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Musik
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Inhaltsverzeichnis
Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt

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Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde

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OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch

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Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan

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Max Merseny „World Traveller“ Enja Records

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OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"

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Samstag 05.08.2017
Chris Speed „Platinum On Tap“ Intakt
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Chris Speed ist, was seinen Umgang mit Traditionen und eigenen künstlerischen Ambitionen betrifft, ein inspirierender Freigeist. Eine Persönlichkeit, die die permanente Herausforderung sucht, dabei solistisch brilliert, aber auch innerhalb einer Band musikalisch Großes vollbringt. Man muss nicht die gesamte instrumentale Entwicklung des 1967 in Seattle geborenen Saxophonisten kennen, um seine vorliegende Veröffentlichung „Platinum On Tap“ in ihrer Einmaligkeit zu würdigen. Doch es hilft auf jeden Fall, den gewaltigen Klangkosmos Speeds zu erkennen, von dem aus er so lyrisch reduziert sein kontrolliertes Feuer abbrennt. Diese Musik ist strukturiert, raffiniert, intelligent, sie hat Biss und berührt in einer reizvollen coolness.
Anfangs von der Klassik und später vom klassischen Jazz  inspiriert, hat er sich seit den 1990er Jahren in die verschiedensten Musikströmungen eingebracht. Rock`n Roll und osteuropäische Folklore spielten in seinen Aufnahmen, und denen, die er als Sideman stets aufwertete, eine ebenso richtungsweisende Rolle, wie die Moderne und die elektronische Musik. Hier hat Speed in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder mit außergewöhnlichen Projekten und Auftritten Publikum als auch Kritiker überzeugt.
Mit seinem Trio bezieht er sich nun wieder verstärkt auf den Jazz, wie er ihn einst prägte, und der für ihn eine Art verlässliche Grundlage all seines musikalischen Tuns bedeutet. So stehen auch Lester Young und Coleman Hawkins als schillernde Silhouetten Triumphbögen gleich am hinteren Bühnenrand. Aber Chris Speed imitiert sie nicht und er versucht auch keinen der alten Haudegen zu reanimieren. Sein Spiel vereint die Tradition und die Moderne, beeindruckt in ihrer innigen Freiheit und der melodischen Abgeklärtheit. Trotz der Authenzität und dunkel grundierten Spannung, besticht diese Aufnahme durch einen beinahe meditativen Charakter. Als eine furiose Melancholie könnte man seine Spielweise auch interpretieren. Anspruchsvoll und eingängig in einem.
Daran haben mit Sicherheit auch Bassist Chris Tordini und Schlagzeuger Dave King einen enormen Anteil. Sie halten die Musik im Fluss, geben ihr einen still treibenden, aber unablässig federnden Unterbau. Sie schaffen rhythmische Untiefen und Stromschnellen, begleiten unberechenbar und grooven wie die Teufel. Manchmal unverschämt und provozierend. Und diese Gegensätze geben der Musik eine innere und letztendlich hörbare Lebendigkeit. Im Hier und Jetzt. Und mit Sicherheit auch morgen.
Jörg Konrad
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Freitag 28.07.2017
Mark Kozelek „Night Talks“ Caldo Verde
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Es gibt sie noch, diese ungeschliffenen Diamanten und unbehauenen Edelhölzer in der Musik. Nicht selten hat bei deren Entdeckung der Zufall die Hände mit im Spiel. Denn urplötzlich klingen sie durch Raum und Zeit und es steht die Frage: Wie nur war dieser Klang im Alltagschor zu überhören?
Eine dieser seltenen Ausnahmen ist Mark Kozelek. Ein Magier der Langsamkeit, ein Meister des Understatement – weitab jeder Gefälligkeit. Man muss nicht unbedingt ein Freund von Leonard Cohen sein, um Kozeleks neues Album „Night Talk“ zu lieben. Eine EP, mit nur 5 Songs, die jedoch über Tage, Wochen, vielleicht Monate begleiten kann, deren Traurigkeit stärkt, deren Eigensinn berührt. Musikalisch hat der in San Francisco lebende Sänger und Gitarrist seine eigene Stellung gefunden. Unvergleichbar. Wie die Spannungsbögen seiner Songs. Mit Leichtigkeit dröhnen verzerrte Gitarren in Zeitraffer durch seinen Kosmos. Oder umspielen grazile Mandolinen die sehnsüchtigen Themen. In der Popgeschichte hat er mit seinen Bands Red House Painters und Sun Kil Moon breite und tiefe Spuren hinterlassen. Aber eben abseits der gängigen Wanderwege des Mainstream. Selbst dann, wenn er die ungewöhnlichsten Coverversionen spielt: Von den Beatles (Strawberry Fields), von Yes (Fragile) oder gleich ein ganzes Album mit Songs von AC/DC (What's Next to the Moon). Kozelek betritt auch hier jedesmal Neuland, in seinen besten Momenten klingt er wie eine Mischung aus Nick Drake und Mark Hollis. Dieses verwilderte Areal beackert er seit Jahren, hat es kultiviert, aber immer genügend Freiraum gelassen, damit die schönsten Knospen hörbar blühen.
Nun also „Night Talks“. Ein unbeschreibliches Juwel. Ohne jede Attitüde. Dramaturgie und Anmut liegen in der Einfachheit. Erbarmungslos nüchtern. Noch ist es schwer zu bekommen …..
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 22.07.2017
OHRENGLÜCK 33: Ernst Toch
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Vor dem I. Weltkrieg ehrte man Ernst Toch (1887-1964) mit einem halben Dutzend großer Klassikpreise. Nach vier Soldatenjahren wurde der Komponist dann aber vom experimentellen, unromantischen Abenteuergeist der 1920er Jahre gepackt. Er begann auch für Rundfunk, mechanisches Klavier oder Sprechchor zu schreiben, wurde ein großer Name in den Neue-Musik-Zirkeln von Berlin und Donaueschingen und half mit, die Tonalität auf spannende Weise zu zerfasern. Zwischen 1923 und 1931 entstanden die sieben Klavierwerke dieser CD. Am Stück gehört, bilden sie eine Abfolge von 48 Miniaturen für Solo-Piano – und eine ist virtuoser und fantastischer als die andere. Nur sieben davon gerieten länger als zwei Minuten – es geht also Schlag auf Schlag. In diesen vitalen, fast grotesken Charakterstückchen verbindet sich große rhythmische Kraft mit freier Polyphonie – sehr verblüffend, immer mitreißend, ansteckend frisch. Die Sätze tragen suggestive Titel wie „Der Jongleur“ oder „Junges Kätzchen“, es überwiegen Spielanweisungen wie „lebhaft“ und „lustig“. Aber auch in den leisen und zarten Momenten berührt Tochs befreite Tonalität auf ganz eigentümliche Weise. Der Komponist emigrierte 1933 und arbeitete später in den Filmmusikstudios von Hollywood. Am Ende seines Lebens nannte er sich „den vergessensten Komponisten des 20. Jahrhunderts“. Einen ersten Schritt, daran etwas zu ändern, macht die junge Wiener Pianistin Anna Magdalena Kokits mit diesem Album. Es sei ihr ein „großes Bedürfnis“, Tochs faszinierende und beeindruckende Musik neu zu beleben. Eine Entdeckung, die begeistert.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Ernst Toch
Solo Piano Pieces
Anna Magdalena Kokits (Klavier)
Capriccio
Autor: Siehe Artikel
Sonntag 09.07.2017
Nick Cave & Warren Ellis „OST - Hell Or High Water“ Milan
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Nick Cave ist im Mainstream angekommen - ohne sich angepasst oder gar verbogen zu haben. Vielleicht klingt seine Musik heute nicht mehr ganz so sperrig und ruhelos aufgebracht, wie noch zu Zeiten seiner Band Birthday Party. Aber die Düsternis, der melancholische Zorn eines Außenseiters der Gesellschaft ist ihm bis heute geblieben. Hat sich insofern die Gesellschaft vielleicht verändert? Wahrscheinlich. Oder hätte sich irgendjemand Mitte der 1980er Jahre vorstellen können, dass ein gutes Jahrzehnt später Aufnahmen von Johnny Cash die Hitparaden auch außerhalb Nashvilles stürmen würde?
Schmerz spielt jedenfalls in allem, was Nick Cave ins Musikalische überträgt, eine bestimmende Rolle. Das betrifft auch seine Filmmusik, die der Australier seit einigen Jahren regelmäßig produziert. 2016 erschien der Soundtrack zu „Hell Or High Water“, einem beeindruckenden Neo-Western des Briten David Mackenzie. Der Film erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Brüdern (gespielt von Ben Foster und Chris Pine), die in Texas Fillialen einer Bankkette überfallen, bei der sie mit einer Hypothek hoch verschuldet sind. Verfolgt werden sie dabei von zwei Texas Rangern, dem sich kurz vor dem Ruhestand befindlichen Marcus Hamilton (Jeff Bridges) und seinem indianisch-mexikanischer Partner Alberto Parke (Gil Birmingham).
Nick Cave übersetzt diese so wunderbar unmoralische Geschichte, die sich im obsessivem Zwischenreich von Anarchie und Gesetzesnorm bewegt, in emotional berührende und doch stark archaische Songs. Blues und Country bilden die musikalische Grundlage dieses Soundtracks und verstärken die Bilder von weiten, kahlen, stickig heißen Wüstenlandschaften. Hier zu leben, bedeutet immer auch Überleben. In der Prärie gilt eben noch immer das scheinbar zeitlose Gesetz der Stärke. Und Nick Caves Stimme kommt der eines „Unsinkbaren“, wie ihn Jonathan Lethem einmal beschrieben hat, mal wieder sehr nahe.
Mit dem Engländer Warren Ellis hat Cave einen vertrauten Soundtüftler zur Seite, der es ausgezeichnet versteht, karge Atmosphären hörbar werden zu lassen, ja, gebrochenen Charakteren einen ganz spezifischen Klang zu geben. Es ist eine individuelle, sehr karge Ästhetik, die hier zum Ausdruck kommt. Die von Anti-Helden und überzeugten Outlaws. Und dass Cave und Ellis zusätzlich einige Songs ihrer Favoriten (Townes Van Zandt und Chris Stapleton) mit einbezogen haben, gibt ihrer Arbeit ein zusätzlich positives, uneitles Gewicht.
(Wer auf die Musik zugreift, sollte den Film nicht verpassen)
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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Freitag 30.06.2017
Max Merseny „World Traveller“ Enja Records
Fünf Abende hintereinander wird Max Merseny Anfang September im Münchner Jazzclub Unterfahrt auftreten. Das allein macht deutlich, welchen Stellenwert der Saxophonist mit ungarischen Wurzeln derzeit innehat. Ein Altist, der sich mit seiner seelenvollen, scharf strukturierten Powermusik im Dunstkreis von David Sanborn und Grover Washington bewegt. Was sich schon auf seinem letzten Album andeutete, bringt Merseny auf seinem heute erscheinenden Werk „World Traveller“ zur vollendeten Perfektion. Er lässt in bester R&B- und Hip Hop-Manier die (elektronischen) Bässe wuchtig dröhnen, hat in Federico G. Pena einen Mitmusiker an der Seite, dessen Keyboardharmonien dem Album  eine emotionale Weite geben. Hinzu kommen noch einige exzellente, auch legendäre Gastsolisten, wie zum Beispiel Mr. Wah Wah Watson, ein Monolith unter den Funk- und Soulgitarristen seit den 1960er Jahren, der schon mit den Temptations, Marvin Gaye und Michael Jackson gespielt hat, Schlagzeuger Gene Lake, Sohn des Saxophonisten Oliver Lake und Rapper Phonte.
Merseny hat von seiner Plattenfirma Enja München musikalisch jedenfalls freie Hand bekommen und setzt den rhythmischen grollenden Unterbau dieser Aufnahme gleich selbst. Darüber bläst er seine martialisch-hymnischen Themen, die er ständig variiert und damit die groovende, tanzbare Atmosphäre der Aufnahmen unterstützt. Mag sein, dass die boppenden und swingenden Altfans des Jazz hier nicht so ganz zum Zuge kommen. Merseny ist eben nicht auf der Suche nach dem klassischen Erbe. Er schlägt lieber Brücken, von und zur Tradition, macht auf sie neugierig, erzählt mit seinem vulkanischen Sound eher Kurzgeschichten und zeigt, wie vielseitig der Jazz sein musikalisches Umfeld gestalten kann. Ein gärendes, ein vitales Gebräu, das besonders für eine laue Sommernacht geeignet ist.
Jörg Konrad
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Mittwoch 28.06.2017
OHRENGLÜCK 32: Verneri Pohjola "Pekka"
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Der E-Bassist Pekka Pohjola (1952-2008) war ein Star der finnischen Rockjazz-Szene und ist in seinem Heimatland noch immer Legende. Der Trompeter Verneri Pohjola (geb. 1977) gehört heute zu Finnlands bekanntesten Jazzmusikern und ist Pekkas Sohn – aber er sieht in Pekka nicht unbedingt seinen Vater. Die Eltern wurden geschieden, als Verneri zwei Jahre alt war, und der Sohn hegt noch immer einen stillen Groll gegen den Mann, den er so selten sah. Fast zehn Jahre mussten nach Pekka Pohjolas Tod vergehen, ehe Verneri bereit war, das zu tun, was die finnische Musikszene längst von ihm erwartete: nämlich die Musik seines Vaters zu spielen. Das Album „Pekka“ ist eine hochspannende Angelegenheit und speziell in Finnland ein Ereignis. Der Trompeter nähert sich den Stücken Pekka Pohjolas wie aus weiter Ferne, denn er hat seine eigene, ganz andere musikalische Vision. Man hört zwar elektronische und Fusion-Klänge, Fender Rhodes und E-Gitarre, aber es gibt auch jazzorientierte Improvisationen und experimentellen Raum. Verneri Pohjola sucht nach musikalischen Brückenschlägen, aber ebenso nach Abgrenzungen zu dem Mann, der sein Vater war. Dieser Weg ist, man glaubt es ihm sofort, eine hochemotionale und therapeutische Übung. Manchmal klingt es beinahe, als wolle der Jazztrompeter Miles Davis den Progrocker Frank Zappa in seine Band integrieren. Verneri Pohjola feiert seinen Vater nicht, er korrigiert ihn. Das Album widmete er seiner Mutter, die ihn großgezogen hat.

Hans-Jürgen Schaal
Mehr vom Autor: www.hjs-jazz.de

Verneri Pohjola
Pekka
Edition Records
Autor: Siehe Artikel
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