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Inhaltsverzeichnis
Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenz...

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Fürstenfeld: Michael van Merwyk & Steve Baker – Blues als Inspiration...

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Landsberg: „Alice“ - Ein magischer Theaterabend

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Puchheim: 3. Puchheimer Bluesfestival – Im Grunde alles ganz einfach

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Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins

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Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude

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Samstag 14.04.2018
Iffeldorf: Valeriy Sokolov & The Menuhin Academy Soloists – Differenziert und kontrastreich
Iffeldorf. Antonio Lucio Vivaldi hat im Laufe seines Lebens über 1000 Kompositionen geschrieben. Nach Aussage von Zeitzeugen war er in der Lage, „ … ein Concerto mit sämtlichen Stimmen schneller zu komponieren, als ein Kopist es abschreiben könne“. Sein Hauptberuf: Priester. Ihm soll übrigens während eines Gottesdienstes ein Fugen-Thema in den Sinn gekommen sein, worauf er augenblicklich den Altar verließ, in die Sakristei ging, um das Thema aufzuschreiben. Aufgrund dieses Vorfalls brachte man ihn vor die Inquisition, die ihn glücklicherweise als einen Musiker, also als einen „Narren“ behandelte und frei sprach.
Eines dieser über 1000 Werke gehört zu den bekanntesten im gesamten Klassikkanon: „Die vier Jahreszeiten“, ein aus zwölf harmonischen Tongemälden bestehender Zyklus, der am gestrigen Abend von Valeriy Sokolov und den Menuhin Academy Soloists im Rahmen der Iffeldorfer Meisterkonzerte aufgeführt wurde. Doch entgegen dem angekündigten Programm wurden diese jahreszeitlichen Tonfolgen kurzfristig vom Anfang an das Ende des Abends versetzt. Eine kluge Entscheidung.
Begonnen hat das Konzert mit Peter Tschaikowskis „Souvenir de Florence op. 70“. Es ist Tschaikowskis einziges Streichsextett, inspiriert von einem Florenzaufenthalt um das Jahr 1890. Es ist eine energiereiche und temperamentvolle Komposition, die in ihrer Virtuosität von den Menuhin Academy Soloists mit Frische und Hingabe interpretiert wurde. Dieses Stück besitzt etwas rauschhaft Aufwühlendes, zeichnet sich aus durch einen Drang zur Klarheit und zum Licht und vermittelt einen von positiver Lebensfreude gezeichneten Komponisten – was für andere Werke Tschaikowski nicht unbedingt zutrifft.
Der Vorteil des in Iffeldorf auftretenden Ensembles war, dass sich der angesagte Solist des Abends zugunsten seiner Musikerkollegen zurückhalten und ihnen, in wechselnder Reihenfolge, die Führungsstimme überlassen konnte. Dazu gehört mit Sicherheit eine ordentliche Portion uneigennütziges Selbstbewusstsein, das Valeriy Sokolov an diesem Abend immer wieder unter Beweis stellte. So passte er sich in „Souvenir de Florence op. 70“ in das Gruppengefüge mit ein, war eben gleichberechtigter Teil des in diesem Fall sechsstimmigen Orchesters.
In dem anschließenden „Pieta“, einem Kammerkonzert für Violine und Streicher von Vladimir Genin aus dem letzten Jahr, verhielt es sich schon anders. In dieser von Valeriy Sokolov angeregten Komposition hatte er selbst die Führungsstimme inne. In Anwesenheit des Komponisten, der die „Pieta“ auch dirigierte, setzte Sokolov wunderbare solistische Ausrufezeichen. Dieses, von flächigen Gegensätzen und Dissonanzen in dunkler, andächtiger Grundatmosphäre vorgetragene Stück, beeindruckte in der Differenziertheit und den kontrastreichen Instrumentalstimmen. Nicht die spieltechnische Virtuosität stand hier im Vordergrund, sondern eine auf beschwörenden Ton-Gebilden aufgebaute, mahnende Dringlichkeit.
Nach der Pause dann die Zugnummer „Le Quattro Stagioni“ - in deutscher Sprache unverfänglicher „Die vier Jahreszeiten“. Hier agierte das Ensemble vollmundig und schwungvoll. Die Farbigkeit der einzelnen Jahreszeiten ist dem Pulsieren der Melodik zu verdanken, wobei das Ensemble mit einer vitalen Dynamik und großen Gefühlen aufwartete. Auch hier wechselten sich in den einzelnen Sätzen die Solostimmen ab, ohne dass dieses Tonpoem auch nur leicht an Geschlossenheit einbüßte. Überzeugende Tempovariationen, brillante Technik und ein perfektes Zusammenspiel machten den Abend zu einem Musikgenuss, dem das Publikum begeisterten Applaus zollte.
KultKomplott
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Freitag 06.04.2018
Fürstenfeld: Michael van Merwyk & Steve Baker – Blues als Inspirationsquelle
Fürstenfeld. Den Blues könnte man auch als den Geburtshelfer der zeitgenössischen Pop-Musik und darüber hinaus bezeichnen. Denn ohne diese archaischen 12-Takte und drei Akkorde wären Jazz, Rock and Roll und Soul kaum vorstellbar. Zumindest würden all die genannten Stile ohne diese Form der „schwarzen nordamerikanischen Folklore“ völlig anders klingen. Wenn überhaupt.
Der Blues also als Grundlage, als Fundament dessen, was wir heute tagtäglich, manchmal auch unfreiwillig, konsumieren. Dabei hat sich der Blues im Laufe seiner weit über 100-jährigen Geschichte immer wieder geändert, ja, er hat sich assimiliert. Natürlich in seinen vorgegebenen Grenzen. So war er nicht nur Inspirationsquelle. Er hat sich auch von außen anregen lassen, hat geographische Besonderheiten in seine Stilistiken mit aufgenommen, hat moderne Strömungen verarbeitet, wurde mal mehr archaisch, mal mehr virtuos gespielt, besaß zeitweise eine enorme politische Funktion, neben all den persönlichen Kümmernissen, die er bis in die Gegenwart thematisiert.
All diese Unterschiedlichkeiten vereint Gitarrist Michael van Merwyk in seiner Auffassung vom Blues. „Kommunikation und Kreativität sind Schlüsselworte in meinem Leben“, sagte er vor einiger Zeit in einem Interview. Wie das konzertant klingt, das war gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben. Van Merwyk gastierte gemeinsam mit dem Mundharmonika-Spieler Steve Baker in der Reihe BluesFirst. Ihre Art, den Blues zu spielen, reichte vom Country, über den Chicago bis hin zum Memphis und Rhythm and Blues. Man glaubt zu gern, dass van Merwyk einst Gitarre spielen erlernte, um Mädchen zu beeindrucken, mit Coverversionen von The Clash, den Sex Pistols, Motörhead oder Slayer.
Nun benutzt er sein Instrument und seine Stimme, um auf der Grundlage des Blues seine Musik zu spielen. Die klingt im Duo mit Steve Baker eher nach einer Singer-Songwriter-Version, in der die akustische Hochachtung selbst vor psychedelischen Einflüssen zu spüren ist. Mächtig van Merwyks Gesang, der, bei aller Sensibilität, den Songs etwas Raues und Verbindliches vermittelt. Sein diskretes Slidespiel dazu gibt seinem Auftritt etwas liebevoll Kratzbürstiges. Ein Hüne mit Herz.
Der Engländer Steve Baker gehört zu den gesuchtesten Bluesharp-Virtuosen. Auf dutzenden Alben ist er als Gast zu hören. Doch erst jetzt hat er seine erste Platte unter eigenem Namen herausgebracht. Das hält den heute in der Lüneburger Heide lebenden Baker aber icht davon ab, weiterhin mit seinem treuen Gefährten und Musikerkollegen Michael van Merwyk durch die Clubs und Konzerthallen zu ziehen. Beide vereint immense Neugier und gewaltige Erfahrung, aus denen heraus sie ihre Songs entwickeln. Lässige, manchmal sentimentale, manchmal vom Rock an Roll, aber immer im Fahrwasser des Blues entwickelte Kompositionen. Ihre Musik hat einen starken melancholischen Zug, kann aber in der Einfachheit und Leidenschaft der Interpretationen auch schwungvoll begeistern. Die unterschiedlichsten Stimmungen musikalisch unter einen Hut zu bekommen und dabei noch authentisch zu wirken, ist eine schwierige Kunst, die nicht vielen gelingt. Für Michael van Merwyk und Steve Baker scheinbar kein Problem. Das Fürstenfelder Publikum schien begeistert und beseelt. Viel mehr geht nicht!
Jörg Konrad
 
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Fotos: © Jean-Marc Turmes
Sonntag 18.03.2018
Landsberg: „Alice“ - Ein magischer Theaterabend
Landsberg. „Ich bin ein Rätsel“, sagte Tom Waits in einem Interview anlässlich der Uraufführung von „Alice“ am Hamburger Thalia Theater 1992. Und was läge für einen schattengleichen Raunzer, Komponisten und Schauspieler vom Schlage eines Tom Waits wohl näher, mit seinem rätselhaften wie auch kauzigem Profil nicht nur Konzertsäle, sondern auch die Ränge der Theater zu füllen? Zumal er Robert Wilson, einen der wichtigsten Bühnen-Allrounder überhaupt, als engen Freund bezeichnen kann. Rückblickend scheint es nur logisch, das beide mit „Alice“ einem Musiktheater-Ereignis der besonderen Art zur Geburt verhalfen. Ein Stück, das auf den Kinderbuchklassikern „Alice im Wunderland“, „Alice in den Spiegeln“ und deren Schöpfer, dem geistlichen Dekan Lewis Carroll, der mit bürgerlichem Namen Charles L. Dodgson hieß, aufbaut.
Ein Vierteljahrhundert liegt die Weltpremiere nun zurück. Und noch heute hat dieses sensible wie auch herausfordernde Theaterspektakel seinen poetischen Reiz nicht verloren. Auch der Inszenierung von Philipp Moschitz vom Metropoltheater München, kann man sich, trotz manch dunklem Hintergedanken, nur schwer entziehen. Am Samstagabend gastierte das Ensemble des Metropoltheaters mit eben jener „Alice“ im Landsberger Stadttheater. Ein magischer Theaterabend, zwischen Fiktion und Realität, zwischen lyrischer Melancholie und rauem Überlebenskampf, zwischen zarten Symbolwelten und ergreifender Existenzangst. Ganz dem Motto verpflichtend: Kunst ist der kompromißarme Austausch von Extremen. Und je größer die Amplitude, desto stärker die Wirkung.
Nein, zu einem massentauglichen Musical-Hit taugt „Alice“ wahrlich nicht. Auch wenn Tom Waits den Soundtrack zehn Jahre nach der Uraufführung recht erfolgreich als Album veröffentlichte. Dafür ist das Stück zu individuell fordernd, folgt die Handlung zu sehr einem verstörend märchenhaften Prinzip - voller poetischer Anspielungen und der Wirklichkeit geschuldeten Provokationen. Das Mythische und das Surreale gehen auf doppelbödige Weise im Untergrund der Fantasie Hand in Hand. Hier, im Dickicht von (alp-) traumhaften Emotionen, sucht Alice, in einer feenhaften Freundlichkeit wunderbar gespielt von Vanessa Eckart und dargestellt als eine von ihr geführte kindgroße Puppe, nach der eigenen Identität. Im Grunde nach dem Ausweg einer inneren Gefangenschaft in die Realität „da draußen“, von der sie letztlich aber nicht weiß, was sie ihr bringt. Die Figur des Charles L. Dodgson, von Thomas Schrimm als väterliche Figur mit dunklen, manchmal beunruhigenden Obsessionen angelegt, ist Beschützer, Mahner und Führer zugleich. Ein singender Erzähler, ein abgründiger Spieler. Beide durchstreifen die Unterwelt, folgen dem Märzhasen, treffen auf ihrer Reise blöckende Schafe und sprechende Gänseblümchen, werden Zeuge frivol tanzender Messdiener und eine der politischen Realität sehr nahe stehenden und permanent nach der Höchststrafe lechzenden Königin samt Hofstadt. Metaphern und Anspielungen auf ganzer Linie und am laufenden Band. Manchmal auch nahe am Mummenschanz, manchmal mit schwarzhumorigen Slapstickeinlagen.
Das Bühnenbild beherrscht als einziges Utensil ein riesiger Koloß, halb Mühlstein, halb Hamsterrad, der die realen Ebenen des Spiels, mal horizontal mal vertikal, lustvoll durcheinander wirbelt und damit die Verrücktheit von der Norm eindrucksvoll darstellt..
Und die Musik? Eine bunte Mischung aus Walzer und Jazzharmonien, operettenartigen Arien, düsteren Balladen und schlichten Kindermelodien. Gespielt von einer Band im Hintergrund, unter der Leitung von Andreas Lenz von Ungern-Sternberg, die Lust macht auf mehr. Auf das Original zum Beispiel.
„Alice“ - ein feingewobenes Märchen für Erwachsene, das vom Landsberger Publikum mit begeistertem Applaus bedacht wurde.
Jörg Konrad
(Text auch in der Augsburger Allgemeinen)
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Samstag 03.03.2018
Puchheim: 3. Puchheimer Bluesfestival – Im Grunde alles ganz einfach
Puchheim. Das Erfolgsrezept scheint im Grunde ganz einfach. Man nehme ein Paar Blues-Enthusiasten (am besten eignen sich hier gestandene Musiker aus der Szene) und einen engagierten wie erfahrenen Veranstalter. Und wenn zwischen ihnen die Chemie stimmt, hat man den Renner der Region. Gestern Abend eröffneten Black Patti den mittlerweile 3. Jahrgang des Puchheimer Bluesfestivals. Und wie auch schon in der Vergangenheit war das Kulturcentrum PUC im Vorfeld fast ausverkauft. An beiden Tagen! Was zeigt, dass der Blues weitaus lebendiger ist, als immer wieder behauptet wird. Wie gesagt, im Grunde alles ganz einfach. Nur: Man muss es tun!!
Aber der Reihe nach: Als Dreh- und Angelpunkt des zweitägigen musikalischen Spektakels zeichnet sich das Duo Black Patti verantwortlich. Peter Crow C. und Ferdinand "Jelly Roll" Kraemer haben das Programm zusammengestellt, sind so etwas wie die Master of Ceremonies und dazu ganz ausgezeichnete Instrumentalisten. Für die Rahmenbedingungen dieses einzigen Musik-Festivals im Landkreis Fürstenfeldbruck sorgt Michael Kaller und sein Team vom Puchheimer Kulturcentrum PUC. Sie haben die organisatorischen Fäden fest in der Hand – so dass es am Freitagabend pünktlich losgehen konnte.

Black Patti haben sich dem Blues der 1920er und 1930er Jahre verschrieben, dem Country- und Delta-Blues, der durch Legenden wie Mississippi John Hurt oder Big Billy Broonzy bekannt wurde. Aber die beiden greifen eben nicht auf die bekannten oder weniger bekannten Originale zurück, sondern schreiben eigene Stücke, die sie entsprechend ihrer Favoriten interpretieren. Black Patti klingen rau und ungeschliffen, schwer und kantig. Aber auch sensibel und hin und wieder ist ihre Musik wohl temperiert. Der Satzgesang ist auf herausfordernd unprätentiöse Weise immer wieder ein Genuss. Und ihr Gitarrenspiel ist wirkungsvolle Ökonomie in Reinkultur.
In Stefano Ronchi wurde ein Solisten nach Puchheim eingeladen, der musikalisch ein weites Blues-Spektrum abdeckt. Stimmlich setzt er beeindruckende Ausrufezeichen und an der Gitarre ist er sowohl im Fingerpicking-Stil als auch in der Bottlenecktechnik ein wahrer Meister. Auf einen speziellen Blues-Stil hat sich der Italiener nicht spezialisiert. Sein Repertoire reicht von den frühen Anfängen im Mississippi-Delta bis hin zu Gospel und Rhythm & Blues, wobei Ronchi in den Interpretationen seiner Balladen deutliche Popzitate verarbeitet. Auf jeden Fall ist er eine Entdeckung, von der man mit Sichherheit in Zukunft noch hören und lesen wird.
Nach der Pause dann der süddeutsche Altmeister des Boogie Woogie und New Orleans-Stils Christian Willisohn. Seit fast vier Jahrzehnten hält der Sänger und Pianist die Flamme des Blues am brennen. Man spürt seine Erfahrung, aber auch seine Hingabe, wenn er mit kräftigen Akkorden das Klavier bearbeitet und mit seiner sehnsuchtsvoll und leidenschaftlichen Stimme die Botschaft des Blues vermittelt. Er scheint sich um die Welt „da draußen“ nicht zu kümmern – wenn, ja wenn nicht im Blues schon die ganze Welt in ihrer ganzen Emotionalität stecken würde. Natürlich geistern bei seinem Auftritt Namen wie Dr. John durch den Raum. Aber Willisohn ist weniger der Voodoo-Meister, als vielmehr der Vollblutmusiker, der in mancher Boogie-Pirouette glückseelig aufgeht.  
Ein musikalisch beeindruckender erster Festivaltag, dem heute ein Konzert mit Erik Trauner (Solo) und der Al Jones Bluesband folgt. Und nächstes Jahr? Da findet die Erfolgsgeschichte des Puchheimer Bluesfestivals mit Sicherheit eine Fortsetzung. Denn die Chemie, die stimmt.
Jörg Konrad
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Mittwoch 28.02.2018
Landsberg: Der Kaukasische Kreidekreis - Das Glanzlose des Menschseins
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Foto: Matthias Horn
Landsberg. Die Geschichte ist einfach erzählt: Die leibliche Mutter, eine vermögende wie hysterische Gouverneurin flieht während des Bürgerkrieges und lässt selbstsüchtig ihren Sohn zurück. Die Magd Grusche Vachnadze, selbst arm, unbemittelt und gerade erst verlobt mit Simon Chachawa, der in den Krieg zieht, nimmt das schutzlose Kind auf, umsorgt es, gibt ihm in abträglichen Zeiten die Zuwendung und später auch Liebe, die ein Säugling braucht, um zu überleben und vielleicht auch eine Chance im Leben zu haben.

Eine Zeit später, es herrscht Friede im Land, kommt die Gouverneurin und fordert ihren Sohn zurück, der aufgrund der neuen/alten Verhältnisse Erbe eines beachtlichen Vermögens ist. Doch diese widersetzt sich der Forderung, so dass ein Richter entscheiden muss, wer die wahre Mutter des Kindes ist. Der Sohn wird über einen aus Blut gezeichneten Kreis gehalten und beide Frauen sollen um ihn kämpfen. Die biologische Mutter zerrt an ihm ohne Rücksicht auf das Kind. Grusche aber hat Angst, ihn bei diesem Händel zu verletzen. Sie gibt nach, verzichtet zum Wohlergehen des Kindes auf jegliche Gewalt. Der Richter entscheidet letztendlich aber für Grusche, da er in ihrem Rückzug die wahre Liebe einer Mutter zu ihrem Kind erkennt. So bestimmt das „Soziale“ das „Biologische“. Und genau um diese Form der Dialektik ging es Bertold Brecht nicht nur in diesem1954 erstmals in Deutschland aufgeführten Drama. „Der Kaukasische Kreidekreis“ war das Eröffnungsstück am jungen Ostberliner „Theater am Schiffbauerdamm“, das Brecht gerade als Anreiz, um im Land zu bleiben, vom damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl übertragen bekam und das von nun an „Berliner Ensemble“ hieß und für große, auch streitbare Theaterkunst bis heute sorgt.

Vor einem knappen Jahr nun nahm sich Michael Thalheimer dieser Parabel noch einmal an und schuf eine völlig reduzierte Inszenierung des Stoffes, mit der das Berliner Ensemble am Dienstagabend im Landsberger Stadttheater brillierte. Mit bescheidenem Bühnenbild treibt Thalheimer die Handlung in bester Brecht`scher Manier bis an die Barriere des Erträglichen, ja in manchen Momenten bis über die Schmerzgrenze hinaus. Er lässt die Figuren sich im Blute suhlen, macht die Kriegsgreuel in ihrer psychologischen und leibhaftigen Wirkung spürbar, was für das Publikum nur schwer auszuhalten ist. Aber auf diese Art entlarvt Brecht, zwischen Expressionismus und Naturalismus changierend, die Gesellschaft, zeigt den Menschen ungeschminkt in einem fast animalischen Aktionismus. In seinem Verständnis von Klassenkampf zeigt er das Glanzlose des Menschseins, vermittelt Scham und Grauen. Eine schöne, heile Welt gibt es nicht. Sie ist erbarmungsloser Kampf.
Das Schauspielerensemble bringt diese Beklemmung provozierend und bedrückend über den Bühnenrand. Allen voran Stefanie Reinsperger, die die Grusche als einen etwas einfachen, bäuerlichen Charakter mit physischen Körpereinsatz darstellt. Sie dringt in ihrer fesselnden Präsenz tief ins Innere der Figur, lässt ihr kaum ein Geheimniss, zeigt Angst und Verzweiflung beängstigend real. Ingo Hülsmann als Sänger ist der Erzähler der Geschichte. Kein Moralapostel, sondern eher ein Dandy, der die Handlung emotionslos, fast nonchalant mit einem Hauch Coolness kommentiert. Nico Holonics, der den verlobten Simon gibt, und als gebrochene Persönlichkeit aus dem Krieg zurückkehrt, oder Tilo Nest, dessen Spiel des Richters an eine zynische Farce zwischen Karneval und blutiger Realität erinnert – das Ensemble besticht durchweg in seiner bestimmten und beunruhigenden Darstellung.
Doch im Grunde gehört das Stück allein der Grusche, die mit Blut, Schweiß und Tränen kämpft und mit letzter Kraft versucht, so etwas wie ein Stück Menschlichkeit zu retten und deren aufopfernder Widerstand dabei durchweg von den schneidenden wie aufwühlenden Gitarrenmetamorphosen Kai Brückners kommentiert wird. Ein aufrüttelnder Theaterabend – der mit Sicherheit noch lange nachwirkt.
Jörg Konrad
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Donnerstag 22.02.2018
Fürstenfeld: Shalosh – Explodierende Spielfreude
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Fürstenfeld. Israel ist ein im Grunde überschaubares, nicht sehr großes Land. Dafür eines der dicht besiedelsten Asiens. Aber Israel gleich ein Mekka des Jazz? Genau so ist es: Avishai Cohen (der eine ist Bassist, der andere spielt Trompete), Omer Klein, Yaron Herman, Gilad Atzmon, Shai Maestro – sie alle sind auf ihrem jeweiligen Instrument international tonangebend. Auch Gadi Stern. Ein Pianist, ein Tastenzauberer, dem mit seinem Trio Shalosh das Ernste in der Musik ebenso wichtig ist, wie das fröhlich Beschwingte. Beeinflusst von Nirvana, The Bad Plus und Johannes Brahms widerspiegelt seine Musik die Vielseitigkeit des zeitgenössischen Jazz heutiger Prägung. Und wie dieses Konglomerat aus verschiedenen Stilen, ja Kulturen musikalisch in seinem Trio klingt, das war gestern Abend in Fürstenfeld zu erleben. Jazz First macht`s möglich.
Gadi Stern hat bei seinem Auftritt mit David Michaeli am Bass und Schlagzeuger Matan Assayag deutlich unterstrichen, was den Jazz in Israel auszeichnet: Intelligenz, Spielwitz, Fantasie, Individualität und natürlich das Beherrschen des instrumentalen Handwerks. Im Prinzip also die Grundausstattung jedes erfolgreichen Jazzmusikers schlechthin. Shalosh bringt zusätzlich eine Frische und Unbekümmertheit ins Spiel, wie man sie nur selten erlebt. Die drei Musiker explodieren fast vor Spielfreude. Ihre extrovertierte Umsetzung des kompositorischen Materials überwältigt. Ihre melodischen Wechsel, ihr Variieren der Zeit (mehrmals innerhalb eines Stückes), ihr improvisatorischer Funkenflug lotet die Grenzen des Jazz gewaltig aus. Rockige Querverweise, östliche und afrikanische Ideen, ja selbst elektronische Erweiterungen paaren sich mit klassischer Virtuosität und energiegeladenem Jazz. Rastlos und vorurteilsfrei durchstöbern sie die Musiklandschaft, fordern heraus, provozieren ein wenig – und lassen dabei schon einmal den Gedanken zu: Bei aller gebotenen Qualität - weniger wäre manchmal vielleicht auch mehr. Trotzdem ist dieser gemeinschaftliche Energieschub des Trios Shalosh interaktionsreich und nicht zuletzt deshalb stark beeindruckend.
Jörg Konrad
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