Echo
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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Kinga Glyk - Die Summe des E-Bass

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Landsberg: Die letzte Karawanserei - Familiäre Katastrophen und individuell...

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Fürstenfeld: Die Blechtrommel - Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht...

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Landsberg: Matthew McDonald & Yannik Rafalimanana – Perfektes Zusamme...

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Germering: Joris Roelofs / Phil Donkin / Han Bennink – Ein Glücksfall...

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Landsberg: Stefano Bollani – Auch als Sänger

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Sonntag 11.11.2018
Landsberg: Kinga Glyk - Die Summe des E-Bass
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Landsberg. Mit Youtube-Erfolgen ist das so eine Sache. Innerhalb von wenigen Tagen (manche sprechen gar von Stunden) kann die Popularität eines Musikers derart Fahrt aufnehmen, wie sie zuvor nur über Jahre schweißtreibender Arbeit zu erreichen war. Das hat, wie manch anderer Hype, natürlich Vor- und Nachteile. Kinga Glyk, die polnische Bassistin, ist über Nacht zum Star geworden. Ihr Video „Tears in Heaven“, ein Song von Eric Clapton, ist in ihrer Bassversion 20 Millionen(!) mal geteilt worden. Und seitdem tourt die erst 21jährige, die zuvor niemand kannte, quer durch die Welt, tritt in Groß- und Kleinstädten auf, ist Gast auf namhaften Festivals und hat mittlerweile schon drei Alben unter eigenem Namen aufgenommen. Am Samstag stattete Glyk und ihr Trio dem Landsberger Stadttheater einen Besuch ab.
Das besondere an Kinga Glyk? Sie ist jung, weiblich und hat sich, als Bassistin, nicht erst durch unzählige Bands dienen müssen, bis sie ihre erste eigene Formation erfolgreich gründete. Nicht nur im Jazz ein Novum. Aber es wäre ungerecht, die Instrumentalistin allein auf diese Details zu reduzieren. Denn Kinga Glyks ist mit Leib und Seele Musikerin, einfühlsam, mit einem todsicherem Timing und ausgezeichneter Technik. Das alles war während ihres gesamten Auftritts in Landsberg auch zu spüren. Was sie spielte und wie sie spielte, erschließt nicht unbedingt musikalisches Neuland. In ihren Arrangements und deren Umsetzung bewegte sie sich auf einem Areal, das zuvor andere große E-Bassisten vor ihr beackert hatten. Ein Abend mit Kinga Glyk ist so etwas wie die Summe all dessen, was sich hier in den letzten über fünf Jahrzehnten entwickelt hat. Das Fusionkonzept, in dem sich Funk und Rock`n Roll, Jazz und Pop auf Augenhöhe begegnen, erinnert in seiner Summe am ehesten an Marcus Miller, diesen Bass spielenden Heißsporn aus Brooklyn, der als musikalischer Direktor die Verantwortung für die letzte Etappe in der Karriere Miles Davis´ inne hatte.
Kinga Glyk zog das Publikum mit ihrem wohltemperierten, aber intensiven Konzept natürlich gleich auf ihre Seite. Mit ihren beiden musikalischen Partnern, dem Keyboarder Paweł Tomaszewski und dem Schlagzeuger David Haynes, gelang es ihr tatsächlich, den Bass als Leadstimme unaufdringlich zu platzieren. Nicht knarzig oder schwerfällig, sondern groovend und mit Esprit. Manchmal klang die Musik wie ein virtuoses Relikt aus den frühen 1980er Jahren, was mit Sicherheit am Sound von Paweł Tomaszewski und den „Geheimnissen“ seines Tastenturms lag. Er ist einer dieser idealen Studio-, bzw. Tourmusiker, die fast jede Musik veredeln, ihr Biss und Spannung geben. Ähnlich David Haynes, diesem trommelnden Unruheherd, der alles, was er hört, in treibende Rhythmen übersetzt.
Vor der Pause gab es ein Stück von Kinga Glyks absolutem Favoriten, von Jaco Pastorious. Sein „Teen Town“, bekannt geworden durch Joe Zawinuls Band Weather Report, ist das non plus ultra eines jeden versierten E-Bassisten. Und Kinga Glyk beherrscht dieses Stück perfekt, spielte es mit vollem Risiko, ohne zu stolpern und mit aller ihr und ihrer Band zu Gebote stehenden Intensität.
Jörg Konrad
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Freitag 09.11.2018
Landsberg: Die letzte Karawanserei - Familiäre Katastrophen und individuelle Repressionen
Landsberg. Man kennt sie mittlerweile zur Genüge, die Retter des Abendlandes, die in laufende Kameras ihren Hass brüllen und damit allein ein Zeugnis ihrer Erbarmungslosigkeit abgeben. Sie scheinen völlig vergessen zu haben, dass das Neue Testament eben auch eine Geschichte ist, die auf Flucht und Vertreibung fußt. Und in der langen, wechselhaften und häufig gewaltbereiten Historie der Alten Welt scheint dieses unselige Verhalten der Ausgrenzung rückblickend auch Programm zu sein. So werden Menschen, die auf der Flucht sind, immer neu vertrieben. Egal wohin!
Ariane Mnouchkine hat kurz nach der Jahrtausendwende 400 Interviews mit Geflüchteten und Asylsuchenden geführt. Entstanden ist daraus ihr Theaterstück „Die letzte Karawanserei“, das in einer Inszenierung des Tübinger Landestheater am Donnerstag im Landsberger Stadttheater aufgeführt wurde. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von Momenten und Gefühlen, von erlebten Entwürdigungen, von familiären Katastrophen sowie individuellen Repressionen, die szenisch eine Einheit bilden. Tagtäglich werden wir mit genau diesen Nachrichten konfrontiert, doch eigentlich nur, weil die Welt kleiner geworden zu sein scheint. Denn die massenhafte Verzweiflung aufgrund politischer Indoktrinationen und religiöser Besessenheit Einzelner ist ein gefühlter Dauerzustand geworden.
Christoph Roos hat für seine Theatertruppe diese bedrückenden Vorlagen aufgearbeitet und collagenartig zusammengesetzt. Es sind Szenen der Gewalt und der Entmenschlichung, die bei den Betroffenen nur den einen Gedanken zulassen: Flucht – koste es, was es wolle. Und damit sind ein Großteil dieser Geschöpfe schon in den Fängen von skrupellosen Schleppern und Menschenhändlern und geben häufig aus Verzweiflung notgedrungen den eigenen Stolz und die persönliche Würde auf.
Ross und sein Ensemble versuchen diese Realität nachzugestalten, mit all den wenigen dramaturgischen Mitteln, die dem Theater und einer solchen Aufgabe zur Verfügung stehen. Das „da draußen“ ist letztendlich erfindungsreicher und unvorstellbar grausamer, ist realer und lebendiger als jeder Versuch, Situationen künstlerisch aufzubereiten und nachzuzeichnen.
„Die letzte Karawanserei“ spielt nicht nur an den Orten, an denen die Demütigung beginnt, in Moskau und Kabul, im Kosovo und in Afghanistan. Das quälende Schicksal dieser Menschen setzt sich auch am scheinbaren Ziel ihrer Reise fort, in den Booten vor Australien, am Eurotunnel in Calais, in den Verhören der Einwanderungsbehörden.
Es ist ein schwieriges Unterfangen, diese Verzweiflung theatral auszudrücken und nicht in jedem Moment gelingt dieser heikle Spagat zwischen Realität und Kunst. Die Schauspieler wechseln ständig die Rollen, sind mal Betroffene, mal Täter, letztendlich aber immer Opfer eines Systems. Die dröhnende Lautstärke einiger Sequenzen, die das ohnmächtige Ausgeliefertsein der Flüchtlinge körperlich spürbar zu machen, übermannt zeitweise das Publikum. Zäune werden aufgebaut, die das Gefühl vom Leben im Käfig vermitteln, gefangen in der eigenen Hoffnung. Und zwischendurch immer wieder die Anrufe in der Heimat, um den Eltern das nicht vorhandene Glück im fremden Paradies zu verzutäuschen.
„Die letzte Karawanserei“ ist der Versuch, Menschen in dramatischen, zweifellos apokalyptischen Situationen zu verstehen. Es geht eigentlich nicht um Aufklärung, sondern um das Verdeutlichen von absurdem menschlichem Verhalten – und der persönlichen Sensibilisierung an deren Schicksal.
Jörg Konrad

 
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Donnerstag 08.11.2018
Fürstenfeld: Die Blechtrommel - Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht und schauspielerischer Genialität
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Fotos: Birgit Hupfeld
Fürstenfeld. Als der Roman „Die Blechtrommel“ 1959 erschien, spaltete er die Gesellschaft aufgrund seiner rebellierenden Provokation. Einig war man sich hingegen, dass dieser Stoff nicht verfilmbar sei. Als ihn dann Volker Schlöndorff zwei Jahrzehnte später mit David Bennent in der Hauptrolle für die Leinwand inszenierte, war es das Filmereignis schlechthin und wurde oscarprämiert, doch gleichzeitig auch wieder klar: Fürs Theater taugt dieses Stück nicht. Fast sechzig Jahre nach Grass` Buch kommt nun Oliver Reese des Weges und macht aus dem Jahrhundertthema ein Ein-Personen-Stück. Der giftige Oskar Mazarath, gespielt von Nico Holonics, trommelt und redet, redet und schreit, trotzt und trommelt - fast zwei Stunden am Stück. Eine verbale Tour de Force über ein Weltverbrechen des letzten Jahrhunderts und einem ach so ahnungslosen Volk. Gestern nun gastierte das Berliner Ensemble mit „Die Blechtrommel“ in Fürstenfeld. Ein Abend zwischen erschütternder Weltsicht und schauspielerischer Genialität.
In einem quadratischen Areal, aufgefüllt mit brauner kaschubischer Erde, tobt sich Oskar aus und erzählt mal greinend, mal leidenschaftlich, dann wieder spottend seine Lebensgeschichte. Angefangen bei der Zeugung der Mutter auf einem pommerschen Feld, seiner widerborstigen Entscheidung nicht weiter wachsen zu wollen, über den ewigen Zweifel referierend, wer denn nun sein wirklicher Vater sei, über seine Gabe, Glas zum Zerspringen zu bringen, bis hin zu dem Moment, als Alfred Mazerath aus Verzweiflung vor den einmarschierenden Russen sein Parteiabzeichen schluckt, an dem er jämmerlich erstickt.
Natürlich gehört auch der Moment auf die Bühne, in dem Oskar sich mit 21 Jahren entschließt, seine geliebte Trommel zu begraben, um dann endlich wachsen zu können. Licht aus – ein neues Zeitalter beginnt.
Oliver Reese musste für seine Inszenierung ein Großteil des vorhandenen Textes streichen. Trotzdem ist auch der Teil, der übrig bleibt, beeindruckend genug, um als Ein-Personen-Stück tief zu berühren. Vielleicht liegt es ja daran, dass sowohl manche Absätze des Buches, als auch einzelne Sequenzen des Filmes tief im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind, so dass sie keiner weiteren Darstellung bedürfen. Auf jeden Fall gelingt es Nico Holonics seiner Figur kindliche Naivität und vorsätzliche Bösartigkeit, Neugier und Verzweiflung, Wut, Herrschsucht und Liebebedürftigkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt zu vermitteln. Er gibt Oscar viele Gesichter und trotzt ihm ein riesiges Bündel an Emotionen ab, die er in der Zeit des braunen Terrors verzweifelt versucht zu ordnen. Es gibt nichts und niemanden, auf den oder das Verlass ist – außer auf den Klang seiner Trommel. Was bleibt, ist einzig Hoffnung auf die Zukunft.
Gerhard von Keußler
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Sonntag 04.11.2018
Landsberg: Matthew McDonald & Yannik Rafalimanana – Perfektes Zusammenspiel und erfrischende Kommunikation
Landsberg. „Der Kontrabass ist das scheußlichste, plumpeste, uneleganteste Instrument, das je erfunden wurde. Ein Waldschrat von Instrument“, lässt Patrick Süskind in dem gleichnamigen Einakter seinen Protagonisten deklamieren. Es ist auch, was seine Form betrifft, von rachitischen Schultern die Rede und insgesamt von einem Gegenstand, der seinen Spieler „gesellschaftlich, verkehrstechnisch, sexuell und musikalisch nur behindert“.
Dass der Kontrabass als Soloinstrument jedoch nicht nur im Jazz etwas taugt, wie in oben genanntem Drama behauptet, sondern auch in der Klassik seine diesbezüglichen Möglichkeiten ausspielen kann, das wurde am Samstagabend im Landsberger Rathauskonzert akustisch deutlich. Voraussetzung: Man beherrscht das Instrument wie Matthew McDonald und hat dazu einen empathischen und mit breitem Interaktionsradius agierenden Partner wie den französischen Pianisten YannikRafalimanana. Beide gastierten gestern im Festsaal des Landsberger Rathauses mit einem Programm, dessen Auswahl überzeugte und dessen Umsetzung einfach begeisterte.
Dass es auch sehr lyrische Kompositionen für Kontrabass und Klavier gibt, verdankt die Klassik zum Beispiel Autoren wie Giovanni Bottesini (1821 – 1889), der, selbst führender Kontrabassist seiner Zeit und berühmter Dirigent, einige Stücke für diese Besetzung geschrieben hat. Seine „Elegia I“ eröffnete den Abend stimmungsvoll und machte zugleich deutlich, dass dieses Instrument auch eine leichte, eine poetische und eine vom Ton her sehr warme Seite besitzt, die man ihm, bei entsprechender Hingabe und spieltechnischer Substanz, erfolgreich abgewinnen kann.
Überhaupt beeindruckten, was die Duo-Stücke an diesem Abend betrafen, vor allem die ruhigen, unaufgeregten, ja diese wunderbar gefühlsbetonten Kompositionen. Speziell die Lieder von Robert Schumann und Johannes Brahms fanden in McDonald und Rafalimanana ihre interpretatorischen Meister. McDonald übernahm auf dem Kontrabass den Gesangspart, gab den Kunstliedern eine tief berührende Wärme, mit abgedunkeltem Timbre und melancholischer Tiefe. Yannik Rafalimanana begleitete mit einem seelenvollen Understatement, dem Innigkeit und musikalische Vervollkommnung weitaus wichtiger zu sein scheinen, als eine eigennützige Selbstdarstellung.
Man glaubte zu spüren, dass die beiden Musiker diese Stücke aus ihrer Zeit respektvoll in die Gegenwart übersetzten, ihnen einen moderneren Bezug gaben und dabei die geschlossene Form der Vorgaben in den Vordergrund stellten. Das perfekte Zusammenspiel ließ in diesem integrierten Kleinverband immer noch Möglichkeiten einer erfrischenden Kommunikation zu, einer beweglichen Verinnerlichung.
Solistisch glänzte der Solobassist der Berliner Philharmoniker mit Johann Sebastian Bachs „Suite für Violoncello in G-Dur“. Von wegen, der Kontrabass, ein sperriges, schwerfälliges, allein auf tieftönende Effekte ausgerichtetes Instrument. Hier spürte man auch eine federnde Leichtigkeit, die mit den weichen, dunklen Tönen aufs beste harmonierte. Diese uneitel wirkenden Klänge gaben Bachs Musik eine gewisse Getragenheit, in ihrer Intensität eine melodische Größe, ohne je angeberisch zu erschlagen.
Es ist natürlich noch so, dass, wer mit dem Bass konzertiert, mit Strapazen reist. Aber wenn ein Musikabend beim Publikum derart stürmische Begeisterung auslöst - es ist wohl jede Mühe wert.
Jörg Konrad
 
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Samstag 27.10.2018
Germering: Joris Roelofs / Phil Donkin / Han Bennink – Ein Glücksfall
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Germering. Er trommelt wie ein fiebriger Derwisch. Sein Drive ist pure Magie, seine Synkopen erschüttern den Äther. Die Tradition ist ihm unendlich wichtig, trotzdem ist sein Stil individuell. „So, wie ich bin, versuche ich zu spielen“, sagte er vor über vierzig Jahren in einem Interview. Zu dieser Zeit konnte Han Bennink schon auf eine Zusammenarbeit mit Sonny Rollins und Peter Brötzmann, mit Ben Webster und Misha Mengelberg, mit Fred van Hove und Eric Dolphy zurückblicken. Aus heutiger Sicht ein Schattenkabinett großer Jazzsolisten, eine Art Ahnengalerie zeitgenössischer Musik. Gestern Abend spielte der charismatische Meistertrommler mit Joris Roelofs und Phil Donkin in der Germeringer Stadthalle und wertete die an Höhepunkten schon reiche Reihe „Jazz It“ um eine weitere Legende auf.
Eigentlich plante Bassklarinettist Roelofs die Tour mit Schlagzeuger Ted Poor. Doch dieser war verhindert. Ersatz musste her. Bennink Ersatz? Von wegen! Ein Glücksfall, für die Musik, für das Publikum und überhaupt. Von Roelofs und Bennink ist zudem gerade ein Album erschienen: „Icarus“. Das außergewöhnliche Ergebnis ihrer schon Jahre anwährenden Zusammenarbeit.
Die Musik des Trios in Germering klang natürlich anders. Sie war dichter, beweglicher, größer, bunter, wirkte in manchen Momenten gefährlicher und visuell heiterer. Nichts für Avantgarde-Allergiker, auch nichts für Mainstream-Puristen. Sie drehten Monk und Parker durch eine kreative Mangel, füllten eigene Stücke mit scharfsinnigen Improvisationen, fanden immer wieder neue Wendungen und bewegten sich so in diesem wunderbar bizarren Zwischenreich von Tradition und Moderne. Mal kantig provozierend, mal sparsam swingend. Aber immer weit, weit ab aller Beliebigkeit.
Roelofs entlockte seiner Bassklarinette butterweiche Töne - inspirierenden Ideenflügen gleich. Oder er zeigte, welche Kraft und welche Entschlossenheit in seinem Instrument (und in seinem Körper) stecken. Sein Ausdrucksspektrum schien unbegrenzt und sein Sinn für melodische Formen und deren Dekonstruktion waren beeindruckend. Bennink ging rhythmisch hingegen über Stock und Stein. Er nutzte alles was sich im bot (und dem er habhaft werden konnte), um mit den Sticks, Besen und Schlägel seine Geschichten zu erzählen. Er tobte über die Bühne, saß plötzlich unten im Publikum und hielt dabei immer traumwandlerisch die Zeit („Rhythmus spielen ist das schwerste, was es gibt“). Das ist oft nicht nur unkonventionell, sondern sieht manchmal auch verrückt aus („Ich will nicht so statisch spielen, und es soll viel mehr Humor und Unsinn sein“). Und Phil Donkin? Der ließ sich von nichts und niemanden ablenken. Er zog stoisch seine tieftönenden Kreise, hielt dabei die Spannung, bereitete dramaturgische Wendungen vor, gab der Musik Rückrat und seinen Mitstreitern permanente Sicherheit.
Es war insgesamt ein großer Jazzabend, der in der mittlerweile schon über elf Jahre andauernden Geschichte dieser Reihe einfach mit zum Besten gehörte.
Jörg Konrad
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Montag 22.10.2018
Landsberg: Stefano Bollani – Auch als Sänger
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Landsberg. Gibt es etwas, das Stefano Bollani nicht spielen kann? Lässt sich tatsächlich eine Klangsprache finden, die er nicht beherrscht? Schwer vorstellbar. Und wenn doch, dann wäre der italienische Pianist aufgrund seines musikalischen Denkens und spieltechnischen Könnens in der komfortablen Lage, diese scheinbare Lücke in kürzester Zeit zu schließen. Wetten das?
Am Sonntagabend hat der aus Mailand stammende Pianist im Landsberger Stadttheater etwaige Zweifler seines Könnens, sollte es diese überhaupt geben, eines besseren belehrt. Bollani als Virtuose, Bollani im solistischen Stegreifspiel, Bollani als Traditionalist, Bollani als avantgardistischer Entertainer, Bollani im intimen Balladenmodus – und so könnte man die Form der Beschreibung seines Auftritts noch ewig fortführen. Denn all diese, manchmal launenhaft wirkenden Interaktionen, wurden von ihm an diesem Abend in überzeugender Manier geboten. Auch Bollani als Sänger.
Mit an seiner Seite hatte das pianistische Tastengenie, Bollani lernte das Klavierspielen übrigens allein weil er Schlagersänger(!) werden wollte und er sich so entsprechend selbst begleiten konnte, Daniele Sepe (Saxophon, Flöte), Nico Gori (Klarinette) und Bernardo Guerra (Schlagzeug). Eine exzellente Besetzung, die Bollani während aller klanglichen Extravaganzen sicher zur Seite stand, die ihm folgte, ihn inspirierte, ihn auf Augenhöhe begleitete, die selbst solistische Ausrufezeichen setzte und mit der er letztendlich eins wurde.
Das Quartett wirbelte mit Verve durch das „Napoli Trip“-Programm, verströmte ungezügelte Lebenslust und berührende Melancholie im ständigen Wechselspiel. Mal schunkelte die Musik im Walzertakt träge dahin, mal entlud sie sich im fiebrigen Neobop, mal beeindruckte sie mit einer folkloristischen Charmoffensive. Der musikalische Strom an Ideen versiegte jedenfalls nie.
Bollani hatte während des Abends die Fäden des Geschehens fest in seinen Händen. Jedoch nicht, dass er dabei seinen Mitspielern zu wenig Raum gab. Nico Gori erinnerte an der Klarinette allein klanglich immer wieder einmal an die weit zurückliegenden Anfangsjahre des Jazz in New Orleans und Chicago. Bollani fiel es in solchen Momenten nicht schwer, in einen gestenreichen Ragtime-Rhythmus zu verfallen und launenhafte Stride-Zitate zu streuen. Solistisch brillierte Gori mit oft schneidendem Ton in virtuoser Hochenergie. Oder er spielte schwierige, aber federleicht klingende Motive unisono mit seinem Partner am Saxophon Daniele Sepe. Das erinnerte häufig an Straßenmusik oder jene Drehwurmmelodien, die im Süden Italiens an Feiertagen auf den Volksplätzen gespielt wurden. Bernardo Guerra hielt an den Drums die verschiedenen stilistischen Abzweigungen geschickt zusammen. Das war nicht immer ganz leicht, weil immer wieder neue Möglichkeiten im musikalischen Ausdruck spontan genutzt wurden, die zuvor nicht unbedingt abgesprochen wirkten. Einen Sack Flöhe zu hüten, könnte einfacher sein.
Und Bollani? Der wechselte vom Klavier zum E-Piano, sprang auf, klatschte in die Hände, ließ nicht den Hauch eines routinierten Auftritts entstehen. Er spielte das Publikum (und vielleicht auch manchen seiner Musikerkollegen) schwindlig, nutzte mit seinem Können die Möglichkeiten des Musikkabaretts und hatte bei all dem einfach seinen Spaß. Er spielt eben alles. Obwohl – außer vielleicht Ambient- oder Minimal-Music. Da käme er mit seinem Temperament auf jeden Fall in Konflikt.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
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