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OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"

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Stephan Micus „Inland Sea“ ECM

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Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar „Einfluss“

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Fredda „Land“ Le Pop Music

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Avi Avital & Omer Avital „Avital Meets Avital“ Deutsche Grammop...

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Jamie Saft Trio feat. Iggy Pop „Loneliness Road“ RareNoise

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Mittwoch 28.06.2017
OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"
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Der E-Bassist Pekka Pohjola (1952-2008) war ein Star der finnischen Rockjazz-Szene und ist in seinem Heimatland noch immer Legende. Der Trompeter Verneri Pohjola (geb. 1977) gehört heute zu Finnlands bekanntesten Jazzmusikern und ist Pekkas Sohn – aber er sieht in Pekka nicht unbedingt seinen Vater. Die Eltern wurden geschieden, als Verneri zwei Jahre alt war, und der Sohn hegt noch immer einen stillen Groll gegen den Mann, den er so selten sah. Fast zehn Jahre mussten nach Pekka Pohjolas Tod vergehen, ehe Verneri bereit war, das zu tun, was die finnische Musikszene längst von ihm erwartete: nämlich die Musik seines Vaters zu spielen. Das Album „Pekka“ ist eine hochspannende Angelegenheit und speziell in Finnland ein Ereignis. Der Trompeter nähert sich den Stücken Pekka Pohjolas wie aus weiter Ferne, denn er hat seine eigene, ganz andere musikalische Vision. Man hört zwar elektronische und Fusion-Klänge, Fender Rhodes und E-Gitarre, aber es gibt auch jazzorientierte Improvisationen und experimentellen Raum. Verneri Pohjola sucht nach musikalischen Brückenschlägen, aber ebenso nach Abgrenzungen zu dem Mann, der sein Vater war. Dieser Weg ist, man glaubt es ihm sofort, eine hochemotionale und therapeutische Übung. Manchmal klingt es beinahe, als wolle der Jazztrompeter Miles Davis den Progrocker Frank Zappa in seine Band integrieren. Verneri Pohjola feiert seinen Vater nicht, er korrigiert ihn. Das Album widmete er seiner Mutter, die ihn großgezogen hat.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Verneri Pohjola
Pekka
Edition Records
Autor: Siehe Artikel
Freitag 23.06.2017
Stephan Micus „Inland Sea“ ECM
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Vor vierzig Jahren erschien das erste Album des Ausnahmemusikers Stephan Micus – als Ergebnis eines längeren Indienaufenthaltes. Der Multiinstrumentalist und Komponist ist bis heute einer der am deutlichsten hörbaren musikalischen Globetrotter. Als Autodidakt studierte er im Laufe seines Lebens auf ungezählten Reisen, die ihn bis in die entlegensten Gebiete dieser Welt führten, die ausgefallensten Instrumente vor Ort und tauchte zugleich tief und entschlossen in die jeweilige Kultur ein. So ist aus ihm ein „vollendeter Weltmusiker“ geworden, der sich immer wieder, weitab aller kurzlebigen Moden und fragwürdigen Zugeständnisse, seinen eigenen, beeindruckenden Klangkosmos erschuf. Ein Individualist, dem es nie darum ging, seine musikalischen Ideen allein konventionell umzusetzen. Er ließ sich immer von seiner beinahe obsessiven Suche nach dem passenden Soundvokabular leiten und zeigte sich als ein im Bereich der Töne forschender Abenteurer, der auch schnell etwas zusammenbrachte, was man in dieser Konstellation zuvor nie gehört hatte.
Inland Sea“ ist Stephan Micus 22. Veröffentlichung und sie steht in ihrer stillen Erhabenheit seinen vorherigen Arbeiten in nichts nach. Auch hier entwickelt sich die Musik aus einer inneren Harmonie heraus. Die Töne scheinen aus der unbewussten Unendlichkeit eines Weltenverstehers in das Hier und Jetzt herüberzuwehen. Der urbanen Reizüberflutung setzt Micus transzendentale Entschleunigungsmotive entgegen.
Auf „Inland Sea“  hat er sich, neben der japanischen Shakuhachi-Flöte, riesigen Basszithern, dem aus dem Wakhan-Tal stammenden Balanzikom oder der marokkanischen Genbri, erstmals intensiv der Nyckelharpa zugewandt, einer schwedischen Tastengeige, die in ihrer Heimat als Nationalinstrument gilt. Natürlich spielt der aus Stuttgart stammende Kosmopolit auch dieses Instrument nicht, wie es seit Jahrhunderten im hohen Norden Europas gehandhabt wird. Micus nutzt zum Beispiel einen überdimensionierten Bogen, um die Noten länger halten zu können, und baut die Tastengeräusche des Instruments als eigenwilligen Perkussionsteppich hörbar in den Gesamtsound mit ein. So finden auch auf „Inland Sea“ die unterschiedlichsten Einflüsse Eingang. Ethnische Traditionen also, die aber aufgebrochen werden und durch diese individuellen Perspektiven etwas weltgültiges erhalten.
Die emotionalsten Momente in dieser ansonsten zerbrechlich schönen und sensibel schwingenden Musik sind jedoch jene Stellen, in denen Stephan Micus seine in Georgien und Bulgarien studierten polyphonen Gesangstraditionen einbringt. Dann wird dieser menschliche Atem spürbar, der die musikalisch erzählten Geschichten mit tiefgründigem Leben speist. So rätselhaft und magisch das alles klingt, so poetisch aufwühlend wirkt das Album.
Jörg Konrad
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Donnerstag 22.06.2017
Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar „Einfluss“
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Hans-Joachim Roedelius Biographie liest sich wie die moderne Abenteuergeschichte eines Menschen auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Zwar hat der heute in Österreich lebende, mittlerweile 82jährige Musiker diese innere Erfüllung schon vor Jahrzehnten gefunden. Trotzdem ist sein Leben als Musiker eine ständige Herausforderung gewesen. Er war Kinderdarsteller in Ufa-Filmen, Arbeiter im Steinkohlenbergbau, Masseur im Elyseepalast, Sterbebegleiter, Eisverkäufer und noch in der DDR inhaftiert, weil er dort den Wehrdienst verweigerte. Erst spät konnte er allein von seiner Kunst leben.
Über zweihundert(!) Alben hat „der kosmische Kurier“ (Die Zeit) im Laufe seiner Karriere auf den verschiedensten Labeln bisher veröffentlicht. Ohne je auch nur eine Note gelernt zu haben. Nicht immer wurden seine Arbeiten von allen geschätzt. Zu eigenwillig und weitab des Mainstream bewegten sich die musikalischen Projekte. Doch seine Obsession für elektronische Musik hat sich über die Jahre gelohnt. Nun endlich fährt er auch offiziell die Ernte des eigenen Tuns ein. Sein neustes Album „Einfluss“ ist bei der renommierten Deutschen Grammophon Gesellschaft (DGG) erschienen, was einem künstlerischen Ritterschlag gleichkommt. Nicht dass Hans-Joachim Roedelius diese Ehrung irgendwann gebraucht hätte. Es ist aber die Anerkennung für sein einzigartiges Wirken, das nun mit Sicherheit deutlicher in den Fokus der musikalischer Betrachtungsweisen gerät.
„Einfluss“ beinhaltet neunzehn Songs, die von ihrem ruhigen, klug ausbalancierten Dahingleiten leben. Roedelius hat sich für diese Aufnahme mit dem drei Jahrzehnte jüngeren Arnold Kasar zusammengetan. Kaser bewegt sich musikalisch zwischen elektronischer Tanzmusik und Jazz und erweitert mit seinen Erfahrungen Roedelius eigenes Klangspektrum, dass sich stärker an Ambient- und Minimalsounds orientiert. Es sind spielerische Impressionen, überwiegend an Synthesizer und Klavier eingespielt, deren stille Höhepunkte im Grunde der Fluss sind, mit der sich die Musik voranbewegt. Statt solistischer Ausrufezeichen füllen Roedelius und Kasers Sounds die Räume, bieten die Klänge stilistische Unschärfen, kommen die melodischen Ansätze fragmentarischen Fundstücken gleich. Das Rudimentäre an dieser Musik schafft neue Horizonte. Das Ziel eines Songs ist dessen Reise selbst. Hier werden keine Höhepunkte angestrebt, sondern eine Balance zwischen Raum und Zeit geschaffen. Und ein Großteil dieses übrigens auch als Vinyl veröffentlichten Albums ist zudem noch wunderschön.
Jörg Konrad

Hans-Joachim Roedelius & Arnold Kasar
„Einfluss“
Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG)
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Foto: Julien Bourgeois
Freitag 16.06.2017
Fredda „Land“ Le Pop Music
Frédérique Dastrevigne, seit fünf Alben unter dem Kürzel Fredda bekannt, vollbringt auf ihrer neuesten Veröffentlichung „Land“ das Kunststück, Kulturen miteinander zu verbinden – ohne dass der inflationär gebrauchte Terminus Worldmusic das musikalische Ergebnis belastet. Die Französin, mit ihren Chansons hörbar in der Tradition Francoise Hardy`s stehend, geht, was die Inhalte ihrer Songs betrifft, weit über die introvertierte Betrachtung ihres Seelenlebens hinaus. Fredda widmet sich aktuellen, auch weltpolitischen Themen und schafft sich ein vollkommen eigenständiges Territorium, in dem sie all ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Haltungen zum Ausdruck bringt. Sie erzählt Geschichten von Menschen, die sich nach Flucht und Vertreibung neu orientieren, von Neuanfängen und ihren Widrigkeiten, von Exil und Exodus. Musikalisch garniert die heute in Paris lebende Sängerin diese Inhalte mit mexikanischen Mariachi-Trompeten, es gibt nordamerikanische Folk-Einflüsse und selbst japanische Gedichtformen und Gemälde nutzt sie als Inspirationsquelle. All diese Verschiedenartigkeiten bringt Fredda als eine lebenszugewandte Bereicherung in losgelöster Unbeschwertheit zusammen. Die zwölf Songs auf „Land“ beeindrucken durch ihre Ruhe und ansteckende Gelassenheit und ihr kosntruktives Klima. So klingt die Poesie des Alltags, die ebenso charmant daherkommt, wie sie zugleich eine gewisse Eleganz ausstrahlt. Musik eben, für jede Tages- und Nachtzeit.
KultKomplott
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Montag 05.06.2017
Avi Avital & Omer Avital „Avital Meets Avital“ Deutsche Grammophon
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Ihre beider Biographien sind ebenso unterschiedlich, wie sie auch miteinander verschlungen und ineinander verzahnt sind. Doch auf ihrem ersten gemeinsamen Album finden Avi Avital und Omer Avital spielerisch eine Einheit, kreieren beide eine gemeinsame Klangsprache, angelegt zwischen Orient und Okzident, die tief berührt und zugleich für Momente überschäumender Freude sorgt. Durch die einfache Überwindung von Grenzen - sowohl geographischer, als auch stilistischer Art.
Hier finden zwei Instrumentalisten mit sehr ähnlichem familiären Background zusammen, die einst musikalisch völlig unterschiedliche Wege gingen. Mit ihren marokkanischen Wurzeln sind sie beide in Israel aufgewachsen. Der eine von ihnen spielt Mandoline, studierte Klassik und zog nach Berlin. Der andere spielt Bass, studierte Jazz und lebt in New York.
Warum also nicht, all den strengen Sittenwächtern des Musik-Buiseness zum Trotz, ihre Erfahrungen und Einflüsse zusammenbringen? Das westliche know how der Klassik und des Jazz mit den tradierten Spielweisen ihrer Heimat?
Im Grunde ist das Ergebnis ihres Tuns völlig einleuchtend. Denn wenn sich die Welt verändert, wird sich zwangsläufig auch deren Musik verändern. Das Denken in alten, einengenden Vorstellungen wird aufgebrochen werden. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Musik der Vergangenheit ihre Gültigkeit verliert. Aber so, wie sich die alltäglichen Grenzen des Lebens verschieben, ist es nur legitim, dass sich dies auch musikalisch widerspiegelt. Die Welt scheint kleiner zu werden, die Menschen und damit die Kulturen rücken näher aneinander. Und dieses Faktum wird auf „Avital Meets Avital“ hör- und spürbar. Marokkanische Rhythmen und israelische Harmonie, klassische Stringenz und improvisatorische Freiheit können, wie im vorliegenden Fall, inspirierend aufeinander wirken. Ja, sich auf kongeniale Weise ergänzen. Avi Avital und Omer Avital erschließen gegenseitig neue Räume und Möglichkeiten, finden zu neuen Facetten ihres bisherigen musikalischen Ausdrucks. Temperamentvoll und melancholisch, klar strukturiert und leidenschaftlich virtuos. Hier wächst musikalisch zusammen, was zusammen gehört.
Jörg Konrad
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Montag 29.05.2017
Jamie Saft Trio feat. Iggy Pop „Loneliness Road“ RareNoise
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© Scott Irvine
Was für eine Besetzung! Auf diesem Album treffen sich nicht nur Generationen von Instrumentalisten, sondern auch Persönlichkeiten ganz unterschiedlicher stilistischer Provinience. Jamie Saft (1971), der New Yorker Klavier- und Orgelspieler ohne Vorurteile, hat mit „Loenliness Road“ einen Geniestreich gelandet. Einerseits beinhaltet dieses Album lupenreine Jazzaufnahmen, wie sie in Safts Karriere bisher nicht unbedingt alltäglich waren. Er gehörte in der Vergangenheit ebenso zum Dunstkreis des Erfinders der „Radical Jewish Culture“ John Zorn, wie er auch mit den Beastie Boys, den B-52`s, den Bad Brains oder dem Minimalisten John Adams gearbeitet hat.
Hier steht er nun im Rampenlicht mit der legendären E-Bass-Legende Steve Swallow (1940) und dem New Yorker Schlagzeug-Wunder Bobby Previte (1951). Nicht nur, dass sich dieses Trio im Juni 2016 im New Yorker Hudson Valley in berückender Form befand. Seine inspirierende, erfrischende Spielweise überstrahlt an coolem Glanz allein schon einen Großteil der momentanen Veröffentlichungen. Man spürt bei allen dreien diese diskrete Besessenheit, eine subtile Fabulierkunst, die nicht in schwindelerregender, erschlagender Virtuosität gipfelt.
Saft ist zudem ein Kunststück gelungen, in dem er das Enfant terrible des Punkrock, Iggy Pop (1947) für diese Session gewinnen konnte. Aber das eigentlich sensationelle an „LoenlinessRoad“ ist, wie Pop sich selbst in diesen für ihn selten zu findenden Kontext einbringt, wie er ein Teil dieser coltranesken Spiritualität ausfüllt, ja zum Träger einer Botschaft wird, deren Haltung allein überzeugt. Wie er knurrt - einfach göttlich. Anlässlich seines 60. Geburtstages vor zehn Jahren schrieb Nicole Bolz: „Er robbte nackt durch Glassplitter, schmierte sich mit Erdnussbutter voll und taumelte blutend von der Bühne, während sich die Musiker zum Rückkopplungsgeheul an die Verstärker lehnten“, einzig weil ihn nur Schmerzen aus der Langeweile befreien konnten.
Von dieser Grundhaltung scheint der im Grunde seines Herzens jazzverliebte Iggy Pop, zumindest auf diesem Album, meilenweit entfernt. Hier ist einzig seine Erfahrung, sind seine brodelnden Lebenskrisen als kreativer Ausdruck zu spüren. Er katalysiert sie in eine Richtung, die zwar manches flegelhafte erahnen, aber letztendlich doch kreatives Potenzial spüren lässt. „Er hat uns den ersten Versuch jeden Tunes zugeschickt“, erzählt Jamie Saft über den Gesangspart von Iggy Pop auf „Loneliness Road“. „Er erzählte, er hat weder ein Notenpult noch ein Textplatt gebraucht. Als es soweit war, kamen die Texte einfach aus ihm herausgeschossen.“
Und das Ergebnis: Welch eine Musik!
Jörg Konrad
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