Blickpunkt:
Musik
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Inhaltsverzeichnis
Oliver Nelson „The Blues And The Abstract Truth“

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V.A. „Classic Delta And Deep South Blues“

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Laia Genc „Birds“

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Mickey Hart „RAMU

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Panzerballett „X-Mas Death Jazz“

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OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster

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Freitag 05.01.2018
Oliver Nelson „The Blues And The Abstract Truth“
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Diese Aufnahme gehört aus mehreren Gründen zu den bemerkenswerten Veröffentlichungen in der langen Historie des Jazz. Aufgenommen im Februar 1961 steht „The Blues And The Abstract Truth“ wie kaum eine andere Produktion für den Sound einer Ära. Wer zum Beispiel das unsterblich schöne Thema der Blues-Ballade „Stolen Moments“ als Einleitung hört, ist mit Sicherheit verzaubert und befindet sich umgehend auf einer melancholischen Zeitreise in die 1960er Jahre.
Die sechs Kompositionen (durchgehend von O.Nelson geschrieben) sind transparent, kraftvoll, raffiniert mit einem deutlichen Bezug zum Blues. Die Balance zwischen (ausgeklügeltem) Satzspiel und Stein erweichenden Solis überzeugen durchweg.
Dann wäre neben dem Komponisten der Arrangeur Oliver Nelson zu nennen, der hier die vielleicht beste Band seiner gesamten Karriere präsentiert. Ein Sextett, das perfekt vom Blatt spielt, miteinander harmoniert und doch vor Individualismus strotzt. Alle Instrumentalisten befanden sich zur Zeit der Einspielung auf dem Gipfel ihrer jeweiligen Karriere: Freddie Hubbard (Trompete), Eric Dolphy (Altsaxophon und Flöte), George Barrow (Baritonsaxophon), Bill Evans (Klavier), Paul Chambers (Bass), Roy Haynes (Schlagzeug) und natürlich Oliver Nelson (Alt- und Tenorsaxophon).
Nelson gelingt es, durch seine wahrhaftige Kunst des Arrangierens wunderbare Stimmungen entstehen zu lassen. Freddie Hubbard erinnerte sich später: „Er hatte ein paar Voicings, die waren völlig abgefahren! Zum Beispiel bei „Stolen Moments“, da lag die Baritonstimme über der des Tenors. Das Bariton so hoch zu notieren ist ungewöhnlich. Und das Altsaxophon lag unter dem Tenor, und er ließ mich die Hauptstimme spielen.“
Nelson liebte den Blues, der im damaligen Jazz noch eine existenzielle Rolle einnahm. Selbst die swingenden Hardbop-Einspielungen waren in ihrem strukturellem Aufbau bluesverwandt.
„The Blues And The Abstract Truth“ erschien auf dem im gleichen Jahr neu gegründeten Plattenlabel Impulse!, das, wie ein Buchtitel lautet, „Coltrane erschuf“. Produziert hatte die Aufnahme der junge Creed Taylor, über den Playboy-Gründer Hugh Hefner schon vier Jahre zuvor schrieb „Er mag Jazz, ausländische Filme, Collegemoden, Gin and Tonic und hübsche Mädchen – die gleichen Sachen, die Playboy-Leser mögen“. Entsprechend kürte Hefner den damals 28jährigen Taylor zum Trendsetter des Jahres.
Für die Klangqualität war Rudy van Geldern zuständig, der legendäre Tonmeister, der schon zuvor bei Prestige, Blue Note und Riverside außergewöhnliches leistete und der bis heute zu den einflussreichsten Toningenieuren des Jazz gehört.
All dies trug dazu bei, dass „The Blues And The Abstract Truth“ nicht nur künstlerisch überzeugte. Die Musik wurde in allen Jazz- und in vielen Pop-Radiosendern gespielt.
Nun legt das Label Green Corner diese Aufnahmen noch einmal vor. Sowohl die Stereo-Version (CD 1) als auch die Mono-Version (CD 2). Zudem befinden sich noch zwei weitere Einspielungen auf dieser Veröffentlichung: Eddie „Lockjaw“ Davis „Trane Whistle“ (mit den Arrangements von Oliver Nelson) und Oliver Nelsons „Straight Ahead“ - jeweils mit dem einzigartigen Eric Dolphy eingespielt
Übrigens versuchte Oliver Nelson, der 1975 nur 43jährig an einem Herzinfarkt starb, drei Jahre später an diesen Erfolg anzuknüpfen und veröffentlichten, wiederum bei Impulse!, das Album „More Blues And The Abstract Truth“. Trotz großartiger Musik – an den Vorgänger reichte diese Aufnahme nicht heran.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 30.12.2017
V.A. „Classic Delta And Deep South Blues“
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Von den 21 Geschwistern, die Big Bill Broonzy besaß, blieben nach der Geburt nur sechzehn am Leben. Zwei von ihnen konnten von den Eltern auf die Schule geschickt werden. Der Rest musste schon im Kindesalter hart arbeiten: In der Landwirtschaft, beim Gleisbau, als Holzfäller. So lernte Big Bill Broonzy zwar weder lesen noch schreiben, doch dank seines musikalischen Gespürs entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Bluesmusiker. „Wenn ihr über mich schreibt“, soll er sich einmal geäußert haben, „dann schreibt einfach, Big Bill war ein bekannter Bluessänger und -spieler und nahm von 1925 bis 1952 260 Bluessongs auf.“
Zwei dieser Bluessongs befinden sich auf dem gerade erschienen Sampler „Classic Delta And Deep South Blues“ des Labels Smithsonian Folkways. Sowohl die Hymne „C.C. Rider“, als auch das abschließende „Diggin`My Potatos“ zeigen ein völliges musikalisches Selbstverständnis, das Lee Conly Bradley (so der Geburtsname des Sängers und Gitarristen) während seiner gesamten musikalischen Karriere an den Tag legte. Broonzy war ein Vertreter des Delta Blues, einem Ableger des Country Blues, wie auch Big Joe Williams, Memphis Slim, Bukka White oder Mississippi Fred McDowell, die allesamt auf diesem Album vertreten sind.
Es ist die Musik aus dem Mississippidelta, gespielt von jenen 70% der schwarzen Bevölkerung, die auf den Baumwollplantagen arbeiteten, in völliger Armut, eingeschränkt durch Rassentrennung, die bevormundet und abwertend behandelt durch die Weißen ihr Dasein fristeten. Blues wurde bei allen sich nur bietenden Gelegenheiten gespielt. Bei der Arbeit, bei Hauspartys, auf den Straßen, in den Kneipen. Das Kennzeichen des Delta Blues war eine intensive rhythmische Spannung, ein gepresster Gesang, und begleitet haben sich die Musiker meist selbst auf der Gitarre. Sie spielten nicht virtuos, dafür bodenständig. Einige von ihnen, wie zum Beispiel „Bukka“ White, dessen „Columbus, Mississippi Blues“ mit zu den eindringlichsten Songs dieser Zusammenstellung gehört, waren in Gefängnissen – meist wegen kleinlichen Vergehen. Insofern spielen in ihren Texten neben der täglich harten Arbeit, der Hoffnung auf ein besseres Leben, auch die schwierigen Lebensbedingungen in den Gefängnislagern und der Hass auf die staatlichen Obrigkeiten ein wichtige Rolle. Blues als ein Therapeutikum? John Lee Hooker drückt es so aus: „Tja, Blues ist der Heiler. Wenn man down und fix und fertig ist, wenn dich die Freunde, die Geliebte, die Frau nicht mehr so recht mögen, dann leg einen guten Blues auf und vergiss das alles. Hör zu. Er heilt. Blues heilt die ganze Welt. Musik heilt die Welt und sorgt dafür, dass es weitergeht.“ Das vorliegende „Classic Delta And Deep South Blues“-Album macht dieses Gefühl überdeutlich.
Jörg Konrad

V.A.
„Classic Delta And Deep South Blues“
Smithsonian Folkways / Galileo
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 27.12.2017
Laia Genc „Birds“
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In der musikalischen Welt der Laia Genc geht es um Grenzen. Oder besser: Um das Überwinden von gedanklichen Barrieren und das Überschreiten von scheinbaren Demarkationslinien – ohne dabei die eigene Individualität zu verlieren. Vielleicht, weil dieses Streben nach Freiheit ein Teil ihrer Persönlichkeit ist. Vielleicht aber auch, weil sie die Suche nach der eigenen Identität bewusst zulässt. Ja diese eventuell forciert – ohne sich in Phrasen unwichtiger Allgemeinplätze zu verlieren.
Laia Genc besitzt türkische Wurzeln, ist in Berlin aufgewachsen, hat in Köln Musik studiert, ein Jahr in Paris gelebt. Und alles, was sie in dieser Zeit der Veränderung und des neugierigen Lernens an Eindrücken aufgesaugt hat, ist auch in ihrer Musik zu spüren. Jazzharmonien, Songstrukturen, südöstliche Ornamentik, klassische Verweise, strahlende Melodien, melancholischer Tiefsinn und perlende Improvisationen. Die Musik auf „Birds“ zeichnet sich durch Überzeugung, Können und Fantasie aus. Strukturelle und stilistische Kontraste stehen sich auf den zwölf Kompositionen nicht unversöhnlich gegenüber, sondern werden durch Laia Genc miteinander in Beziehung gebracht. Sie schafft spielerische Übergänge unterschiedlicher Seelenlagen. Unprätentiös, behutsam gestaltend, aber doch eindeutig in der Wirkung. Sie erzählt am Instrument Geschichten, ihre Geschichten und harmoniert dabei mit den beiden Trio-Partnern Markus Braun (Bass) und Jens Düppe (Schlagzeug) aufs prächtigste. Gemeinsam agieren sie wie aus einem Guss, drei unterschiedliche Stimmen, die in einer Sprache sprechen, schwerelos klingen. Musikalisch eine hochkomplexe, differenzierte Zusammenarbeit, die jedoch eine gewisse Schlichtheit vermittelt. Im Grunde große Kunst. Das Schwierige leicht aussehen oder klingen zu lassen. Als Pianistin und Sängerin(!) gehört Laia Genc zu den derzeit interessantesten Erscheinungen. „Birds“ - ein kleines musikalisches Wunder!
Jörg Konrad

Laia Genc
„Birds“
Double Moon
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 26.12.2017
Mickey Hart „RAMU
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Der Schlagzeuger des einstigen Flaggschiff der Hippie-Bewegung Grateful Dead ist seit Jahren als Musikethnologe unterwegs. Mickey Hart erforscht in staubigen Archiven und in der gelebten Realität die Geschichte der Rhythmen – weltweit. Zwischendurch kommt der New Yorker immer wieder an einen Punkt, an dem er die Ergebnisse seiner Arbeit öffentlich macht – mal als Buch, mal in Form eines neuen Albums. Nach vier Jahren hat sich der Meistertrommler Perkussionisten aus allen Himmelsrichtungen ins Studio geholt, um seine Studien akustisch umzusetzen. Er selbst fungiert als rhythmischer Mittler zwischen indischen Tablas, afrikanischen Talking Drums, südamerikanischen Batas, Kalimbas, Dondos und verschiedenen Rahmentrommeln.
Der Sound, der dabei entsteht, ist die Grundlage für eine sehr individuelle Form der Weltmusik. Sie ist (natürlich und vor allem) stark rhythmisch inspiriert, besitzt aber auch Anteile weltumspannender Folklore, kurzer Jazzimprovisationen, Rap-Vocals, elektronischer Soundscapes und treibender Bässe. Hin und wieder stehen bekannte Gäste im Scheinwerferlicht der Aufnahme, wie „Alt-Hippie“ Charles Lloyd am Saxophon, oder der schon 2003 verstorbene „Vater der Weltmusik“ Babatunde Olatunji aus Nigeria oder die seit über zwanzig Jahren nicht mehr unter den lebenden verweilende Ikone der Rock-Gitarristen und Mitbegründer der Grateful Daed: Jerry Garcia. Wie die beiden letzteren auf dieses 2017 aufgenommene Album geraten? Die Technik macht`s möglich.
Musikalisch klingt „RAMU“ (Random Access Musical Universe) nach einem Manifest der Grenzüberschreitung, einem Memorandum der Freiheit und Möglichkeiten. Gleich im ersten Song, „Auctioneers“ verarbeitet Hart die Stimme eines Auktionators einer Tabak-Auktion in Kentucky aus dem Jahr 1948. In einem Interview erklärte der Schlagzeuger: „Das Tempo dieser Versteigerung ist aus Rhythmus-Gesichtspunkten fantastisch, es hat eine eigene Melodie, wie ein Tanz. Man könnte die Sprache des Auktionators als ein Vorgänger von Rapmusik verstehen.“. Die Musik ist eingängig,  und doch meilenweit vom Mainstream-Markt entfernt. Hart spielt mit unterschiedlichsten Versatzstücken, klingt dadurch oft experimentell, ohne dass dies ein Avantgarde-Album wäre. Vielleicht passt am ehesten die Beschreibung rhythmische Spiritualität zu „Ramu“.
Jörg Konrad

Mickey Hart
„RAMU“
Verve
Autor: Siehe Artikel
Samstag 23.12.2017
Panzerballett „X-Mas Death Jazz“
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Nun, in den Reigen weihnachtlicher Traditionsmusik passt dieses Werk wohl eher nicht. Oder vielleicht doch? Jan Zehrfeldt und sein Panzerballett sorgen auf ihrem insgesamt sechsten Album jedenfalls für ordentlich Stimmung. Da ist auf das Münchner Quintett wie gewohnt Verlass. Selbst wenn ein „X-Mas“ auf dem Cover steht, dominieren brüllende Gitarrenläufe, provozierende Bassdrums, schneidende Saxophonkaskaden. Diese Band ist mit das Subversivste, was derzeit zu hören ist. Besonders wer das Panzerballett Live erlebt hat, weiß wovon die Rede ist.
Trotz der geballten Kompromisslosigkeit, sind deren Saitengewitter hochkomplex und differenziert, besitzt die Musik (eine dunkle) Seele und jede Menge Querverweise. Jan Zehrfeld war zum Beispiel vor zwei Jahren Musikalischer Leiter der Nibelungenfestspiele Worms, hat in Graz Jazzgitarre studiert und nimmt eine Dozententätigkeit an der Popakademie Mannheim war. Ein inspirierter und inspirierender musikalischer Freidenker, der hier mit Hochdruck seine Musik spielt: Progressiv Metal. Eine überwältigende und mitreißende Klangorgie, die hartnäckig gegen jedes Puristentum anspielt. Funk und Groove spielen neben dem Rock`n Roll und Jazz in diesem Projekt eine ebenso wichtige Rolle wie auch der Humor, bei aller Ernsthaftigkeit, was die Spielkultur der Instrumentalisten betrifft. George Michaels Mega-Hit „Last Christmas“ oder der Gassenhauer „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ werden hier zu einem von pulsierenden Polyrhthmen vorangetriebenen Metal-Manifest. Dieses kalkulierte Chaos hat trotz seines herausfordernden Potenzials einen gewissen (zugegeben etwas derben) Charme. Weihnachtsmusik eben - der etwas anderen Art.
Jörg Konrad

Panzerballett
„X-Mas Death Jazz“
Gaom / Soulfood
Autor: Siehe Artikel
Dienstag 19.12.2017
OHRENGLÜCK 38: Kammerer OrKöster
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Kammerer OrKöster ist kein Kammerorchester, sondern ein Jazzsextett. Benannt ist es nach Jakob Kammerer, dem Schlagzeuger der Band, und Richard Köster, ihrem Trompeter, die auch alle Stücke fürs Debütalbum geschrieben haben. Gefunden haben sich die sechs jungen Musiker 2014 beim Studium in Wien, 2016 gewannen sie den Nachwuchspreis in Burghausen. Bevor sie ihr erstes Album aufnahmen, haben sie sich offenbar gefragt: „Was können vier Bläser plus Bass und Schlagzeug alles auf die Beine stellen?“ Und dazu fiel ihnen dann eine ganze Menge ein. Zum Beispiel: eine fröhliche New-Orleans-Brassband, scharfe Funk-Riffs, nervöser Bebop, eine traditionelle Blaskapelle, schleppender Blues, kontrapunktisch verschränkter Cool Jazz, meditative Klänge, swingende Bigband-Illusionen. Das alles und einiges mehr, das sich weniger leicht definieren lässt, packten sie in ihre zehn Stücke und haben es zum Teil noch kräftig durchmischt. Wunderbar jazzige Improvisationen, humorvolle Stilbrüche, raffinierte Rhythmen und halsbrecherische Basslinien setzen dem Ganzen die Glanzlichter auf. Es braucht schon ein wenig Chuzpe und Furchtlosigkeit, um ohne die Hilfe eines Harmonie-Instruments auf so vielfältige Weise die musikalischen Klischees zu verwirbeln. Das erste Album der überwiegend österreichischen Band macht definitiv gute Laune und weckt die Lebensgeister. Zwischendurch entführt es uns auch in sanftere Kopfkino-Welten. Dieser „Senf“ bringt ordentlich Würze in den Winter.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Kammerer OrKöster
"Senf"
Double Moon Records
Autor: Siehe Artikel
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