Blickpunkt:
Echo
Echo
Inhaltsverzeichnis
Landsberg: Metropoltheater "Betrunkene"

19

Germering: Peter Schärli Trio feat. Glenn Ferris - Unversnobte Noblesse

20

Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – Ich erfinde nichts

21

Landsberg: Oum – Spürbare Spiritualität

22

Gilching: Unterbiberger Hofmusik – Grenzenloses Wirken

23

München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitä...

24

Ältere Artikel finden Sie im Archiv:
Startseite, Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6, Seite 7,

Donnerstag 09.11.2017
Landsberg: Metropoltheater "Betrunkene"
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Bilder
Weitertrinken          

Es war Bertold Brecht, der seinen Herrn Puntilla in Rausch versetzte, um ihn hemdsärmelige Farbe und provozierende Lebendigkeit versprühen zu lassen. Nüchtern war er nur eine blasse, langweilige und gelangweilte Figur. Erwin Sommer in Hans Falladas „Der Trinker“ verkörperte hingegen die soziopathische Entmenschlichung als Folge der Sucht. Der Alkoholiker, als ein Synonym für die Anfälligkeit und den Zweifel in ein humanistisches Urvertrauen.
Iwan Wyrypajew, einer der neuen Stars unter den russischen Dramatikern, lässt seine Figuren einen völlig anderen Weg einschlagen. Ihm geht es nicht um den Akt des Trinkens und ihm geht es nicht um die „Kater-Moral“ des Suffes. Er zeigt in seinem Stück „Betrunkene“, wie einsam der Mensch an sich ist – außer wenn er trinkt. Der Rausch als eine die Lebensgeister erweckende Stimmungsrakete, als das Mittel der Wahl, wenn es um emotionale Kommunikation und soziale Kompetenz geht. Wie auch immer die aussieht.
Dass eine solche Metapher nur auf dem Boden einer vereinsamenden Gesellschaft greift, machte die gestrige Aufführung von „Betrunkene“ im Landsberger Stadttheater deutlich. In der Inszenierung von Ulrike Arnold vermittelte das Münchner Metropoltheater dem Publikum ein Wechselbad der Gefühle. Dieses reichte von schicksalsschwerer Abhängigkeit, bis hin zu puppenlustigen Slapstickeinlagen; von enthemmter Zwischenmenschlichkeit bis zum larmoyanten Partnertausch. In einer solchen Welt kann der Entzug an sich nur als eine deprimierende Reise in die graue Gegenwart der Realität empfunden werden. Die Alternative lautet: Weitertrinken!
In einzelnen Episoden tauchen einige der handelnden Figuren immer wieder auf. Sie begegnen sich in nächtlichen Straßen und in Wohnungen, und wieder auf nächtlichen Straßen. Über ihr alltägliches Leben erfahren wir nur Bruchstücke, außer, dass sie als Banker, Leiter vom Festival, Prostituierte oder Ehefrau „arbeiten“. Hingegen viel über ihren Glauben, ihre Hoffnungen und ihre Verrücktheiten. Die Themen kreisen obsessiv und Mantra ähnlich um Gott und die Welt. Größenwahn, Maßlosigkeit und triebhafter Sex scheinen die Impulse in einem ansonsten wenig ausgefüllten Innenleben. Anarchie und Melancholie gehen Hand in Hand.. So können nur Menschen reden, die ihrem Alltag mit aller Macht entfliehen und kein Quäntchen Hoffnung spüren.
Ulrike Arnold inszeniert das Stück als eine zynische Komödie auf das Menschsein. Sie lässt ihre Figuren über die Bühne stolpern oder sich kraftlos in ein Meer von Matratzen sinken. Ihr Gang ist kleinschrittig, die Körpersprache fahrig, ihre Stimmen sind verwaschen, der Rhythmus stimmt. Sie zeigen sich enthemmt und nur selten sympathisch. Das Publikum ist Zuschauer und bleibt es auch. Die Distanz zu den Figuren ist groß, eine Identifikation fehlt.
Die einzelnen Szenen wechseln wie im Varieté. Die Matratzen, als einziges Deko-Utensil, werden artistisch über die Bühne geschleppt, Jazzmusik ist jedem „Umbau“ unterlegt – bis eine neue, ernüchternde Nummer dem Menschsein folgt. Auf ins Delirium, dem glückselig machenden Zustand. Es geht um alles – und alles ist nichts.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Fotos: Marcel Meier
Samstag 28.10.2017
Germering: Peter Schärli Trio feat. Glenn Ferris - Unversnobte Noblesse
Germering. Auf dem astrofinen Album „Total Eclipse“ des puertorikanischen Meistertrommlers Billy Cobham befindet sich die relativ kurze Funknummer „Lunarputians“, mit einem schamlos kraftvollen Posaunensolo, das in seiner Kompaktheit Zeiten und Räume sprengt. Nur zwei Jahre später gehörte Posaunist Glenn Ferris zu der auserkorenen Gilde, mit der Stevie Wonder sein Glanzstück „Songs In The Key Of Life“ einspielte. Insgesamt war Ferris im Laufe seiner Karriere an hunderten Einspielungen als Studiomusiker beteiligt und setzte zwischenzeitlich immer wieder mit eigenen Arbeiten solistische Glanzpunkte. Am gestrigen Abend gastierte er nun als Teil des Peter Schärli Trios im vorletzten Konzert der diesjährigen Reihe Jazz It! in Germering.
Schärli, der Schweizer Trompeter, ist schlagzeuglos nach Germering gekommen, was aber nicht bedeutet, dass Rhythmen in seiner Musik eine untergeordnete Rolle spielen. Wer ein wenig über die Schweiz weiß, dem dürfte bekannt sein, dass Trommler in allen musikalischen Abteilungen des kleinen Bergvolkes den Ton angeben. Nun, für die rhythmische Konstante an diesem Abend sorgten Pianist Hans Peter Pfammatter und vor allem Bassist Thomas Dürst. Besonders letzterer leistete fast Schwerstarbeit, in dem er die Kammermusik des Quartetts ordentlich erdete. Zwischen treibendem Swing und souveränem Bop und angereichert mit vielen rhythmischen Brüchen und Umschwüngen erinnerte er in seiner Härte und Schärfe hin und wieder an den großen Charles Mingus. Schärlie weiß genau, warum er seit dreieinhalb Jahrzehnten mit ihm zusammenspielt.
Die höchst raffinierten Kompositionen der Formation beeindruckten in ihrer fließenden Eleganz und durch eine Direktheit und Emotionalität, die dem intellektuellen Anspruch eine verwegene Note gaben. Manchmal klang die Musik wie direkt aus New Orleans importiert, manchmal verblüffte der impressionistische Charakter der Improvisationen. Schärli gehört schon seit Jahren zu den Top-Trompetern in Europa. Er ist ein wunderbarer Erzähler auf seinem Instrument, einer, der mit Verve und Humor Geschichten zu erzählen versteht. Sein klarer Ansatz und sein durchdringender Ton besitzen etwas sehr Individuelles, zeigen einen mit der Tradition vertrauten Musiker, der kein Vibrato braucht, um lyrisch zu klingen. Und er braucht auch keine Notentrauben, um auf den Punkt zukommen und keine virtuosen Hundertmeterläufe, um seine Brillanz auszuspielen. Schärli weiß um die Wirkung sparsamen Musikantentums. Und hier ergänzt er sich genial mit Glenn Ferris und seiner heute eher weichen und geschmeidigen Spielweise. Sie beide führen einen ständigen instrumentalen Dialog, fordern sich heraus, bestätigen sich unisono, wirken im Miteinander weder larmoyant noch sentimental. Vieles wirkt musikalisch beiläufig und auch abgründig, fragil und mit einer gewissen unversnobten Noblesse gespielt. Musik, die zwar Aufmerksamkeit erfordert, aber dabei viel Freiheit und Unvorhersehbarkeit atmet und vor allem in eine anregende Stimmungslage versetzt.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Freitag 27.10.2017
Fürstenfeld: Vertigo Dance Company – Ich erfinde nichts
Bilder
Bilder
Fürstenfeld. Sich im Reigen drehend, schwindlig tanzend, Spannungen vermittelnd, Räume durchmessend, Inhalte ausreizend, – all dies, und noch einiges mehr, präsentierte am Mittwoch die israelische Vertigo Dance Company in Fürstenfeld. Elf Tänzer, deren Anliegen es ist, Sinnliches und Formales über rhythmische Bewegungsläufe lebendig auszudrücken. Komponierte Illusionen als getanzte Choreographien, direkt und unmittelbar. Mit ihrem Programm „Vertigo 20“ hat Noa Wertheim eine Art „Best Of“ aus zwei Jahrzehnten Vertigo Dance Company zusammengestellt und neu in Szene gesetzt. „Ich erfinde nichts, ich erkunde nur das, was bereits existiert in unserem Körper“, umreißt sie knapp ihre Philosophie. Und was so einfach klingt, ist schweißtreibende Arbeit, die letztendlich aber wieder leicht und spielerisch aussieht.
Wie in fast allen ihren Tanzstücken steht auch in „Vertigo 20“ der Mensch und dessen tatsächliches Kommunikationspotenzial im Vordergrund. Gefühle, die mehr oder weniger abstrakte Formen finden. Zweifel und Gespanntheit, Schmerz und Glück, Verlust und Ekstase finden auf der Bühne ihren Ausdruck. Manchmal paradieren die Tänzer wie stolze Lichtgestalten durch die von grauen Mauern umfasste Bühne. Dann wieder hält die Zeit in Form von pulsierenden Sounds und rhythmischen Choreographien Einzug. Es beeindrucken die virtuosen Bewegungsartikulationen, die bis an die Grenzen getriebenen horizontalen und vertikalen Sprünge. Dramatisches steht neben Melancholischem, Hölzernes neben Laszivem. Es wird sich tanzend an Traditionellem gerieben, mit in sich verschlungenen Figuren, oder in unterkühlter Ernsthaftigkeit. Dann hält die Poesie Einzug, mit weißen Luftballons an einem lauen Abend. Die Provision wirkt hier Perfekt.
KultKomplott
Autor: Siehe Artikel
Bilder
Bilder
Bilder
Samstag 21.10.2017
Landsberg: Oum – Spürbare Spiritualität
Landsberg. „Die Architektur öffnet deinen Geist für den Raum. Du schaust auf die Details, du hast vielleicht eine perfektionistische Ader, stellst dir viele Fragen, wie man den Raum am besten gestalten könnte. Deine Neugierde und deine Kreativität werden entfacht und geweckt“, sagte Oum vor einer Zeit in einem Interview. Was der Inhalt dieser Aussage mit der marokkanischen Sängerin zu tun hat? Bevor Oum El Ghaït Benessahraoui in ihrer Heimat zu einem Superstar aufstieg und sie anschließend die Kulturtempel Westeuropas eroberte, studierte sie Architektur. Und sie sieht zwischen diesen beiden vordergründig so unterschiedlichen Bereichen mehr Gemeinsames als Trennendes. Denn ihr geht es in erster Linie um das Gestalten – von Räumen, Plätzen und Liedern, letzteres als ihr Ausdruck gelebter Emotionen.
Wie am gestrigen Abend im Landsberger Stadttheater, wo die Marokkanerin ein phänomenales Konzert gab, tritt Oum als eine kulturelle Botschafterin auf, die gegen jede Form von Klischees und Vorurteilen ansingt. Mit ihrer klaren und strahlenden Stimme bewegt sie sich zwischen den Welten und Zeiten. Intensität und Fragilität halten sich in ihrem Vortrag die Waage, vermitteln ein starkes Selbstbewusstsein in Form von Stolz und Respekt, von Würde und Mitteilsamkeit. Sie ist der vokale Schnittpunkt zwischen Tradition und Gegenwart, und ihrer spürbaren Spiritualität ist es zu verdanken, dass Entfernungen und Rituale, mögen sie auch noch so fremd sein, plötzlich ganz nah und verständlich klingen. Dabei entsteht ihre Musik nicht allein aus den Vorgaben der Folklore des nordafrikanischen Staates. So, wie man in ihrer Musik die bestehenden Traditionen der Beduinen mit den arabisch-andalousischen Einflüssen spürt, lassen sich Klangbausteine der westlichen Welt, oder sagen wir besser außerarabischer Volksmusiken, wie Jazz oder auch kubanische Segmente, ausmachen.
Oums Band bringt diese so unterschiedlichen Stile mit großer Klarheit überzeugend zusammen. Die Musiker in der Besetzung arabische Oud, Trompete, Bass und Schlagwerk pendeln zwischen großer Gelassenheit und überragender Konzentration. Sie kleben eben nicht an den ethnischen Wurzeln, sondern berühren durch eine Offenheit, die Exotisches völlig normal erscheinen lassen. Die hypnotischen Rhythmen, die den Songs zu Grunde liegen, überfordern nie, trotz ihrer ungewohnten, manchmal auch komplizierten Strukturen. Alles klingt harmonisch, wohldosiert und erinnert an vertraute Gespräche zwischen Menschen, die sich eng verbunden fühlen.
Und in diesem feinnervigen Dialog beziehen die Instrumentalisten das Publikum mit ein. Sie protzen nicht mit künstlicher Virtuosität und auch das Modewort der Weltmusik ist völlig fehl am Platz. Es ist eher so, das Inspirationen und auch ein gewisses Maß an Integrität, den Raum in Wellen überschwemmen und das Publikum teilhaben lassen an diesem Verbindenden, an diesem Originären. Es sind magische Koordinaten, die hier wie Sterne aufblitzen und letztendlich nur einem Ziele dienen: Dem Gestalten. Auch von Beziehungen und Einstellungen, die zusammengefasst als gelebte Toleranz bezeichnet werden können.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Samstag 14.10.2017
Gilching: Unterbiberger Hofmusik – Grenzenloses Wirken
Bilder
Bilder
Foto: Lena Semmelroggen
Gilching. Einst präsentierte der Chiemgauer Wastl Fanderl im Fernsehen sein „Baierisches Bilder- und Notenbüchl“. Volks- und Stubenmusi, immer samstags, nachmittag. Heilige Zeit – meist der Großeltern. Denn es war nicht unbedingt die Musik, die in den 1960er Jahren junge Menschen begeisterte. Die wurden eher im Beat-Club fündig, ganz zum Argwohn wiederum der Eltern. Ob bei Wastl Fandl auch Franz Josef Himpsl und seine Unterbiberger Hofmusik damals hätten auftreten können? Schwer zu sagen, denn es waren völlig andere Zeiten, die sich seitdem tüchtig geändert haben. Auf jeden Fall wäre der Auftritt von Lehrer Himpsel und seiner erweiterten Familie zu einem mittelprächtiges Spektakel geraten. Denn was dieses Familienunternehmen samt Gästen musikalisch präsentiert, ist moderner und anarchischer als das meiste, was die Popszene heutzutage bietet. Dagegen ist diese, trotz ausgefeiltester Produktionstechnik, inhaltlich oft leer und blass.
Gestern Abend war die Unterbiberger Hofmusik jedenfalls zu Gast in Gilching und hat hier mit ihrem „DAHOAM und RETOUR“-Programm die Gilchinger Kulturtage mit Schwung eröffnet. Und besseres konnte den Verantwortlichen der Gemeinde nun wirklich kaum passieren. Denn die weitgereisten Unterbiberger zeigten auf, wozu Musik in der Lage. Grenzenloses Wirken in einer Zeit, in der das friedliche Miteinander von Kulturen und Befindlichkeiten nicht unbedingt zum Alltag gehört. Fünf Blechbläser, eine Akkordeonistin und ein Schlagwerker, die sich, von Oberbayern ausgehend, quer durch das südosteuropäische Europa spielen, sich den arabischen und den asiatischen Raum klanglich erschließen und das alles noch mit Jazz und Blues gewitzt anreichern. So etwas nennt man gelebte Freiheit, kosmopolitische Raffinessen auf der Grundlage der Volksmusik. Voraussetzung: Viel, viel Neugierde, keine Berührungsängste und ein großes Herz. Belohnt werden hierfür nicht nur die Akteure, sondern auch das Publikum. Zwar ist es nicht immer ganz einfach, den ungeraden Takten und manchmal verschroben wirkenden Harmonien zu folgen. Aber insgesamt ist die Vielfalt und Lebendigkeit zu spüren, die Offenheit und der Spaß, der von der Bühne ausgeht. Glasklares Satzspiel der Trompeten wechselt mit schneidenden Improvisationen, Vater Himpsls Gesang, als eine Art türkisch-arabaischer Sprachkurs vermittelt, treibende „Bässe“ (Horn & Tuba), aus der Luft gefilterte Akkorde und Harmonien und das rhythmische Dickicht des alles zusammenhaltenden Schlagwerks – das ist gelebte, oder sagen wir besser: Gespielte Demokratie. Wie gesagt, besser können Kulturwochen kaum eröffnet werden.
Jörg Konrad
Autor: Siehe Artikel
Mittwoch 11.10.2017
München: Lange Nacht der Museen - Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen
Bilder
Paul Albert Leitner: Self-portrait, Mailtand, Florida 2004
München: Lange Nacht der Museen am 14. Oktober 2017

Ich-Befragung und Experimente mit Realitäten in den städtischen Kunsträumen

Wer die Wahl hat, hat die Qual: Es ist schlichtweg unmöglich, alle Ausstellungsorte zu besuchen, die in der „Langen Nacht der Münchner Museen“ geöffnet sind. Man muss also eine Auswahl treffen, sich für eine Buslinie entscheiden, in einer historischen Tram durch die Stadt fahren – oder einfach zu Fuß gehen. Um 19 Uhr und um 21 Uhr beginnen in der Rathausgalerie zwei geführte Rundgänge zu zeitgenössischer Kunst in den städtischen Kunsträumen rund um den Marienplatz: Der erste Rundgang „take 3“ führt von der Rathausgalerie zu den Kunstarkaden und zuletzt in die Artothek, auch „take 2“ beginnt in der Rathausgalerie und führt dann ins MaximiliansForum.

„Ich ist ein anderer“ heißt die gemeinsame Ausstellung von Angela Fechter, Sandra Filic und Paul Albert Leitner in der Rathausgalerie – und dieser Titel umreißt gleichzeitig das, was auch andernorts in der aktuellen Kunst verhandelt wird: Es geht um Ich-Konzepte und Rollenzuweisungen, um Selbstbefragung und Selbstinszenierung, um das Spiel mit Realitäten, um Posen und natürlich um das allgegenwärtige Selbstportrait, neudeutsch Selfie.

Die 1967 geborene Angela Fechter, Fotokünstlerin und Absolventin der Münchner Kunstakademie,  lässt in ihren sorgfältig inszenierten Bildern eine Kunstfigur auftreten: ein kleines Mädchen mit einer langen schwarzen Perücke und Kleidern, die sie zur geheimnisvollen, meist gesichtslosen Kindfrau machen, zuweilen tritt sie auch zusammen mit einer erwachsenen Version ihrer selbst auf. Schauplatz dieser kryptischen Bildgeschichten sind einsame Berglandschaften oder verlassene Behausungen, dunkle Räume wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Realität.

Sandra Filic wurde 1974 in Kroatien geboren und lebt in München, wo sie unter anderem bei Magdalena Jetelova studierte. Auch sie hinterfragt Rollenkonzepte und Schönheitsideale, lässt für die Arbeit „Fake“ ihr eigenes Gesicht digital überarbeiten, bis es zum austauschbaren Magazin-Face wird. Für die Fotoserie „Ausgeträumt“ ließ sie die Papierkleider einer Anziehpuppe aus ihrer Kindheit für das echte Leben nachschneidern und für die Videoserie „Modelle der Wirklichkeit“ inszenierte sie fiktive Lebensmodelle. Der Betrachter muss in kleine enge Kabinen schlüpfen, um dann gleichsam als Voyeur in befremdliche Welten zwischen Idyll und Elend zu blicken.

Und wie aus der Zeit gefallen wirken schließlich die Bilder von Paul Albert Leitner. Der 1957 geborene Innsbrucker verweigert sich der technologischen Entwickung ebenso wie allen Zeitgeist-Phänomenen. Seit Jahren bereist er die Welt und fotografiert sich selbst in unterschiedlichen, oftmals in durchaus skurrilen Posen und meistens in einem zitronengelben Anzug. Dafür verwendet er jedoch keineswegs ein Smartphone mit Selfiestick, sondern immer noch eine einfache Spiegelreflex-Kamera aus den Achtzigern. Ein Handy besitzt er ebensowenig wie einen Computer, sein künstlerisches Archiv besteht aus Negativen, Abzügen und Dias, außerdem aus Karteikarten, die er von Hand oder mit der Schreibmaschine beschriftet und dann in unzähligen Schachteln ablegt. Einige dieser Dokumentationen sind in Vitrinen ausgelegt.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt auch der Ausstellungsraum selbst: In der Mitte der ehemaligen Kassenhalle des Neuen Rathauses plätschert noch heute ein Brunnen, das ehemals farbig bemalte Glasdach wurde nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vereinfacht rekonstruiert. Auch die langen Schalterreihen zu beiden Seiten, an denen die Bürger der Stadt einst ihre Zahlungen zu leisten hatten, sind längst verschwunden.

Aus der Zeit gefallen scheint auch die Fußgängerunterführung am Ende der glitzernden Einkaufsmeile in der Maximilianstraße, auf deren Rolltreppenabgängen seit Jahren Pflanzen in Trögen wuchern. Das „MaximiliansForum“ wird seit Anfang der 1970er Jahre als städtischer Kunstraum genutzt. Im Oktober hat die Künstlerin Babylonia Constantinides den ohnehin schon düsteren Ort mit ihrem Environment „Schwarze Spiegel“ zum exemplarischen Schauplatz einer atomaren Apokalypse gemacht. Vor Ort sind in den letzten Wochen Videos entstanden, die Besucher, ausgestattet mit Tablets und Kopfhörern, in einer Art Parkour erfahren können.

Begehbar ist auch die Installation „Falsche Rücksichtnahmen“ von Verena Seibt und Thomas Splett in der Artothek: Zwischen Bühne und Wohnung, Tiergehege und Kinderspielplatz muss der Besucher sich selbst positionieren. Mit einem Video aus eigenen Aufnahmen und Youtube-Material geben ihm die 1980 geborene Seibt und der 1975 geborene Splett, die im echten Leben ein Paar sind und das Projekt mit einem Stipendium der Stadt München realisieren konnten, allenfalls Anregungen, wo individuelle Grenzen zwischen Ich und Wir, zwischen Frau und Mann, Mensch und Tier, Spiel und Ernst verlaufen könnten. In den Kunstarkaden, dem städtischen Laboratorium für junge zeitgenössische Kunst, wird das Künstlerkollektiv M8 in der Ausstellung „View on Dusk“ zu dem akustischen Experiment „Cosmic Giggle“ verschmelzen.

Katja Sebald
Autor: Siehe Artikel
KultKomplott versteht sich als ein unabhängiges, kulturelle Strömungen aufnehmendes und reflektierendes Portal.