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Musik
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Inhaltsverzeichnis
OHRENGLÜCK 31: Eric Schaefer "Kyoto Mon Amour" Act

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Ryuichi Sakamoto „Async“

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OHRENGLÜCK 30: Mario Batkovic

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Dominic Miller „Silent Light“ ECM

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Tarkovsky Quartet „Nuit Blanche“ ECM

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OHRENGLÜCK 29: Kenari Quartet & Duo Ultima

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Freitag 19.05.2017
OHRENGLÜCK 31: Eric Schaefer "Kyoto Mon Amour" Act
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Eric Schaefer ist mehr als nur ein Jazzdrummer. Er ist ein Zauberer der Rhythmen, ein Künstler der Grooves. Mit untrüglichem Gespür moduliert er vom Schlagzeug aus den Charakter der Musik, gibt ihr überraschende neue Konturen, verwandelt sie ins bislang Unerhörte. Schaefer setzt Akzente und Sounds immer ein wenig anders, als man sie erwarten würde. Sein neues Album „Kyoto Mon Amour“ ist das Dokument einer wechselseitigen Verfremdung zwischen westlicher und östlicher Musikästhetik. Ausgangspunkt der kulturellen Begegnung war ein Studienaufenthalt in Kyoto, der alten japanischen Kaiserstadt. Dort hat sich Schaefer in japanische Theater-, Musik- und Instrumente-Traditionen versenkt – er nennt Asien seinen „Sehnsuchtsort“. Sein Album entstand zusammen mit dem bewährten Mitspieler John Eckhardt (Bass) und mit zwei musikalischen Botschaftern Japans: Naoki Kikuchi, die ihre Koto-Zither auch schon beim Ensemble Modern eingesetzt hat, und Kazutoki Umezu, Jazzkennern bekannt als „Doctor Umezu“, dessen Klarinettenspiel „biegsam wie Bambus“ (Schaefer) klingt. Die kulturelle Synthese wirkt ebenso großartig visionär wie anrührend natürlich. Sie ist zugleich sanfter Jazz und exotischer Minimalismus, sie ist Kammermusik, tönende Meditation und improvisierter Flow. Allein schon die frischen Klangerfahrungen dieses Albums machen glücklich. Oder wann hat man je einen gestrichenen Kontrabass im Verein mit Koto und Jazzbesen gehört? „Kyoto Mon Amour“ ist ein Album, dessen Eindrücke lange vorhalten. Am Ende mündet es ganz zwanglos in ein Stück von Maurice Ravel – der war ja ebenfalls vom fernen Osten berührt.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Eric Schaefer
Kyoto Mon Amour
ACT Music
Autor: Siehe Artikel
Samstag 13.05.2017
Ryuichi Sakamoto „Async“
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Er hat die Musik zu den Filmen „Der letzte Kaiser“ von Bernardo Bertolucci und „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Alejandro G. Iñárritu geschrieben. Seine Zusammenarbeit mit David Sylvian, David Bowie und Robert Wilson sind legendär. Und mit seiner Hymne zu den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona hat er Millionen Menschen weltweit erreicht.
Vor drei Jahren legte Ryuichi Sakamoto aufgrund einer schweren Erkrankung seine gesamten musikalischen Projekte auf Eis. 2015 meldete er sich mit neuen Auftragsarbeiten zurück. Nun hat der Japaner mit „Async“ sein erstes reguläres Studioalbum seit 2009 veröffentlicht. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht seine Vision von Musik, die sich durch großflächige Sounds und minimalistische  Assescoirs artikuliert. Es sind subtile Klanglandschaften, traumhafte Sequenzen, in denen all jenes steckt, was die Musik Sakamotos in den letzten Jahrzehnten ausmachte. Das erinnert nicht selten an die frühen Arbeiten Brian Enos. Diese flüchtigen, in die Unendlichkeit driftenden Melancholien, das ambitioniert schwebende in seiner Musik hält immer die Balance zwischen Himmel und Erde. Sakamoto gibt dem Klang eine imaginäre Logik, der Intelligenz die Emotionalität. Musik, die schwer fassbar ist und eine ganz spezielle Stimmung auslöst. Melodien wie in Zeitraffer gespielt, die keiner speziellen Kultur zuzuordnen sind. Soundtracks als eine schonungslose Reise ins „Ich“. Weitab zeitgemäßer Songformate. Stattdessen traumhafte Seelennahrung.
Jörg Konrad

Ryuichi Sakamoto
„Async“
Milan / Warner
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Dienstag 09.05.2017
OHRENGLÜCK 30: Mario Batkovic
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Photo: Patrick Principe
Mario Batkovic

In ihrem Buch „Denken wird überschätzt“ beschreiben die Autoren Niels Birbaumer und Jörg Zittlau den Weg zur musikalischen Ekstase. Sie führen aus: „Der Rhythmus nimmt uns mit [...], aber ans Ziel kommen wir vor allem dadurch, dass unsere Erwartungen an den gleichmäßigen Lauf der Musik gebrochen werden. Dieser Bruch darf jedoch nur so stark sein, dass wir ihn nicht als störend oder sogar beängstigend, sondern als lustvoll erleben.“
Diese Sätze könnten ein Kommentar zu Mario Batkovics Album sein. Der in Bosnien geborene Schweizer spielt sein Akkordeon solo, aber er tut es auf ungewöhnliche Weise. Mehrfach erinnert sein Spiel an Werke des Minimal-Music-Komponisten Philip Glass. Die Musik pocht zuweilen nur auf einem Ton, aber mit durchgängigem Puls, oder sie insistiert unermüdlich auf einem kurzen Ostinato. Dann pulst es plötzlich auf mehreren Ebenen, sanft verschieben sich die Harmonien, manchmal klingt es wie eine Barockfigur mit einem Housebeat-Bass darunter, oder die Dynamik springt in den vollen Akkord – wie beim Tutti eines Orchesters. Batkovics Spiel ist auf ein Skelett reduziert, aber das Ergebnis scheint uns direkt in die Trance zu führen oder zumindest in die Meditation.
Die Wucht dieser minimalistischen Klangereignisse kommt auch direkt vom Instrument. Hier hört man das Akkordeon einmal so, als wäre man selbst der Spieler. Die Bässe sind mächtig, die Nebengeräusche präsent, man spürt die Vibrationen. „Ich wollte, dass das ganze Instrument atmet“, sagt Batkovic, „das Klacken der Tasten, das Knacksen der Gurte und schleifende Atmen des Balgs sollen hörbar sein. So können die Nachteile des Akkordeons in Vorzüge verwandelt werden, die einen neuen Klang schaffen.“ Definitiv ein Erlebnis!

Hans-Jürgen Schaal
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Mario Batkovic
"Mario Batkovic"
Invada Records
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Fotos: Steven Haberland / ECM Records
Dienstag 25.04.2017
Dominic Miller „Silent Light“ ECM
Musikalisch liegen zwischen Sting und Dominic Miller Welten. Könnte man zumindest meinen, nach dem Hören ihrer Soloalben. Dabei arbeiten Gordon Matthew Thomas Sumner, genannt Sting und Dominic Miller über zweieinhalb Jahrzehnte eng zusammen. Seit 1991 entstand kaum ein neues Werk des einstigen Police-Sängers, ohne den argentinischen Gitarristen.  Nun hat Dominic Miller mit „Silent Light“ seine insgesamt elfte eigene Veröffentlichung vorgelegt, zugleich sein Debüt bei ECM München. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht Millers akustische Gitarre. Mit und auf ihr entwirft er eine weltumspannende musikalische Choreographie, in einigen Aufnahmen mit der Hilfe des Perkussionisten Miles Bould. Voller Zurückhaltung taucht er in die brasilianische Musik ein, verarbeitet keltische Melodien, erinnert an frühe französische Chansons und kann den Einfluss klassischer Musik von Bach bis Debussy nur schwer leugnen. Um all dieses klanglich unter einen Hut zu bringen, bedarf es schon eines speziellen biographischen Hintergrunds. Geboren ist Dominic Miller in Buenos Aires. Sein Vater war Amerikaner, seine Mutter Irin. Studiert hat er unter anderem in England. Als seine prägenden musikalischen Einflüsse nennt er Egberto Gismonti, Pat Metheny und Baden Powell. Dann wäre da noch die englische Folkmusik als Inspirationsquelle und, wie erwähnt, die Klassik. In seinem Spiel bemächtigt sich Miller der Charakteristika unterschiedlicher Stile nie übergriffig. Er lebt sie mit jeder Pore seiner Persönlichkeit musikalisch aus. Er versteht es, formales und emotionales miteinander zu verzahnen, zu verdichten, aufzubrechen und beinahe sehnsuchtstrunken unter Spannung zu setzen. Er wiederholt nicht – er beschwört, er verwischt nicht die Konturen – er entwirft seinen eigenen musikalischen Horizont. In ihm steckt nicht nur ein Versteher, er ist ein Macher, der Außergewöhnliches schafft. In vorliegenden Fall: „Silent Light“.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 18.04.2017
Tarkovsky Quartet „Nuit Blanche“ ECM
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Dieses Album ist noch ruhiger als seine Vorgänger, wirkt freier, transparenter in seinem Aufbau. „Nuit Blanche“, die dritte Veröffentlichung des Tarkovsky Quartets um den französischen Pianisten Francois Couturier, klingt wie die akustische Umsetzung von Traumbildern, von flüchtigen Imaginationen. Die vier Musiker machen hörbar, was schwerelos, für das Auge unsichtbar durch den Raum zieht. Sie übersetzen fragile Bilder in eine poetische Musiksprache und bringen berührende Klangtexturen zum Ausdruck. Akustische Illustrationen eben, wie sie in den Filmen des großen russischen Regisseurs Andrej Tarkowkij auf bildlicher Ebene sprachlos zu bestaunen sind. In ihrer Wirkung weit entfernt von allen möglichen Alltagsgeräuschen.
Anja Lechner, Jean-Marc Larche, Jean-Louis Matinier und Francois Couturier brechen die Stille nicht nur sensibel auf, sondern sie spielen mit dieser Stille, sie nutzen sie, um zaghafte Konturen in den Äther zu zeichnen. Wie Carolin Emcke in den Liner Notes so passend beschreibt, tauchen klanglich verschiedene Erzählstränge auf, „ .. denen sich folgen lässt, die sich verzweigen oder parallel laufen, die zueinander finden oder sich voneinander entfernen.“ Aber auch dann nie den Kontakt verlierend.
So ist eine Vielfalt an Gedanken und Ideen zu spüren, die aber immer die Balance behält. Und den spürbaren Respekt voreinander. Musik für einen Film? Nicht unbedingt. Die würde wahrscheinlich gegenständlicher klingen. Hier ist es ein Austausch von Assoziationen und Selbstentäußerungen. Frei und wunderschön.
Jörg Konrad
 
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Donnerstag 13.04.2017
OHRENGLÜCK 29: Kenari Quartet & Duo Ultima
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Kenari Quartet
French Saxophone Quartets

Duo Ultima
French Connection

Das Saxofon ist ein Jazz-Symbol. Entstanden aber ist das Saxofon in Frankreich, und zwar Jahrzehnte vor der Geburt des Jazz. Das neuartige Instrument war ein Kind der Romantik und schien wie geschaffen für kleine Opern-Potpourris. Der Komponist Hector Berlioz schwärmte ausgiebig von seinen klanglichen und ausdruckstechnischen Möglichkeiten. Als dann der Jazz und – kein Witz! – die Zirkusmusik das Instrument um 1920 endlich so richtig populär machten, erlebte auch das „klassische“ Saxofon eine neue Blüte. Marcel Mule hieß der Saxofonist, der 1928 in Paris ein festes Quartett von Saxofonisten gründete, das er 40 Jahre lang leiten sollte. Für Mules Ensemble schrieben zahlreiche Komponisten raffinierte und unterhaltsame Saxofonquartette.

Das Album „French Saxophone Quartets“ vereinigt mehrere der bekanntesten dieser französischen Quartettwerke aus den 1930er bis 1960er Jahren. Es sind durchweg leichtfüßige, musikantische, lebensfrohe Stücke, meist in lockeren Suitenformen – die schnellen Sätze heiter und witzig, die langsamen mit anrührender Melodik. Viele stilistische Einflüsse lassen sich in dieser beschwingten Kammermusik entdecken – von Barock bis Strawinsky, von Romantik bis Charleston. Fugato und Synkope sind keine Gegensätze, französischer Esprit und der rhythmische Impuls des Jazz verbinden sich auf sehr charmante Weise – ganz besonders in den Quartetten von Pierre-Max Dubois und Jean Françaix. Auch in den USA, wo das Saxofon seine eigentliche Karriere machte, kennt man die beglückende Schönheit dieser französischen Saxofonquartette. Das junge, bereits vielfach preisgekrönte Kenari Quartet ging aus einer Initiative von Musikstudenten der Indiana University hervor.  

Für Guido Bäumer gab das französische Repertoire überhaupt den Ausschlag, klassisches Saxofon zu studieren. Iwan Roth und Claude Delangle, zwei Schüler von Marcel Mule, waren seine Lehrer. Auf den zwei CDs von „French Connection“ (mehr als zwei Stunden Musik!) präsentiert Bäumer eine reiche Auswahl schwärmerischer, tänzerischer, impressionistischer Werke fürs Saxofon – am Piano wunderbar begleitet von Aladár Rácz. Der historische Bogen der Stücke reicht von Jules Demersseman, einem belgischen Flötisten, der für Adolphe Sax’ Pariser Saxofonklasse 1865/66 die Prüfungsstücke schrieb, bis hin zum argentinischen Tango-Revolutionär Astor Piazzolla, der einst in Paris studierte. Nicht fehlen dürfen Debussys „Rapsodie“ (der Auftrag einer amerikanischen Saxofon-Mäzenin) und Milhauds bezaubernde „Scaramouche“-Suite (von Marcel Mule 1937 uraufgeführt). Aber auch Kenner der französischen Saxofontradition können hier Neues entdecken, etwa die großartigen Werke von Paule Maurice (1960) und Pierre Sancan (1973). – Die beiden Musiker des deutsch-rumänischen Duo Ultima hat es übrigens  ausgerechnet nach Island verschlagen – daher das nordisch anmutende Coverbild.

Hans-Jürgen Schaal
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Kenari Quartet
French Saxophone Quartets
Naxos

Duo Ultima
French Connection
Odradek
Autor: Siehe Artikel
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