohl die Orchestersätze als auch die Solostimmen, sind wie einzelne schicksalhafte Äußerungen einer Gruppe von Menschen. Ein Psychogramm berührender Befindlichkeiten. Intime Bekenntnisse, ergreifend im Inhalt und unprätentiös im Vortrag. Hier gehen Anmut und Reflexion Hand in Hand.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Montag 21.01.2019
Dewa Budjana „Mahandini“
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Mit den Ideen, die Dewa Budjana auf seinem neusten Album „Mahandini“ musikalisch abfeuert, füllen andere Musiker eine ganze Karriere. Der Gitarrist hat sich bei seinen Kollegen in den letzten Jahren einen unglaublich Respekt erspielt. Und so ist es nicht nur so, dass er seine Wunschinstrumentalisten zu den Aufnahmesessions bittet und ins Studio über deren Management einladen muss. Sie selbst stehen symbolisch Schlange und wollen mit dem Indonesier gemeinsam arbeiten. Auf „Mahandini“ sind dies zum Beispiel Jordan Rudess (Dream Theater), die indische Bassistin Mohini Dey, der deutsche Schlagzeuger Marco Minnemann (Steven Wilson), Mike Stern, John Frusciante u.a.. Durchweg erste Wahl. Und so strotzt die Musik vor Kraft und Zuversicht, vor Tempowechseln, Energie-Schüben, rockiger Schwerkraft und jazziger Abenddämmerung. Manches klingt nach dem unvergessenen Frank Zappa, manches erinnert an die momentan nicht mehr existierenden Porcupine Tree, anderes könnte, was die Dynamik und den gigantischen Feuergeist der Aufnahme betrifft, zu Beginn der 1970er Jahre entstanden sein. Nicht immer müssen Zeitreisen in die Vergangenheit kreative Rückschritte bedeuten.
Sicher ist auf „Mahandini“ hin und wieder ein wenig Bombast im Spiel, auch viel Hall und hymnisches coming out, so, wie es in der Prog-Rock-Szene nun mal geläufig ist. Klassik-Adaptionen auf der Grundlage von herausfordernder Polyrhythmik sowieso. Auch etwas aus dem Lot geratene Gesangsnummern (denen aber auf dem Fuße ein außergewöhnliches Instrumental folgt).
Solistisch werden alle Mitglieder der Band enorm gefordert. Ego-Trips sind gewollt, Bescheidenheit und Zurückhaltung gehören nicht zum Konzept. Wie man einer solchen Musik angemessen begegnet? In dem man sie laut hört. Sehr laut!
Jörg Konrad

Dewa Budjana
„Mahandini“
Moonjune Records

Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.