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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen

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Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte

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Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers

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Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken

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Germering: Denis Gäbel Quartet – Bestimmt und souverän

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Germering: Max Hacker – Meister ihres Fachs

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Foto: Michael Putland / ECM Records
Montag 19.02.2018
Landsberg: Norma Winstone – Verbindet Gegensätze, bricht Distanzen
Landsberg. Kann man über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen? Dieses Jahrhundert-Trio mit dem unvergleichlichen Pianisten John Taylor, dem vollendeten Trompeter Kenny Wheeler und eben dieser beinahe göttlichen Stimme Norma Winstones? Die wenigen Alben, die sie gemeinsam einspielten, sind ganz nahe dem Olymp des Jazz geraten. Auf eine subtile, stille, auf eine poetische Art. Keine gezierten Manirismen, ohne jede hemdsärmelige Attitüde. Fein gesponnene Ideen, die mit zartem Flügelschlag zeitlos durch den Äther geistern, aber den Kontakt zum Hier und Jetzt nie ganz verlieren.
Aber, um auf die anfängliche Frage zurückzukommen: Ja, man kann über Norma Winstone schreiben, ohne Azimuth zu erwähnen. Aber es fällt verdammt schwer, wie man sieht.
Azimuth ist seit über drei Jahrzehnten Geschichte. Die englische Sängerin aber besitzt schon eine geraume Weile ein neues Trio – mit dem italienischen Pianisten Glauco Venier und dem deutschen Holzbläser Klaus Giesing. Und ein neues Album, das dieser Tage bei ECM München erschienen ist. Der einzige Tour-Termin in Deutschland anlässlich dieser Veröffentlichung war gestern, im Landsberger Stadttheater! Glückwunsch den Veranstaltern!
„Descansado - Songs For Films“ heißt die CD und das Programm. Beides gefüllt mit Kompositionen aus überwiegend bekannten Filmen. Doch dieses Trio, plus Helge Andreas Norbakken am Schlagwerk als Gast, setzt eben nicht auf die eingängigen Melodien von Michel Legrand, Ennio Moricone oder Nino Rota, bei denen das Publikum schon nach zwei Takten weiß, wohin die Reise geht. Das wahre Wunder der besten Songs, war einmal zu lesen, liegt im Zusammentreffen eines großartigen Textes mit einer großartigen Melodie. Die Melodien waren vorhanden, einige der Texte schrieb Norma Winston selbst und so entstanden zusätzliche großartige Songs.
Für die englische Norma Winstone ist Gesang immer auch eine eigenständige Kunst. Sie hat sich schon in der Vergangenheit in den unterschiedlichsten stilistischen Bereichen ausprobiert und immer Zeichen gesetzt. Ohne dabei die großen amerikanischen Jazzeusen zu kopieren. Sie fühlte sich schon immer im Umfeld der europäischen Tradition wohler, stand hier der Avantgarde und der klassischen Moderne näher, als den üblichen Traditionalisten. Ihre melancholische Vitalität, ihr gefühlvolles und doch freimütiges Ausloten der Songinhalte machte sie zu einer der sensibelsten Interpretinnen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch in Landsberg war diese völlig eigene Herangehensweise, Songs zu formen, deutlich zu spüren. Winstone übersteigt immer wieder die Demarkationslinie von Jazz und abendländischer Kunstmusik. In beide Richtungen. Mit ihrer klaren Intonation, die nie die Intimität verliert und die immer leicht und schwerelos den Raum ausfüllt, verbindet sie Gegensätze und bricht Distanzen. Es ist egal, ob sie das folkloristische, die kindhafte Melodie oder die reichen instrumentalen Möglichkeiten ihrer Interpretationskunst herausstellt, sie ist authentisch spürbar, individuell und selbstbewusst und damit Ausdrucksstark.
Klaus Giesing ist an Sopransaxophon und Bassklarinette eine zweite Stimme, eine Art Duopartner, der mit erfrischend schroffen Konturen und tief nasaler Klangflächen für einen herausfordernden Gegenpart sorgt. Venier gehört am Klavier wohl zu den sensibelsten und zurückhaltendsten Begleitern. Er entfaltet eine Zartheit, die nichts mit Klavierromantik zu tun hat. Er dient subtil der Musik leise aber hingebungsvoll. Und Helge Andreas Norbakken? Der Norweger unterlegt den Set mit Rhythmen und Geräuschen, sucht ständig nach neuen Klangmöglichkeiten, treibt mit fiebriger Präzision die Musik an und geht lustvoll und mit kindlicher Neugier in den rhythmischen Miniaturen auf.
Zusammen sind die drei Begleiter ein musikalisch verlässlicher Verbund von Farben und Nuancen und Synergien. Und Norma Winstone ein über Jahrzehnte strahlender Leuchtturm, im weiten Rund der täglich wie aus dem Nichts erscheinenden und nach kurzer Zeit wieder entschwindenden Jazzsängerinnen.
Jörg Konrad
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Samstag 17.02.2018
Landsberg: Carlos Cipa & Occupanther – Hörspiel ohne Worte
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Landsberg. Die erste kompromisslose Reduktion im Pop ist dem Punk geschuldet. Nicht unbedingt was seine Intensität betrifft. Aber seine musikalische Komplexheit und auch seine Virtuosität sind hörbar eingeschränkt. Bewusst versteht sich! Und damit stilbildend. Die Bands wollten einfach klingen, nach all dem Bombast zuvor sollte es innerhalb eines Songs archaisch und überschaubar zugehen. Das musikalische Handwerk war zweitrangig. Und der nonkonforme Regelbruch gehörte sowieso zum Programm.
Einige Jahrzehnte später entstand eine ähnliche Bewegung. Und entsprechend den Interpreten, die in diesem Fall allemal Meister ihres Instruments waren und sind, hört sich das Ergebnis völlig anders an. Trotzdem gehören aber Reduktion und Regelbruch auch in der Neo-Klassik zu den herausragenden Merkmalen. Es wundert (theoretisch) also nicht, dass sich Pianisten wie Hauschka, Francesco Tristano, Max Richter oder eben Carlos Cipa in der Frühzeit ihrer Karrieren stark mit Punk und Techno (ebenfalls ein Ergebnis aus Reduktion und Regelbruch) beschäftigten. Musikalisch ist heute davon natürlich nichts mehr zu spüren.  
So auch gestern Abend nicht, als Carlos Cipa und sein Duopartner Martin Brugger alias Occupanther plus Schlagzeuger Simon Popp das Landsberger Stadttheater und sein Publikum mit ihren mäandernden Klängen verzauberten. Dabei erweiterte das Trio den an sich schon weit gefassten Begriff der Neo-Klassik noch um einige Nuancen. Melancholisch schön, zwischen Klassik und Pop, klingt anders. Hier fanden sich klare Bezüge zur elektronischen Musik im Konzept, Soundscapes in bester Soundtrack-Manier eroberten den Raum und Simon Popp unterlegte einen Teil des Sets mit fiebrigen Grooves, die der Musik eine völlig neue, fast experimentelle Richtung gaben. Das Zusammenspiel erinnerte in manchen Momenten an ein Klanglaboratorium, eine Sound-Schmiede auf der Suche nach neuen musikalischen Möglichkeiten.
Ob das Trio fündig geworden ist? Allemal. Auch wenn manches vielleicht nicht ganz so leicht ins Ohr ging, ja regelrecht ein wenig sperrig klang. Aber das hat jeder Art von Musik schon immer gut getan. Zu rütteln an dem Bestehenden, das Bewahrende aufzubrechen, sich selbst auszuprobieren. Und das im öffentlichen Raum. Das Publikum ist immer auch ein Teil dieses kreativen Prozesses, kann daran teilhaben und sich positionieren.
So durchwehte nicht nur ein Hauch von Romantik die alten Gemäuer an der Schlossgasse. Sondern eher der Mut, andere, wenig berührte Wege zu gehen. Die klangen manchmal wie ein Hörspiel ohne Worte, ein Soundtrack ohne Bilder. Aber: Jede Musik entfesselt Bilder. Nicht nur beim Synästhetiker. Von verlassenen, kargen Landschaften, bis zur urbanen Betriebsamkeit, vom scharf geschnittenen Schwarz-Weiß, bis zu kunterbunten Illusionen, von der berauschenden Unendlichkeit kosmischer Dimensionen, bis hin zum Zauber des Mikrokosmos. Vielleicht ja auch völlig entgegen dem, was die Grundidee für Carlos Cipa war.
Bei ihm hat man das Gefühl, er würde den Flügel neu erfinden. Er brilliert nicht am Möbel, er sucht die Töne, die passenden Töne. Und was weit wichtiger ist: Er findet sie. Auch mit Hilfe von elektronischen Hilfsmitteln. Occupanther schafft flächige Sounds, schichtet elektronische Akkorde, verändert Höhen und Tiefen, verändert die Balance. Im Grunde ist das nicht viel  – aber in seiner Wirkung enorm.
Und das Publikum? Es hat sich positioniert und wollte am Ende die Musiker nicht von der Bühne lassen.
Jörg Konrad
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Photos by Antonia Renner
Sonntag 11.02.2018
Landsberg: Edi Nulz – Hüter des Feuers
Landsberg. Wer in der Besetzungsliste des Trios Edi Nulz das Bandmitglied Edi Nulz sucht, wird nicht fündig werden. Der zugegeben etwas verschrobene Name dient allein als Signum, für dieses österreichische Subunternehmen in Sachen Jazz. Eine Band, die das Konventionelle in der Musik auf den Kopf stellt und gerade deshalb glaubwürdig klingt. Gestern Abend gastierten Siegmar Brecher (Bassklarinette), Julian Adam Pajzs (Gitarren) und Valentin Schuster (Schlagzeug), alias Edi Nulz, im Landsberger Stadttheater. Und wer entsprechend der fünften Jahreszeit eine puppenlustige Faschingstruppe erwartete, der wurde ebenfalls enttäuscht (wer den Veranstalter Edmund Epple zumindest ein wenig kennt, hätte einen solchen Programmpunkt auch gar nicht erst erwartet). Normwidriges auf ganzer Linie also.
Edi Nulz, das ist pure Energie aus Rock, Funk, Punk, Blues und jeder Menge Jazz. Auch wenn Vergleiche bekanntlich hinken, aber es gab zu Anfang der 1970er Jahre eine Band, die ähnlich unterwegs war: Back Door, ein Trio aus der britischen Provinz, mit weltweiter Anerkennung. Ob sich die drei Mannen von Edi Nulz bei ihrer Umsetzung an deren musikalischen Gebräu orientieren, ist hier nicht bekannt. Und letztendlich auch herzlich egal. Das Publikum in Landsberg bekam jedenfalls ein grandioses, aber auch herausforderndes Konzert geboten. Frech wie impertiment, archaisch, provozierend, intensiv bis es quietscht. Die ständigen Harmonie- und Rhythmuswechsel, die erfrischenden Ideen im Sekundentakt, die hinreißende Beherrschung des Instrumentariums – Edi Nulz klingen wie die Hüter des Feuers.
Allein die Besetzung des Trios kann als Herausforderung verstanden werden. Die tief-sonore Bassklarinette als Leadinstrument, als Geräuschquelle, als Mittelpunkt dieser Hardcore Kammermusik zu nutzen, ist schon ein kleiner Geniestreich an sich. Siegmar Brecher wirft damit auch unablässig Klangproviant in den musikalischen Ring. Er schraubt die Stimmung so wunderbarer Songs wie „Raumlatain“, „Stehplätze im Stadion“, „Stress“ oder „Kraftlatein“ in schwindelerregende Höhen. Dieses Instrument ist, wie Hans-Jürgen Schaal einmal schrieb, „ … laut wie ein Saxofon, kann jaulen wie eine Schalmai, quäken wie eine Sirene, brummen wie ein Didgeridoo und schnurren wie ein Akkordeon.“ Vorausgesetzt natürlich, man weiß dieses eigenwillig geformte Instrument zu Handhaben. Und Brecher spielt es mit einer oft zornig wirkenden Attitüde, mit vollem Risiko, was der Musik diesen mutig unkonventionellen Charakter gibt.
Julian Adam Pajzs spielt seine Gitarren deutlich gegen den Strom. Er zimmert mit ihr immer wieder am rhythmischen Fundament der Stücke. Er klingt manchmal wie ein inspirierter Arto Lindsay aus der New Yorker Downtown Szene, dann wieder wie einer dieser Gitarreros, die im Schwermetall zu Hause sind. Er wechselt vom Swing, zum Funk, zum Blues, streift dabei die Post-Punk-Ära und erinnert zeitweise an Jimi Hendrix.
Und am Laufen hält die gesamte Musik Schlagzeuger Valentin Schuster. Er ist der verbindende Teil, der, der das Tempo (wie beiläufig, aber hörbar) angibt und für die bemerkenswerte Energie sorgt. Ein Vulkan an den Drums, spannend, prickelnd, überzeugend.
Es ist ein loderndes Vergnügen, dieses Trio Live zu erleben. Und es tut gut, bei aller Ernsthaftigkeit der Musik, zu erleben, wie in einer Welt der Wichtigtuer und Maulhelden manche Menschen noch genügend Humor besitzen, über sich selbst zu lachen – und dabei große Kunst abliefern.
Jörg Konrad
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Sonntag 21.01.2018
Gröbenzell: Katona Twins Gitarrenduo – Gegensätze überbrücken
Gröbenzell. Was haben der Barockkomponist Georg Friedrich Händel, die Tango-Legende Astor Piazzolla, der Spanier Isaac Albéniz oder die Rockband Queen gemeinsam? Stilistisch gesehen eher wenig. Aus der Sicht des Gitarrenduos Katona Twins gibt es zwischen all diesen Größen ihrer jeweiligen Epoche aber mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede. Denn Peter und Zoltán Katona denken in Musik – und nicht in Stilen, wie sie am gestrigen Samstag in Gröbenzell unter Beweis stellten. Und so kommt es, dass all die ganz persönlichen Favoriten der ungarischen Zwillingsbrüder in die engere Repertoire-Auswahl eines Konzertabends gelangen.

Beide besitzen sowohl eine künstlerische Identität als auch eine starke Persönlichkeit, um mit ihrem Spiel Gegensätze zu überbrücken, ja auszugleichen, bzw. der Musik, egal welchen Ursprungs, einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. So wird ihr Spiel zu einer wunderbaren in sich geschlossenen Reise durch die Welt der Musik. Sie erkunden die unterschiedlichsten auch ethnischen Klang-Landschaften, bewegen sich gekonnt und sicher zwischen den Jahrhunderten, ohne dass es bei ihrem Auftritt zu irgendeinem musikalischen Bruch kommen würde.

Und auch der bei allen nicht unbedingt geliebte Crossover kommt nicht zum gitarristischen Zug. Nichts bewegt sich bei ihnen in musikalisch flachen Gewässern. Jedem Stück geben sie eine respektvolle, individuelle Tiefe, einen ganz eigenen, warmen Charakter, der aber letztendlich auch eine hörbare Visitenkarte, ein Teil ihres persönlichen Ausdrucks ist.

Und sie erschlagen, bei aller spieltechnischen Versiertheit, das Publikum nie mit ausufernder Virtuosität. Sie spielen sich zwar fulminant die kompositorischen Vorlagen und improvisatorischen Ideen zu, und ihr Spiel greift, besonders bei den Spaniern Enrique Granados und Manuel de Falla, teilweise explosionsartig, auch perkussiv, ineinander. Nie kommt es aber zu langen solistischen Kraftakten. Ihr Erkennungszeichen ist das harmonische wie temperamentvolle Miteinander, eine atmende Dynamik, wobei sie die Tiefe der eigenen Erfahrungen und Emotionen ausloten. Und das die beiden, mit Wohnsitz Liverpool, als eine der beiden Zugaben die Beatles-Nummer „Eleanor Rigby“ anstimmen, macht ihren Ansatz deutlich, dass auch die Moderne Klassiker hervorbringt und ein Klassiker modern interpretiert werden kann. Es ist alles nur eine Frage der Sicht- und Herangehensweise.

Jörg Konrad

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Samstag 13.01.2018
Germering: Denis Gäbel Quartet – Bestimmt und souverän
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Germering. Das alte Jazzjahr endete in Germering mit dem grandiosen Auftritt des Max Hacker Trios. Das neue Jahr beginnt ebenfalls mit einem deutschen Saxophonisten. Denis Gäbel eröffnete mit seinem Quartett gestern Abend die neue Saison der Reihe Jazz It. Was sagt uns das? Einerseits, dass vor den Toren der bayrischen Landesmetropole weiterhin außergewöhnliche Konzerte mit zeitgenössischem Jazz präsentiert werden (und das übrigens nicht nur in Germering!). Andererseits, dass der Jazz in Deutschland ausgezeichnet aufgestellt ist. Vielleicht war er sogar nie in dieser qualitativen Fülle mit jungen Instrumentalisten bestückt, wie es momentan der Fall ist. Musiker, die sich intensiv der Suche nach einer eigenen, individuellen Stimme im Chor des Jazz widmen und sich zudem immer wieder als hochinteressante Komponisten outen.
Auch das Repertoire des Denis Gäbel Quartet setzte sich überwiegend aus Eigenkompositionen zusammen. Swingender Mainstream, der, exzellent gespielt, nun wirklich nichts von einem „alten Hut“ hatte. Unglaublich frisch setzten Sebastian Sternal (Piano), Martin Gjakonovski (Bass), Silvio Morger (Schlagzeug) und Saxophonist Gäbel ihr geschriebenes Material um. Dringende Rhythmen, tragende Harmonien und packende Themen zeichneten das Konzert aus.
Gäbel phrasierte erfahren und temperamentvoll. Er wirkte sicher am Instrument, manchmal unbekümmert, manchmal leidenschaftlich, aber immer hochkonzentriert. Nichts klang routiniert bei ihm, nichts launenhaft. Sein Sound war kräftig und in den wunderbaren Balladen blieb sein Ton bestimmt und souverän – trotz aller Melancholie. Die Solostrecken waren geschickt aufgebaut, intelligent umgesetzt und kamen so seiner kultivierten Spieltechnik sehr entgegen.
Und trotzdem widerstand er den möglichen Gefahren, seine instrumentalen Muskeln spielen zu lassen, kraftmeierisch den Rest der Band zu dirigieren. Das Zeug dazu hätte er allemal. Gäbel ließ genügend Raum, vor allem für seinen Pianisten, den grandiosen Sebastian Sternal. Dessen Ideen und Wendungen, sein gruppendynamisches Feingefühl gaben der Musik einen zusätzlichen ästhetischen Schub. Sternal, der im letzten Jahr den Jazz-Echo erhielt, bewegt sich in einer faszinierenden Klarheit zwischen moderner Klassik und Jazz. In einer kommunikativen Lockerheit ging er unvorhersehbare Wege, improvisierte zwischen den Eckpfeilern eines lyrischen Selbstgesprächs und extrovertierter Interaktion. Ein Schöngeist mit Sinn für riskante Manöver.
Und dann dieses Rhythmus-Duo. Bassist Martin Gjakonovski setzte pausenlos strapazierfähige Fundamente, rhythmische Fundamente. Bodenständig, filigran, tieftönend. In sich geschlossen, aber mit Möglichkeiten für die forcierende swingenden Grooves des Schlagzeugers Silvio Morger. Er trommelte ebenso gruppendienlich, wie herausfordernd und antreibend. Die beiden animierten die andere Hälfte des Quartetts zu ständigen Höhenflügen, vermittelten dabei eine brillante Sicherheit. Musik aus einem Guss, die einen der vielleicht interessantesten Jahrgänge im Germeringer Jazzgeschehen einläutete – in einer ansonsten schon hervorragend kuratierten Reihe – unter dem Titel Jazz It.
Jörg Konrad
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Samstag 16.12.2017
Germering: Max Hacker – Meister ihres Fachs
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Germering. Vor sechzig Jahren erschien eines der großen Trio-Alben im Jazz. Im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens: Das Tenorsaxophon, gespielt von Sonny Rollins. „Way Out West“ hat Generationen von jungen Tenoristen beeinflusst. Und selbst heute noch ist Rollins auf Tour und spielt und spielt und spielt – seine Musik.
Mit Sicherheit dürfte auch Max Hacker aus Berlin dieses Album kennen. Denn ähnlich wie Rollins spielt auch der Berliner das Tenorsaxophon. Zudem arbeitet er mit Bass und Schlagzeug, zumindest momentan, im eigenen Trio. Ohne Klavier! Wie Rollins damals. Doch kompositorisch zieht es Hacker eher in Richtung John Coltranes, wie gestern zum Abschluss der diesjährigen Reihe „Jazz It“ in Germering, und zu Thelonius Monk, dem genialen Pianisten und einstigen Begleiter sowohl Sonny Rollins als auch John Coltranes. Von beiden hatte Max Hacker einige Kompositionen im Repertoire-Gepäck und beide interpretierte er mit Bassist Lars Gühlcke und Schlagzeuger Roland Schneider auf eine eigene, ganz individuelle Weise.
Sicher, etwas Mut gehört prinzipiell dazu, sich an diesen Giganten zu probieren. Doch gleichzeitig bietet diese Art der Besetzung eine enorme Freiheit, den Stücken seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken. Ökonomisch, fantasievoll, frei. Max Hacker greift neben dem Tenor zwischenzeitlich auch zur Bassklarinette und zur Alt-Flöte und erweitert dadurch das Klangspektrum seines Trios deutlich.
Auffällig ist, bei aller spieltechnischen Versiertheit, die Zurückhaltung, mit der sich der Instrumentalist den Vorgaben widmet. Hacker formt aus den Themen wunderbar flüssige, verspielte, dabei aber konsequent aufgebaute Solos. Er findet die Balance zwischen einer elegisch süffisanten und einer übermütig aufschäumenden Spielhaltung. Seine Phrasierung wirkt eher nachdenklich, gelassen und bemerkenswert strukturiert. Selbst ein Stück, das er inhaltlich als Free-Jazz anmoderiert, verströmt etwas sinnlich spannungsgeladenes, eine gewisse Coolness – statt reizüberflutendem Muskelspiel. Er besitzt zudem einen bodenständigen Ton, der dem mittleren Tempo ein an der Realität ausgerichtetes Lebensgefühl vermittelt.
Unterstützt und angetrieben wird Max Hacker von seinen beiden Partnern am Bass und Schlagzeug. Sie arbeiten hart, wirbeln rhythmischen Staub auf, swingen ungebunden, inspirieren und provozieren. Sie füllen Lücken und wechseln die Tempi und ein Schlagzeug als Solostimme einer Ballade, wer hat so etwas schon gehört?
Das Trio löst gemeinsam die Konturen auf, spielt an den ausgefransten Rändern der Kompositionen, da hier die größtmögliche Freiheit herrscht. In diesem Areal sind sie die Meister ihres Fachs.
Ein wunderbarer, beflügelnder Abschluss der diesjährigen Reihe, der zugleich schon neugierig auf das Kommende macht. Übrigens war es das insgesamt 90. Konzert, das in Germering unter der Überschrift „Jazz It“ stattfand. Gratulation!
Jörg Konrad
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