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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Wie im Himmel – Eine Art Therapeutikum

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Landsberg: Eivind Aarset – Ein irdisches Vergnügen

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Dachau: BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie

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Fürstenfeld: Shauli Einav Quartet – Mit neuer Kraft

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Landsberg: Hexagon Percussion - Schlagen, rascheln, kehren, klopfen

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Iffeldorf: Isabelle Faust & Alexander Melnikow - Erfrischend wach und hinge...

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Sonntag 26.02.2017
Landsberg: Wie im Himmel – Eine Art Therapeutikum
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Landsberg. Die Welt ist Klang – möchte man ausrufen. Sicher, viele haben es schon immer gewusst. Einigen wurde es vielleicht während der Aufführung ganz plötzlich klar. Und wer am gestrigen Abend in Landsberg nicht zu dieser Erkenntnis kam, der war mit Sicherheit auch nicht im hiesigen Stadttheater. Denn hier wurde die Inszenierung „Wie im Himmel“ von Dominik Wilgenbus und Jochen Schölch gegeben, gespielt vom Ensemble des Münchner Metropoltheaters. Ein Stück, das vor über zehn Jahren erstmals als Film für Aufmerksamkeit sorgte.
Die überarbeitete Version hat dem Stoff rundum gut getan. Denn die Bühnenfassung zeichnete sich gegenüber der filmischen Umsetzung durch Reduzierung und beherzten Schwung aus. Mit einfachsten Mittel wurde in Szene gesetzt, was für dieses Stück am wichtigsten ist: Die Musik. Symbolhaft stand hierfür ein Flügel - mitten auf der Bühne. Der Flügel als Taxi, als Bett, als Theke, als Schuppen. Das Instrument als Metapher für alles, was zum Leben gehört. Und rund herum - Spiel, Lust verströmendes Theaterspiel.
Aber worum geht es? Ganz einfach: Stardirigent Daniel entschließt sich, nach einem körperlichen Zusammenbruch während eines Gastspiels, die Hektik des künstlerischen Alltags gegen die Ruhe und (scheinbare) Versonnenheit des Landlebens einzutauschen. Er zieht in die Heimat seiner Kindheit – wo er von niemandem erwartet, aber doch auch wiedererkannt wird. Und natürlich geht diese Art des Rückzugs nicht gut. Denn romantisch ist es auf dem Land nur während des Urlaubs. Für alle anderen kann die Enge eines Dorfes zum Martyrium werden.
Daniel wird den Kirchenchor leiten und über diese Arbeit die einzelnen Menschen in ihrer seelischen Not, ihren intimsten Wünschen, auch mit ihren charakterlichen Schwächen kennen lernen. Fast niemand, der nicht in seiner Biographie gefangen wäre und kaum einer, der sich mutig gegen die menschlichen Verfehlungen seiner Nachbarn stellt.
Ohne es wirklich anzustreben, rutscht Daniel in die Rolle des eigentlichen Seelsorgers, der die Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit annimmt, sie fordert und fördert und nebenbei auch noch zu sich selbst findet. Dieses Verhalten ruft in der Hierarchie des Ortes natürlich Begehrlichkeiten hervor, erzeugt Neid und Missgunst, auch Hass und Gewalt. Daniels Aufgabe wächst ihm mit der Zeit über den Kopf, die bisherige Ordnung scheint in Anarchie zu kippen. Wäre da nicht seine getreue Verbündete, die Musik. Sie wird zur Aufgabe und zum Ziel aller. Sie schafft Nähe und Gemeinschaft. Eine Art Therapeutikum, das als eine Energie spendende, eine lebensbejahende, wie auch motivierende Kraft vereint,.
Das besondere an der Inszenierung des Metropoltheaters ist die grandiose Ensembleleistung. Jeder einzelne der Schauspieler ist wichtiger Teil des dramaturgischen Geschehens. Es gibt im Grunde weder Haupt- noch Nebenrollen, da erst die hingebungsvoll gespielten Einzelfiguren mit ihren angerissenen Schicksalen für das überzeugende Gesamtergebnis sorgen. Man spürt eine Lust und einen Spaß an der Präsentation des Stoffes, die virulent auf das (begeisterte) Publikum übergehen. Es bleibt die Erkentniss: „Musik ist nicht nur das eigentliche große Objekt des Lebens, sie ist dieses Leben selbst.“ (Hazrat Inayat Khan)
KultKomplott
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Sonntag 19.02.2017
Landsberg: Eivind Aarset – Ein irdisches Vergnügen
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Landsberg. Seine musikalischen Ambitionen sind so vielfältig, wie die Fjorde seiner norwegischen Heimat. Rock`n Roll, Electro, akustischer Jazz, Pop – alles hat er gespielt und doch wird er immer wieder mit dem imaginären nordischen Sound in Verbindung gebracht. Gibt es den tatsächlich? Oder ist er nur eine mediale Erfindung?
Gestern war Eivind Aarset in Landsberg und was er mit seiner Band Live auf der Bühne geboten hat, war ein Konzert, das unterschiedliche, auch gegenläufige Ideen miteinander in Beziehung brachte. Der Norweger als ein Visionär, der ganz individuellen Klangvorstellungen folgt und dabei Bereiche in der Musik als unberührte Areale entdeckt, ähnlich den großen Polarforschern seiner Heimat.
Aarset ist, obwohl von keinem geringeren als Jimi Hendrix gitarristisch infiziert, keiner jener virtuosen Hundertmeterläufer, die das Griffbrett ihres Instruments für wieselflinke Fingerübungen nutzen. Der in der Gemeinde Grobak bei Oslo geborene Gitarrist hat sich im Laufe seiner Entwicklung auf Sounds spezialisiert, die er mit instrumentalen Spielereien und intellektuellen Ansprüchen auffrischt. Seine einstige Heavy-Attitüde hat er nicht gänzlich abgelegt. So klingen seine introvertierten Melodielinien neben der Transparenz auch kraftvoll, manchmal sogar kraftmeierisch, als bringe einer sein Instrumentarium mit Starkstrom zum glühen! Seine Offenheit und Toleranz (ein Wort, das in der heutigen verrückten, „postfaktischen“ Welt, mit Schwäche gleichgesetzt wird – wie töricht) sprengen Grenzen und Befindlichkeiten und schaffen neue musikalische Ansätze.
Zudem hatte Eivind Aarset in Landsberg noch einige Landsleute um sich geschart, deren irrsinige Grooves die Aggregatzustände der Musik immer neu wechseln. Erland Dahlen (Schlagwerk), Wetle Holte (Sxchlagzeug, Electronic) und Audun Erlien (Bass) füllen die Ideen Aarsets auf, potenzieren sie und platzieren den Gruppensound manchmal in die Nähe von heute kaum noch existenten Stahl- und Walzwerken. Ihre ständigen Steigerungen der Intensität ihrer Musik verdichten die Dramaturgie, ohne ihr die Luft zu nehmen. Sie sind aber auch in der Lage, abrupt innezuhalten und die Band plötzlich wie ein dahingleitendes Traumschiff oberhalb des Horizonts schweben zu lassen. Der imaginäre Soundtrack einer Inszenierung von Aki Olavi Kaurismäki? Oder doch eher in Richtung „Albatros“ von Peter Green aus dem Jahr 1968 zielend?
Und was ist nun mit dem nordischen Sound? Er ist am ehesten eine Synthese aus Genügsamkeit und Melancholie. Genügsam – nicht was den musikalischen Anspruch betrifft, sondern im Bezug auf die nordländische Mentalität. Die ist eben weniger, oder sagen wir anders heißblütig, als die des Südens. Sie speist bei Skandinaviern die eigene Melancholie. Zudem ist die Jazzszene in Schweden, Norwegen, Finnland überschaubar. Die Musiker kennen sich untereinander, kommunizieren miteinander, beeinflussen sich so und sind auf diese Weise mehr bei sich.
Das hat nichts mit ihrer (scheinbar unstillbaren) Lust und ihrem Anspruch auf dynamische Kontraste zu tun, den unterschiedlichen Bewusstseinszonen und Gefühlslagen, dem ihre Musik letztendlich vollauf gerecht wird. Insofern ist der nordische Sound ein ethnisches Phänomen und im Fall des Auftritts von Eivind Aarset in Landsberg zugleich ein irdisches Vergnügen.
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Fotos: Arbeiten von Albrecht Tübke und Joerg Lipskoch
Samstag 18.02.2017
Dachau: BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie
BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie

Porträtfotografien sind keine Schnappschüsse aus der Sommerfrische. Meist sind es mehr oder weniger inszenierte Signale aus dem Reich des Individuellen. Ihre Aufgabe ist das bildliche Herausarbeiten unverwechselbarer Persönlichkeiten. So unbarmherzig das Ergebnis auch sein mag - sie legen Zeugnis ab. Noch bis zum 19. März läuft in der Neuen Galerie Dachau die Ausstellung „BerufsBilder – Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie“.
Ausgehend von August Sander (1876-1964), einem der Wegbereiter der sachlich-konzeptionellen Dokumentarfotografie und seinem Hauptwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, sind in der Konrad-Adenauer-Straße 20 die themenbezogenen Arbeiten einiger zeitgenössischer Fotografen zu sehen. Sander war der Auffassung, „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art“, was aber einer künstlerischen Umsetzung des Themas nicht im Wege stand. Viele der über 600 Arbeiten seines Hauptwerkes beschäftigen sich mit der sozialen Stellung des einzelnen Menschen, die sich wiederum aus ihren jeweiligen Berufen ableiten. Person und Beruf war für ihn eine Einheit, die ihre gesellschaftliche Stellung verdeutlichte. Vier seiner Arbeiten (Der Notar, Der Kassierer der Sparkasse, Die Sopranistin und Der Schmied), die den Weg nach Dachau gefunden haben, machen dies auf beeindruckende Weise deutlich.
Im Laufe der Jahrzehnte hat sich dieses Bild verändert, so, wie sich die gesamte Berufswelt völlig verändert hat. Trotz diesem Wandel, versuchen die Fotografien den Menschen mit seiner Tätigkeit in Einklang zu bringen. Dies geschieht in zum Teil sehr deutlicher Bezugnahme des Portraits zum Arbeitsumfeld (Joerg Lipskoch), teilweise aber auch auf eine verspielte, künstlerische Art (Hannes Rohrer).
Die Frage, ob die Tätigkeit auf den Einzelnen abfärbt, oder ob an dem Porträtierten etwas berufstypisches haften bleibt, steht, trotz dieser interessanten Fragestellung, an zweiter Stelle. Schon allein die Unterschiedlichkeit der Berufsbilder und deren Bezeichnungen machen dies deutlich: Der Glücksbringer, die Saisonverlängerin. Hier werden gesellschaftliche Realitäten mit einem ironischen Blick gebrochen.
Manchmal ist es das Arbeitsumfeld, in denen die Personen abgelichtet werden, die auf ihr Tätigkeitsfeld schließen lassen (Albrecht Tübke). Oder die Portraits zeigen anstatt den berufstätigen Menschen, allein das „Material“ mit dem sie arbeiten, wie im Fall von Herlinde Koebl, die Instrumente ins Zentrum ihrer Arbeiten rückt und nicht die Musiker.
So vermitteln die Arbeiten dieser Ausstellung in ihrem spezifischen Blick über die Berufstätigkeit bildhafte Zeitgeschichte und geben zugleich in ihrem Vergleich einen spannenden Einblick in die Kunstgeschichte.
KultKomplott


„BerufsBilder - Positionen zeitgenössischer Porträtfotografie“
Ausstellung noch bis zum 19. März 2017

Neue Galerie Dachau
Konrad-Adenauer-Straße 20
85221 Dachau
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Donnerstag 16.02.2017
Fürstenfeld: Shauli Einav Quartet – Mit neuer Kraft
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Fürstenfeld. Dieses Quartett macht gehörig Druck, galoppiert variantenreich durch die Skalen der Blue Notes, wechselt mutig die Harmonien und weckt den Vulkan des Jazz zu enormem Leben. Vier junge Männer, die die Gipfel der zeitgenössischen Improvisation erstürmen, keine Zeit mit langen Vorreden vergeuden, sondern sofort mittendrin sind, im Jazzgeschehen. So stellte sich gestern das Shauli Einav Quartet in Fürstenfeld vor. Eine Band, deren temperamentvoller Gestaltungswille vom ersten Ton an beeindruckt. Vier Individualisten mit Drang zum Gruppenspiel. Sie swingen wie die Teufel und wissen doch geschickt mit Dissonanzen umzugehen. Dabei klingen sie wunderbar geerdet und agieren voller intellektueller Anspielungen. Ein Mixtur, die zündet, eine Klangwelt, die mitreißt.
Shali Einav ist einer jener jungen israelischen Jazzmusiker, die derzeit für so große Aufmerksamkeit sorgen. Er vereint in seinem Saxophonspiel diverse Gegensätze. Da wäre zum einen die Welt des Jazz, die ihm Arnie Lawrence Finkelstein, einstiger Sideman von John Coltrane und Dizzy Gillespie noch in seiner Heimat vermittelte. Begeistert äußert sich Shauni Einav aber zugleich über Sergei Prokofjew, über den er zur modernen Klassik gekommen sei – und den er auch immer wieder in sein Spiel integriert. Er ist zudem von der Vision der Musik als einem versöhnenden Moment der Völker überzeugt. Er steht der arabischen Musiktradition ebenso freimütig gegenüber, wie er auch die eigenen Wurzeln hörbar einbringt.
Genau diese Offenheit und Toleranz ist die Basis jedes kreativen Tuns – auch wenn hier die reale Gefahr besteht, in bestimmten Medienbereichen, was die Akzeptanz betrifft, anzuecken.  Aber genau diese Auseinandersetzung versorgt jeden überzeugten künstlerischen Geist mit neuer Kraft, lässt ihn mutig seinen eigenen Weg gehen.
Und so beeindruckt Einav mit seinen extatischen Chorrussen, verdichtet die Musik mit seinem kräftigen, manchmal schneidenden Tenorsound zu kompakten Landschaften, beeindruckt mit seinen weitgefächerten, spröden Linien in den wunderbar poetischen Balladen. Ein gruppendienlicher Solist, der ebenso konzentriert spielt, wie er auch eine gewisse Noblesse in seine Gestaltung mit einzubringen versteht. Und begleitet wurde er bei dieser packenden Tour de Force von einem Pianisten (Nitzan Gavrieli), der die stilistischen Pole des Sets zusammenhält und zugleich für außergewöhnliche solistische Momente sorgte, von einem Bassisten (Yoni Zelnic), der als tief tönender Fundamentalist das Tempo bestimmt und von einem Schlagzeuger (Guilhem Flouzat), der einem Energiebündel ähnlich unablässig groovt und swingt. Ein Konzert, das noch eine Weile nachwirken wird.
KultKomplott
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Montag 13.02.2017
Landsberg: Hexagon Percussion - Schlagen, rascheln, kehren, klopfen
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Iffeldorf. Max Roach jammte mit dem Schlagzeugorchester „M`Boom“, George Gruntz leitete über Jahre das Sextett „Percussion Profile“, Peter Sadlo hatte mit seinen Trommel-Projekten in der Klassik riesigen Erfolg und Rock-Enfant-Terrible Robert Fripp tourte im letzten Jahr mit King Crimson und gleich drei Schlagzeugern weltweit. Rhythmen bestimmen also nicht nur das Leben, sie bestimmen nach wie vor die Musik. Keine geringerer als Miles Davis sagte noch zu Lebzeiten, dass alles neue in der Musik über den Rhythmus passiert. Schnitt.
Wer so an das Hexagon Percussion Ensemble herangeht, der wird der Türkenfelder Formation mit Sicherheit nicht gerecht. Es mag sein, dass das Septett in seiner musikalischen Herangehensweise sich auch von oben genannten Projekten akustisch leiten oder auch beeinflussen ließ. Aber die eigene Umsetzung von orchestralen Rhythmus-Ritualen geht, wie gestern im Landsberger Stadttheater zu erleben war, in eine völlig andere Richtung. Das Hexagon Percussion Ensemble versteht sich mehr als eine Showband – mit musikalischem Anspruch. Sieben junge Männer, die alles nutzen, um einen perkussiven Gruppensound zu erzielen. Jedes Mittel scheint ihnen dabei recht und das manches in ihrem Konzept (auch einmal unfreiwillig) komisch gerät, das nehmen sie billigend in Kauf.
Mehr noch. Humor ist ein Teil ihrer Show – auch dann noch, wenn manches nicht unbedingt so lustig ist. Und ja, es ist mehr Show, als ernster musikalischer Anspruch, der in der Band steckt. Und das macht ihren Ansatz nicht leichter. Denn Musik und Humor ist und bleibt ein unglaublich sensibles Thema, das nur die wenigsten beherrschen und genau aus diesem Grund auch so populär sind.
Die Hexagons erinnern in der Umsetzung ihrer Ideen häufig an die Musikshows von Stomp oder Cold Steel, als an die oben genannten Namen und Projekte. Doch letztendlich fehlt ihnen noch ein Schuss Radikalität und Anarchie, um an ihre Vorbilder heranzureichen. Die Anlagen hierfür sind vorhanden.
Gegründet wurde die Formation vor gut fünf Jahren. Aus einer Unzahl an Schlaginstrumenten und Gebrauchsgegenständen versuchten sie von Beginn an aus Alltagsklängen rhythmische Schablonen zu filtern und arrangierten zugleich bekannte Songs aus Pop und Klassik zu regelrechten Trommelgewittern. Ob Bongos, Schlagzeug, Marimba-, Vibra- oder Xylophone, ob Kanalrohre, Plastiktüten, Kunststoffbecher – alles scheint passend zur Umsetzung ihrer rhythmischen Sinfonien. Diese sind geschickt aufgebaut, bringen einen Höllenlärm in jeden Saal und gehen mit ihrem schlagen, rascheln, kehren, klopfen, klatschen direkt ins Blut.
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Sonntag 12.02.2017
Iffeldorf: Isabelle Faust & Alexander Melnikow - Erfrischend wach und hingebungsvoll konsequent
Iffeldorf. Dass ein Wissensquiz keine Erfindung der Spaß orientierten Gegenwart ist, dürfte klar sein. Aber das diese Art des „Denksports“ auch schon Mitte des 19. Jahrhunderts und dann noch im Bereich der klassischen Musik ein Podium fand, ist vielleicht schon ein Novum. Aber genau aus dieser Intention heraus entstand die „F.A.E. - Sonate“ im Jahr 1853, komponiert von Robert Schumann, Albert Dietrich und Johannes Brahms. Gewidmet war sie dem damals alles überragenden Geiger Joseph Joachim, der, als ein enger Freund Schumanns, im Oktober desselben Jahres ein Konzert in Düsseldorf geben sollte. Die drei Komponisten überraschten ihn mit dem Stück und der Frage, wer wohl welchen Teil der Sonate geschrieben habe. Joachim tat sich nicht allzu schwer und konnte die einzelnen Sätze relativ genau zuordnen.
Spielen konnte er sie, laut Überlieferung, natürlich ausgezeichnet. Gedruckt erschien die „F.A.E. - Sonate“ („Frei aber einsam“ ist Joachims Lebensmotto in jenen Jahren) komplett erst 1935 und wird seitdem eher selten öffentlich aufgeführt. Gestern war nun so ein seltener Tag, da stand sie auf dem Programm, bei Isabelle Fausts und Alexander Melnikovs Auftritt im Rahmen der Iffeldorfer Meisterkonzerte. Sie bestimmte den ersten Teil eines überragenden Konzertabends. Die Violinistin und der Pianist haben in diesen vier Sätzen eine unglaubliche Perfektion als auch Hingabe präsentiert. Ein eingespieltes Team, das sich trotz der internen Abstimmung zu großartigen solistischen Momenten aufschwingen konnte.
Isabelle Faust faszinierte mit einem geschmeidigen, einfühlsamen Ton, dessen Melancholie und Weite verzauberte. Sie gab der Partitur eine Seele, die unabhängig wirkte, sich nur dem Moment hinzugeben schien und die Welt ringsum wie unbelastet ausblendete. Sie beherrschte den feinen Wechsel zwischen der Klarheit der Vorlage und einer ganz individuellen Nuancierung und nutzte die persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten souverän. Keine verklebten Übergänge, kein süßlich schmerzendes Vibrato.
Die Spannung des Vortrags war aber auch ein Ergebnis der instrumentalen Gegensätze. Alexander Melnikovs Klavierpart geriet im Gegensatz zur Violinstimme kräftiger und präsenter - was aber nicht bedeutete, dass er die führende Stimme innehatte. Seine introvertierte, transparente Intensität beeindruckte und ergänzte sich stimmig mit Isabelle Fausts schlankem, aber doch körperreichen Ton. Immer wieder bauten sich im Wechselspiel Spannungsbögen auf, die sich dann besonders im furiosen vierten Satz in einem Feuerwerk der Leidenschaften entluden.
Die Sonaten für Klavier und Violine Nr. 1 G-Dur (op.78), Nr. 2 A-Dur (op.100) und Nr. 3 d-moll (Op.108) schrieb Brahms, als er sich von Hamburg, nicht unbedingt im Guten, verabschiedet hatte und nach neuen Möglichkeiten einer Anstellung Ausschau hielt, bzw. in Wien schon Fuß gefasst hatte. Auch hier nutzten die beiden Solisten ihre dynamischen Möglichkeiten, gaben den Partituren Farbe, spielten erfrischend wach und hingebungsvoll konsequent.
Als Zugabe gab es dann noch zwei Mythen von Karol Szymanowski, eine Art Kontrastprogramm. Aber sie rundeten mit ihren auf der griechischen Mythologie basierenden, sehr modernen, auf vielen Klangeffekten aufbauenden Kompositionen dieses grandiose Konzertab, das mit zum schönsten und eindringlichsten in Iffeldorf bisher gehörte.
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