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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Nathan der Weise – Man möchte es zu gern glauben

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Gröbenzell: Dinis Schemannn – Packende Kontraste

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Landsberg: Magnus Öström - Gnadenlos riskantes Gelände

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Germering: Scott Hamilton – Geschmeidige Coolness

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Landsberg: Der Untertan – Brillante Ensembleleistung

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Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen

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Mittwoch 16.11.2016
Landsberg: Nathan der Weise – Man möchte es zu gern glauben
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Landsberg. Holt uns das Gestern im Laufschritt ein, oder rutschen wir in Zeitraffer in eine längst überwunden geglaubte Vergangenheit zurück? Von wegen, Geschichte würde sich nicht wiederholen! Einmal vollzogen, habe sie ausgelebt – sagt man. Für die Zukunft habe sie ihre eigene Fantasie – sagt man. 
Doch die Realität lehrt uns etwas anderes. Die Zeiten ähneln sich mehr, als vielen lieb ist. Auch nach Jahrhunderten. Lessing war zwar niemals out. Aber so brandaktuell wie heute, war er lange nicht. Und deshalb ist es völlig legitim ihn auf die Bühne zu hieven und neue Generationen von Theatergänger daran zu erinnern: Nicht eine Religion ist wichtig, sondern des Menschen Menschlichkeit. Ein heikles Thema. Ein wichtiges Thema. Das auch heute noch bis ins Mark berührt, manchmal auch erschüttert – und ins Theater lockt. Nach Landsberg zum Beispiel, gestern Abend.
Nathan der Weise“, 1779  veröffentlicht, ohne jemals Staub anzusetzen. Die Handlung, zur Zeit des Dritten Kreuzzuges angelegt, spielt in Jerusalem, dem religiösem Zentrum der Christen, Juden und Muslime. Die Menschen scheinen unversöhnlich, sind ein Produkt der jeweiligen Weltanschauung, nicht selten stur dogmatisch kämpfend, sich gegenseitig brandschatzend und dabei auch mal tötend. Doch sind bei Lessing das sittlich Gute und die Liebe stärker und überbrücken jede Feindschaft. Es siegen am Ende Humanität und Toleranz.
Christoph Ross hat für das Landestheater Tübingen das Stück voller Anspielungen gekonnt in Szene gesetzt. Die agierenden Figuren sind Personen in Straßenkluft. Hier ein Turban, dort eine Kippa, ansonsten pure Gegenwart. Patrick Schnicke gibt auf der sparsam dekorierten Bühne (Anne Hölck) den nachdenklichen, aber doch sehr emotionalen Nathan. Kein grüblerischer, pathetischer Philosoph. Stattdessen ein Mensch wie ein Nachbar, im Hier und Jetzt. Mit Stärken und mit Schwächen. Immer spürbar. Wie überhaupt die Figuren wenig überzeichnet wirken. Man treibt miteinander Handel, intrigiert auch hin und wieder, tanzt spitzfindig ums Geld, dem goldenen Kalb und ist doch eigentlich Opfer einer sittengeschwängerten Obrigkeit. Hier in Person des Patriarchen von Jerusalem, von Gotthard Sinn in einem kurzen Auftritt bärenstark vermittelt.
Die einstigen Religionskriege bekommen ihren Zeitbezug, in dem die Figuren immer wieder aus ihren Rollen heraustreten und fremdenfeindliche Sprechchöre skandieren, aufgeschnappt vom Mob der Straße, zwischen Dresden und München. Selbstsüchtig und wohlstandsorientiert bis zur ohrenbetäubenden Kakophonie.
Am Ende geht das Stück dann gut aus. Dabei ganz dem Autor Lessing verpflichtend, dem Aufklärer und Moralisten. Die Liebenden kommen zueinander, das schier undurchdringliche Beziehungsgeflecht scheint geordnet. Schöne heile Welt? Man möchte es nur zu gern glauben.
viktor b
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Fotos: Vuk Latinović
Sonntag 13.11.2016
Gröbenzell: Dinis Schemannn – Packende Kontraste
Gröbenzell. Sie ist eines der bekanntesten, beliebtesten und (von manchen Pianisten) gefürchtetsten Klavierstücke Ludwig van Beethovens. Eine Komposition voller technischer Fallstricke und emotionaler Kraft. Dabei hat die „Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll op. 57“ ihren Namen „Appassionata“ (Die Leidenschaftliche) erst 34 Jahre nach ihrer Entstehung um 1804 erhalten. Da war Beethoven schon elf Jahre tot.
Aber natürlich passt die Bezeichnung sehr wohl, auch wenn es manch andere Kompositionen Beethovens gibt, die ähnliche Benennung verdienten. Am gestrigen Samstag interpretierte in der Gröbenzeller Konzertreihe nun der „Hausherr“ Dinis Schemann dieses temperamentvolle Stück mit großer Hingabe und in virtuoser Bravour. Aber zuvor gab es noch Beethovens „Sonate Nr. 5 in c-Moll op. 10/1“ und Franz Schuberts „Vier Impromptus op. 90“.
Alle Stücke des Abends entstanden in Wien, obwohl sich trotz der relativen zeitlichen Nähe Beethoven und Schubert wohl nie persönlich begegnet sind. Zwar wurde die Kaiserstadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von den Truppen Napoleons zweimal eingenommen. Trotzdem war Wien zu jener Zeit eine für die Künste pulsierende Metropole. Hier lebten und trafen viele große Musiker aufeinander, hier gab es Musikverlage und es gründeten sich einige Musikinstrumentenfabriken, es wurden Opern aufgeführt und entsprechend waren Musik- und Tanzveranstaltungen groß in Mode. In diesem Schmelztiegel der Kulturen lebte Beethoven schon eine Weile, als er zwischen 1796 und 1798 die „kleine“ Sonate Nr. 5 schrieb. Gewidmet war sie der Gräfin Anna Margarete von Browne, einer Dame aus der „feinen Wiener Gesellschaft“, mit der Beethoven häufig verkehrte. Es ist ein Stück, das sich wunderbar als Eröffnung eines Musikabends anbietet. Angereichert mit vielen poetischen Implikatoren, die den „Ton“ der Musik immer wieder verändern und zum Schluss in einem fast physisch gewalttätigen Finale endet.
In den folgenden „Vier Impromptus op. 90“ von Franz Schubert, entstanden 1827, brachte Schemann seine lyrischen Facetten sehr schwungvoll zum Ausdruck. Zugleich verstand er es, die gebrochenen Akkorde dieser fantasievollen Stücke, in einer wohltuenden Eleganz und perlenden Dynamik umzusetzen. Das betraf sowohl die leise-melancholischen wie die dramatischen Züge dieser vier in sich geschlossenen Kompositionen, von denen übrigens Robert Schumann glaubte, dass sie im Grunde Teile oder Sätze einer Sonate seien.
Nach der Pause dann die große, die mächtige „Appassionata“. Ein trotz seiner Bekanntheit technisch sehr schwieriges wie anspruchsvolles Stück, das besonders in den starken emotionalen Momenten auch immer eine unglaubliche Präzision erfordert. Hier zeigte sich Schemann als ein Meister kraftvoller Gefühle, die er gekonnt zügelte oder ihnen freien Lauf ließ – ganz wie es die Musik verlangte. Er gab dem eruptiven Charakter dieser Sonate eine energiegeladene Note, schwelgte in kühnen wie packenden Kontrasten, steigerte die dramaturgischen Spannungsbögen zu mächtigen Klanggipfeln. Trotz allem behält Dinis Schemann die Übersicht, bleibt Herr der Sitaution, steuert geschickt die Ekstase – bis zum wuchtigen Schluss!
Als Zugabe für das zu recht begeisterte Publikum gibt es zwei Etüden Frédéric Chopin. Dann war dieser große Klavierabend vorüber.
gerhard von k
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Fotos: Emil-Nils-Nylander
Montag 07.11.2016
Landsberg: Magnus Öström - Gnadenlos riskantes Gelände
Landsberg. Es soll einst einen „Trommeldolmetscher“ gegeben haben, den die deutschen Kolonialherren in Kamerun engagiert hatten und der den deutschen Befehlston(!) fließend(!) auf Buschtrommel übersetzen konnte. In dieser Skurrilität kommt zweierlei zum Ausdruck: Die Trommel als Signalgeber (für den Inhalt der Meldung) und die Trommel als klingendes Rhythmusinstrument (für die Stimmung, im vorliegenden Fall für den zu übermittelnden „Befehlston“). Beide Formen der Verwendung von fellbespannten Holzrahmen sind natürlich weitaus älter, haben aber bis heute ihre Gültigkeit behalten. In der westlichen Kultur in Form von Schlagwerkern unterschiedlichster Stilistik. Zu ihnen gehört auch Magnus Öström, einst Mitglied des Esbjörn Svensson Trio, heute mit eigener Band weltweit unterwegs. Am Sonntag gastierte Öström nach seinem Gastspiel von 2014 wiederholt in Landsberg.
Der Schlagzeuger präsentierte im Stadttheater „Parachute“, sein drittes Album unter eigenem Namen. Musik, die allein vom Schlagzeug dominiert wird? Nein! Schon immer war das Erkennungszeichen emanzipierter Schlagzeuger die Zurückhaltung. Draufhauen kann jeder. Aber die Ränder und Zentren seines Instrumentes ertasten, sie ins rhythmische wie klangliche Verhältnis zu den Harmonien und Melodien setzen, das ist die eigentliche Kunst. Öström beherrscht sie, zu einhundert Prozent.
Eingebettet in sein Quartett mit Daniel Karlsson (Keyboards), Andreas Hourdakis (Gitarre) und Thobias Gabrielson (Bass) ist sein Part gleichberechtigt der seiner musikalischen Partner. Trotzdem er derjenige ist, der die Stücke anzählt, sie dynamisch vorantreibt und ihnen das rhythmische Feld für tiefgreifende Improvisationen bestellt. Stilistisch bewegt sich die Band im Fahrwasser von Jazz und Rock. Das mag daran liegen, dass Öström einst über Billy Cobham zum Drum-Set kam. Sein Bruder nahm ihn 13-jährig zu einem John McLaughlin Konzert mit. Am Schlagzeug: Billy Cobham. Und wer das panamesische Temperamentbündel kennt, weiß um seine Wirkung. Genau so wollte auch Öström seine Zukunft ausfüllen.
Erfrischend, fast hymnisch streben die melodischen Themen der Band zum Licht. Andreas Hourdakis ausgefuchste Gitarrenbeiträge erinnern entfernt an den Saiten-Apoll Metheny. Daniel Karlsson wechselt blitzschnell die Manuale, wirft immer neue Klangfarben nachlässig wirkend in den Raum, mal akustisch, mal mit elektronischer Unterstützung. Und Thobias Gabrielson pumpt die tiefen Töne unter die flüssigen Arrangements, gibt ihnen häufig einen Moll gefärbten Impuls als musik-dramaturgischen Kontrast. Öström feuert währenddessen seine Salven ab, bearbeitet erfinderisch die Becken und Felle, oder begleitet gefühlvoll mit den Besen. Manches Stück treibt er gnadenlos in riskantes Gelände, er verschiebt die rhythmischen Gewichtungen, ohne den Puls zu erschüttern. Er ist eben (zurückhaltender) Signalgeber und beeinflusst mit seinem engagierten Spiel die Stimmungen seiner Kompositionen deutlich. Insofern sind wir auch wieder bei den Buschtrommeln und einer ihrer Varianten in der Gegenwart. Auch modernes Schlagzeugspiel bedeutet, die fließende Zeit einzuteilen. Lustvoll, spannend, intelligent und in Gemeinschaft. Ein mitreißendes Konzert.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Samstag 29.10.2016
Germering: Scott Hamilton – Geschmeidige Coolness
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Foto Michael Keul: Lena Semmelroggen; Scott Hamilton: Sundance
Germering. Er war gerade einmal zwanzig, als Benny Goodman ihn in seine Band holte. Doch sehr beeindruckt hat das Scott Hamilton damals nicht. „Man kam nicht allzuoft zum Spielen. Naja, Benny war eben der Star, und wir waren die Begleitband“, erzählte er 1980 in einem Interview. Der Saxophonist wollte selbst brillieren, wollte ein solistisches Feuerwerk abbrennen, am liebsten im Stile seiner großen Vorbilder Coleman Hawkins, Ben Webster und vor allem Illinois Jacquet. Es war jene Zeit, als man im Jazz wieder spürbarer begann, in den Geschichtsbüchern der Musik zu blättern. Bop und Cool und vor allem Swing hatten Konjunktur. Und dem Swing ist Hamilton bis heute treu geblieben.
Nun war der Amerikaner Hamilton in Germering, trat in der Stadthalle selbst als Stargast eines Quintetts auf – ohne die Formation als Begleitband zu degradieren. Denn Schlagzeuger Michael Keul und seine Instrumentalisten musizierten mit dem Tenoristen auf einer Höhe. Tizian Jost am Vibraphon, Pianist Bernhard Pichl und Bassist Rudi Engel präsentierten gemeinsam mit Keul ein swingendes Fundament, das in seiner sicheren, entspannten und trotzdem raffinierten Musikalität ein adäquates Ensemble bildete. Auf diese vier Herren konnte sich Hamilton verlassen. Mit seinem tiefen, väterlich-nasalen Sound und seinen eleganten, wie stimmungsvollen und ökonomischen Solis brachte er eine geschmeidige Coolness ins Spiel. Swing, das hat bei ihm wenig mit der musikalischen Vorhersehbarkeit eines Glenn Miller zu tun. Swing ist bei Scott Hamilton gleichzusetzen mit kreativer Unruhe, mit komplexen instrumentalen Erzählmustern und einer individuellen Abgeklärtheit. Wenn die Becken des Schlagzeugs fiebrig vibrieren, der Sound des Vibraphons wie heimatlos durch den Äther geistert, der Bass seinen 4/4 Puls unablässig in den Raum pumpt und das Klavier mit wechselnden Harmonien die Band zum fliegen bringt, dann sammelt Hamiltons Tenor zwanglos all diese Stimmen ein und erdet sie mit seiner faszinierenden Sax-Stimme. Egal ob es sich um Kompositionen von George Gershwin, Michel Legrand oder dem Melancholiker Hank Mobley handelt, immer klingt Hamilton besonnen und fantasievoll. Es muss eben nicht immer experimentell zugehen -  man kann sehr wohl auch mit intelligentem Mainstream überzeugen.
Jörg Konrad
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Montag 24.10.2016
Landsberg: Der Untertan – Brillante Ensembleleistung
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Landsberg. Die Vorgaben sind gewaltig. Da ist zum einen Heinrich Manns Roman, erstmals 1914 erschienen, der in faszinierender Gründlichkeit und feinem psychologischen Gespür den Prototyp des wilhelminischen Untertan zeichnet, wie er in Deutschland wohl nie präziser dargestellt wurde. Ein „patriotisches“ Sittenbild voll herber Ironie und erschreckender Realität, das deutlicher als manches Geschichtsbuch den Vorabend der großen, von Deutschland ausgehenden Weltkatastrophen beschreibt.
Dann kam 1951 Wolfgang Staudte und verfilmte in Ostberlin diesen Jahrhundertroman. Ein Film, der international ein riesiger Erfolg wurde – in der Bundesrepublik aber sechs Jahre lang verboten war. Sollte der Kleinbürger Hessling noch zu präsent sein? Sollten in den Entscheidungsgremien jener Jahre noch patriotische Nationalisten sitzen?
Beide, sowohl der Roman, als später auch der Film, wurden als „nestbeschmutzend“ verunglimpft. Und selbst Thomas Mann äußerte sich negativ über das Buch seines Bruders und schrieb, dies sei eine „nationale Ehrabschneiderei“.
Gestern Abend nun gab es in Landsberg „Der Untertan“ als Inszenierung des Deutschen Theater Göttingen. Hat dieses Stück uns heute noch etwas zu sagen? Ist es noch aktuell? Und ob! Denn in Zeiten, in denen der Mob mit fremdenfeindlichen Parolen um die Häuser zieht und von der „Islamisierung des Abendlandes“ faselt und rechtsradikale Straftaten ein nach dem 2. Weltkrieg nie erreichtes Ausmaß erreichen, scheint es bis zu jenem patriotischen Nationalismus nicht mehr allzu weit. Theo Fransz hat dieses (sprachgewaltige) Stück deutscher Aufklärung für das Theater wunderbar in Szene gesetzt. Er hat es gestrafft, es auf auf das Wesentliche reduziert und mit nur vier Schauspielern auch recht sparsam, aber völlig ausreichend besetzt. Denn wie diese vier (Andrea Strube, Andreas Jeßing, Benedikt Kauff und Benjamin Kempf) in die verschiedenen Rollen schlüpfen, der Inszenierung Schwung und Dringlichkeit geben, eine Zeit in ihrer ganzen Gespaltenheit darstellen, das ist höchst sehenswert. Diederich Heßling, der Prototyp des nach oben buckelnden und nach unten tretenden Zeitgenossen, bekommt klare Konturen, macht die Entwicklung vom anfangs lächerlich wirkenden, devoten Jugendlichen zum gefährlichen Nationalisten, der zum Stadtrat und Betriebsdirektor aufsteigt, überdeutlich. Wie er lernt, sich anzupassen, ohne Rückrat den Weg des geringsten Widerstand zu gehen, um dann, mit Macht ausgestattet, erbarmungslos, um nicht zu sagen herzlos und unsozial, loszuschlagen, das ist großartig umgesetzt. 
Doch dieses Stück lebt vor allem durch seine brillante Ensembleleistung. Die einzelnen Protagonisten werfen sich in ihren jeweiligen Rollen die Ideenbälle förmlich zu, agieren manchmal als eine bedrohlich wirkende Einheit von der Bühne herunter, um dann wieder in mahnenden Einzelstimmen auf die Gefahr derartiger Entwicklungen zu hinzuweisen. Wir wissen heute, dass dies nicht geholfen hat. Insofern ist der Schluss der Stückes ein herausfordernder und genialer Kunstgriff. Wenn nämlich das Publikum in die Gerichtsverhandlung wegen Majestätsbeleidigung, wobei Heßling der Hauptbelastungszeuge ist, einbezogen und aufgefordert wird, selbst innerlich Stellung zu beziehen. „Entscheiden sie sich“ - für oder gegen Zivilcourage.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Freitag 21.10.2016
Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen
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Puchheim. Ernest Borneman, Anthropologe, Filmemacher, Krimiautor, Sexual- und Musikwissenschaftler, positionierte in seinen umfangreichen Studien und Veröffentlichungen den Jazz viel stärker, als manch anderer Experte, in die Nähe der Volksmusik. Er beleuchtete besonders seine kreolischen Wurzeln und kam zu der Überzeugung, dass der frühe Jazz eine hörbare Nähe zu den Volkskapellen der romanischen Länder aufweist.
Aus diesem Blickwinkel heraus könnte man das Quintett Bavaschoro als eine reine Jazzkapelle verstehen. Zwar ist es nicht unbedingt und allein das kreolische, was die fünf Herren (und eine Dame) aus Portugal, Brasilien und dem Münchner Osten musikalisch antreibt. Aber sie schöpfen eben aus der Volksmusik völlig unterschiedlicher Ethnien und verbinden diese Einflüsse mit der Freiheit und dem aufgeklärten Anspruch des Jazz.
Was sich auf dem Papier wie eine musikalische Absonderheit liest, hörte sich gestern im Puchheimer Kulturcentrum PUC wie ein durchdachtes und erfrischendes Klangabenteuer an. Bavaschoro verstehen es, bayrische Volksmusik, brasilianische Samba, europäische Cafehausmusik und moderne Klassik mit Gradlinigkeit und Eleganz unter einen Hut zu bringen. Man spürt ihren intellektuellen Anspruch (ja, Bravaschoro besteht aus einem Quintett studierter Instrumentalisten), ihre gruppendynamische Transparenz und die Verwegenheit, mit denen sie sich diesem Musikabenteuer stellen.
Das allein wird schon bei der Besetzung deutlich. Luis Maria Hölzl und Henrique de Miranda Reboucas sind die Saitenkünstler der Formation. Sie spielen Gitarren jeglicher Form und Herkunft. Für den Bläserpart zeichnen sich Xaver Maria Himpsl (Flügelhorn) und Marcio Schuster (Saxophone) verantwortlich. Hin und wieder greift auch Ludwig Maximilian Himpsl zum Waldhorn oder zur Tuba. Hauptsächlich ist er aber der (studierte) Spezialist für brasilianische und türkische Perkussion. Und anlässlich ihrer momentanen CD-Präsentations-Tour war für einige Songs die Sängerin Dandara Modesto mit auf der Bühne. Stimmlich unterstützt von den Herren der Band fand sie eine passende Balance zwischen sanfter Ballade und charismatischem Temperament.
Musik, die die unterschiedlichsten Stimmungslagen zum Ausdruck bringt, mal größeren Wert auf die rhythmische Komponente eines Songs legend, mal stärker den harmonischen Teil herausstellend. Was verzaubert, ist letztendlich die Grenzenlosigkeit dieser Musik.
Und beleuchtet man in diesem Kontext noch die Band Yunus im Vorprogramm, mit ihrer Mischung aus ambitioniertem Rap und Jazz, dann wird deutlich, welch breiten musikalischen Anspruch die Reihe Jazz Around The World in Puchheim mittlerweile ausfüllt.
Jörg Konrad


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