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Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Sokratis Sinopoulos Quartet - Erhabenheit und Temperament

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München: Brötzmann plus ….. - Voller Kraft und Lust

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Gilching: Matthias Bublath – Schwarz-weißer Tastenzauber

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Fürstenfeld: Tingvall – Verspielt

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Landsberg: Dame Gwyneth Jones – Weltpremiere am Lech

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Olching: Pandit Ranajit Sengupta – Ferne Sehnsuchtspunkte

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Sonntag 07.05.2017
Landsberg: Sokratis Sinopoulos Quartet - Erhabenheit und Temperament
Landsberg. Im hinteren Teil eines kleinen Elektrofachgeschäftes in der Pasinger Gleichmannstraße begann vor knapp fünf Jahrzehnten völlig unspektakulär die Geschichte eines der heute weltweit wichtigsten und stilbildenden Musik-Label: ECM. Angefangen mit zeitgenössischem Jazz wurde später (improvisierte) Weltmusik und auch Moderne Klassik in den hauseigenen Katalog aufgenommen. Das Ergebnis sind, neben über 1200 Veröffentlichungen, ungezählte internationale Preise. Es bedarf schon einer außergewöhnlichen Kreativität und eines sicheren Gespürs für neue musikalische Entwicklungen, um über diesen langen Zeitraum eine derartige Qualität im ansonsten eher kurzlebigen Musikzirkus zu halten.
Entsprechend ist Eigner und Produzent Manfred Eicher fast manisch auf der Suche nach neuen Klängen und unbekannten Instrumentalisten. Weltweit! Und ganz das bekannte Zitat Picassos ausfüllend, „Ich suche nicht, ich finde“, hat er immer wieder neue Klänge und Instrumentalisten entdeckt und mit ihnen glückseligmachende Produktionen veröffentlicht.
Einer von diesen Entdeckungen ist Sokratis Sinopoulos, einer der ganz wenigen Lyra-Spieler im Jazz unserer Tage. Am Samstag war der Grieche mit seinem Quartett im Landsberger Stadttheater und hat hier sein 2015 bei ECM erschienenes Album „Eight Winds“ präsentiert.
Sinopoulos beherrscht die mit dem Bogen gestrichene, aus dem 9. Jahrhundert v.Chr. stammende Kurzhalslaute virtuos und er ist zudem ein unglaublich wendiger Improvisator, der die kulturellen Einflüsse und Traditionen seiner Heimat geschickt in sein Repertoire einbaut. „Ich lebe in einem Land mit einer starken Tradition. Eine starke Tradition hat viele Vorteile. Es ist fast so, als hätte man eine Zeitmaschine, die einen ins Mittelalter zurücktransportieren oder auf eine Reise durch die Geschichte Griechenlands, des Balkans und vieler anderer Länder schicken kann“, sagte er in einem Interview.
Im Mittelpunkt seines Spiels stehen wunderbare (ost-) mediterrane Melodien, deren Melancholie und Stolz der Musik einen äußeren Rahmen geben. Hier ist es nicht unbedingt nötig, die Geschichte des westlichen Jazz verinnerlicht zu haben. Sinopoulos Kompositionen sind auch immer ein Teil der griechischen Historie. Sie atmen die Natur und Menschen des Landes und der angrenzenden Regionen und man kann insofern bei seinem Vortrag von einer Klangodyssee im eigentlichen Sinne sprechen. Es ist ein später wie wehmütiger Blick zurück, auf die Blütezeiten der griechischen Kultur. Zugleich zeigt die Musik, wieviel Schönheit, Erhabenheit und Temperament auch heute noch in ihr zu entdecken ist. Man muss sich nur auf sie einlassen – und die derzeitigen destruktiven politischen Kommentare ein wenig ausblenden.
Sinopoulos möchte seine Musik aber nicht als eine Art Fusion verstanden wissen, unter dem Küchenmotto: Man nehme. In der Musik des Quartetts, mit Yann Keerim (Klavier), Dimitris Tsekouras (Bass) und Dimitris Emanouil (Schlagzeug), fließt zusammen, was in den vier Einzelpersönlichkeiten der Musiker steckt. Sie alle haben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erfahrungen gesammelt, die sie in ihrer Musik bündeln und damit zu einer ganz eigenen, unverwässerten Aussage kommen. Das ist auch der Grund, warum nichts von dem was sie spielen austauschbar oder gar beliebig klingt. Dafür gehen sie viel zu sehr aufeinander ein, ist ihre Herangehensweise zu stark von einer gelebten Sensibilität und Gruppendynamik geprägt, ist ihre Musik zu fein gesponnen. In ihr steckt eben zeitgenössischer Jazz, (improvisierte) Weltmusik und auch Moderne Klassik. Zeitlos schön einfach.
Jörg Konrad
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Samstag 06.05.2017
München: Brötzmann plus ….. - Voller Kraft und Lust
München. Es gab Zeiten, in denen alles Neue aus den USA kam. Die Freizeit- und Fernsehkultur, sagenhafte Essgewohnheiten, der Beginn der Raumfahrtentwicklung, die Sprache – in Form von Anglizismen. All dies hatte seinen Ursprung in der Neuen Welt. So auch der Jazz. Zwar spielte man ihn ebenfalls in Europa, doch alle blickten stets erwartungsvoll über den großen Teich, um zu hören, welche Veränderungen es in der Musik als nächstes gäbe. Eine Sichtweise, die auch den Beginn der Karrieren von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach vor über fünf Jahrzehnten deutlich geprägt hat. Doch sie und ihre Mitstreiter sollten diese scheinbare Abhängigkeit zugunsten einer europäischen Entwicklung im Jazz bald selber ändern.
Gestern Abend waren der in Remscheid gebürtige Saxophonist Brötzmann und der aus Berlin stammende Pianist Schlippenbach zu Gast im Münchner Haus der Kunst. Und an ihrer Seite eine illustre Schar von Gleichgesinnten. Musiker, die in der freien Improvisation zu Hause sind, Instrumentalisten, die sich von den Verlockungen des Musikmarktes nicht beeindrucken lassen, Solisten, die mit Energie und Zielstrebigkeit den eigenen Ideen folgen.
Zwar etwas in die Jahre gekommen haben sich die Alten, in ihren frühen Schaffensjahren oft von außen angefeindeten Kämpen, mit ihren Idealen gehalten und unter der Überschrift „Brötzmann plus …..“ mit der nächsten Generation zeitgenössischer Instrumentalisten zusammengetan. Auf der Bühne standen und saßen am Freitag Toshinori Kondo (Japan) Joe McPhee und Heather Leigh (USA) Marino Pliakas (Griechenland) Han Bennink (Niederlande) und präsentierten in unterschiedlichen Besetzungen ein berauschendes Fest der freien Improvisation. Es wurden Strukturen aufgelöst, neue Verbindungen unter den Gruppenmitgliedern geschaffen, Ideensplitter verdichtet, risikobewusst agiert. Es war ein ständiger Wechsel von Formen und Farben, von abrupter Spontanität und sich entwickelnder Ganzheitlichkeit.
Gleich im ersten Set standen mit Brötzmann, Schlippenbach, Kondo (Trompete) und Bennink (Schlagzeug) vier miteinander längst vertraute Freigeister auf der Bühne. Ungeschliffen und rauh, manchmal fast wuchtig und radikal trafen ihre instrumentalen Stimmen aufeinander und entwickelten immer wieder aus diesen aufschäumenden Gemeinschaftsimprovisationen Momente filigraner Poesie. Irgendwo am Horizont glaubte man eine ferne Blueskapelle zu vernehmen, die vom trommelnden Han Bennink ausging und in den Akkorden des Pianisten eine Entsprechung fand. Dann wieder der Bruch und die Hinwendung zur leidenschaftlichen Dramaturgie der Freiheit. Kreative Explosionen und wohltuende Subversivität als brillanter Spannungsbogen.
Brötzmann arbeitet schon eine Weile mit der amerikanischen Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh im Duo. Und es ist erstaunlich und faszinierend zugleich, zu welchen Klangerlebnissen selbst so unterschiedliche instrumentale Herangehensweisen führen. Nichts da, mit der heilen Country-Welt. Heather Leigh versteht es, mit sich überlagernden Klangkaskaden eine völlig neue Sichtweise auf ihrem Instrument zu entwerfen. Mit Brötzmann an der Seite wird aus der Pate stehenden Folklore ein pulsierendes Spiel von Distanz und Nähe, ein klangliches Umwerben, ein leidenschaftlicher Dialog zwei freier Radikale. Voller Kraft und Lust.
Den Rahmen für die beiden Konzerte am gestrigen Freitagabend und heutigen Samstag bildet die Ausstellung „Free Music Production / FMP: The Living Music“, die noch bis zum 20. August im Haus der Kunst zu sehen sein wird. In ihr widmen sich die Macher dem wichtigsten europäischen Plattenlabel (FMP), das von 1968 an unter der Leitung von Jost Gebers und der Beteiligung von Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach europäischen Free Jazz veröffentlichte und damit eigenständig wie unabhängig den Musikern die Verantwortung für ihr Produkt übertrug.
(Weiteres Konzert heute am 6. Mai um 19.00 Uhr im Haus der Kunst mit gleichen Musikern aber in unterschiedlichen Besetzungen)
KultKomplott

Abbildungen:

- Peter Brötzman: Thomas Hendrich und Ziga Koritnik
- Alexander von Schlippenbach: Manfred Rindersbacher
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Samstag 29.04.2017
Gilching: Matthias Bublath – Schwarz-weißer Tastenzauber
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Fotos: Zach Smith und Phillipp Wulk
Gilching. Er hat momentan gewaltig Konjunktur. Zumindest in der Region. Dabei musste man ihn bis Mitte der 1990er Jahre zu oft vergeblich suchen: Der Jazz. Heute ist er fester Bestandteil des hiesigen Kultur-Alltags. Neben Fürstenfeld, Germering, Puchheim und Maisach hat seit dem gestrigen Abend auch Gilching eine eigene Reihe in der ordentlich Jazz präsentiert wird. „Musik im Rathaus“ heißt das neue Angebot, das von dem Pianisten und Orgelspieler Matthias Bublath und seinem Programm „Solo Piano & Organ Visions“ eröffnete wurde. Gute zwei Stunden, in denen der groovende und swingende schwarz-weiße Tastenzauber im Mittelpunkt stand.
Bublaths Repertoire umfasst ein breites Spektrum an stilistischen und ästhetischen Spielweisen. Er ist ein vitaler und hingebungsvoller Virtuose am Instrument, der den Punch des Funk liebt. Entsprechend war der Herbie Hancock-Klassiker „Chamaleon“ Teil seines Repertoires. Von hier ist es nicht allzuweit zu den erfrischenden rhythmischen und harmonischen Verrenkungen brasilianischer Musik. Egal ob er eine sehr persönliche Variante der Antonio Carlos Jobim Hymne „Girl From Ipanema“ präsentierte, oder mit eigenen Kompositionen seine Faszination für dieses Land und seine Musik ausdrückte – es waren die Momente, in der seine ganze Kreativität und sein Temperament zum Ausdruck kamen. Beinahe explosiv seine Technik und intensiv seine klar strukturierten Improvisationen.
Bublath spielte aber auch gezügelten Hardbop (Tom Harrells „Sail Away“), furiosen Boogie Woogie (Billy Strayhorns „Take The A Train“) und natürlich auch Songs aus dem „Great American Songbook“ (John W. Greens Ohrwurm „Body And Soul“). Er vermittelt das Gefühl, es gäbe nichts, im weiten Rund des Jazz, was er nicht beherrschen würde.
Zwischenzeitlich griff er dann immer wieder in die bereit stehende, beeindruckende B3 Orgel, ließ sie fauchen und aufheulen, entwickelte mutige Visionen und überbrückte Widerstände. Das Zusammenspiel von Orgel und Klavier - ausgefeilte Technik macht`s möglich - ist klanglich vielleicht etwas erst zu erschließendes Neuland. Und wenn dann auch noch die Melodika das „Ein-Mann-Tasten-Trio“ komplettiert, bekommt der Sound noch einmal eine andere Dimension.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Matthias Bublath zu recht nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht, selten gehörte Klangfarben in Verbindung bringt und ausprobiert und damit die Topografie des Jazz ein Stück erweitert.
Die Reaktion des Publikums im sehr gut besuchten Rathaussaal machte zudem deutlich, dass der Jazz in Gilching sehr wohl eine neue Heimat finden kann. Das nächste Konzert steht auch schon fest: Es gastiert das erfolgreiche Duo Le Bang Bang, mit Stefanie Boltz und Sven Faller, am 2. Juni 19.30 Uhr an gleichem Ort.
KultKomplott
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Donnerstag 27.04.2017
Fürstenfeld: Tingvall – Verspielt
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Fürstenfeld. Jimmy Giuffre, der große Saxophonist und Klarinettenspieler, hat schon in den 1950er Jahren gesagt: „Der Drive, der die Pulsierung schafft, muss in dir sein. Ich verstehe nicht die Notwendigkeit, dass jemand anderes dich treiben soll“. Und er meinte damit das unbegleitete Spiel, die Soloperformance im Jazz. Heutzutage ist die „Kunst des Solo“ etwas fast Alltägliches geworden. Oder sagen wir besser, man trifft im Bereich der zeitgenössischen Improvisation der Gegenwart häufiger auf musikalische Abenteurer, die sich allein mit ihrem Instrument auseinandersetzen. Einer von ihnen ist Martin Tingvall, der schwedische Pianist mit Wohnsitz Hamburg. Seine Musik ist die Summe verschiedener Einflüsse, die ihn und seinen Personalstil prägen. Gestern Abend war Tingvall, wie er sich kurz und knapp nennt, in Fürstenfeld, um sich allein am Flügel zu präsentieren.
Im Vordergrund des Abends stand seine Schwäche für romantische Ideen. Er ist ein von schönen Melodien und beseelten Harmonien fast besessener Pianist. Ein Ästhet der 88 Tasten, dem die elegante Ausformulierung seiner Leitmotive wichtiger erscheint, als eine rustikale, avantgardistische jazzmusikalische Auseinandersetzung. Fast kindhaft muten manche seiner Melodien an, die er beherzt umspielt und dabei jenen „Drive“ spüren lässt, von dem Jimmy Giuffre sprach. Es sind helle Improvisationen, die sich aus den Themen entwickeln, ein rhythmisch treibendes Verlagern, Vorwegnehmen, Auslassen und Verzögern. Statt rätselhaftem eher verspieltes. Das wirkt erfrischend und musikalisch profund und will so gar nicht an die Zusammenarbeit der letzten Zeit mit Udo Lindenberg erinnern. Insofern erinnert er ein wenig an Dominic Miller, den argentinischen Gitarristen, der seit Jahren Gordon Matthew Thomas Sumner, besser bekannt unter dem Namen Sting, begleitet. Zwei Welten, die im Grunde aber eine einzige ist.
KultKomplott
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Montag 24.04.2017
Landsberg: Dame Gwyneth Jones – Weltpremiere am Lech
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Landsberg. Am frühen Sonntagabend kamen im Rahmen der Rathauskonzerte gleich einige Superlative zusammen: Da war mit Dame Gwyneth Jones eine der weltweit bedeutendsten Sopranistinnen zu Gast in Landsberg. Mit „Enoch Arden“, in der musikalischen Bearbeitung von Richard Strauss, stand ein eher selten aufgeführtes Melodram auf dem Programm, das von dem heute fast vergessenen Dichter Lord Alfred Tennyson (1809-1892) stammt. Dame Gwyneth Jones interpretierte dieses klassische Kleinod der moderneren Musik mit ihrem Partner Adrian Müller am Klavier in Landsberg erstmalig öffentlich, so dass man zu Recht von einer „Weltpremiere am Lech“ sprechen kann. Und wenn auch, sozusagen als kleiner Wermutstropfen, die im walisischen  Pontnewynydd geborene Sopranistin an diesem Abend keinen Ton sang, so war doch ihre Interpretation des dramatischen Textes aus der viktorianischen Zeit etwas ganz außergewöhnliches, die vom Publikum zu Recht mit großer Begeisterung aufgenommen wurde.
„Enoch Arden“, das ist zusammengefasst die Geschichte von Annie, Philipp und Enoch, die auf einer kleinen englischen Insel schon als Kinder eng befreundet sind. Enoch und Philipp verlieben sich in jugendlichem Alter in Annie, die sich letztendlich für Enoch entscheidet. Das Paar lebt einige Jahre glücklich und aber nicht sorgenfrei zusammen und bekommt drei Kinder. Doch das entbehrungsreiche Leben und das Fernweh zieht Enoch hinaus auf hohe See.
Sein Schiff gerät in einen Sturm, geht unter und nur er allein kann sich auf einer einsamen Südseeinsel retten, auf der er über zehn Jahre überlebt. Durch Zufall wird er entdeckt und kehrt in den kleinen Hafen seiner Heimatstadt zurück.
Hier hat in der Zwischenzeit Annie, vom Tode ihres Mannes überzeugt, Philipp geehelicht. Enoch sieht die beiden in ihrem neuen Glück, gibt sich selbst aber nicht zu erkennen und stirbt nach einem Jahr an gebrochenem Herzen.
Dame Gwyneth Jones gelang es auf ganz unprätentiöse Weise diese mitfühlende Ballade zu interpretieren. Sie nahm dem manchmal arg pathetischen, aber hochpoetischen Text jede Form der Verspanntheit. Ihr gelang es, die Macht der Naturgewalten aufbrausend zu schildern. Sie deklamierte den Text in seiner ganzen Tragik und gab der Übersetzung von Adolf Strodtmann in ihrem Vortrag den nötigen Fluss. Das ganze seelische Elend, die Trauer und menschliche Verzweiflung, der Schmerz, haben bei ihr, ganz der Vorlage verbunden, etwas gewollt Schicksalhaftes. Und in ihrer rezitatorischen Anteilnahme gelingt Dame Gwyneth Jones das seltene Kunststück, das Publikum, den Raum, die Gegenwart in die Handlung einzuspinnen. Sie machte die  leiseste Pein und die größte Not fast körperlich spürbar. Vehement und ausdrucksvoll.
Unterstützt wurde das textliche Geschehen durch die einerseits sparsame, hin und wieder auch furiose pianistische Begleitung Adrian Müllers. Wie ein emotionaler Handlauf stützte er mit seinen kurzen Einlassungen die Handlung, wiederholte klanglich deren Inhalte, untermalte manches Stimmungsbild virtuos und spielt dabei sehr formbewusst. Er gab den wortgewaltigen Bildern eine emotionale Entsprechung, ein stimmungsreiches Lodern.
Richard Strauss hat sich in seiner kompositorischen Arbeit stark zurückgehalten. Ganz dem Gedanken verpflichtend, weniger ist mehr. Geschrieben hat er die Musik, nachdem er die Ballade erstmals begeistert hörte, 1897. Uraufgeführt wurde das Stück noch im selben Jahr, in München, mit ihm selbst am Klavier.
Jörg Konrad
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Sonntag 23.04.2017
Olching: Pandit Ranajit Sengupta – Ferne Sehnsuchtspunkte
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Olching. Ragas sind Teil der klassischen indischen Musik, die auf der Grundlage von auf- und absteigenden Tonskalen und spezifischen melodischen Strukturen bestimmte emotionale oder atmosphärische Befindlichkeiten ausdrücken. Vieles geschieht musikalisch auf dem Boden der Improvisation und zeigt insofern, bei aller Unterschiedlichkeit, auch eine gewisse Nähe zum Jazz.
Und vielleicht lässt sich von diesem Verständnis ausgehend, die Musik des nordindischen Sarodspielers Pandit Ranajit Sengupta am besten aufnehmen. Sengupta, ein ausgezeichneter Virtuose auf diesem Lauteninstrument, war am Sonntag mit Jayanta Sarkar (Tabla) und Rajarshi Sengupta (Mandoline) Gast der Reihe „11-11“ in Olching. Der Klang dieser komplexen, tradierten Strukturen fernöstlicher Musikklassik hatte etwas stark Kontemplatives, was es in den zurückliegenden 146. Eleven-Eleven-Matinees nur ganz selten gab. Es war eben eine Begegnung mit einer der ältesten Musikkulturen, die einer spirituellen musikalischen Erzählweise sehr nahe kam. Und tatsächlich sind musikalische und spirituelle Gesichtspunkte hier stark ineinander verwoben. Zudem vermittelt allein der Klang der Sarod ein Gefühl von fernen Sehnsuchtspunkten, die durch die begleitenden Rhythmusfiguren der Tabla einen leise brodelnden, manchmal sogar fiebrigen Unterbau erfahren.
Wie nah uns Mitteleuropäern die klassische indische Musik im Laufe der letzten Jahrzehnte gekommen ist, lässt sich an einigen wenigen Beispielen verdeutlichen. Da wäre vor allem der „Weltbotschafter“ des Raga, Ravi Shankar zu nennen. Unermüdlich hat er von den frühen 1960er Jahren an die östliche Musik seiner Heimat in die westliche Welt transportiert. Der aus einer Brahmanenfamilie stammende Sitarspieler galt zu Lebzeiten als ein Meister der Ragas, dessen transzendentes Spiel die Menschen spirituell erreichte. Und durch seine Kollaboration mit vielen Musikern der aufkeimenden Pop-Ära erreichte die indische Musik, zwar als eine Symbiose, aber immerhin ein Millionenpublikum. Später gab es Fusionen von Jazz und indischer Musik, die in der sogenannten Weltmusik gipfelte.
Insofern haben sich die Hörgewohnheiten positiv verändert und es ist doppelt erfreulich, dass in einer hauptsächlich der europäischen Klassik vorbehaltenen Musik-Reihe, wie sie die Matinee „11-11“ darstellt, auch die Klangwelt des subtropischen Kontinents einbezogen wird. Das ist gelebte Toleranz und Respekt und kommt ganz einem Ausspruch Mahatma Ganghis nahe: „Die Fenster und Türen meines Hauses sollen weit offen stehen. Ich möchte, dass die Kulturen aller Länder frei in mein Haus strömen. Aber ich weigere mich, mich allein einer einzigen Kultur zu überlassen.“
Das noch vor dem Konzert die 25.000 Besucherin der Matinee seit 2005 begrüßt werden konnte, spricht nur für diese Reihe, die ein wichtiger wie fester Bestandteil des Kulturlebens über die Region hinaus ist.
Jörg Konrad
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