Blickpunkt:
Echo
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Inhaltsverzeichnis
Germering: Scott Hamilton – Geschmeidige Coolness

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Landsberg: Der Untertan – Brillante Ensembleleistung

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Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen

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Fürstenfeld: Julia Biel - Gegen einen gelangweilten Zeitgeist

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Landsberg: Schwarzmann / Biron / Ben-Ari – Großartiges Zusammenspiel

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Landsberg: Ketil Bornstedt – Musik aus dem Diesseits

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Samstag 29.10.2016
Germering: Scott Hamilton – Geschmeidige Coolness
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Foto Michael Keul: Lena Semmelroggen; Scott Hamilton: Sundance
Germering. Er war gerade einmal zwanzig, als Benny Goodman ihn in seine Band holte. Doch sehr beeindruckt hat das Scott Hamilton damals nicht. „Man kam nicht allzuoft zum Spielen. Naja, Benny war eben der Star, und wir waren die Begleitband“, erzählte er 1980 in einem Interview. Der Saxophonist wollte selbst brillieren, wollte ein solistisches Feuerwerk abbrennen, am liebsten im Stile seiner großen Vorbilder Coleman Hawkins, Ben Webster und vor allem Illinois Jacquet. Es war jene Zeit, als man im Jazz wieder spürbarer begann, in den Geschichtsbüchern der Musik zu blättern. Bop und Cool und vor allem Swing hatten Konjunktur. Und dem Swing ist Hamilton bis heute treu geblieben.
Nun war der Amerikaner Hamilton in Germering, trat in der Stadthalle selbst als Stargast eines Quintetts auf – ohne die Formation als Begleitband zu degradieren. Denn Schlagzeuger Michael Keul und seine Instrumentalisten musizierten mit dem Tenoristen auf einer Höhe. Tizian Jost am Vibraphon, Pianist Bernhard Pichl und Bassist Rudi Engel präsentierten gemeinsam mit Keul ein swingendes Fundament, das in seiner sicheren, entspannten und trotzdem raffinierten Musikalität ein adäquates Ensemble bildete. Auf diese vier Herren konnte sich Hamilton verlassen. Mit seinem tiefen, väterlich-nasalen Sound und seinen eleganten, wie stimmungsvollen und ökonomischen Solis brachte er eine geschmeidige Coolness ins Spiel. Swing, das hat bei ihm wenig mit der musikalischen Vorhersehbarkeit eines Glenn Miller zu tun. Swing ist bei Scott Hamilton gleichzusetzen mit kreativer Unruhe, mit komplexen instrumentalen Erzählmustern und einer individuellen Abgeklärtheit. Wenn die Becken des Schlagzeugs fiebrig vibrieren, der Sound des Vibraphons wie heimatlos durch den Äther geistert, der Bass seinen 4/4 Puls unablässig in den Raum pumpt und das Klavier mit wechselnden Harmonien die Band zum fliegen bringt, dann sammelt Hamiltons Tenor zwanglos all diese Stimmen ein und erdet sie mit seiner faszinierenden Sax-Stimme. Egal ob es sich um Kompositionen von George Gershwin, Michel Legrand oder dem Melancholiker Hank Mobley handelt, immer klingt Hamilton besonnen und fantasievoll. Es muss eben nicht immer experimentell zugehen -  man kann sehr wohl auch mit intelligentem Mainstream überzeugen.
Jörg Konrad
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Montag 24.10.2016
Landsberg: Der Untertan – Brillante Ensembleleistung
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Landsberg. Die Vorgaben sind gewaltig. Da ist zum einen Heinrich Manns Roman, erstmals 1914 erschienen, der in faszinierender Gründlichkeit und feinem psychologischen Gespür den Prototyp des wilhelminischen Untertan zeichnet, wie er in Deutschland wohl nie präziser dargestellt wurde. Ein „patriotisches“ Sittenbild voll herber Ironie und erschreckender Realität, das deutlicher als manches Geschichtsbuch den Vorabend der großen, von Deutschland ausgehenden Weltkatastrophen beschreibt.
Dann kam 1951 Wolfgang Staudte und verfilmte in Ostberlin diesen Jahrhundertroman. Ein Film, der international ein riesiger Erfolg wurde – in der Bundesrepublik aber sechs Jahre lang verboten war. Sollte der Kleinbürger Hessling noch zu präsent sein? Sollten in den Entscheidungsgremien jener Jahre noch patriotische Nationalisten sitzen?
Beide, sowohl der Roman, als später auch der Film, wurden als „nestbeschmutzend“ verunglimpft. Und selbst Thomas Mann äußerte sich negativ über das Buch seines Bruders und schrieb, dies sei eine „nationale Ehrabschneiderei“.
Gestern Abend nun gab es in Landsberg „Der Untertan“ als Inszenierung des Deutschen Theater Göttingen. Hat dieses Stück uns heute noch etwas zu sagen? Ist es noch aktuell? Und ob! Denn in Zeiten, in denen der Mob mit fremdenfeindlichen Parolen um die Häuser zieht und von der „Islamisierung des Abendlandes“ faselt und rechtsradikale Straftaten ein nach dem 2. Weltkrieg nie erreichtes Ausmaß erreichen, scheint es bis zu jenem patriotischen Nationalismus nicht mehr allzu weit. Theo Fransz hat dieses (sprachgewaltige) Stück deutscher Aufklärung für das Theater wunderbar in Szene gesetzt. Er hat es gestrafft, es auf auf das Wesentliche reduziert und mit nur vier Schauspielern auch recht sparsam, aber völlig ausreichend besetzt. Denn wie diese vier (Andrea Strube, Andreas Jeßing, Benedikt Kauff und Benjamin Kempf) in die verschiedenen Rollen schlüpfen, der Inszenierung Schwung und Dringlichkeit geben, eine Zeit in ihrer ganzen Gespaltenheit darstellen, das ist höchst sehenswert. Diederich Heßling, der Prototyp des nach oben buckelnden und nach unten tretenden Zeitgenossen, bekommt klare Konturen, macht die Entwicklung vom anfangs lächerlich wirkenden, devoten Jugendlichen zum gefährlichen Nationalisten, der zum Stadtrat und Betriebsdirektor aufsteigt, überdeutlich. Wie er lernt, sich anzupassen, ohne Rückrat den Weg des geringsten Widerstand zu gehen, um dann, mit Macht ausgestattet, erbarmungslos, um nicht zu sagen herzlos und unsozial, loszuschlagen, das ist großartig umgesetzt. 
Doch dieses Stück lebt vor allem durch seine brillante Ensembleleistung. Die einzelnen Protagonisten werfen sich in ihren jeweiligen Rollen die Ideenbälle förmlich zu, agieren manchmal als eine bedrohlich wirkende Einheit von der Bühne herunter, um dann wieder in mahnenden Einzelstimmen auf die Gefahr derartiger Entwicklungen zu hinzuweisen. Wir wissen heute, dass dies nicht geholfen hat. Insofern ist der Schluss der Stückes ein herausfordernder und genialer Kunstgriff. Wenn nämlich das Publikum in die Gerichtsverhandlung wegen Majestätsbeleidigung, wobei Heßling der Hauptbelastungszeuge ist, einbezogen und aufgefordert wird, selbst innerlich Stellung zu beziehen. „Entscheiden sie sich“ - für oder gegen Zivilcourage.
Jörg Konrad
Autor: Jörg Konrad
Freitag 21.10.2016
Puchheim: Bavaschoro – Unterschiedliche Stimmungslagen
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Puchheim. Ernest Borneman, Anthropologe, Filmemacher, Krimiautor, Sexual- und Musikwissenschaftler, positionierte in seinen umfangreichen Studien und Veröffentlichungen den Jazz viel stärker, als manch anderer Experte, in die Nähe der Volksmusik. Er beleuchtete besonders seine kreolischen Wurzeln und kam zu der Überzeugung, dass der frühe Jazz eine hörbare Nähe zu den Volkskapellen der romanischen Länder aufweist.
Aus diesem Blickwinkel heraus könnte man das Quintett Bavaschoro als eine reine Jazzkapelle verstehen. Zwar ist es nicht unbedingt und allein das kreolische, was die fünf Herren (und eine Dame) aus Portugal, Brasilien und dem Münchner Osten musikalisch antreibt. Aber sie schöpfen eben aus der Volksmusik völlig unterschiedlicher Ethnien und verbinden diese Einflüsse mit der Freiheit und dem aufgeklärten Anspruch des Jazz.
Was sich auf dem Papier wie eine musikalische Absonderheit liest, hörte sich gestern im Puchheimer Kulturcentrum PUC wie ein durchdachtes und erfrischendes Klangabenteuer an. Bavaschoro verstehen es, bayrische Volksmusik, brasilianische Samba, europäische Cafehausmusik und moderne Klassik mit Gradlinigkeit und Eleganz unter einen Hut zu bringen. Man spürt ihren intellektuellen Anspruch (ja, Bravaschoro besteht aus einem Quintett studierter Instrumentalisten), ihre gruppendynamische Transparenz und die Verwegenheit, mit denen sie sich diesem Musikabenteuer stellen.
Das allein wird schon bei der Besetzung deutlich. Luis Maria Hölzl und Henrique de Miranda Reboucas sind die Saitenkünstler der Formation. Sie spielen Gitarren jeglicher Form und Herkunft. Für den Bläserpart zeichnen sich Xaver Maria Himpsl (Flügelhorn) und Marcio Schuster (Saxophone) verantwortlich. Hin und wieder greift auch Ludwig Maximilian Himpsl zum Waldhorn oder zur Tuba. Hauptsächlich ist er aber der (studierte) Spezialist für brasilianische und türkische Perkussion. Und anlässlich ihrer momentanen CD-Präsentations-Tour war für einige Songs die Sängerin Dandara Modesto mit auf der Bühne. Stimmlich unterstützt von den Herren der Band fand sie eine passende Balance zwischen sanfter Ballade und charismatischem Temperament.
Musik, die die unterschiedlichsten Stimmungslagen zum Ausdruck bringt, mal größeren Wert auf die rhythmische Komponente eines Songs legend, mal stärker den harmonischen Teil herausstellend. Was verzaubert, ist letztendlich die Grenzenlosigkeit dieser Musik.
Und beleuchtet man in diesem Kontext noch die Band Yunus im Vorprogramm, mit ihrer Mischung aus ambitioniertem Rap und Jazz, dann wird deutlich, welch breiten musikalischen Anspruch die Reihe Jazz Around The World in Puchheim mittlerweile ausfüllt.
Jörg Konrad


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Donnerstag 06.10.2016
Fürstenfeld: Julia Biel - Gegen einen gelangweilten Zeitgeist
Fürstenfeld. „Man hat mir gesagt, dass niemand das Wort Hunger so singt wie ich. Genauso das Wort Liebe. Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß, was diese Worte beinhalten“, sagte einmal Billie Holiday. Und all jene, die Lady Day auch nur einmal gehört haben und wenigstens einen kleinen Teil ihres tragischen Lebens kennen, wissen, wie recht sie hatte. An dieser Analogie wird aber auch deutlich, wie vermessen es heutzutage sein kann, sich als Sängerin an ihr messen zu lassen. Denn Billie Holiday sang nicht nur den Blues, sie lebte ihn tagtäglich.
Nun, für dieses Gleichnis mit der vielleicht größten aller Jazzsängerinnen, kann die Engländerin Julia Biel nur wenig. Natürlich nennt sie die 1959 mit nur 44 Jahren in New York gestorbene als eines ihrer prägendsten Vorbilder. Aber der Vergleich stammt von außen, von Kritikern, die einfach fasziniert sind von Julia Biels Stimme und nach stimmigen Vergleichen suchen. Und da bewegt sich Julia Biel sowohl von der Stimmlage, als auch von Phrasierung tatsächlich ganz in der Nähe der großen Billie. Und von hier ist es dann auch nicht mehr weit bis zu Abbey Lincoln oder Nina Simon, von der Julia Biel am gestrigen Mittwoch ebenfalls einen Song im Repertoire hatte.
Vom ersten Ton an zog die Engländerin die Hörer in ein musikalisch magisches Labyrinth aus Stolz und Verletzlichkeit. Sie ist keine der großen Stimmakrobatinnen und sie meidet auch die gefährlichen Allgemeinplätze des Scat-Gesangs wohltuend. Aber ihre grandiose Stimmführung und ihre melancholische Wachsamkeit nehmen sofort gefangen und lassen die eineinhalb Stunden ihres Vortrags auch nicht mehr los.
Als Sängerin schlägt sie zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen passen ihre zerbrechlichen Songs, die stärker im Rhythm & Blues einer Amy Winehouse verankert sind, als im Swing einer Ella Fitzgerald, genau in unsere so unsicher scheinende Zeit. Sie gibt ihr stimmlich Ausdruck und macht die Frakturen und Verrenkungen der Gegenwart durch kleine Verschiebungen und herzergreifende Verlagerungen der Tonhöhen hörbar. In der Wirkung mehr Pop als Jazz, mehr Mainstream als Kunstmusik. Andererseits wirkt ihr gesamter Vortrag in einer herausfordernden Art trotzig und gegen einen gelangweilten Zeitgeist aufbegehrend. Man spürt eine individuelle Geistigkeit, die stark an Instrumentalmusik erinnert. Julia Biel vermittelt Vertrautheit, ohne in eine irgendwie geartete Routine zu verfallen.
Dazu tragen auch ihre beiden Begleiter, Idris Rahman (Bass) und Saleem Raman (Schlagzeug), wohltuend bei. Sie sind zurückhaltende, aber verlässliche Partner, die die kleinen Songjuwelen dramaturgisch geschickt steuern und so zu einem unvergessenen Musikabend, vielleicht der Superlative, beitragen.
Jörg Konrad
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Montag 26.09.2016
Landsberg: Schwarzmann / Biron / Ben-Ari – Großartiges Zusammenspiel
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Landsberg. Heute scheint es selbstverständlich, dass Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo in den Kanon der (Modernen) Klassik gehört. Dabei galt der Argentinier in seiner Heimat lange Zeit als eine Art Verräter. Die Zeitungen schrieben in den 1950er Jahren massiv gegen ihn an, die selbsternannten Kulturwächter betrieben Rufmord. „Die Musiker hassten mich. Sie hatten das Gefühl, dass ich ihnen ihren  alten Tango wegnehmen würde. Manchmal warteten auf der Straße vor meinem Haus zwei, drei Männer,  die mich verprügeln wollten. Der alte Tango, den sie liebten, war im Aussterben begriffen.“ Heute gilt Piazzolla, Dank seiner Restauration der Volksmusik, als Revolutionär, oder sagen wir Reformer – auch in seiner Heimat. Er hat den Tango in ein neues Format gepasst, in die Welt getragen und Argentinien damit, nach politisch schwierigen Zeiten, auch kulturell aufgewertet.
„Oblivion“, eine der bekanntesten Piazzolla-Kompositionen, beinhaltet all die Ingredienzien, die für den Tango Nuevo so typisch sind: Den straffen, treibenden Rhythmus mit seinen charakterisierenden Synkopierungen, die melancholisch-morbide Melodieführung und das lasziv verschleppte Tempo. Doch das Trio Gili Schwarzmann (Flöte), Mor Biron (Fagott) und Ohad Ben-Ari (Klavier) hat zu Beginn der Landsberger Rathauskonzerte am letzten Sonntag diese Komposition auf eine völlig andere Art interpretiert. In einer ruhig dahinfließenden Ballade entfaltete sich bei ihnen das Thema. Das Element des melancholisch Rauschhaften zugunsten einer berührenden Sinnlichkeit zurückgefahren. Ein idealer Einstieg, für diese eher ungewöhnliche kammermusikalische Besetzung.
Es folgten bis zur Pause dann Isaac Albeniz, dieser in deutschen Konzertsälen eher selten zu hörende Spanier, mit Teilen aus seinem faszinierenden Klavierzyklus „Iberia“ (in einer Bearbeitung von David Walter) und der heute fast vergessene deutsch-böhmische Komponist Erwin Schulhoff mit seinen 1919 entstandenen 5 Pittoresken (Bearbeitet von Ohad Ben Ari). Trotz der immensen Verschiedenartigkeit dieser Vorgaben, verstand es das Trio, die Gemeinsamkeiten dieser Stücke grandios herauszuarbeiten. Und das bedeutete in erster Linie, sich den Partituren mit ansteckender Lebendigkeit und Frische anzunehmen. Auf der einen Seite die Verschmelzung andalusischen Orientalismus mit der europäischen Klassik (Albeniz), auf der anderen Seite die sehr frühe Beschäftigung mit Foxtrott, Ragtime und  Jazz (Schulhoff). Beides meisterte das Trio in spieltechnischer Akkuratesse, hochkonzentriert, mit genügend Raum für kurze theatralische Einlagen, die aber der Ernsthaftigkeit des Musizierens nicht im Wege standen.
Nach der Pause dann Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinem berühmten Trio d-moll op. 49. Eine berauschend schöne Komposition, die Robert Schumann, nach dem ersten Hören um 1840, als das „Meistertrio der Gegenwart“ bezeichnete. Hier kam das großartige Zusammenspiel der drei Instrumentalisten noch einmal zum Tragen. Jede Einzelstimme fand in einer unglaublichen dynamischen Spannbreite direkten musikalischen Kontakt zu seinem Nebenmann. Gili Schwarzmann jubilierte federleicht an der Flöte, bildete zugleich einen beeindruckenden Kontrast zum tief-nasalen Klangspektrum des Fagott. Beide interpretierten das wunderschöne Hauptthema in exzellenter Geschlossenheit, umspielten sich kindhaft naiv und schlugen auch dramatische Funken. Ohad Ben-Ari hielt am Klavier die Fäden in der Hand, korrespondierte zwischen Flöte und Fagott und steigerte immer wieder die Stimmung. Imponierend seine zart wehmütigen Einlassungen, die dem romantischen Ausdruck jedoch nicht all zuviel Raum ließen. Insgesamt eine großartige, Maßstäbe setzende Interpretation, voller Temperament, Leidenschaft und Zeitlosigkeit.
Jörg Konrad
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Sonntag 25.09.2016
Landsberg: Ketil Bornstedt – Musik aus dem Diesseits
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Landsberg. Achsel Vinding ist Pianist. Musik bedeutet für den 18-jährigen und seine Freunde alles. Sie ist ihre einzige Antwort auf die Fragen der Zeit. Gemeinsam schwelgen sie in Tönen und in Partituren, sind besessen von Ravel und Bartok und werden so zu Außenseitern in einer Zeit, als die Beatles und die Stones die Welt eroberten. Ihr Leben ist Widerstand und Leidenschaft gleichermaßen.
Ketil Bjornstad weiß wovon er schreibt. Der Norweger ist Autor und Pianist und „Vindings Spiel“, der vor gut zehn Jahren erschienene Entwicklungs- und Künstlerroman, besitzt starke autobiographische Züge. Zwar ist er selbst als Musiker heute nicht bei der von Aksel Vinding innig geliebten Deutschen Grammophon unter Vertrag. Dafür seit über zwei Jahrzehnten als zeitgenössischer Improvisator und Komponist bei ECM München. Mit verlässlichem Handschlag, wie für dieses Label üblich. 
Gestern war nun Bjornstad in Landsberg. Nicht zur Lesung, sondern als Solo-Pianist im Stadttheater. Ein erwachsen gewordener Aksel Vinding? Vielleicht. Wir wissen es nicht. Denn was Bjornstad spielte, war Klassik und Jazz. Strukturierte Improvisationen, die stark auf klassische Grundmuster innerhalb der Musik aufbauen. Begonnen hat er mit Mozart. Nein, eigentlich mit einem Griff ins Innenleben seines Flügels, wie einst die großen Avantgarde-Koryphäen. Aber genau zwischen diesen beiden Ansätzen bewegt sich Bjornstads musikalischer Kosmos. Klare Kompositionen und radikale Improvisationen. Diese beiden Pole bringt er zusammen, macht daraus ein geschlossenes System von großer Musik. Der Kontrapunkt als ästhetische Herausforderung. Musik, die bewegt, die vor Lebendigkeit pulsiert und atmet, die mitreißt und in ihrer ernsten Schönheit tief berührt. Und selbst dann, wenn er in die stille, verlangsamte Ballladenkunst eintaucht, verliert sein Spiel nicht die Transparenz, bleibt sein Anschlag klar und bestimmt, ist das Ergebnis spannend. Nichts triviales – nirgends.
Die Themen seiner Musik sind aus dem Diesseits. Keine verquasten Manierismen oder gesäuselter Romantizismus. Ähnlich seiner literarischen Hauptfiguren, die durch manches Tal sich kämpfen, um Kondition zu holen, für die Gipfel, auf denen sie letztendlich stehen. So ist das Leben und das macht auch die Musik des Keil Bornstedt so faszinierend. Sie ist ein Spiegelbild des Lebens und ganz große Kunst zugleich.
Jörg Konrad
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