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Inhaltsverzeichnis
Elina Duni „Partir“

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OHRENGLÜCK 42: Esbjörn Svensson Trio "Live In London"

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Malte Vief „Kammer“

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Klassiker des Jazz neu aufgelegt (1): Charles Mingus & Thelonious Monk

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Jo Strauss „Der blinde Fleck“

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Pianoforte 8: Brad Mehldau / Makiko Hirabayashi / Martial Solal

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Dienstag 15.05.2018
Elina Duni „Partir“
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Zwölf Songs in neun Sprachen befinden sich auf dem neuen Album von Elina Duni. „Mir war wichtig, dass die Lieder aus verschiedenen Sprachregionen stammen, damit wir erkennen, dass uns vielmehr verbindet, als uns trennt“, bekannte die aus Albanien stammende und heute in Zürich lebende Sängerin in einem Interview. Sie selbst hat in ihrem Leben viel Verzweiflung und Not gesehen und erlebt und weiß, dass es mehr gibt und dass es um weit mehr geht, als um die geographische Verwurzelung eines Menschen. Die Emotionen, die Schmerz und Leid auslösen, gleichen sich über die Ländergrenzen hinweg. Und auch die Hoffnung, der Wille zur Überwindung von Bedrängnis und Trauer ist grundsätzlich und Kulturen verbindend ausgeprägt.
So fügt die Sängerin auf „Partir“ traditionelle Lieder aus Albanien, dem Kosovo, aus Mazedonien, aus Armenien, Andalusien, einem Volkslied aus der Schweiz, einem Chanson von Jacques Brel zu einer wunderbaren, harmonischen Einheit. Musik verbindet, sagt Elina Duni und damit gehen bei ihr die unterschiedlichen Kulturen wie selbstverständlich Hand in Hand. Innerhalb einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint und in der Nationalisten und ihre Ideen an Zulauf gewinnen.
Die 37jährige findet stimmlich genau den Punkt, der Sorge und Zuversicht vereint, der Ausdruck einer melancholisch beseelten Menschlichkeit ist. Ihr unprätentiöser Gesang, die schmalen Arrangements der Songs, die sparsame Begleitung auf Gitarre, Piano und Perkussion verströmen eine berückende Intimität, die in ihrer Nachdenklichkeit gefangen nimmt. Bei ihr gilt es Grenzen zu überwinden, um die Schönheit der Poesie zu kämpfen, Authentizität und Respekt auszuleben. So wird jeder ihrer Songs zu einem überzeugenden Rezital, zu einer tiefgründigen Hommage aufrichtiger Menschlichkeit.
Jörg Konrad  
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 09.05.2018
OHRENGLÜCK 42: Esbjörn Svensson Trio "Live In London"
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Mit dieser Band begann eine neue Ära. Das Esbjörn Svensson Trio, kurz „e.s.t.“, machte ums Jahr 2000 die Klaviertrio-Besetzung des Jazz zum genreübergreifenden Universalformat. Dieser Sound war zwar ein Jazzsound, und es wurde so viel improvisiert, wie im Jazz eben improvisiert wird. Aber zugleich hatten die drei Schweden den Push einer Rockband, diesen rauschhaften Sog, zudem Elemente von Drone, Pop und Elektronik. „Sie sind ein Jazztrio, aber ich kann Freunde, die keinen Jazz hören, ebenfalls mitnehmen ins Konzert“, sagte der Sänger Jamie Cullum. 2006 zierten die Gesichter von Svensson, Berglund und Öström die Titelseite der amerikanischen Jazzbibel „Downbeat“ – als erste europäische Jazzmusiker überhaupt. „Europe Invades!“, so lautete die Schlagzeile. Man konnte damals gelegentlich lesen, der Jazz habe seine Heimat nun nach Europa verlegt, dort entstehe überhaupt die spannendere Musik. Svensson & Co. waren die Stars der Jazzwelt – ein Klaviertrio, das sich in den Charts zwischen Teenie-Pop und Disco-HipHop platzieren konnte.

Eines der Gastspiele, die das Trio an den Gipfel seiner Popularität beförderten, fand im Mai 2005 im Londoner Kulturzentrum Barbican statt. „Wir verstanden uns stets als Liveband“, sagt der Schlagzeuger Magnus Öström. Zu Recht, denn live funktionierte die Sogkraft dieser Musik am allerbesten. Im Konzert kann das Trio sein Publikum hypnotisieren mit seiner sich langsam steigernden Dynamik, kann es hinwegreißen in einem kraftvollen Strom, mitnehmen zum großen Höhepunkt und wieder abfangen auf einem leiseren Level. Nicht die langsamen Balladen sind es, sondern die ekstatischen Groovestücke, die bei e.s.t. im Konzert zu Riesen werden und gegenüber der Studioversion in der Länge um 20 Prozent oder mehr anwachsen. Auf ganz ähnliche Weise begann 30 Jahre vorher der Klaviersolist Keith Jarrett seine Zuhörer zu fesseln – Svensson war ihm auch stilistisch verpflichtet.

Das 2-CD-Album „e.s.t. Live In London“ kommt nun zehn Jahre nach Esbjörn Svenssons Tod auf den Markt. Wir hören zehn sehr lebendige Stücke aus dem Programm der Alben „Viaticum“, „Strange Place For Snow“ und „Seven Days Of Falling“. Mit „Live In Hamburg“, das nur 18 Monate später aufgenommen wurde, gibt es nur eine einzige Überschneidung im Repertoire: Der Publikumsrenner „Behind The Yashmak“ fiel in London noch um zwei Minuten länger aus. Viele Bands heute berufen sich auf das Esbjörn Svensson Trio und die neue Ära, die damals begann. Aber die innere Kraft des Originals ist kaum zu kopieren. Diese Aufnahmen vibrieren vor Fantasie und Spielfreude, Vitalität und Leichtigkeit zugleich – und einem erstaunlich starken Jazz-Spirit.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

e.s.t. Live In London
Esbjörn Svensson (Klavier), Dan Berglund (Bass), Magnus Öström (Schlagzeug)
ACT Music
Autor: Siehe Artikel
Samstag 05.05.2018
Malte Vief „Kammer“
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Interessant wird Musik besonders dann, wenn sie Erwartungen übertrifft und Vorstellungen sprengt. Wenn neue und vor allem individuelle Wege in der Umsetzung von klanglichen Ideen zu erkennen sind. Und wenn die Musik auch inhaltlich Aussagen trifft, Geschichten erzählt, Brüche aufzeigt, oder Widersprüche auflöst. Zum Glück gibt es sie immer wieder, diese Momente des überrascht Werdens, diese Erweiterung eingefahrener Schemen. Das Album „Kammer“ von Malte Vief ist bestes Beispiel für diese Besonderheit. Der heute in Leipzig lebende Gitarrist arbeitet schon seit Jahren an einer Verschmelzung von kraftvollen (Rock-) Akkorden und der Hinwendung zu sensibler Kammermusik. Sein Bandname (der zugleich auch der Titel seines eigenen Labels ist) lautet sinnigerweise HeavyClassic. Ein Trio, zu dem neben Malte Vief noch Jochen Roß (Mandoline) und Matthias Hübner (Cello) gehören. Alle drei bringen auf „Kammer“ eine stimmige Balance zwischen den Stilen zum Ausdruck. Eine Balance zwischen Virtuosität und Sinnlichkeit, zwischen Haltung und einem Sich-Treiben-Lassen. Diese Art des Musizierens mag man gleichwohl Crossover nennen. Doch die knapp vierzig Minuten dieser Veröffentlichung haben nur wenig mit diesem phrasenhaften, eigentlich aussagearmen Begriff zu tun. Viel zu persönlich gerät die vorliegende Musik. Hier wird nichts verwaltet, weder Heavy Matell, noch Klassik. Vief sucht nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks, beide Welten, die zu seiner Persönlichkeit gehören, miteinander zu verbinden und dies zu vermitteln. Und da ihm diese Herangehensweise ein inneres Anliegen ist, bekommt die Musik auch Tiefe und eine gewisse Beseeltheit – weitab jedes gefälligen Musikantentums.
Trotzdem ist vieles, was das Trio hier spielt eingängig, auch ideen- und fantasiereich. Selbst in den ruhigeren Momenten ist eine aufreizende Intensität zu spüren, ereignet sich musikalisch viel, differenziert wie komplex. Musik mit Strahlkraft die verbindet.
Jörg Konrad

Malte Vief
„Kammer“
heavyclassic

Zu beziehen:
http://www.heavyclassic.de/de/cds-noten.php
Autor: Siehe Artikel
Montag 09.04.2018
Klassiker des Jazz neu aufgelegt (1): Charles Mingus & Thelonious Monk
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Sie beide, Charles Mingus und Thelonious Monk, haben im Jazz musikalische Maßstäbe gesetzt, die bis heute ihre Gültigkeit behalten haben. Sie waren es, neben einer Handvoll Gleichgesinnter, die die Weichen in die Zukunft dieser Musik neu gestellt haben. Dabei war ihr jeweiliges Leben angefüllt mit Missverständnissen, (rassistischen) Erniedrigungen, vielen tragischen Momenten und finanziellen Misserfolgen.
Der eine, Bassist Mingus, war zudem für sein aufbrausendes Temperament berüchtigt. Seine Musik musste nach seinen Vorstellungen aus dem Stegreif möglichst explodieren und es soll schon vorgekommen sein, dass er seine Solisten körperlich bedrohte, um sie künstlerisch zu fordern.
Pianist Monk hielt sich aufgrund seines labilen Gesundheitszustandes immer wieder in Sanatorien auf. Er wirkte, trotz seines kantigen wie genialen Klavierstils, bei Konzerten mental häufig abwesend. Oft stand er während des Sets einfach auf, tanzte um sein Instrument herum, führte Selbstgespräche, schien zu halluzinieren. Der Übergang zwischen Genie und Wahnsinn schien bei beiden nur ein schmaler Grad zu sein.  

Als Charles Mingus im Januar 1956 ins Studio ging, um für die große Plattenfirma AtlanticPithecantropus Erectus“ einzuspielen, war dies eine Art Wendepunkt in seiner bisherigen Karriere. Denn hier zeigte er zum ersten Mal sein ganzes kompositorisches Können, bzw. seine Herangehensweise, ein Stück nicht vollständig zu notieren, sondern seinen Mitmusikern eine Art abgesprochenes „Gerüst“ anzubieten. Sie sollten ihre eigene, ganz individuelle Spielweise in die Interpretation einfließen lassen, so dass die jeweilige Komposition von ganz unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen „getragen“ wird. Dadurch änderte sich bei wiederholten Einspielungen und Konzerten entsprechend der Besetzung die Atmosphäre eines Stückes enorm. Somit spielt neben der Kompositionstechnik auch das Arrangement und die Handhabung der Gruppendynamik innerhalb des kollektiven Improvisationsprozess eine zentrale Rolle.
Entsprechend akribisch suchte Mingus sich seine Solisten aus. In diesem Fall sind es der Altsaxophonist Jackie McLean und der Tenorsaxophonist J.R. Monterose. Besonders McLean hatte Mingus ins Herz geschlossen. Sein schneidendes, aggressiv wirkendes Spiel, seine Risikobereitschaft lagen ganz im Sinne des Leaders. Dieser drängte McLean auf „Pithecanthropus Erectus“ dann zu extremen Tonhöhen, die diese Einspielung regelrecht charakterisieren. Mit dem Pianisten Mal Waldron und Schlagzeuger Willie Jones hatte der Bassist zudem ein sturmerprobtes Rhythmusgespann, das die Räume für Improvisationen schuf, zwischenzeitlich selbst die Kontakte untereinander auflöste, um sie anschließend wieder zu verdichten und damit der Musik einen sehr freien Impuls gab.
Bei der knapp elfminütigen Titelkomposition „Pithecanthropus Erectus“, handelt es sich um ein „Tongedicht über Aufstieg und Fall des Menschen“, also die Entwicklungsstufen des Menschseins, dem seine Überheblichkeit (als das Ergebnis des aufrechten Ganges) zum Verhängnis wird.

Sechs Jahre später, im November 1962, ging Thelonious Monk mit seinem Quartett erstmals für Columbia ins Studio. Was heißt schon Studio. Es handelte sich um eine säkularisierte Kirche in der New Yorker Third Avenue, in der aufgrund der außergewöhnlichen Akustik einige bedeutende Musikaufnahmen entstanden. Monk hatte zuvor schon für Blue Note, Prestige und Riverside aufgenommen, spielte in der Band von Miles Davis, John Coltrane und Sonny Rollins und galt als Enfant Terrible der Szene. Trotz allem dauerte es eine relativ lange Zeit, bis das Genialische seines Klavierstils und seiner Kompositionstechnik erkannt wurde. Monk ist im engen Sinn kein Virtuose. Seine Kunst liegt in der Reduzierung, in der Andeutung, in seinen harten Akkordstrukturen, die in Asymetrie wie aus der Zeit gefallen scheinen. Er schuf „ … eine neue, faszinierende musikalische Raum- und Zeitdialektik“, wie ihn der Kritiker Andre Hodeir analysierte.
Zu seinem Quartett von 1962 gehörte der Saxophonist Charlie Rouse, Bassist John Ore und Schlagzeuger Frankie Dunlop. Keiner seiner Mitmusiker wird hier allein von seinem Ego geleitet. Sie folgen auf "Monk`s Dream" dem Pianisten und seinen seinen Ideen, unterstützen ihn rhythmisch fließend, oder nehmen seine Themen mit großer Empathie auf und entwickeln sie in seinem Sinne weiter.
Wie wichtig die Jazzgeschichte ganz allgemein für Monk war, zeigen seine Verweise auf den Dixieland-Dauerbrenner „Sweet Georgia Brown“ (in der Komposition „Bright Mississippi“) oder in dem Boogie-Verweis im Intro der Komposition „Bolivar Blues“. Ja selbst Hits wie „Just A Gigolo“ nimmt sich der Pianist vor und macht daraus – natürlich, einen typischen Monk.
Er wurde, nicht zuletzt dank seines neuen Plattenlabels, zu einer Art Superstar im Jazz. Seine Kompositionen wurden gespielt, seine Alben wurden gekauft, er führte die damaligen Polls als bester Pianist an. Als er 1972 urplötzlich mit Spielen aufhörte, geriet er fast in Vergessenheit – bis zu seinem Tod zehn Jahre später. Dieser wurde zum Anlass, Thelonious Monk neu zu entdecken. Seine zeitlosen Kompositionen, allen voran „Round Midnight“, „Ruby My Dear“, „Well You Needn`t“ aber auch das hier vorliegende „Monk`s Dream“, füllten damals die Alben angesagter Instrumentalisten und Newcomer des Jazz. Bis heute hat sich daran nichts geändert.
Jörg Konrad

Charles Mingus
„Pithecanthropus Erectus“
(remastered) (180g) (Limited-Edition) (+1 Bonustrack) LP
PanAm Records

Thelonious Monk Quartet
„Monk`s Dream“
(180g) (Limited-Edition) (+ 1 Bonustrack) (Colored Vinyl)
Waxtime Records
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Dienstag 03.04.2018
Jo Strauss „Der blinde Fleck“
Musikalisch ist Österreich immer wieder für eine Entdeckung gut. Aber muss denn Jo Strauss überhaupt noch entdeckt werden? Immerhin hat er schon vor dreieinhalb Jahren den Kabarettpreis „Das Scharfrichterbeil“ erhalten. Und diese Auszeichnung wird bekanntlich in Passau verliehen und ist so etwas wie die Eintrittskarte in den (zumindest deutschen) Kabarett-Olymp. 
Aber der Österreicher ist auch auf seinem neuen Album „Der blinde Fleck“ weit mehr als einer dieser ewig in den offenen Wunden der Gesellschaft wühlenden und misanthropisch nörgelnden Kleinkunst-Vertreter, die für eine Pointe zum Verräter werden. Strauss hingegen ist ein begnadeter Musiker, ist Komponist und Lebensphilosoph. Ein Künstler, der den Nerv der Zeit, die liebevollen Macken des Individuums, die absurd-komische Besserwisserei ganzer Landstriche ins Zentrum seiner Lieder stellt. Und die wollen so gar nicht in die saturierte Selbstzufriedenheit mancher Lästermäuler heutiger Prägung passen.
Strauss begleitet die allenthalben anzutreffende Weltuntergangsstimmung musikalisch. Er spielt ihr ein Ständchen, versteht sich in diesem Szenario aber eher als distanzierter Beobachter, der mit Humor, Weisheit und einem Schuss Sarkasmus auch die privatesten Hiobsbotschaften kommentiert. So sind bei ihm neben bitterbösen, provokanten Folk-Monologen auch zum Heulen schöne Balladen zu hören, die er in österreichischer Mundart raunzt (keine Angst, Text liegt bei). Bei ihm sind die Niederlagen des Lebens in den besten Händen. Ein lebendiger Gegenentwurf zu allen Philistern und Spießbürgern. Endlich ein morbider Heiliger, über den der Falter schrieb: „Tom Waits trifft Helmut Qualtinger trifft Ludwig Hirsch“.
Jörg Konrad

Jo Strauss ist übermorgen, am 5. April zu Gast im Münchner Vereinheim in der Occamstr. 8.
Beginn des Konzerts: 19.30 Uhr

Jo Strauss
„Der blinde Fleck“
Donnerwetter Musik
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Donnerstag 29.03.2018
Pianoforte 8: Brad Mehldau / Makiko Hirabayashi / Martial Solal
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Jazz ist grenzenlos. Er macht weder vor geographischen Barrieren halt, noch ist er vor stilistischen Übergriffen, egal welcher Strömung, sicher. Aber genau diese Art der gelebten, oder sagen wir besser gespielten Toleranz, ist einer der Gründe, die für seine Lebendigkeit steht. Die drei folgenden Alben legen hierfür Zeugnis ab. 
Da wäre zum Beispiel Brad Mehldau. 1993 veröffentlichte der Amerikaner seine ersten Aufnahmen unter eigenem Namen und wurde schon damals als pianistisches Jahrhunderttalent gehandelt. Seitdem hat er über dreißig Alben eingespielt und füllt mit Leichtigkeit auf seinen weltweiten Tourneen die klassischen Kulturtempel aller Kontinente. Mal im Trio, mal im Quartett, natürlich als Solist oder auch in Begleitung der schwedischen Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter. Unablässig versucht Mehldau die Trennungslinien zwischen Komposition und Improvisation neu zu vermessen, hebt sie gänzlich auf, oder wirkt erneuernd bzw. inspirierend auf die eine oder andere Spielweise ein. Doch selten so konsequent, wie jetzt auf „After Bach“. Zum einen interpretiert er hier meisterlich vier Präludien und eine Fuge aus "Das Wohltemperierte Klavier" von Johann Sebastian Bach. Er nimmt sich diesen originalen Kompositionen in einer Mehldau typischen Weise an, setzt neben aller Strenge der Vorlagen auf das spielerische Element in seiner Auslegung. Er wirkt im Umgang mit dem Material schlafwandlerisch sicher und doch ist das Abenteuer der Herausforderung in seinem „längeren Atem“ bei der Umsetzung der Bachschen Motive zu spüren. Hinzu kommen einige Mehldau-Kompositionen, in denen er sich auf Bach bezieht. Es sind verspielte Romantismen, denen ein leichter Brückenschlag zum großen Bill Evans eigen ist und mit einer intellektuellen Einfärbung, die  mehr durch Emotionen, als durch Technik besticht. Er renoviert, wenn man so will, Johann Sebastian Bach von innen und von außen. Mit feinen Schattierungen und tänzerischer Eleganz.

Makiko Hirabayashi ist in Japan geboren, hat in den USA Musik studiert und lebt seit nunmehr fast drei Jahrzehnten in Kopenhagen. Vom Fernen Osten in den Hohen Norden – zumindest von uns Mitteleuropäern aus gesehen. Natürlich kommt auch sie von der Klassik, hat sich aber um die Jahrtausendwende endgültig für den modernen Jazz entschieden. Sie gründete in Dänemark ihr bis heute bestehendes Trio mit Bassist Klavs Hovman und dessen Ehefrau und Schlagwerkerin Marilyn Mazur. Alle drei Instrumentalisten beeindrucken seitdem durch ein Höchstmaß an Sensibilität und Empathie. Sie verbindet die gleiche Leidenschaft für Musik und sie lassen so allen Eindrücken,  denen sie auf ihren Reisen und Engagements begegneten, freien Lauf. Die Spannung auf „Where The Sea Breaks“ liegt in den vielen kleinen Nuancen, die die Musiker ständig austauschen. Durchdacht sind die kleinen, aber ausdrucksstarken Ideen, die letztendlich in einer destillierten Sehnsucht enden. Das hier ist aber kein Kammertrio, sondern ein im Grunde radikal-demokratischer Verbund, der von der stillen Interaktion der Kulturen lebt. Als Gast haben sich die Drei für einige Aufnahmen den Trompeter und Flügelhornspieler Jakob Buchanan ins Studio geholt. So bekommt die Musik noch eine zusätzliche Klangfarbe, erhalten die jeweiligen Themen eine strahlendere, klarere Stimme. Ohne das dabei die Introvertiertheit der Ästhetik verloren ginge.

Einer der ganz großen europäischen Klavierspieler im Jazz ist Martial Solal. Der Franzose hat im Laufe seines langen Lebens, er konnte im letzten Jahr seinen 90. Geburtstag begehen, in allen nur erdenklichen Besetzungen gespielt. Kein geringerer als Duke Ellington lobte ihn anlässlich seines US-Debüts 1963 in Newport für „Einfühlungsvermögen, Fantasie und eine erstaunliche Technik“. Trotzdem ist sein Markenzeichen bis heute ein feines, sympathisches Understatement, das er in seiner Karriere, trotz hoher Spielkultur, nie ganz abgelegt hat. Um so erfreulicher, dass ihm eine Folge der Reihe „Europen Jazz Legens“ des Jazzlabels Intuition gewidmet ist. „My One And Only Love“ wurde im November des letzten Jahres in Gütersloh aufgenommen. Über siebzig Minuten Martial Solal pur enthält das Album. Es ist eine Reise durch die Geschichte des Jazz geworden, angereichert mit wunderbar interpretierten Standards, mit einer Komposition von Solal selbst, einer Interpretation des 3. Satzes der Sonate Nr. 11 A-Dur KV 331 von Wolfgang Amadeus Mozart, auch als „Türkischen Marsch“ bekannt, und dem Kanon-Klassiker alter Kinderstube „Frére Jacques“, hier „Sir Jack“ genannt. Der aus Algier stammende Pianist weiß um die Kunst des Weglassens, um die Jazz-Weisheit des selbstbewussten Andeutens. Diese Souveränität paart er mit der verschachtelten Intelligenz eines Schachspielers. Er weiß mit „Hacken und Ösen“ umzugehen, sie pianistisch zu platzieren, er weiß, wie man improvisatorische Geradlinigkeit abkürzt, oder am Instrument Funken schlägt. Für ihn ist es alles andere als ein Problem, aus Kindermelodien groteske Irrfahrten werden zu lassen. Das Klavier ist seine angestammte Heimat, sein Jungbrunnen, in den er auf „My One And Only Love“ fintenreich eintaucht, um sich und sein Publikum zu beglücken.
Jörg Konrad

Brad Mehldau „After Bach“ (Nonesuch)
Makiko Hirabayashi Trio „Where The Sea Breaks“ (Yellowbird)
Martial Solal „My One And Only Love“ (Intuition)
Autor: Siehe Artikel
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